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In schlechter Form und andere Novellen

Balduin Groller: In schlechter Form und andere Novellen - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
booktitleIn schlechter Form und andere Novellen
authorBalduin Groller
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleIn schlechter Form und andere Novellen
pages103
created20140927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Herr im Hause.

»Ein Mann, der das Talent hat, zur rechten Zeit zu kommen!« rief Hubert Enge entzückt aus, als Onkel Fritz seine behäbige Gestalt zur Türe hereinschob und ihn mit seinem vollen, glänzenden spitzbübischen Gesicht anlächelte.

»Ich habe es ja immer gesagt: ich bin ein talentvoller Mensch!«

»Ich hatte gerade an dich gedacht, Onkel.«

»Trotz dreijähriger Abwesenheit? Das kann ich glauben und auch nicht.«

»Wahrhaftig an dich gedacht, Onkel. Ich war ganz in Gedanken versunken.«

»Nicht aufschneiden! Also – wo fehlt es?«

»Du bist der geistige Urheber meiner Ehe. Du hast uns förmlich zusammengehetzt; du hast keine Ruhe gegeben, bis die Sache gemacht war.«

»Ah, du Schuft, du durchtriebener! Glaubst du, ich hätte es nicht bemerkt, wie ihr längst vorher einig wart, wie man nur so tat, wie der arme Onkel nur als Sturmbock mißbraucht wurde?«

»Aber, Onkel! Wo werden wir so schlecht gewesen sein! Nein, es war dein Werk, und darum fällt dir dein Teil der Verantwortlichkeit –«

»Nun – und? Ich will doch hoffen –«

»Du kannst ruhig hoffen. Klara ist die Krone aller Frauen, und ich bin himmelweit davon entfernt, unglücklich verheiratet zu sein.«

»Na also! Ich weiß ja, wenn ich etwas arrangiere – wo fehlt es also doch?«

»Das ist so eine Sache. Zunächst handelt es sich um – um – die Schwiegermutter.«

43 Onkel Fritz ließ einen leisen aber gedehnten Pfiff ertönen.

»Weht der Wind daher? Ich konnte mir's denken.«

»Nein, Onkel, so meine ich es nicht. Ich versichere dich –«

»Versichere nichts, mein Sohn, ich weiß alles. Natürlich muß dir geholfen werden. Verlasse dich nur auf mich.«

»Aber Onkel, ich –«

»Kein Aber! Dir wird geholfen werden!«

»Aber, wenn ich dir schon sage –«

»Sage du mir gar nichts. Du wirst mich die Welt kennen lehren! Frechling, du! Es war immer meine Überzeugung, daß die Schwiegermütter vollständig überflüssig sind auf der Welt. Ich werde auch noch eine Maschine erfinden, zur gründlichen Ausrottung aller Schwiegermütter. Also was willst du eigentlich von mir?«

»Ich wollte nur andeuten, ehrwürdiger Greis –«

»Gib acht, mein Sohn, daß du nicht eine erwischest von dem ehrwürdigen Greis!«

»Ich wollte nur sagen, daß du auf dem Holzwege bist. Ich will ja die Schwiegermutter gar nicht weg haben.«

»Ja, Mensch, was willst denn du sonst?!«

»Der Herr im Hause möchte ich sein!«

»Ach sooo! Und dazu willst du die Schwiegermutter im Hause haben?«

»Natürlich!«

»Natürlich auch noch! Die Geschichte wird schleierhaft. Und deine Frau?«

»Meine Frau, das ist's eben. Klara will, daß ihre Mama aus unserer Wirtschaft hinausziehen und sich wieder ihr eigenes Hauswesen einrichten soll.«

»Immer schleierhafter! Und nun soll ich dir helfen, daß die Schwiegermama im Hause bleibt?«

»Natürlich!«

»Höre, mein Kind, was du alles für natürlich findest, das geht schon ins Transzendentale.«

44 »In – was?«

»Ins – übrigens uze du deine Schwiegermutter!«

»Fällt mir im Schlafe nicht ein; das ist eine ganz famose Frau. Sie denkt an alles, sie sorgt für alles, ich kann sie gar nicht entbehren.«

