Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gerhart Hauptmann: Indipohdi - Kapitel 3
Quellenangabe
typedrama
authorGerhart Hauptmann
titleIndipohdi
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Hass
year1965
firstpub1920
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160413
projectidfc09f4aa
Schließen

Navigation:

Erster Akt

Ruinen eines mächtigen, vielleicht toltekischen Palastes auf einer Insel im Ozean. Große Landschaft, von dem Schneegipfel eines Vulkans überragt. Die Ruinen umgibt beinahe tropische Vegetation. Das Meer, einen Golf bildend, ist sichtbar. Die Ruinenansicht ähnlich dem Mayapalaste von Mitla. Breite und hohe Stufen führen zu drei quadratisch ausgeschnittenen Eingängen. Es ist voller Tag, brütende Sonne.

Auf den Stufen sitzen zwei indianische Priesterknaben, geflochtene blauschwarze Zöpfe ums Haupt: Huemac und Matzatzin.

Huemac

Sie treiben's heute lange, Matzatzin.
Was will dein Meister bei dem großen Magus?

Matzatzin

Wüßt' ich's! Es kann des Opfers wegen sein.
Das Volk drängt sehr, es wiederum zu halten.

Huemac

Nie wird der Magus widerrufen das
Verbot des Jünglingsopfers.

Matzatzin

Niemals, sagst du?

Huemac

Ich sagte: niemals!

Matzatzin

Wenn das dumpfe Rollen
im innern Erdreich sich nicht legt, der Berg
nur immer dichteres Gewölk hervorstößt
und so des goldnen Himmelsvaters Zorn
durch deutlichere Zeichen stets verrät,
wird man auch dann nicht ihn versöhnen dürfen?

Huemac

Mein Magus selbst versöhnt ihn, der sein Sohn ist.

Matzatzin

Du glaubst an seine Macht und seine Herkunft?

Huemac

Fragst du, der Oro seinen Meister nennt? –
Und Oro liegt dem weißen Mann zu Füßen.
Hüte dich, Matzatzin! Wer Sterne lästert,
muß bis zum Wahnsinn Sterne zählen. Wer
den Mond beleidigt, den erschlägt der Mond
mit einem Stein. Und wer den Sohn der Sonne
kränkt durch Unglauben, er verfällt in Blindheit.

Matzatzin

Ich weiß.

Huemac

Der Heilige entstieg dem Meer:
Zehn Jahreskreise haben sich indes
geschlossen, seit der Tonatiuh, die Woge
des Ozeans aus goldnen Haaren schüttelnd,
die heilige Sohle in den Inselstrand
zuerst mit segenschwerem Tritt gedrückt.
So kam er, nach den Büchern der Verheißung,
die Himmelsfrau als Kind auf seinem Arm.
Dies ist! Was wäre da wohl zu bezweifeln?

Matzatzin

Kein Zweifel rührt mich an. Schon die Belehrung,
die mir durch Oro, meinen Meister, ward,
hält Zweifel fern. Allein, er selber sagt,
es habe der erlauchte Magus nie
der heiligen Sonnenabkunft sich gerühmt
noch sie durch Worte irgendwie bestätigt.

Huemac

Und glaubt an sie dein Meister weniger drum?

Matzatzin

Nein, aber wenn ich scharf hinsehe und
sein Tun beachte oder hinter das
mit meinem innren Ohr zu dringen suche,
was seine Zunge lehrt, wird eins mir klar:
der Magus hat sich ihm nicht ganz enthüllt,
und Oro müht sich ab an einem Rätsel.

Huemac

Stets bleibt das Göttliche geheimnisvoll,
auch wenn es nah ist. Und so muß es bleiben.
Das Göttliche verhüllt sich selbst das Haupt,
sein Feuer würde sonst den Priester schmelzen;
und auch der Priester schützt sein Angesicht,
wenn er im allerheiligsten Geheimnis
des Opfers steht, mit einem Tempeltuch.
Wir Dienerknaben tun es wiederum,
wenn wir die heiligen Worte wechseln müssen
nur mit dem Priester: weil auf diesem dann
der Abglanz Gottes ruht.

Matzatzin

Allein, der Urahn
des Hohenpriesters Oro, meines Meisters,
ist auch der goldne Mann im Taggestirn.
Oro ist gleichen Blutes als der Magus:
braucht einer da dem andern sich verhüllen?

Huemac

Du grollst ein wenig, scheint's, dem Tonatiuh.

