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In Reih' und Glied. Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: In Reih' und Glied. Zweiter Theil - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleIn Reih' und Glied. Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunSechste Auflage
year1883
firstpub1866
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130715
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Neununddreißigstes Capitel.

In der Parkstraße rollten jetzt um die Mittagsstunde nicht mehr die glänzenden Equipagen, denn die Besitzer derselben waren in den Bädern oder sonst auf Reisen, und die Hitze war so groß, daß Diejenigen, welche aus dem einen oder dem anderen Grunde hatten zurückbleiben müssen, sich sorgfältig in die verdunkelten Zimmer schlossen. In den geraden, unendlichen Straßen herrschte die Sonne unumschränkt; der Schattenstreifen rechts oder links an den Häuserseiten war eine schmale Vergünstigung, die sie jeden Augenblick wieder zurücknahm; und der arme Fußgänger, den sein Weg über die weiten Plätze führte, die das Königsschloß umgaben, wischte sich erst noch einmal den Schweiß von der Stirn, bevor er sich in die schattenlose Wüste wagte.

In dem Schlosse selbst, das, auf allen Seiten frei, vom frühesten Morgen bis zum Abend der Sonnengluth trotzbieten mußte, war es wüst und öde. Der gewaltige Bau lag da wie ein Gebirge, auf dessen unnahbar schroffen Felswänden kein Strauch und kein Grashalm fortkommen will. Ueber die inneren Höfe schlich von Zeit zu Zeit ein mürrischer Diener, der aus einem Flügel in den anderen mußte, und an der Wache drückte sich der Posten vor dem Gewehr um das Schilderhaus herum und warf neidvolle Blicke durch das offene Fenster in die Wachstube, wo ein paar Kameraden, die Köpfe auf die Lehne gestützt, auf den Schemel rittlings saßen und schliefen. Sonst ließ sich kein lebendes Wesen sehen, kein Laut vernehmen. Selbst die Spatzen lärmten nur noch in den allerfrühesten Morgenstunden, um die übrige Tageszeit sich in die Mauerlöcher und hinter die steinernen Wappen zu verkriechen; die Krähen hatten es ganz und gar aufgegeben, aus ihren schattigen Wäldern in die sonnegequälte Stadt zu kommen.

Das Schloß stand leer, so gut wie leer. Der König war schon seit vier Wochen fort, die Königin hatte die Stadt wenige Tage später verlassen und war mit dem zweijährigen Prinzen und ihrem ganzen Hofstaate in die Sommer-Residenz übergesiedelt. Keine Kammerherrn-Uniform ließ sich an einem Fenster blicken, keine Hofdamenschleppe rauschte durch die steinernen Corridore, der Officier in der Wache konnte dem Sergeanten ganz ruhig das Aufziehen der Mannschaften überlassen; es kam kein Wagen mehr in den Hof gefahren, vor dem die Wache hätte in's Gewehr treten müssen. In der Schloßküche hatten die paar Köche, die nicht mit auf die Reise genommen oder beurlaubt worden waren, gute Zeit; und wenn nicht das alte Fräulein Sara Gutmann jeden Tag ein besonderes Diner und Souper nöthig gemacht hätte, würden sie ihre Kunst gar nicht haben üben können. Aber Fräulein Sara Gutmann war in diesem Punkte unerbittlich. Fräulein Sara Gutmann aß gern gut und that nicht selten des Guten zu viel, und sie ärgerte sich, daß Silvia so wenig aß und manchmal die Speisen kaum berührte. Freilich war dies nicht der einzige Punkt, in welchem sie sich über Silvia ärgerte; ja sie ärgerte sich eigentlich nur noch über Silvia, so daß es ihr oft sehr schwer und manchmal geradezu unmöglich war, die Maske der Huld und Liebe vor ihrem wahren Gesicht zu behalten.

Wenn ich das gewußt hätte! murmelte Tante Sara oft, wenn sie, was jetzt häufig genug vorkam, in ihrem Zimmer allein war, wenn ich das gewußt hätte!

