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In Reih' und Glied. Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: In Reih' und Glied. Zweiter Theil - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleIn Reih' und Glied. Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunSechste Auflage
year1883
firstpub1866
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130715
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Vierzigstes Capitel.

In dem Palais des Prinzen hatte seit der Rückkehr des Königs, die vor einigen Tagen erfolgt war, ein ganz besonders reges Leben geherrscht; auch heute war sein Cabinet von Personen, mit denen er wichtige Berathungen gepflogen, nicht leer geworden. Die Tafel hatte sehr spät stattgefunden, nichtsdestoweniger war noch nach derselben eine Audienz angesetzt, weil die betreffende Person erst vor einer Stunde, auf eine telegraphische Ordre des Prinzen hin, von der Reise zurückgekehrt war.

Der Prinz hatte seine Gäste entlassen und war in sein Arbeitszimmer zurückgekehrt. Er ging ein paarmal in dem Gemache auf und ab, trat dann an den großen Schreibtisch, fing an unter den dort liegenden Papieren zu kramen, wendete sich aber sogleich um, als ein Diener in der Thür erschien, um zu melden, daß der Freiherr von Tuchheim im Vorzimmer sei und um die Gnade bitte, vorgelassen zu werden.

Soll kommen! rief der Prinz, die Papiere aus der Hand legend und dem Eintretenden mit großer Lebhaftigkeit entgegengehend. Nun, mein lieber Freiherr, wir haben ja lange auf uns warten lassen!

Ich bin Tag und Nacht gefahren, um dem Befehl Eurer königlichen Hoheit nachzukommen, erwiederte Henri, mit tiefer Verbeugung die dargereichte Hand des Prinzen an seine Lippen führend.

Ich zweifle daran nicht, entgegnete der Prinz, aber es ist schlimm genug für einen Fürsten, daß er in Augenblicken wie diese seine Freunde erst herbeirufen muß. Freilich! freilich! von einer Hochzeitsreise läßt man sich nicht gern einen Tag stehlen!

Die Reise war für mich nicht sehr freudig, königliche Hoheit. Ein Hochzeitsfest auf der Reise, in Begleitung eines todtkranken Schwagers, den man wenige Tage darauf begraben muß, ist ein ziemlich melancholisches Fest.

Der Prinz war an einen Nebentisch getreten, hatte sich eine Cigarre angezündet und sagte, sich umwendend: Wollen Sie meinem Beispiele folgen, lieber Tuchheim? Ach! Sie rauchen nicht! Was ich sagen wollte: Es thut mir leid, daß Sie gerade jetzt das treffen mußte; indessen, lieber Tuchheim, wenn ich mich recht erinnere, deuteten Sie mir einmal an, daß die Mitgift, die Ihnen Ihr Herr Schwiegervater geben könne, eine ausreichende Entschädigung für den jungen Adel Ihrer Gemahlin sein würde; und diese Entschädigung ist ja wohl durch den Tod Ihres Herrn Schwagers nicht kleiner geworden? Nun, Sie wissen, daß ich es gut mit Ihnen meine. Die Promptitude, mit der ich vor Ihrer Abreise Ihnen den Landrath verschafft habe, ist von Ihnen hoffentlich nicht vergessen. Ich sehe, daß der Erfolg unserer Absicht entsprochen hat.

Herr von Sonnenstein begriff, daß ich mich nicht ohne Frau für den Winter in die Einsamkeit meiner Güter vergraben könne und hatte deshalb weniger gegen die Beschleunigung der Hochzeit.

Nun, und das war ja wohl, was wir wünschten. Sie sehen, ich behandle die Angelegenheiten meiner Freunde wie meine eigenen.

Ich weiß die Gnade Eurer königlichen Hoheit zu würdigen.

Das können Sie jetzt beweisen. Die Zeit ist danach. Sind Sie über unsere politische Lage informirt?

So weit das Jemandem, der von der Residenz so lange entfernt war, möglich ist – ja.

Glauben Sie, daß wir losschlagen müssen? losschlagen können?

Henri warf einen schnellen, scharfen Blick auf den Prinzen und antwortete: Unbedingt.

Warum?