Matzatzin

Das nicht! Allein, ich liebe meinen Meister.

Tehura, eine hochgewachsene junge Indianerin, tritt aus dem Innern der Ruine auf die Treppenplattform. Sie trägt ein rotäugiges, weißes, lebendiges Kaninchen im Arm. Blauschwarz und schlicht fällt ihr Haar über Rücken und Brust.

Huemac

Sieh dort Tehura, deines Meisters Tochter!
Wohl muß die Tochter Oros ihrem Vater
noch inniger verbunden sein als du.
Und doch blickt sie dem Magus nach der Braue.
Untrennbar, wie sein Schatten, folgt sie ihm.

Matzatzin

Komm, laß uns tiefer in das Dickicht rücken.
Wie klein bin ich, wie häßlich bin ich, oh!
Fern ist mir Lästerung. Doch frag' ich wieder:
Warum verbietet uns der Tonatiuh
des Jünglingsopfers altehrwürdigen Blutbrauch
und sperrt uns so den seligen Pfad des Lichts?

Huemac

Seit Jahren hängst du diesem Wunsche nach,
dich als Versöhnungsopfer preiszugeben.
So mancher dränget sich dazu. Es ist soviel,
als, hier auf Erden schon zum Gott erhoben,
die irdene Schale vollen Weltgenusses
ausschlürfen! durch das Tor des Todes schreiten,
bekränzt, als Gott! beim Klang der Pauken und
Flöten als Gottheit zu den Göttern eingehn!
Wie kannst du, eines armen Töpfers Sohn,
erhoffen, daß man solcher Ehre dich
vor andern würdige?

Matzatzin

Der Himmel kann
am Ende alles, was er will, gewähren
dem Beter, der ihn unermüdlich anfleht.

Huemac

Dort steht Tehura: wie sie lächelnd herblickt
ob deiner überstiegenen Gedanken.
Sie gleicht der Mondesmutter. Dunkel rollt
die Nacht um ihrer Stirne blasses Licht.
Verwirrend sind die Grübchen ihrer Wangen.
Geschnitten aus dem heiligen Obsidian,
schwarz, so nach außen wie nach innen sehend,
erscheinen ihre Augen. Ihre Hand
streicht sinnend übers weiche weiße Fell
des heiligen Kaninchens, das ihr Arm hält. –
Nein, nicht für uns ist diese Königin
des dunklen Himmels!

Matzatzin

Warum sagst du das?

Huemac

Weil dem, den man des Opfertodes würdigt,
kein Wunsch versagt wird, keiner: wär's auch der,
des Hohenpriesters Tochter zu besitzen.

Tehura

Nun, ihr bezopften Dienerknaben, was
beschwatzt ihr dort so wichtig miteinander?

Huemac erhebt sich zugleich mit Matzatzin. Sie stehen mit gesenkten Köpfen, wortlos. Tehura fährt fort

Man fragt euch. Warum schweigt ihr also? Sprecht!

Huemac

Wenn Lehrlinge sich unterhalten, o
Erlauchte, wovon anders kann es sein
als dem, was ihrer Meister Sinn beschäftigt?

Tehura

Ihr Hähnlein! Was beschäftigt diese denn?

Huemac

Des großen Jahresopfers nahe Feier.

Tehura

Mehr! Höheres! Doch schweigt! Der Heilige kommt.

Durch den mittleren Eingang treten Prospero und Oro auf die Treppenterrasse. Prospero, bartlos, mit weißem Gelock, Ehrfurcht gebietend, Oro, ein Indianer, dunkelbärtig, um ein reichliches Jahrzehnt jünger als Prospero.

Prospero

Nein, alles möge bleiben wie bisher.
Laßt mich in meiner Abgeschiedenheit:
Dem Leben fern, bin ich dem Leben näher.
Als Fremder bleib' ich heimisch unter euch,
als Gast! Ich bin nicht mehr, nicht mehr,
so hier wie irgendwo auf weiter Erde.
Wohl war ich einst ein Herrscher: damals hielt
mein Szepter Lebenslust und Menschenliebe.
Die schwere Last der Krone ward mir leicht,
weil Jugend sie mit Kränzen flücht'ger Rosen
üppig durchflocht. Allein, der Hoffnung und
des Glaubens Blumen welkten allesamt.
Die Macht des Guten auf der Erde hieße
besser des Guten Ohnmacht: des war ich
auf meinem Thron ein fürchterliches Beispiel.
War es bestimmt im ewigen Rate, Oro,
daß dennoch, spät, noch Gutes von mir ausging –
du bist's, der es behauptet! –, so erwies
sich mächtiger der Bettler als der König.
Und dann laßt Bettler bleiben, dann
erst recht!

