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In Reih' und Glied. Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: In Reih' und Glied. Zweiter Theil - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleIn Reih' und Glied. Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunSechste Auflage
year1883
firstpub1866
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130715
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Sechstes Capitel.

Der helle Morgen weckte Silvia aus verworrenen Träumen. Erst nach und nach gelang es ihr, mit klarem Bewußtsein die Ereignisse des vergangenen Tages überschauen zu können. Und nun sah sie, daß von den glänzenden Hoffnungen, denen sie sich gestern so vertrauensvoll überlassen, noch nichts erfüllt, daß noch Alles in Frage gestellt sei. Wer bürgte ihr, daß der König nicht schon heute über anderen Dingen vergessen hatte, was er gestern zugesagt? daß die Tante den Muth haben würde, den König zu erinnern, wenn er sie merken ließ, daß er nicht erinnert sein wollte?

Die Angst um Leo erwachte von neuem. Wenn auch seine Gefangenschaft nur von kurzer Dauer sein würde – seine Sache lag doch hoffnungslos danieder, und nicht um seine Person, um die Sache, die er verfocht, war es dem Stolzen zu thun.

Mit fieberhafter Spannung harrte Silvia der Zeitung. Endlich kam das Mädchen mit dem Frühstück und der Zeitung. Silvia konnte kaum erwarten, daß sie wieder allein war. Hastig entfaltete sie das Blatt; sie brauchte nicht lange zu suchen.

In einem langen Artikel war das vorgestern Abend Geschehene mitgetheilt, und in einer Weise, welche Silvia die Röthe des Zornes in Stirn und Wangen trieb. Der in der Versammlung ausgebrochene Tumult wurde beklagt, aber doch als eine ganz natürliche Reaction der soliden Arbeiter gegen das wühlerische Treiben von Leo's Partei bezeichnet, die denn auch schließlich das nothwendig gewordene Einschreiten der Polizei zu verantworten habe. Aus wie unlauteren Motiven übrigens die ganze Agitation hervorgegangen, werde leider wohl die gegen Leo eingeleitete Untersuchung ergeben. Wie man aus guter Quelle höre, seien in der Wohnung des Agitators eine Menge der compromittirendsten Papiere vorgefunden worden.

Und doch will ich ihnen die Beute, die sie so sicher zu haben glauben, entreißen, sagte Silvia.

Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und schrieb mit fliegender Hast an Tante Sara:

 

»Du liest keine Zeitungen, Tante Sara! Wie leicht kannst Du also glauben, daß meine Sorge für Leo nur der Ausfluß unverständiger Furcht sei. Lies, ich bitte Dich, die Einlage! Dein kluges, welt- und menschenkundiges Auge wird zwischen den Zeilen lesen, wie man sich freut, den edlen Hirsch niedergehetzt zu haben, während man sich die Miene giebt, sein Schicksal zu bedauern. Tante Sara! Er ist verloren, wenn Deines königlichen Freundes machtvolle Hand sich nicht schützend über ihn ausstreckt. Wer weiß, was man heute schon dem Könige berichtet, wie man sich mühen wird, sein offenes Herz gegen den edelsten der Menschen zu verschließen! Und doch! Sie würden sich verstehen, könnten sie sich nur einmal von Angesicht zu Angesicht sehen. Es würde die Zusammenkunft zweier Könige sein. Tante Sara – es ist viel in Deine Hand gelegt! Könntest Du es herrlich ausführen – ich würde vor Dir niederfallen und Dich anbeten.«

 

Sie überlas nicht, was sie geschrieben; hastig schnitt sie aus der Zeitung die Stelle über Leo aus, legte sie in den Brief und klingelte.

Dieser Brief muß sogleich besorgt werden. Fräulein Sara Gutmann wohnt im Schlosse; wenn Paul nicht hinfinden kann, muß er sich bei dem Castellan erkundigen.

Silvia hatte das Mädchen nicht angeblickt, als sie mit hastiger Stimme diese Worte vorbrachte. Der Name ihrer Tante war noch nie den Leuten gegenüber genannt worden. Als das Mädchen das Zimmer verlassen hatte, athmete sie tief auf.