»Komm her mein Junge, laß dir einmal den Puls fühlen.«

»Keine Verschwendung mit den Witzen, Onkel! Vielleicht entschließest du dich doch noch.«

»Er tobt wirklich nicht, aber bei Licht betrachtet – vielleicht ist er wirklich nicht so dumm, wie er aussieht.«

»Mein Herr!!«

»Nein, nein – es kann schon was dran sein. Es war immer meine Überzeugung, daß für eine junge Menage eine erfahrene, verläßliche, ältere Frau ein wahrer Segen sei. Und wer wäre berufener, da segensvoll zu walten, als die Schwiegermutter? Ich finde nachgerade, daß du doch recht hast.«

»Siehst du!«

»Und nun soll ich also bei deiner Frau dahin wirken, daß die Schwiegermama im Hause bleibe?«

»So ist es; dafür sollst du reden und für einiges andere auch noch. Zum Beispiel: Unser Geschäft befindet sich seit hundert Jahren in diesem Hause, und seit hundert Jahren ist diese Wohnung von unserer Familie bewohnt worden. Nun möchte ich in einer fashionableren Gegend ein neues hübsches Geschäfts- und Familienhaus erbauen lassen.«

»Das kannst du, gottlob, ohne dir wehe zu tun.«

»Aber auch davon will meine Frau nichts wissen. Man lebt und wohnt doch jetzt anders, als vor hundert Jahren!«

»Das sage ich auch. Es war immer meine Überzeugung, daß man mit dem Zeitgeiste gehen soll.«

»Es ist mir nicht nur um den Zeitgeist zu tun, ich möchte doch zeigen, daß ich der Herr im Hause bin, und ich möchte, daß das geschieht, was ich will.«

45 »Ganz richtig. Es war immer meine Meinung, daß der Mann der Herr im Hause zu sein hat. Da muß in der Tat etwas geschehen. Lasse mich nur machen. Du wirst zufrieden sein mit mir. Ich werde mit Klara reden. Solche diplomatische Missionen sind mein Fall. Sonst hast du aber keinerlei Schmerzen?«

»Nicht im mindesten. Klara ist eine entzückende kleine Frau, und ich möchte nur beizeiten verhüten, daß sie sich das Köpfchen aufsetzt. Da haben wir neulich zusammen einen Artikel gelesen, der sie stutzig gemacht hat und dann natürlich auch mich. In Norwegen hat der Staatsrat die Eidesformel, welche die Braut bisher zu schwören hatte, geändert. Früher hatte sie Treue und Gehorsam zu geloben. Jetzt begnügen sie sich mit der Treue und haben den Gehorsam gestrichen.«

»Was du nicht sagst!«

»Gestrichen! So etwas muß einen doch verdrießen. Es steht geschrieben: ›Er soll dein Herr sein!‹ Und da darf doch nicht eine Redaktion kommen und das mir nichts dir nichts streichen. Ich bestehe darauf: Treue und Gehorsam!«

»Die Treue ist doch außer Frage!«

»Sei beruhigt, biederer Ehrengreis –«

»Schon wieder? Duuu?!«

»Sei beruhigt. Die Sorge um die Treue der Frau können wir getrost den Franzosen und jenen deutschen Dichtern überlassen, die zufällig wieder einmal eine junge und neue Schule gegründet haben.«

»Gut überlassen wir ihnen diese Sorge, aber mit dem Gehorsam, da hast du vollkommen recht. Herr im Hause muß der Mann sein. Das geht gar nicht anders. Ich werde mit Klara reden.«

»Wenn du so gut sein wolltest!«

»Gewiß, gewiß. Ich kriege sie auch herum. Verlasse dich ganz auf mich.«

»Weißt, ich könnte es ja schließlich selber bei ihr durchsetzen, aber man will doch nicht den häuslichen Frieden aufs 46 Spiel setzen oder gar brutal werden. Das ist doch keine Kunst für einen Mann, brutal zu werden.«

»Das ist wirklich keine Kunst, das kann jeder.«

»Klara ist so lieb und gut – ich könnte am Ende heftig werden, und hinterher täte es mir dann leid. Darum möchte ich, daß ihr die Sache auf seine Art beigebracht werde.«

