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Indische Kunst

Ravi Ravendro: Indische Kunst - Kapitel 5
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authorKarl Doehring
titleIndische Kunst
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
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Einleitung

Indische Kunst. Teil II.
Hinterindien und Java

Nach der Einwanderung der Arier entwickelte sich Indien zu einem Hochsitz menschlicher Kultur. Gegenüber den umliegenden Ländern hatte es ein solches Übergewicht an Energien und Kräften, daß es sie stark beeinflussen und befruchten konnte.

Nur selten war Indien unter einem Scepter geeint. Es zerfiel in Einzelreiche, die mit ihrem eigenen Ausbau so viel zu tun hatten, daß sie nicht an Eroberung und Kolonisierung überseeischer Gebiete denken konnten. Wenn wir trotzdem vielfach indische Gründungen in den angrenzenden und auch in überseeischen Ländern finden, so liegt die Veranlassung dazu meist auf anderem Gebiet. In Indien herrschte Polygamie und der Kampf um die Thronfolge an den Fürstenhöfen trat meist schon zu Lebzeiten eines Herrschers mehr oder weniger latent auf und entbrannte nach dessen Tod zu heftigster Fehde. Es bekämpften sich gewöhnlich mehrere Kronprätendenten. Falls die unterliegende Partei noch stark genug war, sich der Vernichtung zu entziehen, war sie gezwungen auszuwandern. Selbst wenn kein Kampf stattgefunden hatte – so finden wir es häufig in der Geschichte – ließ der neue Herrscher aus Mißtrauen alle Prätendenten, die irgendwie für eine Thronbesteigung in Frage kamen, aus dem Wege räumen. Wie notwendig diese Maßnahme war, beweisen die dauernden Revolten und Thronstreitigkeiten an den indischen Fürstenhöfen. Auch im Ramayana, dem großen indischen Heldengedicht, klingen sie an. Aber nicht alle der von der Thronfolge ausgeschlossenen Prinzen gingen als Büßer in die Verbannung. Viele von ihnen flohen über See nach Hinterindien, auf die Inseln des Malayischen Archipels oder auf dem Landweg in die umliegenden Gebiete. Sie gründeten dort kleine Fürstentümer, denen sie zum Teil die Namen der Reiche in Vorderindien gaben. Indische Religion, Literatur und Kunst fand an ihren Höfen eine Pflegestätte. Sie beschäftigten Hindubaumeister und -Künstler.

Derartige Gründungen finden wir in Birma, Siam, Cambodja, Sumatra und Java. Es entwickelte sich nun ein Verkehr zwischen dem Mutterlande und diesen einzelnen Fürstenhöfen und die Verbindung wurde noch jahrhundertelang aufrechterhalten.

Solche Gründungssagen von Dynastien klingen noch deutlich durch in den älteren siamesischen Überlieferungen. Vor allen Dingen aber beweist es uns die Geschichte der Shailendras, der Bergherren von Sumatra, und die Tradition, nach der das Herrschergeschlecht in Cambodja, das die herrlichen Bauten dieses Landes aufführte, über See gekommen sein soll. Tatsächlich ist die Kunst aller dieser indischen Kolonialreiche von dem Mutterlande Indien abhängig.

Auch Brahmanengemeinden hielten die Fürsten an ihren Höfen. So lebt sogar heute noch in Bangkok, der Hauptstadt Siams, eine solche Brahmanenkolonie, welche die Aufgabe hat, über die genaue Einhaltung königlicher Feste, Umzüge und Zeremonien zu wachen und die Stellen von Hofastrologen einzunehmen. Diese Gemeinde in der siamesischen Hauptstadt hat sich durch viele Jahrhunderte rein erhalten. Die Brahmanen, heiraten nur unter sich; selten haben sie Zuzug aus Vorderindien erhalten. In Siam, wo der Buddhismus Staatsreligion ist, bilden sie eine ganz kleine Gemeinde; sie verehren die Hindugötter Shiva, Brahma und Vishnu und haben ihren eigenen Tempel. Von solchen Brahmanengemeinden berichtet aber die Geschichte Birmas und Siams in vielen Fällen. Diese beiden Länder, die sich das ganze Mittelalter hindurch heftig befehdeten, setzten sich aus einer Anzahl kleinerer Territorialfürstentümer zusammen, deren Macht erst in allerletzter Zeit gebrochen wurde.