Ist es möglich, daß man sich so sclavisch von den Vorurteilen beherrschen läßt? Wie kann ich diesen Weg gehen, wenn ich schon bei den ersten Schritten strauchle? wie ihm helfen, wenn ich mich immer nach den Anderen umsehe, was die dazu sagen?

Aber trotz alledem wollte es nicht ruhiger in ihrer Seele werden. Bei jedem Geräusch im Hause fuhr sie zusammen, als ob jetzt eine Entscheidung kommen müsse. Sie wollte ihre Unruhe weglesen, wegschreiben, wegspielen, wegsingen – es gelang nicht.

So vergingen die Stunden. Endlich – es war schon gegen Abend – brachte man ihr einen Brief, aber nicht von der Tante, sondern von Miß Jones. Der Brief enthielt nur wenige Zeilen: »Theure Silvia! Ich empfange soeben eine telegraphische Depesche aus Tuchheim; des Freiherrn Zustand hat sich noch verschlimmert. Ich komme zehn Minuten nach acht Uhr, um bei Ihnen zu bleiben; meine alte Stube ist ja immer für mich bereit. Ich habe meine letzten jungen Damen heute schon weggeschickt und bin für mehrere Tage ganz frei.«

Silvia starrte auf den Brief, den sie in ihren Schoß hatte sinken lassen. Sie hatte den Freiherrn immer sehr geliebt, wie sie denn auch von ihm mit unendlicher, sich immer gleichbleibender Güte, so lange sie denken konnte, behandelt war. Der Freiherr hatte oft im Scherz behauptet, daß er und Silvia wahlverwandte Naturen seien; sie hatten in ihrem Geschmack, in ihren Ansichten, in ihren Gefühlen fast immer harmonirt. Gerade dies schöne Verhältniß zu dem stattlichen Herrn war für Silvia in den letzten Jahren verzehrender Ungeduld und rastlosen Sehnens in die Ferne das Band gewesen, das sie stärker als alle anderen in diesem Hause festgehalten hatte. Nun mußte auch dieses Band zerreißen, als ob nichts mehr den Flug zu einem neuen energischeren Leben hemmen sollte. Silvia empfand es als eine Schmach, daß sie in diesem Augenblick daran zuerst denken konnte, und doch kam sie immer wieder darauf zurück.

Ich kann nicht anders, sagte sie endlich zu sich selbst, sie haben zu lange den Strom meines Lebens künstlich eingedämmt.

Sie saß mit dem Brief in ihrem Schoße, als Paul, der Bediente, hereintrat und ihr eine Karte überbrachte.

Die Dame wartet auf Antwort, sagte Paul.

Silvia nahm die Karte und las: »Fräulein Sara Gutmann.« In der Ecke: » Tournez, s'il vous plait;« auf der Rückseite: »Hast Du eine Stunde für mich übrig? Laß mich nicht warten!«

Wo ist die Dame? fragte Silvia.

Vor der Thür; in ihrer Equipage.

Sagen Sie ihr, daß ich sogleich kommen werde.

Sehr wohl, Fräulein.

Der Bediente Paul hatte ein paar lebhafte schwarze kleine Augen, deren Blick für gewöhnlich etwas unstet war. Er konnte die Leute nur ansehen, wenn sie ihn nicht ansahen, pflegte aber solche Momente gut zu benutzen. So hatte er denn auch jetzt bemerkt, daß des Fräuleins Hände gezittert hatten, als sie die Karte entgegennahm, und daß, während sie unverwandt auf dieselbe schaute, ihr das Blut in die Wangen geschossen war. Der Anblick einer jungen Dame, die zur Unzeit roth wurde, hatte etwas besonders Ergötzliches für den Bedienten Paul; er schnitt, als er aus dem Zimmer ging, eine lustige Grimasse.

Mit vor Aufregung zitternden Händen machte sich Silvia zur Ausfahrt zurecht. Welche Nachricht brachte die Tante? War schon Alles entschieden? War Leo frei?

