Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Spielhagen >

In Reih' und Glied. Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: In Reih' und Glied. Zweiter Theil - Kapitel 54
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleIn Reih' und Glied. Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunSechste Auflage
year1883
firstpub1866
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130715
Schließen

Navigation:

Dreiundfünfzigstes Capitel.

Die stattliche Villa des Generals in der Parkstraße war glänzend erleuchtet. Durch die hohen Fenster konnte man die Kronleuchter strahlen sehen, und der lichte Schein fiel auf die schöne Terrasse, die von der Hausthür zu dem Vordergarten sanft hinabstieg und heute, ebenso wie das Vestibul, mit Blattpflanzen und Herbstblumen reich geschmückt war. Von dem Vestibul bis hinaus an das Gartenthor mit seinen stattlichen Gaslaternen auf gußeisernen Candelabern hatte man den von dem Regen der vergangenen Tage noch etwas feuchten Weg mit Strohmatten belegt. Ein Portier in Spitzhut und Tressenrock, der sich für gewöhnlich mit einer bescheidenen Bedientenlivrée begnügen mußte, hielt an dem Thore Wache.

Aber noch war keiner der erwarteten Gäste angelangt, drinnen in dem licht- und blumendufterfüllten Salon war Niemand außer dem General und seiner Tochter. Der General trug die große Uniform mit den sämmtlichen Orden. Er sah sehr stattlich und ausnahmsweise wohl aus. Mit der heute Morgen glücklich arrangirten fatalen Angelegenheit war das Gemüth des alten Herrn um eine große Sorge leichter geworden; die verhängnißvollen, so theuer bezahlten Briefe hatte er sofort vernichtet, und der Castellan mußte um diese Zeit schon seit einer Stunde unterwegs nach England und Amerika sein – auf Nimmerwiederkehr. Nach aller menschlichen Berechnung war jede Möglichkeit, daß er in seinen alten Tagen zu so ungelegener Zeit an die Jugendthorheit erinnert werden würde, beseitigt. Lippert's Verschwinden würde einiges Aufsehen erregen – indessen, wer konnte wissen, was den Menschen dazu bewogen hatte, sich heimlich zu entfernen? Jedenfalls ging das Alles den General von Tuchheim nichts an, und der General, der in dem Salon langsam auf und nieder promenirte, rieb sich in einer Anwandlung von behaglicher Laune die Hände.

Josephe, die in einiger Entfernung vom Vater ebenfalls in dem Gemache umher wandelte, war in weniger guter Stimmung. Sie fühlte sich nach den anstrengenden Vorbereitungen zum Feste müde und angegriffen, mochte sich aber nicht setzen, um ein prachtvolles, spitzengarnirtes Seidenkleid, das sie heute zum erstenmale trug, nicht zu zerdrücken. Selbst die Ueberzeugung, die ihr die großen Spiegel, an denen sie vorbeikam, gaben, daß das prachtvolle Kleid ihr ausgezeichnet stehe und daß sie in diesem Kleide und mit dem kostbaren Schmuck in dem dunklen, glänzenden Haare sehr schön, so schön wie nur je in ihren schönsten Tagen sei, vermochte nicht, sie heiterer zu stimmen. Ihr Mund schloß sich Zimmer fester, die kleine Falte über der linken Augenbraue trat immer deutlicher hervor.

Der General, der sie in den letzten Minuten schweigend beobachtet hatte, trat an sie heran und sagte, ihren Arm nehmend: Nun, Josephe, ich dächte, das wäre eine ziemlich düstere Miene für eine so freudige Veranlassung.

Josephe blickte ihren Vater unwillig an und erwiederte: Freudige Veranlassung! ich möchte doch wissen, weshalb? Er langweilt mich mit seiner ewigen Ernsthaftigkeit, daß ich es kaum noch aushalten kann, und dabei muß ich mir immer sagen: ich hätte zehnmal bessere Partien machen können.

Sich mit Anstand langweilen zu können, gehört zu unsern Aufgaben, liebe Josephe, entgegnete der General. Ich habe mich, ganz im Vertrauen, mit Deiner seligen Mutter auch passabel gelangweilt. Was kommt denn darauf an? In unserem Stande heirathen die Damen doch nicht, um mit dem Gatten ein arkadisches Schäferleben zu führen? Ich hätte Dir solche sentimentale Velleität nicht zugetraut, liebes Kind, und kann sie mir nur durch Deinen Umgang mit der Schlieffenbach erklären. Aber wie lange wird denn das romantische Glück bei unseren Freunden noch dauern? Ich gehe mit Dir jede Wette ein, daß in fünf Jahren davon nicht mehr die leiseste Spur zu finden ist und der Graf einer hübschen Tänzerin den Hof macht, während sie Baron von der Knigge, den sie jetzt schon auffallend encouragirt, oder irgend einen Anderen aus dem Kreise zum Geliebten hat. Pah!

Der General nahm mit großer Vorsicht aus einer kleinen goldenen Tabatière eine sehr kleine Prise.

Schlieffenbachs kommen heute wieder nicht, sagte Josephe.

Aber ich denke, sie sind verreist.

Weil sie nicht kommen wollten.

Nun, so kommen dafür Henri und Emma, und daran ist nur mindestens eben so viel gelegen.

Josephe antwortete nicht; der General ließ ihren Arm fahren und sagte nach einer Pause in ernstem Tone: Du mußt Dich zusammennehmen, Josephe; Du darfst Dich nicht so gehen lassen, darfst wenigstens die Andern nicht merken lassen, wie Du über Deinen künftigen Gatten denkst, am wenigsten ihn selbst. Er ist sehr scharfsichtig, und ich glaube nicht, daß er in seinem Leben eine Beleidigung vergeben hat, oder jemals vergeben würde. Du würdest doch einen schweren Stand mit ihm haben.

