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Gerhart Hauptmann: Indipohdi - Kapitel 4
Quellenangabe
typedrama
authorGerhart Hauptmann
titleIndipohdi
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Hass
year1965
firstpub1920
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160413
projectidfc09f4aa
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Zweiter Akt

Das Innere einer Felshöhle. Auf Laublagern, von Brettern begrenzt, liegen Astorre sowohl wie Lapo schwer krank. Elend sind die Kleiderreste, die sie am Leibe haben. Lumpen sind ihre Decken. Astorre ist ein Jüngling von edlen Gesichtszügen. Lapo schwarzhaarig und schwarzbärtig. Dello, ein untersetzter Kerl, mit dummpfiffigen Gesichtszügen. Er ist in den Vierzigern, Astorre etwa fünfundzwanzigjährig, Lapo hoch in den dreißiger Jahren. Die Höhle ist notdürftig bewohnbar gemacht. Irgendwo brennt ein kleines Feuer, nicht weit davon steht ein irdener Wasserkrug. Eine Armbrust, eine Donnerbüchse und einige Beile hängen an der Wand. Der Ausgang, ein mannshohes Loch, ist durch eine rohe Tür verschlossen. Ebenso roh ist ein Tisch zusammengeschlagen; als Sitzgelegenheit dienen einige Holzblöcke. Dello spaltet Holz.

Lapo

im Fieber

Gold! Gold! Wascht! Körner! Klumpen! Barren! Gold!
Ein Sieb! Nehmt Siebe! Watet in den Fluß!
Fangt auf! Fangt auf! In Wolken kommt der Goldsand!
Herrgott: mein Tiegel! Mein Schmelztiegel! O
ihr Lumpenhunde habt ihn mir gestohlen!
Wie? Soll ich denn ersaufen? Rettung! Oh!

Dello

Großfressiger Schuft: der Kerl ist am Verrecken
und nimmt trotzdem das Maul so voll wie je.

Astorre

Wasser!

Dello

Ja freilich, alles ward zu Wasser.
Ganz richtig, mein Vermögen ward zu Wasser.
Ein Schiffsraum Ware: Wasser! Nabobschätze,
Pläne, Projekte und Profite: Wasser!

Astorre

Dello, gebt mir ein wenig Wasser! Hört Ihr?

Dello

Was noch? Ein Faß Lacrimae Christi? Bitte!
Und wenn Euch etwa hungert, Prinz Astorre,
sagt: Teller! und schon liegt die Wurst darauf.

Astorre

Ich kann kein Wort verstehen, Freund, was schwatzt Ihr?

Dello

Und ich kann Euch kein Wasser schaffen, Herr!
Der Scherb ist leer, und draußen brennt die Hölle.

Lapo

Ah, ha, ha, ha, da kracht's. Wir sitzen fest.
Die spitze Klippe steckt, wie'n Büffelhorn
in eines Gaules Wampe, fest im. Mittschiff.
Verflucht! Ein Tau! Ein Boot! Jetzt mögt ihr pumpen.

Dello

Brenn und verbrenne, schlechter Lumpenhund!
Gerechter Lohn für deine schwarzen Künste,
die uns zu dieser Unglücksfahrt verführt.

Lapo

stürzt sich in Fieberraserei auf Dello

Mein Tiegel! Du hast meinen Tiegel, Schuft!
Im nassen Hut kann ich das Gold nicht schmelzen.

Dello

stößt ihn aufs Bett zurück

Gereck! Willst du denn ewig leben, was?
Giftbrocken, räudiger Hund, lebendiger Leichnam!
Er war's, der den Matrosen Pierre erstach
und dann von seinem Fleische aß, das Scheusal.

Astorre

Ist Euch mein Leben lieb, sprecht nicht davon.

Dello

Meins ist mir lieber, Prinz, ich sag' es offen.
Springt mich das Pestgespenst noch einmal an,
so lüft' ich ihm mit diesem Dolch die Gurgel.

Astorre tut einen tiefen Seufzer und wird ohnmächtig. Dello tritt an sein Lager.

Was? Ist er tot? Hat ihn der Schreck getötet?
Nun, um so länger hält der Proviant. –
Ei, laß doch sehn: was hast du unterm Kissen?

Er untersucht das Laublager nach Wertsachen.

Astorre

wacht auf

Gott sei uns gnädig, wir sind Kannibalen.

Dello

Was sagt Ihr? Eure Augen schielten so,
beinahe dacht' ich schon, Ihr wärt hinüber.

Astorre

Du willst mich morden, mich berauben, Dello.
Du wildes Tier, du willst mir tun wie Pierre.

Dello

Wenn ich es wollte, könntet Ihr mich hindern?
Doch welchen Vorteil hätt' ich wohl davon?
Um zwanzigtausend Golddukaten habt
ihr Herren Kavaliere mich betrogen.
Kocht' ich auch nur ein Tausendstel davon
aus Euren Eiterlumpen mir heraus
oder aus Eurem pestgedunsnen Leichnam?

Astorre

Du Unmensch!

Dello

Ach was, Unmensch, Unmensch, Unmensch.
Hat Gott und Teufel das aus mir gemacht,
was geht's mich an: wo hätte Ton die Kraft,
gegen die beiden Töpfer sich zu wehren?

Astorre

Der Fürst wird wiederkommen und dich züchtigen.

