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In Reih' und Glied. Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: In Reih' und Glied. Zweiter Theil - Kapitel 55
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleIn Reih' und Glied. Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunSechste Auflage
year1883
firstpub1866
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130715
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Vierundfünfzigstes Capitel.

An diesem Abend war Tuchheim der Schauplatz schrecklicher Scenen gewesen. Schon die Tage vorher hatten zwischen den beiden sich feindlich gegenüber stehenden Parteien beständige Reibereien stattgefunden, die schon ein paarmal in Tätlichkeiten ausgeartet und von den Besonneneren nur mit größter Mühe unterdrückt waren. Die Unruhestifter, als deren Rädelsführer der trotzige, jähzornige Johann Brandt sich darstellte, beschuldigten die Anderen, daß sie im Einverständniß mit dem Buchhalter und dem alten Krafft den so schon spärlichen Verdienst ungleich vertheilen und überdies die gröbere und undankbarere Arbeit auf die, welche nicht mit ihnen im Bunde wären, abzuwälzen suchten. Auch daß für die zur Unzeit verkaufte Waare die Rimessen so schlecht einliefen, sei einzig und allein die Schuld jener Partei; man habe sich eben die schlechtesten Zahler ausgesucht und werde wohl wissen, weshalb man es gethan habe; der Extraprosit werde schon zur rechten Zeit angekommen sein.

So ging das fort; man häufte Beschuldigungen auf Beschuldigungen, redete sich immer mehr in Hitze und Zorn und machte eine Verständigung immer schwerer, ja zuletzt unmöglich. Selbst die erfreuliche Kunde, die Krafft gestern, gleich nach Empfang von Leo's Depesche, in allen Werkstätten mitgetheilt hatte, daß die erforderlichen Bauten und der Ankauf der Dampfmaschine genehmigt seien, hatte der Unzufriedenheit nur neuen Stoff gegeben. Jetzt war man mit dem Erlangten nicht mehr zufrieden: das seien Alles nur Flicken auf ein altes Kleid, und schließlich würden die vielgerühmten Verbesserungen doch nur wieder den Anhängern Krafft's zu Gute kommen.

Nun war heute Morgen Leo's Geldsendung eingetroffen. Der alte Mann hatte, in seiner unvorsichtigen Ehrlichkeit, das große Ereigniß keine Minute verheimlichen zu dürfen geglaubt, und der Sturm war losgebrochen.

Die Unzufriedenen verließen alsbald die Werkstätten und rotteten sich zusammen. Solle man abermals vertrauen, nachdem man so oft getäuscht worden sei? Abermals eine so günstige, vielleicht nicht wiederkehrende Gelegenheit, endlich zu dem Seinen zu kommen, vorübergehen lassen? Wer könne wissen, ob nicht morgen schon andere Dispositionen beliebt würden, oder Jene, die das Geld in Händen hätten, bei Nacht und Nebel sich davon machten? Viertausend Thaler sei eine schöne Summe, wenn man sie auf der Stelle vertheile, und das solle geschehen, und das werde geschehen; man werde schon Mittel finden, den alten Krafft zur Herausgabe des Geldes zu zwingen!

So berieth man unter Schreien und Toben in einem der Wirthshäuser, die an dem andern, dem Bahnhofe und den Fabriken entgegengesetzten Ende des Dorfes lagen. Es dauerte lange, bis man sich über den einzuhaltenden Plan verständigen konnte, denn vor offener Gewalt schreckten die Meisten in ihrem Innern noch zurück. Endlich, spät am Nachmittage, als kein Einziger von der ganzen Schaar mehr nüchtern war, zog man in hellen Haufen, singend und brüllend, durch die lange Dorfgasse vor das Fabrikgebäude.

