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In schlechter Form und andere Novellen

Balduin Groller: In schlechter Form und andere Novellen - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
booktitleIn schlechter Form und andere Novellen
authorBalduin Groller
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleIn schlechter Form und andere Novellen
pages103
created20140927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Schwestern Weng.

Zwei Uhr nach Mitternacht. Die große Schlacht war geschlagen, und wieder – Sieg auf der ganzen Linie.

Die Herren vom Ballkomitee der »Konkordia« – man weiß, daß der große Verein der Journalisten und Schriftsteller Wiens so heißt – hatten sich ins Künstlerzimmer zurückgezogen, um in dem gehobenen Bewußtsein der geglückten Tat das Ereignis noch bei einem Glase Wein entsprechend zu würdigen. Natürlich nur die älteren Herren; denn die jüngeren hatten draußen im Saale noch nützliche Arbeit zu verrichten.

Jawohl, wieder ein voller Erfolg. Soviel war nämlich jetzt schon klar, daß das materielle Erträgnis hinter keinem der früheren Jahre zurückbleiben werde. So auf fünfundzwanzigtausend Kronen war mit Bestimmtheit zu rechnen, und das ist doch schon etwas. Wieder ein erfreulicher Zuschuß zu dem Fonds, mit welchem kranken und bedürftigen 28 Berufsgenossen und den Witwen und Waisen verstorbener Kameraden geholfen werden soll und tatsächlich auch erfolgreich geholfen wird.

Als das finanzielle Ergebnis zur Genüge besprochen war, wurde der Ball als gesellschaftliches Ereignis einer kritischen Würdigung unterzogen. Auch da gab es eigentlich nichts auszusetzen. Alle Botschaften und Gesandtschaften, das Herrenhaus, die Abgeordneten des Reichsrates und des Landtages, alle Ministerien und hohen Ämter, die Kunstwelt, Industrie und Handel, Aristokratie und Bürgerschaft waren durch ihre vornehmsten Würdenträger vertreten, und auch darüber herrschte nur eine Stimme: so viele schöne Frauen hatte man überhaupt noch niemals beisammen gesehen.

Unter solchen Umständen war der Streit darüber natürlich ein sehr hitziger, wer wohl die Ballkönigin gewesen sei. Die Meinungen gingen sehr auseinander. Der eine wollte die Palme der Gattin eines Botschafters zuerkannt wissen, während ein anderer sich nicht durch politische Erwägungen beeinflussen lassen zu wollen erklärte und für die Gemahlin eines protestantischen Pastors stimmte.

»Ich lasse mich auch durch moralische Rücksichten nicht bestimmen,« meinte ein dritter, »wo es sich um eine rein ästhetische Frage handelt. Darum bin ich für die Jendrassek.«

Das war eine kleine Choristin vom Carl-Theater, die gerade viel Furore machte, nicht als Künstlerin, und von der es hieß, daß der Prinz Soundso sie demnächst zum Altare führen werde. Andere meinten wieder, daß der berühmten Tragödin des Burgtheaters doch noch immer der Preis gebühre. Andere nannten andere; es wurde gestritten über Schönheit an sich und die Bedeutung der Diamanten und Toilette für diese, aber eine Einigung wurde nicht erzielt.

»Hätte ich die Krone zu vergeben,« ließ sich endlich Doktor Klaus vom »Morgenblatt« vernehmen, »ich reichte sie den Schwestern Weng.«

»Und so 'was macht Kunstkritik,« höhnte Fridolin Bartsch, 29 der Schatzmeister des Ballkomitees. Doktor Klaus hatte tatsächlich das Referat für bildende Kunst bei seinem Blatt. »Sie vergessen, daß es nicht die Ehren des Alterspräsidiums sind, die hier verteilt werden sollen.«

»Die beiden Damen sind gar nicht so alt!« erwiderte Doktor Klaus, standhaft weiterkämpfend.