Er that ein paar Schritte, kehrte dann wieder um und fuhr sanfter fort: Sieh, liebes Kind, ich begreife Deine Empfindungen ja vollkommen, er ist mir auch nicht sehr sympathisch, ja, ich fürchte alle Augenblicke einmal, sein geniales Ungestüm könne ihn zu weit treiben und in's Verderben stürzen. Noch gestern Vormittag war ich – ganz unter uns – über sein brüskes Vorgehen ganz außer mir; aber dann denke ich immer: er hat schon so viel fertig gebracht, so Unglaubliches geleistet, und ich sage im Stillen zu mir: Hut ab vor dem Mann!

Man kam durch die Vorzimmer, der General schwieg. Es waren Leo und der Jäger, welcher letztere seinen Herrn noch in Bezug auf das Arrangement der Tafel etwas fragen wollte. Der General folgte, nachdem er Leo mit anscheinend größter Herzlichkeit die Hand gedrückt hatte, dem Manne in die hinteren Zimmer; Leo wendete sich zu Josephen, die, als sie ihn daherkommen sah, an den Kamin getreten war und sich mit den Vasen, die auf dem Sims standen, zu schaffen gemacht hatte. Indem sie dabei die beiden Arme hob und den Oberkörper rückwärts beugte, offenbarte sich die ausgezeichnete Schönheit ihrer Formen, die Leo einst so entzückt hatte. Aber heute hatte er dafür keine Augen, er sah nur das Mädchen, um dessenwillen er Silvia verloren hatte, und dieses Mädchen hatte ein prachtvolles Kleid an. Was wußte er weiter von ihr? was hatte er ihr zu sagen? kam doch selbst das Guten Abend, Josephe! nur zögernd von seinen Lippen.

Ah, da bist Du ja! erwiederte Josephe, die Vasen hin und her rückend, ohne sich umzuwenden.

Es scheint mir nicht eben, als ob ich für Dich schon hier wäre.

Josephe verharrte in ihrer Stellung: O, sagte sie, auch noch empfindlich? ich dächte, dazu hätte ich ein besseres Recht. Ich habe ja wohl seit vorgestern – oder ist es schon länger her? – heute zum erstenmale das Vergnügen, Dich hier zu sehen.

Ich nehme an, daß Dir der General gesagt hat, wie sehr ich in diesen letzten Tagen beschäftigt gewesen bin.

Du mußt freilich am besten beurtheilen können, wieviel Zeit Du für mich übrig hast.

Ohne Zweifel.

Und schließlich kommt ja auch so wenig darauf an.

Josephe!

Es lag eine solche Schärfe in dem Ton, mit welchem ihr Verlobter ihren Namen genannt hatte, daß Josephe sich halb im Zorn, halb vor Furcht umwendete; aber der Zorn schwand, und nur die Furcht blieb, als sie – jetzt zum erstenmale – in sein Antlitz blickte. So hatte sie ihn noch nie gesehen. Seine Wangen waren bleich, der Mund fest geschlossen, zwischen den Augenbrauen lag es wie eine Wetterwolke, und die großen Augen loderten im düsteren Feuer. Sie trat unwillkürlich einen Schritt zurück.

Darf ich um eine Erklärung dieses »so wenig« bitten? sagte er.

Seine Stimme klang jetzt ganz ruhig, ruhig und tief, dennoch war es Josephen, als hätte sie diese Stimme noch nie gehört. Sie mußte ihre ganze Kraft aufbieten, um den Schrecken, der sie durchbebte, nicht zu sehr zu zeigen, und auch so noch griff sie mit der Hand nach dem Kamin, da ihre Kniee wankten.

Wie meinen Sie das? war Alles, was sie nach einer bangen Pause zitternd hervorbrachte.

Ich meine das so, erwiederte Leo. Sie haben sich mit mir verlobt, weil Ihr Herr Vater es wünschte und weil Sie für Ihr Theil glaubten, daß ich Ihnen durch meine Talente eine hohe Stellung in der Gesellschaft verschaffen und so den Makel meiner niedrigen Geburt wieder gutmachen würde. Ich habe Sie gewählt, weil ich in meiner Lage die Verbindung mit einer Familie wie die Ihre vollkommen zu schätzen weiß und weil ich in meinem Hause eine Herrin brauche, die den Ansprüchen, welche die Gesellschaft macht, so durchaus genügen kann, wie Sie es können. Von einer großen, hingebenden Liebe ist, so viel ich mich erinnere, von Ihnen zu mir, von mir zu Ihnen, nie die Rede gewesen. Was Sie an verlorenen Illusionen mit in unsere Ehe hineinnehmen, geht mich nichts an, ebensowenig als Sie sich für meine Herzensangelegenheiten zu interessiren brauchen. So weit ist Alles in Ordnung, Keiner von uns ist ein Betrüger, Keiner von uns ist betrogen; die Verbindung, die wir eingehen, ist nach dieser Seite vollkommen zu übersehen. Die andere Seite nun scheint Ihnen nicht eben so klar zu sein, und ich bin deshalb gezwungen, auch diese mit einigen Worten zu berühren. Ich werde es Ihnen nie an der Achtung fehlen lassen, die der Herr des Hauses der Dame des Hauses schuldig ist, aber – und ich bitte Sie, das wohl zu merken – aber ich fordere diese Achtung auch von Ihnen, zu jeder Stunde, in jedem Augenblick, mögen wir in der Gesellschaft oder mögen wir allein sein. Zu den Beweisen dieser Achtung gehört zum Beispiel, daß man weder in Geberde, noch durch Worte, nicht einmal durch den Ton der Stimme die Verbindung verhöhnt, die man aus freien Stücken, sehenden Auges, im vollen Bewußtsein der Bedingungen und der Consequenzen eingegangen ist. Es würde mir lieb sein, wenn Sie mir sagten, ob Sie glauben, mich ganz verstanden zu haben.

