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In Reih' und Glied. Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: In Reih' und Glied. Zweiter Theil - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleIn Reih' und Glied. Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunSechste Auflage
year1883
firstpub1866
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130715
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Zweiundvierzigstes Capitel.

Seine elastische Natur ließ Henri eine durchschwärmte Nacht wenig empfinden, und so traf ihn denn der nächste Morgen wieder rüstig und bereit zu den mancherlei Anforderungen des Tages.

Der Vereinigung eines so erfahrenen Paares, wie Eve und Henri, hatten sich unter den obwaltenden Umständen keine allzu großen Schwierigkeiten in den Weg gestellt. Zwar hatte Eve den kalten, spöttischen und überdies geizigen jungen Edelmann niemals besonders leiden können, aber gerade jetzt kam er ihr sehr gelegen. Die bedeutende Summe, die ihr die Großmuth ihres Liebhabers ausgeworfen, war noch nicht in ihren Händen, wie leicht konnte dies seltsame Legat angefochten werden! und wie vortheilhaft war es da, den einflußreichen Schwager des Verstorbenen auf ihrer Seite zu haben! Sodann war sie über das unerklärliche Benehmen Ferdinand's, der sich seit Alfred's Krankheit nicht wieder bei ihr hatte sehen lassen, ernstlich beunruhigt; und endlich mußte sie doch einmal unter den jüngeren und älteren Kavalieren, die sie umschwärmten, eine definitive Wahl treffen. Es schmeichelte ihrer Eitelkeit, den unbestritten Bedeutendsten unter ihnen zum Galan zu haben, und wie pikant war der Umstand, daß dieser Galan der Gemahl Emma's, der Schwiegersohn des Mannes war, der ihre Anstrengungen, seine Schwiegertochter zu werden, so schnöde vereitelt halte! Dennoch hätte sie den Wünschen Henri's nicht, oder doch wenigstens nicht so schnell nachgegeben, wenn sie sich in dem Haß, mit dem sie Beide Leo haßten, nicht so ganz begegnet wären. Henri hatte sich nicht geschämt, diesen Haß Eve's gegen seinen Todfeind zu seiner Hilfe anzurufen. Er hatte Eve vorgelogen, daß der Bankier in den letzten Tagen vor der Abreise ihre Verbindung mit Alfred schon beschlossen gehabt habe, als Leo mit seinem ganzen damals allmächtigen Einfluß dazwischen getreten sei. Sie könnten heute verwittwete Frau von Sonnenstein sein, rief Henri, wäre dieser Mann nicht gewesen. Er hat gesprochen, intriguirt, gedroht, seine ärztliche Autorität geltend gemacht, bis man endlich beschloß, in aller Eile abzureisen – einer Eile, die nach meiner Meinung Alfred das Leben gekostet hat. Schönste Eve, ich habe Sie stark in Verdacht, daß Sie Ferdinand, wenn er im Stande gewesen wäre, Ihren Feind in den Staub zu treten, den Preis Ihrer Gunst nicht vorenthalten hätten – ich bin ein anderer Mann, als der alberne Buffone; gewähren Sie mir, was er nie verdient hat, niemals verdienen könnte, und Ihr Wunsch, der auch der meine ist, soll in kürzester Frist erfüllt sein.