Königliche Hoheit kennen ja mein Programm von dem, was geschehen muß, wenn unserem Staate die politische Machtstellung werden soll, die ihm gebührt. Die Gelegenheit ist günstig, wie nie. Die so lange behauptete Neutralität hat unser Gewicht auf das Minimum herabgedrückt; mein patriotisches Herz blutet, wenn ich daran denke, und daran, was ich draußen über uns habe sagen lassen müssen, weil ich es nicht in Abrede stellen konnte. Das wäre, was unsere äußere Lage betrifft. Für unsere innere ist die Sache kaum minder einfach. Ein zum Kampf gerüstetes, in den Kampf ziehendes Heer, das heißt: Eure königliche Hoheit an der Spitze dieses Heeres; Eure königliche Hoheit einmal an der Spitze eines kampflustigen und – woran ich nicht zweifle – siegreich zurückkehrenden Heeres, das heißt: Abdankung des Königs und königliche Hoheit Protector des Reiches.

Sie wählen da einen verdammt – republikanischen Titel für mich, lieber Freund! sagte der Prinz.

Henri biß sich auf die Lippen.

Verzeihen königliche Hoheit, sagte Henri in leiserem Tone, wenn der treue Diener in dem Eifer für die Person und die Sache seines gnädigsten Herrn nicht immer sogleich die schicklichen Ausdrücke findet; aber die Sache ist doch, wie ich anzunehmen wage, dieselbe, welche ich meine und die mein gnädigster Herr meint.

Das kommt darauf an, sagte der Prinz, je nach den Mitteln, die wir in Bewegung setzen. Ich gestehe Ihnen, lieber Tuchheim, wenn ich zu meinem Ziel gelangen kann, ohne daß ich nöthig hätte, gegen meine fürstlichen Brüder, die doch schließlich so souverän sind, wie ich, zur Gewalt zu schreiten – lieber wäre es mir immer.

Der Prinz hatte sich nach dem Fenster gewendet und blickte, starke Wolken aus seiner Cigarre ziehend, in den Hof hinab, wo eben die Laternen angezündet wurden. Ueber Henri's Gesicht flog ein Lächeln bitterster Verachtung. So hatte der Prinz vor einem Jahre, vor zwei, drei Jahren nicht gesprochen, als Niemand daran dachte, daß die großen Pläne, mit denen er und seine Freunde sich trugen, aus der Sphäre einer pikanten Tischunterhaltung so bald heraustreten würden, und heute – heute, wo es galt, ganz bereit zu sein, um jeden Augenblick mit vollstem Nachdruck handeln zu können – heute waren mit einemmale die Fürsten seine Brüder, waren ebenso souverän wie er! Und einen solchen Mann mußte man seinen gnädigsten Herrn nennen, mußte auf ihn alle Hoffnungen einer großen staatsmännischen Zukunft setzen!

Nun, Sie sprechen ja nicht, sagte der Prinz mit ärgerlicher Stimme, indem er sich vom Fenster wieder in das Zimmer wendete.

Ich hoffte, daß königliche Hoheit die Gnade haben würden, mir Ihr neues Programm wenigstens anzudeuten. Ich möchte ungern mit Ansichten hervortreten, die von Eurer königlichen Hoheit nach reiflicherer Ueberlegung, wie es scheint, gänzlich aufgegeben sind.

Nun ja, lieber Tuchheim, erwiederte der Prinz, wenn man so endlich an die Sache herankommt, sieht sie wenigstens verteufelt anders aus, als vorher; überdies – doch davon ein andermal. Sie sind ja nun hier, und auf Ihren Posten gehen Sie jetzt selbstverständlich nicht; ich werde von Messenbach eine Verlängerung Ihres Urlaubs bewirken.

Königliche Hoheit überschütten mich mit Gnade. Wie glauben königliche Hoheit, daß der König von den Ministern jetzt berathen ist? Ich glaube noch immer, wir könnten Herrn von Hey nöthigenfalls ganz so haben, wie Hoheit will.

Aber ich will ihn nicht! rief der Prinz heftig – diesen plebejischen Armeelieferanten-Enkel, diesen krummbeinigen Büreaumenschen! Ich hasse den Mann, und er soll es entgelten, er und sein ganzer Anhang, wenn ich erst einmal den Gaul ordentlich zwischen den Beinen habe. Pah! wer könnte dieses Geschmeiß nicht haben! Ich sage Ihnen, sie haben mir schon die schönsten Avancen gemacht; und das bestärkt mich mehr als alles Andere in der Ansicht, daß es mit meinem königlichen Vetter wirklich nicht zum besten steht. Weber halte ich für einen Charlatan, der mir nur nach dem Munde redet. Ich bin ein gerader, ehrlicher Mann und kann die Schleicher nicht leiden.

