Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Spielhagen >

In Reih' und Glied. Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: In Reih' und Glied. Zweiter Theil - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleIn Reih' und Glied. Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunSechste Auflage
year1883
firstpub1866
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130715
Schließen

Navigation:

Einundvierzigstes Capitel.

Henri rief einen Fiaker an und hieß den Kutscher, ihn nach jenem Restaurant zu fahren, in welchem er so viele Abendstunden seines Junggesellenlebens zugebracht hatte.

Der Wirth des Etablissements kam ihm, sobald er seiner ansichtig wurde, entgegen und begrüßte ihn mit tiefen Verbeugungen und verbindlichen Worten, gratulirte ihm nachträglich zu seiner Hochzeit und bezeigte ihm mit bedauerndem Achselzucken und wehmüthigem Kopfschütteln sein Beileid über den Verlust des Schwagers. Ein so junger Mann! Du lieber Gott, der arme Herr Vater! Herr von Sonnenstein und Frau Gemahlin befinden sich hoffentlich wohl? Noch nicht retournirt? Was Sie sagen! da werden der Herr Baron uns ja noch einmal einen Abend schenken können. Sie finden in dem letzten Saal viele von den Herren beisammen; in den Cabinetten ist es noch immer zu warm; Herr von Hasseburg wird da sein, Herr von Hinkel und ich glaube auch Doctor Lippert. Bitte, Herr Baron!

Der dienstbeflissene Wirth öffnete die Thür. In dem schönen Gemache – es war das mit der badenden Diana – saßen sieben oder acht Herren, welche, sobald sie Henri erblickten, geräuschvoll von ihren Stühlen auffuhren. Es dauerte eine geraume Zeit, bis sich Henri durch die Fluth von Fragen, die von allen Seiten auf ihn einstürmte, zu einem Platze am Tische durchgekämpft hatte.

Laßt ihn doch in Ruhe, Ihr Herren! rief der junge von Hasseburg und versuchte mit seiner krähenden Stimme den Lärm zu überschreien, so ein junger Ehemann von der Reise will doch erst einmal aufgefrischt werden. Kellner, noch eine Flasche und ein Glas!

Glauben Sie ihm nicht, Tuchheim, daß er es für Sie thut, rief der junge Lieutenant von Hinkel, seit Ihre Cousine sich mit dem Doctor Gutmann verlobt hat –

Von Gutmann, rief Herr von Meusseberg, ein stämmiger Dragonerofficier mit einem weinrothen Gesicht.

Ich dächte, die Herren ließen den gar nicht feinen Scherz! rief von Hasseburg ärgerlich. Das Ridicüle der Geschichte ist, däucht mir, weniger auf meiner Seite, der ich einer schönen Dame den Hof gemacht habe, als auf Seiten der schönen Dame, die sich an einen solchen Menschen wegwerfen kann, nachdem sie sich von mir den Hof hat machen lassen.

Der prahlerische Ton, in welchem der schmächtige und überaus häßliche Fähnrich diese Worte gesprochen hatte, verursachte dem dicken Herrn von Meusseberg einen Anfall von Lachen, das um so gewaltsamer hervorbrach, je mehr er sich bemühte, es zu unterdrücken. Es stimmten Alle ein, mit Ausnahme Ferdinand's, dessen schönes Gesicht dunkel wie eine Wetterwolke in die lärmende Fröhlichkeit schaute.

Was haben Sie, Lippert? fragte Henri, um dem Gespräche eine andere Wendung zu geben.

Ich denke an Alfred von Sonnenstein, erwiederte Ferdinand, mit den großen Augen aufblickend; da, wo Sie sitzen, Baron, hat er noch am letzten Abend gesessen.

Henri verfärbte sich; auch die anderen Herren waren plötzlich still geworden. Ferdinand stand auf und verließ den Saal.

Was ist denn mit Lippert vorgegangen? fragte Henri.

Ich weiß es nicht; ich weiß nur, daß seine Launen anfangen, sehr unbequem zu werden, erwiederte von Hinkel.