Es war aber auch wirklich ärgerlich! Anstatt einer Gesellschafterin, die ganz von ihr abhängig war, die sie deshalb nach Gefallen ausschelten und quälen konnte, eine junge Dame bei sich zu haben, auf die man die größten Rücksichten nehmen mußte, Rücksichten nach allen Seiten. Man mußte die Worte berechnen, die Mienen berechnen, denn ein Wort, eine Miene, ein Nichts konnte dies wunderbare Geschöpf beleidigen. Tante Sara hatte gehofft, daß sie, wenn auch nur sehr vorsichtig, sehr allmälig, den alten Ton einer freien Unterhaltung, in der sie eine vollendete Meisterin war, würde wieder aufnehmen können; aber das Mädchen war zu einfältig, zu dumm! Keine Anspielung verstand sie, die witzigste Zweideutigkeit fand bei ihr taube Ohren. Und immerfort über ernste Dinge sprechen – das war denn doch auf die Dauer zu langweilig, ja geradezu unmöglich. Tante Sara fand, daß ihr Vorrath nach dieser Seite hin schnell auf die Neige ging und zuletzt ganz erschöpft war, so daß in der Unterhaltung die peinlichsten Pausen entstanden. Und nun die Lectüre! Tante Sara las selbst sehr gern und ziemlich viel, aber es mußten denn doch Bücher sein, an denen Jemand, der die Welt kennt, Gefallen findet, aus denen er zur Noth noch etwas lernen könnte. Tante Sara hatte gefunden, daß sich zu diesen Zwecken die französische Roman-Literatur, besonders des letzten Viertels des vorigen Jahrhunderts, ganz besonders eignete. Da war Witz, da war Feinheit, da war die intimste Kenntnis der gesellschaftlichen Beziehungen, da war ein prickelnder Reiz, der die erschlafften Nerven auf die angenehmste Weise anregte. Und nun hatte sie die Unvorsichtigkeit begangen, in den ersten Tagen eine leidenschaftliche Vorliebe für deutsche Classiker, zumal für Goethe, an den Tag zu legen, hatte sich so darauf gefreut, mit einer gleichgestimmten Seele die seltener gelesenen Partien der Werke des großen Mannes zu durchstreifen, den zweiten Theil des Faust, die Wanderjahre! O, diese Wanderjahre! Tante Sara wurde fast wahnsinnig über den Wanderjahren! und doch konnte nicht leicht eine Stimme melodischer sein, als die der Vorleserin. Tante Sara gebrauchte die Vorsicht, sich tief in die Causeuse zurück zu lehnen, daß Silvia, wenn sie unversehens einmal vom Buche aufschaute, ihr Gesicht nicht erblicken konnte; sie fühlte, daß sie nicht im Stande war, ihre zornerregten Mienen so schnell in das nöthige Lächeln umzuwandeln.

Das war noch nicht Alles. Selbst auf ihren Umgang hatte Tante Sara zu Gunsten dieses starrköpfigen Mädchens so gut wie verzichten müssen; ja sie lebte jetzt in einer beständigen Angst, wenn sie eine oder die andere Dame, einen oder den anderen Herrn in Silvia's Gegenwart empfangen mußte. So äußerlich höflich Silvia auch war, man sah es ihr deutlich genug an, und sie hatte es, auf Befragen, kein Hehl, daß diese Herren und Damen sie nicht anzogen, daß der Inhalt der Gespräche, die sich fast ohne Ausnahme um ihr unbekannte, in den Hofkreisen bedeutende Persönlichkeiten drehten, sie langweilte. Glücklicherweise konnten jetzt, da die meisten von Tante Sara's Bekannten auf Reisen waren, nur sehr Wenige kommen, und sie hatte also nach dieser Seite hin einige Ruhe.

Freilich blieb noch genug, was Tante Sara ernstliche Sorge machte. Sie hatte sich in nervenschwachen, migränegequälten, dunklen Stunden immer die Möglichkeit vorgestellt, daß die Verrätherei des Castellans Lippert oder irgend ein böser Zufall die Entdeckung ihrer früheren Verbindung mit dem General herbeiführen könnte. Nun war durch das neuliche, so ganz unerwartete Erscheinen Ferdinand's diese Möglichkeit in die unbequemste Nähe gerückt. Sie schauderte, wenn sie dachte, Ferdinand könne diesen Besuch wiederholen wollen – und wozu war der junge Mensch, der allem Anscheine nach rücksichtslos und gewandt genug war, nicht im Stande! Sie hatte nach und nach herausgebracht, was Ferdinand zu diesem Besuch veranlaßt hatte, und diese Entdeckung war wiederum äußerst besorgnißerregend. Ferdinand haßte Leo, hatte Ursache ihn zu hassen; war – woran Tante Sara am wenigsten zweifelte – von dem Willen beseelt, sich zu rächen, und auch wohl der Mann, seinen Willen durchzusetzen. Er hatte offenbar Silvia gegen Leo einnehmen wollen, was wiederum eine sehr genaue Einsicht in die Sachlage und die obwaltenden Verhältnisse verrieth. Es war kein Zweifel, daß er ein sehr scharfes Auge auf Silvia, mithin auch auf sie selbst gerichtet halten würde – Tante Sara's Gesicht verzerrte sich bei diesen Gedanken zu einem Ausdruck, der kaum noch menschlich zu nennen war.