Dello

Als Geist wohl, als Gespenst! Ja, anders nicht.
Hätte der Tiger mir ein Bisamschwein
geraubt und kam' das Bisamschwein nicht wieder,
's wär' bitterer, als daß der Zieraff' ausbleibt.

Astorre

Ich bin ohnmächtig.

Dello

Ja, bei Gott, Ihr seid's.

Astorre

Ich ließe sonst dein Wort dir nicht so hingehn.
Doch Ormann kommt und wird dich züchtigen.

Dello

Ich setz' Euch was darauf. Was macht mir das.
Mehr zücht'gen, als ich schon gezüchtigt bin,
ja, als wir alle sind, das kann kein Ormann.
Ein öder Strand, versprengt im Ozean,
Gewürm, Moskitos, Vipern. Mit Gefahr,
noch das elende Restchen Leben draufzuzahlen,
holt man sich ein Vogelei
zur Not herunter von den kahlen Klippen.
San Borondon! Ihr sagt: ein Fürst! ich sage
nur Schlingel, Schlingel! Mordet erst den Vater,
stürzt erst den Thron des Vaters um, treibt dann
Mißwirtschaft, bis man selber ihn davonjagt.
Läßt sich belehnen mit San Borondon
vom portugiesischen Re – ein Inselland,
das höchstens dort im Hirn des blatternarbigen
Schubiacks Lapo vorhanden ist. – Und wir,
mit sieben Kielen und fünfhundert Menschen,
haben nichts eiliger, als nur ja mit ihm
und allem, was wir haben, hier zu scheitern.
Gewürz, Zimt, Nelken, Onyx, Chalzedon,
Gold, Pfeffer: freilich ja, ich wühle drin.
In Perlen! In Dukaten! Ein Padrao!
Wir stecken ihn in Vogelmist. Er kann
zu Ehren Portugals dreitausend Jahr,
ohne daß je von jetzt ein Mensch hier landet,
in Frieden und Gemächlichkeit verfaulen.

Ormann kommt. Er ist ein ungewöhnlich nerviger und schöner Mann von noch nicht dreißig Jahren. Seine Bewegungen verraten Kraft und einen kühnen und freien Anstand. Rotblondes Haar fällt bis auf seine breiten Schullern. Blonder Bartflaum bedeckt seine Oberlippe, ein gepflegter kurzer Spitzbart sein Kinn. Wie Pyrrha, mit der er nach Hautfarbe, Gesichtszügen, Gestalt und Bewegung Ähnlichkeit hat, führt er Armbrust, Jagdspeer und Jagdmesser. Das blutende Fell eines frisch erlegten Tigers hängt über seiner Schulter.

Dello

Ihr seid's?

Ormann

Ja, wie du siehst, und noch am Leben.
Und wie geht's euch, Kam'raden?

Dello

Nun, soso,
lala!

Ormann

Habt Ihr die Kranken gut gepflegt,
Patron?

Dello

Ein wenig wohl, wie ich's verstehe.

Ormann

Drei Tage war ich fort. Ich habe viel
gesehn und viel erlebt in den drei Tagen:
ein wunderreiches Eiland, sag' ich dir.

Dello

Moskitos, ja Gewürm sechs Ellen lang.
Ameisen groß wie Mäuse! Mäuse groß
wie Ratten! Ratten wie Kaninchen groß.

Ormann

Gut, das mag sein: doch hörtet ihr, wie ich,
das rumpelnde Gewitter in der Erde?
Nah am Gebirgsfuß gab es Stoß auf Stoß,
und Steine prellten ellenhoch vom Boden.

Dello

Hier plumpsten Axt und Armbrust von der Wand.

Ormann

Ich bin sehr hoch geklettert im Gebirge.

Dello

Zu tollkühn waret Ihr von je, Erlaucht.

Ormann

Ach was! Ihr dachtet wohl, der kommt nie wieder?
Unkraut verdirbt so leicht nicht. Merkt Euch das.
Auch weiß ich meistens, was die Uhr geschlagen,
und kehr' im rechten Augenblicke um.

Dello

Erlaucht, was schlug dort oben für 'ne Uhr?

Ormann

Hier drin, mein Herz, mein Puls, und zwar mit Hämmern!
Sie schlugen, daß mir übel ward davon
und beide Schläfen mir wie Glocken dröhnten.
Ihr sollt die Uhr auch schlagen hören, Dello,
wenn Ihr das nächstemal mit mir hinaufsteigt
bis dorthin, wo mein Mut zu Ende war.

Dello

Mein Mut ist so schon auf der Neige, Herr,
ja mehr, ist fort, als wär' er fortgeblasen:
ich müßte, braucht' ich neuen, borgen gehn.

Ormann

Echt Dello! Das ist echt! 'ne echte Antwort
und würdig Dellos, unsres Schiffspatrons.
Nun, kurz, mir trat auf beide Lippen Blut,
Schwindel ergriff mich, riß betäubt mich rückwärts
und zwang mich leider so, vom letzten Ziel,
den Gipfel zu erreichen, abzustehn.

Dello

Und welchen Gipfel meint Ihr?

Ormann

Nun, doch den,
der alle andern überragt, den Schneeberg.

Dello

Den Höllenberg, den rauchenden Vulkan,
der nachts mit Feuersbrunst die Gegend hell macht?
Was war für einen Mann von Eurer Art
dort oben wohl zu krebsen und zu fischen?

