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In Reih' und Glied. Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: In Reih' und Glied. Zweiter Theil - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleIn Reih' und Glied. Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunSechste Auflage
year1883
firstpub1866
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130715
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Neunundvierzigstes Capitel.

In dumpfes Brüten versunken legte Leo die lange Strecke von des Geheimraths Wohnung nach seinem Hause zu Wagen zurück. Mehr als einmal fühlte er nach seinem Puls, dessen fieberhafter Schlag ihn erschreckte, und murmelte: Nur jetzt nicht krank werden, nur jetzt nicht!

In seinem Hause angelangt, berührte er kaum die Speisen, mit denen der Diener auf ihn gewartet hatte. Er fragte, ob Briefe eingetroffen seien. Der treue junge Mann zögerte mit der Antwort. Was haben Sie? fragte Leo.

O nichts, erwiederte Jener, aber Sie sehen so blaß und krank aus, Herr Doctor, und wenn Sie erst einmal auf Ihrem Zimmer sind, setzen Sie sich doch gleich wieder an den Schreibtisch. Es ist Einiges angekommen, aber das hat ja Zeit, das muß Zeit haben, Herr Doctor!

Leo lächelte. Es war doch ein eigen Ding, so auf die Liebe eines Menschen angewiesen zu sein, den er für seine Dienste bezahlte!

Aber Leo irrte, wenn er glaubte, daß sein Philipp ihn nur aus Eigennutz so treu und gut bediente. Der junge Mensch liebte ganz aufrichtig seinen Herrn, der stets ernst und gemessen war, aber nie Unbilliges von ihm verlangte; von dem er nie ein rauhes oder böses Wort gehört, ja, der ihn, als er einmal ganz plötzlich heftig erkrankte – es war gleich im Anfang, als sie noch in der Wohnung des Marquis de Sade wohnten – nicht in's Spital geschickt, sondern ihn selbst behandelt und eine ganze Nacht hindurch an seinem Bett gewacht hatte. So that er denn seinem Herrn zu Liebe, was er ihm nur an den Augen absehen konnte, und jetzt legte er ihm eine Decke über die Füße, versicherte, daß er ihn in einer Stunde pünktlich wecken werde, und ging auf den Fußspitzen hinaus.

Aber kein erquickender Schlaf senkte sich auf Leo's heiße Augen. Das überreizte Gehirn arbeitete rastlos weiter, einer Maschine gleich, über die der Meister die Lenkung verloren, und in der sich nun die Räder in sausender Eile schneller und schneller drehen, bis eine einzige winzige Feder springt und das zertrümmerte Werk mit jähem Ruck stille steht.

Die Stunde wurde ihm zur Qual, dennoch bezwang er sich, liegen zu bleiben; endlich konnte er diesen Zustand nicht länger ertragen, er sprang auf und begab sich in sein Arbeitscabinet. Ein Brief aus Tuchheim vom alten Krafft kam ihm unter den anderen, die eingelaufen und von Philipp sauber geordnet waren, zuerst in die Hände. Krafft hatte noch gestern Nachts, sogleich nach Empfang von Leo's Depesche, geantwortet. Er dankte, hocherfreut, für die Erlaubnis, mit den besprochenen Arbeiten vorgehen zu dürfen; das sei rechte Hilfe in der Noth, nur wolle er freundlichst und dringend gebeten haben, wenn es irgend möglich sei, einen Theil des versprochenen Capitals umgehend zu senden. Viele der Leute forderten ungestüm kleine und größere Vorschüsse, man werde sich genöthigt sehen, ihrem Verlangen, das übrigens in dem wirklich vorhandenen Nothstand einigermaßen seine Rechtfertigung finde, nachzugeben, und wäre es auch nur, um die drohende Unzufriedenheit wenigstens so lange zu beschwichtigen, bis die zu erwartende günstigere Conjunctur eingetreten und die Fabrik durch die vorzunehmenden Neubauten in bessern Gang gebracht sei.

Leo sah nach der Uhr, es ging bereits auf Vier, er hatte keine Zeit zu verlieren, wollte er heute noch das Geld, das so nöthige Geld herbeischaffen.

