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In Reih' und Glied. Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: In Reih' und Glied. Zweiter Theil - Kapitel 58
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleIn Reih' und Glied. Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunSechste Auflage
year1883
firstpub1866
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130715
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Siebenundfünfzigstes Capitel.

Er schritt durch den Forst, in welchem jetzt, obgleich die Sonne noch unter dem Horizonte stand, das graue Morgenlicht jeden Gegenstand deutlich hervortreten ließ. Hoch oben in dem blauen Himmel schwammen helle Wölkchen, ein frischer Wind wehte in den Wipfeln: Alles verkündete einen klaren, schönen Tag.

Leo gelangte wieder zu dem Steg und blieb auf demselben stehen. Die schwanke Stange, die als Geländer gedient hatte, hing noch wie vorhin im Wasser.

Hier hat sie gestanden, murmelte er, und hat sich auf das Geländer gelehnt und mit wollüstigem Grausen gefühlt, wie es allmälig unter dem Drucke nachgab, wie es aus den morschen Nägeln ging und nun brach und hinabstürzte, und sie mit. Ich hätte es noch bequemer, und es ist so schlüpfrig hier, daß es gar keine Kunst ist, auszugleiten und hinabzufallen. Es wäre auch das Einfachste, nur daß ich noch vorher Einiges zu thun habe.

Er schritt hinüber; dann aber an dem Bach hinab, bis wo der Wald zu Ende ging und man in dem sich rasch erweiternden Thale einen Theil des Dorfes konnte liegen sehen. Der andere Theil wurde durch den Schloßberg verdeckt, der rechts, jenseits des Baches, aufstieg; links war ein Gelände, dessen unterste Stufen mit Wein bebaut waren, während die oberen wiederum vom Walde gekrönt wurden. Vor ihm, am Fuße des Geländes, in der Entfernung von etwa tausend Schritten lag eine Hütte, aus deren Schornstein ein feiner blauer Rauch aufstieg. Auf diese Hütte schritt er jetzt zu.

Vor der Thür saß eine Frauengestalt. Sie hatte die Hände vor das Gesicht gedrückt; als er näher kam, sah er, daß sie weinte, und er wußte nun, daß die Käthe gestorben war.

Sie richtete den Kopf auf und wischte sich mit der Schürze die Thränen aus den Augen.

Wann ist sie gestorben? fragte er.

Die Frau starrte ihn verwundert an; sie kannte den fremden Herrn nicht; aber sie antwortete doch: Heute Morgen vor zwei Stunden.

Und wo ist Conrad?

Die Frau schlug die Hände zusammen: Ach, du lieber Gott, sind Sie's denn? Sind Sie's denn wirklich?

Wohl bin ich's, Christel! und nun sagt mir schnell, wo Conrad ist; ich habe große Eile.

Die Frau wies an den Weinbergen hinauf nach dem Walde. Er ist dort hinaufgegangen; Sie kennen ja seinen alten Lieblingsplatz; aber wollen Sie denn nicht erst einen Augenblick hereinkommen? Ach Gott, Sie sehen ja selbst fast wie eine Leiche aus!

Vielleicht nachher.

Er reichte der Frau die Hand und stieg schnell den Hügel hinauf. Bald hatte er die Weingärten hinter sich, die von zerklüfteten, mit Haidekraut umsponnenen Felsen überragt wurden. Hundert Schritte weiter hinauf brachten ihn an den Waldrand. Dort saß auf einem vorspringenden Felsen auf einer Bank aus Tannenästen ein Mann, der, von ihm abgewendet, in die Ebene schaute. Der Mann war so in Gedanken versunken, daß er den Schritt des Herankommenden nicht hörte, bis dieser dicht hinter ihm stand. Dann wendete er sich mit einem kurzen unwilligen Wer da? um; aber die starren Züge seines knochigen Gesichtes erhellte ein Lächeln, und in den kalten grauen Augen unter der überhangenden Stirn zuckte ein freundliches Licht, als er den vor sich sah, an den er soeben nur gedacht hatte. Er streckte ihm die beiden Hände entgegen; seine Bewegung war für den Augenblick zu groß, als daß er hätte sprechen können. Endlich überwand er die Rührung, und er sagte: Das ist ja schön von Dir, Leo.

Ja, sagte Leo, ich habe eben erfahren, wie wehe ein Abschied für das Leben ohne Lebewohl thut.

Von wem hast Du so Abschied genommen, Leo?

Von Silvia.

Ist Silvia –

Todt. Ich fand sie vor einer halben Stunde im Bache.

Leo hatte sich auf die Bank gesetzt und blickte starr hinab in das Thal. Sein Gesicht war geisterhaft bleich, seine Augen waren tief in die Höhlen zurückgesunken; er sah um eben soviel Jahre älter aus, als Tusky Monate von ihm getrennt gewesen war.

Tusky setzte sich zu ihm, nahm seine Hand und sagte: Es gab eine Zeit, Leo, wo wir kein Geheimniß vor einander hatten. Was ist dies?