Oro

Was du, o Hocherhabener,
Sohn und Gesandter Gottes, von dir sagst,
vermag den Strahlenlimbus nicht zu trüben,
der weiß dein lichtes Angesicht umsprüht.
Wir wissen's wohl, ich und die Meinen, was
Menschwerdung heißt. Die Kraft der Gottheit zieht
sich in des Menschenleibes enge Schranken,
ja, heuchelt Demut und Bedürftigkeit.
Dies war der großen Liebe kleiner Weg
von je. Der einzige von Gott zum Menschen.

Prospero

Wenn dies dein Glaube ist: ich will ihn dir
nicht rauben, Oro. Überlieferungen
verwandter – oder sag' ich gleicher? – Art
sind mir aus einer andern Welt nicht fremd.
In diesen Resten deines alten Volks,
das mich Schiffbrüchigen und meine Tochter,
als uns der Ozean nackt und arm ans Land spie,
so herzlich aufnahm, lebt die Sage fort
vom weißen Heiland. Man erwartet ihn,
das eingeborne Kind des Himmelsvaters,
der kommen soll, das auserwählte Volk
ins angestammte Reich zurückzuleiten.
Nicht bin ich der, den ihr erwartet, nein!
Meinst du indes, daß ich empfangnes Gutes
ein wenig zu vergelten fähig war:
bleib, Oro, du auch fernerhin der Mittler!

Oro

Herr, Herr, es neigt sich mein Beruf als Mittler
zum Ende. Und die meisten unterm Volk
verlangen mit fast wildem Ungestüm,
von deiner Stirn beglänzt, von deinem Munde
belehrt, von deiner Hand regiert zu sein.
Dein Rat, der mir Gebot war, trennte sie
von manchem Brauch, durch Alter heilig. Doch
noch sind sie solcher Bräuche nicht entwöhnt.
Und Aberglaube, der einst Glaube war,
geht bänglich in den Hütten um und raunet
von Unterlassungsfreveln und von Strafe.
Und wirklich pocht der fürchterliche Geist
der Tiefen unterm Boden, ganz als ob
er mahnen oder drohen wollte, an.
Im heiligen Berge aber rollt's und poltert's,
und Zorngewölke stößt er brausend aus.

Prospero

Trotzdem, trotz alledem, ich will nicht, Oro!
Wenn sich der Berg beruhigt und die Tiefen,
so wird sich auch das Volk beruhigen.

Oro

Dein Nein, Herr, wirst du mir noch einmal sagen,
wenn ich mit klar bestimmtem Antrag dir
zu nahen mit den Ältesten des Volkes
verursacht, ja gezwungen bin. Und dann
erwäge dieses auch vor deiner Antwort:
nicht angsterfüllte Lämmer schreien nur
nach Schutz und Leitung eines starken Hirten:
es gehen Wölfe in der Herde um,
die deinen Diener, o Erhabener,
und dich sogar belauern und befeinden.

Oro beugt mit Ehrerbietung ein Knie und entfernt sich dann, würdevoll, gefolgt von Matzatzin.

Prospero

Du wirst mir eine letzte Liebe tun,
Tehura.

Tehura

Deine Dienerin, o Herr,
wird hören und gehorchen.

Prospero

Mit der Binde
der Priesterin bedecke deine Augen,
und so, als Seherin, sicher wandelnd, finde
den letzten Ort mir aus, der mir bestimmt ist.

Tehura

Wie meinst du das?

Prospero

Ich weiß, der Ort ist nah,
obgleich ich selbst ihn nicht zu finden wüßte.
Und keine höhre Wohltat wäre mir
in allen Himmeln auszudenken, als
das mir am ersten Tage meines Daseins
vorherbestimmte letzte Erdenziel
von dir gesetzt zu sehn.

Tehura

Ehrwürdiger,
die Erde hat kein Ziel für deinesgleichen.

Prospero

O doch! Und mich verlangt danach! Den Tod!
Sieh an: ich bin nun müde, müde, müde!

Huemac entfernt sich ins Palastinnere.