»O, durchaus nicht; nur so zwischen fünfzig und sechzig, und schneeweiße Haare haben sie auch!«

»Nun und?«

»Und?! Ein halbes Jahrhundert – es ist, wie die Metternich sagt, die sich übrigens heute auch wieder fein herausgemacht hat, es ist nicht viel für eine Kathedrale, aber doch immerhin schon etwas für eine Frau.«

»Und doch, wenn ich ein Maler wäre, ich könnte mir unter all den Tausenden draußen keine interessanteren und dankbareren Modelle heraussuchen, als die Schwestern Weng.«

»Es ist aber auch jammerschade, daß Sie nicht Maler geworden sind. Die Leser des ›Morgenblatt‹ haben alle Ursache, dies tief zu beklagen, aber noch eine kleine Anstrengung – vielleicht ließe sich der Lieblingswunsch Ihrer lieben Leser doch noch erfüllen!?«

»Na, wissen Sie, lieber Fridolin, so interessant, wie Ihre glanzvollen Improvisationen vom Schlachtviehmarkt oder Ihre tiefsinnigen Dichtungen über die Wandelbarkeit der Spirituspreise sind meine Kunstberichte immer noch!«

»Ich habe nie behauptet, daß ich ein großer Schriftsteller bin,« entgegnete der leichtgekränkte Fridolin, und in der allerdings vergeblichen Hoffnung, lebhaften Widerspruch zu erwecken, fügte er hinzu: »Ich bin nur ein Lasttier.«

»Das sind wir alle. Was aber die Schwestern Weng betrifft, so halte ich meine Behauptung aufrecht. Sie sind nicht nur die interessantesten, sondern geradezu die schönsten Erscheinungen auf dem Balle. Das silbergraue, tief hereingescheitelte Haar, dazu die silbergrauen Seidenkleider, die königlichen Gestalten, bei beiden das vornehme Profil – 30 das alles ist so nobel gezeichnet und stimmt koloristisch so fein –«

»Kinder, tut mir den einzigen Gefallen und schmeißt ihn 'raus – er schwärmt! Und – überhaupt! Was haben Sie Ihre Beine unter unseren Tisch zu stecken, junger Mann? Es sind zwei Tanzbeine, und es ist Ihre verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, sie draußen mit aller erforderlichen Emsigkeit und dem durch die große Sache bedingten Ernst zu schwingen.«

»Ich berichtige auf Grund des § 19. Es ist unwahr, daß das meine Pflicht und Schuldigkeit ist, wahr ist vielmehr, daß ich dazu nicht aufgenommen wurde. Ich wurde aufgenommen, den jungen Damen beim Eintritt die Damenspende zu überreichen. Dieser Aufgabe habe ich voll und ganz, ja wohl – voll und ganz und unentwegt entsprochen, für die Arbeit im Saale war ich aber nicht aufgenommen.«

»Sie haben es gehört, meine Herren! Es war ein Geständnis. Er war aufgenommen, den jungen Damen die Damenspende zu überreichen. Er war der Mann Ihres Vertrauens, und nach zwei Richtungen hin hatte er Ihr Vertrauen zu rechtfertigen. Sie haben ihn erwählt, erstlich einmal, weil er der schöne Mann des Ballkomitees ist –«

»War ich Ihnen vielleicht nicht schön genug?«

»Weiter möchte ich mich nicht äußern. Mein Ressort ist, wie Sie ja so treffend bemerkt haben, der Schlachtviehmarkt. Dann aber haben Sie ihn erwählt, weil Sie gewisse moralische Eigenschaften, etwas wie Festigkeit des Charakters und Unbestechlichkeit bei ihm voraussetzen zu dürfen geglaubt haben.«

»Ich möchte beantragen, daß diese Unbestechlichkeit auch auf dem Schlachtviehmarkt eingeführt werde!«

