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In Reih' und Glied. Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: In Reih' und Glied. Zweiter Theil - Kapitel 59
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleIn Reih' und Glied. Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunSechste Auflage
year1883
firstpub1866
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130715
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Achtundfünfzigstes Capitel.

Während in dem kleinen Tuchheim noch die Sturmglocke heulte, war in der Hauptstadt eine Nachricht eingetroffen, die, als sie sich am nächsten Morgen mit Blitzesschnelle verbreitete, fast überall mit ungemischter Freude begrüßt wurde. Das Gewitter, das im Süden aufgeflammt war und mit seinen tiefziehenden Wolken schon die Grenzen des Landes zu streifen schien, hatte sich ausgetobt. Ein Waffenstillstand unter den kriegführenden Mächten war geschlossen, ein definitiver Friedensabschluß in sichere Aussicht gestellt. Die Wehrmänner, die schon im Stillen von Weib und Kind Abschied genommen, athmeten auf. Handel und Wandel mochten, so lange es den Göttern gefiel, wieder ruhig ihre Straße ziehen; auf der Börse waren die Baissiers in Verzweiflung; man erzählte sich, daß dem Hause Sonnenstein, welches in den letzten Tagen mit kühner Wendung auf Hausse speculirte, die Friedensbotschaft über eine Million eingebracht habe.

Aber das Publikum hatte kaum Zeit gehabt, von der freudigen Ueberraschung der Friedensbotschaft wieder zu sich zu kommen, und man fing eben an, die Folgen, welche dieser plötzliche Umschwung der politischen Situation für die innere Lage haben müsse, in Erwägung zu ziehen, als ein neues Ereigniß alle scharfsinnigsten Combinationen nach dieser Seite hin über den Haufen warf und die Gemüther der Menschen in neue und womöglich noch größere Aufregung versetzte. Noch an demselben Abend tauchte hier und da das Gerücht von einem Schlaganfall auf, der den König im Laufe des Nachmittags betroffen haben solle. Während die Einen mit Begierde nach einer Nachricht griffen, welche ihrer ohnehin erhitzten Phantasie so willkommene Nahrung bot, und die Kaltblütigeren der Leichtgläubigkeit der beweglichen Menge spotteten, brach die Nacht herein, ohne daß die düsteren Mauern des alten Königsschlosses ihr Geheimniß verrathen hätten; aber am nächsten Morgen erzählten bereits die Anschlagssäulen an den Straßenecken, was sich nicht länger verbergen ließ. Se. Majestät war, nachdem er noch gestern, obschon bereits unwohl, an der Tafel theilgenommen und den Abend im engeren Hofkreise und in Gesellschaft seiner eben zurückgekehrten Gemahlin mit gewohnter heiterer Laune zugebracht, am Theetische plötzlich vom Stuhle gesunken. Die schnell herbeigeeilten Aerzte hatten nicht in Zweifel sein können, daß es sich um einen Gehirnschlag handle, der, wenn er auch dem Leben des hohen Patienten nicht augenblicklich Gefahr drohe, doch eine nur langwierige Genesung in traurige Aussicht stelle.