Ormann

Nun, davon später mehr und mancherlei.

Dello

Ihr regnet Blut.

Ormann

Ja, und die Bestie hat,
schon nah beim Biwak, mich noch aufgehalten.

Dello

Ein Tiger!

Ormann

Ja, erst schoß ich den Fasan.
Der Tiger ist nicht weit, wo dieser nah ist.
Das wüßt' ich. Und so war's. Was sollt' ich tun,
als ihn mit meinem Spieß ein wenig kitzeln.
Auch dacht' ich mir: das Fell ist für Astorre,
der es am Ende jetzt gebrauchen kann.
Wie geht's ihm?

Dello

Ja, du heiliger Damian,
er fällt von einer Ohnmacht in die andre.

Ormann

Gebt acht, bald rafft der Prinz sich wieder auf.
Und wie geht's mit Lapo?

Dello

Nun, gebt nur acht,
er steht schon auf dem Punkt, es selbst zu sagen.

Lapo

hat Ormann, auf den Rand des Lagers gestützt, seit seinem Eintritt unverwandt angeglotzt. Nun beginnt er im Fieberwahnsinn

Fürst Ormann, Diebe, Diebe! Meinen Tiegel!
Sucht mit mir. Sucht! Du Schuft hast ihn gefunden.
Und dabei fliegt der Staub: Gold! Alles Gold!
Am Himmel Gold! Ein Riesenklumpen Gold!
Schafft den Schmelztiegel her. Oh, Niedertracht,
wo ist er? Ihr versteckt ihn mir! Ich lag
darauf, und jetzt ist er verschwunden.
Ich renne, suche, ihr habgierigen Hunde
wollt mich aufhalten ... renne, suche ... packt
euch fort! Ihr freßt mein Gold! He, Gold!
Es regnet Gold. Die Ströme strömen Gold,
und in der Erde poltert's ... donnert's: Gold!
Erlaucht, helft meinen Tiegel suchen, helft!
Ich bin verloren, ein verlorner Mann,
wenn mein Schmelztiegel ... mein Schmelztiegel! Oh!

Ormann

Gebt ihm doch irgendeinen Tiegel, Dello. –
Ein wenig graut's mir fast vor dir, Lapo,
doch mag es sein, du bist ein guter Bursche,
und morgen kommst du wieder zu Verstand.

Dello

Dann, scheint mir, war' der Bursche übler dran
als so, Erlaucht; denn wie ist unsre Lage,
und welch Geschick erwartet uns, als hier
fern von der Menschheit langsam zu krepieren?

Ormann

Meinst du? Vielleicht! Vielleicht auch nicht! Wer weiß!
Astorre, Herzensfreund, wie steht's, was machst du?

Astorre

Oh, mein geliebter Fürst, jetzt steht es gut,
doch Höllenqualen litt ich, als du fort warst.

Dello

Das Fieber hat ihn mörderisch geschüttelt.
Er weiß nicht, wo er ist; und was er sieht,
sind wüste Einbildungen und Gespenster.

Astorre

Eh du noch einmal fortgehst, töte mich,
sonst bleib' ich unterm Messer dieses Schlächters,
dem ich für diesmal noch zur Not entging.

Ormann

Was heißt das?

Dello

Tausend, Herr, ich rat' Euch, glaubt ihm!

Astorre

Ich rede nicht von Euch! Rück näher! So!

Dello

Er wird Euch Dinge in die Ohren raunen,
gruslig, daß Eurer Hoheit Hören und
Sehen vergehen wird, ich will darauf wetten.

Astorre

Oh, Schurke! – Er hat recht, ich bin im Fieber,
ich rede irre. Eine Hölle tobt
in meinen Adern. Ich verbrenne in
den Flammen. Wasser! Wasser! Einen Trunk!

Dello

Der Krug ist leer.

Ormann

So geh und schöpfe, Dello.

Dello

Meint Ihr?

Ormann

Du etwa nicht? Und spute dich!
Dello gehorcht, wenn auch tückisch und unwillig. Er nimmt
den Krug und geht.

Astorre

Er wollte mich verdursten lassen, Ormann.
Und dort im Winkel hat er Gift geschabt
von einem gelben Stein, mich zu vergiften.

Ormann

Nun bin ich bei dir, sei ganz ruhig, Freund.

Astorre

Du glaubst mir nicht.

Ormann

Gewissermaßen wohl.
Nur kenn' ich unsren braven Schiffspatron
bisher als biedre Haut und braven Seemann.

Astorre

Er haßt uns, Ormann, sinnt auf Rache, schwört,
wir hätten um sein Leben ihn betrogen.
Und wenn der Augenblick ihm günstig dünkt,
wird er uns hinterrücks den Garaus machen.

Ormann

lachend

Doch vorher knüpf ich ihn an einen Baum,
dort mag er mit den Geiern sich befreunden. –
Doch Gott verhüt's. Der brave alter Mann,
er ahnt wohl nicht, wes wir ihn hier bezicht'gen.
Schon kommt er mit dem Trunk. Trink und hör an.

Dello

kommt mit dem Wasserkrug

Ich bin ein ausgepreßter Schwamm, ich habe
mein ganzes Körperwasser in den Kleidern.
Ja, Dello! Dello hier und Dello da!
Wäre er nicht, was würde aus euch allen.