Mein Gott, die Sache ist doch einfach genug, rief Hasseburg, er hat gehofft, wenigstens nach Sonnenstein's Tode bei Eve zu reussiren, und findet nun schon wieder einen andern Hahn im Korbe.

Mein Charge-Pferd gegen Ihren Pony, daß Sie selbst gern dieser Hahn gewesen wären, Hasseburg! rief von Hinkel.

Nun, lassen Sie endlich einmal die Schraubereien sein, Hinkel! sagte der Rittmeister von Bärendorff; wir sind jetzt unter uns, Ihr Herren, und Tuchheim wird es uns Dank wissen, wenn wir ihm à propos der Affaire seiner Cousine ernstlich unsere Meinung sagen. Die Sache ist die, Baron, daß wir Alle auf das Aeußerste indignirt sind und daß wir es für unsere Pflicht halten, Sie über die Stimmung, welche in unseren Kreisen gegen Ihren Herrn Onkel herrscht, nicht im Unklaren zu lassen. Es ist gut, wenn man sich, um Mißverständnisse zu vermeiden, unter Freunden offen ausspricht.

Aber Sie werden doch nicht glauben, meine Herren, daß ich diese Verbindung gemacht, oder auch nur protegirt habe! erwiederte Henri.

Ist uns lieb, das aus Ihrem Munde zu hören, obgleich wir nie daran gezweifelt haben, sagte der Rittmeister. Die Geschichte ist überaus fatal, um so fataler, als sich wirklich Einige, zu denen selbst Hasseburg's Onkel gehört, des Menschen annehmen zu wollen scheinen. Wir sehen in dem Umstande, daß der König einen so notorischen Demokraten und Wühler hat adeln können, einen uns angethanen Affront und sind entschlossen, unsererseits diesen Affront in keiner Weise zu sanctioniren. Wir bedauern Sie aufrichtig, Tuchheim, daß Sie in diese Lage gebracht sind; aber es ist wohl klar, daß Sie Ihre Wahl treffen müssen.

Ich dächte, hier könnte von einer Wahl nicht die Rede sein, rief von Hasseburg ...

Ich dächte, Sie ließen in dieser Angelegenheit, in der Sie nebenbei kaum unparteiisch sein können, Ihren älteren Kameraden das Wort, sagte der Rittmeister, mit einem unwilligen Blick auf den Fähnrich seinen gewaltigen Schnurrbart streichend.

Henri hatte, während so von allen Seiten auf ihn eingesprochen wurde, ruhig dagesessen. Nur der finstere Ausdruck seiner kalten braunen Augen, die er bald auf den Einen, bald auf den Andern richtete, und die Geschäftigkeit, mit der seine kleinen Zähne an der Unterlippe nagten, zeugten von dem, was in seinem Innern vorging. Jetzt warf er den Kopf mit einer kurzen, scharfen Wendung in den Nacken und sagte mit einem Lächeln, das ihm für dergleichen Gelegenheiten immer zu Gebote stand: Ich danke Ihnen, meine Herren, für die warme Theilnahme, die ich aus allen Ihren Worten, selbst wo dieselben mein Ohr weniger angenehm berührt haben sollten, heraus höre. Seien Sie nochmals versichert, daß ich Ihre Gefühle vollständig theile, und daß ich, um mit Bärendorff's Worten zu reden, meine Wahl zu treffen wissen werde. Jetzt aber bitte ich, für heute Abend von dem unliebsamen Thema abbrechen zu wollen.

