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Indische Kunst

Ravi Ravendro: Indische Kunst - Kapitel 6
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authorKarl Doehring
titleIndische Kunst
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
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Cambodja

(Tafeln 145-168)

Cambodja ist eine Hochburg der Kunst in Hinterindien gewesen. Besonders in Angkor Thom und Angkor Vat haben sich der Zahl und Bedeutung nach die meisten alten Denkmäler erhalten. Die riesige Bautätigkeit, die hier entfaltet wurde, wirkt auf uns geradezu überwältigend.

Die Khmer bewohnten das alte Reich von Cambodja und nach ihnen ist die Kunst heute die Khmer-Kunst benannt. Denkmäler dieser Kunst sind seit dem 6. Jahrhundert unserer Zeitrechnung bekannt. Im Vordergrund der Leistungen stehen die großen Tempel- und Palastbauten. Architektonisch hängen sie mit den Tempeltürmen Nordindiens eng zusammen, bei denen sich über einer quadratischen Cella, einem würfelförmigen Gebilde, ein in mehrfachen Absätzen aufstrebendes, kuppelartiges Dach erhebt. Diese Tempeltürme (Taf. 152) sind in einer gewissen stufenförmigen Ausbildung des Daches charakteristisch für die hinterindische Architektur und sind in Cambodja am prächtigsten ausgebildet. So sehen wir sie als architektonische Motive vielfach bei der großen Anlage von Angkor Vat angeordnet, wo in den vier Ecken solche Türme errichtet sind, durch lange Galerien miteinander verbunden. Wir haben dort eine äußere und eine innere Galerie. Beide zeigen dieselbe Ecklösung. Die Mitte des Gebäudes ist durch einen ähnlichen Turm von besonders großen Abmessungen gekennzeichnet. Das ganze Gebäude ist somit von neun prächtigen Tempeltürmen überragt.

Taf. 148 gibt das Modell von Angkor Vat, das sich König Chulalongkorn von Siam im Tempel Vat Phra Keo in Bangkok bauen ließ.

Angkor Vat ist das größte und besterhaltene Baudenkmal dieser Gruppe und bisher auch am besten erforscht. Die Ausmaße der Umfassungsmauern betragen etwa 750 X 1000 m; dabei ist die große Teichanlage um das Gebäude mit der prachtvollen Brücke nicht berücksichtigt, wodurch sich die Abmessungen auf 1300 X 1500 m erhöhen würden.

Allgemein wird dieses große Bauwerk dem 12. Jahrhundert zugeteilt, doch halte ich es im Vergleich mit der anderen Architektur Hinterindiens wenigstens in seinen Anfängen für älter.

Mit feinem Verständnis ist die architektonische Gliederung durchgeführt. Sehr reich wirken die sich übereinander erhebenden Dächer, die in prachtvoll geschmückten Giebeln enden. (Taf. 149, 153).

Angkor Vat ist reich mit plastischem Relief (Taf. 154, 156-161) geschmückt, das sich vollständig der architektonischen Komposition einfügt. Daneben haben sich nur wenige Rundstatuen, meist hinduistische Götter, gefunden.

Die Plastiken der Giebel und die Schlangenleiber, die sie einfassen, sind in starkem Relief gebildet, während die nur wandschmückenden Reliefs sehr zart und fein in der Erhebung gehalten sind. Diese Reliefbildung ist charakteristisch für die Kunst Angkor Vats. Die langen Wandelgänge (Taf. 155), die sich nur nach einer Seite in Pfeilerstellung öffnen, bieten den Mauern entlang große, weite Flächen für diese Relieffriese (Taf. 154, 156, 157), die fast 1000 m lang sind. Das Mutterland Indien hat derartig große Schöpfungen von Reliefs wie diese gewaltigen Darstellungen hinduistischer Mythologie an den cambodjanischen Monumentalbauten nicht hervorgebracht.

Unter den Darstellungen sei hervorgehoben das Ramayana (Taf. 157), der historische Fries, die Quirlung des Weltmeeres, sowie die Wiedergabe der verschiedenen Himmel und der Hölle mit den mannigfaltigsten Strafen und grausamen Martern.

Bemerkenswert ist an dem Stil dieser Reliefs, daß keine freien Flächen geduldet werden. Meisterlich sind alle Ecken durch Baumzweige, Äste, Ehrenschirme und Waffen gefüllt (Taf. 154). Die Kopfbedeckungen der Krieger sind besonders charakteristisch und haben sich in den Theaterkronen Hinterindiens bis auf den heutigen Tag, wenn auch in abgeänderter Form, erhalten. Auch die äußeren Wände sind mit diesem leichten Reliefschmuck geziert (Taf. 161).

Bei der Darstellung menschlicher Figuren sind besonders auffallend die viereckige Gesichtsbildung mit vortretenden Backenknochen und die wulstigen Lippen des großen, breitgezogenen Mundes, die ein Charakteristikum der Khmer-Kunst sind. Solche Gesichter finden wir um dieselbe Zeit auch in Siam und wir können auch aus diesem Grunde darauf schließen, daß der Einfluß des Khmer-Reiches sich weit in die Halbinsel hinein erstreckte und sich auf den größten Teil des heutigen Siam ausdehnte.