Von den Verbündeten war nun die Ausführung ihres Racheplanes in ernstliche Berathung gezogen worden, und hier hatte denn Henri Eve den sonderbaren Verdacht mitgetheilt, der ihm in den letzten Stunden in Betreff Ferdinand's gekommen war. Ob Eve sich aus der Zeit ihres Aufenthalts bei dem Castellan nicht eines oder des andern Umstandes erinnere, der dazu beitragen könnte, die Wahrheit an den Tag zu bringen? Eve, deren Gedächtniß ausgezeichnet war, bedurfte nur eines solchen Fingerzeiges, um auf dem dunklen Pfade weiter zu finden. Sie erinnerte sich genau, daß der General, besonders in früheren Jahren, nicht selten in Stunden gekommen war, wo er wissen mußte und wußte, daß der Castellan nicht zu Hause war. Also konnten seine Besuche nur Frau Lippert gegolten haben, und in den halbleisen Gesprächen, die der General dann mit Frau Lippert in der Fensternische geführt hatte, war Ferdinand's Name oft genannt worden: ein- oder zweimal hatte Eve auch gesehen, daß der General Frau Lippert Geld einhändigte, und Frau Lippert hatte sie gebeten, Herrn Lippert, wenn er nach Hause komme, nichts davon zu sagen. – Hieraus ging wenigstens so viel mit Sicherheit hervor, daß der General an Ferdinand in der That von jeher ein starkes gemüthliches Interesse genommen habe, und dieses Interesse war bei dem bekannten Egoismus des Onkels allerdings auffallend genug; ja es erschien, nach Eve's Erzählungen, fraglich, ob Frau Lippert auch nur Ferdinand's Mutter gewesen sei. Frau Lippert hatte in den Phantasien, ihrer nervösen Anfälle wunderliche Reden geführt, die Eve sich nie zu deuten gewußt hatte: von einem Kinde, das man von ihr nehmen solle, und Aehnliches; sodann war die Zärtlichkeit der sonst so weichen, liebebedürftigen Frau zu Ferdinand nie sehr groß gewesen, und das rauhe Benehmen ihres Gatten gegen sie erklärte sich leicht, wenn man annahm, daß der schlimme Mann geglaubt hatte, in seiner Gattin eine Mitschuldige ungestraft mißhandeln zu können.

Sodann war die Rede wiederum auf Ferdinand gekommen, und Henri hatte, nicht ohne einige Vorsicht, Eve mit Buffone's neuester Leidenschaft bekannt gemacht. Eve hatte sich darüber todtlachen wollen, aber es hatte sich bald genug herausgestellt, wie wenig ehrlich dies Gelächter gewesen war. Sie hatte sich in den wildesten Schmähungen gegen Silvia ergangen, die hochmüthige Försterdirne, die von jeher die Heilige gespielt, um desto ungestrafter mit allen Männern kokettiren zu können, und die es schließlich denn auch zur Maitresse eines Königs gebracht habe. Henri war überzeugt, daß Eve im Grunde ihres Herzens, so wenig wie er selbst, an diese Erniedrigung Silvia's glaubte; aber er beeilte sich, ihr beizustimmen und sie womöglich in schlimmen Reden noch zu überbieten. Sollte man jetzt nicht ernstlich daran gehen, den König auch nach dieser Seite hin dem Publikum zu verdächtigen? Eve stimmte vollkommen bei; es wurde beschlossen, mit einem pikanten Zeitungsartikel vorläufig einen Versuch zu machen, was man ungestraft wagen dürfe; vor Allen, aber wollte man Sara's Mädchen, Lisette, durch den Bedienten Paul aushorchen lassen.

Für den Mittag hatte der Prinz Henri zum Diner befohlen, und noch im Laufe des Vormittags erfuhr er durch eine telegraphische Depesche, daß Herr von Sonnenstein und Emma mit dem letzten Abendzuge eintreffen würden. Er war dadurch auf das Unangenehmste überrascht; man hatte doch erst am Sonnabend zurückkommen wollen, weshalb kam man schon heute, am Donnerstag? Gönnte man ihm das Bischen Freiheit nicht? Würde er die langweilige Emma nicht einen Tag später noch immer zu früh wiedergesehen haben?

Auf der andern Seite freilich kam ihm die unerwartete frühe Rückkehr des Schwiegervaters ganz gelegen. Daß Herr Lippert ein Geheimniß zu verkaufen habe, stand jetzt für ihn fest. Ohne Zweifel würde sich der Alte theuer, sehr theuer bezahlen lassen, aber weshalb hatte man denn einen Millionär zum Schwiegervater? und vielleicht ging der Verkäufer mit seinem Preise herunter, wenn man ihn merken ließ, daß man mit der Waare bereits versehen sei.