Hier waren unterdessen die Anderen unter Krafft's Leitung ebenfalls beisammen gewesen und hatten berathen, was bei dieser Lage der Dinge zu thun sei, und sich endlich, freilich auch nur nach vielem Hin- und Widerreden, entschlossen, den Anderen vorzuschlagen, man möge, um jedem Streit ein Ende zu machen, die Verwendung des Geldes von Leo's Entscheidung abhängig machen und zu diesem Zweck denselben auf telegraphischem Wege bitten, sofort nach Tuchheim zu kommen. Eben hatte man diesen Beschluß zu Stande gebracht, als Einer in den Versammlungssaal stürzte, rufend, sie kämen mit Knütteln und Sensen bewaffnet das Dorf herauf; man sollte sich zur Vertheidigung bereit machen, oder Alles sei verloren!

Die Nachricht war übertrieben; die heranziehende trunkene Schaar war nicht bewaffnet, und um so größer war ihr Zorn, als sie nun, vor der Fabrik angelangt, die Anderen mit Eisenstangen, Schmiedehämmern und anderen Werkzeugen, die sie in der Eile ergriffen hatten, zu ihrem Empfange bereit sahen. Der verschlagene und der Rede sehr mächtige Johann Brandt wußte diese Blöße, die sich Jene in ihrer Uebereilung gegeben hatten, vortrefflich zu benützen. Da sehe man ja, rief er, was es mit der Brüderlichkeit auf sich habe; das sei die rechte Ehrlichkeit, denen, die als Freunde kämen, um freundschaftlich Rechenschaft zu fordern, so entgegenzutreten! Ob man etwa das neue Bündniß gleich schmieden wolle? Er seinerseits sei bereit dazu: er wisse auch seinen Hammer zu schwingen, und dabei streifte er den Aermel auf und erhob drohend den braunen muskulösen Arm.

Lautes Hurrahgeschrei von Seiten seiner Anhänger belohnte Johann Brandt für diese Prahlerei. Nur mit Mühe gelang es dem alten Krafft, zu Worte zu kommen. Er sagte, daß man an nichts weniger denke, als gegen Unbewaffnete Gewalt zu üben, daß man aber allerdings entschlossen sei, das gute Recht, das man zu haben glaube, nöthigenfalls mit Gewalt zu behaupten. Er aber hoffe, es werde nimmer so weit kommen. Und nun sagte er, was man in der Versammlung beschlossen habe und wie man überzeugt sei, die Anderen würden einem so vernünftigen Vorschlage gern und willig beipflichten und sich fügen.

Johann Brandt sprang auf einen Haufen Kohlenschlacken, neben dem er gestanden hatte, und rief: Habt Ihr's gehört, Brüder? Habt Ihr gehört, wer der Schiedsrichter sein soll zwischen Euch und denen da? Der Mann, der uns Alle in dieses Verderben gebracht hat, der, wie man in der Zeitung Schwarz auf Weiß lesen kann, zum Verräther am Volke geworden, der zu der Reaction übergelaufen ist und dafür vom Könige den Adel erhalten hat. Ich habe ihn gekannt, als er in Feldheim Heidelbeeren suchte, um seinen Hunger zu stillen; jetzt nennt er sich Herr von Gutmann und fährt mit Vieren, und wohnt in einem Hause wie ein Palast und will die Tochter von dem General Tuchheim heirathen, der ein eben so schändlicher Reactionär ist wie er selbst. Ja, ja, Brüder, wörtlich so steht's in der Zeitung. Und den will man uns als Schiedsrichter aufbinden! Verdammt will ich sein, wenn ich mir das gefallen lasse, und verdammt sei der, der es sich gefallen läßt! Erhebt Eure Hände, Brüder, und schwört, daß Ihr Alle für Einen und Einer für Alle stehen und lieber sterben wollt, als das dulden.

Johann Brandt sprang herab mitten zwischen die Schaar, die jetzt ein noch viel lauteres Geschrei erhob. Drauf, Brüder, drauf! hörte man Brandt's Stimme rufen. Die Vorderen wurden von den Hinterleuten weitergedrängt, und nur die entschlossene Haltung der Gegenpartei war die Ursache, daß es nicht schon jetzt zu einem blutigen Zusammenstoße kam. Man schrie und schimpfte von beiden Seiten, endlich zog Brandt's Schaar ab mit der Drohung, bald und dann hoffentlich mit besserem Erfolge wieder zu kommen.