Lapo

schreit

Elftausend vollgewichtige Dukaten
nebst neun Realen, dreißig Maravedis
kommen auf mich, du Hund von Schiffspatron.
Gib sie heraus, sonst mach' ich dich zum Leichnam!

Dello

Projektenmacher, Schwindler, Gauner! Schweig!

Zu Ormann

Ihr seht, ich war nicht faul, dieweil Ihr weg wart.
Ist nur die Hälfte wahr von alledem,
was mir der Leumund dieser Höhle anhängt,
so bin ich nicht mehr der geplünderte
Schiffbrüchige, sondern bin ein schlauer Kaufherr,
der auf Dukaten und Schiffslasten sitzt,
Oxhoften Weines, Fässern Pökelfleisch
und feinster Mortadella da Bologna.

Ormann lacht heftig, während Astorre trinkt.

Astorre

nachdem er getrunken

Das labt!

Ormann

Und da nun dies schon dich gelabt,
laß dir noch mehr des Labenden erzählen:
denn davon wahrlich bring' ich mancherlei
von meiner Streife mit, sofern mir recht ist.

Astorre

nimmt heimlich flehend Ormanns Hand

Ormann, mit mir ist's aus. Ich sterbe.

Ormann

Nicht doch!
Du wirst noch manchen Strauß mit mir bestehn
und manches lustige Abenteuer. Morgen
bist du wohlauf und guten Mutes, Freund.

Astorre

Wo warst du?

Ormann

In der Zone ewigen Schnees.

Astorre

Glückseligster: griffst du und balltest ihn
und nahmst ihn in den Mund?

Ormann

Das alles tat ich.
Es war wie auf dem Monte Generoso
oder sonstwo im Alpenwall daheim.
Wie weit wird auf den Höhen doch die Brust!
Ich spür' es noch in eurem dumpfen Glutbad.

Astorre

Könnt' ich noch einmal dort hinauf mit dir,
eh ich im Tod erblinde, Ormann.

Ormann

Morgen,
Liebster, nehm' ich dich huckepack mit mir.
Dort steht die Tanne unsres Apennins.
Du kannst lombardische Birkenreiser brechen
und Blümchen pflücken, so wie diese hier.

Astorre

's ist Enzian, bei Gott.

Ormann

Gemach, hör weiter.
Das ist das einz'ge blaue Wunder nicht.
Du wirst dein blaues Wunder erst erleben:
denn von dort oben siehst du Kanaan,
siehst das Gelobte Land zu deinen Füßen.

Dello

Luftspiegelung.

Ormann

Lachend

Echt Dello! – Nun, laß gut sein.
So unfruchtbar, als diese Seite ist,
so üppig wuchert's jenseits des Gebirges,
das uns nicht eine Wasserader spendet
und drüben Bäche brausend niederschickt,
die sich zu Strömen breiten in der Tiefe. –
Ich zählte ihrer vier und nannte sie
im Geiste Pison, Gihon, Hiddekel
und Phrat, den Flüssen gleich im Garten Eden.

Dello

San Borondon.

Ormann

Wieso San Borondon?

Dello

Eure Hoheit hat sie mir doch oft geschildert,
die Wunderinsel, auf dem Admiralsschiff.
Sie schwamm im Himmelblauen vor uns her,
fast greifbar immer. Und wie manches Mal
sind wir in goldne Buchten eingesegelt
mit waldgekrönten Höhn und üppigen Triften,
doch leider, leider ohne Ankergrund.

Ormann

Echt Dello! Er wird noch nicht glauben, wenn
ich Milch und Honig ihm zu trinken gebe.

Dello

Seewasser war's, was wir zuletzt geschluckt.
An Honigmilch könnt' ich mich nicht erinnern.

Ormann

Warum auch sich erinnern? Blick doch vorwärts!

Dello

Doch hinter mir liegt all mein Geld und Gut,
Reichtum für Fische auf dem Grund des Weltmeers.
Und all das, weil ich vorwärts sah mit Euch
und das Geschwader, weil Ihr es so wolltet,
wider die Klippen dieser Küste trieb,
wo es denn krachend auch zersplitterte.

Ormann

Nun, putziger Hamster Dello, nichts für ungut.
Doch sag, gingst du nicht auch der Nase nach,
als Wolken Duftes uns auf hoher See
die Luft aus irgendeinem Paradiese
mit lockender Musik getragen brachten?
Hast du nicht goldne Hesperidenäpfel
eifrig, von Bord aus, in der See gefischt,
weil sie sich häuften fast vor unserm Bug,
und viele köstlich süße, fremde Früchte,
dergleichen keiner von uns allen je
verzückt gekostet und entzückt geschaut?

Dello

Es war der Satan selbst, der uns die Straße
nach diesem Teufelseiland so gepflastert.
Erst kam Brot, Frucht, Musik und Überfluß,
dann Hunger, Not und Menschenfleisch als Nahrung.

Ormann

Schweig! Meine Langmut ist am Ende, Dello.
Du kennst mich. Ungefragt nur noch ein Wort ...
du liegst geknebelt jappend auf der Erde!

Dello schleicht knurrend in den Hintergrund.

Ungläubiger Narr! Er ruht nicht, bis man wild wird.
Er traut allein dem Beutel, der gespickt ist,
ich aber traue einzig meinem Stern! –
Du traue mir und dem, was ich berichte.