»Julius Landmann, wehren Sie sich! Er möchte auch Witze machen – sind aber auch danach! Also – daß ich in meiner Anklage fortfahre. Er hatte die Spenden den jungen Damen zu überreichen, die, wie wir morgen in den 31 Berichten lesen werden, ausnahmslos schön waren. Dabei galt die Voraussetzung, daß er genügend Charakterfestigkeit aufbringen werde, den Verführungskünsten der echten Weiber erfolgreichen Widerstand entgegenzusetzen.«

Das wurde allseitig zugestanden, und Fridolin fuhr fort: »Nicht ohne Grund wird eine solche Charakterstärke verlangt. Unsere Damenspenden sind immer kleine Kunstwerke, und alljährlich wiederholt sich das große Geriß um sie. Uns selbst kostet das Stück vier Kronen, und da wäre ich denn ein schlechter Schatzmeister, wenn ich nicht auf jedes Stück aus wäre, wie der Geier oder wie der Teufel auf eine arme Seele. Es muß also streng darauf gehalten werden, daß nur die Kombattantinnen, also nur die Tänzerinnen, also nur die jungen Damen mit Spenden zu bedenken, die Angriffe des Trains aber, der begleitenden Damen, der alten Garde überhaupt, mit unerschütterlicher Konsequenz abzuschlagen seien.«

Alles war einig, daß Fridolin ganz vorzüglich spreche, und er perorierte weiter: »Die Konsequenz ist notwendig, weil ihre Listen und Anschläge unerschöpflich sind und mit nie erlahmender Standhaftigkeit ins Werk gesetzt werden. Und nun frage ich Sie: Haben Sie die Schwestern Weng tanzen gesehen? Ich nicht! Was ich aber gesehen habe, das ist, daß dieser junge Mann, als die Damen Weng antraten, beseligt lächelnd, jeder von ihnen eine Spende überreichte! Ich glaube, mit dieser Mitteilung die entsprechende Sensation hervorgerufen zu haben, und fordere den Angeklagten auf, sich zu rechtfertigen.«

Doktor Klaus beteuerte, daß er ein ehrlicher Mensch sei und sich gleich vorgenommen habe, den Wert der beiden Spenden zu ersetzen, falls er erwischt werden sollte.

»Also doch ein Ehrenmann – wer hätte das geglaubt!« rief Fridolin sehr befriedigt. »Wieder zehn Kronen für die Kasse!«

»Woso zehn, da ich nur acht bluten muß?«

32 »Das ist sehr einfach. Da ich Ihnen auf Ihr Zehnkronenstück nicht herausgeben kann – den Schatzmeister möchte ich sehen, der das könnte; der müßte mit der Hacke erschlagen werden – so sind es eben zehn. Ich kann mir nichts Einfacheres denken.«

Mehrere Herren rüsteten zum Aufbruch und, re bene gesta, schloß Doktor Klaus sich ihnen an. Auf der Treppe zur Garderobe wurde er von Doktor Busbach, dem Ausland-Politiker eines großen Blattes angesprochen, ob er mit ihm noch auf einen kleinen Schwarzen gehen wolle. Klaus sagte mit Vergnügen zu. Er fühlte sich nicht wenig geschmeichelt, daß sich der hochangesehene und weitaus ältere Kollege um seine Begleitung bewarb. Busbach war sonst nicht sehr umgänglich und mitteilsam, und der jüngere Kollege hatte wohl Grund, es als Auszeichnung zu empfinden, daß er sich nun ihm zugesellte. Denn Busbach galt in Konkordiakreisen, und nicht nur in diesen, für eine Respektsperson. Klaus half ihm dienstbeflissen in den Biberpelz und als er ihm dann den Stock mit dem Goldknopf überreichte und sich den Mann ansah mit dem ausdrucksvollen Kopf und dem stattlichen Bart, der einst rot, nun aber zum guten Teil in Weiß übergegangen war, da regte sich in ihm wieder der Kunstkritiker. Er sah da einen Studienkopf von kräftiger Charakteristik und ein interessantes koloristisches Problem, wie sich die Farben des Bartes und des ganzen Kopfes zu der Pelzumrahmung stellten und rief schließlich sehr befriedigt: »Ein echter Holbein!«

Die beiden fuhren noch in das Café »Zum Fenstergucker,« für das sie sich nach einiger Überlegung entschlossen hatten, weil sie von dort aus beide nicht mehr weit hatten nach ihren Wohnungen. Als sie die kleinen Schwarzen vor sich hatten, reichte Busbach dem jüngeren Genossen eine mächtige Zigarre mit einer sehr achtunggebietenden Bauchbinde.