Ferdinand war wieder eingetreten, hatte aber nicht an dem Tische Platz genommen, sondern ging mit verschränkten Armen in dem Saale auf und ab. Die Conversation an dem Tische war sehr einsilbig geworden; das gute Einvernehmen unter den Herren schien gestört; von Hinkel erinnerte daran, daß heute Abend bei dem Legationsrath von Dirkheim ein kleines Spiel gemacht werden solle, und meinte, daß es Zeit sei, dorthin aufzubrechen. Alle erhoben sich; Henri, der zum Mitgehen aufgefordert wurde, lehnte es ab, da er sich ermüdet fühle. Man schien über seine Weigerung nicht sehr ungehalten; eben so wenig wie über Ferdinand's mit fast unhöflicher Kürze abgegebene Erklärung, daß er sich nicht zum Spielen aufgelegt fühle.

Henri war es um so erwünschter, daß Ferdinand blieb, als er hauptsächlich um dessenwillen hierher gekommen war. Er ging, nachdem die sporenklirrende, säbelrasselnde Gesellschaft sich entfernt hatte, auf ihn zu und sagte, ihm die Hand bietend: Es ist mir lieb, sehr lieb, daß Sie nicht mitgegangen sind; ich fühle das Bedürfniß, das Gesicht eines mir wirklich befreundeten Menschen mir gegenüber zu haben.

So wissen Sie, daß ich Ihnen wirklich befreundet bin? entgegnete Ferdinand, Henri mit jenem eigenthümlich starren Blick, den dieser schon vorher bemerkt hatte, auf Stirn und Augen sehend.

Wie soll ich das verstehen? fragte Henri, seine Hand zurückziehend.

Pah, rief Ferdinand, wer ist denn heutzutage noch naiv genug, an Freundschaft zu glauben? Wer? Jene edlen Herren etwa, die uns soeben verlassen haben? Gott! Es war ja rührend, die Freude zu sehen, mit der man Sie empfing: aber wenn Sie gehört hätten, wie man noch fünf Minuten vorher von Ihnen sprach, Sie würden sich doch vielleicht gewundert haben. Da waren Sie nicht viel mehr als ein Mensch, mit dem umzugehen eine mindestens zweifelhafte Ehre ist. Was! Ein Mädchen zu heirathen, dessen Großvater oder Urgroßvater – darüber war die Gesellschaft nicht einig – noch mit abgetragenen Hosen gehandelt hatte! Und dann die Schwester! Großer Gott! die Schwester, deren Bräutigam ja wohl im Zuchthause Wolle spinnen mußte! Und nun diese Blamage mit der Cousine! Sapristi, diese Blamage! Wenn mir das passirt wäre, ich wäre in vierundzwanzig Stunden hier gewesen, hätte den sauberen Schwager in spe über den Haufen geschossen, den Herrn Onkel gezwungen, die ganze Sache für eine Verleumdung zu erklären, und hinterher mit seinem Fräulein Tochter die Stadt auf immer zu verlassen. Sehen Sie mich doch nicht so grimmig an! Ich bin doch nicht einer von den biederen Freunden, denen Sie für diese Aufmerksamkeiten verpflichtet sind. Freundschaft! ja wohl, Freundschaft! Liebe, ja wohl, Liebe! Und Ferdinand brach in ein wildes Gelächter aus und warf sich an dem Tische in einen Stuhl, das Gesicht mit beiden Händen bedeckend.

Auf einmal fuhr er wieder in die Höhe und rief: Nein, nein, lassen wir das mit der Freundschaft, Wahrheit, Liebe; und halten wir uns an den Wein, im Weine liegen die Landgüter, die ich nicht besitze, und Sonne, Mond und alle Sterne; im Weine liegt die ganze Welt.

Ferdinand stürzte ein Glas hinunter und fing, sich in seinen Stuhl zurücklehnend, mit seiner weichen Baritonstimme die Champagnerarie aus dem Don Juan an zu singen.

Henri kannte Ferdinand seit zu langen Jahren, um über die wunderliche Laune desselben irgend erstaunt zu sein, ja, es war ihm lieb, ihn so zu treffen; er wußte, daß Ferdinand in dieser Stimmung immer sehr mittheilsam war. Es war ihm, als ob er unzählige Fragen an diesen Mann zu richten hätte und als ob die, auf welche er zuerst fiel, beiweitem nicht die wichtigste wäre. Wie stand er jetzt zu Eve? Wer war der Andere, der Alfred bereits ersetzt haben sollte? –

Wie geht es Ihrer Eve, Lippert?