Astorre

Sprich, Ormann, sprich: wem trauen, wenn nicht dir!

Ormann

Zunächst vernimm: die Insel ist bewohnt,
nicht menschenleer, wie wir bis jetzt vermutet.
Auch muß ein Volk jenseits der Berge wohnen,
das mit dem Zirkel und dem Lot Bescheid weiß.

Dello

Der Himmel gebe, daß Ihr hierin irrt;
wo nicht, so hausen drüben Kannibalen,
und deren Bauch wird sicher unser Grab.
Allein, ich alter Seemann weiß es besser.
Höchstens wohnt hier der Teufel Setebos
und zeugt Mondkälber mit verfluchten Bestien.

Astorre

Antworte nicht, sprich weiter, Ormann!

Ormann

Wohl,
ich fand ein Hochtal, steinicht, und inmitten
fängt sich das Gletscherwasser. Zwischen Blöcken
von Flechten, grün wie altes Erz, liegt still,
als wie von Ewigkeiten unbewegt,
ein See, ein Teich! So tot, als bilde ihn
dieselbe Flut, die mit dem Ruderschlag
zu kräuseln, mit den Kielen zu belasten
dem heiligen Totenfährmann nur erlaubt ist.
Glaub mir, ich folgte nicht den Lockungen
der Lust, als ich beschloß, in diesen Abgrund,
in dieses Höllental hinabzuklettern
vom Grat, auf dem ich stand. Kein Lüftchen ging,
kein Vogellaut ward hörbar, selbst der Flug
des Schmetterlings, der Motte würde hier
geklungen haben. Als ich unten stand
und aufsah zwischen den Zyklopenwänden,
sah ich den glühnden Tageshimmel schwarz
und voller Sterne. Sterne spiegelte
der Teich, als ich am Ufer stand. Denk' ich
an jenen finstren Doppelabgrund, der
sich so mir auftat ... Doch was red' ich: nur
das Auge kann das Auge fassen. Das
unendliche Gesicht allein umfaßt
die Welten des unendlichen Gesichts.
Des Schweigens ungeheure Majestät
allein erfaßt das Ewigschweigende.
Was ich dort oben wußte, sah, empfand,
macht' es mir furchtbar deutlich, daß ich stumm bin.

Astorre

Wirst du mir zürnen, wenn die Tiefe dessen,
was du jetzt sprachst, an jemand mich erinnert?

Ormann

Zürnt' ich dir je? Auch ahn' ich, wen du meinst.

Astorre

Wer sprach so, außer dir, wenn nicht dein Vater?

Ormann

Nun ja, um kurz zu sein: das Kesseltal
schien mir vertraut und fremd, wie eine Schwelle
zu einem fremden Hause, die ich oft
im Wachen wie im Traume überschritt.
Der See glich einer Platte schwarzen Stahles,
die ein abgründisches Geheimnis schließt,
es furchtbar ahnen läßt und drohend zudeckt.
Oh, welche fürchterliche Nähe mir
da eiseskalt ans Herz griff! Und zugleich
wie hoffnungslos stand ich im weiten Raum
des Alls. Nie war ich so verlassen. Niemals!
Und niemals doch so nah' hinangedrängt
mit jedem Puls ans ungeheure Schicksal
von Mensch und Welt. Hat sie vielleicht ein Gott
fluchend gerissen aus dem Nichts und, brüllend
wie Myriaden Donner, voller Wut
in ihre fürchterliche Bahn geschleudert?
Und wem, wem galt sein Haß? Uns Menschen? Und
was und von welchem Volke sind wir dann,
daß wir ihn auf uns ziehen konnten? Wer
ist unser König? Unser Herr und Gott?
Wo sind die Brüder unsres Blutes? Wo
die Schwestern? Bleibt der Rasende vielleicht
auf ewig unversöhnt? Ist er am Ende
versöhnt, und hat er seinen Zorn vergessen
und seine Tat und seine Welt, die ihm
entsprang und dann für immerdar entschwand?
Wer aber wird uns dann erlösen, wenn
wir so verschlossen, so vergessen sind
in diesen starren und vergeßnen Trümmern?
Was hilft es uns, zu unserm Vater beten,
wenn er nicht hindern konnte, daß ein Feind
so umsprang mit den Kindern seines Bluts?
Wann kommt der gute, wann der starke Hirte
mit der allmächt'gen Liebe in der Brust –
der Liebe, die zugleich allwissend ist –
und findet die versprengten Schafe wieder?
Der Allesfinder! Allversöhner! Allvereiner!
Allbeglücker! Allerleider!
Er, der zuerst ein Allbesieger ist?

Dello

O Gott, Ihr macht mich melancholisch, Fürst,
Ihr neigt zum Tiefsinn. Rupfen wir die Hühner.
Ihr tragt die Schuld, wenn unser Stückfaß Rum
sich heute um ein volles Quart erleichtert.
Mir wird ganz wirblicht, welcher Mückentanz
von Fragen! Wenn mir recht ist, Prinz,
habt Ihr ein Dutzend Male Gott gelästert.
Und wärt Ihr nicht so weit vom Schuß, wahrhaftig,
Ihr müßtet auf dem Holzstoß schmoren. Nun,
auch darin seid Ihr Eures Vaters Sohn.