Er ließ einen Miethwagen kommen und fuhr in die Stadt. Es war ihm die Adresse eines Winkel-Bankiers, die ihm Ferdinand im Anfang ihrer Bekanntschaft einmal genannt hatte, eingefallen. Man könne da immer Geld haben, hatte Ferdinand gesagt, und dann lachend hinzugefügt: Freilich muß man es dem Hebräer ein wenig theuer bezahlen! – Was war Leo daran gelegen, wie theuer er es bezahlte!

Der Wucherer wohnte fast am andern Ende der Stadt in einer jener schmutzigen Gassen, die unaufhörlich von dem Lärm des rastlosen Handels- und Gewerbeverkehrs wiederhallten. Das Donnern der überfüllten Omnibus, das Rasseln der Lastwagen, das Geschrei der Ausrufer marterte Leo's überspannte Nerven; die dunkle Menge, die sich unter den Regenschirmen auf den schlüpfrigen Trottoirs drängte und stieß, widerte ihn an. Und da hielt sein Wagen nun vor einem schmutzigen, halbzerfallenen Hause, in dessen dunkel-gähnendem Thorweg auf dem zerbröckelnden Kalk mit kaum noch lesbaren Buchstaben geschrieben stand, daß der Mann, den er suchte, auf dem Hofe links, zwei Treppen hoch wohne.

Leo durchschritt den Thorweg, einen schmalen, von hohen, nackten Wänden eingeschlossenen Hof, in welchem ein paar Ratten vor ihm her in eine gurgelnde, mit einer zerbrochenen Planke gedeckte Wasserrinne huschten, stieg sodann eine lange steile Treppe hinauf, deren schlüpfrige Stufen von jahrhundertelangem Gebrauch ausgehöhlt schienen, und stand endlich auf einem großen Flur vor einer niedrigen Thür, über der ein Oellämpchen brannte, das bereits jetzt, nachdem es vermuthlich kaum angezündet, wieder zu erlöschen drohte. Ein bitteres Lächeln zuckte um seine Lippen. Heute Vormittag, vor wenigen Stunden, war er in eines Königs Zimmer, und ein König hatte in seinen Armen gelegen und an seiner Brust geweint; jetzt stand er im Begriff, in diese Höhle des Geizes zu treten und einen Geizhals zu bitten, ihm für Wucherzinsen ein paar tausend Thaler vorzustrecken.

Das Geschäft war nicht so leicht abgeschlossen. Wer mochte in dieser unruhigen Zeit Geld auf Häuser leihen! Hypothekarische Sicherheit! Was war hypothekarische Sicherheit? Herr Levi hatte selbst noch die Zeit erlebt, wo man ein Haus für ein paar Thaler kaufen konnte und die Hausbesitzer die Schlüssel auf das Rathhaus brachten, weil sie die Abgaben nicht mehr zu tragen vermochten. Solche Zeiten konnten wiederkommen. Herr von Gutmann sei ja so gut bei dem Könige angeschrieben, ob Herr von Gutmann sein Ehrenwort darauf geben könne, daß der Krieg nicht ausbrechen werde?

Nach langem Hin- und Herreden ließ sich der Wucherer endlich herbei, bis zur Höhe von fünfzehntausend Thalern abzuschließen. Leo gestand ihm die geforderten ungeheuren Procente zu, um nur loszukommen, aber als er eine sofortige Abschlagszahlung von zehntausend Thalern verlangte, erhob Herr Levi neue Schwierigkeiten. Er habe nicht so viel Geld im Hause, auch mache er das Geschäft ja nicht allein, wie käme er armer Mann dazu! Da müßten sie erst zu dem Glaubensbruder gehen, mit dem er so große Geschäfte gemeinschaftlich zu machen pflege.

Auch dazu mußte sich Leo verstehen. Wiederum, und diesmal in Gesellschaft des alten widerlichen Mannes, eine Fahrt durch die lärmenden Gassen, wiederum das Umhertappen in einem dunklen zerfallenden Hause und ein langer Aufenthalt in einem engen, qualmigen Comptoir. Der Abend war bereits auf die dampfende Stadt herabgesunken, als Leo endlich mit dem Gelde in seiner Brieftasche wieder auf die Straße trat und in seinen Wagen stieg.