Wäre es nicht besser gewesen, sie hätte das Kind gleich nach seiner Geburt getödtet, als daß es leben sollte, ihr zur beständigen Qual! Was hatte sie daran verhindert, es zu tödten, als die alberne Sentimentalität des Generals, der ihr einredete, wie leicht das Kind an Stelle des eben gestorbenen, wenige Tage älteren Kindes der Frau Lippert unterzuschieben sei: wie leicht – ja wohl! es ist leicht genug, eine Dummheit zu machen, aber sehr schwer, die Folgen dieser Dummheit sein ganzes Leben tragen zu müssen!

Der Geiz gehörte nicht zu Tante Sara's Schwächen. Sie konnte ihr Geld mit vollen Händen ausgeben, wenn es nöthig war, und hier schien es dringend nöthig. Sie stellte dem General eine verhältnißmäßig sehr bedeutende Summe zur Verfügung, um mittelst derselben Ferdinand zu vermögen, sein Glück in Amerika, oder wo sonst immer, wenn es nur in möglichst großer Ferne war, zu versuchen; aber merkwürdigerweise war Ferdinand gegen diese Anerbietungen gänzlich taub geblieben. Er wisse die Güte des Generals vollkommen zu schätzen, aber er ziehe den Aufenthalt in der Residenz jedem anderen Aufenthalt vor. – War das bloßer Eigensinn? oder steckte mehr dahinter? Tante Sara fürchtete sehr das Letztere.

Was war zu thun? Tante Sara bot ihren ganzen Scharfsinn auf; ein paarmal fragte sie sich sogar, ob es nicht das Beste wäre, Ferdinand anzuerkennen; natürlich, indem sie zugleich das Hofleben quittirte, denn der Skandal, in diesen Jahren eine solche Jugendthorheit anerkennen zu müssen, würde sie selbstverständlich aus dem Schlosse treiben. Aber dann: sie war an dies Leben zu sehr gewöhnt, und wenn sie sich auch wirklich ein kleines Vermögen von siebzig- bis achtzigtausend Thalern zurückgelegt hatte, sie konnte sich damit nicht die Hälfte der Annehmlichkeiten bereiten, die ihr durch die Gnade des Königs so mühelos zuflossen. So blieb denn nichts übrig, als Ferdinand weiter zu hassen, wie sie ihn bisher gehaßt hatte, und das war es denn auch, was Tante Sara schließlich that.

Die sehr bedeutende Summe indessen, die sie dem General gegeben, bekam Tante Sara nicht wieder. Der General war fast beständig in Geldverlegenheit; der Castellan Lippert war in letzter Zeit unter dem bekannten Vorwande wiederholt bei ihm gewesen, und dieser Tribut wurde, nach altem Uebereinkommen, vom General und ihr gemeinsam geleistet; schließlich brauchte der General zu der Reise, zu der er durch den Wunsch des Königs so plötzlich sich gezwungen sah, abermals Geld. Bei dieser Gelegenheit erfuhr Sara denn auch die Verlobung Leo's und Josephe's. Der General, der sich bewußt war, diese Angelegenheit sehr selbstständig betrieben zu haben, legte einen großen Nachdruck darauf, daß die Verbindung das Werk des Königs sei, gewissermaßen auf seinen Befehl stattgefunden habe, und er war nicht wenig erfreut, als Sara mit einer ungewöhnlichen Bereitwilligkeit ihre nachträgliche Einwilligung gab. In der That kam ihr die Sache sehr gelegen. Der König hatte beständig wissen wollen, ob Silvia ihren Vetter liebe; sie hatte Seine Majestät über diesen Punkt immer zu beruhigen gesucht; nun war die Schwierigkeit ja auf einmal gehoben. Für ein so tugendhaftes Mädchen, wie Silvia, war von diesem Augenblicke an Leo nur noch ein Freund, und der König durfte wieder hoffen. Hoffen? Sara lächelte ihr hämischstes Lächeln. Gott! es war ja Alles ein unschuldiges Spiel! – Wie würde ich meines Bruders Kind einer wirklichen Gefahr aussetzen? nicht wahr, Excellenz? wir Beide können uns dafür verbürgen, daß Niemandem ein Leides geschieht?