»Das ist die Belohnung, daß Sie sich so tapfer eingesetzt haben für die Weng-Mädeln!«

»Mädel?!«

33 »Jawohl, was sonst?«

»Ich dachte, es seien Frauen – Witwen.«

»Kennen Sie sie denn nicht?«

»O ja. Ich habe aber beide immer nur als gnädige Frau angesprochen, und alle Welt spricht sie so an.«

»Ja, das haben sie sich so eingerichtet, als sie fanden, daß sie in die Jahre kämen. Ich finde, daß das gar nicht schlechter Geschmack ist.«

»Nein – so was! Nicht verheiratet! Nun sagen Sie mal, Herr Doktor, ist das nicht ein wahrer Jammer, daß solche Frauenzimmer nicht heiraten und weiter, daß auch solche Prachtfrauenzimmer altern müssen?«

»Warum schwärmen denn Sie eigentlich so sehr für sie? Jede von beiden könnte, genau genommen, Ihre Mutter sein.«

»Ich habe immer eine Schwäche für alte Frauen gehabt. Vielleicht hat das auch seine psychologische Begründung. Ich habe nämlich von jeher phänomenales Glück gehabt bei allen alten Weibern!«

Busbach lachte; ihm machte es offenbar Vergnügen, den jungen Mann plaudern zu hören, und er ließ es sich angelegen sein, ihn im Schwung zu erhalten.

»Ich finde es auch für sehr unrecht,« sagte er, »daß Meister Fridolin sie so gewissermaßen geringschätzig abgetan hat.«

»Nicht wahr?!« fiel Klaus eifrig ein. »Und gerade er als Schatzmeister hätte am allerwenigsten Ursache dazu! Sehen wir uns doch einmal die Liste der ›Höchstbesteuerten‹ an. Da ist zunächst der gewisse exotische Potentat, der alljährlich seine Ballkarte mit einem kleinen Vermögen bezahlt. Der marschiert an der Spitze der Zivilisation. Wahrscheinlich glaubt er, die Konkordia und vielleicht gerade Sie, Herr Doktor, gnädig zu stimmen für sein Reich und seine junge Dynastie.«

»Hilft ihm nichts!« knurrte Busbach.

»Gleich nach diesem Souverän und der Spende des 34 Kaisers kommen aber die Schwestern Weng mit ihrem jährlichen Beitrag für den Ball, und die wollen sicher keine Reklame dafür! Da könnte also gerade der Schatzmeister doch schon etwas liebenswürdiger sein. Habe ich nicht recht, Herr Doktor?«

»Natürlich haben Sie recht – aber woher kennen Sie denn eigentlich die Damen?«

»O, das ist eine ganze Geschichte!«

»Erzählen Sie, Herr Kollege.«

»Ja, wenn Sie mir versprechen, mich nicht auszulachen!«

»Warum sollte ich Sie denn auslachen?«

»Ja – Grund wäre schon vorhanden. Ich bin nämlich ein gewaltiger Vereinsmensch vor dem Herrn. Gut ein Dutzend von Vereinen genießen die Ehre, mich zu ihrem Mitgliede zu zählen. Ich blase einfach alles, was mich nicht brennt.«

Nun lachte Busbach wirklich.