Der alte Krafft zweifelte nicht, daß die Leute ihre Drohung wahr machen würden. Er war in großer Verlegenheit; dennoch sträubte sich sein Stolz gegen die Zumuthung, die man von allen Seiten an ihn stellte, man solle doch durch den Telegraphen Militär aus der nächsten Garnisonstadt requiriren. Er habe es noch in gutem Angedenken, meinte er, wie die bunten Röcke vor neun Jahren in Tuchheim gehaust hätten und wie noch in diesem Frühjahr dieselbe Gefahr über ihren Häuptern geschwebt habe. Lieber wolle er es auf einen Kampf ankommen lassen; da wisse man doch, mit wem man es zu thun habe.

Unterdessen war der Gemeindevorstand ebenfalls zusammengetreten, und auch hier war die Rathlosigkeit groß, um so größer, als der Mann, zu dem Alle das größte Vertrauen hatten und der auch bei den Arbeitern sehr viel galt, der Förster Gutmann, diesmal fehlte. Man hatte schon vergeblich mehrmals in das Forsthaus geschickt; der Förster war aus; man wußte nicht wohin.

Den höchsten Grad aber erreichte die Verwirrung, als der Bahnhof-Inspector in größter Aufregung die Nachricht brachte, daß die Unruhestifter mit den Erdarbeitern, die an der neuen Zweigbahn beschäftigt und schon seit einigen Tagen widerspenstig gewesen waren, wie es schien, gemeinschaftliche Sache gemacht hätten. Nun glaube er der Beamten und der Arbeiter auf der Bahn sicher zu sein, aber ihrer seien Wenige gegen die Vielen. Schon habe er Auftrag gegeben, eine Locomotive fortwährend auf dem Bahnhof und einer Strecke zu beiden Seiten des Bahnhofs hin und her fahren zu lassen, um den Meuterern das Aufreißen der Schienen unmöglich zu machen; das sei indessen noch nicht genug, auch er stimme, wiewohl ebenfalls nur ungern, für die Herbeiziehung von Militär. Man könne das Dorf nicht fünf- bis sechshundert betrunkenen Menschen auf Gnade und Ungnade überlassen.

Die Ansicht des Inspectors drang durch: man telegraphirte von Gemeindevorstandswegen an den interimistischen Landraths-Verweser und an den Festungs-Commandanten; zugleich gab der alte Krafft die Depesche an Leo auf. Es war die höchste Zeit gewesen, eine Antwort kam nicht zurück, es mußte einen Augenblick nach Absendung der Depeschen der Telegraphendraht durchschnitten worden sein.

Diese That allein bewies, wessen man sich von Seite der Gegner zu versehen habe; auch meldeten Dorfbuben und andere Zwischenträger, daß man sich in dem Walde des Schloßberges, von welchem aus man das Dorf und die Fabrik übersehen könnte und gewissermaßen beherrschte, sammele. Von allen Seiten kämen sie herbei, auch aus den benachbarten Dörfern, wohin man eiligst Boten geschickt habe – mit Heugabeln und Dreschflegeln, mit Spaten und Spitzäxten; aber auch Gewehre wollten Einige gesehen haben.

So tobte und heulte es das Dorf entlang, während der Abend immer tiefer herab sank; und jetzt fing auch die Glocke vom Kirchthurme an Sturm zu läuten und trug die Schreckenskunde weit hinein in die Thäler, in die Berge.

In die Thäler, in die Berge und auch zu dem Förster, der das Wiesenthal, in welchem der große Bach von Tuchheim hernieder nach Feldheim floß, eiligen Schrittes heraufkam. Er war in Feldheim gewesen, wo er einen alten Freund, einen wohlhabenden Bauer, der todkrank lag, besucht hatte. Da war die Kunde von den Dingen in Tuchheim nach Feldheim gedrungen, man sagte sogar, es hätten sich schon ein paar Bursche dorthin auf den Weg gemacht. Das that dann auch alsbald der Förster. Er schritt mächtig aus, daß der alte Ponto ordentlich in Trab fallen mußte, um mitzukommen; schon hatte er die Hälfte des Weges zurückgelegt, als der Abendwind, der ihm entgegen wehte und in dessen kühlem Hauch die langen Halme auf der Wiese eifrig nickten, ihm die ersten Töne der Sturmglocke an das scharfe Ohr trug.