Josephe hatte, während Leo sprach, etwas von ihrer Ruhe wiedergewonnen. Sie war klug genug, einzusehen, daß, wenn sie jetzt nachgebe, sie niemals wieder ihr Haupt würde erheben können, und diese Ueberzeugung, zusammen mit der Abneigung, die sie gegen ihren Verlobten empfand, gab ihr den Muth zu antworten, indem sie dabei, so gut es gehen wollte, seine höflich kalte Sprechweise copirte:

Es wäre kein Wunder, wenn ich Sie nicht verstanden hätte. Dergleichen Auseinandersetzungen sollen, wie ich gelesen habe, wohl manchmal in der Ehe selbst vorkommen; aber es ist, so viel ich weiß, unerhört, daß ein Verlobter so zu seiner Verlobten spricht.

Mag wohl sein, erwiederte Leo, indessen das Ungewöhnliche und Unerhörte, wie Sie es ausdrücken, hat mir niemals besonders imponirt, und ich gehe von der Ansicht aus, daß es in Verhältnissen, wie das unsere, nöthig ist, über das, was man will, oder muß, oder darf, nicht einen Augenblick im Unklaren zu sein. Ihr Betragen vorhin beweist, wie nöthig es ist.

Aber das ist einfache Tyrannei! rief Josephe, und –

Und? sagte Leo, als Josephe fortzufahren zögerte.

Und ich werde mich derselben niemals fügen, ich – und wieder schwieg Josephe.

In Leo's Augen blitzte es seltsam; er beugte sich leicht vornüber, als könne er das, was nun folgen mußte, kaum erwarten. Aber Josephe verharrte in ihrem Schweigen, Leo's Athem ging kurz und hart. Noch einen Augenblick wartete er, das ersehnte erlösende Wort kam nicht. Er sagte langsam:

Vielleicht erlauben Sie mir, Ihren Gedanken zu vervollständigen. Ich verzichte auf die Ehre einer Verbindung mit Ihnen – wollten Sie sagen – nicht? Scheuen Sie sich nicht, es auszusprechen. Noch ist es Zeit, aber es ist die höchste Zeit.

Frau Baronin von Barton, meldete der Bediente, die Flügelthür aufreißend.

Guten Abend, meine Lieben! rief die Baronin, mit ausgestreckten Händen auf den Kamin zurauschend. Da stehen die Liebenden wie ein Turteltaubenpaar, das sich schnäbelt, und verwünschen die alte Freundin, die ihr tête-à- tête so grausam stört. Nein, wie schön Sie heute Abend wieder sind, Josephe! und der stattliche Herr Bräutigam! auf meine Ehre: Ihr seid das schönste Paar, das ich in den letzten fünfundzwanzig Jahren gesehen habe. Aber, meine Lieben, ich habe mich nicht umsonst beeilt, eine der Ersten zu sein. Kann man gratuliren, Herr von Gutmann? ist – hier sah sich Frau von Barton vorsichtig um und fuhr in leiserem Tone fort – ist das neue Ministerium fertig?

Noch nicht, sagte Leo.

Noch nicht? rief Frau von Barton in höchstem Erstaunen; aber die ganze Stadt spricht ja davon. Jedermann hält den Artikel in der *Zeitung für Ihre Ernennung. Und das kann ja auch nicht anders sein. Es handelt sich nicht blos um Sie. Der König kann das nicht einstecken, wenn er nicht meine Achtung für immer verscherzen will. Unsere ganze Partei ist in der Sache engagirt; soll man uns ungestraft mit Füßen treten dürfen? Sind Sie denn heute Nachmittag nicht zum Könige berufen worden, Herr von Gutmann?

Nein, gnädige Frau!

Ich falle aus den Wolken! Himmel! Ich denke, es ist Alles glatt und klar, und die Sache soll morgen früh im Staatsanzeiger stehen. Was sagt denn die Excellenz? was sagt unser Geheimrath? Wir werden ihn doch heute hier haben, den lieben Mann?

Der General kam aus dem Hinterzimmer zurück. Liebste, beste Excellenz, was ich höre! rief ihm die Baronin entgegen. Ich bin indignirt, choquirt! Was? Nach solchen Vorgängen noch keine Entscheidung?

Wir müssen eben Geduld haben, verehrte Freundin, sagte der General, der alten Dame galant die Hand küssend.

Was Geduld! ich habe keine Geduld! rief die Baronin. Herr von Gutmann! ich muß sehr bitten, daß Sie nicht auch in die Geduldflöte Ihres Herrn Schwiegervaters blasen. Sie sind jung; Sie müssen drauf gehen. Ach! wenn ich noch jung wäre! Werden wir denn heute viel junges Volk hier haben? Ich höre, daß der junge Kerkow kommen wird, und Ihr alter Anbeter, Josephe, der ewige Fähnrich von Hasseburg. Es ist ganz diplomatisch, daß Sie diese alten Verbindungen nicht fallen lassen, und ich sehe darin, daß die Seïden des Prinzen kommen, einen Beweis dafür, wie sehr die ganze Partei eingeschüchtert ist.

Wir werden auch meinen Neffen und seine junge Gemahlin hier haben, sagte der General.

Desto besser, rief die Baronin, obgleich ich darauf weniger Gewicht lege. Verwandte müssen am Ende unter allen Umständen zusammenhalten, gesellschaftlich wenigstens, wenn sie nicht solche unverzeihliche dumme Streiche machen, wie mein cher cousin auf Karlsburg. Denken Sie sich, Excellenz, der Narr hat nun den Jungen wirklich adoptirt und schreibt mir, er würde in Geschäften nächstens mit ihm hierher kommen, und hoffe dann für sich selbst und seinen Jungen auf eine freundliche Aufnahme seitens seiner Verwandten! Ist das nicht zum Rasendwerden? Aber ich will ihm die Wahrheit geigen, und ich hoffe, daß Sie, Excellenz, als sein alter Freund, mich darin unterstützen werden.

