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In Reih' und Glied. Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: In Reih' und Glied. Zweiter Theil - Kapitel 61
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleIn Reih' und Glied. Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunSechste Auflage
year1883
firstpub1866
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130715
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Sechzigstes Capitel.

Durch den stillen Wald von Tuchheim bewegte sich an demselben Tage, in derselben frühen Morgenstunde ein seltsamer Zug. Voran eine Schaar von Reitern, junge Bauerssöhne, die zum Theil eine Meile weit gekommen waren, dem alten Förster Gutmann, den Alle kannten, das letzte Geleit zu geben; hinter den Reitern Förster und Waidmänner aus der Umgegend, Collegen und Jagdgenossen des Verstorbenen, die gesenkten Büchsen unter den Armen; dann ein einfacher, nur mit Eichenkränzen und Eichengewinden überdeckter Sarg, den acht Fabrikarbeiter trugen, während acht andere zur Ablösung für die Träger daneben gingen; hinter dem Sarge voran Walter und der alte treue Gehilfe des Verstorbenen, Doctor Paulus, Rehbein, Deputirte der Gemeinden rings in der Runde, Fabrikherren, Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft. Zwei jugendliche Reiter auf schwarzen Rossen eröffneten einen neuen Zug: weißgekleidete Mädchen, die Blumen streuten, vor einem zweiten Sarge her, welcher auf den Schultern von Jünglingen des Dorfes ruhte, denen andere in gleicher Zahl zur Seite gingen; hinter diesem mit Herbstblumen reich geschmückten Sarge eine offene Kutsche, in der vier Frauen saßen: Charlotte, Tante Malchen, Amélie, Miß Jones; dann eine lange Reihe von Frauen und Mädchen; endlich, als Schluß des Zuges, wiederum eine kleine Schaar Berittener.

So bewegte sich die lange Linie durch den stillen, morgenfrischen Wald; nur zuweilen das muthige Wiehern eines der Rosse, und einmal hoch oben aus der dünnen, klaren, noch sonnenlosen Luft das Geschrei von wilden Gänsen, die nach Süden zogen.

Da, wo der Weg zwischen zwei gewaltigen Eichen aus dem Walde auf die Gemeindewiese mündete, harrte des Zuges neben einer Ehrenpforte aus Blumenguirlanden, die von Baum zu Baum über die ganze Breite des Weges gezogen waren, der Gemeindevorstand von Tuchheim, dem sich die Beamten des Bahnhofs angeschlossen hatten. Sie traten nach einer stummen Begrüßung in den Zug, der seine Reihen öffnete.

Nun berührte man das Dorf, in welchem jedes Haus wie zu einem hohen Feste geschmückt war. Vor den Thüren standen Frauen, die ihre Kinder, als die Särge vorübergetragen wurden, weinend in die Höhe hoben; Greise, die das Silberhaupt entblößten, Mütterchen, die im stummen Gebet die braunen, runzeligen Hände falteten. Und je weiter man kam, um so dichter quoll es hervor aus den Häusern, hinter den Hecken, und stand da mit stillen, bethränten Gesichtern oder zog schweigend mit, daß die breite Dorfgasse sie kaum noch Alle fassen konnte; und als der Zug den Friedhof berührte, dessen Eingangsthür wiederum zu einer kränze- und blumengeschmückten Ehrenpforte umgeschaffen war, und ein Musikcorps aus der Nachbarstadt in feierlichen Klängen, die weit hinaus in das stille Land schallten, den Choral anstimmte, da entblößten Tausende, die allüberall aus der Gegend zusammengeströmt waren, und hier schon stundenlang geharrt hatten, ihre Häupter und ließen den Zug an sich vorüberziehen zu dem offenen Grabe auf der Höhe des Friedhofes.