In den Schmuckformen kehren oft die Schlangen (Nagas) und ihre Feinde, die Königsvögel (Garudas), wieder. Doch finden sich die ersten bei weitem häufiger. Sie winden sich an den Treppen als Geländer empor, am Fuß der Treppe erheben sie ihr fünf- und siebenfaches Haupt schützend und warnend. Die ganzen Giebelfelder sind durch Schlangenleiber eingefaßt. Die sich aufbäumenden Schlangenhäupter sind an den unteren Enden solcher Giebel dargestellt. Ein typisches Beispiel dieser Art, wenn auch nicht von Angkor Vat, zeigt Taf. 146 (vergl. Taf. 161).

Auch sonst wird das vielfache Schlangenhaupt in der Architektur Cambodjas häufig angewandt. In Pimean Acas finden wir z. B. einen Dämonenkopf, aus dessen Rachen Schlangen hervorzüngeln (Taf. 162). Auch die Vorliebe für die Darstellung Buddhas auf dem Schlangen thron steht hiermit in Zusammenhang (Taf. 163).

Vielfach begegnen wir in Angkor Vat, besonders in äußerem Schmuck und an Pfeilern, den sogenannten Tänzerinnen, schönen Frauengestalten, die mit reichem Kopf- und Halsschmuck geziert sind. Der Oberkörper ist unbekleidet und das Hüfttuch wird von einem reichen Goldgürtel zusammengehalten. Sie sind meistens in ruhiger Haltung dargestellt, eine Blume oder einen Zweig in der Hand (Taf. 161).

Außer diesen Frauenfiguren kommen Friese von tanzenden Gestalten vor, die sehr stark bewegt sind (Taf. 159). Dann finden sich noch die Friese der jugendlichen Götterscharen mit Blumenketten in den Händen, die in der Luft schweben und somit als Thevadas gekennzeichnet sind.

Vieles an den Reliefs in Angkor Vat erinnert an die mehrere Jahrtausende zurückliegende ägyptische Kunst, so z. B. die seitlich gewendeten Füße, der nach vorn gedrehte Körper und das seitlich gestellte Gesicht, ferner die Verdoppelung der Konturen der Körper bei Soldaten und Pferden, die in ganz ägyptischer Weise schematisch die hintereinander stehenden Soldaten und Tiere andeuten. Auch das Auge, das von vorn gegeben wird, während das Gesicht im Profil steht, gehört hierher, ebenso die flächige Behandlung der Schirme und Fahnen.

Die in der Bewegung starken, in der Komposition reichen cambodjanischen Reliefs, die meisterlich die Fläche füllen, sind nicht auf Tiefenwirkung berechnet; Perspektive ist diesen Meistern nicht bekannt.

Ganz besonders muß auf das prachtvolle Ornament hingewiesen werden, das in wunderbaren Ranken und in immer neuen Formen Pfeiler und Wände bedeckt (Taf. 158, 160; vergl. auch Taf. 147).

Einer der herrlichsten Tempel Cambodjas ist Bayon, im Mittelpunkt der alten Hauptstadt Angkor Thom gelegen. Seine Erbauungszeit liegt in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts n. Chr. Besonders schön sind die Turmendungen, die nach den vier Himmelsrichtungen vier Köpfe zeigen (Taf. 145). Diese sind von bedeutender Größe, aber in allen Details gut durchgebildet. Wegen ihrer Vierzahl ist man geneigt, sie auf die vier Köpfe des Brahma zu beziehen, doch spricht dasselbe Vorkommen von vier Köpfen an den Spitzen der Palastportale der siamesischen Königshauptstadt dagegen. Ich möchte sie daher als Shivaköpfe auffassen und der ganzen Turmspitze phallische Bedeutung zuerkennen. Die gewaltigen monumentalen Köpfe zeigen den ausgeprägten Khmertypus in besonders schöner und starker Form.

Die Khmer-Kunst, die zur Blütezeit Angkor Vats einen Höhepunkt erreicht hatte, geriet nachher stark in Verfall. Angkor Vat selbst ist nicht vollendet. Verschiedene rohe Reliefs der Spätzeit zeigen den starken und schnell einsetzenden Rückgang in betrübendster Weise. Während Cambodja in seiner Blüteperiode die meisten Fürstentümer Hinterindiens sich tributpflichtig gemacht hatte, geriet auch seine politische Macht mehr und mehr in Verfall. Siam trat an seine Stelle und später war Cambodja nur eine Provinz dieses Reiches. Es ist heute kaum noch ein Unterschied zwischen cambodjanischen und siamesischen Tempeln und Palästen zu erkennen. Seit 1867 untersteht Cambodja französischer Schutzherrschaft und die Erforschung seiner Kunstdenkmäler hat seitdem große Fortschritte gemacht.