So begab er sich denn, bevor er an der prinzlichen Tafel erschien, zu dem Castellan und setzte denselben durch das Aussprechen seiner Vermuthungen, die er schlau genug war, für ebenso viele Ueberzeugungen und Gewißheiten anzugeben, in das äußerste Erstaunen. Aber Herr Lippert war ein viel zu gewiegter Mann, um sich von seinem Gegner so leicht überrumpeln zu lassen. Ein kurzes Nachdenken sagte ihm, daß Henri unmöglich etwas Positives wissen könne und daß der Schlüssel zu diesem Geheimnisse nach wie vor in seiner Hand sei. Indessen schien es unräthlich, die Sache ein- für allemal in Abrede zu stellen; viel besser war es, den doch einmal gelüfteten Schleier noch ein klein wenig mehr zu lüften, die einmal erregte Neugier Henri's noch ein klein wenig mehr anzustacheln, und das that denn nun Herr Lippert mit großer Geschicklichkeit. Er sagte Henri, daß eine Schwalbe noch keinen Sommer mache und daß es nicht genug sei, die Glocken zu hören, man müsse auch wissen, wo sie hingen. Freilich sei es für Henri ein gar schönes Ding, wenn sich seine Vermuthung bestätigen sollte, und er würde dafür gewiß mit Freuden die Kleinigkeit von fünftausend Thalern geben.

Herr Lippert hatte sich nicht verrechnet. Gerade die unverschämte Höhe von Lippert's Forderung war für Henri ein Beweis, daß er seinem Ziele nahe sei. Seine Empfindung war die eines Spielers, der seine Einsätze nur zu verdoppeln und zu verdreifachen braucht, um zu gewinnen, und in der Eile nicht berechnet, daß der Einsatz zuletzt den Gewinn übersteigt. Und Eile that noth. Was geschehen sollte, mußte bald geschehen; das Spiel in die Länge ziehen, hieß es ganz und gar in Frage stellen.

In dieser Stimmung verließ Henri Herrn Lippert, um an der prinzlichen Tafel zu erscheinen. Herr Lippert rieb sich, nachdem er die Thür hinter Henri geschlossen, hämisch lächelnd die Hände. Es war ihm noch während der Unterredung mit dem jungen Baron ein vortrefflicher Gedanke gekommen. Wie, wenn er das Geheimniß zweimal verkaufte? Einmal an Henri, um es zu verrathen, das andere Mal an den General, mit dem Versprechen, es zu bewahren? Eine solche Gelegenheit, sich mit Einem Schlage zum vermögenden Manne zu machen, kam gewiß nie wieder, und die Schwierigkeiten waren nicht unüberwindlich. Man brauchte nur die paar Briefe, die den Ausschlag gaben, genau zu copiren – Herr Lippert war sich einer vielerprobten Virtuosität in dergleichen Arbeiten bewußt – und die Originale dem General, die Copie dem Baron auszuhändigen. Blieb nur noch die Gefahr der Entdeckung, die dem Verrathe auf dem Fuße folgen mußte. Aber auch hier bot sich ein Ausweg, Man mußte unmittelbar nach Abschluß der beiden Geschäfte die Stadt und das Land verlassen und, um der prompten Auszahlung sicher zu sein, jedem der beiden Geschäftsfreunde die Nothwendigkeit, zum wenigsten Räthlichkeit einer schleunigen Flucht begreiflich machen. Der General würde um so lieber zahlen, wenn er wüßte, daß es definitiv das letzte Mal sei. Der Baron mußte begreifen, daß Herrn Lippert sehr viel daran liege, sich nach einer solchen That der Rache des Generals und Leo's auf das Schleunigste zu entziehen.