Der Lärm und das Gedränge auf den Gassen hatten um diese Stunde, wo ein Theil der Geschäfte bereits geschlossen war, ein anderer Theil die Arbeit des Tages in den letzten Minuten zu bewältigen strebte, noch zugenommen. Leo's Wagen konnte sich nur langsam weiter bewegen; nicht selten versperrte ein schwer entwirrbarer Knäuel aneinander gerathener Fuhrwerke den engen Weg. In einem solchen Augenblicke war es, als Leo in der rastlos auf dem Trottoir sich drängenden Menge eine weibliche Gestalt bemerkte, bei deren Erblicken ihm das Blut im Herzen stockte. Aber das war ja nicht möglich! Wie sollte Silvia um diese Stunde in diese Gegend der Stadt kommen? Eine flüchtige Aehnlichkeit in Gang und Haltung hatte ihn getäuscht; es war ja auch nur ein Augenblick gewesen, daß die Dame aus der Menge auftauchte, und schon war sie auch wieder in der Menge verschwunden.

Leo lehnte sich in die Kissen zurück und schloß die Augen. Er war so erschöpft, er wollte nichts mehr sehen. Und nun sah er sie erst recht deutlich, die Gestalt, die dunkel in der dunklen Menge sich dahinbewegte und dennoch sein Auge so jäh treffen konnte, als wäre sie allein, ganz allein mit ihm in der weiten Welt.

Wie lange war es her, daß er sie nicht gesehen? Zwei Monate fast, und in dieser ganzen Zeit war kein Tag gewesen, an welchem er ihrer nicht in schmerzlichem Sinnen, das oft in Wehmuth und manchmal in Zorn sich auflösen wollte, gedacht hätte. Jetzt war er schon wieder über eine Woche in der Stadt, wie nöthig, wie dringend nöthig war es, sie aufzusuchen, ihre Hilfe in Anspruch zu nehmen, ihren Rath zu erbitten, ihr die Hand zur Versöhnung zu bieten. Und er, dem von jeher die Feigheit als das verächtlichste Laster erschienen war, hatte nicht den Muth zu dem Schritte gehabt! Nun mußte er sie zur Strafe in jeder schwarzen Gestalt, die durch die dunkelnden Gassen huschte, zu erblicken glauben.

Er schlug die Augen auf. Das Bild war noch dasselbe: nasse Häuser, in deren Schaufenstern hie und da schon die Lichter angezündet waren; schmutzige Straßenpflaster, schlüpfrige Trottoirs, unter Regenschirmen sich drängende Menschen und – da war sie wieder, die Gestalt! Eben bog sie um die Ecke in eine der breiteren Straßen. Leo ruft dem Kutscher, zu halten, der Mann hört nicht; er sieht eben jetzt eine freiere Bahn vor sich und will die verlorene Zeit wieder einbringen, der Wagen donnert über das Pflaster. Leo reißt die Thür auf, um hinaus zu gelangen, einige Wagen, die hinter einander an dieser Seite vorüber kommen, machen es ihm unmöglich. Endlich springt er mit Gefahr seines Lebens heraus, unmittelbar vor einem herandonnernden Omnibus, dessen Kutscher fluchend die Pferde parirt. Aber unterdessen ist er mehrere hundert Schritte weit in die falsche Straße getragen. Er kehrt um, er achtet der Scheltworte der Menschen nicht, an die er auf seinem raschen Laufe stößt. Er kommt in die Straße, in die er Silvia hat einbiegen sehen. Sie hat einen zu großen Vorsprung oder ist in einen der Läden getreten – er sieht sie nicht mehr. Dennoch eilt er weiter die Straße hinauf, dem Schlosse zu. Und da ist sie wieder, er kann sich jetzt nicht mehr irren. Sie verschwindet in dem Portal. Als er es selbst erreicht, schreitet sie eben unter einer der Laternen hin und biegt nach der Treppe um. Er sieht deutlich ihr Gesicht und sieht, daß es sehr bleich ist. Er will Silvia! rufen, aber das Herz schlägt ihm zum Zerspringen, und die Kehle ist ihn, wie zugeschnürt. In dem nächsten Augenblicke ist Silvia verschwunden. Als er an die Treppe gelangt, sieht er nur die leeren steinernen Stufen. Tödtlich erschöpft lehnt er sich gegen den Mauerpfeiler, bis die neugierig-verwunderten Blicke der Vorübergehenden ihn daran erinnern, einer so unschicklichen Situation ein Ende zu machen.