Als Beispiele cambodjanischer Plastik sind noch einige Köpfe gegeben, die dem buddhistischen Kreise entstammen. Besonders in der Blütezeit zeigen sie eine sehr feine und weiche Behandlung. Im Gegensatz zu der mehr herben Kunst Siams wirkt die feine Durchmodellierung, besonders des Gesichtes, zart. Stark ist der Ausdruck der buddhistischen Tradition in den Gesichtszügen dieser Gestalten ausgeprägt. Das übersinnliche Glück der erreichten Vollkommenheit, die Süßigkeit des Nirvana, die in dem Lächeln des Vollendeten liegt, wirkt nirgends in der Kunst stärker und schöner als in diesen cambodjanischen Köpfen. Das Gefühl der Gelöstheit von allem Irdischen spricht aus diesen Zügen und gibt ihnen einen eigenartigen, kaum zu überbietenden Reiz.

Während der Buddha auf dem Schlangenthron (Taf. 163) der Frühzeit angehört, wie dies aus der Behandlung der Haare und des wie von Schuppen bedeckten Kopfaufsatzes hervorgeht, zeigt der buddhistische Kopf (Taf. 166) schon siamesischen Einfluß. Er gehört der späteren Ayuthia-Periode an, was an der Darstellung der Buddhalocken zu erkennen ist. In einem gewissen Gegensatz zu diesen beiden steht der Buddhakopf (Taf. 167). Kräftige, spiralförmige Locken weisen ihn etwa ins 13. Jahrhundert. Noch ist der Khmertypus deutlich sichtbar, besonders der breite, wulstige Mund; aber das Lächeln hat nicht die Süße der cambodjanischen Hochkunst. Viel eher ähnelt dieser Kopf den brahmanischen Gottheiten, etwa einem Indra, wie er in den nordsiamesischen Tempelruinen öfter aufgefunden wurde. Wahrscheinlich ist dieser brahmanische Göttertypus später auf Buddhastatuen übertragen worden. Im Gegensatz zu der Wiedergabe des milden Ausdrucks der Buddha-Statuen und der hoheitsvollen Ruhe brahmanischer Götterfiguren gelingt den cambodjanischen Bildhauern auch die Darstellung des Schreckenerregenden, wie z.B. des Riesen als Türhüter (Taf. 164).

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Tafel 145. Bayon. Turm des dritten Geschosses. Angkor Thom. Cambodja. 9. Jahrhundert n. Chr.

 

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Tafel 146. Portal. Tempel Vat Bachet Baar. Compong Cham am Mekong. Cambodja.

 

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Tafel 147. Blindes Fenster. Ba Puon. Cambodja.

 

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Tafel 148. Modell von Angkor Vat. Cambodja. (Im Tempel Vat Phra Keo, Bangkok, Siam.)

 

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Tafel 149. Angkor Vat. Cambodja. Ecklösung des Umganges, vom Hof aus gesehen.

 

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Tafel 150. Angkor Vat. Cambodja. Portal und Treppenanlage.

 

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Tafel 151. Angkor Vat. Cambodja. Äußerer Wandelgang.

 

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Tafel 152. Angkor Vat. Cambodja. Eckturm des ersten Geschosses.

 

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Tafel 153. Angkor Vat. Cambodja. Ecklösung des Umganges im ersten Geschoß.

 

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Tafel 155. Angkor Vat. Cambodja. Reliefausschnitt aus dem historischen Fries.

 

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Tafel 155. Angkor Vat. Cambodja. Wandelgang mit Reliefschmuck.

 

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Tafel 156. Angkor Vat. Cambodja. Ausschnitt aus den Reliefs: Kampf zwischen Göttern und Asuren.

 

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Tafel 157. Angkor Vat. Cambodja. Ausschnitt aus den Reliefs: Hanuman greift Ravana an.

 

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Tafel 158. Angkor Vat. Cambodja. Reliefornament einer Türlaibung

 

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Tafel 159. Angkor Vat. Cambodja. Ausschnitt aus einem Relieffries.

 

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Tafel 160. Angkor Vat. Cambodja. Detail von einem ornanientierten Pilaster.

 

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Tafel 161. Angkor Vat. Cambodja. Relief: Tänzerin.

 

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Tafel 162. Pimean Acas. Cambodja. Relief.

 

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Tafel 163. Torso eines Buddha auf Schlangenthron. Steinskulptur. Prahk-han. Compong-Thom. Cambodja.

 

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Tafel 164. Riese als Türhüter. Steinskulptur. Prasat Prathcol. Cambodja.

 

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Tafel 165. Brahma. Steinskulptur. Basset Battambang. Cambodja.

 

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Tafel 166. Buddhakopf. Stein. Cambodja. (MVB.)

 

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Tafel 167. Buddhakopf. Stein. Cambodja. (MVB.)

 

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Tafel 168. Statue des sog. aussätzigen Königs. Pimean Atas. Cambodja.

 

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