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In schlechter Form und andere Novellen

Balduin Groller: In schlechter Form und andere Novellen - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
booktitleIn schlechter Form und andere Novellen
authorBalduin Groller
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleIn schlechter Form und andere Novellen
pages103
created20140927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Fall Gervex.

Der Professor, der Dichter und der Kohlenbaron, letzterer der Einfachheit halber gewöhnlich auch nur der Wucherer, Volksbetrüger und Blutsauger genannt, saßen wieder einmal friedlich beisammen in Venedig und taten sich gütlich im Capello Nero. Sie hatten in Wien die Reise gemeinsam verabredet und sie dann mit raschem Entschluß zur Tat werden lassen, wie schon mehrmals zuvor in früheren Jahren.

In Venedig ist's eigentlich schön erst, wenn man die Stadt und ihre unvergleichlichen Sehenswürdigkeiten schon genau kennt. Da erst gibt's ein Genießen mit Muße und Behagen. Das unbequeme Pflichtgefühl meldet sich nicht mehr. Man wirft keinen Blick mehr in den Bädeker, um sich zu überzeugen, ob man sich nicht doch etwas schuldig geblieben sei. Was der zu erzählen hat, weiß man schon, und nicht einmal der alles wissende Burckhardt wird aufgeschlagen, weil man sich schmeichelt, noch mehr zu wissen. Man läuft die Galerien, Paläste und Kirchen nicht mehr ab, bis einem die Zunge zum Halse heraushängt, und fühlt sich nach gewissenhaft absolviertem Pensum nicht mehr wie 55 gerädert vor lauter erhebendem Kunstgenuß. Sich das Kreuz abschlagen lassen oder zum erstenmal in Venedig nach der Vorschrift Kunst schwelgen, es ist so ungefähr dasselbe. Hat man diese ersten Entzückungen hinter sich, dann kommt man erst den tiefsten Geheimnissen des Kunstgenusses auf den Grund. Man hat den außerordentlichen Vorzug von Myriaden von Kunstwerken begreifen gelernt, der darin besteht, daß man sie ansehen kann – und auch nicht. Man muß nicht mehr. Man hat sein verhältnismäßig nicht allzu reiches Inventar in Ordnung gebracht, an dem ein Stück vom Herzen hängen geblieben ist, und dahin kehrt man immer wieder, ohne Abgeschlagenheit, ohne Lebensüberdruß, mit frischem, fröhlichem, empfänglichem Sinn.

Der Professor, der Kunsthistoriker Seldow, war weitaus der älteste in dem Triumvirat und deshalb, und auch sonst, die Respektsperson in der kleinen Gesellschaft. Er durfte sich schon etwas erlauben und er erlaubte sich. So nannte er beispielsweise den einen seiner Reisegenossen immer nur den Dichter, und es ist doch kränkend, so als Dichter durch die Welt laufen zu müssen, wenn man nur ein einfacher, ganz bescheidener Schriftsteller ist. Jawohl, ein bescheidener Schriftsteller – ich möchte ihm nur Gutes nachsagen und fühle mich verpflichtet, ihn zu lieben, so ungefähr, wie man den Nächsten zu lieben hat.

Der Kohlenbaron endlich war gar kein Baron, ebensowenig wie er ein Betrüger oder ein Blutsauger war. Das ganze Unglück des bürgerlichen jungen Mannes bestand darin, daß er schwer reich war infolge einiger Anteile an einem Kohlenwerke, die im Wege der Erbschaft auf ihn gefallen waren, ohne ihm sonderlich wehe zu tun. In der kleinen Gesellschaft war er ein sehr notwendiges, ja unentbehrliches Element. Sein Los dabei war ein sehr wechselvolles, und er erlebte viele und reine Freuden und doch auch mancherlei Leid. Wenn zwei sich stritten, dann war er der prädestinierte dritte, der sich zu freuen hatte. Und es waren ihm Freuden 56 recht häufig beschieden. Denn der Professor als exakter Historiker blickte ein wenig geringschätzig auf den Dichter herab, den er in Kunstfragen »höchstens« als Ästhetiker gelten lassen wollte. Es war aber auch ein rechtes Kreuz mit dem Dichter. So hat er, um nur eins zu erwähnen, was allerdings gravierend genug war, die fünf verschiedenen Bassano der venezianischen Schule immer und immer wieder durcheinandergeworfen, ohne sie jemals ordentlich zu sortieren, während doch »bekanntlich« Jacopo Bassano, eigentlich Jacopo da Ponte, im Jahre 1510 das Licht der Welt erblickte und zu unserem tiefstem Schmerze und höchstem Bedauern am 13. Februar 1592 die Augen für immer schloß, blühten Francesco, Leandro – aber ich sehe gar nicht ein, warum ich hier die Geschäfte des Professors besorgen soll. Er soll nur selber sortieren, was er ja ausgezeichnet versteht.