Die folgenden Bulletins, welche alle zwei Stunden ausgegeben wurden, behaupteten nun freilich, daß keine wesentliche Veränderung in dem Befinden des hohen Kranken eingetreten sei; besser Unterrichtete wollten indessen das Gegentheil wissen. An Genesung sei überhaupt nicht zu denken, auch sei die Sache gar nicht so plötzlich gekommen, und besonders sei die heitere Laune, in welcher die Majestät von dem Unglück überrascht worden sei, eine reine Fabel, wie denn auch der Theetisch sich bei genauerer Untersuchung in ein für die Gelegenheit erfundenes Tischlein-decke-dich verwandeln dürfte. Es sei unzweifelhaft, daß der furchtbare Ausbruch der übrigens längst vorhandenen Krankheit des Königs in innigster Verbindung mit gewissen Ereignissen stehe, die in dem Schlosse selbst stattgefunden hätten, und die wiederum mit gewissen anderen zusammenhingen, deren Schauplatz der Gesellschaftssalon eines hochgestellten Günstlings des Monarchen gewesen sei. Auch die vorgestern Abend erfolgte, ganz unerwartete Rückkehr der Königin sei ein wichtiges Moment in dem düsteren Drama, von dessen einzelnen Scenen die Hofdienerschaft gar eigenthümliche Dinge zu erzählen wisse. Als Factum stand fest: eine Stunde nach Ankunft der Königin war eine junge Dame, die bei dem alten Fräulein Gutmann schon seit Monaten zum Besuch gewesen war, in der Wohnung der Frau Schloß-Castellanin erschienen, hatte unter den Zeichen größter Aufregung nach Feder und Papier verlangt und ein paar Zeilen geschrieben, die der Castellanssohn in die Parkstraße an eine gewisse Adresse habe bringen müssen. Die Dame war darauf in einer Droschke weggefahren, ohne Gepäck, selbst ohne Reisetasche, und war nicht wiedergekommen. Wieder eine Stunde später hatte auch Fräulein Gutmann in der Portierswohnung vorgesprochen – die Castellansfrau und ihre Tochter waren vor Schreck über das unerwartete Erscheinen des Fräuleins, das wie ein leibhaftiges Gespenst ausgesehen habe, fast gestorben – und Fräulein Gutmann hatte ebenfalls nach einer Droschke verlangt und war ebenfalls bis zu dem Augenblick, wo die Frau Castellanin ihrem Schwager die Geschichte erzählte, nicht zurückgekehrt.

Diese Nachrichten wurden durch die Hintertreppen in die Zimmer zu den Herrschaften gebracht und dienten dort als aufklärender Commentar zu gewissen Skandalgeschichten, welche von Freunden des Hauses soeben als vollkommen verbürgt die Vordertreppe hinaufgetragen waren. Nur in den Einzelheiten fanden sich kleine Verschiedenheiten, über die man indessen noch eine gleichartige Lesart zu erzielen hoffte. So behaupteten die Einen, die Forderung habe gelautet: Ich erkläre Sie für einen gemeinen Schurken und so weiter, während Andere versicherten, sie hätten nur gehört: Ich erkläre Sie für einen Schurken und so weiter. Auch war nicht mit Genauigkeit zu constatiren, bei welchem Worte der General in Ohnmacht gefallen war, ebensowenig wie das Verhalten von Fräulein Josephe bei der Katastrophe. Die Einen sagten, sie sei in ein hysterisches Lachen ausgebrochen, die Anderen in ein hysterisches Weinen.

Dem mochte nun sein, wie ihm wollte, über Eines konnte kein Zweifel herrschen: Der General von Tuchheim und seine Tochter hatten bereits am nächsten Morgen in ihrer eigenen Equipage, da ihnen vermuthlich kein Bahnzug früh genug ging, die Stadt verlassen; aber über das Motiv dieser fluchtähnlichen Abreise entstand sogleich wieder Streit. Während die Einen meinten, daß der General nach dem heillosen Skandal gar nicht habe bleiben können, behaupteten die Anderen, seine Stunde habe schon vorher geschlagen gehabt, und das stehe wieder mit der Ankunft der Königin an jenem Abend in genauester Verbindung, und zwar so:

Die Königin, trotz ihrer notorischen Abneigung gegen den Prinzen, sei demselben doch in dem Haß gegen die Günstlinge des Königs begegnet. Gleich nach ihrer Ankunft habe zwischen ihr und dem Könige eine heftige Scene stattgefunden, sie habe unter Thränen und Drohungen die Entfernung jener Männer verlangt. Der König habe sich geweigert und sei aus dem Cabinet gestürzt, während die Königin in einem an Verzweiflung grenzenden Zustande zurückblieb. Nach Verlauf einer halben Stunde sei der König auf einmal wieder erschienen, habe sich der Königin zu Füßen geworfen und ihr alle Forderungen zugestanden. An demselben Abend habe er noch die Cabinetsordres, durch welche der General von Tuchheim von seinem Posten als Schloßhauptmann und der Geheimrath Urban von seinem Amte entlassen seien, unterzeichnet, und an den Legationsrath von Gutmann einen eigenhändigen Brief gerichtet, in welchem er sich von diesem seinem Freunde vollkommen losgesagt habe. Als der Prinz um Mitternacht wegen der Friedensbotschaft auf das Schloß befohlen wurde, sei schon Alles geschehen gewesen. Der König habe vor Freude über die Friedensbotschaft geweint und über die Erzählung der Ereignisse in dem Salon des Generals, die dem Prinzen sogleich berichtet worden waren und von diesem dem Könige mitgetheilt wurden, herzlich gelacht, auch geäußert: So bin ich denn das Pack gründlich los. Die Königin habe triumphirt, wie der Erfolg gezeigt, allerdings ein wenig zu früh.