»Sehen Sie? Sie lachen jetzt schon, und Sie wissen noch nicht einmal alles. Das Schlimmste ist nämlich das: Kaum bin ich irgendwo eingetreten, so haben sie mich auch schon beim Schlafittchen und machen mich fest. Wo es was zu arbeiten gibt, das fällt sofort mir zu. Ich brauche nicht erst zu sagen, daß ich der prädestinierte Schriftführer hin. Wo ich nur die Nase hineinstecke, danken die ergrautesten Schriftführer ab, um für meine illustre Persönlichkeit Platz zu schaffen, und dann darf ich das Protokoll führen und, wenn nur halbwegs was los ist, tausend Adressen schreiben. Sie haben mich festgemacht, und das ist auch natürlich. Denn, wie eine Ausschußdame zu bemerken so gütig war, ich schreibe gar so ›schöne Stile‹.«

»Geschieht Ihnen ganz recht.«

»O, das ist noch nicht alles! Wenn die Tochter einer Ausschußdame heiratet, und sie heiraten viel, die Töchter der Ausschußdamen, dann muß ich in Vertretung des Vereins den Blumenstrauß hintragen, und stirbt ein 35 Vereinsmitglied, dann muß ich mit dem Kranz auf den Zentralfriedhof hinaus und eine schöne Grabrede halten. Ich muß die Hinterbliebenen trösten und alle Jubilare hochleben lassen, und ein Stiftungsfest ohne Festrede von mir ist einfach ein Ding der Unmöglichkeit.«

»Ich bestelle mir die Grabrede, die mir die Konkordia schuldig ist, jetzt schon bei Ihnen.«

»Gemacht. Ich sichere Ihnen prompte Effektuierung zu, wenn ich es erlebe. Doch gehen wir weiter. So bin ich also auch in einen großen Wohltätigkeitsverein hineingeraten. Dort hatten sie etwas Apartes für mich. Die Schriftführerei hätte nämlich nicht genug zu tun gegeben. Sie machten mich zum ›Almosenier‹ des Vereins.«

»Was heißt das?«

»Das heißt, daß, wo in Wien ein Mensch, Mann oder Weib, Greis oder Kind, aufzutreiben war, der bresthaft, verkrüppelt, arbeits- und obdachlos war, der hungerte oder fror, er mir ins Haus geschickt wurde. Ich habe drei Jahre lang meine Wohnung nicht betreten können, ohne in meinem Vorzimmer alle Formen des menschlichen Elends versammelt zu finden, die es auf der Welt überhaupt gibt, und das alles wartete auf mich. Da war die Tuberkulose und andere Krankheiten in ihren schrecklichsten Erscheinungsformen und ihren grauenhaften Spuren der Verwüstung, bitterer Mangel, Elend, Not, wohin sich der Blick auch wandte, und zwischendurch grinste der Tod, Wahnsinn und Verbrechen.«

»Ich verstehe vollkommen; ein Vergnügen muß der Mensch doch haben im Leben!«

»Machen Sie sich nur lustig, Herr Doktor! Mir war es wahrhaftig nicht fröhlich zu Mute, als sich das täglich, wie der liebe Gott den Tag gegeben, vor meinen Augen abspielte. Schließlich mußte ich die Sache auch aufgeben, sonst wäre ich trübsinnig geworden. Zu jener Zeit war es nun, daß ich die Schwestern Weng kennen lernte.«

»Waren sie auch bei jenem Verein?«

36 »Nein; das kam so: In meiner Praxis hatte sich wieder einmal ein Fall ergeben, für den ich mir nicht klug genug war. Ein Volksschullehrer, der bei seinen Oberen ziemlich mißliebig gewesen, hatte er doch zur Verbesserung seiner Lebensumstände auch an einigen sozialistischen Zeitungen mitgearbeitet, war plötzlich gestorben. Seine junge Frau war mit vier kleinen Kindern völlig mittellos zurückgeblieben. Die Witwe hatte man zu mir geschickt, und da war ich mit meinem Latein zu Ende. Die Spende die ich für sie bei unserem Verein und wohl auch bei der Konkordia hätte 'rausfechten können, hätte für einige Wochen, wenn's gut ging, für einige Monate gelangt – was aber dann?! Das lag auf der Hand, mit einem Almosen war es da nicht getan; der Frau mußte eine Existenz geschaffen werden, und das war natürlich keine leichte Sache.«