Der Dichter rächte sich dann wieder oder versuchte es wenigstens, indem er die Kompetenz des Historikers in Sachen des Urteils und der Ästhetik überhaupt anzweifeln wollte. Das waren die guten Zeiten für den dritten, den Ausbeuter, es kamen aber auch die schlimmen, die kummervollen. Ich glaube nämlich, es als eine kummervolle Sache bezeichnen zu dürfen, zwischen zwei Mühlsteinen zerrieben zu werden, was dem unglücklichen Volksbetrüger in der Regel täglich zweimal widerfährt, einmal vor dem Essen und einmal nach dem Essen. Überhaupt – der dritte! Er mag ja wirklich ein gutes Leben haben, wenn zwei sich streiten, aber im ganzen – es ist doch kein Leben. Die Sache hat ihren Haken. Ein Schatz tiefer Lebenserfahrung vermittelt uns die Erkenntnis, daß, wenn zwei sich streiten, sie schließlich mit besonderer Vorliebe und viribus unitis über den dritten herfallen, um ihn nach allen Regeln der Kunst und Wissenschaft zu verhauen. Wie sich da nun das Sprich- und Wahrwort von den Wonnen des dritten rechtfertigen will, das weiß ich nicht, geht mich auch nichts an. Darüber kann ja, wenn er will, der dritte sich den Kopf zerbrechen.

57 Die drei saßen also vergnüglich im Capello Nero, ganz glücklich, Venedig zu genießen, ohne sich todmüde gelaufen zu haben, als plötzlich der Professor seine beiden Genossen anstieß und sie auf einen alten weißhaarigen Mann aufmerksam machte, der eben an ihrem Fenster vorbeiging. Die Genossen blickten den Professor ein wenig verständnislos an, nachdem sie sich den Alten angesehen hatten. Nichts besonderes, höchstens ein brauchbares Modell für einen bärtigen Alten. Das noch dichte und lange Haar silberweiß, ebenso der mächtige Bart, der Gang aufrecht, die Gewandung recht ärmlich.

Der Professor hatte es nun aber auf einmal sehr eilig. Es mußte sofort gezahlt und aufgebrochen werden.

»Ich muß einmal seiner habhaft werden!« rief er, und sie machten sich nun an die Verfolgung des Alten, der inzwischen einen ganz erheblichen Vorsprung gewonnen hatte.

Wenn man seine Grundsätze hat, muß man für sie auch leiden können. Die drei Freunde hatten eine tiefere und bessere Einsicht in Sachen von Venedig als der Troß der Reisenden, insbesondere der Hochzeitsreisenden. Ihr Grundsatz war: nach Venedig muß man nicht im Frühjahr, nicht im Herbst und nicht im Winter gehen, nach Venedig geht der Kenner im Sommer. Denn in Venedig friert man gerade so gut wie anderswo, nur noch etwas mehr. Eine Ansicht, wie eine andere. Wenn man aber zu ihr schwört, dann muß man ihre Konsequenzen tragen und darf sich über sie nicht beklagen.

Man war im Juli. Vom wolkenlosen stahlblauen Himmel brannte die Sonne in ihrer schönsten venezianischen Pracht hernieder, und insbesondere der Leuteschinder hatte eine leichte Neigung zum Fettansatz. Alle Grundsätze in Ehren, aber an einem Hochsommernachmittag, an dem sich der venezianische Himmel herrlich bläut, ein Verfolgungsrennen über Wege und Stege und Brücken Venedigs aufzunehmen – ich weiß nicht, ganz das richtige Vergnügen ist's am Ende doch nicht.

58 Der bärtige Alte ging gar nicht langsam, und der Kohlenbaron wagte den schüchternen Vorschlag, irgend einen Gassenjungen zu engagieren, der dem Alten nachlaufen und ihn zum Stehen bringen sollte. Davon wollte der Professor nichts wissen. Die größte Vorsicht sei geboten, sonst entwische ihm der Mann wieder. Also nur immer feste! »Wir müssen ihm nachsteigen!«

Nachsteigen! Der Kohlenbaron und der Dichter hatten irgend einmal irgendwo irgendetwas gehört, daß man gelegentlich allerdings nachsteige – einer schönen Frau, aber einem schnellfüßigen bärtigen Alten im niederträchtigsten Sonnenbrande in Venedig, das hatten sie noch nicht gehört. Der Professor gab Erläuterungen, die den Dichter allerdings mehr interessierten, als den Kohlenbaron. Der Dichter war nämlich besser trainiert und hatte weniger mit dem Atem zu kämpfen.

Der Alte, der in beträchtlichem Abstand vor ihnen herlief und auf den sie immer nur aufzupassen hatten, daß sie ihn nicht aus den Augen verloren, war der Maler Gustav Wertner, ein alter Jugendfreund des Professors. Vor dreißig Jahren hatten sie zusammen Kunstwissenschaften an der Wiener Universität studiert. Da sprang aber Wertner aus der kunstwissenschaftlichen Kutte, sattelte um und ging auf die Akademie. Es machte sich brillant. Er war »das« Talent der Engerth-Schule; man setzte die größten Hoffnungen auf ihn und erwartete das Höchste von ihm. Er ging dann – vielleicht etwas zu früh – nach Paris. Dort quälte er sich zwanzig Jahre herum, ohne durchdringen zu können, und dann gab er entmutigt und heruntergekommen den Kampf auf. Er zog nach Venedig und wurde Handwerker, Lohnsklave der allertraurigsten Kategorie.