Dieser Plan konnte sich in dem Kopfe des Mannes um so leichter gestalten, als er noch außerdem in verschiedene Geschäfte verwickelt war, die durch heimliche Flucht auf das Bequemste liquidirt werden konnten. – Herr Lippert knöpfte seinen langen Uniformrock zu, strich mit dem Aermel den hohen Hut glatt und machte sich auf den Weg zu dem General.

An der Tafel des Prinzen hatte Henri eine wichtige Nachricht erfahren, die ihm auch die beschleunigte Rückkehr seines Schwiegervaters erklärte.

Man war schon bei dem Dessert, als dem Prinzen eine Depesche aus dem Kriegsministerium überbracht wurde, die er seinen Gästen, zu welchen diesmal nur seine vertrautesten Freunde gehörten, in großer Aufregung mittheilte. Der Krieg im Süden, den man bis jetzt von beiden Theilen sehr lau geführt hatte, war in ein neues Stadium getreten. Eine große Schlacht war geschlagen und für den Theil, welchem alle Sympathien des Prinzen und seiner Partei galten, verloren gegangen. Es schien unmöglich, auch jetzt noch in der Neutralität zu verharren, dem bedrängten Freunde noch immer nicht zu Hilfe zu kommen. Man besprach den unerwarteten Fall mit Eifer, ja mit Leidenschaft. Die Aufregung erregte den höchsten Grad. Man stieß auf einen baldigen Umschwung der guten Sache, auf den Untergang des übermüthigen Feindes an. Man beschwor den Prinzen, es lieber auf das Aeußerste ankommen zu lassen, als einen Zustand, der eine Schmach und eine Schande sei, noch länger zu ertragen. Wessen bedürfe es weiter, als eines entscheidenden Wortes aus seinem Munde! Die ganze Armee würde aufstehen wie ein Mann, jeden Widerstand, von welcher Seite er auch komme, im Keime ersticken und dem ritterlichen Herrn mit den Spitzen der Bajonette den Weg zum Throne bahnen, der nur dem Tapferen gebühre.

Es war auffallend und wurde von den kälteren Beobachtern, zu denen Henri auch gehörte, sehr wohl bemerkt, wie kühl und ablehnend sich der Prinz verhältnißmäßig zu diesen Ausbrüchen einer scheinbar so ausschließlichen Anhänglichkeit und Liebe für seine Person und Sache verhielt; und in der That fühlte der Prinz sehr wohl, wie zweischneidig die Treue von Vasallen sei, die sich so leicht und so ganz von dem Herrn lossagen konnten, an den Eid und Pflicht sie gefesselt hielten. Er sagte sich, daß diese leidenschaftlichen Männer, wie jetzt von seinem königlichen Vetter, ebenso später einmal von ihm abfallen würden, wenn er ihnen nicht ganz in ihrem Sinne hold und gewärtig sei. Dazu kam die Nothwendigkeit, einen Entschluß zu fassen, zu welchem der Prinz in seinem Herzen nicht die Kraft spürte. Er suchte deshalb der augenblicklichen Entscheidung, die man von ihm verlangte, auszuweichen, indem er auf die Schwierigkeiten der Situation hinwies, die allerdings groß genug waren, um auch dem blödesten Auge nicht zu entgehen, und es gelang ihm so, die stürmische Unterhaltung allmälig in ebnere Bahnen zu lenken. Wie wäre es, wenn man den König in Güte bewegen könnte, die Zügel des Regiments, die er doch offenbar festzuhalten nicht vermochte, stärkeren Händen zu übergeben? Der König, so Großes er sich auch stets vermesse, sei doch in Augenblicken wirklicher Gefahr noch immer schwach und kleinmüthig befunden worden; die Königin, deren energischerer Charakter dem Schwankenden wiederholt einen Halt gewährt habe und deren entschiedenen Einspruch man diesmal, wo ihr und ihres jungen Sohnes Interesse auf dem Spiele stehe, mehr noch als sonst fürchten müsse, sei fern; wenn man sich beeile, könne noch vor ihrer Rückkehr die große Veränderung schon eine Thatsache sein.