Und während sie sich die Hutbänder zuband und die freudige Erwartung ihr Thränen des Dankes in's Auge trieb, dachte sie, was Fräulein Charlotte und Amélie wohl sagen würden, wenn sie vorn im Salon am Fenster wären, während Tante Sara in ihrem Wagen mit der goldenen Lorgnette vor den halb erloschenen Augen bald nach den beiden Damen im Fenster, bald an dem Hause in die Höhe blickte.

Und da saß Tante Sara in einer zweisitzigen Hofkutsche, die Lorgnette vor den Augen, durch die geöffnete Wagenthür, an der ein Bedienter mit der königlichen Livrée stand, nach dem Bedienten Paul blickend, der in der offenen Hausthür auf Fräulein Silvia wartete.

Ach, da bist Du endlich, Liebe! rief Tante Sara, in die Ecke links rückend, während die beiden Bedienten, der königliche und der freiherrliche, der jungen Dame in den Wagen halfen.

In den Park! rief Tante Sara.

Zu Befehl! sagte der königliche und lief hinter dem Wagen herum, um auf seinen Platz neben dem Kutscher zu gelangen. Wie die Pferde anzogen, winkte er über das niedrige Verdeck des Wagens dem freiherrlichen, der noch in der Thür stand, mit dem Auge – ein Zeichen, das jener sogleich mit einer entsprechenden Geberde beantwortete.

Du liebes Kind, sagte Sara, als der Wagen sich in Bewegung setzte, mußt mir verzeihen, daß ich nicht ausgestiegen bin und mich Fräulein Charlotte vorgestellt habe, ich hätte mich recht gefreut, sie nach so vielen Jahren wiederzusehen – wir waren früher große Freundinnen! – aber das Gehen wird mir schwer, weißt Du, und überdies muß ich mich heute vor allen Emotionen hüten; ich habe so leise Anzeichen einer heranziehenden Migräne. Was sagst Du, süßes Kind? Ich höre schlecht auf diesem Ohr.

Du hättest Fräulein Charlotte nicht gefunden – sie und Amélie sind gestern Abend nach Tuchheim zurück. Der Freiherr soll sehr krank sein; vor einer Stunde habe ich die Nachricht erhalten, daß sein Zustand sich noch verschlimmert hat.

O, mon dieu! sagte Tante Sara, indem sie sich in die Ecke zurücklehnte und ihr parfümirtes Tuch vor die Augen hielt.

Silvia hatte ihr durchaus nichts Neues gesagt. Der Bediente Paul, der Silvia's Brief überbrachte, hatte in der schönen Lisette eine Bekannte aus einer sehr heiteren Episode seines vielbewegten Lebens gefunden. Die guten Bekannten hatten sich in der Eile ihre neuesten Erlebnisse mitgetheilt. Dabei hatte denn Paul auch der plötzlichen Abreise seiner Herrschaft und des Grundes dieser Abreise Erwähnung gethan und Lisetten von diesen Neuigkeiten der Herrin getreulichen Rapport abgestattet. Fräulein Sara hatte diese Nachricht als einen ganz unverhofften Glücksfall begrüßt, der einem Plan, welchen sie heute Morgen ausgesonnen und über den sie bereits mit dem kranken General von Tuchheim correspondirt hatte, außerordentlich förderlich zu werden versprach.

Mon dieu, mon dieu! wiederholte Tante Sara, indem sie das Tuch von den Augen nahm und Silvia mit einer Miene tiefsten Beileids anblickte. Du armes, armes Kind, was mußt Du gelitten haben – was mußt Du leiden! Und dazu die Sorge um unsern lieben Leo! Ach, süßes Kind! Es hätte Deines Briefes nicht bedurft! Ich habe die lange, lange Nacht gesessen und gesonnen und gesonnen, und heute den ganzen Tag Briefe geschrieben, Personen empfangen, ausgefragt, instruirt – mit Einem Worte: für ihn, für Dich rechtschaffen gearbeitet. O, es bedarf bei mir nicht langer Zeit, mich in einer verwickelten Angelegenheit zurecht zu finden; aber mein Kopf, mein armer Kopf!

