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In Reih' und Glied. Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: In Reih' und Glied. Zweiter Theil - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleIn Reih' und Glied. Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunSechste Auflage
year1883
firstpub1866
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130715
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Fünftes Capitel.

Unterdessen donnerte durch die warme, mondhelle Frühlingsnacht der Schnellzug, der Charlotte, Amélie und Walter gen Süden trug. Wälder und Felder, Wiesen und Seen schwebten wie in einem Zauberspiegel vorüber. Auf einer Station hörte man, als der Zug hielt, aus den weißschimmernden Blüthenbäumen eines Wäldchens in der Nahe die Nachtigallen schlagen.

Wie schön ist die Nacht! sagte Charlotte; liegt die Erde nicht da, als ob sie nur ein Aufenthalt für selige Geister sein könnte?

Das Signal zur Wiederabfahrt ertönte, die Locomotive pfiff gellend, der Zug setzte sich in Bewegung und donnerte rastlos weiter durch die ambrosische Nacht. Die Drei im Wagen lehnten wieder still in ihren Ecken; selten nur, daß ein leises freundliches Wort zwischen den Frauen gewechselt wurde. Auch Walter wurde immer schweigsamer, je weiter die Nacht vorschritt; Charlotte glaubte, daß er mit der Müdigkeit kämpfe und bat ihn, schlafen zu wollen.

Wie sollte er schlafen mit dieser Sorge im Herzen! Stunde um Stunde verrann, nur noch zwei oder drei Stationen, und den geliebten Beiden, die sich gegenseitig Muth und Trost einsprachen, konnte das Furchtbare nicht länger verborgen bleiben. Und was dann?

Wieder eine Station, an welcher sonst angehalten wurde und der Schnellzug jetzt in rasselnder Eile vorüberbrauste. Schon die nächste war der Ort, von welchem die neue Zweigbahn nach dem Gebirge abging.

Walter dachte der ersten Fahrt, die er auf dieser Bahn gemacht, vor drei Jahren, als er nach seinem letzten Examen den Vater in Tuchheim besuchte. Er hatte es so eilig gehabt, dem Vater selbst in Person die gewünschte Nachricht zu bringen; denn daß Fräulein Charlotte mit den beiden jungen Damen in eben der Zeit zu einem kurzen Besuch in Tuchheim war, mochte er sich als den Hauptgrund seiner Eilfertigkeit nicht eingestehen. Aber sicher hatte ihm dieser Zufall ein paar der schönsten Tage seines Lebens verschafft, deren Erinnerung ihm später so manche Widerwärtigkeit des neuen Amtes getreulich überwinden half. Als sie zusammen zurückfuhren, hatte er erfahren, daß Amélie ihn liebte. Sie hatten sich einander gegenüber gesessen in dem halbdunklen Coupe, fast wie jetzt, und immer waren die geliebten Augen auf ihn gerichtet gewesen, die Frühlingsnacht hindurch, immer mit demselben glückselig beseligenden Licht, und als die Morgendämmerung heraufkam und die goldenen Sterne am rosigen Himmel erloschen, da hatten die zwei lieben Augensterne ihm noch immer gestrahlt, milder freilich und weicher und verschämter, als während der Nacht, aber noch immer selig und beseligend.

Auch heute sah er diese holden Augen wieder auf sich gerichtet, aber mit wie anderem Ausdruck! Und doch wußte Amélie nicht, welcher Jammerscene sie entgegenfuhr. Sie hatte sich nach den Einzelheiten seines Processes erkundigt, als Charlotte bat, ihnen aufrichtig zu sagen, wie das Urtheil ausgefallen sei; sie war erschrocken gewesen, als Walter antworten mußte, daß man ihn zu sechs Monaten Gefängniß verurtheilt habe, daß aber seine Freunde hofften, die zweite Instanz werde die Strafe entweder ganz aufheben, oder doch wesentlich verringern. Es war ihm unheimlich, von sich und seinen Angelegenheiten zu sprechen, während in diesem Augenblicke vielleicht dem geliebten Mädchen der Vater starb.