Die Gäste des Prinzen sahen sich, sehr wider ihren Willen, gezwungen, ihre abweichenden Meinungen den Wünschen ihres Gebieters irgendwie anzupassen. Man ging auf die neue Wendung, die er der Debatte gegeben hatte, ein; aber man gab nur zögernd die Möglichkeit einer gütlichen Ueberredung des Königs zu. Ja, wenn man den König wirklich von seiner Umgebung isoliren könnte! Nun aber sei es doch leider notorisch, daß er seit geraumer Zeit von einer kleinen Coterie ebenso rücksichtsloser wie verschlagener Menschen gegängelt werde, denen er sein Gewissen, seine Politik, ja selbst sein Leben in die Hände gegeben.

Henri wußte, was nun kommen würde; und er waffnete sich zum voraus auf eine peinliche Stunde, die ihm denn auch nicht erspart blieb. Je mehr man sich den Anschein gab, ihn zu schonen, um so geflissentlicher suchte man Alles hervor, was ihn persönlich kränken und den anerkannten Günstling in den Augen des Prinzen herabsetzen mußte. Es sei ja gewiß sehr begreiflich, daß der Baron sich scheue, in einer so delicaten Angelegenheit energische Schritte zu thun; auf der anderen Seite aber seien die Zumuthungen, die von Seite seiner Familie an ihn gestellt würden, so exorbitant, daß es ihm gewiß Niemand verdenken würde, wenn er Alles und jedes Mittel aufböte, sich von einer solchen Vetterschaft zu befreien. Man müsse umsomehr seine ihm wohl durch die Verhältnisse aufgedrungene Zurückhaltung bedauern, als nun auch Andere nicht in der Lage wären, den Handschuh, der dem ganzen Adel durch die Standeserhöhung Leo's hingeworfen sei, aufzunehmen. Jeder sage sich, und wohl mit Recht: daß man die Pflicht habe, um des Barons willen sich gefallen zu lassen, was der Baron selbst zu verhindern nicht im Stande sei; schließlich sei doch er und kein Anderer Wächter der Ehre seiner Familie, und man könne ihm dies Wächteramt um so ruhiger überlassen, als er ja in der Angelegenheit mit seinem Vater den glänzendsten Beweis geliefert habe, daß er alle anderen Rücksichten aus den Augen zu setzen wisse, wenn dieselben mit den Pflichten seines Standes nicht in Einklang zu bringen seien.

Ohne Zweifel hätte der Prinz seinen Günstling gegen diese und ähnliche Angriffe mit einem einzigen Worte decken und schützen können; auch sah ihn Henri ein paarmal mit halb trotzigen, halb flehenden Blicken darauf an, aber der Prinz sprach das Wort, das Henri von ihm erwartete, nicht und bewies durch dies Schweigen, daß er mit Henri's Verhalten nicht minder unzufrieden sei, als die Anderen. Henri biß in ohnmächtiger Wuth die Zähne aufeinander und räumte dann wieder lächelnd und mit bedauerndem Achselzucken ein, daß seine Lage in der That sehr fatal sei und daß er einem Feinde, den er recht hasse, von Herzen wünsche, in eine ähnliche Lage zu gerathen. Endlich hob der Prinz die Tafel auf und befreite Henri so von einer Qual, die seine Verstellungskunst auf die härteste Probe gestellt hatte. Bald darauf durften sich die Geladenen verabschieden, und Henri fand nun, während er sich von dem Palais zum Empfang seines Schwiegervaters und seiner Gattin nach dem Bahnhofe begab, Muße, über das, was er gehört, reiflicher nachzudenken.