»Natürlich auf feine Art; ganz mein Fall!«

»Und damit Klara nicht etwa glaube, du seiest von mir erst bearbeitet worden und schon voreingenommen, so will ich vorläufig verduften. Du läßt dich dann bei ihr melden und verrätst nicht, daß du mit mir schon gesprochen.«

»Ausgezeichnete Idee! So wird's gemacht.«

Hubert verschwand in sein Arbeitszimmer, und es war höchste Zeit gewesen. Denn ohne daß eine Meldung nötig gewesen wäre, kam Klara heraus, kaum daß ihr Mann sich zurückgezogen hatte. Es gab ein freudiges Wiedersehen, und Onkel Fritz küßte seine geliebte Nichte sehr herzlich ab, eine verwandtschaftliche Verpflichtung, mit deren Erfüllung er es bei seinem Neffen nicht gar so genau genommen hatte. Sie kamen auch gleich ins Reden und sehr bald waren sie auch bei dem Gegenstande der Tagesordnung angelangt, dank der hohen diplomatischen Kunst des Onkels, der ebenso geschickt wie hinterlistig zu fragen gewußt hatte.

»Gewiß ist Hubert brav,« erklärte Frau Klara, »er führt sich musterhaft auf, aber darin hast du ganz recht, Onkel; ganz ohne Fehler ist kein Mann.«

»Weiß ich, weiß ich! Was treibt er denn der Sakramenter?«

»Er treibt gar nichts Besonderes, er hat nur seit einigen Wochen begonnen, sich so gewisse fixe Ideen in den Kopf zu setzen.«

»Die Frau muß Geduld haben, mein Kind!«

»Ja, bis zu einem gewissen Punkte, aber dann muß sie auch, wenn es gerade notwendig ist, die Gescheitere sein dürfen.«

47 »Das ist sie so wie so – immer. Es war immer meine Überzeugung, daß die Frauen klüger, besser, anständiger und stärker sind als die Männer.«

»Ach, Onkel, was wärst du für ein prächtiger Ehemann! Und so etwas heiratet nicht!«

»Es ist wahr, es ist ewig schade um mich. Aber nun beichte: wo fehlt's?«

»Es türmen sich an unserem Ehehimmel einige Wölkchen auf.«

»Das tun die Wölkchen nicht. Die türmen sich nicht gleich. So bös sind Wölkchen nicht.«

»Ich meinte ja auch nur so, Onkel Fritz, aber unbildlich gesprochen, eine Verstimmung ist da, die uns schon seit einigen Wochen das Leben verbittert. Er entwickelt plötzlich so merkwürdige Ideen, daß die Frau dem Manne unbedingt zu gehorchen hat.«

»Aber mein süßes Kind, daß ist doch nicht so ungeheuer merkwürdig. Es steht ja geschrieben: Er soll dein Herr sein!«

»Das war einmal und das ist längst nicht mehr wahr. Man spricht immer von der Ehehälfte, und da muß doch eine Hälfte gerade so viel Recht und gerade soviel dreinzureden haben, wie die andere.«

»Das ist eigentlich richtig. Es war immer meine Überzeugung, daß die Frau dem Manne vollkommen gleichberechtigt ist und daß man sie nicht unterdrücken darf.«

»Das sage ich auch. Neulich habe ich einen Artikel gelesen –«

»Ich weiß – vom norwegischen Staatsrat –«

Klara blickte erstaunt auf.

»Ja, woher weißt du –?«

»Konnte mir's denken; hab' ihn auch gelesen. Die haben den Gehorsam gestrichen.«

»Ganz mit Recht.«

»Schön, mein Kind. Wenn aber nun keines gehorchen 48 soll und beide verschiedenes wollen– was soll dann geschehen?«

»Sehr einfach. Der Gescheitere –«

»So ist es. Der Gescheitere gibt nach. Ganz meine Ansicht.«

»Nicht so, Onkel. Der Gescheitere darf gar nicht nachgeben, sonst kommt etwas Dummes heraus dabei.«

»Hm, allerdings – eigentlich auch meine Ansicht, aber guck' einmal, mein Kind, in der Sache mit der Schwiegermutter –«

Klara blickte mit ihren unschuldigen Augen wieder zu ihm empor, und diesmal noch erstaunter als zuvor, und fragte: »Ja, Onkel, woher weißt du denn?«

»Ja so!« rief er schleunig, indem er sich auf den Mund schlug. Er versuchte es erst sich herauszulügen, aber es ging nicht recht, und so bequemte er sich endlich zu dem Geständnis, daß er sich verschnappt habe. Er habe allerdings soeben erst sehr ausführlich mit Hubert über die Sache gesprochen. Er wolle es lieber gleich gestehen, nur solle sie ihn um Gottes willen nicht verraten.