Meiner Eve? fragte Ferdinand, sich in seinem Gesange unterbrechend; meiner Eve? wie käme ich dazu?

Er lehnte sich wieder hintenüber und sang:

»Seigneurs, banquiers et notaires,
La ferront encore briller;
Puis encore des mousquetiers ...«

Also wirklich! rief Henri.

Puis encore des mousquetiers, sang Ferdinand.

Das ist schnell gegangen!

Ja wohl! bevor die Schuh' verbraucht! sie, ja sie! O, Himmel, würd' ein Thier, das nicht Vernunft hat, doch länger trauern! Er war, nimmt Alles man in Allem, kein Mann, Ihr armer Vetter, und man wird wohl noch Seinesgleichen seh'n! er war ein mildgesinnter, edelmüth'ger Knabe, deß Hand stets offen war für seine Freunde, und bess're Trauer hätt' er wohl verdient!

Sie hätten sich auf's Trauerspieldichten verlegen sollen, Lippert, sagte Henri, dem Declamirenden das Glas füllend.

Sie meinen das ironisch, erwiederte Ferdinand; und doch möchten Sie das Richtige getroffen haben. Jetzt freilich thue ich mehr: ich erlebe die Trauerspiele und führe sie zum Ueberfluß selber auf. Nicht wahr, Baron, das sehen Sie mir nicht an, daß ich der Held eines Trauerspiels bin?

Sie haben etwas auf dem Herzen, Lippert, sagte Henri; können Sie es mir nicht anvertrauen?

Ferdinand hatte den Kopf aufgestützt und wühlte mit den Fingern in dem reichen lockigen Haar. Ich bin ein armer Mann, murmelte er, ich habe weder Gut noch Geld, noch Ehr' und Herrlichkeit der Welt; ich habe nichts, nicht einmal etwas zu vertrauen.

Nun, sagte Henri, dem diese Art von Unterhaltung sehr lästig zu werden begann, dann lassen Sie uns, wie vernünftige Leute, von Geschäften sprechen. Was haben Sie schließlich von dem alten Fräulein Gutmann herausgebracht? Wie stehen Sie mit Silvia?

Ferdinand richtete sich auf und blickte Henri mit Augen, die vor Zorn funkelten, an. Und das nennen Sie Geschäfte? rief er; bringen Sie das Wort noch einmal mit dem Namen dieses Mädchens zusammen, und, bei Gott im Himmel, ich erwürge Sie mit diesen meinen Händen!

Henri war durch diesen Ausbruch ernstlich erschreckt; es kam ihm der Gedanke, Ferdinand könne wirklich wahnsinnig geworden sein. Er schob unwillkürlich seinen Stuhl zurück und sagte, sich erhebend: Das überschreitet die Grenzen, die auch die Freundschaft respectiren muß.

Ferdinand war ebenfalls aufgesprungen; er ergriff Henri's beide Hände, drängte ihn wieder auf seinen Stuhl und bat mit schmeichelnder Stimme: Gehen Sie nicht fort! ich habe Sie nicht beleidigen wollen! Sie sind ein kalter, harter Mensch, aber Sie sind kein Hohlkopf, wie jene strohernen Gesellen. Es gehört auch Kopf dazu, um Unglück zu verstehen, und Sie können sich doch möglicherweise einen Begriff davon machen, wie unglücklich ich bin. Hören Sie mich an! Aber vorerst trinken Sie einmal! Nein! aus, Mann, aus und noch einmal aus! Sie dürfen nicht nüchtern bleiben, wenn ich trunken bin, trunken von Wein und Liebe, berauscht von Anbetung! Lachen Sie nicht! so wie Sie habe ich auch mein frivoles, cynisches Gelächter erschallen lassen, wenn von Frauentugend und Frauenwürde die Rede war; so würde ich heute noch lachen, hätte ich sie nicht gesehen.

