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In schlechter Form und andere Novellen

Balduin Groller: In schlechter Form und andere Novellen - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
booktitleIn schlechter Form und andere Novellen
authorBalduin Groller
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleIn schlechter Form und andere Novellen
pages103
created20140927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Dame aus dem Kloster.

Beim schwarzen Kaffee, die Zigarettenschachtel vor sich, sitzen zwei Freunde beisammen, der Novellist und sein getreuester Anhänger und Leser, der Professional und der Amateur.

»Heute komme ich doch hoffentlich ungelegen?« fragte der Amateur.

»Warum – hoffentlich?«

»Weil ich dabei gewöhnlich am meisten profitiere.«

»Es wird gebeten – deutlich zu schreiben!«

»Es gehört Ihr kindliches Gemüt dazu, daß Sie meinen Trick nicht schon längst durchschaut haben. Ich komme Ihnen ungelegen, wenn Ihnen etwas durch den Kopf geht. Ich sehe Ihnen das immer gleich an, und mir ist gerade das sehr gelegen.«

»Noch immer dunkel der Rede Sinn!«

»Es läßt Ihnen ja dann doch keine Ruhe, bis Sie mir nicht haarklein auseinandergesetzt haben, was in Ihnen rumort. Das ist mein Profit.«

74 »Sehr liebenswürdig, aber ich glaube, der Spieß ließe sich umkehren. Vielleicht sind Sie dann das Opfer, und ich bin es, der profitiert. Man macht sich eine Sache selbst klarer, wenn man sie ausspricht, sie einer vorläufigen Kritik unterbreitet und sie unter Umständen auf ihre Wirkungsmöglichkeit prüft. Sie haben höchstens den Vorteil, die Sachen dann später nicht mehr lesen zu müssen.«

»Ich weise alle schnöden Verdächtigungen zurück. Sie sind geladen – schießen Sie los!«

»Ich weiß nicht recht – Sie sind doch vielleicht zu früh gekommen, und am Ende bleiben wir dann nach der Exposition stecken.«

»Wir sind, gottlob, noch niemals stecken geblieben. Also – heraus mit Eurem Flederwisch!«

»Gut, versuchen wir's: Eine schwerfällige geschlossene Kutsche hält vor einem reizenden kleinen Palais in der Avenue Villiers.«

»Avenue Villiers – dort hat ja der Munkácsy gewohnt!«

»Vielleicht ist sie mir darum zunächst eingefallen. Wenn Sie mich aber immer so unterbrechen werden, dann sehe ich nicht ab, wie ich mit dem Dichten weiterkommen soll.«

»Ich verstumme bereits.«

»Das Palais ist ein Schmuckkästchen im blühenden Stil der Hochrenaissance. Ein imposanter, goldbetreßter Portier . . .«

»Halt! Bei der blühenden Hochrenaissance hätten Sie sich schon ein bißchen aufhalten dürfen. So ein Palais schildert man doch! Ich habe eine Schwäche für die Hochrenaissance.«

»Ein imposanter, goldbetreßter Portier mit Dreispitz und Silberstab öffnet, sich tief verneigend, den Wagenschlag. Zwei Damen steigen aus, betreten das prunkvolle Stiegenhaus und schreiten dann durch die zu beiden Seiten spalierbildende Dienerschaft die Treppe empor.«

»Schön, aber sagen Sie mal, warum lassen Sie die Geschichte in Frankreich spielen?«

75 »In einem Salon, einem wahren Wunderwerk der angewandten Kunst, lassen Sie sich nieder. Möbel aus nilgrüner Seide, das geschnitzte Holzwerk reich und echt vergoldet . . .«

»So lasse ich mir's gefallen!«

». . . gemusterte blauseidene Tapeten, ein tiefroter, den Fußboden vollständig deckender Teppich, vor einem aus einer Causeuse und zwei Miniaturfauteuils gebildeten Etablissement ein mächtiges Eisbärfell, und . . .«

»Ein wenig bunt – finden Sie nicht?«

»– und alle diese scheinbar auseinanderstrebenden Farben mit künstlerischem Geschmack zu wundervoller Harmonie zusammengestimmt.«