Ach sooo?!! Ihr war das sehr angenehm zu wissen, daß man sie mit List habe einfangen wollen. Also in einen Hinterhalt hatte man sie locken wollen! Ein Hinterhalt wird aber ungefährlich, wenn man beizeiten Kenntnis davon erhält. Man hilft sich einfach durch ein Umgehungsmanöver und kann selbst daran denken, einen Hinterhalt zu legen.

»Nein Onkel, ich werde dich gewiß nicht verraten,« erklärte sie mit Bestimmtheit. »Was hat er also gesagt?«

Der gute Onkel berichtete treulich, blieb aber dabei doch seiner Mission eingedenk.

»Aber siehst du, mein Kind,« fuhr er dann fort, dort anknüpfend, wo er sich verplappert hatte. »in der Sache mit der Schwiegermutter will er ja nichts Unvernünftiges. Ich finde es sogar sehr schön von ihm, daß er darauf besteht, sie müsse im Hause bleiben. Ich war immer im tiefsten überzeugt, das die bekannten, abgeschmackten Witze über die 49 Schwiegermütter einfache Brutalitäten sind. Habe ich nicht recht?«

»Du sprichst goldene Worte, Onkel Fritz.«

»Ich tue mir nichts zugute darauf. Man hat einmal seine Anschauungen und Überzeugungen, aus denen man auch mit dem besten Willen nicht herauskommen kann. Ich möchte dir ja gern die Stange halten, aber was nicht geht, das geht nicht. Wenn er deine Mama liebt und sie nicht aus dem Hause lassen will, dann beweist er damit nur, daß er ein edles Herz hat und du, mein Kind, solltest die Allerletzte sein, die ihm das verargt.«

»So, jetzt bin ich also das Scheusal, und vor mir muß meine Mutter in Schutz genommen werden?! Jetzt kommt es so heraus, daß er meine Mutter mehr liebt als ich.«

»Es sieht so aus.«

»Aber siehst du denn nicht, Onkel, daß das alles Unsinn ist? Ja, ich will Mama weg haben, aber nicht, weil ich sie nicht liebte – im Gegenteil! Ihm ist Mamas Anwesenheit genehm, weil sie ihm bequem ist. Sie sieht auch alles, sie sorgt für alles, sie schafft, sie arbeitet, sie beaufsichtigt –«

»Nun also?«

»Er erspart durch sie eine Wirtschafterin, zum mindesten ein Dienstmädchen.«

»Wäre auch schon etwas. Man muß alles in Betracht ziehen.«

»Ich danke dafür. Ich lasse Mama nicht degradieren – und mich auch nicht!«

»Aber sie muß ja nicht, sie tut's doch gern!«

»Ich sehe weiter als er. Und wenn sie einmal nicht mehr will oder nicht kann? Soll ich es darauf ankommen lassen, daß sich seine zärtlichen Gefühle für sie ändern? Und wenn sich doch einmal eine ernste Zwistigkeit ergibt?«

»Ja, das ist allerdings möglich und läßt sich auf die Dauer kaum vermeiden, aber das ist das Leben. Das Leben ist ernst, mein Kind!«

50 »Schön, ich will es aber nicht darauf ankommen lassen. Wenn wir zwei miteinander irgend einen Streit haben – er und ich –, dann müssen wir eben sehen, wie wir wieder zurechtkommen, wir sind nun einmal verheiratet. Mit Mama ist er aber nicht verheiratet. Wenn es da einmal einen Krieg gibt – und einmal wird es doch kommen – was dann? Dann werde wahrscheinlich ich gezwungen sein, sie vor seiner Lieblosigkeit zu schützen. Dazu darf es gar nicht kommen.«