»Was haben Sie also getan?«

»Zunächst ging ich zu unserer Präsidentin und trug ihr den Fall vor. Sie wußte auch nicht gleich Rat, aber nach einigem Nachdenken sagte sie: Sie müssen die Wengs aufsuchen, das ist ganz ein Fall für sie. – Die Wengs? Was sind denn das für Leute? fragte ich. Das sind zwei Damen, Schwestern, furchtbar reich; die werden sicher etwas tun, wenn Sie sie richtig zu nehmen wissen. – Soviel ich weiß, sind sie nicht einmal Mitglieder unseres Vereins! – Das tut nichts. Beitreten wollten sie nicht, aber sie haben mich ausdrücklich gebeten, ihrer nicht zu vergessen, wenn sie uns nützlich sein könnten. – Gut; ich gehe also hin und trage die Sache vor.«

»Hat es etwas genützt?«

»Ob es genützt hat? Hören Sie nur. Vorausschicken muß ich, daß ich mich natürlich sofort in beide Frauen verliebt hatte.«

»Gleich in beide?«

»Natürlich in beide! In welche hätte ich mich denn verlieben sollen? Den möchte ich sehen, der da einen 37 Unterschied machen könnte! Man muß sich in beide verlieben: es geht gar nicht anders.«

»Was sehen Sie mich denn so wütend an, Herr Kollege? Ich widerspreche ja gar nicht.«

»Verzeihen Sie, Herr Doktor, ich dachte nur – ich meinte, Sie wollten mich wieder auslachen.«

»Denke nicht daran; ich verstehe Sie vollkommen.«

»Sehen Sie, das ist wieder zuviel gesagt. Sie können mich nicht verstehen. Man muß die beiden Frauen kennen, um mich zu verstehen. Aber – wo war ich nur stehen geblieben? Richtig! Also ich lege ihnen den Fall vor und rede mich dabei warm. Sie hören mich aufmerksam an und lassen mich ruhig ausreden, dann bedanken sie sich schön, daß ich ihnen Gelegenheit geboten hätte, bei einem guten Werke mitzuhelfen, und dann war ich, für vorläufig wenigstens, in Gnaden entlassen.«

»Und hoffentlich haben sie auch etwas getan?«

»Da habe ich es erst gelernt, wie Wohltaten geübt werden sollen. Freilich ist es nicht jedermanns Sache, weil nicht bei jedem die materiellen Voraussetzungen so zutreffen, aber wie viele Hunderte und Tausende gibt es, die wohl das nötige Kleingeld hätten, nicht aber auch den Verstand und das Herz dazu haben. Ich kann nur sagen, daß ich die beiden Frauen bewundere! So haben sie es angestellt: Zunächst haben sie sich die Witwe einmal aufgesucht, um sie in persönlichem Verkehr kennen zu lernen, und danach ein Urteil zu gewinnen, wie ihr am zweckmäßigsten zu helfen sei. Die guten Werke sind oft gar nicht so schwierig, wie man sie sich gewöhnlich vorstellt, wenn sie nur vernünftig angepackt werden. Hier war mit ein paar hundert Gulden geholfen. Hätte man sie der armen Frau in die Hand gegeben, dann hätte sie das Geld in der kürzesten Zeit aufgegessen, und die Kinderschar hätte dabei wacker mitgeholfen. Die Schwestern Weng haben ihr aber eine Erwerbsmöglichkeit geschaffen und durch diese den Lebensunterhalt auf die Dauer 38 gesichert. Nach sorglicher Umschau kauften sie ihr ein kleines Geschäft, eine Pfaidlerei, verbunden mit Vordruckerei und Putzerei für Kragen und Manschetten. Nun konnte die Witwe sich einige Mädchen halten, dem Geschäft vorstehen und dabei doch auf ihre Kinder schauen. Im Anfang taten die Schwestern noch ein übriges, um das kleine Unternehmen in Schwung zu bringen. Sie schickten an die Damen und Herren ihrer ausgebreiteten Bekanntschaft in den vornehmsten Kreisen Karten herum, in welchen sie anzeigten, daß sie in den ersten Wochen abwechselnd immer an zwei bestimmten Tagen selber die Kundschaften in dem kleinen Geschäfte bedienen würden. Sie können sich denken, wie das gezogen hat! Der armen Frau ist nun dauernd geholfen. Es gehört eben zu allem Verstand und eine gewisse Technik, auch zum Wohltun. Sie können lange suchen, bis Sie wieder so kluge, so praktische und so gute Frauenzimmer finden, wie die Schwestern Weng!«