So meinten auch die Zeitungen, welche der plötzliche Umschwung der Dinge so überrascht hatte, daß sie sich am ersten Tage nur mit größter Vorsicht in der veränderten Situation zu orientiren suchten. Noch sei nichts entschieden; man müsse eben das Kommende abwarten, sich vor extravaganten Hoffnungen hüten, vor Allem aber nicht Wünsche aussprechen, die ja an sich berechtigt seien und gewiß von allen Patrioten getheilt würden, deren Erfüllung aber vielleicht gerade dadurch, daß man sie ausspreche, wieder in die Ferne rücke. Es verhalte sich damit wie mit einem Schatz, der in der Stille gehoben sein wolle und vor dem Freudenschrei des ungeduldigen Schatzgräbers in die alte Tiefe versinke. Man müsse Vertrauen haben und man dürfe Vertrauen haben; die Morgenröthe sei noch nicht der Tag, aber sie verkünde den Tag; man solle bei Sonnenaufgang nicht zu Mittag speisen wollen.

Aber schon vierundzwanzig Stunden später war der neue Tag, der angebrochen sei, das Stichwort der Blätter aller Farben; man gab sich ungenirt denselben extravaganten Hoffnungen hin, vor denen man Tags vorher so ernstlich gewarnt hatte. Und warum solle man nicht? Habe sich doch das Organ des Prinzen in dem gemäßigtsten, ja, wie die Sachen lägen, in einem überraschend liberalen Sinne ausgesprochen! Circulirten doch in dem Publikum verschiedene gut verbürgte Aeußerungen des hohen Herrn, die selbst das Herz des am wenigsten Sanguinischen mit froher Zuversicht auf neue und bessere Ordnung der Dinge erfüllen müßten! Freilich, gewisse Leute hätten das Unglück, den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen, und fänden, wie die Demokratische Zeitung, ein sonderbares Vergnügen daran, den Anderen die Freude zu verderben, daß sie stets zu beweisen suchten, man habe noch durchaus gar keine Ursache, sich zu freuen. Indessen, diesen Leuten sei nun einmal nicht zu helfen, man müsse sie eben ihrem Schicksale überlassen.

In dem Befinden des Königs war jetzt nach vierundzwanzig Stunden noch keine wesentliche Veränderung, weder zum Guten, noch zum Schlimmen, eingetreten; aber man erklärte es für ein böses Zeichen, daß die Bulletins, die noch immer alle zwei Stunden ausgegeben wurden, den dunklen Prophezeiungen von einem nahe bevorstehenden Ende des Königs keineswegs entschieden widersprachen. Schon fing man an, von dem Monarchen, als sei er bereits aus dem Leben geschieden, nur Gutes zu sagen. Man pries seine vorzüglichen Eigenschaften, seinen hellen Geist, seine Herzensgüte, die Lauterkeit seines Charakters, die Reinheit seiner Sitten. Daß er als Staatsmann nicht ebenso groß gewesen sei, wie als Mensch, finde seine Erklärung in seiner Jugend und in den schwierigen Verhältnissen, in welchen er vor acht Jahren die Zügel der Regierung ergriffen. Und doch sei es fraglos, daß er auf diesem Gebiete mit der Zeit Bedeutendes geleistet haben würde, ja man könne ohne Uebertreibung behaupten, die Hand des Schicksals habe ihn gerade in dem Augenblicke getroffen, als er im Begriffe stand, den bei einem Fürsten doppelt rühmlichen, aber auch doppelt verhängnißvollen Idealen allzu kecken Jugendmuthes zu entsagen und in das sichere Geleise erprobter Staatsweisheit einzulenken. Bedürfe es dafür noch einer besonderen Bestätigung, so sei das strenge, aber gerechte Gericht, das er noch in den letzten Stunden vor dem Ausbruch seiner Krankheit über die Männer habe ergehen lassen, die sein Vertrauen so heillos gemißbraucht hätten, der vollgiltigste Beweis; ja es würde nur zu begreiflich sein, wenn die Erkenntniß der vollkommenen Unwürdigkeit jener Männer, die ein so frevelhaftes Spiel mit ihm getrieben, dazu beigetragen hätte, sein zartbesaitetes Herz zu brechen.