»Ach so! Ich bitte tausendmal um Entschuldigung!«

»An den Wänden kostbare Gemälde guter moderner Meister.«

»Jetzt keine Hiebe mehr – zur Sache!«

»Die zwei Damen bildeten einen seltsamen Kontrast zu der heiteren, glanzvollen Umgebung. Die jüngere von ihnen war mit völligem Verzicht auf irgend eine weltliche Wirkung mit wahrhaft klösterlicher Askese gekleidet. Sie trug ein schlechtsitzendes graues Tuchkleid, das auch nicht eine Ahnung des Schatzes an Schönheit der Formen dieser jugendlich stattlichen Gestalt vermittelte.«

»Schade!«

»Eine ebenfalls schlechtsitzende, wie mit der Holzhacke zugeschnittene graue Tuchjacke verhüllte den Oberkörper –«

»Und verfehlte somit völlig ihren Zweck. Hier wäre das geistvolle Aperçu einzuschalten, daß nicht dazu weibliche Toilette erfunden ward, um weibliche Schönheit zu verhüllen.«

»Ein unförmlicher, abgeschmackter Hut machte es fast unmöglich, das jugendliche Gesicht auszunehmen. Die junge Dame setzte sich bescheiden auf die Kante eines Sessels, hielt die Augen niedergeschlagen und harrte der Dinge, die da kommen sollten.«

76 »Sie scheinen weniger neugierig gewesen zu sein als ich.«

»Die ältere Dame war ebenfalls einfach gekleidet, aber doch schon mit einiger Eleganz; immerhin war aus ihrem Gehaben zu entnehmen, daß es eine Art dienender Stellung sei, die sie einnahm.«

»Höre mich an, Diane,« begann die ältere Dame.

Diane blickte erstaunt auf.

»Du wunderst dich, daß ich ganz unvermittelt du zu dir sage? Ich erfülle einen Befehl, und ich muß alle Befehle buchstäblich erfüllen. Wenige Worte werden alles aufklären. Der Augenblick ist da, wo du alles erfahren mußt. Du bist ein Kind der Liebe. Deine Mutter starb, als du sechs Jahre alt warst. Dein Vater – kein Mensch kennt ihn. Du hast keine Verwandten; du stehst allein auf der Welt, aber dein Vater hat fürstlich gesorgt für deine Mutter und für dich. Nach dem Tode deiner Mutter übernahm Graf Vigny, offenbar ein Freund deines Vaters, die Vormundschaft über dich. Er ist Soldat, jetzt Oberst in Algier. Er ließ dich in ein Kloster bringen, wo du bleiben solltest, bis du eigenberechtigt würdest. Die Methode war ein wenig bequem, aber ein Soldat kann sich nicht viel um die Erziehung eines Mädchens kümmern.«

Diane nickte.

»Ein Gutes hat es vielleicht gehabt,« fuhr die ältere Dame fort, »dein Vermögen hat sich seither verdoppelt. Seit heute bist du eigenberechtigt. Du bist hier Herrin!«

Diane erhob sich.

»Das alles gehört mir?!«

»Alles! Das Haus und die Mittel, es standesgemäß zu führen. Draußen harrt die Dienerschaft deines Winkes gewärtig, im Stalle stehen die edelsten Pferde, in der Remise die Equipagen zur beliebigen Auswahl.«

»Und ich bin die Herrin! Wer aber – sind Sie?!«

»Deine Dienerin.«

77 »Meine Dienerin? Und dennoch – ich bitte um weitere Aufklärung.«

»Ich bin die Witwe eines Hauptmannes. Oberst Vigny hat mich mit der Aufgabe betraut, dir das Haus einzurichten und dich aus dem Kloster zu holen.«

»Schön; aber so spricht doch nicht eine Dienerin mit ihrer Herrin!«

»Und doch hast du über mich zu befehlen, und kannst mich behalten oder wegschicken. Der Oberst befahl mir, dich von Anfang an zu duzen und mich von dir duzen zu lassen. Es werde für deine gesellschaftliche Stellung besser sein, wenn ich gewissermaßen Mutterstelle bei dir einnähme. Man soll mich wenigstens für eine Verwandte halten. Ich heiße Georgine Passy und werde alle deine Befehle erfüllen. Willst du mich fortschicken, Diane? Nun da ich dich aus dem Kloster geholt, bist du frei. Schickst du mich fort?«

»Nein, Georgine, bleibe!«

Georgine küßte dankbar der Herrin die Hand.