Der General antwortete nicht, da in diesem Augenblicke Graf Röder nebst Gemahlin eintrat, dem bald darauf der alte Herr von Kerkow, Baron Schuler und Andere aus dem intimsten Kreise des Generals folgten; Alle begierig zu erfahren, wie die Sachen ständen, und Alle mit bedenklichem Kopfschütteln die Nachricht entgegennehmend, daß noch nichts entschieden sei. Man konnte deutlich bemerken, daß, trotzdem die Gesellschaft von Minute zu Minute zahlreicher wurde, die anfänglich sehr gehobene Stimmung immer mehr abnahm und die zuerst laut und lebhaft gepflogene allgemeine Conversation sich in leiser geführte Einzelgespräche auflöste. Es drängte eben Jeden, irgend einen Vertrauten unter vier Augen um seine aufrichtige Ansicht zu befragen und demselben die eigene Auffassung mit gepreßter Stimme in's Ohr zu raunen.

Leo war von dem Augenblicke an, wo die Gesellschaft eintrat, fortwährend in Anspruch genommen worden, da man von ihm bestimmte Aufklärung über die räthselhafte Situation zu erhalten hoffte; und gerade sein heute Abend auffallend düsteres und verschlossenes Wesen hatte nicht wenig dazu beigetragen, die Stimmung im Salon herabzudrücken. Man sagte sich selbst und sprach es gegen den Nachbar aus, daß, wenn Herr von Gutmann an diesem für ihn so freudigen Tage eine solche düstere Stirn zeige, er doch jedenfalls seine Ursachen dazu haben müsse. Den wahren Grund ahnte freilich Keiner.

Wie ein Schiffbrüchiger auf zerschellendem Wrack, wenn seine Kraft erschöpft ist, mit stumpfer Gleichgiltigkeit die Wellen heranrollen sieht, von denen schon die nächste ihn in ihrem Schoße für immer begraben kann, so war ihm jetzt, als ob er die ungeheure, übermenschliche Arbeit der letzten Zeit für ganz etwas Anderes aufgewendet hätte. Und verhielt es sich denn nicht so? Was ging ihn schließlich ein Werk an, das kaum noch in einem Punkte sein Werk war? Und doch dachte Leo an das Alles nicht, oder doch nur mit einer Energielosigkeit, der jeden Augenblick der Faden des Gedankens entschlüpfte. Was noch von Leben, Kraft, Empfindung, Schmerz, Verzweiflung in seiner Seele sich regte, das strömte Alles in die eine Leidenschaft – die Leidenschaft für Silvia. Seit gestern Abend hatte der schmerzensreiche Gedanke an sie ihn auch nicht einen Moment verlassen. In den wilden Träumen des Opiumrausches, der ihm für Schlaf gelten sollte, hatte er sie in seinen Armen gehalten, hatte in stammelnden Worten ihr seine grenzenlose Reue, seine grenzenlose Liebe gestanden, hatte ihren Mund mit glühenden Küssen bedeckt. Dann war der Morgen gekommen, der sonnige Morgen, der ihn so bleich, so elend, so hoffnungslos, so unsäglich unglücklich fand. Er erinnerte sich, daß er gestern Abend an Silvia geschrieben; was er geschrieben, wußte er nicht mehr. Er wollte ihr abermals schreiben, er konnte keinen Gedanken fassen; was konnte er ihr auch wohl noch schreiben – es war ja Alles vorbei. Sein Schicksal, ihr Schicksal war für immer entschieden. Wenn er nun aber nicht wollte, daß es entschieden sei? wenn er Josephe ihr Wort zurückgab – heute Abend noch: die Welt war so weit! so weit – er war mit der festen Absicht hierher gekommen; aber seine Spannkraft war gebrochen: er hatte den Moment vorüberschwirren lassen – und da stand er nun in dem menschenerfüllten, heißen Salon, und sprach mit dem Herrn von Kerkow über die politische Situation und suchte dem alten stupiden, aber sehr einflußreichen Manne klar zu machen, daß er sich irre, wenn er jetzt schon alle Hoffnung aufgeben zu müssen glaube.

Der General trat herzu, und plötzlich auch der Geheimrath Urban, der eben gekommen war. Herr von Kerkow wurde von einem Bekannten weg geholt; die drei Männer waren ungestört. Der Geheimrath war sehr aufgeregt, seine breiten Lippen zuckten unruhig. Ich bringe schlimme Neuigkeiten, sagte er, Hey ist gestern gleich nach dem Ministerconseil beim Könige gewesen.

Unmöglich! rief der General.

Ich habe es aus einer sehr guten Quelle, fuhr Urban fort; der besten Quelle, enfin – ich habe es von Hey selber. Sie wissen, daß ich mit Hey sehr vertraut bin – von früher her, er ist seit Jahren gewohnt, nichts ohne meinen Beirath zu thun. Meine Coalition mit Ihnen hat uns ein wenig entfremdet, indessen er weiß ja nicht, wie sehr ich mit Ihnen liirt bin. Er war heute Morgen bei mir, mich zu warnen, wie er sagte; ich soll mich nicht tiefer mit Ihnen einlassen. Indessen, er hat mir, offen gestanden, nicht das Vertrauen eingeflößt, daß er trotz alledem die Situation noch irgend beherrscht.

Aber was hat denn der König gesagt? Was hat er von Hey gewollt? fragte der General dringend.

