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In Reih' und Glied. Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: In Reih' und Glied. Zweiter Theil - Kapitel 53
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleIn Reih' und Glied. Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunSechste Auflage
year1883
firstpub1866
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130715
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Zweiundfünfzigstes Capitel.

Silvia stand noch, in trübes Sinnen verloren, auf derselben Stelle, als sich ihren Augen ein neuer Schreckensanblick bot. Die Thür nach der Schlafstube der Tante, welche schon während der Unterredung, die sie mit dem Könige hatte, leise geöffnet worden war, wurde plötzlich weit aufgerissen, und Sara erschien in ihren weißen Nachtgewändern und hinkte, so schnell es ihre Gebrechlichkeit gestattete, heran, wobei sie heftig mit dem Stocke auf den Boden stieß und bei jedem Stoß ein Schmähwort kreischte. Jetzt stand sie vor Silvia und blickte die Unglückliche mit Augen an, aus denen eine wölfische Wuth sprühte. Was! rief sie, Prinzessin Tausendschön, Dame Tugendreich, was? Soll ich um Ihretwillen zum Schlosse hinaus? Um eine zimperliche Creatur, von der kein Mensch etwas wissen will, die ich aus Mitleid von der Straße aufgelesen habe? Aber Sie irrt sich, Fräulein Thu-nur-so! Erst kommt Sie zum Schlosse hinaus, und das heute noch, und das diese Stunde noch! Verstanden, Mamsell?

Sie haben es ja gehört, daß ich im Begriffe bin, abzureisen. Weshalb also dieser klägliche, unnöthige Zorn?

Silvia hatte das ganz ruhig gesagt, obgleich sie an allen Gliedern zitierte. Sie fühlte längst die Achtung und Liebe nicht mehr, die sie einst Tante Sara entgegengebracht hatte; aber dieser Ausbruch niedrigster Gesinnung wäre ihr doch noch vor einer Minute ganz unmöglich erschienen. Ja, selbst jetzt, obgleich sie dies verzerrte Gesicht unmittelbar vor sich sah, obgleich diese kreischende Stimme in ihre Ohren gellte, konnte sie sich kaum entschließen, für wirklich zu halten, was sie sah, was sie hörte, und sie führte unwillkürlich beide Hände nach der Stirn.

Sara hatte die Milde in Silvia's Worten nicht gerührt, und bei der Dämmerung, die in dem Zimmer herrschte, entging ihr auch der Ausdruck in Silvia's Gesicht und die Bedeutung ihrer Geberde. Ja wohl, rief sie, nun kann man weinen! Damit ist es jetzt nichts mehr, mein Fräulein! Man hätte klug sein sollen, als es Zeit war, aber da hatte man nur Zeit, die Hochmüthige zu spielen. Nun schlagen Sie Ihre Bühne auf, wo Sie wollen; nach einem so kläglichen Fiasco kann man nicht wieder auftreten. Gehen Sie zu dem alten Fräulein von Tuchheim und der anderen Person. Da können Sie nach Wohlgefallen die Betschwester spielen; oder gehen Sie zu Ihrem Vater und helfen Sie ihm seinen Kohl pflanzen. Bei der Gelegenheit werden Sie ja auch wohl nebenbei den stolzen Nacken beugen lernen.

Silvia nahm die Hände von der Stirn.

Ich gehe; sagte sie.

Und Glück auf den Weg! rief Tante Sara, sich mit höhnischem Gelächter tief verbeugend; grüßen Sie mir die lieben Verwandten! Und wenn Sie der Dorfpfarrer heilig gesprochen hat, soll er mir eine Ihrer schönen Locken –

Sara kam nicht weiter. Hinter Silvia, die schon in der geöffneten Thür zum Vorzimmer stand, war plötzlich die Gestalt eines Mannes erschienen. Sara blickte noch einmal hin und schrie: Was will der Mensch schon wieder hier? Zum Hause hinaus mit ihm! Hinaus mit der ganzen Gesellschaft!