»Eine sehr annehmbare Exposition,« geruhte hier der Amateur zu bemerken. »Der Anfang eröffnet Perspektiven. Diane hat ihr ganzes Leben im Kloster zugebracht und nun wird sie plötzlich und ganz unvermittelt in den größten weltlichen Luxus hineingestellt. Brillante Idee! Jetzt wird mir auch klar, warum Sie die Geschichte nach Frankreich verlegt haben. In Frankreich verträgt man schon etwas und weist ein Gericht nicht zurück, weil es vielleicht ein wenig wildelt. Im Gegenteil! Also – nur ordentlich ins Geschirr gelegt!«

»Ich gedachte nicht –«

»Tatata! Nur jetzt keine Schüchternheit! Das Publikum erlaubt viel mehr, als Sie glauben.«

»Zwischen dem Publikum und dem Autor steht noch eine Instanz!«

»Ich sehe schon, ich werde nie aus Ihnen einen großen Dichter machen? Was wollen Sie denn nun eigentlich mit der Dame aus dem Kloster anfangen?«

78 »Das ist so eine Sache! Ich muß mich an die psychologische Folgerichtigkeit halten.«

»Bleiben Sie mir damit vom Leibe! Sie haben Spannung zu wecken und zu unterhalten.«

»Richtig – um ein großer Dichter zu werden!«

»Spotten Sie nur! Wenn ich das könnte, was Sie können, dann sollten Sie mal sehen, was ich daraus zu machen wüßte! Erlauben Sie, daß ich Ihnen ein wenig unter die Arme greife und für Sie weiter dichte?«

»Bitte.«

»Zunächst müssen wir das Frauenzimmer schildern. Sie ist selbstverständlich sehr schön?«

»Sehr!«

»Wir wählen rote Haare?«

»Ich habe nichts dagegen.«

»Tun Sie's mir zuliebe. Ich habe immer eine kleine Schwäche für ›rote Bestien‹ gehabt. Die Augen grün – meergrün und tief wie das Meer.«

»Rot das Haar, grün die Augen – ein wenig bunt!«

»Aber – künstlerisch zusammengestimmt! Die Schöne erkundigt sich also vor allen Dingen, ob das Bad in Bereitschaft sei. – Selbstverständlich! antwortete die Duenna.«

»Wa–as? Sie werden doch die Heldin jetzt nicht baden wollen?!« fragte erschreckt der Novellist.

»Natürlich will ich das! Diane wird aus dem Dunkel plötzlich in das helle Licht gerückt. Da muß sie der Leser sehen und das gleich ordentlich. Er muß wissen, was er an ihr hat. Meine Methode zu dichten sichert uns gleich mehrere Vorteile. Wir kriegen Gelegenheit, ein mit raffiniertem Luxus eingerichtetes Badezimmer und dann, was auch nicht zu verachten ist, ihre Schönheit zu schildern. Also: das Badezimmer schimmerte nur so vom Delfter Porzellan. Die Marmorwanne war in den Fußboden eingelassen. Mächtige Spiegel verhundertfachten –«

»Ich glaube, wir könnten weitergehen!«

»Ein geräumiger, mit einem funkelnden Bokharateppich überdeckter türkischer Diwan lud zur Ruhe nach genommenem Bade.«

»So hätten wir wenigstens das Bad schon überstanden!«

»Keine Idee! Diane warf ihre ungeschlachten Kleidungsstücke von sich, als brennten sie ihre Haut, und als sie dann in voller strahlender –«