Henri kostete es jetzt keine Mühe mehr, ernsthaft zu bleiben; diese neue Leidenschaft des tollen Menschen konnte folgenschwer in seine Pläne greifen, hatte vielleicht schon eingegriffen.

Ja, fuhr Ferdinand fort, und als ich sie gesehen, fiel es mir wie ein Schleier von den Augen. So muß es dem Castellan von Couci gewesen sein, als er die Dame von Fayel zum erstenmale erblickte! Ein Strahl von Himmelslicht, der plötzlich in die Seele fällt und sie bis in ihre geheimsten Tiefen mit Glanz erfüllt; ein Ton von der Harmonie der Sphären, der plötzlich unser Ohr berührt und dessen Nachklang in unserm Herzen nie geahnte Melodie weckt! Wer, der solchen Moment nicht erlebt hat, kann das verstehen! Eine Ewigkeit auf der Folter, für diesen einen Moment!

Und die Dame von Fayel? fragte Henri. Sie sagten noch nicht, wie es mit der Dame steht. Weiß sie von des Ritters Liebe? und erwiedert sie diese Liebe?

Ich kann nicht Ja sagen, erwiederte Ferdinand, und ich weiß nicht einmal, ob ich möchte Ja sagen können. Mich schaudert, wenn ich denken müßte, daß sie ein Weib ist wie die anderen auch. Wenn Sie nie die Scheu empfunden haben, den reinen Spiegel, der den Himmel mit allen seinen Herrlichkeiten widerstrahlt, durch einen Hauch zu trüben, so haben Sie nie geliebt.

Dann habe ich nie geliebt, sagte Henri.

Ferdinand hatte es nicht gehört; seine thränenfeuchten Augen blickten starr in das Glas, aus dessen Grunde unaufhörlich die Schaumperlen aufstiegen, um an der Oberfläche zu zerrinnen. In Erinnerung verloren, schien er vergessen zu haben, wo er sich befand, wer ihm gegenüber saß; er sagte das Folgende mit dumpfer, von den schweren, unregelmäßigen Athemzügen oft unterbrochener Stimme, als spräche er im Traum:

Wie sie dastand, hoch aufgerichtet, die schlanke, königliche Gestalt! wie sie mich anblickte mit den großen leuchtenden Augen! Gott, Gott! ich hätte mein Blut tropfenweise hingegeben, um ihre Hand, um den Saum ihres Kleides berühren zu dürfen – und ich hatte kaum den Muth, den Blick zu ihr zu erheben, und stammelte wirre Worte, wie ein unbeholfener Knabe, ich? Was war das nur? Aus dem Urgrund meiner Seele quoll es heraus und füllte mir die Brust, daß mein Herz nicht mehr schlagen konnte, und schnürte mir die Kehle zu, daß ich verstummte, und stieg mir in den Kopf, daß es sich wie Blei auf mein Gehirn legte und ich nicht mehr zu denken vermochte; – nur sie, immer nur sie! Tag und Nacht, und Nacht und Tag – immer nur sie! immer nur, wie sie dastand, als ob Wolken sie von dem Boden heben müßten, hoch und immer höher, bis sie meinen Blicken entschwand und nur ihre Augen herableuchteten aus der Nacht als ewige Sterne. Ich konnte nicht wieder hingehen – ich konnte es nicht; ich wußte, daß, wenn sie mich noch einmal mit jenem großen, verächtlichen Blicke ansah, ich mir das Leben nehmen müsse. Was liegt mir an dem Leben! aber sie nie wieder erblicken, nie! – das konnte ich nicht ausdenken, ich kann es jetzt noch nicht. Ja, wenn man träumen könnte mit einer Kugel im Kopfe, träumen, daß sie heraustritt aus dem Portal und an dem Schlosse hingleitet, über den Platz weg, nach dem Laden an der Ecke, wo der Rosenstrauß schon für sie bereit liegt, und weiter gleitet hinein in die engen, menschenwimmelnden Straßen, so ohne aufzublicken, so weltverloren, so rein unter den Unreinen! – und endlich verschwindet unter dem Thorweg, der wie ein Höllenrachen dunkel gähnt. Was hat sie zu fürchten! – Wer ihr folgen dürfte – in Nacht und Graus, über Seen von Blut, über Schlünde, wo Dämonen hausen – immer folgen, immer folgen, bis man sie endlich, endlich doch erreicht, bis sie ihr holdes Antlitz zu mir wendet mit sanftem Lächeln und lächelnd spricht: Es sei Dir alle Deine Schuld vergeben um Deiner großen Liebe willen, und um Deiner großen Liebe willen liebe ich Dich.