In der That, wenn auch nur die Hälfte von dem wahr sein sollte, was man sich im Publikum über das Treiben dieser Menschen erzählte und die Zeitungen zum Theil bestätigten, und wenn man bedachte, wie wenig daran gefehlt, daß die Leitung des Staates selbst so frechen und unreinen Händen ausgeliefert wäre; so konnte man sich wahrlich glücklich preisen, noch mit einem nachträglichen Entsetzen davongekommen zu sein. Eine hochangesehene Dame, die sich fast ein Menschenalter hindurch der besonderen Gnade der allerhöchsten Herrschaft erfreut, die den königlichen Knaben auf ihren Armen getragen, tausend Beweise der Freundschaft und Liebe des Jünglings, des Mannes genossen hatte und sich jetzt als eine Frau ohne Sitte und Tugend, ja, wenn das Gerücht nicht log, als eine unnatürliche Mutter, die ihr einziges Kind verleugnen konnte, herausstellte! – Ein General und gewesener Minister, Erzieher, Freund, Vertrauter des Monarchen, in dessen Hause eine Scene stattfinden konnte, die Alles, was die chronique scandaleuse Aehnliches aufzuweisen hat, weit überragte! – Ein geistlicher Herr, Geheimrath und ebenfalls designirter Minister, der, wie es schien, mit gewissen ihm zu einem milden Zweck anvertrauten Geldern an der Börse speculirte – es war ein Pandämonium, welches sich hier dem schaudernden Blick des Publikums erschloß!

Und trotz alledem schien es, als ob bis jetzt nur die Oberfläche dieser Nichtswürdigkeiten gestreift sei und eine genauere Untersuchung noch Schlimmeres zu Tage gefördert haben würde. Der Castellan des prinzlichen Palais war, als er eben die Grenze überschreiten wollte, von einem Sicherheitsbeamten, dem die verdächtige Weise auffiel, in welcher der Mann einen kleinen, augenscheinlich sehr schweren Koffer schleppte, angehalten worden. Der Koffer hatte eine bedeutende Summe Silbergeld enthalten, außerdem hatte der Mann eine noch größere Summe in Gold und Banknoten bei sich geführt. Seine Legitimationspapiere waren in Ordnung gewesen. Nichtsdestoweniger hatte man nach der Residenz telegraphirt, von dort aber die Ordre erhalten, den Verhafteten sofort in Freiheit zu setzen. Der Castellan Lippert war der Secretär des frommen Vereins gewesen, an dessen Spitze der Geheimrath Urban stand. Fürchtete man ein zu genaues Eingehen auf unbequeme Details? Hatte man höchsten Ortes an dem bereits erregten Skandal schon übergenug?