Gute, beste Tante, wie soll ich Dir danken! sagte Silvia, Sara's schmale, knöcherne Hand, die in dem feinsten Lila-Glacé-Handschuh steckte, ergreifend und herzlich drückend.

Ich will keinen Dank, liebes Kind! Ich bin daran nicht gewöhnt, ich habe niemals im Leben Dank für das, was ich an Anderen Gutes that, gehabt.

Silvia verlangte sehr zu wissen, wie Leo's Angelegenheit jetzt stehe, aber sie scheute sich, direct zu fragen. Sara hatte sich wieder in ihre Ecke zurückgelehnt; der Lärm der Straße schien sie sehr anzugreifen. Als aber der Wagen aus dem Thor in den Park bog und die chaussirte Straße das Geräusch der Räder verminderte, richtete sie sich wieder auf und sagte in ihrer munteren Weise:

Nicht so blaß, mein süßes Kind, so blaß und so angstbeklommen! Ich bin in meinem Leben in so viel schwierigen Situationen gewesen, habe so viel erfahren und erduldet, daß ich ein Recht habe, den Kopf oben zu behalten, wo Andere ihn verlieren. Aber ich müßte mich sehr irren, wenn Du nicht aus demselben Stoffe wärest. Und Du bist jung und stark, ich bin eine alte, gebrochene Frau. Ich kann nichts weiter, als meine letzten Stunden für die benutzen, die mich nicht von sich gestoßen haben würden, wenn sie mich gekannt hätten.

Und Tante Sara verneigte sich tief vor den jugendlichen Insassen einer fürstlichen Equipage, die eben an ihnen vorüberflog.

Man war mittlerweile zu dem belebtesten Theile des Parkes gelangt, der um diese Abendstunde von Fußgängern, Equipagen und Reitern wimmelte. Der Wagen war oft genöthigt, langsam zu fahren, man konnte mit aller Bequemlichkeit die Vorüberfahrenden, Reitenden, Promenirenden mustern und von ihnen gemustert werden. Die Tante, welche die goldene Lorgnette nicht von den Augen nahm, hatte sehr viel zu grüßen. Sie schien alle Welt zu kennen, und während sie herablassend mit dem Kopfe nickte, oder sich verneigte und fortwährend dabei lächelte, erzählte sie unaufhörlich kleine Geschichten, pikante Anekdoten, von denen die wenigsten für die betreffenden Personen schmeichelhaft waren.

Ah, sieh da! Der Baron von Kerkow! Der tausend! Wie kommt denn der wieder zu dem reizenden Gig mit dem Vollblutfuchs? Ich denke, seine Gläubiger haben ihm die letzte Pferdedecke, geschweige denn das letzte Pferd abgepfändet! Aber der Himmel weiß, wie diese edlen Herren hinter dem letzten Wucherer noch den allerletzten entdecken! – Herr Graf von Rebenstein! Ergebenste Dienerin! Arme Gräfin! Wie sie da sitzt, auf diesem unsinnigen Gestell von einem Wagen! Sie ist die nervöseste kleine Person, die man sich denken kann, und er findet, halb blödsinnig wie er ist, seine Freude daran, sie in Situationen zu bringen, wo sie vor Angst fast umkommt. Ein guter Freund von Henri von Tuchheim, Silvia! Wundere mich, daß er und sein Telemach sich heute nicht sehen lassen. Quand on parle des loups! ... Da sind sie! da drüben in der Allee, sie können uns wohl nicht sehen. Schön beritten! Wieviel die beiden Thiere wohl dem alten Sonnenstein kosten! Henri ist einer der besten Reiter – nun, die Tuchheims sitzen alle gut zu Pferde! – aber auch Alfred von Sonnenstein – gar nicht so schlecht! Sollte nicht so scharf reiten, der arme Junge; sieht übel aus. – Vor wem machen sie denn da Front! Ach! Prinzeß Philipp Franz! Ja, ja! das scheint der Himmel auf Erden, jung, bildschön, Prinzessin – aber, aber – es prüfe, wer sich ewig bindet! Gott, wie schön sie heute wieder ist!