»Höre, liebe Kleine, du sprichst wie ein Buch, so klug und so richtig. Was predige denn ich immer? Es tut nicht gut, daß die Schwiegermutter im Haus bleibt, und wenn er sie hundertmal gern hat. Mau muß an alles denken!«

»Auch an mich sollte man ein wenig denken, Onkel. Wenn man einmal verheiratet ist, möchte man auch die Frau im Hause sein. Das bin ich nicht. Hubert wendet sich mit allem an Mama; wenn der Diener, die Köchin, das Stubenmädchen eine Frage oder ein Anliegen haben, gehen sie zur Mama. Sie ist die ›gnädige Frau‹ im Hause, ich bin nur die ›junge Frau‹, der Niemand. Man macht förmlich erstaunte Augen, wenn ich mal etwas befehle, und scheint es nicht einmal recht zu wagen, den Befehl auch auszuführen. Es täte not, daß ich mich immer zuvor erst ausweise, daß Mama auch einverstanden sei. Ich will das nicht länger, ich will die Wirtschaft selber führen!«

»Vollständig richtig. Ich könnte dich küssen, Klärchen, wie du so gescheit daherredest. Jedes Wort ist richtig. Ich sag's halt immer, man soll sich von seinen Überzeugungen nicht abbringen lassen. Die Schwiegermutter ist eine herrliche Erfindung, aber sie ist mit Vorsicht zu genießen. Ja nicht zuviel davon! Das ist ungesund. Sie gehört nicht in eine junge Menage; sie soll ihre eigene Wirtschaft führen. So denke ich! Und was hat es mit seinem Bauplan auf sich? Sicher auch so eine verrückte Idee!«

»Das hat er auch mit Mama ausgekocht. Ich widersetze mich aber, obschon man mich nicht gefragt hat.«

51 »Das könnte ja nun noch nachgeholt werden.«

»Ich will's nicht leiden.«

»Aber du kämst dabei zu einem hübschen Familienhaus.«

»Das ist gar nicht notwendig. Ich werde mich auch hier ganz wohlfühlen, wenn man mir nur mein Recht läßt. Die Wohnung ist ohnedies schön und vollkommen ausreichend, aber darauf kommt es nicht so sehr an; wichtiger ist es, daß man sich nicht in Experimente einlasse mit einem Geschäfte, das seit hundert Jahren auf demselben Platze gedeihlich besteht. Darum will ich's nicht leiden.«

»Recht hast du! Ein Unsinn wär's. Hatte ich also nicht recht, als ich sagte, man muß den Lockungen eines schwindelhaften Zeitgeistes widerstehen können. Ich sage es immer: man soll festhalten an seiner Überzeugung, festhalten wie mit eisernen Klammern!«

Nun kam Hubert ganz zufällig ins Zimmer herein und war maßlos freudig überrascht, den geliebten Onkel nach so langer Zeit wiederzusehen. Er umarmte ihn stürmisch, fragte, ob er schon lange da sei und wandte sich dann mit ernstem Vorwurf an Klara, daß sie ihn nicht augenblicklich von der Ankunft eines so lieben Gastes habe verständigen lassen. Mama, wenn sie zu Hause gewesen wäre, hätte das sicher nicht unterlassen. »Sie ist nämlich,« fügte er erläuternd für Onkel Fritz hinzu, »gerade in die Markthalle gegangen. Sie versorgt die ganze Wirtschaft; ich sage dir, Onkel, ein wahrer Segen für das Haus!«

»Du hörst es, Onkel. Er hat dich seit Jahren nicht gesehen, und das erste, was er dir zu erzählen hat, ist, daß ich vollständig überflüssig bin in meinem Hause.«

»Aber Klara, es ist wirklich nicht schön von dir – was soll nun der gute Onkel glauben? Daß ich ein Tyrann bin und daß wir uns gar nicht ein bißchen lieb haben.«

»Daß sie dich lieb hat, weiß ich,« warf Onkel Fritz mit bemerkenswerter diplomatischer Feinheit dazwischen.

52 »Ah, also ich bin der Unmensch? Klara, rede; sage ihm, ob ich dich lieb habe oder nicht.«

»Hm, hm!« machte Klara.