Hey war sehr verschwiegen, erwiederte Urban, ich vermuthe aber, daß er nicht viel zu verschweigen hatte, ich meine Positives. Der König wird ihm aufgetragen haben, eine Aussöhnung mit der Kriegspartei zu Stande zu bringen, Concessionen zu machen und so weiter. Ein Glück für uns, daß der gute Hey zu einem so subtilen Geschäft viel zu plump ist und den König an Händen und Füßen gebunden dem Prinzen wird ausliefern wollen. Da wird sich der König denn doch dreimal besinnen, ehe er Amen sagt; überdies ist Hey dem Prinzen persönlich verhaßt, und vice versa, so daß sie sich schon deshalb schwerlich verständigen werden. Indessen, es ist schon schlimm genug, daß der König Hey hat rufen lassen, nachdem er sich hoch und heilig verschworen hat, Niemanden zu sehen, bis er mit sich selbst einig ist.

Der Geheime Commerzienrath Reßler, ein hervorragendes Mitglied des Vereins und designirter Finanzminister in dem neuen Cabinet, steckte plötzlich seinen grauen Kopf in die Gruppe und sagte, nachdem er sich kaum Zeit gelassen hatte, guten Abend zu bieten: Es liegt etwas in der Luft, meine Herren, was mir nicht gefällt. An der Börse herrschten heute wunderbare Strömungen. Das allgemeine Resultat wissen Sie. Baisse, Baisse, daß Einem Hören und Sehen vergehen kann. Und dazwischen auf einmal speculirt Sonnenstein, der Baissier par excellence, plötzlich auf Hausse und kauft alle Südbahn-Prioritäten und Lombarden, deren er habhaft werden kann, das heißt, glaubt nicht an den Krieg. Ist das eine Schwenkung zu uns herüber? Mir steht der Verstand still!

St! sagte der General, ich sehe da meinen Neffen. Ich werde versuchen, ob ich nichts aus ihm heraus bekomme. Aber, Verschwiegenheit, meine Herren, um Gotteswillen Verschwiegenheit!

Henri war soeben, Emma am Arm führend, in den Salon getreten, nach rechts und links grüßend, lächelnd. Emma sah sehr roth aus, besonders um die Augen; sie lächelte auch nicht, ihre Blicke schweiften suchend durch den Saal, bis sie Leo herausgefunden hatte, und sie wendete sich, während Henri jetzt mit dem General sprach, nach der Seite, wo Leo noch mit Urban und dem Commerzienrath stand. Henri machte sofort der Unterhaltung mit seinem Onkel ein Ende, nahm wieder Emma's Arm und sagte im Weiterschreiten: Wenn Du Dir selbst einen rechten Gefallen thun willst, so sei heute Abend in Deinem Benehmen vorsichtig; verstanden, liebes Kind?

Henri selbst war in einer Aufregung, die er bei aller seiner Kaltblütigkeit Mühe hatte zu beherrschen. Er hatte die Briefe, die er vor ein paar Stunden vom alten Lippert gekauft, noch bei sich in seiner Brusttasche, da sie ihm nirgendwo sonst sicher genug verwahrt schienen. Er war mit diesen Briefen sofort zu Ferdinand gefahren. Ferdinand hatte sie gelesen und war in eine an Raserei grenzende Leidenschaft gerathen. Vergebens hatte Henri versucht, ruhig mit ihm zu besprechen, was nun zunächst geschehen müsse. Ferdinand hatte ihn kaum zu Worte kommen lassen und war dann, rufend, er wisse, was er zu thun habe, fortgestürzt. Was würde Ferdinand thun? Henri hoffte, vorläufig in ein Weinhaus gehen, sich einen Rausch trinken und morgen, wenn er ausgeschlafen hatte, vernünftig mit sich reden lassen. Er selbst war noch nicht über einen bestimmten Plan mit sich im Reinen. Er dachte, dem Onkel etwa erst unter vier Augen die Alternative zu stellen, entweder Josephe's Verbindung mit Leo aufzugeben, oder sich auf einen großartigen Scandal gefaßt zu machen; dann, im Falle er den Onkel wider Erwarten halsstarrig finden würde, Ferdinand, der jetzt jedenfalls zu Allem bereit war, loszulassen. Es war Henri in der letzten Minute räthlicher erschienen, seine Familie, wenn es möglich war, zu schonen; blieb doch der garstige Flecken am Namen sitzen! Nach Henri's Meinung hafteten nur schon zu viele Flecken an diesem Namen, und dann, weshalb in ein Wespennest stoßen, wenn man es sicherer und gründlicher ausräuchern kann! Also, liebenswürdig heute Abend! Der Onkel wird morgen früh begreifen, daß es sich mit mir ganz charmant lebt, wenn man mich bei guter Laune erhält.

Und Henri war liebenswürdig und lächelte und drückte dem alten Herrn von Kerkow, der ihn nicht ausstehen konnte, die Hand und versicherte der Baronin Barton, die ihn von jeher gehaßt hatte, daß sie mit jedem Jahre jünger werde. Dann fiel ihm ein, daß es doch eigentlich sehr wünschenswerth sei, zu wissen, wie Josephe über ihren Verlobten denke und wie weit man im Nothfalle auf sie werde rechnen können. Emma sprach mit dem alten Bankier Reßler – das war unverfänglich; und Josephe saß eben allein. Er ging schnell zu ihr, bat um die Erlaubniß, sich zu ihr setzen zu dürfen, und war bald mit ihr in ein Gespräch gerathen, das seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.

Aber, liebe Josephe, wenn Du Dich in dieser Verbindung nicht glücklich fühlst, weshalb sie nicht abbrechen, jetzt, wo es noch Zeit ist?

Das ist leichter gesagt, als gethan.

Du meinst, Dein Vater –

Würde es um keinen Preis zugeben.

Und Leo?

Josephe's Stolz krümmte sich bei dem Gedanken, aussprechen zu sollen, wie leicht ihr Leo noch vor einer Stunde den Entschluß gemacht hatte, mit ihm zu brechen. Vielleicht war es ihm auch nicht Ernst damit gewesen; vielleicht hatte er sie nur einschüchtern wollen. Er weiß nur zu gut, was ich ihm werth bin, antwortete sie mit höhnischem Lächeln.