Leo schüttelte leise das Haupt. Das kann nichts nützen, sagte er, und deshalb bin ich nicht gekommen. Ich bin gekommen, Dir Lebewohl zu sagen – das habe ich gethan. Wenn ich Dich morgen todt sehe oder Du mich morgen todt siehst, wird dem Ueberlebenden doch vielleicht die Wohlthat einer Thräne. Lebe wohl!

Er wollte aufstehen; Tusky hielt ihn fest. Bleibe, Leo, Du darfst so nicht gehen. Ich will Dich nichts fragen; aber gehe so nicht fort.

Die beiden Freunde saßen eine Zeitlang stumm nebeneinander; endlich begann Tusky:

Sieh, Leo, es ist wunderbar, wie unsere Lebensuhren so genau dieselbe Stunde zeigen. Du kommst von dort her und weißt also, daß Käthe todt ist. Sie ist für mich gestorben. Sie war ein einfaches, unbedeutendes Mädchen, war weder schön noch klug. Besonderes war bei ihr nichts als die Zähigkeit, mit der ihr Herz festhielt, was es einmal in sich aufgenommen. Sie wollte nicht leben mit mir, und konnte doch nicht leben ohne mich; so ist sie denn gestorben in diesem unlösbaren Widerspruch. Ich weiß nicht, was es mit Dir und Silvia für eine Bewandtniß gehabt hat; ich weiß nur, wenn sie Herz und Phantasie genug gehabt hätte. Dich zu sehen, wie ich Dich jetzt sehe – sie wäre nicht gestorben. Sie ist nicht für Dich gestorben, sie ist Dir zum Trotz gestorben.

Leo machte eine unwillige Bewegung, Tusky fuhr fort: Laß mich ausreden; ich weiß von Deinen Verhältnissen mehr als Du glaubst; Andere sind für Dich schreiblustig genug gewesen. Ich weiß, daß Du ein hohes Spiel gespielt hast, und Deine Einsätze verdoppelt und verdreifacht und verhundertfacht und endlich eingesetzt hast, was Du nimmer einsetzen durftest. Dein Gewissen, Deine Ehre. Ich würde zu einem Andern, hätte er durchlebt, was Du eben durchlebt hast, nicht so sprechen; aber Du bist nicht wie die Anderen, Du warst es wenigstens früher nicht. Und so sage ich Dir denn: Wirf das fremde Gewand ab, in das Du Dich gehüllt. Zeige Dich in Deiner wahren Gestalt! Rufe Deinen Genius an, und Du kannst wieder sein, was Du warst, bevor diese unselige Verblendung über Dich kam; ja mehr als vorher, denn Menschen wie Du gehen aus einer Verirrung um so viel reicher hervor, als die Verirrung groß war.

Und die dort? sagte Leo nach dem Dorfe hindeutend, von dem noch immer, wiewohl jetzt nur in zerflatternden Säulen, der Rauch der eingeäscherten Häuser in die klare Morgenluft stieg; die dort, die durch mich vollends um ihr jämmerliches Bruchtheil an irdischem Besitz betrogen sind, daß ihnen nichts übrig blieb, als das nackte Dasein? Die dort, die durch mich zu Brandstiftern geworden sind? an deren Hände durch meine Schuld das Blut des Mannes klebt, der mir ein besserer Vater war, als es mir der eigene Vater je gewesen? Glaubst Du, daß ich die vergessen könnte?

Tusky's Gesicht nahm wieder den alten finstern Ausdruck an. Nun, sagte er nach einer kleinen Pause, ist es noch nie vorgekommen, daß ein Feldherr sich in seinen Combinationen verrechnet und ein oder das andere Bataillon, ein oder das andere Regiment nutzlos geopfert hat? Du glaubtest, der Hügel sei unbesetzt, und als die Colonne vorrückt, demaskirt sich eine Batterie und kartätscht Dir Deine Braven nieder. Ich will den Feldherrn nicht deshalb loben, aber er würde in meinen Augen jeden Anspruch auf den Marschallsstab verlieren, wenn er in einem solchen Augenblick an irgend etwas Anderes dächte, als wie der Verlust so schnell als möglich zu ersetzen ist.

Es kann nicht sein, murmelte Leo.

Warum kann es nicht sein? erwiederte Tusky; sieh Leo, dort geht die Sonne auf. Sie kommt, über Gerechte und Ungerechte zu scheinen, wie vor Jahrtausenden und wie sie nach Jahrtausenden scheinen wird. Sollen wir von ihr nicht lernen, unsern Weg zu gehen, unbekümmert um die Schatten, die vor uns her auf unsere Bahn fallen? Denke, Leo, an jenen Morgen unserer Flucht von hier! Dort hinauf an der Berglehne, meinem Auge wohl erkennbar, ist der Fels, von dem wir zum letztenmal auf dieses Thal herabsahen. Damals, wie heute, wirbelte der Rauch auf von Wohnstätten, in die wir den Feuerbrand geschleudert hatten; aber damals gingen wir in die Nacht hinein, heute in den hellen Tag. Komm, Leo, das ist der rechte Augenblick! mit der aufgehenden Sonne hinein in die morgenfrische Welt! Nach Westen nimmt sie ihren Lauf, und so wollen wir es thun. Der Verwesungsproceß der Tyrannei in dem altersschwachen Europa ist vielleicht zu langsam für unser Ungestüm; wir gehen zum zweitenmale nach Amerika. Auch dort sind noch Millionen zu erlösen, und wenn mich nicht alle Zeichen trügen, wird die Erlösungsstunde bald genug schlagen. Vielleicht, daß erst einmal irgendwo auf Erden der Freiheit eine Stätte bereitet werden muß, damit sie sich von dort ausbreiten könne über die ganze Erde. Da laß uns Hand anlegen; Du hast es ja nun selbst gesehen; in Europa rinnt der Schweiß vergeblich von den edelsten Stirnen. Komm!