»Ich würdige Ihre Begeisterung vollkommen, Herr Kollege, aber wenn Sie schon verliebt sind, sollten Sie sich doch für die eine oder die andere entscheiden.«

»Unmöglich! Ich versichere – einfach unmöglich!«

Doktor Busbach lachte still in seinen rotweißen Holbeinbart.

»Wissen Sie,« sagte er nach einer Weile, »daß ich Sie ganz gut begreife? Zufällig kenne ich auch den Roman der beiden Schwestern und –«

»Was?! Die haben auch ihren Roman gehabt? Und Sie kennen ihn? Das müssen Sie mir aber doch gleich erzählen!«

»Wenn Sie versprechen, reinen Mund zu halten,«

»Ich schwöre!«

»Es ist schon eine ziemlich alte Geschichte; sie spielte so ungefähr vor dreißig Jahren. Damals lebte der Generaldirektor Hofrat Ritter von Weng noch und machte ein großes Haus. Die Weng-Mädel waren die berühmten Schönheiten von Wien. Wenn sie im Theater in ihrer Loge saßen, richteten 39 sich alle Gläser auf sie; wenn sie auf der Straße aus der Equipage stiegen, blieben die Leute stehen; wo immer sie sich blicken ließen, bildeten sie den Mittelpunkt bewundernder Aufmerksamkeit.«

»Ich bewundere sie heute noch!«

»Nun ja, Sie haben Ihre Spezialität, aber damals waren sie jung, schön, elegant und immer wunderbar angezogen. Da begab es sich, daß ein junger Professor, Staatsrechtslehrer, von Greifswald weg an die Wiener Universität berufen wurde. Er wurde bei Wengs eingeführt und lernte dort die ältere Tochter Alexandra kennen; die um ein Jahr jüngere Daisy war auf einige Wochen nach Dänemark zu einer Tante gefahren, deren Gatte dort Gesandter oder so etwas ähnliches war. Sie können sich denken, wie der junge Professor da Feuer fing!«

»Ja, das kann ich mir denken!«

»Das Merkwürdige aber war, daß auch Alexandra dem jungen Gelehrten gegenüber nicht unempfindlich blieb, obschon er bei weitem nicht so brillant war, wie die meisten der Kavaliere, die sich um sie bewarben. Die Sache begann mit ernsten sozialwissenschaftlichen Erörterungen – der deutsche Professor tat es nicht anders! – und gewann dann immer mehr einen persönlichen Anstrich, bis sie eines Tages dahinter gekommen waren, daß sie sich eigentlich liebten. Sie sagten es sich auch und waren beglückt und feierten ein heimliches Verlöbnis.«

»Die Sache scheint sich aber dann doch gespießt zu haben. Denn geheiratet wurde ja nicht.«