Das fürchte ich auch, sagte Henri. Er neigte seinen Mund noch näher zu Josephe's Ohr und flüsterte: Und wenn ich Dir nun dabei behilflich wäre, ihn los zu werden, würdest Du es Dich wohl etwas kosten lassen? Ich meine, würdest Du sehr bös sein, wenn ich zu diesem Zwecke etwas gewaltsam verfahren müßte?

Wie meinst Du das? sagte Josephe.

Ueberlege Dir's, erwiederte Henri, wir sprechen womöglich morgen weiter darüber. Da schleicht Dein alter Anbeter Hasseburg herum und möchte gern meinen Platz haben. Er bekommt in acht Tagen sein Officierspatent und ist noch immer sterblich in Dich verliebt. Du kannst ihn noch jeden Augenblick haben, und seine dreißig- oder vierzigtausend Thaler jährlicher Revenuen dazu. Hasseburg, kommen Sie doch einmal her; meine Cousine möchte gern wissen, von wem Sie Ihren neuen Fuchswallach gekauft haben.

Henri stand auf, während von Hasseburg, die tanzsporengeschmückten Hacken zusammenklappend und an seinem winzigen rothen Bärtchen drehend, herantrat. Henri hatte an dem anderen Ende des Salons Emma neben Leo gesehen, eifrig, wie es schien, mit ihm sprechend. Wie durfte sie es wagen, so offen seinem Verbote zu trotzen? Ich glaube, sie ist verrückt geworden, murmelte er und that ein paar Schritte nach jener Seite, blieb dann aber wieder stehen, weil er den Marquis de Sade zu Leo und Emma herantreten sah. Die Geschichte der Vertreibung Leo's aus der Wohnung des Marquis fiel ihm ein, und er hatte keine Lust, sich von dem heiter-witzigen Franzosen gerade jetzt, in Gegenwart Leo's und Emma's, daran erinnern zu lassen. So nahm er denn den Arm des jungen von Kerkow und begab sich mit demselben in das Vorderzimmer, durch dessen Thür er die Gruppe in der Ecke des Salons im Auge behalten konnte.

Emma hatte sich, so wie sie von Henri loskommen konnte, sofort quer durch den Salon zu Leo begeben, wohl wissend, daß sie durch diesen Schritt die Rache ihres Gatten herausfordern würde, aber fest entschlossen, seinem Zorn zu trotzen. Leo war ihr, als er sie auf sich zukommen sah, entgegengegangen; aber sie hatte ihn in die äußerste Ecke mit sich fort gezogen und ihm noch während dessen zugeflüstert: Ich habe Ihnen etwas Wichtiges mitzutheilen. Thun Sie, als ob Sie sich mit mir sehr angelegentlich unterhielten, damit uns Niemand stört.

Betrifft es Sie selbst?

Nein, hören Sie! Ich begegnete heute Morgen Tante Charlotte und Amélie auf der Straße. Sie sagten mir, daß Walter schon heute Abend freikommen werde und daß er das ohne Zweifel Ihrer Fürsprache zu verdanken habe. Sie wollten heute Abend Silvia besuchen, trotzdem Silvia auf mehrere Briefe, die ihr die Tante geschrieben, nie mit Einem Worte geantwortet hat. Es ist dies eine Gelegenheit, wie sie vielleicht so bald nicht wiederkommt, sagte Amélie, und die Tante fügte hinzu, daß sie noch außerdem einen besonderen Grund hätten. Ich sagte ihnen, daß wir heute Abend hier sein würden; die Tante schien etwas sagen zu wollen, schwieg dann aber doch; so trennten wir uns. Heute Abend nun, kurz bevor wir hierher fuhren – ich war eben mit meiner Toilette fertig geworden und wartete auf Henri, der seit Mittag nicht zu Hause gewesen war – ließ sich die Tante und Amélie melden. Ich wußte, daß Henri außer sich sein würde, wenn ich sie empfing, aber ich that es doch. Sie waren in großer Aufregung, und die Tante erzählte, sie hätten auf dem Schlosse nach Silvia gefragt, aber oben bei Fräulein Gutmann wäre, trotzdem sie wiederholt geklingelt, nicht geöffnet worden, und hernach hätten sie – ich weiß nicht wie – erfahren, daß Silvia kurz vorher ausgegangen oder vielmehr in einer Droschke weggefahren sei. Dann fragte die Tante, ob ich wohl eine Bestellung, die aber sehr eilig sei, an Sie übernehmen zu können glaube. Die Tante nahm nun einen Brief, den Sie heute Mittag von Ihrem Onkel in Tuchheim erhalten hatte, aus der Tasche und las mir eine Stelle daraus vor. Die Angelegenheiten in Tuchheim ständen schlecht, so schlecht, daß Sie sofort herüberkommen müßten, sonst wäre Alles zu befürchten. Ich habe den Satz genau behalten, denn die Tante hat ihn mir zweimal vorgelesen.

So sprach Emma, und ihre gutmüthigen Augen hingen mit ängstlicher Spannung an Leo's düsteren Mienen.

Ich danke Ihnen, liebe Emma, erwiederte er, aber ich wußte bereits Alles.

Er hatte das so zerstreut gesagt; Emma sah ihn fragend an und fing dann wieder an zu sprechen von Tante Charlotte und Amélie und Walter; daß sie jetzt erst einsehe, wie gut diese Alle immer zu ihr gewesen seien, und wie gern sie recht oft mit ihnen zusammenkommen möchte, daß aber daran bei Henri's Sinnesart gar nicht zu denken sei. Leo hörte kaum, was Emma sagte. Wohin war Silvia in so später Abendstunde noch gegangen? Stand sie mit Tante Sara nicht mehr auf dem alten guten Fuße? War ihr vielleicht der Aufenthalt im Schlosse unerträglich geworden, und wußte sie nun doch nicht, wohin? Hatte er selbst ihr nicht die Unmöglichkeit bewiesen, zum Vater nach Tuchheim zurückzukehren und ruhig, als sei nichts geschehen, bei dem Vater fortzuleben? Aber wenn nicht nach Tuchheim zurück, wohin dann?