Ferdinand fuhr sich mit der Hand über die Augen und griff dann mechanisch nach der Flasche; die Flasche war leer. Er schleuderte sie auf den Boden, daß sie weit fort über den Teppich rollte, ergriff seinen Hut, taumelte aus dem Saale und war bereits verschwunden, als Henri ihm nach einigen Minuten auf die Straße folgte.

Der Himmel war mit Regenwolken bedeckt; ein für die Jahreszeit rauher Wind wehte durch die langen, öden Gassen. Henri schlug den Rockkragen in die Höhe und schritt langsam, die Cigarre im Munde, nachdenklich dahin.

Es drängte ihn keineswegs, nach Hause zu kommen, aber nicht deshalb, weil er fürchtete, sich in Abwesenheit seiner jungen Gattin in den für sie geschmückten Räumen vereinsamt zu fühlen. Er sehnte sich nicht nach seiner Gattin. Wohl dachte er in diesem Augenblicke an sie, aber keineswegs mit zärtlichen Gefühlen. Selbst die vollkommene Vereinigung und die ungeschickten Versuche, die Emma gemacht hatte, ein herzliches Verhältniß herbeizuführen, hatten ihn nicht milder zu stimmen vermocht, und die kurze Zeit ihrer Ehe hatte die Thränen der jungen Frau schon mehr als einmal fließen sehen. Sie war ihm von Anfang an nur das Mittel zum Zweck gewesen, und er fand es sehr unbequem, nun, da der Zweck erreicht war, das Mittel zum Zweck machen zu sollen. Und dabei zu wissen, wie er es wußte, daß sie das Bild eines andern Mannes im Herzen trug, das Bild des Mannes, den er schon gehaßt hatte, als der Mann und er kaum dem Knabenalter entwachsen waren, und der sich ihm jetzt wiederum in den Weg stellte – überall in den Weg stellte, und über den er weg mußte, koste es, was es wolle!

Daß er seinen Onkel und seine schöne Cousine werde preisgeben müssen, lag auf der Hand. Der Rittmeister von Bärendorff hatte ganz Recht gehabt; er mußte wählen zwischen seinem Onkel und dem Adel, den – mit Ausnahme einiger wenigen excentrischen Personen – der General so unversöhnlich beleidigt hatte. Der Rittmeister von Bärendorff war der Mann, ihm diese Alternative zu stellen. Der Rittmeister von Bärendorff hatte bewiesen, daß er in einem solchen Falle zu wählen wisse. Es war noch nicht fünf Jahre her, daß er einen Vetter, einen jungen Gutsbesitzer, der seine liberalen Gesinnungen offen zur Schau trug und bei einem Familiendiner auf das Wohl des Prinzen zu trinken sich geweigert hatte, forderte und erschoß. Und trotzdem jener junge Mann selbst von Adel und zum Ueberfluß mit der Schwester des Rittmeisters verlobt gewesen war, hatte sich in dem Kreise Henri's auch nicht Eine Stimme gegen die That erhoben. Im Gegentheil! Das Ehrengericht, das über den Fall abzuurtheilen gehabt hatte, erklärte einstimmig, der Rittmeister habe nur seine Pflicht gethan, und der König, der den Rittmeister persönlich haßte, war gezwungen gewesen, denselben nach einem Jahre zu begnadigen.