Der General war sehr erfreut und sehr dankbar, als Leo ihm eine halbe Stunde später sechstausend Thaler einhändigte. Er versicherte ihn, daß er das Geld zu einem Zwecke verwenden werde, der Leo zum mindesten ebenso viel angehe, als ihn selbst, und daß er hoffe, es werde eine Zeit kommen, wo er ihm eine Angelegenheit, die er heute noch in den Schleier des Geheimnisses hüllen müsse, werde mittheilen können. Leo bezeigte durchaus keine Neugier, das Geheimniß zu erfahren; er lehnte die Einladung, zum Thee dazubleiben, ab, reichte dem General und seiner Braut eine fieberheiße Hand und begab sich in seine Wohnung, wo er sofort Philipp mit den viertausend Thalern, die ihm übrig geblieben waren, zur Post sendete. Dann wartete er auf die Rückkehr des Dieners, und erst als dieser wieder eingetroffen war und berichtete, daß die Sendung noch mit dem Neun-Uhr-Zuge nach Tuchheim abgehen werde, warf er sich auf das Sopha und hieß Philipp, ihn nur zu wecken, wenn eine Botschaft vom Könige einträfe, oder etwa der Geheimrath Urban, oder der Minister von Hey nach ihm fragten.

Aber noch immer wollte die Ruhe, nach der er sich sehnte, nicht über ihn kommen. Sobald er die Augen schloß, sah er wieder die menschenwimmelnde Straße, und zwischen all den Menschen die dunkle, schlanke Gestalt, die immer vor ihm her glitt und die er nicht erreichen konnte, wie sehr er ihr nachstrebte, und dann sah er dieselbe Gestalt deutlich im Lichtschein der Laterne. Sie hatte das Tuch fest um ihre Schultern geschlungen, die regendurchnäßten Kleider schienen sich dichter an ihren Leib zu legen, die von der Feuchtigkeit aufgelösten Locken flossen über Hals und Schultern; sie hob die Augen nicht vom Boden, und ihr Gesicht war bleich und wie in Schmerz versteinert. Er wollte rufen und konnte nicht, er wollte zu ihr eilen und vermochte nicht sich zu regen, zu bewegen, bis er endlich mit einer krampfhaften Anstrengung sich aufraffte und von dem Sopha emportaumelte.

Die Lampe, die er angezündet in das Zimmer hatte stellen lassen, brannte dunkel; es ging bereits auf Zwölf. Er öffnete die Balconthür. Es hatte aufgehört zu regnen; der Mond blickte von Zeit zu Zeit aus dem Nebelflor, der unter ihm hinstrich. In Josephen's Zimmer war Licht; er sah eine Gestalt sich hinter den Vorhängen bewegen. Ein Schauer durchrüttelte ihn; er ging in das Zimmer zurück, setzte sich an seinen Tisch und schrieb:

 

»Du liebst mich nicht, und abermals: Du liebst mich nicht. Ich sage Dir: ich liebe Dich, und abermals: ich liebe Dich. Dies Geständniß mag Wahnsinn sein, denn, so oder so, Du bist mir doch verloren; aber gleichviel, ich muß es machen; man fragt nicht, wenn man am Abgrund taumelt, ob das, was man sagt oder thut, besonders sinnreich ist. Der Abgrund klafft zwischen Dir und mir, fürchterlich, unergründlich. Du winkst mir zurück, zurück! und wendest Dich ab – ich kann und will Dich nicht halten!

Noch mehr! ich bitte Dich selbst, zu fliehen. Mir graut bei dem Gedanken, ich könnte unversehens vor Dich treten, und Du könntest Dein Antlitz von mir wenden, oder mich anschauen mit dem starren Blick, mit dem Du mich zum letzten Male angeschaut hast. Du sollst nicht um meinethalben länger eine Last tragen, von der ich fühle, daß sie Dir unerträglich ist. Mag dann kommen, was will. Ich habe nie nach Glück verlangt, wie andere Menschen, so darf ich denn auch nicht von Unglück reden. Und was ist denn dieses Leben, daß wir viel danach zu fragen brauchten, wie die Parzen es uns spinnen und wo sie den erbärmlichen Faden durchschneiden. – Ich sage nicht: Lebe wohl! ich sage: Geh!«

 

Er legte auf den Brief einen Zettel an Philipp: er solle denselben morgen in aller Frühe besorgen. Dann nahm er aus seinem Medicinkasten wieder ein Pulver. Ich muß Schlaf haben, murmelte er, Schlaf, und wäre es der Todesschlaf.

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