Auf diese Bemerkung Sara's hatte auch der General sein altes Gesicht in lächelnde Falten gezogen und dann mit nachdenklicher Miene gemeint: Ich will nur wünschen, daß die junge Dame uns keinen Strich durch die Rechnung macht und sich den Verlust des Vetters nicht allzusehr zu Herzen nimmt. Denn daß sie ihn liebt, ist wohl unzweifelhaft, und sie scheint mir zu den Personen zu gehören, die Alles so unbequem ernsthaft nehmen.

Ja wohl! unbequem ernsthaft! Sie brachte Tante Sara fast zur Verzweiflung, diese unbequeme Ernsthaftigkeit! Tante Sara hatte genau darauf geachtet: seit der Abreise des Königs und Leo's hatte sie nicht ein einzigesmal gelacht, ja nicht einmal gelächelt. Ahnte sie, daß Leo ihr verloren sei? oder wußte sie es vielleicht schon gar? hatte Leo oder der König selbst es ihr an dem letzten Abend, als man sie so rücksichtslos fortgeschickt hatte, gesagt? Nun, die Sache mußte sich ja bald genug entscheiden; die öffentliche Anzeige, schrieb ihr der General aus dem Bade, würde an einem der nächsten Tage erfolgen. Sie gönnte dem stolzen Mädchen, das ihr so unbequem war und dem sie doch fortwährend schmeicheln mußte, von Herzen den Schmerz, den ihr die Nachricht aller Wahrscheinlichkeit nach bereiten würde. Vielleicht machte überdies die Gewißheit, sich verschmäht zu sehen, die Stolze auch ein Bischen weniger stolz. Edle Seelen werden, wenn sie in der Liebe Unglück haben, um so empfänglicher für die Reize der Freundschaft. Silvia war ja eine edle Seele; auch der König cultivirte in letzterer Zeit den Edelmuth; die beiden edlen Geister mußten sich denn also um so leichter finden.

So bedachte Sara Alles im Voraus, und nur Eins bedachte sie nicht: die Möglichkeit, daß Silvia eines Tages sie wieder verlassen und zu ihrem Vater zurückkehren könnte.

Und doch war die Sehnsucht nach dem Vater, das Verlangen, zu dem Vater zurückzukehren, seine Kniee zu umfassen und womöglich zu sterben, das Einzige, wofür Silvia noch lebte. Sie dachte daran, wenn sie nach kurzem, unruhigem, von wilden Träumen gequältem Schlaf die Augen öffnete und die goldenen Streifen sah, welche die geschäftige Sommersonne durch die Ritzen der Vorhänge in ihr Zimmer warf; sie dachte daran, wenn sie schlummerlos dalag und beobachtete, wie an der Wand das fahle Mondlicht langsam, langsam weiter rückte; sie dachte daran, wo sie ging und stand; sie dachte daran, bis sie von allem Denken dieses einen, einzigen Gedankens fast wahnsinnig wurde. Wie ein gänzlich erschöpfter Wanderer, der sich mühsam auf staubiger, schattenloser Straße weiter schleppt, fortwährend Quellen rieseln und Bäche rauschen zu hören glaubt, so sah Silvia, wenn ihr Auge sich vor der Sonnengluth schloß, die sie von überallher anstierte, immerdar den kühlen Schatten ihres Heimathswaldes, so hörte sie immerdar das Plätschern und Murmeln und das zornige Donnern ihres Baches, wie er die lange Felsentreppe bis zum Bassin herabkam, hier wie geschmolzenes Silber über eine glatte Stufe fließend, um unten in Schaum zu zerkochen, dort in jähem Anprall an einem Felsen sich aufbäumend, und hier wieder in kühnem Strahl durch eine Spalte sich drängend; und immer rastlos, rastlos, und immer frisch und labend mit seinem kühlen, keuschen Athem!