Henri erinnerte sich des Factums in allen Einzelnheiten. Sein Fall war fast derselbe, und man hatte ihm heute Abend deutlich genug gezeigt, was man von ihm erwarte. Seine Stellung in der Gesellschaft, die Freundschaft des Prinzen, seine staatsmännische Zukunft – Alles stand auf dem Spiel! Und Alles war zu retten, wenn er seinen Onkel und seine Cousine, die keine Schonung verdient hatten, opferte und den Mann, der die Rache des Adels so prahlerisch herausforderte, im Namen des Adels über den Haufen schoß.

Henri athmete tief auf, als wollte er die Last wegwälzen, die ihm auf der Brust lag; aber die Last blieb dieselbe, und nur noch ängstlicher und hastiger jagten durch seinen Kopf die finsteren Gedanken.

Buffone wäre ein so bequemes Werkzeug, wenn er nicht mehr als halb toll wäre. Und doch macht ihn diese Tollheit auf der anderen Seite wieder so brauchbar. Er würde schließlich thun, was kein Anderer thäte. Seine neueste Verrücktheit für Silvia ist vielleicht besser zu verwerthen, als seine Passion für Eve. Nachdem Eve in das neueste Stadium ihrer Carrière eingetreten ist, hat sie selbst für ihn aufgehört, begehrenswerth zu sein; an dieser Leidenschaft für die hochmüthige Person, die Silvia, kann er lange zehren. Man muß ihm nur klar machen, daß ihm auch hier wieder Leo im Wege steht, daß Leo das Mädchen verrathen hat und sie zum Dank für Alles, was sie für ihn gethan, dem Könige verkuppeln will.

Der Mensch war nahe daran, mich zu erwürgen, als ich Silvia's erwähnte; könnte ich ihn doch nur so einmal auf den Schuft hetzen; aber die Sache ist, er fürchtet sich vor ihm; man müßte ein Mittel finden, ihn zum Aeußersten zu treiben. Seine größte Leidenschaft ist doch schließlich seine Eitelkeit; die muß man bis zum Wahnsinn stacheln. Er, der Alles sein zu können glaubt, und nichts ist und nichts hat – doch nein, er hat immer wieder Geld, auch wenn er ein paar Tage vorher seinen letzten Thaler verloren und seitdem nicht wieder gespielt hat. Sollte ihm der alte Falkenstein unter der Hand ein Vermögen hinterlassen haben, das ihm nach und nach – vom Onkel vielleicht – ausgezahlt wird? Der Onkel hat sich seiner stets in auffallendster Weise angenommen; jetzt wieder hat er ihm bei der russischen Gesandtschaft eine Stelle verschaffen wollen; wahrhaftig, wenn die Wahrscheinlichkeit der Vaterschaft Falkenstein's nicht so groß wäre, so möchte man schwören –

Plötzlich zuckte eine Erinnerung durch Henri's Seele, wie ein Blitz über den nächtlichen Himmel fährt. Es war im Hause des Generals, vor dreizehn oder vierzehn Jahren, ein Tanzstundenabend oder etwas der Art; hernach wurden Charaden aufgeführt, die junge Gesellschaft plünderte die Schränke mit des Generals alten Uniformen und Kleidern, und da brachte Jemand einen trotz seiner Verschossenheit noch immer prächtigen Schlafrock von rother Seide geschleppt, mit welchem sofort der König Nebukadnezar ausstaffirt wurde. War das vielleicht derselbe rothseidene Schlafrock, von dem Buffone wiederholt erzählt hatte? sollte Ferdinand der Sohn des Generals sein? Dann hätte man einen Skandal, wie ihn sich der schlimmste Feind des Generals nicht besser wünschen könnte! Dann wäre Ferdinand zu Allem zu bringen! zu Allem! seine Exaltation würde keine Grenzen kennen.