Die abenteuerlichsten Gerüchte aber hefteten sich an den Namen dessen, der von Anfang an für die Seele dieser bösen Coterie gehalten worden. Merkwürdigerweise aber wagte Niemand, selbst als die genaueren Nachrichten des unglücklichen Ausgangs seines Tuchheimer Unternehmens und die schrecklichen Ereignisse, von denen dasselbe begleitet worden war, am zweiten Tage einliefen, ihn mit jenen Anderen auf Eine Linie zu stellen. Wie Viele er auch durch sein schroffes Auftreten verletzt haben mochte, und wie laut vorher die Anklagen gegen ihn gewesen waren – an seiner persönlichen Ehrenhaftigkeit wollte Keiner jemals gezweifelt haben. Sämmtliche Zeitungen stimmten in diesen Ton ein, auch, was besonders auffiel, das Organ des Prinzen, welches ihn wenige Tage vorher mit so wüthenden Angriffen verfolgt hatte. Die Demokratische Zeitung erklärte es geradezu für eine Thorheit, einen solchen Mann mit den elenden Helfershelfern zu identificiren, deren er sich leider zur Ausführung seiner Pläne bedienen zu dürfen geglaubt hatte. Einem solchen Manne könne es wohl einmal einfallen, die Hand nach einer Krone auszustrecken, nimmer aber nach der Börse seines Nachbars. Für das, was Männer seinesgleichen fehlten und sündigten, seien sie der Geschichte verantwortlich, nicht aber dem Polizeirichter; ja es würde Alle, die, wie die Demokratische Zeitung, die außerordentliche, fast wunderbare Begabung des Mannes stets willig anerkannt hätten, auf das Schmerzlichste berühren, wenn er sich durch die Verrätherei, deren Opfer er ganz offenbar geworden sei, zu Handlungen persönlicher Rache hinreißen ließe und so ein Leben auf's Spiel setzte, das er jetzt mehr denn je dem Vaterlande und der Menschheit schulde.

Diese letzte Aeußerung des demokratischen Blattes wurde nur in gewissen aristokratischen Kreisen vollkommen verstanden. Hier hatte die im Salon des Generals stattgehabte Scene eine große und fast durchweg schmerzliche Sensation erregt. Man erinnerte sich, daß der General-Lieutenant Freiherr von Tuchheim, Excellenz, Ritter fast sämmtlicher europäischer Orden, denn doch schließlich ein Mitglied des alten, ja des ältesten Adels sei – denn es gab nicht zwei Familien im Lande, die sich eines älteren und reineren Stammbaumes rühmen konnten – und daß mithin der Schlag, der ihn getroffen, den ganzen Adel getroffen habe. Was solle denn schließlich daraus werden, wenn alle Bastarde sich so geriren wollten, wie es der Ferdinand Lippert gethan? Da sei ja am Ende Niemand innerhalb seiner vier Pfähle sicher? Und von Henri von Tuchheim würde es sehr viel anständiger gewesen sein, wenn er Herrn von Gutmann, der doch nun einmal Herr von Gutmann sei und bleibe, vor die Mündung seiner Pistole gefordert, ja wenn er seinen Onkel, den General, mit der Pistole in der Hand gezwungen hätte, eine die Familie compromittirende Verbindung aufzuheben, als in dieser Weise einen Dritten auf seinen Gegner zu hetzen. Unter allen Umständen könne der Baron der Forderung, die durch den Marquis de Sade von Seiten des Herrn von Gutmann an ihn ergangen, nicht ausweichen; Herrn von Gutmann's Benehmen sei vollkommen correct gewesen und seine Haltung tadellos, auch darin, daß er erklärt habe, sich mit dem Baron erst schlagen zu können, nachdem er dem Geheim-Secretär Lippert Satisfaction gegeben.

So sprach man in den Adelskreisen, und es war ein öffentliches Geheimniß, daß der Ton, auf den diese Unterhaltungen abgestimmt waren, von niemand Geringerem als dem Prinzen selbst ausgingen. Ich bin ein gerader, ehrlicher Mann, hatte Se. königliche Hoheit in Bezug auf die leidige Affaire geäußert; Herr von Tuchheim hat mir einen schlechten Dienst erwiesen, für den er sich bei Anderen als bei mir den Dank holen kann.

Die Einen meinten: der Prinz habe mit Freuden die Gelegenheit ergriffen, seinen bisherigen Günstling, der ihm immer unbequem gewesen sei, fallen zu lassen; Andere: Henri habe niemals in der Gunst des Prinzen fester gestanden, als eben jetzt, und der Prinz sei ernstlich bekümmert bei dem Gedanken, möglicherweise einen Mann verlieren zu müssen, der ihm auf keine Weise ersetzt werden könne.

Mit der äußersten Spannung erwartete man den Ausgang, den der persönliche Conflict des gefallenen Günstlings des Prinzen mit dem gefallenen Günstling des Königs nehmen werde.

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