»Da, Onkel Fritz, da siehst du, was für eine Heuchlerin, eine Betrügerin sie ist. Sie weiß ganz gut, daß ich sie unsinnig gern habe, aber sie macht Mäulchen, um mich zu verleumden.«

»Das werden wir ja gleich sehen, mein Sohn, ob du sie wirklich lieb hast. Sage mal, warum willst du sie dann mit aller Gewalt unterdrücken?«

»Ja, wer will denn das?« fragte Hubert in etwas unsicherem Ton. Der gute Onkel, den er doch so gut präpariert zu haben glaubte, begann ihm unverständlich zu werden.

»Wir wissen alles,« fuhr der Onkel unbarmherzig fort. »Sie ist deine Frau und soll doch nie ihren Willen haben dürfen.«

»Wer spricht davon?« entgegnete Hubert in Hitze geratend. »Ich tue, was ich ihr an den Augen ablesen kann, aber schließlich – die Frau ist doch dem Manne Gehorsam schuldig!«

»Das bestreite ich!« wagte Klara zu rebellieren, Onkel Fritz winkte ihr aber ab und nahm dann selbst mit überlegener Ruhe das Wort: »Das trägt man nicht mehr, mein Lieber! Längst aus der Mode, mit Recht. Veraltete und engherzige Anschauungen gehören in die Rumpelkammer. Ich möchte dich auf etwas aufmerksam machen, was du vielleicht noch nicht weißt. In Norwegen hat der Staatsrat –«

»Aber – Onkel!« rief Hubert empört. Er war tief entrüstet über den Verrat des Überläufers.

»Nur ausreden lassen! Ich habe erst neulich ein Werk gelesen über den Beschluß des Staatsrates in Norwegen – ich habe mich in den letzten Jahren überhaupt nur mit dem Rechte der Frau beschäftigt – wissenschaftlich beschäftigt! Lasse dir also erklären, was der Staatsrat in –«

»Ich danke dir, Onkel, wir kennen die Geschichte.«

53 »Also gut, setzen wir sie als bekannt voraus. Nicht bekannt wird dir dagegen sein, daß wir einen sehr ernsten Entschluß gefaßt haben, Klara und ich.«

»So und das wäre?«

»In jedem Hause darf es nur einen Herrn geben.«

»Das sage ich auch.«

»Aber auch nur eine Frau!«

»Das sage ich auch!« ließ sich Klara vernehmen.

»Und da haben wir denn,« fuhr der Onkel fort, »beschlossen – wenn du das durchaus nicht einsehen willst – beschlossen –«

»Ja, wir haben beschlossen,« half Klara nach.

»Daß ich Klara mit mir nehme, wenn du nicht Räson annehmen willst. Ich lasse meine Klara nicht mutwillig unglücklich machen.«

Hubert lachte hell auf. »Man beschützt Klara vor mir! Das ist – du entschuldigst schon, geliebter Onkel, das ist zu dumm. Was sagst du dazu, Klara?«

»Hm, hm!«

»Weißt du, Onkel, was zu geschehen pflegt, wenn zwei raufen –«

»O ja; dann freut sich der dritte.«

»Es ist nicht das, was ich sagen wollte. Wenn zwei raufen, und es mischt sich ein dritter hinein, dann vereinigen sich die zwei gewöhnlich und fallen dann vereint über den dritten her.«

»Ja, ja,« rief Klara entzückt, »hauen wir den Onkel Fritz durch!«

»Jetzt werde ich dir etwas sagen, ehrwürdiger Onkel,« fuhr Hubert aufgeräumt fort: »Ich lasse mir keine Kabinettsfragen stellen, ich lasse mich nicht in eine Zwangslage hineinhetzen zwischen Mama und Klara. Ich werde Ordnung machen, ich! Heute noch rede ich mit Mama, daß wir ihr eine gesonderte Wohnung nehmen. Ich führe das durch, daß sie nicht glaubt, es sei Klaras Idee.«

54 Klara fiel ihm um den Hals und küßte ihn dankbar, aber herzhaft ab.

»Kinder,« sagte der Onkel gerührt, »wenn ihr wieder einmal eine Vermittlung brauchen solltet, dann wendet euch nur wieder an mich.«

»Wir werden so frei sein.«

»Mich könnt ihr zu allem haben, nur gegen meine Überzeugung darf's nicht gehen!«

 


 

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