»Was treibt er denn?«

»Seit mehr als zehn Jahren kopiert er für einen kleinen Kunsthändler abwechselnd die Assunta und die Sta. Barbara in kleinem Format. Das sind, wie sie es auch verdienen, 59 die beiden gangbarsten Bilder in Venedig. Einen Tag die Assunta, einen Tag die Barbara, mehr Zeit als einen Tag kann er an eine Kopie nicht wenden, und er macht sie natürlich längst zu Hause und auswendig. Den besseren Tag hat er, wenn er die Barbara malt. Denn die gibt weniger Arbeit. Einträglicher freilich ist die Assunta, für die er zehn Lire kriegt, während die Schutzpatronin der Artilleristen nur fünf Lire einbringt.«

»Das ist entsetzlich!«

»Es ist entsetzlich, aber man hat doch niemals eine Klage von ihm vernommen. Er hat abgeschlossen, er ist fertig mit sich und mit dem Leben. Wir andern, und ist man auch so ein alter Esel geworden wie ich, wir erwarten doch immer noch etwas, wir hoffen noch, und wäre es auch noch so blödsinnig, noch immer zu hoffen. Über all das ist er hinaus. Wir haben da einen Menschen, der da lebt, in olympischer Ruhe lebt – ohne Hoffnung! Mein lieber Dichter, das ist etwas, was wir gar nicht begreifen, worin wir uns gar nicht hineindenken können!«

»Ich reklamiere für mich die Freiheit und die Fähigkeit, mich in alles, was ich will, hineinzudenken.«

»Verzeihung! Ich wollte dem guten Ruf Ihres Geschäftes nicht schaden.«

»Und vielleicht den Absatz meines reich assortierten Lagers schädigen.«

»Gewiß nicht.«

Der Kohlenbaron stöhnte und zerfloß in der Hitze.

»Es ist wahr,« gab der Professor bereitwillig zu, »es scheint wirklich, die Kälte hat sich gebrochen. Wir haben aber auch schon ein gutes Stück aufgeholt.«

»Warum laufen Sie ihm denn eigentlich nach, Herr Professor?«

»Ich will ihn sehen, ihn sprechen, womöglich in seine Behausung eindringen. Vielleicht kann ich ihm doch nützlich 60 sein, ihm irgendwie an die Hand gehen. Ich habe Respekt vor dem Menschen, aber er läßt einen nicht 'rankommen.«

»Dann würde es sich vielleicht empfehlen, ihn wirklich in Ruhe zu lassen«, meinte der Kohlenbaron, allerdings nicht ganz ohne eigennützige Absicht.

Der Professor ließ aber nicht locker, sondern lief weiter und zwang so die beiden andern mitzulaufen. Da verschwand der Alte plötzlich in einer Haustür und der Kohlenbaron rief aufatmend: »Er ist uns entschlüpft!«

»Keine Idee!« beruhigte der Professor. »Da wohnt sein Kunsthändler. Wir bleiben ruhig auf dem Posten, bis er wieder herauskommt.«

Und während sie so warteten, erzählte der Professor weiteres von seinem Freunde. Er habe ihn seit der Universitätszeit nicht wieder gesehen, und nun habe er ihn auf den ersten Anblick doch sofort erkannt.

»Hatten Sie auch alle Fühlung mit ihm verloren?«

»Ich hatte sie verloren für sehr lange Zeit, aber seitdem er in Venedig ist, stehen wir in recht lebhaftem Briefwechsel.«

»Ah?!«

»Aber dieser Briefwechsel ist im allgemeinen recht unpersönlich. Das Persönliche lese ich immer nur zwischen den Zeilen heraus. Es handelt sich dabei ausschließlich um kunstwissenschaftliche Fragen, die ich stelle und die er beantwortet. Er ist nämlich der beste Kenner venezianischer Kunst, der dermalen auf den Beinen ist. Der, mein lieber Dichter, wirft die Bassani niemals durcheinander!«

»Sitzt! Gehen wir weiter!«

»Er kennt jedes Bild in Venedig, und nicht nur jedes Bild, sondern jeden Pinselstrich, jeden echten und jeden falschen. Er kennt jede Stelle, die übermalt ist, und er kennt auch jede falsche Bezeichnung, deren Zahl Legion ist. Er hat mir mit seinen Kenntnissen ganz unschätzbare Dienste geleistet.«

»Und haben Sie niemals versucht, ihm auch persönlich wieder näher zu treten?«

61 »Wiederholt. In früheren Jahren jedesmal, wenn ich nach Venedig kam. Später habe ich dann allerdings die Versuche aufgegeben. Es hieß nämlich, so oft ich vorsprach, er sei nicht zu Hause. Endlich merkte ich dann doch die Absicht, ohne aber verstimmt zu werden. Er empfängt wohl überhaupt niemand bei sich zu Hause. Seine Briefe blieben immer gleich liebenswürdig und anziehend.«

So plauderte der Professor weiter, bis die drei den Alten wieder aus dem Hause treten sahen. Er war noch mit seiner Börse beschäftigt, in der er einen wohl eben empfangenen Geldbetrag unterbrachte. Als er sie eingesteckt hatte, setzte er sich wieder in Bewegung. Die Aufpasser hatte er nicht bemerkt. Die setzten nun das Nachsteigen unentwegt fort.