Er stand einen Augenblick still, um sich zu überzeugen, ob er auch recht gehört habe. Es war keine Täuschung gewesen, da kamen sie wieder, dieselben Töne, nur noch schärfer, noch angstvoller, noch mahnender.

Großer Gott! murmelte er, indem er in einem Schritt, der fast ein Laufen war, weiter eilte, können denn die unseligen Menschen keinen Frieden halten? Soll denn die Unglücksfabrik uns noch Alle verderben?

Ein Hase lief, von links kommend, quer über den Weg. Ponto machte ein paar müde Sätze dem Hasen nach in die Wiese hinein und kehrte dann in einem kurzen Bogen zum Herrn zurück.

Das ist ein böses Zeichen, sagte Fritz Gutmann, der, so sehr seine Seele mit Angst und Sorge erfüllt war, Ponto's verfehlte Jagd mit den alten Jägeraugen instinctmäßig beobachtet hatte; früher hättest du ihn nicht so leichten Kaufes entwischen lassen, jetzt brauche ich nicht einmal mehr zu pfeifen: wir sind stumpf geworden, alter Bursche, hast keine Zähne mehr im Maul, wie ich kein Gewehr mehr auf der Schulter. Wir haben ja Beide den Dienst quittirt.

Wieder schallte das Wimmern der Sturmglocke herüber. Fritz Gutmann blickte auf; es war ihm, als müsse er Feuerschein am Himmel sehen, aber der Himmel, an dem das Abendroth längst erloschen war, spannte sich grau und lichtlos über Tuchheim.

Die unseligen, unseligen Menschen, murmelte Fritz Gutmann, ist es nicht genug, daß sie um ihr bischen Hab und Gut mit den Elementen in Streit liegen! Müssen sie sich auch noch untereinander bekämpfen! Aber ich habe es kommen sehen diese ganze letzte Zeit. Es war ein schlimmer Gedanke, sie sich selbst zu überlassen, sie sind nicht im Stande, sich zu regieren; der Leo hat es wohl gut gemeint, aber damit ist es nicht gethan. Er meinte es auch immer gut, mein lieber, seliger Herr; Gott sei Dank, daß er dies nicht noch hat zu erleben brauchen.

Und während er rastlos weiter eilte und der Schweißtropfen nicht achtete, die ihm von der Stirn in die grauen Wimpern rannen, dachte Fritz Gutmann des Freiherrn und Leo's, und wie der Freiherr in seinen letzten Tagen so hartnäckig behauptet hatte, daß Leo der Mann der Zukunft sei und es in der Welt nicht eher besser werden würde, als bis man sich zu Leo's Ansichten bekehrt habe. Ich habe es damals nicht geglaubt, murmelte er, und jetzt ist es wohl mit Händen zu greifen, daß er Unrecht hat; aber gleichviel, sie sollen es nicht büßen, was ein Anderer verschuldet, wenn ich es hindern kann.

Er hatte die ersten Häuser des Dorfes nach dieser Seite hin erreicht; es war noch ein ziemlich weiter Weg bis zur Fabrik, dennoch vernahm er schon ein dumpfes, mißtönendes Geschrei von dort her. In der schmalen Gasse war es still, die Läden und die Häuser waren verschlossen, nur hier und da schaute ein alter Mann oder ein Weib verstohlen über den Gartenzaun oder durch die kaum geöffnete Hausthür. Eines dieser Weiber kam, als sie den Förster erblickte, aus dem Hause gestürzt und heulte: Ach, lieber Herr Förster! Schicken Sie mir meinen Mann wieder her! Um Gottes Barmherzigkeit willen!

Ist er auch oben?

Ja, er sagte ja, er dürfe nicht davonbleiben! Ach Gott, ach Gott! Und oben giebt es gewiß noch Mord und Todschlag! Ich ginge ja selbst hin und holte ihn mir, es sind viele Frauen oben, aber ich kann die Kinder nicht allein lassen, die Liese hat wieder so das Fieber. Ach, lieber Herr Förster, sagen Sie ihm doch, daß er nach Haus komme!