Wie würde sein eigener Vater es tragen? Mit stiller Würde, wie er Alles ertrug, gewiß! Aber doch wie schwer, wie schwer! War ihm doch der theure Herr die Hälfte seines Lebens gewesen! Hatte er ihn doch geliebt mit der ganzen romantischen Treue, die ein schottischer Clanman für seinen Häuptling hat, und mit der ganzen Zärtlichkeit, mit der der Bruder einen Bruder liebt; hatte ihn vielleicht um so mehr geliebt, je mehr Sorgen dem Ernsten, Gewissenhaften das unberechenbare Wesen des Andern gemacht hatte. Wie hatte er sich damals vor drei Jahren – ganz gegen seine Gewohnheit – mit kühnen Projecten getragen, den Ertrag der Güter jetzt, da die Eisenbahn sie durchschnitt, vielleicht doch noch zu steigern, um den Freiherrn unabhängig von seinem Schwager zu machen, ihn womöglich zurückzulocken nach Tuchheim, damit sie den Rest ihres Lebens zusammen verleben könnten, wie sie die Jugendzeit zusammen verlebt hatten! ... Und nun!

Häuser, Signallichter, der schrille Ton der Dampfpfeife, schon wieder eine Station – die letzte! Die Bahnhofsuhr zeigte auf drei, die Morgenkühle wehte in den Wagen. Walter schloß das Fenster und öffnete es alsbald wieder, da es ihm war, als müßte er ersticken. Charlotte breitete einen Shawl über Amélie, die nun doch die Müdigkeit überwältigt hatte, und setzte sich zu Walter, seine Hand in die ihre nehmend.

Sie haben heute einen schweren Tag und eine schlimme Nacht gehabt, lieber Walter, sagte sie leise; Ihre Hand ist fieberhaft; Sie sollten hier nicht am offenen Fenster sitzen, daß Sie uns nicht auch krank werden und Sorge machen, Sie, der jede Sorge von uns nehmen, der uns am liebsten auf seinen Händen durch das Leben tragen möchte. Lieber Walter, seien Sie nicht so traurig! Es wird noch Alles gut werden. Liebe kann nur Liebe lohnen, und meiner Liebe, Amélie's Liebe sind Sie sicher. Ja, Walter, und auch mein Bruder liebt Sie, ich weiß es gewiß, weiß es besser, als er es selber jetzt wohl weiß. Er hat viel Leiden erfahren in diesen letzten Jahren, und das hat für den Augenblick seinen Geist verdüstert und sein Herz verwirrt. Aber edle Menschen gehen schließlich aus den Leiden edler hervor. Vielleicht, daß diese Krankheit, die gewiß schon lange an ihm nagte, eine wohlthätige Krisis ist, die ihn sich selbst und uns Allen zurückzieht.

Walter konnte es nicht länger tragen. Er nahm Charlotten's beide Hände und sagte:

Edle Menschen gehen aus Leiden edler hervor! Daran will ich festhalten, daran müssen wir Alle festhalten in der nächsten Stunde. Und seine Lippen an ihr Ohr neigend, sagte er ihr Alles, was er selber wußte.

Charlotte erwiederte nichts; sie lehnte sich in ihren Platz zurück und bedeckte die Augen mit der Hand. Walter versuchte nicht, dies Schweigen zu unterbrechen; er sagte sich, daß eine so schöne große Seele in einem solchen Augenblick mit sich allein sein müsse. In der That, obgleich er die unendliche Liebe kannte, mit der Charlotte an diesem ihrem Lieblingsbruder hing, hatte er doch viel weniger für sie als für Amélie gefürchtet, deren weiches, unerfahrenes Herz der entsetzliche, unerwartete Schlag furchtbar treffen mußte. Für sie war der Vater eben nur krank; würde sie sich vom Schlaf haben überwältigen lassen, wenn sie eine Ahnung davon gehabt hätte, daß sie vielleicht schon binnen einer Stunde über dem theuren Todten würde weinen müssen?

Walter schaute voller Mitleid in das liebliche Antlitz, an dessen milder Schöne sein Auge so oft in trunkener Seligkeit gehangen: die reine Stirn, die anmuthig geschweiften Brauen, die langen Wimpern, die jetzt die zarte Wange berührten, die feinen keuschen Lippen, die jetzt im Schlafe leise sich geöffnet hatten.

Die Schlummernde wendete den Kopf, daß das Licht noch heller auf ihr Gesicht fiel. Wie schön es sich mit seiner Umrahmung dunkler Locken von dem Purpur des Sammets abhob! Wie schön und wie blaß! Und täuschte Walter das trügerische Licht, oder zuckte es schmerzlich und immer schmerzlicher um den reizenden Mund?

Charlotte wendete sich zu ihr; Amélie weinte und schluchzte im Schlaf, richtete sich jetzt, als Charlotte sie berührte, jäh empor, blickte scheu um sich und warf sich in Charlotten's Arme.