Tusky war aufgestanden, er deutete mit der Hand in die Berge, deren Gipfel jetzt im hellen Sonnenschein erglänzten, während in den Schluchten die Nebel zu Thale wallten.

Komm! rief Tusky noch einmal, Leo die Hand auf die Schulter legend.

Leo schüttelte den Kopf.

Tusky's Stirn umwölkte sich: Wie? sagte er, ist es möglich, Leo? Kannst Du noch immer hoffen, mit Prätorianer-Heeren die Freiheit zu erobern? Kannst Du noch immer wähnen, einen an Geist und Körper ausgemergelten Tyrannen für die Freiheit zu erwärmen? Bist Du noch immer nicht von diesem kranken Wahn geheilt?

Ein bitteres Lächeln zuckte durch Leo's bleiches Gesicht. Wohl bin ich es, sagte er, aber ich fürchte, das Hohngelächter, das meine Feinde hinter mir erheben, würde mich in alle Zukunft aus jedem Schlummer gellen.

In Tusky wollte der Zorn aufsteigen, aber er bezwang sich und sagte ruhig: Du hast uns verachtet und unser Treiben, weil wir es zu keinen Resultaten brächten. Ich aber sage: und thäten wir noch weniger und zeigten nur durch unser bloßes Dasein, daß es Menschen giebt, die lieber heimathlos über die ganze Erde streifen, als vor einem Könige ihr Haupt beugen – so lebten wir nicht vergebens. Wir geben einzig und allein der Idee die Ehre, Du aber hast noch immer etwas Besonderes für Dich gewollt, erstrebt, erhofft; und willst, erstrebst und erhoffst es auch noch jetzt. Sieh, Leo, das ist der alte Trotz, die alte unselige Selbstüberhebung, die Dich vom rechten Wege abgelockt hat und Dich nicht wieder auf den rechten Weg will kommen lassen.

Und wäre es so, rief Leo, indem er ebenfalls aufsprang, so ist es eben, und ich kann nicht anders sein, als ich bin. Bin ich ein Abtrünniger der Idee, so darf ich nicht auch noch von mir selbst abfallen. Ich habe den Kampf für meine Person übernommen, ich bin für den Ausgang nicht verantwortlich, aber dafür, daß ich den Kampf in der Weise fortführe, wie ich ihn begonnen – nicht Dir verantwortlich, oder irgend Jemand auf der Welt, aber mir selbst. Es muß Jeder ungefähr wissen, was er leisten, aber auch was er erdulden kann, und dies – dies könnte ich nicht erdulden.

Er ging in heftigster Erregung auf der kleinen Plattform, auf der sie standen, auf und ab. Plötzlich trat er an den äußersten Rand und rief, indem er in die Tiefe deutete, die wohl hundert Fuß und mehr lothrecht unter seinen Füßen gähnte: Wer im Gebirge wandert, muß sich selbst vertrauen können, muß wissen, daß, wenn er an einen Abgrund kommt, ihm das Herz nicht schwach wird und die Kniee nicht unter ihm erzittern. Und anders ist es im Leben nicht. Wollte ich jetzt dem Rudel der hungrigen Wölfe, die nach meinem Blute lechzen, ausweichen – nun und nimmer würde ich wieder mit dem alten Gleichmuth meine Straße ziehen können, ich würde vor jedem kläffenden Hunde erschrecken. Noch einmal, Tusky, lebe wohl!

Leo! Leo! schrie Tusky, kehre nicht dorthin zurück! Laß die Todten ihre Todten begraben!

Leo zuckte zusammen. Es kann nicht sein, sagte er traurig, aber weil Du mich liebst trotz alledem, sage ich Dir dies: die Entscheidung kann nicht lange währen, ja ich denke: wenige Tage werden dazu genügen. Wohin gehst Du von hier? und wann?

Ich wollte heute fort: über Hamburg nach England.

Gut. Bleibe in Hamburg noch drei Tage. Wenn ich dann nicht bei Dir bin, setze die Reise fort und denke meiner als eines Gestorbenen.

Er breitete die Arme aus, Tusky stürzte an seine Brust. Der eiserne Mann war ganz erschüttert, er schluchzte laut.

Leo machte sich sacht aus seinen Armen los und begann die Felsentreppe, die nach Tuchheim führte, hinabzusteigen. Tusky sank, wie gebrochen, auf die Bank zurück, das Gesicht mit den Händen bedeckend.

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