»Was haben Sie jetzt eigentlich vor mit ihm, Herr Professor?« fragte der Dichter.

»Das weiß ich selbst noch nicht recht. Ich vermute, daß er sich jetzt nach Hause begeben wird –«

»Wo wohnt er denn?« forschte der Kohlenbaron.

»Calle Zattere 871.«

Der Kohlenbaron seufzte auf. »Wäre es da nicht schicklicher, wenn wir zwei, die wir ihn nicht kennen, uns beizeiten zurückzögen?«

»O Sie stören mich gar nicht!« versicherte der Professor mit evangelischer Milde. »Es ist vielleicht sogar besser, wenn Sie mit dabei sind.«

»Und wenn er sich nach Hause begibt?« inquirierte der Dichter weiter.

»Ich denke, daß ich ihn bei seinem Haustore überfalle und eine Erkennungsszene herbeiführe. Dann kann er doch wohl nicht anders, als mich mit zu sich hinaufbitten.«

»Das sind ein wenig unklare Perspektiven für uns!« meinte der Dichter mit einem Seitenblick auf den unglücklichen Kohlenbaron.

»Das macht gar nichts, ich versichere – gar nichts!« beteuerte der Professor wieder in seiner unerschöpflichen Güte.

62 Der Kriegsplan kam zunächst nicht zur Ausführung. Der Alte schwenkte nach dem Markusplatz ab und zwei Minuten später saß er unter der Loggia vor dem Café Florian.

»Auch gut,« sagte der Professor und ging direkt auf ihn zu. Es kam zu der Erkennungsszene, die sogar einen herzlichen Charakter annahm; es erfolgte die Vorstellung und nun hatten die beiden Genossen des Professors, und vielleicht dieser selbst auch, Gelegenheit gewisse Vorstellungen und vorgefaßte Meinungen sofort zu berichtigen. Das war gar kein Sonderling, der sich vor der Welt verschließt und mit ihr abgeschlossen hat, kein verzweifelter Lohnsklave, der mürrisch, verzagt unter dem Joche keucht, das war ein Mann von Welt, der freien Geistes über alles plaudern, freien Gemütes über vieles lachen konnte.

Der Dichter dachte sich, wenn doch er auch schon so zugrunde gegangen wäre!

Der Aufwärter brachte dem alten Maler einen ganzen Stoß französischer Tageszeitungen. Dieser winkte aber ab, und bat, ihm die Blätter auch morgen noch zur Verfügung zu halten. Die andern protestierten; die Blätter sollten nur da bleiben, und Herr Wertner solle nur ruhig lesen. Das wäre noch schöner! Man werde doch nicht stören!

Wertner entschuldigte sich. Der Kellner wisse, daß er seit einigen Tagen alle Pariser Zeitungen zu bringen habe; verlangt hätte er sie heute, jetzt, gewiß nicht. In so angenehmer Gesellschaft werde er sich doch nicht in Zeitungen vertiefen.

Einerlei, meinten die anderen, Zeitung lesen muß der Mensch!

»Im allgemeinen wohl nicht,« entgegnete Wertner, »aber da spukt eine Sache –«

»Richtig – seit einigen Tagen – was ist denn los?«

»Eine Geschichte, die mich sehr interessiert. Das Schlagwort lautet – wie ich glaube, sehr mit Unrecht – der Fall Gervex.«

63 Der Fall Gervex! Von dem wußten ja die andern auch! Nun las alles. Nach den Tagesblättern kamen die illustrierten Journale daran, und darüber verging die Zeit. Die Abendschatten wurden länger, die Luft kühlte sich angenehm ab. Es war nun doch Zeit geworden, daran zu denken, was mit dem Abend begonnen werden sollte. Der Professor schlug vor, selband beim Cavalletto ein trauliches Symposion zu halten, aber Wertner lehnte entschuldigend ab. Er sei aus dem Wirtshausleben so ganz heraus, es ginge ihm ganz wider den Strich; man solle nicht böse sein, aber es würde ihm der ganze nächste Tag verdorben werden.

Dagegen ließ sich nicht gut etwas sagen, aber sündhaft, schade wäre es doch, meinte der Professor, wenn man nun, da man sich einmal so glücklich getroffen habe, gleich wieder auseinander gehen wollte.

»Es wäre mir eine Freude,« erwiderte Wertner, »wenn wir beisammen bleiben könnten, und es ließe sich machen, wenn die Herren vorlieb nehmen wollten mit dem, was ein alter Junggeselle in seinem einsamen Heim in aller Geschwindigkeit aufzubringen mag.«

Die unerwartete Einladung wirkte überraschend. Sie wurde einfach und herzlich vorgebracht und machte gar nicht den Eindruck, als sei sie durch die Umstände erpreßt worden. Der Professor wechselte mit seinen zwei Genossen einen raschen Blick des Einverständnisses und zeigte sich auch sonst ganz auf der Höhe, indem er die Affäre gleich ins richtige Fahrwasser bog.