Dem Novellisten wurde bei dieser Dichterei angst und bange, und er versuchte es, mit einem ungeduldigen »Schon gut!« abzuwiegeln, aber der Amateur fühlte sich zu gut im Zug, um sich aufhalten zu lassen. Er dichtete unentwegt weiter: »Es war aber auch ein Menschenbild, würdig des Meißels eines Phidias oder Skopas, wohl auch für die zauberische Palette eines Tizian. Das wunderbarste Ebenmaß der Formen, das jemals eines Menschen Aug' erblickt'! Die jugendlichen –«

»Ich werde sofort erröten, wenn Sie nicht aufhören!«

»Ich hätte noch etwas auf dem Herzen von schwellenden, knospenden, berückenden Harmonien, von dem magischen Zauber der Unberührtheit, von –«

»Es ist immer gut, etwas auch noch auf dem Herzen zu behalten.«

»Ich füge mich und eile zum Schlusse: Noch vollendeter in seiner Schönheit war das Bild, als Diane dem Bade entstiegen –«

»Er fängt wieder von vorne an!«

»Ruhe auf der Galerie! – entstiegen und von Georgine mit weichen Tüchern getrocknet, ihr Haar löste, das nun, eine goldrote Flut, in leuchtenden Kaskaden bis weit über die Hüften herabrieselte und den schimmernden Leib wie mit einer Glorie verklärte.«

»Jetzt wird Ihnen aber das Dichten behördlich eingestellt.«

»Ich bin auch schon fertig. Zwar könnte man noch in glühenden Farbentönen aufzeigen, wie dieses Wunder der 80 Schöpfung sich auf dem tiefroten Bokharateppich ausnimmt, aber ich mache keine Kabinettsfrage daraus.«

»Schön. Gebadet hätten wir die Dame aus dem Kloster nun – was fangen wir weiter mit ihr an?«

»Das ist Ihre Sache, teurer Freund.«

»Mich haben Sie nun aber glücklich ganz aus dem Konzept gebracht.«

»Die Sache ist sehr einfach. Der Roman ergibt sich von selbst. Diane hat bisher ihr ganzes Leben qualvoll durchträumt, jetzt erwacht sie, sie hat im Gefängnis, im Dunkel, in der Wüste – wie Sie wollen – geschmachtet. Auf das ›geschmachtet‹ kommt es an. Nun tritt sie hinaus auf die Oase, ins Licht, in die Freiheit! Ein wahnsinniger Durst erfüllt sie, der ungeheure Lebensdurst! Da haben Sie einzusetzen. Ein dankbareres Motiv läßt sich gar nicht denken!«

»Es wird sich nicht machen lassen,« erwiderte der Novellist nachdenklich.

»Warum denn nicht?«

»Gerade Ihre Phantasien machen mir die Unbrauchbarkeit des Motivs klar.«

»Erlauben Sie!«

»Es würde an der Folgerichtigkeit fehlen.«

»Folgerichtig ist, daß man trinken will, wenn man durstig ist. Sie werden aus Dianen eine großartige Lebedame machen, die sich die Welt erobert!«

»Das werde ich nicht. Die Leute in den Klöstern verstehen auch ihr Geschäft. Wenn sie einen Menschen von Kindheit an bis zur Volljährigkeit unter ihrem Einfluß gehabt haben, dann haben sie ihn auch schon ganz für sich gewonnen.«

»Es kann doch aber auch psychologische Wandlungen geben?«

»Die gibt es, aber wahrscheinlicher ist der umgekehrte Prozeß, daß aus alternden Lebedamen fromme Betschwestern werden.«

81 »Und ich habe mich so angestrengt mit dem roten Haar, der prachtvollen Figur, dem exquisiten Badezimmer – schade, schade.«

»Ich kann Ihnen nicht helfen, mein Teurer!«

»Und was gedenken Sie jetzt mit der schönen Diane zu tun?«

»Wir schicken sie ins Kloster zurück.«

»Das ist grausam!«

»Ich kann ihr auch nicht helfen. Übrigens schicke nicht ich sie, sie geht von selber. Sie verzichtet freiwillig auf alle weltliche Lust und sehnt sich nach den Entzückungen der Andacht zurück.«

»Und ihr Vermögen?«

»Vermacht sie frommen Stiftungen.« – –

Der Amateur ging schwer gekränkt von dannen.

 


 

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