Aber ist es nicht unsinnig, so zu speculiren, ohne irgend einen sichern Boden unter den Füßen zu haben? Gesetzt, das wäre der identische Schlafrock gewesen, der auch in Buffone's Leben eine Rolle spielt – wer sagt mir denn, daß sein Vater in dem Schlafrock gesteckt hat? Kann sich der Onkel den Bastard seines Busenfreundes, für den zu sorgen, über den zu wachen er sich verpflichtet hatte, nicht einmal haben kommen lassen? wo ist hier die mindeste Sicherheit?

Und doch! man müßte Buffone auf die Fährte bringen, gleichviel, ob die Fährte richtig oder falsch ist. Die bloße Möglichkeit, der Sohn des Mannes zu sein, dessen Tochter sein schlimmster Feind heirathen will – ich müßte Buffone nicht kennen, wenn er den Köder nicht gierig hinunterschlänge!

Sollte Eve nicht Einiges wissen, was sich verwerthen ließe? sie ist so lange Jahre in dem Hause gewesen; – sollte sie nichts gesehen und gehört haben, was man geschickt kombiniren könnte, um der Sache einen Anstrich zu geben? ich werde morgen früh zu ihr gehen, – oder soll ich's jetzt gleich einmal versuchen?

Henri bog in die Straße, in welcher Eve wohnte; er ging schneller und schneller, je mehr er sich ihrer Wohnung näherte. – Sie muß ja begierig sein, das Genauere über die letzten Tage ihres Liebhabers zu erfahren, und es ist Christenpflicht, sie womöglich über den Verlust zu trösten.

Henri lächelte höhnisch, während er das halblaut vor sich hin sagte, und dabei schlug ihm das Herz schneller. Eve oder eine Andere – weshalb denn nicht die schöne, üppige Eve?

Er stand vor der niedrigen Gartenpforte. Eve konnte noch nicht zu Bett sein: es war Licht in dem Salon; aber ein mattes, ungewisses Licht; vielleicht verlangten die in dem Salon Befindlichen nach keinem helleren.

Ich bin vermuthlich schon zu spät gekommen, sagte Henri.

Dennoch zögerte er noch an der Pforte. Auf einmal wurde das Licht oben hell; eine weibliche Gestalt, die aber nicht Eve zu sein schien, trat an das Fenster; zugleich hörte man das Rollen eines Wagens, der die Straße heraufkam.

Der Wagen kam näher und näher und blieb vor dem Hause halten. Henri, der so weit als möglich in den Schatten der hohen Hecke getreten war, erkannte bei dem Lichte der Laterne in der Dame, die allein im Wagen saß, Eve. Er trat rasch herzu und öffnete den Schlag. Eve, die ihn jetzt ebenfalls erkannte, stieß einen leisen Schrei aus.

Komme ich Ihnen unerwartet oder ungelegen, liebe Eve? sagte Henri.

Das Erstere ein wenig, das Letztere ganz und gar nicht, erwiederte Eve, seine Hand nehmend und sich aus dem Wagen schwingend.

Dann haben Sie vielleicht auch noch für einige wichtige Mittheilungen, die ich ihnen zu machen habe, ein paar Minuten Zeit?

Warum nicht? wenn Ihre Frau Gemahlin nichts dagegen hat.

Henri antwortete nicht, sondern begnügte sich damit, Even die Hand zu drücken.

Der Wagen – ein Miethwagen, wie Henri jetzt sah – rollte davon. Die Hausthür wurde von dem Mädchen, das über den späten Besuch ihrer Herrin nicht verwundert schien, geöffnet und hinter den Eingetretenen wieder verschlossen.

Du kannst noch Punsch bringen und dann zu Bett gehen, Doris, sagte Eve.

In Eve's Zimmern war noch lange Licht. Der Bediente Paul wartete diese Nacht vergeblich auf die Rückkehr seines Herrn.

 << Kapitel 41  Kapitel 43 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.