Ormann

Sprich nicht von meinem Vater, Dello.

Astorre

Wirf
die Bestie doch vor die Türe, Ormann.

Ormann

Nun wohl, ich fand an dieser Geisterstätte
voll lastender Magie ein Artefakt,
will sagen, fand ein kleines Heiligtum,
erbaut von Menschenhand.

Astorre

Wie sah es aus, Freund?

Ormann

Geduld! Es schien ein Haufen Steine mir,
zufälliges Geröll, wie alles andre
von weitem, das chaotisch an den See tritt.
Doch traf ich bald den schmalen Eingang zwischen
zwei unbehaunen Pfeilern von Basalt.
Ein Balken, eine Platte krönte sie
vom gleichen Urgestein. Ich trat ins Innre.
Zyklopenblöcke bildeten die Wände
des Hohlraums, unbehauen, ohne Mörtel,
doch nach dem Lot gefügt und nach dem Zirkel.
Fast kreisrund, eine runde Trommel, wie
der Splitter lehrte, von Obsidian,
aus einem mächt'gen Stück gemeißelt, fand ich
im Tempel aufgestellt. Ich schlug mir Licht.
Die Oberfläche trug das Bild der Sonne
vertieft. Ein rundes Becken war der Ball,
die Strahlen bis zum Trommelrande Rinnen.
Nur eine dieser Rinnen, tiefer als
die anderen, durchbrach den Limbusrand.
Hier fließt das heil'ge Opferblut herab
und schenkt sich übertretend an die arme
verdammte Menschheit, die es schaudernd auffängt.

Astorre

Mich graust's ein wenig.

Ormann

Nun, dies war die dunkle,
nun kommt die heitre Seite des Berichts.
Ich will nicht von gehäuften Menschenschädeln
und Höhlen voll Gebein, die ich gesehn,
dich etwa noch zum Schlüsse unterhalten,
sondern du sollst das Unbegreifliche,
das Unerhörte nun mit Staunen wissen,
das, wie ich's mir vergegenwärtige,
noch jetzt mir meine Brust fast springen macht.
Lache nun oder lache nicht: ich sah
dort oben ... ja, was sah ich wohl? – Ein Weib!
Olivenfarben, meinst du? Weit gefehlt!
Du lächelst; lache frisch und frei heraus,
nenne mich toll! Denn ich beschwöre dir
die Wahrheit meiner Worte auf die Hostie.
Ich sah ein junges Weib von weißer Haut,
Punktum! War's eine von den Menschentöchtern? Das
entscheid' ich nicht. Mir wahrlich schien sie mehr.
Sag' ich Sandalen, Köcher, Bogen, denkst
du sicher an die Göttin Artemis
und meinst, mir sei ein Marmorbild erschienen,
wie sie die Säle schmücken im Palast
daheim. Jawohl. So ist's. Nur war's lebendig.
Es war von Fleisch und Blut und nicht von Stein,
Und das ist mehr, weil Leben mehr als Tod ist.
Und hier war kein Gebild aus Menschenhand,
sondern, ich würde etwa sagen mögen,
aus Götterlenden. Roten Haares Fülle,
das um den Kopf ihr saß als Helm von Gold,
schien auf den Sonnengott als ihren Vater,
auf Helios mir geradezu zu deuten.
Ich bin verrückt, nicht wahr? Zum mind'sten glaubst du's.
Dann bleib' ich auf dem Wege der Verrücktheit,
und wage keiner, mich zurückzurufen!
Mag sein, ich war erhitzt. Mühsames Steigen
hatte mein Blut erregt. Doch was ich sah,
war wirklich und nicht Ausgeburt des Fiebers.
Sprich nicht! Ich will jetzt nach der Schnur berichten.
Ein Punkt stand hoch im Blauen über mir,
und plötzlich ward er größer. Kam ganz nah
und ward zum riesenhaften Lämmergeier,
und plötzlich überschlug er sich und plumpste
mit dumpfer Wucht aufs Erdreich. – Da kam sie –
oh, welch ein leichter, königlicher Sprung!
Oh, welche Schenkel, welche herrlichen
Gelenke! Welches Knie und welcher Arm!
Mit einem Schrei erwürgte sie den Geier:
ein Schrei, den Echo hundertfach zurückgab.

Astorre

Ormann, ich muß dich unterbrechen, Freund
und Bruder. Etwas tritt an mich heran,
ich fühl's, das streng und unerbittlich ist,
und was es fordert, duldet keinen Aufschub.

Ormann

Astorre, Freund und Bruder, was bewegt dich?

Astorre

Ich hätte dich nicht unterbrochen, Prinz,
Fürst, Freund und Bruder Ormann. Doch es ist
in mir das erzne Schlagwerk einer Uhr,
das unverbrüchlich mir mein Ende anzeigt.

Ormann

Ja, nur nicht jetzt, in hundert Jahren.

Astorre

Ormann,
vergeblich ist's: laß das, du änderst nichts.
Du kämest froh von einem Tor zurück,
an dem sich abgeschiedne Seelen drängten
und Seelen solcher, die noch irdisch, doch
schon halb aus ihrer Haft entlassen sind:
die Seele deines Freundes war darunter.
Sieh mich so starr nicht, so erschrocken an,
denn grade darum geiz' ich mit der Zeit,
damit mein Ende sich nicht etwa dir
drückend, als Last, auf das Gewissen lege,
Selbstvorwurf oder Selbstanklage zeitige
und deines Geistes Sonnenflug behindre.
Wisse: ich lebte und war glücklich! Seit
du in mein Leben tratest: früher nicht.
Und wenn ich ungern scheide aus der Welt,
so ist es nur, weil du in ihr zurückbleibst.