»Ausgezeichnet!« sagte er. »Mit Dank angenommen. So läßt sich's machen. Wir haben zwar unsere Gedecke beim Cavalletto schon bestellt und müßten sie bezahlen, auch wenn wir wegbleiben, aber nach guter deutscher Art sind wir entschieden dagegen, daß dem Wirt etwas geschenkt werde.« Dann wandte er sich an den Kohlenbaron: »Sie, lieber Schandfleck der Menschheit, Sie werden die Güte haben, auf beflügelter Gondel hinzueilen und zu veranlassen, daß uns 64 unsere Kuverts nachgefahren werden, oder Sie werden sie in Ihrer Gondel gleich selber mitbringen. Sie werden darauf achten, daß das Menu durchweg ein kaltes sei; Sie verstehen – natura kalt, nicht nur positione. Und dann, geschätzter Ausbeuter, vergessen Sie nicht – Chianti und vino d'Asti spumante quantum satis

Der Kohlenbaron hatte sofort verstanden und er war sehr glücklich über seine Mission. So konnte er doch wieder angenehm gondeln, während die anderen doch wieder zu Fuße laufen würden. Und nun gar bis Calle Zattere 871! Und überhaupt diese Calle Zattere! Sie hatten immer einen unheimlichen Eindruck auf ihn gemacht. So furchtbar still. Dort hört die Weltgeschichte auf. So stellte er sich die Küste von Portugal vor. Dort hat auch die Welt ein Ende. Man setzt sich an den Uferrand und läßt die Beine in die Unendlichkeit hinausbaumeln.

Eine Stunde später saß die Gesellschaft wieder vereint um den nun wohlbesetzten Tisch in Wertners Atelier. Das war ein stattlicher Saal mit einem Deckengemälde, das gewöhnlich als Tiepolo angesprochen wurde. Wertner lächelte dazu und entschied kurz und bestimmt: »Ist in seinem Leben kein Tiepolo gewesen!« Der Saal war elektrisch taghell beleuchtet. Das kalte Licht einer mächtigen Bogenlampe wurde angenehm warm abgetönt durch zahlreiche kleine Glühlampen.

Man aß und trank und unterhielt sich zwanglos und zwischendurch wurden episodistische Entdeckungsreisen durch das Atelier gemacht. Viel gab es freilich nicht zu sehen. Ein einziges großes Bild hing an der Wand, und das war durch einen grünseidenen Vorhang verhüllt. Auf mehreren Staffeleien standen kleine Nachbildungen der Assunta und der Sta. Barbara.

Der Kohlenbaron hatte die vernünftige Idee, darauf anzuspielen, daß er gerne einige dieser »Vortrefflichen Kopien« als Andenken mitnehmen möchte. Wertner war's zufrieden, 65 und die beiden andern, wahrnehmend, daß sich da eine geschäftliche Transaktion abzuwickeln im Begriffe sei, redeten wohlweislich nichts darein, höchstens, daß sie den Kohlenbaron durch einige harmlose Zwischenbemerkungen ein wenig hineinhetzten.

»Kostenpunkt?«

»Hundert Lire das Stück.«

Der Kohlenbaron nahm seine Brieftasche heraus und übergab dem Künstler einen Tausendlireschein. Er möchte, wenn es anginge, noch einige andere seiner Lieblingsbilder in ähnlicher Weise kopiert haben, so einen näher bezeichneten Carpaccio, einen Cima da Conegliano, einen Bellini u. s. f.

Der Dichter, der immer darauf aus ist, »Züge« zu sammeln, notierte sich deren zwei auf die Tafel seines Gedächtnisses. Nr. 1: Die Kapitalistenbrut wird sich doch manchmal ihrer Verpflichtungen bewußt, und wie der Kohlenbaron, der da wußte, daß der Tarif des Künstlers sonst fünf und zehn Lire für das Stück sei, ohne mit der Wimper zu zucken, hundert Lire für das Stück erlegte und dann zu demselben Preise noch weitere Bestellungen machte – das hatte er eigentlich doch sehr hübsch gegeben.

Zug Nr. 2: Auf dem großen Schnürboden Venedig hatte auch der wackere Künstler das Schnüren gelernt. Man brät die Wurst nach dem Manne. Man malt zwar sonst für fünf und für zehn Lire, aber wenn der Mann danach ist, verlangt man auch hundert!

Diesen letzteren Zug mußte der Dichter allerdings nach späterer Aufklärung, die der Professor erteilte, wieder ausradieren und korrigieren. Der Kunsthändler, der das kleine Honorar bezahlte, konnte es dem Künstler nicht verbieten, auch an Privatkundschaften zu liefern, wenn sich solche fänden, aber er hatte sich ausbedungen, daß dann mindestens hundert Lire für das Stück bezahlt werden müsse. Sonst würde ihm das Geschäft verdorben werden. Er verkaufte ja auch das Stück zu hundert Lire, und da mußte er noch den Rahmen dazu geben, der Arme!

66 Als der königliche Wein von Asti in den Gläsern perlte, wurde der Fall Gervex wieder aufgenommen, der doch in allen noch nachrumorte.