Sonderbar! fortwährend tauchten längstvergessene Bilder der Vergangenheit in ihrer Seele auf, Scenen aus der frühesten Kindheit: wie sie einmal des Morgens früh an des Vaters Hand in den Wald gegangen war und nach den bunten Schmetterlingen gehascht hatte, die vor ihr auf dem grünen Moosgrunde tanzten; wie sie, als der Vater eines Abends von einer Geschäftsreise zurückkam, auf dem Dache der Hundehütte gestanden und: hier ist Silvia, Vater! gerufen hatte, bis der Vater gekommen, sie in seine Arme genommen und geküßt hatte! Und immer war es des Vaters ernstes, braunes Gesicht, das mit den guten, treuen, blauen Augen in diese Geschichten hineinblickte, und immer war es des Vaters Gestalt, die durch diese Geschichten wandelte; und über der lieben Gestalt und dem Kinde, das seine Kniee umspielte, wehten die Zweige der Waldbäume von Tuchheim, und aus der Ferne blickten die abendrothbeleuchteten Berge von Tuchheim still herüber. Ja, wieder ein Kind sein! wieder sein Kind sein!

Was würde er sagen, wenn sie nun aus dem Walde träte? – kein Wort, aber an sein Herz würde er sie ziehen, und sie da lange, lange halten, bis sich der erste drückende Schmerz in Thränen aufgelöst. Jetzt konnte sie nicht weinen; ihre Augen waren starr und trocken, und zwischen den Augen war eine Stelle, die schmerzte, als ob ein heißes Siegel darauf gedrückt wäre, aber es war nur von dem vielen, vielen, immer auf Einen Punkt gerichteten Denken.

Warum bin ich noch hier? das fragte sich Silvia jeden Tag. Was war es, was sie zurückhielt? Sie hatte es anfänglich doch so gut gewußt; aber jetzt wußte sie es gar nicht mehr so gut. Es war, als träumte sie Alles nur, und wäre deshalb nicht im Stande, den einen Grund vom anderen zu unterscheiden, welches der wahre und welches der falsche, oder ob sie nicht vielmehr beide falsch seien; und als brauchte sie nur einen Augenblick aufzuwachen, um Alles sofort klar zu wissen, und könnte doch nicht aufwachen, so sehr sie danach strebte.

Ich liebe Dich nicht!

Es war ihre eigene Stimme, die das immerfort sagte! Aber wie konnte sie selbst das sagen, da es nicht die Wahrheit war? da sie ihn ja doch mit aller Gluth ihrer Seele, mit verzehrender Leidenschaft liebte? Wer war dies unheimliche Schattenwesen, das mit ihrer Stimme sprach? mit ihrer Stimme Dinge sprach, die sie gar nichts angingen, da ihre Seele nichts davon wußte? Die Tante und die alten Damen, die die Tante besuchten, sahen sie manchmal so sonderbar an, als merkten sie wohl, daß sie es nur mit einem Schattenwesen zu thun hätten, das mit einer schattenhaften Stimme Dinge sprach, von denen die Seele nichts wußte.

Oder liebte sie ihn wirklich nicht? Es wäre doch zu seltsam, wenn die Stimme mit solcher Hartnäckigkeit an dem Einen Worte haften sollte, ohne daß etwas Wahres daran gewesen wäre. Die Stimme drückte sich nur vielleicht nicht richtig aus und wollte sagen: Ich liebe Dich nicht mehr. Ja, ja, das war es! Der Mann, der eine Josephe zu seiner Gattin machen konnte, nur weil es in seine politischen Combinationen so paßte, der, ohne mit der Wimper zu zucken, sich öffentlich zu Ansichten bekennen konnte, die er in der Tiefe seiner Seele verabscheute und verachtete, dem nicht die Heiligkeit seines Werkes den Erfolg verbürgte, sondern jedes Mittel recht war, wenn es nur Erfolg hatte – einen Erfolg, den diese schlimmen Mittel gänzlich entheiligten – den Mann liebte sie nicht, hatte sie nie geliebt! Sie hatte den Mann geliebt, der mit der stolzen Stirn und dem stolzen Wort des Propheten vor sie hingetreten war, als er sie nach jener langen Trennung wiedersah; und mehr noch, viel mehr noch – sie wußte es jetzt ganz gewiß – hatte sie den düsteren Knaben geliebt, der sie in der Giebelstube des Försterhauses von Tuchheim Lateinisch lehrte, der an ihrer Seite stand in der Kirche von Tuchheim, als die Orgel brauste und die Staubatome in den schrägen Sonnenstreifen wirbelten, die durch die schmalen, hohen Fenster fielen! Den hatte sie geliebt!