Ormann

Und was ist eine Welt, in der du nicht bist?

Astorre

Bruder, dein sonnenhaftes Auge macht
das Finstre hell, das Nebelhafte klar,
ja, es durchbricht mit unbesiegbarm Strahl
die schwarze Wetterwolke unsres Schicksals.
Und sieh, im Lichte dieses Strahles nehme
ich Abschied. Glücklich! Aufwärts geht mein Weg
mit ihm! Ormann, nun seh' ich, was du nicht siehst.
Glaub mir, von Zaubern und von Wundern schwer
ist dieses Eiland. Die du heute sahst,
die Jägerin, wirst du bald selber jagen,
nur sie hast du von Jugend an gesucht.
Sie war das unbekannte Ziel, nach dem
dein ungestümes Wesen allezeit
hindrängte. Auch der Irrtum schwerster Schuld
vermochte nicht, mein Bruder, dich zu hindern,
zu landen am Gestade der Bestimmung.
Du bist am rechten Ort, am rechten Ziel.
Und wie ganz anders es dir immer scheine,
so ist's, wie ich es sage, anders nicht.

Ormann

Stirb nicht, geh nicht von mir.

Astorre

Ich bleibe bei dir,
auch wenn ich von dir gehe. Leuchtender.

Ormann

Macht Gott zum Seher dich in dieser Stunde,
so sage: hat mein Vater mir verziehn,
bevor er starb?

Astorre

Ich sehe deinen Vater.

Er stirbt.

Ormann

Wo?

Dello

Lauter, Fürst, sonst kriegt Ihr keine Antwort.

Ormann

Nein, leiser, leiser, ruf ihn nicht zurück. –
Wo war's, wo sah ich dich zum erstenmal?
Im vollen Glanze eines Frühlingsmorgens.
Aus allen Fenstern hingen Teppiche,
fast brachen die Balkone und die Dächer
unter des Volkes Last. Ein schwarzer Hengst
mit Augen eines Höllendämons trug dich:
das war, als unsre Häuser sich versöhnten.
Und dann wardst du mein Freund. Erteiltest selbst
dir deinen Ritterschlag in einer Nacht,
als ich bei Spiel und Trunk Gewalttat übte
und du sie ohne Wanken auf dich nahmst.
Mein ganzes wildes Schicksal nahmst du auf dich
und endest nun inmitten aller Wirrsal,
dem Lande der glückseligen Kindheit fern,
schiffbrüchig, arm, auf weltvergeßnem Eiland,
in einem Felsenloch auf faulem Stroh. –
Doch was ist das? Musik! Hörst du das, Dello?
Ein klingender Zauber, scheint's, erfüllt die Luft,
als wollte er den armen Resten huldigen,
die kläglich diese Lagerstatt jetzt aufweist.
Nein, denn nun weiß ich's anders! Wohl, mein Freund!
Du selber bist es, dessen freie Seele,
getrennt vom Körper, himmlisch musiziert
und mir das Zeichen bringt von deiner Nähe.

Man hört lautes Kampfgeheul von Indianern und ein gewaltiges Geräusch im Holz der Tür, das von hineingeschossenen Pfeilen und Speeren herrührt. Eine Speerspitze, die hindurchgedrungen ist, ragt herein.

Dello

Hört Ihr was Himmlisches? Ich nicht, Fürst Ormann.
Oder die Hölle wittert Engel hier
und kommt mit Teufelsdreck, sie auszuräuchern.

Erneutes Geheul der Wilden.

Ormann

Graunvoller Lärm, was ist das?

Dello

Ziegenbock,
Katze und Wildsau, Ochse, Hund und Hahn
kommen mitsammen, scheint's, uns zu besuchen.
Im Ernst: wir sind nun fertig, es ist aus.
Denn dies Gebrüll und dies Getöse kenn' ich,
hört doch das Tamtam und das Muschelhorn!
Die Insel ist bewohnt von Kannibalen.
Sie haben uns erwittert: was denn mehr,
jetzt sind wir nur noch Fraß! Nun, prost die Mahlzeit!

Lapo

Fürst Ormann, Mörder, Diebe, meinen Tiegel!
Mein Gold! Dämonen rauben meinen Tiegel!

Ormann

Am Ende würd' ich zagen, hätt' ich nun,
Toter, nicht dein Orakel im Gemüt,
und sei es immerhin auch doppelsinnig,
denn am Gestade der Bestimmung landen
bedeutet wohl auch sterben, und ein Ziel
kann auch der Tod sein ... Einerlei, du gabst
zugleich mit dem Orakel mir ein Beispiel,
daß ich für jeden Fall gerüstet bin.

Amaru

unsichtbar, von außen

Ihr weißen Männer, hier steht Amaru.
Hier steht mit seinen Adlern Amaru.
Mit seinen Adlern, seinen Jaguaren.
Er ist ein Krieger, ist unüberwindlich.
Allein, euch bietet Frieden Amaru.
Es wünscht mit Eiden und Verträgen sich
euch zu verbinden Amaru. Gebt Antwort!