»Es ist ein europäischer Skandal!« rief der Professor, der warm geworden war. »Ein berühmter Pariser Rechtsanwalt beleidigt eine Dame in ihrer Frauenehre. Die Dame ist in der Lage, sofort prompt und unwiderleglich zu beweisen, daß ihr unrecht getan worden sei. Trotzdem weigert sich der Anwalt, sein Unrecht zu bekennen und die geforderte Erklärung abzugeben, und nicht nur das – es hat sich in ganz Paris kein Rechtsfreund finden lassen, der es übernommen hätte, gegen den schuldigen Anwalt zu plädieren, so daß die Dame gezwungen war, allein und ohne Rechtsbeistand ihre Sache vor Gericht zu führen. Das sind ganz unerhörte, verrottete Zustände – echt französisch!«

»Es ist eben nicht französisch!« entgegnete Wertner. »Und darum ist mir die Sache so schwer verständlich. Ich suche immer und warte, daß irgend ein Nebenumstand bekannt werde, der hier vielleicht das Gewicht eines entscheidenden Hauptumstandes gewinnen könnte. Ich kenne den Mann persönlich. Man wird in Paris ohne Talent und ohne Geschmack nicht ein berühmter Anwalt, und ein solcher Mann, ein Franzose, der, eines gröblichen Unrechts an einer Dame überwiesen, nicht sofort und freiwillig amende honorable leistet – das ist ein unwahrscheinlicher Fall. Ein solcher Mann würde sich selbst richten, sich selbst um einen Kopf kürzer machen, und das wäre, da es sich hier um einen feinen Kopf handelt, recht schade.«

»Die Tatsache besteht aber!«

»Sie ist aber nicht klar. Schon der Umstand, daß kein Rechtsanwalt gegen ihn auftreten wollte, gibt zu denken.«

»Das macht die Manneszucht des Standesbewußtseins.«

»Ich glaube nicht daran. Damit würde man den ganzen Stand verurteilen. Es gibt kein Standesinteresse, das durch ein Unrecht gestützt oder gefördert werden dürfte.«

67 »Und dann ist es auch noch die Frage,« mischte sich der Kohlenbaron hinein, »ob es gleich schlechtweg eine Ehrenbeleidigung ist, wenn von einer Dame behauptet wird, sie habe einem Künstler das Gnadengeschenk ihrer Schönheit geboten, indem sie ihm Modell stand.«

»Davon wollen wir gar nicht reden,« erwiderte Wertner, »sonst werden wir niemals fertig. Tatsächlich muß man aber die Behauptung zurücknehmen, wenn ihre Unwahrheit erwiesen ist.«

Auch der Dichter gab nun seinen Senf dazu. »Daß hier wirklich eine Ehrenbeleidigung begangen wurde, steht ganz außer allem Zweifel. Gervex' Bild ist vor reichlich fünfzehn Jahren entstanden. Die Dame müßte mindestens um zehn Jahre älter sein, als sie tatsächlich ist, wenn sie zu dem Bilde Modell gestanden haben soll. Das ist aber nichts Geringes. Einer Dame zu ihrem Alter fälschlich noch zehn Jahre dazuzudichten, das ist eine Infamie, für die es keinen Ablaß gibt, und die man sich nicht gefallen zu lassen braucht. Vielleicht wird die leidenschaftliche Energie, mit der der Kampf ums Recht geführt wird, erst dadurch vollends verständlich.«

Wertner lächelte in seiner milden Weise, aber doch auch ein wenig spöttisch.

»Die Psychologen finden gewöhnlich das Entlegene zuerst heraus. Vergessen wir nicht, daß das Bild eine weibliche Figur darstellt, die nur mit einer Halbmaske bekleidet ist!« Er machte eine kleine Pause und fuhr dann mit einiger Bitterkeit fort: »Was dieser Gervex doch für ein Glückspilz ist! Zum zweitenmal ist die ganze Welt auf über den Fall Gervex, der dieses Mal eigentlich gar kein Fall Gervex ist!«

»Zum zweitenmal?«

»Natürlich! Das erste Mal war es, als er sein Bild ausstellte. Es ist kein Höhenwerk. Der Akt ist eine anständige Arbeit, mehr nicht. Die Welt wäre achtlos daran vorübergegangen, wenn er den, im Grunde recht 68 unkünstlerischen Genrezug, die Halbmaske, nicht angebracht hätte. Um die Aktstudie hätte sich kein Mensch gekümmert, aber die Gesichtsmaske – holla! – das ändert die Sache! Eine Dame der Gesellschaft, die ihre leibliche Schönheit darstellen läßt, aber nicht erkannt sein will. Das muß herausgebracht werden, wer das ist. Das ist zu interessant! Man zerbrach sich die Köpfe, man redete, man schrieb, und da ward Gervex berühmt, weltberühmt. Man riß sich um seine Bilder, allen voran die Amerikaner. Gervex war ein gemachter Mann und ein anerkannter Künstler. Er lacht sich ins Fäustchen. Nicht im Ringen nach den höchsten Zielen errang er den Erfolg, er dankt ihn einem raffinierten Witz. Wer die Gesamtharmonie begnadeter Frauenschönheit darstellen will, wird nicht das Antlitz mit einem schwarzen Klecks verdecken. Dieser, gerade dieser eine Zug zieht das Bild herunter auf ein Gebiet, das mit der reinen hohen Kunst nichts mehr gemein hat. Die Dame ist nicht mehr nackt, sie ist entkleidet, und es ist nicht die sieghafte, souveräne Macht der Schönheit, die da in die Erscheinung tritt, sondern die Eskapade einer Dame der Gesellschaft, die die Welt intrigieren will, mutwillig, frivol. Und der Künstler geht mit, und beide freuen sich auf die Konjekturen, den Klatsch, auf die erregte Lüsternheit der Menge. Wir sind jenseits der Grenze der Kunst. Das ist die Philosophie von der maskierten Dame.«