Tehura

Du bist nicht müde, Herr. Der Tonatiuh
ist niemals müde. Seine Müdigkeit
gleicht der des heiligen Vogels Phönix, wenn
ihn seine mächtige Götterschwinge juckt
und ein gewaltiges Drängen ihn befällt,
durch alle Himmel sich emporzuschrauben,
um sich im Sonnenbrande zu erneuern.

Prospero

Du weichst mir aus, Tehura, willst den lieben Dienst,
den ich von dir ersehne, mir nicht leisten.
Du Gläubige meines Tuns und meiner Kraft,
sieh auch mein Leiden an und meine Schwäche.

Tehura

Wie dieses heiligen Kaninchens Augen
rotglühnde Fenster sind in eine Seele
voll Flammen, so bist du voll wacher Glut.
Glut will zu Glut. Ihr bebendes Gefäß
will im Urbade schmelzen und vergehn
und dann, vom glühnden Rad des Sonnentöpfers
gedreht, als köstlicherer Krug hervorgehn.

Prospero

Erst Phönix, dann ein Krug voll Feuer. Nein!
Du irrst, Tehura. Nenn mich Aschenkrug,
so triffst du, was ich bin und was ich sein will.
Ich habe friedlich hier bei euch gelebt,
versteckt, fast abgeschieden und fast glücklich.
In diesen großen Trümmern ging ich um
als Geist. Den Bildnereien dieser Steine
und andrer, die nie Menschenhand berührt,
löst' ich die Zunge. Oft durchrauschte nachts
die Trümmerhallen dieses Königshauses
des Ballspiels Jubel und des Tanzes Jauchzen,
betörender Gesang und Saitenspiel.
Mein Leben ward Magie. Ich ward zum Magier.
Es lag bei mir, Gestalten aufzurufen,
gastlich sie zu bewirten oder sie
mit einem Wink zu scheuchen in das Nichts.
Beinahe alle waren so gehorsam.
Von einem, dem, der ungerufen kam
und nur dann wich, wann er es selber wollte,
der jeden Zauberkreis und Bann durchschritt,
sollst du, nur du, am Trennungstag erfahren
und an dem Orte, den du ausgesucht.

Tehura

Es kann nicht sein, daß du jetzt von uns gehst,
wo so viel Zeichen düster uns umdrohen.

Prospero

Das ist es ja: die Zeichen gelten mir.
Du selbst hast es gefühlt, daß ich gemeint bin.
Der Ozean drang hoch den Fluß hinauf,
trug Hütten fort, brach tausendjährige Stämme.
Das Erdreich selber fing zu wogen an,
Wasser und Dämpfe quollen aus den Äckern.
Im heiligen Berge gärt es, aus dem Schnee
des Gipfels hebt sich nachts ein glühnder Baum,
rotbrünstig wogend in dem breiten Wipfel,
und spendet unsern Nächten Höllenlicht.

Tehura

Und all die Zeichen willst du nicht beschwören?

Prospero

Das Ungewitter wird vorübergehn
und euch so lassen, wie es euch gefunden.
Mich nicht. Sieh, Ahnungen bewegen mich.
Nicht äußre Zeichen, die mich rings umgeben,
nein, innre sind es, die mich ängstigen.
Begrabnes gärt und will auch dort hervor,
und Hände spür' ich nachts, die nach mir greifen.
Ein neues Leben furcht' ich, nicht den Tod;
zeig mir die Stätte, wo ich ihm entgehe.

Tehura

Ich werde stark sein, Herr. Du wirst mein Auge
am Glänze nicht erblinden lassen, wenn
ich auf dem letzten Gange dich begleite.
Ich weiß, du hast es einmal mir gesagt,
daß du den nie betretnen Gipfelschnee
des Feuerbergs ersteigen mußt, um dort
dich mit den furchtbarn Müttern zu besprechen
vor deinem Ende, das dein Heimgang ist.

Prospero

Zu spät! Ein neues Wort ist in mir. Stille!
Und mehr als Stille. Meine Schiefertafel,
mit vielen krausen Zeichen überdeckt,
verrät das neue Wort dem Würdigsten,
wenn ich des Wortes Sinn geworden bin.

Pyrrha, Prosperos Tochter, von den Indianern Yakka genannt, kommt. Eine indianische Dienerin, Coya, folgt ihr. Beide erscheinen als Jägerinnen. Pyrrha ist hochgeschürzt und führt den Speer. Ihr rotes Haar ist um ihren Kopf eng gerafft und gleicht einer schweren goldenen Last. Die Vierzehnjährige ist hochgewachsen und von herber Schönheit und Anmut. Sie trägt den Köcher mit Pfeilen auf der Schulter. Coya trägt ihr einen erbeuteten Kondor nach und führt ebenfalls Pfeil und Bogen. Dazu trägt sie noch den Bogen Pyrrhas und einige Jagdspieße zum Ersatz.