Der Mann ging an Silvia vorüber auf Sara zu, und Silvia erkannte Ferdinand. Er trat vor Sara, die, wie er sich ihr näherte, den Stock mit beiden Händen ergriff und wie zur Abwehr vor sich hielt und sagte:

Ich wollte Sie nur fragen, ob Sie vielleicht eine Bestellung an den Herrn General-Lieutenant, Excellenz von Tuchheim, haben?

Was soll das heißen? murmelte Sara, indem sie langsam, die starren Augen fortwährend auf Ferdinand gerichtet, zurückwich.

Es soll heißen, sagte Ferdinand, daß ich seit zehn Minuten das Unglück habe, zu wissen, wer mein Vater ist, und da dachte ich, Sie erinnerten sich vielleicht zufällig, wie meine Mutter heißt.

Sara kreischte laut auf und eilte, so schnell sie konnte, aus der Thür, der sie, rückwärts weichend, sich immer mehr genähert hatte. Sie schlug die Thür hinter sich zu, und man konnte hören, wie sie von Innen den Schlüssel umdrehte.

Ferdinand lachte laut, dann wendete er sich zu Silvia und sagte in heftigem, leidenschaftlichem Tone, indem er mit der Hand nach der Thüre wies: Ich bin nicht um Jener willen gekommen; was bekümmert es mich schließlich, ob sie meine Mutter ist, oder nicht! Kann ich doch nichts weiter, als ihr den Fluch zurückgeben, mit dem sie mir geflucht hat von dem Augenblicke meiner Geburt, ja ganz gewiß schon lange vor meiner Geburt. Ich bin gekommen, Ihnen zu sagen, daß Sie von hier fort müssen, daß ein reines, heiliges Mädchen, wie Sie, nicht an diesem unreinen, unheiligen Orte eine Stunde länger weilen darf. Jene Frau ist nichts weiter, als die Kupplerin des Königs, die seit Jahren schöne Mädchen hierher lockt, um sie, früher oder später, an Leib und Seele verdorben, wieder fort zu jagen. Glauben Sie mir, ich rede die Wahrheit, und die Wahrheit ist noch schlimmer, als ich es Ihnen sagen kann. Jenes Mädchen, das mich hereingelassen hat und von mir längst bestochen ist, hat mir nur bestätigt, was ich schon auf anderem Wege in Erfahrung gebracht hatte. Sie hat auch Sie verleumden wollen, aber verflucht sei ich, wenn ich nur einen Augenblick geglaubt, wenn ich Sie je für etwas Anderes gehalten habe, als das edelste Geschöpf, das von elenden Buben und kupplerischen Weibern betrogen wurde.

Silvia hatte das Entsetzen stumm gemacht. Wenn dies sich so verhielt – und wie konnte sie nach dem, was sich soeben noch vor ihren Augen begeben hatte, daran zweifeln – in welchem Pandämonium hatte sie diese ganze Zeit gelebt! Der Gedanke, wie ungeheuer man sie getäuscht hatte, war zu viel für die Aermste. Sie sank auf einen Stuhl und brach, ihr Gesicht mit den Händen bedeckend, in leidenschaftliches Weinen aus.

Ferdinand stand vor ihr. Seine Augen ruhten in glühender Liebe auf der gebeugten Gestalt, deren Umrisse in dem trüben Abendlicht kaum noch erkennbar waren, und seine tiefe, weiche Stimme zitterte, als er jetzt sagte:

Arme, unschuldige Taube, selbst dich haben sie nicht verschont, und nicht an ihnen hat es gelegen, wenn du nicht in ihr Garn geflattert bist. Aber noch ist es nicht zu spät, noch kannst du deine reinen Schwingen entfalten und dich fort von hier heben. Nimm mich mit! Ich will dir dienen als dein Sclave; ich will auf deiner Schwelle liegen wie ein treuer Hund, und den mit meinen Zähnen zerreißen, der sich wider deinen Willen dir zu nahen wagt. Und wenn dich dann vielleicht einst meine Treue rührt, und du mich emporhebst von deinen Füßen an dein Herz, dann will ich dich lieben, wie nie ein Weib geliebt wurde, mit einer Liebe, die selbst die seligen Geister mit Neid erfüllen soll.