Neben den Kolonisten, die aus politischen Gründen ihr Heimatland verließen, müssen auch die Apostel des Buddhismus erwähnt werden. Schon auf dem Konzil von Pataliputra im Jahre 242 v. Chr. wurde beschlossen, buddhistische Sendboten nach den verschiedenen Himmelsrichtungen und Ländern zu schicken. Zweifellos ist damals schon der Buddhismus nach Hinterindien gekommen. Diese Wanderprediger wandten sich zunächst an die Fürstenhöfe und diese waren – wie eben gezeigt – meist indischen Ursprungs.

Es ist selbstverständlich, daß Handel zwischen den einzelnen Gebieten einsetzte und den Verkehr noch reger gestaltete.

Auf diese erste hinduistische Periode im Ausland folgt dann überall die Zeit, in der die Beziehungen zum Mutterland lockerer werden und die einheimische Tradition des untergebenen Volkes stärker hervorbricht. Die Generationen der Hindukünstler, welche die ersten großen Monumentalbauten in Stein aufgeführt haben, sterben aus. Der Zuzug nimmt allmählich ab.

Die indischen Vorbilder der Architektur konnten in den Kolonialreichen übernommen werden, ohne daß ein anderes Klima die Bauformen geändert hätte. Trotzdem haben sich die Länder individuell entwickelt und jedes der einzelnen Gebiete hat seine nationale Eigenart scharf und klar zum Ausdruck gebracht. Und dies umsomehr, je länger die eigene Entwicklung dauerte. Dabei bilden die drei großen Reiche Hinterindiens, Birma (Birma umfaßt die früheren Reiche Pagan, Arakan, Ava und Pegu), Siam und Cambodja eine Gruppe. Während die Kolonisation Birmas zumeist auf dem Landwege erfolgte, hielt sich der Einfluß zu See und zu Land bei Siam etwa das Gleichgewicht. Für den ersteren kam hauptsächlich der alte Seeweg von der Küste von Coromandel nach Mergui und Tenasserim in Frage. Von diesen Küstenplätzen führte eine alte große Straße für Elefantenkarawanen nach dem Menamtal.

Wohl ist auch ein gewisser Einfluß des großen chinesischen Reiches, besonders in späterer Zeit, wahrzunehmen. Doch ist der indische Einfluß so überwiegend stark, daß man diese Länder dem indischen Kulturkreis zuzählen muß. Die Erforschung all dieser Gebiete ist eben erst im Beginn, doch bieten die Bestände unserer Museen eine stattliche Sammlung dieser Kunst und man kann heute schon, wenn auch nur in großen Umrissen, ihre Eigenart aufzeigen. Um die Erforschung des Ostens haben sich besonders die Franzosen und Holländer verdient gemacht, die dort große Kolonialreiche besitzen, während England durch sein Archäologisches Department neben Vorderindien um die Erschließung der birmanischen Kunstdenkmäler bemüht gewesen ist.

Es handelt sich also bei der Besprechung der Länder des indischen Kulturkreises außer dem Mutterlande Indien mit Ceylon hauptsächlich um Cambodja, Siam, Birma sowie Java und im Anschluß an diese alte Kunst um einen letzten Ausläufer des Hindutums auf der Insel Bali.

Die Kunst all dieser Länder ist von einem seltsamen Schicksal überschattet. In schneller Entwicklung erblühen Paläste und Städte, in wenig Jahren entstehen Bauten von Abmessungen, wie sie sonst auf der Welt kaum vorkommen. Bewunderungswürdig ist die Energie dieser Herrscher, die fremden Völkern ihren Willen aufzwangen. Aber ebenso schnell wie diese Wunderwerke entstanden sind, verfallen sie wieder. Städte, die heute in Pracht und Blüte standen, werden durch Katastrophen und Kriege, durch veränderte Flußläufe plötzlich öde und verlassen und der Urwald überwuchert sie in kurzer Zeit. Am Ende steht der Triumph der Natur.

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