Pyrrha

O Vater, welch ein Weg liegt hinter mir!
Tehura, gib mir Wasser, ich muß trinken.

Prospero

Du bliebest lange aus, fast sorgt' ich mich.
Wo warst du, Pyrrha?

Pyrrha

Ja, wer will das wissen.

Prospero

Was bringst du dort?

Pyrrha

Zeig es dem Vater, Coya.

Prospero

vor dessen Füße Coya den Kondor geworfen hat

So hast du endlich dir den Himmelsräuber,
verwegne Jägerin, erlegt?

Pyrrha

Ja, Vater.

Sie trinkt das Gefäß leer, das Tehura ihr gereicht hat.

O Labsal, Labsal!

Prospero

Wie gelang dir das?

Pyrrha

Nicht leicht. Berichte du's dem Vater, Coya.

Coya

Es war im Felsgebirg, auf schmalem Saumpfad,
nah dem Gebirgsgrat, dem zu Füßen, da
und dort, die Insel in zwei Hälften liegt ...

Prospero

Was ist mit dir geschehen, meine Tochter?

Pyrrha

Geschehen? Außer, daß wir jagten, nichts.
Doch, Vater, warum fragst du so?

Prospero

Nun, laß nur.

Pyrrha

Nein, gerne möcht' ich doch nun wissen, Vater,
was unter deiner Frage sich versteckt hält.

Prospero

Und was versteckt sich hinter deiner Antwort?

Pyrrha

Was hätt' ich zu verstecken?

Prospero

Höre, Kind,
wir kommen aus verschiedenen Regionen.
Die meine, wo ich mit Tehura ging,
liegt fern dem felsigen Jagdgrund, wo du herkommst.
Verschiednes trieben wir mit Hand und Geist,
laß uns der Einigkeit geduldig warten.
Was hinter meiner Frage liegt, ist dies:
du bringst den Kondor, bringst den Lämmergeier,
den königlichen Feind und Herrn der Lüfte,
den selten nur des kühnsten Jägers Pfeil
trifft. Ihn erlegen war dein Traum von Kind an.
Sag, ist es nun dein Pfeil, der ihm das Herz
durchdrang? – Gebührt die Ehre einem andern? –

Pyrrha

Frag Coya, Vater, wessen Pfeil es ist.

Coya

's ist Yakkas Pfeil, Erhabner, und nur ihr
allein gebührt des Meisterschusses Ruhm.

Prospero

Das war's, weshalb ich fragte, liebe Tochter.
Für ein so ungeheures Jägerglück,
bei deiner Jagdlust, bist du reichlich schweigsam,
und Coya muß berichten, wo du sonst
geringrer Taten eigner Herold warst.
War Amaru an deiner Seite?

Pyrrha

Nein.

Prospero

Und doch gebot ich's ihm, dich zu begleiten,
da er mit Pfad und Furt und Paß vertraut ist.

Pyrrha

Vergib mir, Vater, wenn ich meine Kammer
aufsuche. Mich verlangt nach Schlummer.

Prospero

Geh!

Pyrrha geht ab.

Die Ungezähmte, die Unzähmbare.

Tehura

Den innren Strom des Fühlens hielt sie auf,
weil sie mich bei dir fand, erhabner Vater.

Prospero

Wie ganz ich dir vertraue, weiß sie's nicht?

Tehura

Sie weiß es etwa wohl, doch sie mißbilligt's.

Prospero

Mein Leben ward Magie. Ich ward zum Magier.
Es lag bei mir. Gestalten aufzurufen,
gastlich sie zu bewirten oder sie
mit einem Wink zu scheuchen in das Nichts.
Nur eine nicht, so sagt' ich dir, Tehura,
die kommt und geht und kommt, sooft sie will:
und diese war nun eben wieder bei mir.

Tehura

Pyrrha? Doch Pyrrha ist von Fleisch und Blut.
Wie soll man, o Ehrwürdiger, das verstehn?

Prospero

Nicht Pyrrha! Doch der Schatten kommt mit ihr.
Ein Schatten ist es, wenn auch farbig wie
das frische Leben und nur weniger
vergänglich als lebendiges Fleisch und Blut.
Der Schatten kommt mit ihr, ja, Pyrrha wirft ihn.
Dort steht er! Dort! Du siehst ihn, wenn du hinblickst.