Die beiden Särge waren Seite an Seite in das Grab gesenkt; die Mädchen hatten Blumen hinabgestreut, und über den blumenbedeckten Särgen hatten die Waidmänner zu dreien Malen ihre Büchsen abgefeuert, deren muthigen Knall das Echo des Schloßberges dumpf donnernd zurückgab. Und während noch der Pulverrauch aufwärts wallte, trat zu Häupten der Gruft auf den Erdhügel ein Mann, dessen hohe Stirn von spärlichem, bereits ergrauendem Haar umflossen war, und der Mann erhob seine tönende Stimme und sprach: Für ihn, den wir hier bestatten, war der ehrliche Knall einer Büchse Zeit seines Lebens die lieblichste Musik, und sie, die wir ihm zur Seite gebettet, war ihres Vaters echtes Kind in tiefinniger Liebeskraft, in erhabenem Opfermuth, der das Leben, wenn es sein muß, abstreift wie ein Kleid – so mag denn auch an ihrem allzu frühen Grabe der Kirchenglocken vieldeutiger Klang gerne schweigen. Aber nicht von ihr will ich sprechen, der Schönen, Guten. Die Wenigsten von Euch haben sie gekannt, und wer sie gekannt hat, für den wird die Erinnerung an sie sein wie die Erinnerung an eine sonnige Stunde aus der Jugendzeit, die uns lieb und heilig bleibt, wenn das rauhe Leben auch die goldenen Träume nicht erfüllt hat, die damals unser Haupt umkränzten. Von ihm wollte ich zu Euch sprechen, dem wettergefesteten, sonnegebräunten Manne, den ihr Alle gekannt habt, der zwei Menschenalter hindurch unter Euch lebte, dessen langes Leben eine ununterbrochene Kette männlicher Thaten gewesen ist und der ein so schönes Leben durch den schönsten Tod besiegelt hat. Hier an meiner Seite steht der Mann, dessen Leben zu retten er freudig das seine hingab; aber, meine Freunde, als er für diesen starb, starb er für Euch Alle, und so bringt sein Tod unendlichen Gewinn. Wer von Euch würde in Zukunft noch die Hand erheben können wider den Bruder? Wessen im Zorn erhobene Hand würde nicht sinken, sobald an sein Ohr der Name dieses Mannes dringt, der Euch fürder ein Heiliger und ein Held sein wird!

Ja, meine Freunde, ein Heiliger und ein Held, den ich selig preise!

Aber wehe ihnen, die noch Heilige und Helden brauchen! Wehe Euch! der Ruhm dieses Mannes ist Eure Schmach!

O, meine Freunde, wascht sie ab, diese Schmach!

Ihr könnt es durch Eines! nur durch Eines!

Nur dadurch, daß Ihr fürder von ganzem Herzen und mit allen Kräften Eure Pflicht thut.

Dann, aber auch nur dann, werdet Ihr von der Schande erlöset, daß Ihr die Guten, Braven, die Eure Feigheit, Eure Thorheit ungeduldig machte, vor Euch her in den Tod triebt.

Und so werdet Ihr auch nur wahrhaft gerettet werden. Die Helden und Heiligen können sich wohl opfern, aber Euch nicht retten.

Niemand kann Euch erretten: kein Held, kein Heiliger und kein Gott.

Ihr könnt Euch nur selbst erretten.

Schwört, daß Ihr es wollt; schwört es an dem Grabe dieses Braven, Edlen! schwört, daß Ihr fürder der heiligen Ordnung, für welche dieser hier starb, leben wollt, und ihr dienen wollt. Einer für Alle und Alle für Einen, wie gute Kameraden, wie brave Soldaten in Reih' und Glied.

So sprach Doctor Paulus und stieg von dem Hügel herab.

Wieder streuten die jungen Mädchen Blumen, warfen die Männer Erde auf die Särge, daß die Gruft sich immer mehr füllte und bald dem Erdboden gleich war.

Und jetzt entblößten Alle ihre Häupter, es wurde still, lautlos still unter den Tausenden.

Die Sonne ging auf und strahlte ihr goldenes Licht über die stille, betende Gemeinde.

Dann zogen sie wieder heim in ihre Dörfer, in langen, hierhin und dorthin von dem hochgelegenen Friedhofe abwärts wallenden Linien, ohne Lärmen, lautlos fast, als habe jeder Einzelne das Wort von der heiligen Ordnung, das der Redner am Grabe gesprochen, unversehrt hinab, hinauf zu tragen zu den Heimathhütten drunten im Thal und droben auf den Bergen.

 

Ende.

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