Henri wußte nicht recht, was diese Phrase, die der Prinz sehr oft anwendete, gerade hier solle; indessen nickte er zustimmend mit dem Kopf, um seinen gnädigsten Herrn zu weiteren und hoffentlich wichtigeren Mittheilungen zu veranlassen. Der Prinz fuhr denn auch alsbald fort:

Ich traf Weber nämlich gleich nach der Rückkehr des Königs, am Freitag der vergangenen Woche, in einer Soirée bei der Prinzeß Philipp Franz. Da ich sah, daß der Mann durchaus angeredet sein wollte, winkte ich ihn zu mir; er machte mir, Sie können sich denken, mit welcher Vorsicht, höchst merkwürdige Andeutungen über den Gesundheitszustand des Königs – sehr merkwürdige Andeutungen, so merkwürdig, daß ich wirklich stutzig geworden bin und nicht weiß, was ich glauben soll.

In der That! sagte Henri, dessen ganze Aufmerksamkeit bei den letzten Worten des Prinzen rege geworden war; dann möchte ich Eurer königlichen Hoheit den unmaßgeblichen Rath geben, ausnahmsweise einmal dem Geheimrath zu trauen. Er würde es nicht gewagt haben, so weit heraus zu gehen, wenn er nicht sicheren Grund für seine Mittheilungen gehabt hätte.

Sie sprechen ja schon, als wüßten Sie, um was es sich handelt! sagte der Prinz, den Kopf hebend.

Meine Bemerkung hatte einen allgemeinen Sinn, königliche Hoheit!

Nun denn, aber ganz im Vertrauen, lieber Tuchheim – Sie dürfen die Wände nicht hören lassen, was ich Ihnen sage – die Gesundheit des Königs ist in der That in der traurigsten Verfassung, sein Gehirn soll bereits gelitten haben, eine weitere Ausbreitung des Leidens unabwendbar sein.

Henri hatte Mühe, das freudige Erschrecken, das ihn bei des Prinzen Worten befiel, hinter der Miene eines anständigen Erstaunens zu verbergen. Wenn dies sich wirklich so verhielt, so stand ja die Erfüllung seiner kühnsten Hoffnungen vor der Thür. Aber verhielt es sich wirklich so? Er saß sehr nachdenklich da, während der Prinz einige allerdings sehr sonderbare Beobachtungen mittheilte, welche der Geheimrath, der den König auf der Reise begleitet hatte, unterwegs gemacht haben wollte, und sprang endlich, in der Unruhe der in ihm wühlenden Gedanken, von seinem Sitze auf.

Der Prinz, der ebenfalls sehr erregt war, bemerkte diese Unschicklichkeit nicht; er erhob sich ebenfalls; die beiden Männer gingen eine Zeitlang nebeneinander schweigend auf und ab.

Endlich begann Henri:

Ich habe nur einen Grund, aber freilich einen sehr triftigen, der mir bei reiflicher Ueberlegung die Wahrheit der Mittheilung des Geheimraths doch wieder zweifelhaft macht. Verstatten königliche Hoheit, daß ich diesen Grund angebe?

Nun? sagte der Prinz.

Es befindet sich jetzt in der Nähe Sr. Majestät Jemand, dessen natürlicher Scharfblick in diesem Falle um so höher angeschlagen werden muß, als er selbst Arzt und, wie ich alle Ursache anzunehmen habe, ein sehr ausgezeichneter Arzt ist. Dieser Mann, königliche Hoheit, hat seine ehrgeizigen Pläne darauf berechnet, daß Se. Majestät mindestens noch einige Jahre am Regiment ist, und es wird mir schwer zu glauben, daß er sich so arg verrechnet haben sollte.

Sie sprechen von dem Menschen, dem Doctor Gutmann, sagte der Prinz.

Ja, königliche Hoheit.

Wissen Sie, daß dieser Mann Ihre schöne Cousine heirathen wird?

Ich erfuhr es schon in Nizza.

Und daß der König ihm den Adel verliehen hat?

Ich las es auf dem Rückwege in der Zeitung.

Sie sagen das sehr ruhig. Freilich, Sie müssen sich an Mesalliancen in Ihrer Familie nachgerade gewöhnt haben.