Und jetzt fiel ihm plötzlich wieder ein, was er ihr gestern Nacht geschrieben: Geh'! – Wohin? wohin?

Aber, mon dieu, wie angegriffen Sie heute aussehen, cher ami, sagte der Marquis de Sade, der herantrat. Sagen Sie ihm doch auch, Madame, daß er nicht so viel arbeiten soll. Freilich, freilich, ich habe mein Lebenlang nicht gearbeitet und glaube doch nicht, daß Sie mit mir tauschen möchten! Ah, mir däucht, es ist eine erstickende Hitze hier, wie vor dem Ausbruch eines Samums. Ich erlebte das einmal in den Ruinen von Karnak. Das wäre so etwas für Ihr beobachtendes Genie, Herr Doctor! Abgerissene brennende Windstöße von Süden her, während die Schwüle der Luft mit jedem Augenblicke zunimmt; die Dromedare wollen nicht mehr von der Stelle, die Pferde bäumen sich. Die Reiter sehen mehr Gespenstern als Menschen gleich in dem fahlen Licht des Himmels, der sich von allen Seiten wie ein Zelt zusammenzuziehen scheint. Noch ein paar Minuten bangster Erwartung, und dann – was ist das für ein seltsamer Lärm?

Der Lärm hatte nicht blos die Aufmerksamkeit des Marquis erregt; die Gesichter Aller im Salon waren nach dem Vorzimmer gerichtet, in welchem jetzt eine Stimme überlaut rief: Gehen Sie mir aus dem Wege! Ich habe Ihnen gesagt: ich weiß, was ich zu thun habe. Denken Sie, ich bin Ihr Hund, daß Sie mich hetzen können, wann es Ihnen beliebt und auf wen es Ihnen beliebt? Aus dem Wege! sage ich.

Der General hatte mit einigen Herren mitten im Salon gerade unter dem großen Kronleuchter geplaudert. Als die laute Stimme aus dem Vorzimmer an sein Ohr schlug, zuckte er, wie von einer Kugel getroffen, zusammen und hob die Hand. Das war Alles, was er vermochte. Der Schrecken hatte seine Kraft gelähmt; unfähig sich zu bewegen, unfähig zu sprechen, mit halb geöffnetem Munde, die starren Augen auf die Thür gerichtet, stand er da. Aus dem Wege! rief die Stimme noch einmal, und im nächsten Moment erschien auf der Schwelle der Thür Ferdinand. Seine Kleider waren in Unordnung, denn er hatte sich durch die Diener, die ihm den Eintritt verweigerten, gewaltsam hindurchgedrängt; seine weichen, glänzenden Locken hingen ihm wüst um die Stirn; seine großen Augen funkelten in dem doppelten Rausche des Weines und der Leidenschaft und fuhren wild im Saale umher, bis sie auf dem General haften blieben. Man konnte sehen, wie in diesem Moment ein Zucken durch seinen ganzen Körper flog und sein Gesicht so bleich wurde, wie das Gesicht des Generals, zwischen welchem und ihm die plötzlich still gewordene Gesellschaft, nach beiden Seiten zurückweichend, eine breite, offene Gasse gelassen hatte.

Ferdinand zauderte noch einen Augenblick, dann kam er geradeswegs auf den General zugeschritten; aber er hatte kaum die Hälfte der Entfernung zurückgelegt, als ihm Leo, der sich eilig durch die Gaffer gedrängt hatte, den Weg vertrat; Ferdinand stutzte, als er sich so plötzlich seinem Todfeind gegenüber sah, dann flog ein wildes Lächeln über sein Gesicht, und er machte eine Bewegung mit der Hand, als wollte er Leo auf die Seite schieben. Auch Leo war sehr bleich, und wer in diesem Augenblicke Ruhe genug zur Beobachtung gehabt hätte, dem würde die auffallende Aehnlichkeit der beiden jungen Männer nicht entgangen sein.

Leo richtete sich zu seiner stattlichen Höhe auf, und seine Stimme klang stark und ruhig, als er jetzt, Ferdinand mit einem Blick von dem Scheitel bis zur Sohle messend, fragte: Zu wem wollen Sie? mein Herr?

Nicht zu Ihnen, mein Herr, war Ferdinand's in verächtlichstem Tone gesprochene Antwort.

Dann haben Sie die Güte, sich aus dieser Gesellschaft zu entfernen.

Welches Recht haben Sie, das von mir zu verlangen?

Das Recht, das jeder gebildete Mann einem Trunkenbolde gegenüber hat, der frech genug ist, sich in eine anständige Gesellschaft zu drängen.

Auch dann, wenn der Eindringling der Sohn des Hauses ist?

Eine unheimliche Stille herrschte in dem Salon. Man wagte nicht sich zu regen, man stand mit verhaltenem Athem und blickte auf den General, der, sich auf den Arm des Commerzienraths lehnend, jeden Moment zusammenzubrechen drohte.

Auch wenn der Eindringling der Sohn des Hauses ist? wiederholte Ferdinand mit starker Stimme.

Auch dann.

Ferdinand machte eine Bewegung, als wollte er sich auf seinen Gegner stürzen, aber er that es nicht, sondern sagte durch die Zähne laut genug, daß Jeder im Saale es hören konnte:

So erkläre ich Ihnen, daß Sie ein Schurke sind, den ich auf Tod und Leben fordere.

Ein dumpfes Stöhnen klang durch den Saal, der General war ohnmächtig dem Commerzienrath und dem Marquis de Sade, der schnell hinzusprang, in die Arme gefallen. Ferdinand sah ihn sinken und rief, zur Gesellschaft gewendet: Ich denke, meine Herrschaften, dies ist Beweis genug! dann stürzte er hinaus.