Aber hatte nicht der Mann einfach nur gehalten, was der Knabe versprochen? hatte der Knabe sich je für etwas Anderes gegeben, als für das Werkzeug der Idee, die Gewalt über ihn hatte? je etwas Anderes gewollt, als seinen Willen? Und dies war, was er gewollt? So war sein ganzes Leben ein ungeheurer Irrthum, und so war denn auch ihr eigenes Leben ein leerer, jedes Inhalts beraubter Wahn! War sie wahnsinnig? wahnsinnig geworden? oder war sie es schon längst gewesen?

Nein, sie war es nicht. Sie wußte ja Alles ganz wohl, wußte, daß sie ihn nicht mehr liebte, aber daß sie doch nicht zum Vater konnte, bevor der einst Geliebte zurückgekehrt, bevor der König zurückgekehrt und sie ihm gesagt, daß sie zu ihrem Vater wolle, zu ihrem Vater müsse. Der König hatte ein Herz, das zu begreifen; er würde ihr nicht zürnen, würde ihr Fortgehen Niemandem entgelten lassen. Das war sie sich schuldig. Sie, die sich schon so schuldig fühlte, konnte nicht mit einer neuen Schuld beladen von hier gehen. Es war ja nicht mehr so lange; ihr Kopf würde es wohl noch bis dahin aushalten, und das Herz in ihrer Brust war ja todt.

Nicht ganz; es zuckte seltsam, als sie eines Tages – ganz zufällig, denn sie hatte lange nicht mehr den Muth gehabt, die Zeitungen zu lesen, und einen Brief, in welchem Charlotte es ihr geschrieben, hatte die Tante, wie schon einige von derselben Hand, unterschlagen – las, daß ihr Bruder schon seit Wochen im Gefängnisse sei. Es war ein reactionäres Blatt, welches diese Mittheilung nur machte, um ein paar hämische Bemerkungen über Walter's Zeitung daran zu knüpfen, die sich, wahrscheinlich in Folge der Abwesenheit ihres verantwortlichen Redacteurs, nur um so ungenirter in unverantwortlichen Angriffen gegen alles Heilige ergehe.

Großer Gott! Ihr Bruder, ihr einziger Bruder, mit dem sie ihre Jugend verspielt, ihre ersten Mädchenjahre verträumt, der sie so sehr geliebt hatte, gefangen! Und sie wußte es nicht! Sie wußte nichts von seiner Zeitung? War sie denn wirklich ganz vergessen von den Ihren, ganz ausgestoßen? Aber welches Recht zum Klagen hatte sie! sie!

An demselben Tage nahm Silvia, als es Abend wurde, Hut und Schleier, und ging und kaufte ein Rosenbouquet. Dann fragte sie nach dem Stadtgefängnisse, fragte sich weiter, bis sie zu dem Gitterthor gelangte, das ihren Bruder von der Freiheit ausschloß. Den Pförtner bestach die bange Stimme, mit der die verhüllte Dame ihn fragte, ob er das Bouquet wohl an Walter Gutmann geben könnte, mehr als das Goldstück, das sie ihm durch das Gitter hindurch in die rauhe Hand drückte. Er könne der Dame auch eine Zusammenkunft mit dem Gefangenen verschaffen, es kämen öfter Damen zu dem Gefangenen. Aber das wollte die Dame nicht, sie fragte nur, ob sie wiederkommen und dem Gefangenen Blumen bringen dürfe.

Und seit dem Tage ging sie jeden Abend, zu Tante Sara's nicht geringer Verwunderung und Beunruhigung, aus und kaufte Blumen und brachte sie an das Gitterthor, und schleppte sich dann durch die heißen, dunsterfüllten Straßen zurück nach dem Schlosse.

In dem Schlosse war es plötzlich wieder lebendig geworden. Die Rouleaux an den Fenstern wurden aufgezogen, um die frische Luft in die hohen, öden Gemächer dringen zu lassen; die Prunkmöbel wurden ausgeklopft, die Gaze-Ueberzüge von den Kronleuchtern und Candelabern genommen. Es war die Nachricht gekommen, daß der königliche Herr in Folge der immer drohender werdenden Kriegsaussichten seine Hesperidenfahrt habe aufgeben müssen und schon in wenigen Tagen in seiner Haupt- und Residenzstadt wieder eintreffen werde.

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