Die Gäste sahen sich an, als Wertner so nach und nach in Hitze geriet, und ihre Vermutung, daß es da irgend ein verborgenes persönliches Motiv geben müsse, das ihn so errege, sollte bald seine Bestätigung erfahren. Der Künstler erhob sich und zog die Schnur des grünseidenen Vorhanges, der bis dahin das Bild an der Wand verdeckt hatte.

»Sehen Sie sich das Ding an,« sagte er nun schon beinahe trotzig, »das ist auch so etwas, wie ein Fall Gervex – nur etwas anders, und zehn Jahre vor dem Fall Gervex.«

Es war ein ungemein anziehendes Gemälde, von zwingender Schönheit der ganzen Anordnung und koloristisch ein 69 wahres Sprühfeuerwerk. Es erklärte sich auch sofort selbst und ohne Kommentar. »Der Blumen Rache,« flüsterten sich die drei Gäste zu. Ein junges Weib von unsagbarem Reiz auf schneeigem Lager – entseelt. Das Gemach über und über angefüllt mit herrlichen Blumen, vielleicht die Trophäen eines großartigen künstlerischen Triumphes vom Vorabend. Wie da die Morgensonne zum Fenster hereinschien, die goldigen Lichter auf dem süßen entschlafenen Antlitz spielen, die reiche Blumenpracht farbig aufglühen ließ; wie das Weiß behandelt war, das Fleisch, die edlen Teppiche und bei aller künstlerischen Unterordnung all die funkelnden Nebensachen – das alles ließ auf eine ganz außerordentliche Begabung schließen.

Die drei Freunde waren einig: ein herrliches Werk!

»Ja, es war ein ganz talentvoller Bursche,« sagte Wertner, nun schon wieder ganz gleichmütig. »Schade um ihn, es hätte etwas aus ihm werden können.«

»Wer das gemacht hat, aus dem war schon etwas geworden,« erklärte der Professor.

»Es wäre ein Anfang gewesen. Der arme Kerl ist darüber nicht hinausgekommen. Er ist gestorben, in meinen Armen gestorben.«

»Wie hat er denn geheißen?«

»Es kommt nicht darauf an. Er hatte noch keinen Namen, er wollte sich erst einen machen – es ist aber nicht dazu gekommen.«

»Und wie kann diese vornehme Arbeit in Beziehung gebracht werden zu der Dame mit der Maske, zu dem Fall Gervex?«

»Die Ideenassoziation ergibt sich für mich ungezwungener, als ich es im Interesse des toten Künstlers gewünscht hätte. Es war nicht der Kunstgehalt des Maskenbildes, der Gervex berühmt gemacht hat.«

»Schon da scheint mir die Analogie nicht zu stimmen,« warf der Professor ein. »Ihr toter Freund hätte solcher Kunstgriffe nicht bedurft, um berühmt zu werden.«

70 »Das sagt sich leicht – hinterher. Wenn aber einer mitten im Kampfe steht unter Hunderten, Tausenden, dann wird er sich nur zu bald klar über die völlige Aussichtslosigkeit des ganzen Kampfes. Er kann nur von dem Zufall etwas erhoffen, und das ist dann gerade so, als wenn er auf einen Haupttreffer hoffte. Tausend arme Mädel gehen zum Ballett, alle mit überschwenglicher Hoffnung – und wie viele von ihnen bringen es zur Prima ballerina? Zu dem großen jährlichen Wettlauf im Pariser Salon stellen sich immer Tausende von Malern – ach, es genügt nicht, etwas zu können, man muß auch Glück haben.«

»Wir warten auf die Analogie.«

»Ich bin dabei. Das Bild hätte vielleicht eben so berühmt werden können, wie die maskierte Dame, es ist aber niemals ausgestellt worden.«