Und Ferdinand kniete vor ihr nieder, aber ohne sie zu berühren, und neigte, wie in Anbetung, sein Haupt.

In ihren Schmerz versunken, hatte Silvia kaum gehört, was Ferdinand gesagt, nur seine letzten Worte hatte sie deutlich verstanden, und die Besinnung kam ihr allmälig wieder. Sie strich sich mit der Hand über die Stirn und sagte tonlos: Weshalb knieen Sie vor mir? Stehen Sie auf, ich habe keine Liebe mehr zu gewähren. Stehen Sie auf!

Sie erhob sich von ihrem Stuhl und ging nach der Thür. Ferdinand trat ihr in den Weg.

Sie haben keine Liebe mehr zu gewähren? rief er, weil Sie immer noch, selbst jetzt noch den Mann lieben, der Sie verrathen hat?

Um der Barmherzigkeit willen, lassen Sie mich ruhig meinen Weg gehen! rief Silvia, die Hände faltend.

Ist das Ihr letztes Wort?

Mein letztes!

Nun denn! rief Ferdinand wild, so möge sein Blut kommen über ihn und über Sie!

Im nächsten Augenblicke war Silvia allein. Sie hörte, wie Ferdinand sich entfernte; als Alles still war, ging sie in das Vorzimmer und nahm Hut und Shawl, die sie dort abzulegen pflegte. Das wenige Geld, das sie besaß, hatte sie bei sich. Es mochte noch gerade reichen, die Reise zu bezahlen. Wessen bedurfte sie weiter?

Sie verließ die Wohnung ungehindert; auf den Corridoren, auf den Treppen begegnete ihr Niemand. Als sie unten im Hofe an der Wohnung des Castellans vorüber kam, blieb sie stehen; die Leute waren immer sehr freundlich zu ihr gewesen, sie würden ihr wohl den Gefallen thun.

In der Wohnung fand sie nur die Castellansfrau und deren Sohn, einen jungen Burschen von sechzehn Jahren. Ich möchte gern im Vorübergehen ein paar Zeilen schreiben, sagte sie, Karl ist gewiß so gut, sie sogleich zu besorgen. Nicht wahr?

Die Frau holte bereitwillig das Nöthige herbei. Silvia setzte sich und schrieb:

 

»Ich gehe – gehe zum Vater, ich schreibe es Dir, daß Du es weißt, weil es Dir vielleicht zu wissen nöthig ist.«

 

Der Knabe, der weggesprungen war, einen Fiaker zu holen, kam zurück.

Wohin wollen Sie denn noch so spät, Fräulein? fragte die Castellanin.

Ich habe einen weiten Weg, sagte Silvia.

Sie sah nach der Uhr. Es war noch Zeit, den Zug, der um neun Uhr ging, zu erreichen. Die erwachsene Tochter, die eben aus der Küche gekommen war, warf einen bewundernden Blick auf die hübsche Uhr. Silvia nahm die Uhr sammt der Kette ab und hing sie dem Mädchen um. Sie heirathen in vier Wochen, liebes Clärchen, und Sie haben noch keine Uhr; nehmen Sie diese.

Tochter und Mutter erschöpften sich in Danksagungen; die Mutter meinte: Das hätte ja unter allen Umständen noch Zeit gehabt.

Nehmen Sie! sagte Silvia.

Das junge Mädchen küßte ihr in ihrer Herzensfreude die Hände; Silvia drückte ihr einen Kuß auf die Stirn und sagte: Seien Sie recht glücklich, liebes Clärchen!

Man wollte sie nach dem Fiaker begleiten; Silvia verbot das. Sie ging und hieß den Kutscher, sie nach dem Südbahnhofe fahren.

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