Tehura

Ich ahne, wen du meinest. Deinen Sohn!

Prospero

Ich ward zum Magier, sagt' ich dir, und weiß
von Söhnen nichts noch Töchtern: nur von Schatten! –
Nicht so: auf zweien Ebnen steht mein Dasein.
Und auf der einen seh' ich Leiber wandeln,
genieße Reis, Bananen, Kokosmilch,
sehe dich, meines Alters Augenweide,
gleich einer Eva, die nie sündigte,
und sehe Pyrrha, meine stolze Tochter,
mit Vaterstolz in ihrer freien Wildheit.
Allein, die andre Ebene ward mir mehr.
– Zeig mir den großen Geier näher, Coya!

Zu Tehura

Auch dies ein Vogel Phönix! jetzt nur Aas.
Und warum sähe man auch sonst, Tehura,
den goldnen Mann, der weinet, in der Sonne?

Zu Coya

Wie kommt's, daß deine Herrin unwirsch ist,
Coya, trotz dieser kaiserlichen Beute?

Coya

Sie hat es mir vertraut. Darf ich es sagen?

Prospero

Das steht bei dir. Entscheide du nur selbst.

Coya

Im Augenblick, als sich der große Vogel
getroffen in den Steinen wälzte, da
erschien, sagt Yakka, über ihr am Fels
ein Bild, ihr Ebenbild, das sie entsetzte.
Und wirklich fiel sie hin und lag bewußtlos.

Prospero

Ihr Ebenbild?

Coya

Sie hat es später mir
geschildert, und sie wußte nicht genau,
ob sie nur einen Spuk gesehen habe
der eignen Seele oder etwas, das
wirklich vorhanden war.

Prospero

Sie sah ... was sah sie?
Noch eine andre bogenführende,
speerschleudernde Diane, wie sie selbst ist?

Coya

Auch dies ward mehr und mehr ihr zweifelhaft,
je weiter wir uns von dem Ort entfernten,
wo ihr das Wunderbare zugestoßen.
Es konnte, sprach sie, auch ein Jüngling sein,
wenn auch, gleich wie mein Spiegelbild, mir ähnlich.

Prospero

erhebt sich, sichtlich bewegt

Was ist das? Was bedeutet das, Tehura?

Stimme Pyrrhas

aus dem Innern der Ruine

Coya!

Prospero

Geh, deine Herrin ruft dich!

Coya

Ja.

Coya entfernt sich schnell ins Innere der Ruine.

Prospero

Noch einmal sag' ich's: was bedeutet das?
Von allen Zeichen dieser Zwischenstunden
ist dies das drohendste. Und die Magie
des Magiers, die es übersteigt, versteht
auch nicht, es auszudeuten. Was bedeutet's?
Der Schatten, der aus Pyrrhas Wesen mir
aufsteigt, ist ihres Bruders Schatten. Dir
allein, solang ich auf der Insel bin,
sprach ich von ihm, von ihrem Bruder und
von meinem toten, ungeratnen Sohn.
Und nun: der arge Schatten nimmt Gestalt an
und zeigt sich dem, der ihn, unwissend, wirft,
erscheinet meiner Tochter Pyrrha leiblich,
die nichts von einem Bruder je erfuhr? –

Amaru, eine Keule schwingend, erscheint in gemessener Entfernung. Es ist ein schöner indianischer Jüngling.

Er winkt. Was will er?

Amaru

Weiß der Tonatiuh,
daß ein Kanu mit fremden Sonnensöhnen
im Golf, jenseits des Glutbergs, sich herumtreibt?

Prospero

Du sahst das Boot, das nur den quälendsten
von meinen Träumen hie und da durchschwamm.
Und wollten meine Träume sich nun etwa,
wie Kreißende, ausschütten in die Welt
der Wirklichkeit und so auch dieses Boot
gebären, Keulenschwinger Amaru,
dann müßten wir gemeinsam es zerschmettern.

Amaru

Darf Amaru sich deiner Heiligkeit
nähern, o Tonatiuh?

Prospero

Du darfst es, nur
vergiß die Einbildungen deines Auges,
die, was auch immer sie hervorrief, nichts
für mich und meine späte Stunde sind.