Der Erstarrung, welche während der letzten Minuten auf der Gesellschaft gelegen hatte, folgte eine grenzenlose Verwirrung. Einige Wenige, zu denen jetzt auch Leo gehörte, bemühten sich um den General; Andere steckten die Köpfe zusammen und fragten: ob das Unglaubliche, was man da eben gehört und gesehen habe, denn wirklich möglich sei; noch Andere drängten schweigend nach der Thür. Das kluge Beispiel fand rasche Folge; bald war kaum noch die Hälfte der Gäste beisammen, und auch von diesen entfernte sich Einer nach dem Andern.

Man hatte den noch immer ohnmächtigen General aus dem Saale nach seinem Zimmer getragen und dort auf das Sopha gelegt. Leo bat die Herren, die hilfreiche Hand geleistet hatten, zur Gesellschaft zurückzukehren. Er selbst blieb allein bei dem Patienten, der nach einiger Zeit die Augen aufschlug, Leo, der über ihn gebeugt stand, verwirrt anblickte und dann die Augen schaudernd wieder schloß.

Wo ist meine Tochter? fragte er nach einer kleinen Weile mit matter Stimme.

In diesem Moment wurde die kleinere Thür, die aus dem Zimmer des Generals in die Wohngemächer führte, geöffnet, und Josephe, die sich vor der Gesellschaft dorthin geflüchtet hatte, kam herein, blieb aber, als sie Leo bei dem Vater sah, auf der Schwelle stehen. Leo trat ihr entgegen und sagte: Es hat mit Ihrem Herrn Vater keine Gefahr. Ich räume Ihnen meinen Platz, da ich vermuthe, daß Sie den Wunsch haben, in dieser Stunde mit ihm allein zu sein.

Josephe antwortete nicht; Leo trat noch einmal zu dem General und fragte, ob er ihm noch sonst zu Diensten sein könne. Der General schüttelte schweigend den Kopf. Leo sagte ihm ein kurzes Lebewohl, verbeugte sich vor Josephe und verließ das Zimmer.

Im Salon fand er nur noch sehr Wenige von der Gesellschaft, unter ihnen den Marquis. Er bat für den General, der zu unwohl sei, um wieder erscheinen zu können, um Entschuldigung. Man drückte sein tiefstes Bedauern aus, hoffte, daß Excellenz sich von der Alteration, in die ihn eine so unerhörte Scene nothwendig versetzt haben müsse, bald erholen werbe, und ging.

Der Marquis begleitete Leo durch die Gärten nach seiner Wohnung. Ich bin erschüttert, sagte er; trotzdem ich schon längst geahnt habe, daß Ihnen etwas der Art begegnen würde. Mir ist es übrigens kein Zweifel, daß Ihnen Monsieur de Tuchheim diese Affaire arrangirt hat. Ich habe ihn während des ganzen Abends beobachtet, und ich will nicht selig werden, wenn er nicht aussah wie ein Dieb, der eben in das Fenster steigen will. Auch sah ich ihn nachher, wie er seine Gattin eilig mit sich fortriß. Pauvre femme! sie weinte, ich glaube, sie war die Einzige, die, außer mir, mit Ihnen und für Sie empfand. Aber sprechen Sie doch, Bester! Meinen Sie nicht auch, daß der Baron dies angestiftet hat?

Ich zweifle nicht daran.

Und glauben Sie denn auch, daß jenes mauvais sujet wirklich des Generals Sohn ist?

Es scheint so.

Das ist eine schändliche Geschichte, lieber Freund. Was werden Sie thun?

Ich weiß es jetzt noch nicht, fragen Sie mich morgen.

Unter allen Umständen wird es ein Rencontre geben.

Oder mehrere.

Oder mehrere, allerdings.

Sie standen vor Leo's Thür. Ich bitte Sie nicht, mit mir hinauf zu kommen, sagte Leo; Sie werden mir nachfühlen, daß ich jetzt allein sein muß.

Der Marquis drückte ihm die Hand und sagte: Ich werde morgen den ganzen Tag für Sie zu Hause sein. Adieu!

Adieu!

Der Marquis hüllte sich fester in seinen Mantel und ging. Leo trat in sein Haus.

Kommen Sie schon so früh zurück? fragte Philipp; ich hätte Sie beinahe aus der Gesellschaft rufen lassen, aber ich dachte: Sie sind so lange nicht vergnügt gewesen, und wollte Sie nicht stören.

Was giebt's?

Vor einer Stunde ist eine Depesche angekommen, von Tuchheim, glaube ich, und vorher ein kleiner Brief, den ein Knabe brachte. Hier ist Beides.

Leo erbrach die Depesche; dieselbe lautete: »Kommen Sie sofort herüber, ich kann die Leute nicht mehr bändigen. Krafft.«

Und was hattest Du noch?

Hier, Herr!

Philipp gab ihm das Billet und sah, wie seines Herrn Hände zitterten, während er das Billet, das nur aus wenigen Zeilen zu bestehen schien, las und es dann in die Tasche steckte.

Was ist die Uhr, Philipp?

Halb Zwölf, Herr.

Um Zwölf geht der Courierzug. Hole mir einen Fiaker, es stehen noch welche an der Parkstraßenecke. Oder laß es auch nur, ich will gleich selbst gehen.

Aber Sie können doch nicht so fort, Herr!

Gieb mir einen andern Rock und den Mantel, – so!

Philipp hatte Alles schnell herbeigebracht. Leo reichte ihm die Hand. Was hast Du, Philipp?

Nehmen Sie mich mit, Herr, rief der junge Mensch, Leo's Hand mit beiden Händen umfassend. Leo bedachte sich einen Augenblick und sagte dann: Komm!

Eine Minute später hatten Beide das Haus verlassen.

 << Kapitel 53  Kapitel 55 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.