»Erzählen Sie.«

»Es ist ein kleiner Roman oder –« mit einem Seitenblick auf den Dichter – »es könnte einer daraus gemacht werden. Der junge Künstler hatte sich in dem trostlosen Kampfe um den Erfolg schon nahezu aufgerieben. Mit diesem Bilde wollte er die letzte Anstrengung machen. Es war fertig bis auf den Kopf, zu dem er kein passendes Modell finden konnte, als es ein junger französischer Aristokrat, der dem Künstler wohlwollte, im Atelier sah. Er war entzückt davon und stellte sicheren Erfolg in Aussicht – unter einer Bedingung: das Bild müsse zu einer cause célèbre gemacht werden. Wie denn? Man inszeniert einen kleinen Skandal, indem man der poetischen Figur die Züge irgend einer bekannten Schönheit leiht. Die Zeitungen werden das aufgreifen, das Publikum wird debattieren, der Künstler riskiert eine Anklage oder einen Degenstich, aber er kann sich nichts Besseres wünschen. Alles wirkt mit zu einer ungeheuren und sehr wirksamen Reklame. Sonst werde das Bild ja auch seine Freunde finden, aber es werde kein Loch in die Welt schlagen. Davon wollte der Künstler nichts wissen, aber der 71 Zufall führte ihn doch in Versuchung. Eines Tages brachte der aristokratische Mäcen seine Schwester mit ins Atelier; er wollte ihr Porträt gemalt haben. Der Künstler war tief erregt. Das war das Modell, das er so lange mit unbeschreiblicher Sehnsucht gesucht hatte. Er verriet sich nicht und begann das Porträt zu malen. Bei einer der Sitzungen, die ja für die junge Dame recht ermüdend gewesen sein mochten, war sie in einer Ruhepause auf dem Diwan eingeschlafen. Der Kopf mit den spielenden Lichtern war von bezaubernder Schönheit. Sie waren allein im Atelier. Der Künstler nahm rasch eine frische Leinwand zur Hand. So wie der Kopf lag, lag er gerade recht für seine Komposition. Mit angehaltenem Atem und leidenschaftlicher Ergriffenheit malte er den Kopf herunter, und hatte ihn für sein Bild gewonnen als sie erwachte. Und so ward dann, ohne daß der Maler und das unfreiwillige Modell etwas davon erfahren hätten, das Bild fertig, an dem die letzte Hoffnung, eine Zukunft hing.«

»Und dann wurde es doch nicht ausgestellt?« fragte der Dichter.

»Das weitere könnten Sie ja dazu dichten. Prozeß, Duell, Sieg – wie Sie glauben. Ein Künstlerroman!«

»Eher eine Novelle, und auch da müßte ich von meinem Standpunkt darauf bestehen, daß es zu all den geräuschvollen Explosionen gar nicht komme. Ich ziehe den stillen und tiefgehenden psychologischen Konflikt vor. Nun hat der Künstler das sichere Mittel, sich durchzusetzen, in der Hand und wendet es nicht an.«

»Weil es ein edler Mensch ist, wie Sie gütigst zu verstehen geben wollen. Das lasse ich nicht gelten. Der Kassierer, der sich mit einem Griffe bereichern könnte und es doch nicht tut, ist deshalb noch kein edler Mensch.«

»Aber ausgestellt wurde das Bild doch nicht!«

»Der Künstler – ich sagte es Ihnen ja schon – ist bald darauf gestorben. Lassen wir ihn ruhen. Die Geschichte ist aus.«

72 »Nein,« widersprach der Professor, »sie soll noch nicht aus sein. Erzählen Sie uns keine Romane, lieber Wertner. Der junge Künstler waren Sie, und Sie waren zu redlich, sich den Erfolg auf solche Art zu erzwingen. Nun ist aber seither ein Vierteljahrhundert verflossen. Kein Mensch wird das Modell mehr wiedererkennen. Sehen Sie sich nur unseren jungen Freund, den Kohlenbaron, an. Er kann die Augen nicht wegbringen von dem Bilde. Er brennt ja darauf, das Bild zu kaufen. Sie, teurer Auswurf der Menschheit –!«

»Hier! Wer ruft?«

»Ich. Sie möchten das Bild kaufen?«

»Mit tausend Freuden!«

Wertner lachte. »Das ist keine Kopie –«

»Zu hundert Lire – wir wissen das. Sie kennen aber unsern Freund schlecht, mein lieber Wertner, wenn Sie glauben, daß er über einen Preis von zwanzigtausend Frank – so ungefähr taxiere ich den Wert – erschrickt, wenn ihm ein Bild gefällt. Habe ich recht, Kohlenbaron?«

»Vollkommen!«

»Und der Preis?«

»Einverstanden, und ich danke noch für die gnädige Behandlung.«

»Also Sie sehen, Wertner. Lassen Sie ein vernünftiges Wort mit sich reden. Schlagen Sie ein. Sie können wieder zu schaffen anfangen, Sie werden wieder – der Kunst zurückgegeben.«

Wertner schüttelte den Kopf. »Es ist zu spät. Der junge Künstler ist tot und der alte kann nicht mehr anfangen.«

»Wertner, befreien Sie sich!«

»Wer in der Gefangenschaft alt geworden ist, hat aufgehört, sich nach der Freiheit zu sehnen. Ja, er sehnt sich zurück, wenn er herauskommt.«

»Wertner – das schöne Geld!«

»War nie meine Sehnsucht.«

73 »Denken Sie an Ihre Zukunft!«

»Die habe ich hinter mir.« Er deutete auf das Bild. »Man trennt sich nicht von seiner vergangenen Zukunft.«

Es war nichts zu machen. Als die drei Freunde in der Gondel nach Hause fuhren, breitete der Vollmond seinen märchenhaften Zauber über die stille, schlafende Venezia. Der Kohlenbaron riskierte noch einige Scherze über das Vollmondlicht. Eigentlich sei es doch ein wenig zu absichtlich und man könne ganz gut von Effekthascherei sprechen, aber er hatte kein rechtes Glück damit. Es wurde auch in der Gondel ganz still, und die drei lauschten einem fernen, mehrstimmig gesungenen Volkslied. »Das Schiff streicht durch die Wogen, Fedelin! – – –«

 


 

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