Amaru

beugt ein Knie

Dein Wink ist Amaru Befehl. Darf nun
der Wächter deines Hauses, Amaru,
der Hüter deiner Felder, Amaru,
der Führer deiner Waffenträger, Amaru,
von dem Erhabnen eine Gnade sich
erbitten: gleichsam treuer Dienste Lohn?

Prospero

Wie seltsam: eingezogen lebt' ich hin.
Vor meiner Tür die heilige Bettlerschale,
in der zu Gift wird alles, außer was
mildtätig sich aus freiem Herzen schenkt:
sie war's, die mit Almosen mich ernährte.
Nun aber drängt von allen Seiten sich
ein Heer von Gläubigern um meine Zelle,
als sei ich ein verarmter Kaufherr, der
nur immer lieh und alles schuldig blieb,
und noch dazu ein Lügner und Betrüger.
Bin ich das alles? Nein und wieder nein!
Wenn ich nun von euch gehe, geh' ich von euch
zwar mit des Dankes Schuld beladen, doch
mit keiner andren: arm, so wie ich kam.

Amaru

Wie nennst du uns, o Herr, wenn du dich arm nennst?
Der Zauberspruch von deiner Lippe macht,
daß Ödeneien lernen Früchte tragen.
Die Wünschelrute schwingt in deiner Hand,
schlägt aus und zeigt verborgne Schätze an:
Gold, Wasser, Salz und Kohle in der Erde.
Von deinem Munde gehen Worte aus,
die binden oder lösen. Und du bandest
und löstest, wann du wolltest, Amaru.
Befiehl, so wird zum Tiger Amaru,
oder mach ihn zum Gott mit einem Mundhauch.

Prospero

So sprich. Es wird sich zeigen, Amaru,
wie wenig ich vermag von alledem.

Amaru

Schenk mir Tehura, Heiliger, für mein Wigwam.
– Du schweigst? Warum schweigt der Ehrwürd'ge nun?
Er weiß wohl, daß sein Wort allmächtig ist,
drum hält er's hinter fest geschloßnen Lippen.

Prospero

Noch tiefer laß mich erst verstummen, o
du brünstiger Jüngling. Kühle deine Glut,
bis mich ein andres Schweigen überkommt,
das sie als reife Frucht dir in den Schoß wirft.

Amaru

So sprach der Tonatiuh schon oft zu mir.

Prospero

Behagt mein Wort dir nicht, der Weg ist frei,
frei deine Rede, und dort steht Tehura.

Tehura

richtet sich hoch auf

O heiliger Vater, deine Worte straften
wie bittre Geißeln mich mit dunklen Striemen,
da du mich einer toten Frucht vergleichst,
die ein unsaubrer Geist vom Baume schüttelt.
Doch wenn du strafst – du strafst nicht ohne Grund! –,
hilf mir den Fehl, um den du strafst, verstehn.
Doch du, hast du vergessen, Amaru,
aus welchem Blute ich entsprossen bin?
Verachtest du die heiligen Gelübde
der Gott gelobten Tempelbraut? Wagst du
durch niedriges Gelüst mich zu besudeln?

Amaru

Glaubst du nicht an die Macht des Tonatiuh?
Steht's nicht bei ihm, zu binden und zu lösen?

Tehura

O Weiser, Gottgesandter, du erhebst
und läuterst, was im Niedren dir begegnet,
doch ferne liegt es dir, das Strahlende
zurück in niedren Dunst hinabzustoßen.

Prospero

Vertagt den Zwist. Ich höre Pauken dröhnen. –
Wie wunderlich! Wohl muß es wichtig sein,
was Oro, deinen Vater, an der Spitze
des Volks mit allen Häuptlingen hierherführt.

Unter eintönigem Lärm indianischer Pauken nähert sich eine Volksmenge Eingeborener. Voran eine Gruppe Priester, von Oro geführt; dann Häuptlinge mit prächtigem Federschmuck. In gemessener Nähe wird auf Wink Oros das Trommeln eingestellt. Nach feierlicher Stille und feierlicher Begrüßung beginnt Prospero hochaufgerichtet

Kehrst du so schnell zurück und so gerüstet,
Oro, mein Mittler?

Oro

Großer Wanderer,
zum letzten Male siehst du mich als Mittler,
gerüstet auch, und zwar gerüstet mit
dem einigen Willen meines ganzen Volkes.
Magst du ihn hören, sprich, und ich darf kurz sein.

Prospero

Kommst du zu fordern, denke, daß ich arm bin.
Bringst du mir Bürden, wisse, ich bin schwach.
Bringst du mir Gaben, seien's solche nur,
die eine Bettlerschale fassen kann.