So plauderte Tante Sara, halb mit sich selbst, halb mit Silvia sprechend, immer fort. Silvia war ganz verstummt. Sie konnte sich heute in die Tante noch viel weniger finden, als gestern. Gestern hatte die Tante in ihrem phantastischen Hausanzug etwas ganz Eigenartiges gehabt; heute, in elegantester Promenadentoilette, sah sie aus wie Hunderte von Damen, die da in den tiefsitzigen Wagen, bequem in die weichen Kissen zurückgelehnt, vorüberglitten. Und doch, je länger die Fahrt währte, desto mehr fühlte sich Silvia wieder von dem Wesen der Tante angezogen. Es war doch etwas Besonderes um diese intimste Kenntniß der Verhältnisse von Hunderten und Hunderten mehr oder weniger hochgestellter Personen. War es Schuld der Tante, daß diese große Welt, wenn man sie so aus der Nähe durch goldgeränderte Lorgnettengläser ansah, so klein erschien? Konnte man es der Tante, die sich über ein Menschenalter in dieser Welt bewegt hatte, zum Vorwurf machen, daß sie skeptisch und satyrisch und zum Theil recht bitter geworden war? Und bewies nicht auf der andern Seite ihre rege Theilnahme für Leo, wenn sie dieselbe auch auf ihre Weise an den Tag legte, daß sie sich inmitten dieser frivolen Welt ein Herz bewahrt hatte, das mit den Leidenden fühlen konnte?

Dennoch athmete Silvia leichter, als man sich nach einer Stunde wieder dem Thore näherte. Wie die Tante beinahe Alle, die ihnen begegnet, kannte, so mußte sie auch von beinahe Allen gekannt sein, und dies fortwährende Sichneigenmüssen vor Personen, die ihr ganz fremd waren, hatte für Silvia etwas unbeschreiblich Peinliches; peinlicher aber waren ihr die verwunderten, fragenden Blicke nicht weniger Herren und Damen aus dem Kreise, der sich in des Freiherrn Hause zu versammeln pflegte, so daß sie sich zuletzt in die Ecke des Wagens zurücklehnte, um diesen Blicken so viel als möglich auszuweichen.

Du bist ja so still geworden, süßes Kind, sagte Tante Sara.

Was soll ich sagen, da Du die Kosten der Unterhaltung in so anmuthiger Weise trägst?

Schmeichlerin! Aber ich fühle, daß ich zu viel gesprochen habe. So etwas rächt sich bei mir sehr grausam. Ach, mein armer Kopf.

Es ist wohl nur, daß wir jetzt wieder auf das Straßenpflaster kommen.

Tante Sara antwortete nicht. Sie hielt sich ein Riechfläschchen an die Nase, indem sie in die Kissen des Wagens zurücksank. Ihre lebhaften Züge hatten plötzlich den Ausdruck heftigen Leidens angenommen.

Soll man langsamer fahren, Tante?

Um Himmelswillen nicht! Es ist die höchste Zeit, daß ich nach Hause komme! o, mein Gott, mein Gott!

In wenigen Minuten war man beim Schlosse angelangt. Der Wagen hielt im Hofe vor der Thür. Tante Sara versuchte sich aufzurichten: Leb' wohl, mein süßes Kind! Habe tausend Dank! Oh, mon dieu! und sie sank wieder in die Kissen zurück.

Der Bediente öffnete den Schlag.

Wir werden das Fräulein hinaufführen müssen, sagte Silvia, ihr ist plötzlich unwohl geworden.

Sie umfaßte die Tante, der Diener empfing sie in seinen Armen. Auf den Diener und auf Silvia sich stützend, so daß ihr Kopf an der Schulter des jungen Mädchens ruhte, begann Tante Sara die Treppe zu ersteigen. Glücklicherweise war sie sehr leicht, und so wurde es denn möglich, sie ohne weiteren Beistand bis nach oben zu schaffen. Die Thür wurde auf das kräftige Schellen des Dieners sogleich geöffnet.

Ach, mein armes Fräulein! rief Lisette; ich habe es mir doch gedacht!

Ich werde, wenn Sie erlauben, Ihnen das Fräulein zu Bett bringen helfen! sagte Silvia.

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