In Henri's Gesicht flammte eine zornige Röthe auf; er hatte eine heftige Erwiederung auf den Lippen, aber er bezwang sich und sagte ruhig:

Königliche Hoheit verkennen mich, wenn Sie annehmen, daß ich das Unglück, das meine Familie in Folge der Extravaganzen meines verstorbenen Vaters getroffen hat, nicht als Unglück in tiefster Seele empfinde. Aber die Gesetze verstatten mir keine Autorität über meine Schwester, und was diesen neuesten – Affront anbetrifft, der meiner Familie angethan ist, so hätte ich die größte Lust, mit den Waffen in der Hand Genugthuung dafür zu fordern, wenn ich diese Waffe nicht zuerst gegen den Bruder meines Vaters wenden müßte.

Verzeihen Sie, lieber Tuchheim, ich habe Sie nicht beleidigen wollen, sagte der Prinz, Henri die Hand bietend, aber mir läuft die Galle über, sobald ich nur den Namen dieses Schuftes erwähnen höre. Indessen, wie ich die Sache ansehe, ist das Alles nur ein Grund mehr, Weber's Mittheilungen für nicht aus der Luft gegriffen zu nehmen. Diese unerhörte Protection eines solchen Menschen – das übersteigt ja doch Alles, was er bis dahin nach dieser Seite geleistet hat. Wissen Sie denn, daß man hier alles Ernstes von einem Ministerium spricht, zu dem Ihr Onkel den Namen und dieser Mensch und der Geheimrath Urban den Verstand hergeben sollen? Ist das nicht, um den Verstand zu verlieren!

Der Prinz lachte laut; aber Henri hörte deutlich genug, wie wenig dem hohen Herrn das Lachen von Herzen kam; auch fuhr er alsbald, die Cigarre mit einer zornigen Geberde wegschleudernd, fort:

Aber Ihr Onkel soll mir das büßen, und jene Schufte sollen es büßen. Was! habe ich mich Jahre lang von solchen Menschen, wie Hey und Genossen, malträtiren lassen müssen, um nun noch dies zu ertragen? Wissen Sie denn, daß der Schuft es wahrhaftig schon zu einer Partei unter dem Adel gebracht hat? daß die alte verrückte Baronesse Barton ihn offen protegirt? daß Ihr Freund, der Marquis de Sade, mit einer ganz französischen Frechheit ihn in einer Gesellschaft bei dem alten Hasseburg den Mann unserer Zukunft genannt hat? Wissen Sie, daß von den frommen Conventikeln, denen Urban präsidirt, ganz systematisch gegen mich agitirt wird? daß man sich sogar nicht scheut, meine Privatverhältnisse einer Kritik zu unterziehen, und die alte Geschichte mit der Eve wieder aufwärmt, mir in den Augen des Publikums zu schaden? wissen Sie das? Zum Teufel, Herr, ich bin ein Mann, der gern seinen geraden, ehrlichen Weg geht; aber das gestehe ich, wenn ich ein Mittel wüßte, dieser Clique ein Bein zu stellen, ich würde es mit dem größten Vergnügen thun.

Henri war nicht oft in der Lage gewesen, so mit ganzer Seele in die Wünsche seines fürstlichen Freundes einstimmen zu können, wie in diesem Augenblicke. Er versicherte seine Bereitwilligkeit, dem Prinzen zu dienen, mit einem Feuer, das sichtbar den besten Eindruck auf diesen machte.

Ich will Ihnen glauben, lieber Tuchheim, rief der Prinz lachend, will Ihnen um so eher glauben, als Sie in diesem Falle nicht minder vor Ihrer als vor meiner Thür fegen. Ich darf Sie doch nicht zu lange auf Ihrem Landrathsposten lassen; nicht wahr? Und nun gehen Sie! Sie werden der Ruhe bedürfen, und ich muß noch in die Oper. Man kann sich jetzt den Leuten nicht oft genug zeigen. Sie können morgen bei mir speisen, lieber Tuchheim; und dann können Sie mir von Ihrer Reise erzählen. Wie geht's denn der jungen Frau? Wo haben Sie sie verlassen? War der Abschied sehr rührend? Nun, wie gesagt, auf morgen, lieber Tuchheim, auf morgen!

Henri stieg die breiten Treppen langsam hinab. Wenn ich ein Mittel wüßte, ihm ein Bein zu stellen, dachte er, ich glaube es gern; wenn ich selbst es nur wüßte.

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