Die indianische Menge

in einem begeisterten Aufschrei

Sei unser König! Herr, sei unser König!

Oro

Du hast den tausendstimmigen Ruf gehört,
o Sonnenheiland! Wie ein heiliger Sturm
hat meines Volkes Seele sich beflügelt
und brausend ihren Willen kundgemacht.
Du siehst, er spült den Damm hinweg, es braucht
jetzt eines Mittlers nicht mehr wie bisher.

Prospero

Ihr dunklen Männer dieser heiligen Insel,
was fällt euch bei? Seht doch mein weißes Haar,
gedenkt der Bürde meiner hohen Jahre.

Die indianische Menge

Sei König, König! Herr, sei unser König!

Pyrrha tritt aus dem Hause, stolz, kühn, befremdet.

Pyrrha

Was ist das für ein Lärm? Was ist geschehn?

Die indianische Menge

Die rote Sonnentochter, seht doch, seht!
Yakka, die Himmelsfrau! Die rote Göttin!

Prospero

Sie wollen mich zum König machen, Pyrrha!

Pyrrha

Du bist erschüttert, bebst. Du weinst, mein Vater?

Prospero

O wüßtest du, mit welchem blut'gen Hohn
das Schicksal mir vernarbte Wunden aufreißt,
was es mir nahm und was es jetzt mir anträgt.
Verwundet durch Verlust, geheilt durch Weisheit,
packt des Geschickes Faust mich nochmals an
und will mich zwingen, ein Geschenk zu nehmen,
das mich zuletzt zum Kinderspott entwürdigt.
Und doch, und doch ... wieviel regt sich in mir
von lieben, eitlen, totgesagten Kräften.
Der Nerv des Herrschers sengt mit Feuer mich,
und während Hohn in meinen Kiefern knirscht,
wütende Scham mir fast den Atem abpreßt,
schießt glühender Triumph in meine Wimpern
und macht mir beide Augen übergehn.

Die indianische Menge

Er weint! Er gleicht dem Gotte in der Sonne!

Oro

nur zu Prospero

Antworte, Herr, das Volk wird stutzig, es
zerspaltet sich sein einiger Wille leicht.

Prospero

Du hast an einen Abgrund mich geführt
und von zwei Dingen mir die Wahl gelassen:
dem Sturz hinunter oder einer Krone.
Was sagt Tehura?

Tehura nimmt aus der Hand Oros eine Binde und legt sie Prospero ums Haupt.

Die indianische Menge

Seht, die Tempeljungfrau
legt ihm die heiligen Binden schon ums Haupt.
Heil unserm Priesterkönig! Heil dem König!

Oro

Oh, König, mir, dem Hohenpriester, ziemt's,
als erster dich mit diesem Ruf zu grüßen.
Und nun gewähre mir die Gnade, dir
als Pfand für ewige Treue das zu bieten,
was auserlesen war, die ersten Weihen
um deine Schläfen dir zu winden. Nimm
das Beste, was ich habe, nimm es hin:
die Königin! von gleichem Gottesblut
entstammt wie du: Tehura, meine Tochter.

Pyrrha

Plagt diesen alten Wilden Wahnsinn, Vater?

Prospero

Was sagt Tehura?

Tehura

Dies nur: nimm mich hin!

Prospero nimmt Tehuras dargereichte Hände. Amaru springt vor und erhebt die Keule, um Prospero zu erschlagen. Er läßt die Waffe jedoch wieder sinken.

Amaru

Dem Lästerer der Götter Krieg, Krieg, Krieg!

Er entspringt.

Prospero

Wer war das?

Oro

Der Empörer Amaru,
der lange schon im Volke tückisch umschleicht
und Zwietracht sät. Er sei verflucht, verflucht! –
Und nun sprich selbst zum Volk, sprich ihm vom Opfer.
Sag, was es hören will, und tu hernach,
was deiner beßren Einsicht würdig scheinet.
Sag etwa: heiligen Gebräuchen treu
soll nun das große Opfer der Versöhnung
alsbald vollzogen sein. Nicht wirst du, sprich,
der Gottheit reinen Blutes Zoll verweigern.
Sprich so, nicht anders, und sie werden dir
den Saum des Kleides küssen, ja, sie werden
sich selig preisen, wenn du sie nur anblickst.

Prospero

Gedenkt des Opfers! Rüstet euch zum Opfer!

Brausender Jubel des Volkes.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.