Wenn er vorher noch gehofft hatte, es werde ihm doch möglicherweise ein offenes Auftreten gegen seinen Onkel und Leo erspart bleiben, so war ihm diese Hoffnung jetzt vollkommen geraubt. Man hatte ihm in der feinsten Form noch viel offener als gestern Abend gesagt, was man von ihm erwarte, fordere. Als ob das so eine Kleinigkeit wäre, als ob man mit einem Manne wie Leo so im Handumdrehen fertig werden könnte! Freilich war auch diese zur Schau getragene Verachtung des Gegners nur Schein gewesen; die Leidenschaftlichkeit, mit der man seine Vernichtung heischte, bewies, wie sehr man ihn haßte und fürchtete.

Und Henri sah sich im Geiste wieder einmal diesem Menschen gegenüber, dessen Blick er schon vor so viel Jahren, als sie sich noch unter Doctor Urban's Dach befanden, nicht hatte ertragen können, und wie noch jedesmal, bebte er vor dem Gedanken zurück. Ich würde mit jedem Andern eher fertig werden, als mit ihm, sagte Henri bei sich selbst. Niemand kann mir verdenken, daß ich den Stier lieber von einem Andern bei den Hörnern packen lasse; ich wäre ein Narr, wollte ich das selbst thun, so lange es noch hirnverbrannte Buffones auf der Welt giebt.

Der Zug blieb länger als gewöhnlich aus; Henri machte das Warten in der windigen Halle ungeduldig. Er fragte einen Beamten, weshalb der Zug seine Zeit nicht eingehalten habe? Der Beamte erwiederte, es habe unterwegs, wahrscheinlich in Folge des schlechten Wetters, eine Beschädigung – man wisse noch nicht, welcher Art und von welchem Umfange – stattgefunden; soeben sei eine Hilfs-Locomotive dem beschädigten Zuge entgegen geschickt. In wenigen Minuten müsse genauere Nachricht kommen.

Henri blieb bei dem Beamten stehen und sprach mit demselben weiter über die Möglichkeiten, die hier in Frage kommen könnten, und zwischendurch dachte er, wenn wirklich ein großes Unglück passirt sein sollte, ob es wohl den Bankier allein, oder Emma allein, oder Beide zusammen betroffen habe, und daß der erstere Fall der für ihn bei weitem günstigste, die beiden letzteren aber ein abscheulicher Strich durch seine Rechnung sein würden; denn in jedem dieser Fälle würde das Sonnenstein'sche Vermögen an die Sonnenstein'schen Verwandten – arme Juden irgendwo in Böhmen oder Mähren – zurückfallen und ihm von den Millionen nur der eine Pflichttheil bleiben.

Der gutmüthige Beamte ging, Nachricht einzuholen, und kam bald mit freudigem Gesicht zurück: der Herr solle sich nicht weiter ängstigen, es habe sich nur um eine geringfügige Beschädigung an der Locomotive gehandelt, der Zug werde in wenigen Minuten eintreffen. Henri zog höflich den Hut und wendete dem Manne den Rücken.

Also in wenigen Minuten! dann hätten sie wahrlich auch bis morgen bleiben können. Eve hatte ihm gestern gesagt, daß sie am Abend eine kleine Gesellschaft bei sich sehen müsse, daß sie aber gegen zwölf Uhr wieder allein zu sein hoffe, und nun, anstatt sich von der pikanten Eve unterhalten lassen zu können, die langweilige Emma unterhalten zu müssen! Es war zu dumm! Wie würde sie zurückkommen? ohne Zweifel empfindlich, larmoyant, wie er sie zuletzt gesehen, das Gesicht natürlich von der Reise erhitzt, die Augen womöglich geröthet von kaum getrockneten Thränen – eine reizende Aussicht in der That! Er hatte jetzt wahrlich auch nichts Wichtigeres zu thun, als sich um die Empfindlichkeiten einer albernen Frau zu kümmern, jetzt, wo so Vieles auf dem Spiele stand! Wie gern hätte er heute Abend den alten Lippert noch einmal in's Gebet genommen und Buffone aufgesucht, um dem tollen Menschen den Kopf noch mehr zu erhitzen. Jede Stunde war jetzt kostbar, und hier mußte er stehen und sich langweilen, und – da kommt ja schon der dumme Zug, als ob es sich von selbst verstände, daß er nicht aus den Schienen geht!