»Sie hat sich gespießt. Es war in der berühmten Wengschen Villa am Attersee. Der Professor war zum Besuche seiner Braut hingefahren. Denn das war sie, obschon noch niemand etwas von dem heimlichen Verlöbnis wußte. Da beginnt nun der tückische Zufall sein Spiel. Nennen Sie es Schicksal, nennen Sie es, wie Sie wollen – es war ein Verhängnis. Alexandra hatte die Masern bekommen, 40 eine verspätete Kinderkrankheit, und der Professor durfte natürlich nicht zu ihr. Aber Daisy war zurückgekehrt, und die lernte er nun kennen. Herrgott, war das ein Mädel! Im Äußeren der älteren Schwester so ähnlich, daß die beiden auf den ersten Anblick gar nicht auseinander zu kennen waren. Aber das Temperament, die Laune, der Humor, diese kindliche Fröhlichkeit, diese Anmut! Das alles war einfach bezaubernd. Da fing es auch gar nicht erst mit sozialwissenschaftlichen Erörterungen an; da brach unter Lachen und Scherzen und tausend süßen Schauern gleich machtvoll der starke Frühlingssturm herein, und unter dem duftigen Fliederbusch im Park war es, daß der entzückte, berauschte, um sein bißchen Verstand gekommene Professor das namenlos herzige Ding in seinen Arm schloß und küßte.«

»Eine sehr bedenkliche Sache!«

»Äußerst bedenklich. Als der Professor halbwegs wieder zu sich gekommen war und die nun geschaffene Situation überblicken und verstehen konnte, stürzte er entsetzt, verzweifelt davon. Daisy aber stürmte hinein ins Haus, um der Schwester ihr junges Glück zu erzählen.«

»Na, ich küss' die Hand – eine schöne Bescherung!«

»Was nun zunächst zwischen den beiden Schwestern vorgegangen ist, das hat man natürlich mit unbedingter Sicherheit niemals erfahren, immerhin bieten aber einige durch die Kombination ergänzte, spärliche Mitteilungen hinreichende Anhaltspunkte. Danach ging es ungefähr folgendermaßen zu: Erst kam es zu einer ungemein stürmischen Szene mit bitteren Vorwürfen und vielen, vielen Tränen. Und dann kam der edle Wettstreit, sich in Großmut zu überbieten. Jede wollte zugunsten der anderen verzichten und gerne ihr Leben einsam vertrauern, wenn nur die andere glücklich würde. So war zu einer Einigung nicht zu kommen. Vergeblich machte die ältere und klügere Alexandra geltend, es sei doch besser, daß nur eine unglücklich werde, als beide. Es sei klar, daß er Daisy mehr liebe, so solle sie ihn denn 41 in Gottes Namen nehmen. Für sie werde es nur ein halbes Unglück sein, wenn wenigstens die jüngere Schwester glücklich werden würde. Für sie aber, entgegnete Daisy, würde es auch nur ein halbes Glück sein, und dafür danke sie, davon wolle sie nichts wissen. Und schließlich einigten sie sich dahin, daß ihn keine haben wolle.«

»Und der Professor?«

»Der mußte natürlich noch einmal hin, um Gericht über sich halten zu lassen.«

»Da bin ich aber wirklich neugierig!«

»Die Schwestern empfingen ihn Hand in Hand, lächelnd, strahlend, und unterhielten sich mit ihm auf das liebenswürdigste über alles, wovon sie voraussetzen konnten, daß es ihn riesig interessieren würde. Sie ließen sich von ihm sozialwissenschaftlich belehren und waren Feuer und Flamme für seine staatsrechtlichen Exkurse. Es war äußerst interessant. Sie ließen auch nicht locker, und wenn er von etwas anderem zu reden beginnen wollte, dann hielten sie ihn fest bei der Stange. Kurz – es war aus, definitiv aus! Über drei Menschenschicksale war entschieden. Die beiden Schwestern haben sich niemals vermählt, und auch der arme Professor ist einschichtig geblieben im Leben – –«

»Das ist ja sehr interessant. Und ist die Geschichte authentisch, Herr Doktor?«

»Vollkommen authentisch, lieber Kollega. Der Professor, dem sie passiert ist, sitzt an unserem Tisch; es ist Ihr – echter Holbein.« 42

 


 

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