Dello

Ich bin von Sinnen, fass' mir an den Kopf,
Prinz. Spricht der Schuft nicht unsre eigne Sprache?

Ormann

Ein Wunder, Dello, beim allmächt'gen Gott!

Dello

Dies Eiland ist verrückt, so wahr ich lebe!
Gebt acht! Schon brüllt der Schuft von neuem. Still!

Amaru

wie vorher

Gebt Antwort! Meine Jaguare zittern
vor Blutdurst. Meine Königsadler schaudern
vor Jagdbegier. Sie werden euer Fleisch
zerreißen mit den Fängen und den Schnäbeln,
wenn ihr die Freundschaft Amarus nicht annehmt.

Ormann

Was ist denn nun die Freundschaft Amarus?

Dello

Die Insel hat sich losgerissen, Fürst,
und treibt in einem Weinmeer, das gewürzt ist
mit Zimmet, Kardamom und Malagueta,
wovon der Dunst uns wirr und trunken macht.

Ormann

Mag sein. Laß die Gebilde unsres Wahnsinns
herein und öffne weit die Türe, Dello,
dem Rausch, den Träumen, den Kobolden, die
vor unsrer Festung lärmen. Nur herein!

Dello öffnet die Tür, und Amaru in prächtigem Kriegsschmuck seiner Federn, seiner Bemalung und seiner Waffen wird aufrecht stehend sichtbar. Hinter ihm die gedrängte Schar seiner Krieger.

Amaru

Ja, du bist's, den ich suche, Tonatiuh!
Du bist der echte, bist der wahre Sohn
des goldnen Gottes in der Sonne. Doch
vielleicht ist Zauber hier im Spiel, o Gottheit.
Du überstrahlst zwar gleich dem Taggestirn
den gift'gen Stern, des Licht ich tödlich hasse,
allein, er ist verwandter Art, und du
im Glänze deines Hauptes bist ihm ähnlich.
Sei's: in Verehrung neig' ich mich vor dir.

Er beugt ein Knie.

Ormann

Versteh' ich recht, lebt hier ein weißer Mann,
der deine Zunge unsre Sprache lehrte?
Ist's dir genehm, erzähl uns mehr von ihm.

Amaru

Von ihm erzählen soll euch Amaru?
Er wird von ihm erzählen, Amaru
wird euch von ihm erzählen, doch zuvor
verbindet euch mit Eiden und Verträgen
dem Rachezuge Amarus.

Ormann

An wem
will Amaru, der Krieger, Rache üben?

Amaru

Er will die Priestermaske von der Stirn
des weißen Satans reißen, Amaru
will zeigen, daß er nicht ein Gottessohn,
vielmehr Sohn eines geilen Hundes ist.
Er will den geilen Hundesohn vom Thron
des Landes stoßen.

Er zieht ein hölzernes Götterbild hervor.

Hier ist Nama,
ist die allmächt'ge Rachegottheit Nama.
Unüberwindlich ist der Dämon Nama.
Wie Sand am Meer sind meine Jaguare,
sind meine Adler, die zu Nama sich
verschworen haben. Ob du aus der Sonne
heraufgestiegen oder aus dem Meer
emporgetaucht oder du nur ein Mensch bist,
vermische Blut mit meinem Blut, sprich Nama,
vollziehe mit uns die Gebräuche und
führe uns wider den Verfluchten! Er
stürze köpflings ins Meer der Finsternis.
Und dann sei Herrscher dieses Landes, nimm
den leeren Thron für dich, sagt Amaru.

Die Krieger Amarus schlagen an die Schilde und erheben ein begeistertes Geschrei.

Ormann

Affen und Papageien meines Schicksals:
wer treibt so fürchterlichen Spott mit mir?

Amaru

Es ist nicht Spott, hier tröpfelt rotes Blut,
zum Schwure tropft's vom Arme Amarus.
Geritzt hat Amaru den Arm zum Schwur,
und Wolfsfraß oder Geierspeise wird,
wer nur um Haaresbreit' von solchem Eid
abweicht.

Dello

Hier ist ein Messer, Prinz, nur flink,
und ritzt Euch. Wie man's macht, das wißt Ihr ja
vom ersten Male her noch sicherlich.
Was, Hölle, wäre hier zu überlegen?
Ihr lagt im Grab, die erste Schaufel Erde
kam schon herabgeschollert über Euch.
Ihr hörtet schon den Totengräber rülpsen
und seine Branntweinflasche glucksen. Ist's so?
Mit einem Ruck speit Euch der Tod ins Leben,
Ihr fliegt, Ihr brüllt im Flug vor Wonne auf
und sitzt auf einem Thron, wie festgenagelt.
Schön! Brav! Schon habt Ihr Euer Blut vereint.
Geschehn: Ihr seid für Tod und Leben Brüder.

Ormann

Des Satans Macht ist furchtbar. Eben noch
dacht' ich, Gott habe mir mein Ziel gesetzt,
statt dessen setzt der Teufel mir ein andres.
Und Gott nahm eben einen Bruder mir –
Astorre, o Astorre, lichter Seraph! –,
damit der Platz für einen schwarzen Sohn
der Hölle frei wird.

Amaru

Sage Nama!

Ormann

Ja!
Ich sage Nama, schwöre Nama, ja!

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