Ich will thun, was ich kann, Grete, ich will thun, was ich kann!

Das Weib, das neben ihm hergelaufen war, kehrte wieder um. Fritz Gutmann wurde das Herz immer schwerer in der keuchenden Brust.

Warum soll ich mich schonen? Ich habe keine Kinder, die meiner noch bedürften; und ist er denn nicht auch mein Sohn? Habe ich nicht mit heiligem Eide geschworen, daß ich ihm Vater sein wolle allezeit? So will ich auch für ihn thun, was ein Vater in einem solchen Falle für seinen Sohn thun müßte.

Jetzt wurde es lebhafter auf den Dorfgassen. Weiber schrieen, nacktfüßige Buben, deren Väter feindlich gesinnt sein mochten, rauften sich; aus einem Hause kam ein Kerl mit einer Axt in der Faust und lief in toller Hast die Straße hinauf.

Immer näher und näher schallte das mißtönende Geschrei, immer näher und näher, und jetzt hatte der Förster die Fabrik erreicht und stürzte sich in die tobende Menge, die auf dem weiten Platze vor der Fabrik wild durcheinander wogte.

Man konnte die wüste Scene ziemlich gut übersehen, denn die in der Fabrik hatten überall in den oberen Etagen die Lampen angezündet, während sie sich in dem unteren Stock, so weit es in der Eile möglich gewesen war, verschanzt hatten. Die draußen, obwohl Jenen an Zahl bei weitem überlegen, zögerten noch immer, den Kampf, der, wie sie nun wohl sahen, ihnen doch theuer zu stehen kommen würde, ernstlich zu beginnen, und machten ihrer ohnmächtigen Wuth in wüthendem Geschrei Luft, während hier verständige Weiber ihre betrunkenen Männer weinend beschworen, von dem wahnsinnigen Beginnen abzulassen, dort keifende Megären die brutalsten Gesellen noch im Schimpfen und Schreien überboten und die Unschlüssigen anhetzten, das Aeußerste zu thun und zu wagen. Zwischendurch trieben sich halbwüchsige Buben herum, die das Ganze für einen köstlichen Spaß ansehen mochten und ihr Möglichstes thaten, den Lärm und die Verwirrung noch zu vermehren. Etwas von dem großen Haufen entfernt, stand eine kleine Gruppe der Rädelsführer, die mit zorniger Stimme darüber debattirten, was denn nun eigentlich geschehen solle; unter ihnen Johann Brandt.

Er war, wie auch noch Mehrere in dem Haufen, mit einem Gewehr bewaffnet, das er, so oft ihm Einer der Anderen widersprach, fluchend auf den Boden stieß oder drohend um den Kopf schwang. Seine Stimme war von dem vielen Schreien rauh und heiser; augenscheinlich war er betrunken; sein plumpes, knochiges Gesicht war hoch geröthet, seine Augen stierten gläsern, und er taumelte im Stehen.

Fritz Gutmann hatte mit seinen scharfen Augen die Hauptzüge dieses fürchterlichen Bildes alsbald erfaßt, und er trat nun festen Schrittes an die Gruppe heran.

Guten Abend, Männer! sagte er; was in aller Welt treibt Ihr denn hier? Das ist ja ein seltsamer Feierabend, den Ihr da macht.

Das plötzliche Erscheinen des Försters machte mit Einem Schlage die Menschen, die um Johann Brandt herumstanden und schrieen, verstummen. Jeder von ihnen kannte den Förster Fritz Gutmann; Jeder von ihnen war ihm unzähligemal in dem Walde, zwischen den Feldern, in den Dorfgassen begegnet und hatte vor ihm die Mütze abgezogen. Sie kannten den alten, verschossenen, grünen Uniformrock, und der Uniformrock flößte ihnen Respect ein, obgleich Herr Gutmann jetzt keine Flinte mehr auf der Schulter und keinen Hirschfänger mehr an der Seite trug. Sie standen und schwiegen, gescholtenen Buben gleich; nur Johann Brandt schrie: Feierabend? Was Feierabend! einen Feuerabend wollen wir haben!