Die feurigen Augen der Locomotive glühten näher und näher. Der Dampfpfeife schriller Ton gellte durch die Halle – der Zug hielt. Henri sah den Diener des Bankiers und Emma's Kammerjungfer, die mit auf der Reise gewesen waren und sich jetzt geschäftig durch die Menge nach dem Waggon drängten, in welchem die Herrschaft saß. Henri folgte ihnen langsam. Als er herankam, standen der Bankier und Emma schon auf dem Perron – der Bankier nach rechts und links schauend, Emma, wie er vermuthet hatte, mit erhitztem Gesicht und rothgeweinten Augen, die sie sich noch eben einmal mit dem Tuche abtrocknete. Henri murmelte eine Verwünschung durch die Zähne, war aber ganz Lächeln und Freundlichkeit, als er nun herantrat, seinem Schwiegervater die Hand zu schütteln und seine Gattin auf die Stirn zu küssen. Es ist ja herrlich, daß Ihr nun heute schon kommt! Hast Du alle Deine Sachen, liebe Emma? Auch das hübsche Reise-Necessaire, das ich Dir in Turin kaufte, Du kleine Vergeßliche!

Ihr könnt mich in meinem Wagen erst nach Hause bringen, sagte der Bankier.

Ich habe einen Miethwagen für uns bereit gehalten, sagte Henri.

Ach, laß uns in Papa's Wagen fahren! rief Emma, sich an ihres Vaters Arm klammernd.

Es ist mir lieber, wenn Ihr mit mir kommt; ich kann Dir unterwegs noch Einiges von Wichtigkeit mittheilen, sagte der Bankier und beugte sich dann zu seiner Tochter herab, um ihr ein paar Worte zuzuflüstern, die offenbar nur für ihr Ohr bestimmt waren.

Wie Ihr wünscht! sagte Henri, gab den Dienern – auch sein Paul hatte sich mittlerweile eingefunden – die nöthigen Befehle und folgte dann mit finsterem Lächeln auf den Lippen Vater und Tochter, die schon Arm in Arm vorausgegangen waren und sich nach ihm umwendeten.

Auf dem Wege nach seinem Hause theilte der Bankier Henri mit, daß er die sichere Kunde von großen Dingen, die auf dem Kriegsschauplatze vor sich gehen würden, bereits gestern erfahren und in Folge dessen seine Rückkehr so beschleunigt habe. Glücklicherweise habe er auf die Möglichkeit, daß die Dinge eine schlimme Wendung nehmen könnten, gerechnet, und so werde sich das Geschäft keineswegs schlecht dabei stehen.

Der Bankier sagte das nicht in dem lebhaften Tone, in welchem er sonst von Geschäften sprach. Er schien noch ernster und verstimmter zu sein, als vor einigen Tagen. Auch bemerkte Henri, daß er das Gesicht wiederholt nach Emma wendete, die, ohne ein Wort zu sprechen, in der andern Ecke des Wagens saß und den Kopf tief in die Kissen gedrückt hatte.

Man kam bei dem Hotel des Bankiers an; Herr von Sonnenstein stieg aus und sagte mit Bedeutung, daß er das junge Paar nicht auffordere, mit hereinzukommen und bei ihm zu soupiren, da er annehme, daß sie allein zu bleiben wünschten und er – offen gestanden – für seinen Theil denselben Wunsch empfinde. Emma schien einen Augenblick die Absicht zu haben, sich aus dem Wagen zu stürzen; aber ein in scharfem Tone ausgesprochenes: Emma! ihres Vaters machte sie wieder in die Ecke zurücksinken. Henri rief: Auf Wiedersehen! also bis morgen! schlug die Thüre zu und sagte, indem er den von dem Bankier verlassenen Platz an Emma's Seite einnahm: Nun, Emma, das scheint ja ein recht unterhaltender Abend werden zu sollen!

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