O, Tante, ich hatte einen so fürchterlichen Traum! Mir träumte, ich ging mit dem Vater im Walde, und da trat aus den Bäumen ein Mann hervor, der auf den Vater anlegte und schoß, und der Vater lag todt zu meinen Füßen, und aus der Brust tropfte das rothe Blut – o, mein Gott!

Amélie drückte, noch immer heftig weinend, ihr Gesicht fester an Charlotten's Busen; Charlotte blickte auf Walter und fragte, mehr mit der Bewegung der Lippen als mit Worten: Wie weit noch?

Walter deutete auf ein rothes Licht, das eben an dem Fenster vorüberglitt. Der Dampfpfeife greller, langgezogener Ton – eine halbe Minute später hielt der Zug.

Der Perron wimmelte von dunklen Gestalten; es waren Arbeiter aus den Fabriken, welche ihre Deputation, die mit diesem Zuge kommen mußte, erwarteten.

Ein Hurrah für unsere Brüder! rief eine laute rauhe Stimme, und hundert rauhe Stimmen wiederholten den Ruf.

Ihr Wagen hält gleich hinter dem Perron, sagte der Bahnhofs-Inspector, der selbst die Thür geöffnet hatte.

Es war ein junger Mann, ein Tuchheimer Kind, und der freiherrlichen Familie sowie auch Walter wohl bekannt.

Wie steht es auf dem Schlosse? fragte Walter flüsternd.

Der Inspector zuckte die Achseln mit einem vielsagenden Blick auf die Damen und rief einen Mann herbei, die Gesellschaft zum Wagen zu führen.

Sie drängten sich mühsam durch die Menge.

Macht Platz, gute Leute! sagte Walter.

Macht Platz! riefen ein paar Stimmen, seht Ihr denn nicht, daß es das Fräulein ist?

Man gab Raum; Mehrere zogen die Mützen; es waren Leute aus den umliegenden Dörfern, in deren Hütten Charlotte in früheren Jahren so oft Rath und Trost und Hilfe gebracht hatte; Andere blickten teilnehmend oder neugierig und theilten sich, als die Gruppe vorbei war, ihre Bemerkungen mit.

Walter drängte zur Eile; er hob die Damen in den Wagen, den Knecht, der die Pferde lenkte, zur Eile antreibend.

In dem Dorfe fiel durch die niedrigen Fenster und Thüren hie und da schon der Schein der Lichter oder der eben entzündeten Morgenfeuer von den Herden. Die Fabrikgebäude, die man in der Ferne sah, lagen noch still und dunkel; nur aus einem der hohen Schlote stieg eine ungeheure Rauchwolke, in ihrem unteren Ende dann und wann von rothen Flammen durchzuckt. Von dem Kirchthurm – wie gut Walter den blechernen Klang der alten Glocke kannte! – schlug es Vier.

Als sie langsam den Schloßberg hinauffuhren, blickte aus der Ebene herauf der erste Purpurstreifen des kommenden Tages; in den stillen Büschen an der Wegseite tönten einzelne Vogellaute; immer weiter breitete sich die Dämmerung über den grauen Himmel, und immer bleicher erschienen die Gesichter der Drei im Wagen. Charlotte hielt Amélie's Hand in der ihren; gesprochen wurde nichts.

Endlich tauchte der Wagen aus den Büschen heraus und fuhr im schnellen Trabe vor das Schloß.

Auf dem weiten Rasenplatze standen einzelne Gruppen, Männer und Frauen, die nach ein paar matt erleuchteten Fenstern in dem Erdgeschoß geblickt hatten und jetzt, als der Wagen vorbeikam, sich näher nach der Freitreppe drängten.

Walter hob die Damen aus dem Wagen; Charlotte stieg festen Schrittes die wenigen Stufen hinan; Amélie klammerte sich an Walter's Arm. Alle blickten nach dem Portal und der weit geöffneten Thür, über deren Schwelle jetzt eben Fritz Gutmann ihnen mit raschen Schritten entgegentrat. Der Morgenwind spielte mit dem ergrauenden Haar und das Morgenlicht schien hell genug auf seine braunen Wangen, über welche Thränen rannen. Er streckte Charlotten beide Hände entgegen.

Todt? fragte Charlotten's starrer Blick.

Todt! antworteten des Försters zuckende Lippen.

Armes, armes Kind! murmelte Charlotte, indem sie die wankende Amélie in ihre Arme faßte und aus dem Portale in die Halle führte; armes, armes Kind!

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