Der Trunkene begleitete diesen Witz mit einem wilden Gelächter, in das Einer oder der Andere einstimmte. Johann Brandt, dem dieser Beifall wieder Muth gemacht hatte, rief: Einen Feuerabend, Leute! Das ist das Rechte! Wenn die Ratten nicht aus dem Nest wollen, werden sie schon kommen, wenn es ihnen auf den Nägeln brennt. Feuer hinein! Hurah! Feuer hinein!

Das Wort wurde von den Nächsten schreiend wiederholt und von den Anderen weiter geschrieen, so daß bald der ganze Platz von wildem Rufen wiederhallte. Die Männer stürzten sich auf einen großen Haufen gespaltenen Holzes, der in der Nähe stand, und fingen an, die Scheite herauszureißen und gegen den verschlossenen Haupteingang der Fabrik zu schleppen; Buben trugen Reisig herbei, Stroh und Heu. Zehn auf einmal bemühten sich, den Haufen, der mit großer Schnelligkeit wuchs, zu entzünden. Einer drückte sein Gewehr in ein Bündel Putzwerg ab, das ein anderer gefunden und ebenfalls auf den Haufen geworfen hatte. Im Nu schlug die Flamme auf und leckte an dem Reisig, an dem Holz empor; aber der Wind, der sich lebhafter aufgemacht hatte, trieb die Flamme von dem Gebäude fort, so daß der Rauch den Meuterern in's Gesicht schlug und die Funken ihnen über die Köpfe flogen.

Das Alles war so schnell geschehen und mit solcher Wuth ausgeführt, daß der Förster, so sehr er sich auch abmühte und bald Diesem, bald Jenem in den Weg trat, oder ihm gar das Holz, das Reisig aus den Händen riß, es wohl hatte geschehen lassen müssen. Jetzt stand er dicht neben dem brennenden Scheiterhaufen, ja auf demselben, so daß die Flamme, wenn der Wind umschlug, auch ihn hätte erfassen müssen, und er rief: Kinder, seid Ihr wahnsinnig, daß Ihr so gegen Euch selbst wüthet? Was in aller Welt habt Ihr davon, wenn Ihr die Fabrik verbrennt? Jetzt geht es Euch schlecht, sagt Ihr; mag sein, und Gott weiß, wie sehr ich wünsche, daß es Euch besser ginge! Aber wie soll es Euch dann erst ergehen, wenn Ihr Euch des letzten Mittels beraubt, das Euch und Eure Weiber und Kinder vor dem Hungertode schützt? Und denkt Ihr denn, man werde das so ungestraft hingehen lassen? Wißt Ihr denn nicht mehr, wie sie Euch vor neun Jahren mitgespielt haben mit Einquartierung und Verhör und Zuchthaus? Soll das von neuem über Euch kommen und womöglich noch schlimmer als damals? Nein, Kinder, thut das nicht, und droht mir nicht mit Euren Fäusten! Ich fürchte mich nicht; ich bin ein alter Mann mit grauen Haaren, und es liegt mir nichts daran, ob ich heute oder morgen sterbe; aber so lange ich noch Athem in der Brust habe, werde ich rufen: Thut es nicht! Geht ruhig nach Hause! Bei Allem, was Euch werth und heilig ist, bei Euren Weibern und Kindern beschwöre ich Euch: Geht nach Hause!

Es war ein mächtiger Klang in der Stimme des alten Mannes; weithin schallte sie über den Platz, auf dem es stiller und stiller geworden war. Und wer nicht jedes seiner Worte verstand, der sah doch die von den Flammen fast umloderte Gestalt des alten Mannes und sein ehrwürdiges Haupt, dem die Mütze entfallen war, so daß der Wind mit den grauen Haaren spielte. Nicht das erstemal war es, daß Fritz Gutmann ähnlich zu ihnen gesprochen und immer, wie sie meinten, den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Auch diesmal wäre er der Menge, die ihm zu folgen gewohnt war, Herr geworden – da fingen die in der Fabrik, um ihren Beifall zu bezeigen, Hurrah! zu schreien an. Die draußen hielten das für Verhöhnung und Herausforderung, und gaben den Hurrahruf schreiend und heulend zurück. In einem Augenblick war der alte Tumult wieder in vollem Gange und wilder noch als vorher. Noch einmal erhob Fritz Gutmann seine Stimme, aber der Lärm übertäubte ihn, und jetzt sah er von seinem erhöhten Standpunkte aus eine Scene, die ihm das Blut in den Adern erstarren machte.

Ein Haufen Kerle brachte unter vielen Mißhandlungen einen Mann geschleppt, in welchem er den Gatten jenes armen Weibes erkannte, das ihm vorher auf der Dorfstraße nachgelaufen war. Der Mann gehörte zu der anderen Partei: sie hatten ihn gefangen, als er, um nach seinem kranken Kinde zu sehen, die Fabrik verlassen hatte. Als ein ordentlicher, nüchterner Arbeiter war er den Meuterern ganz besonders verhaßt; nun sollte er büßen für die Anderen. Sie schlugen ihn mit Fäusten, sie traten ihn mit Füßen; das Blut strömte dem Unglücklichen aus Nase und Mund; noch ein Augenblick, und er mußte der unmenschlichen Behandlung erliegen.

Da brach sich durch die Menge, die ihn umtobte, der Förster Bahn. Mit einer Kraft, die zur Genüge bewies, wie stark seine alten Muskeln, wie stählern seine Sehnen noch waren, stieß er Den auf die Seite und riß Jenen zurück, und jetzt stand er neben dem Aermsten, der schon in die Kniee gesunken war, und rief: Zurück! sage ich Euch, zurück! An den hier kommt Keiner mehr, oder doch nur über meine Leiche!

Und ich sage, daß ich den Hund todt haben will, schrie Johann Brandt, und er legte das Gewehr auf den Knieenden an.

Mit einem Sprunge ist Fritz Gutmann an seiner Seite und sucht dem Wahnsinnigen das Gewehr zu entreißen. Da zuckt ein Blitz auf – ein Knall – Fritz Gutmann taumelt zurück, das erbeutete Gewehr in den Händen, und sinkt dann mit dumpfem Stöhnen zusammen.

Nun brechen die im Gebäude, welche den Kampf beobachtet haben, und es für schimpflich erachten, länger thatlos zuzusehen, hervor, der alte Krafft an der Spitze. Sie finden keinen Widerstand, denn in dem Augenblicke, als sie den Förster stürzen sieht, stiebt die entsetzte Menge nach allen Seiten auseinander. Niemand will die Blutschuld auf seinem Gewissen haben; Niemand will Zeuge der Unthat gewesen sein. Man richtet den Förster in die Höhe; er lebt noch und verlangt mit matter Stimme nach Wasser. Aber als man ihm in einem Kruge Wasser an die Lippen führen will, athmet er nur noch einmal tief auf; sein graues Haupt sinkt auf die Seite – der alte Krafft hält einen Todten in seinen Armen.

Und mit Einemmale erhellt sich die Schreckensscene von einem grellen Schein, der aber nicht von dem verglimmenden Scheiterhaufen kommt. Aller Augen richteten sich auf das Fabrikgebäude. Aus einem der Schornsteine steigt eine rothe Feuersäule hoch empor zum dunklen Himmel. In der grenzenlosen Verwirrung der letzten Tage hat man einen Riß in der Mauer nicht bemerkt, durch den sich das Feuer vom Hochofen aus langsam einen heimlichen Weg gebahnt hat, um endlich mit unbezähmbarer Wuth hervorzubrechen. Die Thurmglocke, die schon seit länger als einer Stunde nicht geschwiegen hat, erhebt lauter als bisher ihren angstvollen Ruf, und die sich eben noch feindlich gegenüberstanden, vereinigen ihre Anstrengungen in der Bekämpfung des wüthenden Elementes, welches sie in ihrer Thorheit haben entfesseln helfen und das nun wie im Triumph die rothe Siegesfahne über ihren Häuptern schwingt.

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