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In Reih' und Glied. Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: In Reih' und Glied. Zweiter Theil - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleIn Reih' und Glied. Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunSechste Auflage
year1883
firstpub1866
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130715
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Drittes Capitel.

Silvia hatte, nachdem sie kaum die breite Straße erreicht, einen Fiaker herangewinkt. Nach dem Schlosse!

Vor welcher Seite soll ich halten, Fräulein?

Fahren Sie mich nur nach dem Schlosse.

Ist es hier recht, Fräulein? fragte der Kutscher, als er am Schlosse angelangt war, den Schlag öffnend.

Ich weiß es nicht, es kommt nichts darauf an.

Soll ich warten?

Nein.

Herr meines Lebens, das ist gewiß eine Prinzessin gewesen, sagte der Kutscher, den Thaler, den ihm Silvia gegeben, in der Hand wiegend; sie sah auch ganz curios aus.

Silvia schritt in das Portal hinein. Ein Schloßdiener begegnete ihr.

Zu wem wünschen Sie, meine Dame?

Zu Fräulein Sara Gutmann.

Wollen Sie nur gefälligst hier gleich in den ersten Hof links gehen, die erste Thür, drei Treppen.

Silvia stieg die ziemlich schmalen steinernen Treppen, die auf breitere Flure mündeten, hinauf. Niemand begegnete ihr; keine der vergoldeten Thüren öffnete sich; kein Laut als das Rauschen ihres eigenen Kleides. Oben angelangt, stand sie still, sich umzusehen. Von dem Flur liefen Corridore nach beiden Seiten. Der Treppe gegenüber war an einer der Thüren ein Schild befestigt. Auf diesem Schilde stand: »Fräulein Sara Gutmann. Bitte stark zu klingeln.«

Silvia zog die Glocke und lauschte. Sie hörte nichts – nichts als das Klopfen ihres Herzens.

Eine halbe Minute, die Silvia eine Ewigkeit dünkte, verstrich. Sie wollte eben zum zweitenmale schellen, als sie hörte, daß innen von der Thür der Riegel zurückgeschoben wurde. Ein auffallend hübsches, zierlich, fast kokett gekleidetes Dienstmädchen erschien in der halbgeöffneten Thür.

Ich wünsche zu Fräulein Sara Gutmann.

Das Fräulein ist um diese Zeit für Niemand zu sprechen.

Bringen Sie ihr diese Karte, und fragen Sie, wann ich wiederkommen darf.

Das Mädchen warf einen Blick auf die Karte und sah dann Silvia mit einigem Erstaunen an. Wollen Sie gefälligst näher treten, Fräulein; ich will Ihnen sogleich Antwort bringen.

Sie schloß die Thür hinter Silvia und öffnete ihr eine andere, die aus dem kleinen Vorplatz in ein großes Gemach führte.

Das Gemach war niedrig im Verhältniß zu seiner Größe und erschien noch niedriger durch die schwere Stuccatur des Plafond. Der Fußboden war mit dicken Teppichen bedeckt, zu deren modernen Mustern die alterthümlichen Möbel aus geschnitzten, und künstlich geschwärztem Eichenholze nicht recht passen wollten. Auf dem breiten Sims des Kamins stand eine Uhr aus der Zeit des Rococo, in Form eines phantastischen Tempels, um dessen Malachitsäulen goldenes Weinlaub rankte und goldene Amoretten kletterten. Die Luft in dem Zimmer war drückend und von einem eigenthümlichen Parfüm durchduftet, der Silvia das Athmen erschwerte.

Oder war es nur die fieberhafte Aufregung, in der sie sich befand, und die sie dadurch zu beschwichtigen suchte, daß sie ihre Aufmerksamkeit auf die Gegenstände um sich her richtete? Sie wollte stark, sie wollte ruhig sein. War doch dieser Schritt nicht in einer momentanen Wallung von ihr beschlossen, sondern das Resultat des langen schmerzlichen Nachdenkens von heute Morgen, wo sie die Nachricht von Leo's Verhaftung in der Zeitung gelesen hatte, bis zu diesem Augenblicke. Sie hatte ihr Gehirn zermartert, ein Mittel zu finden, wie sie ihm helfen könne, dem Niemand helfen wollte. Sie hatte keins, keins gefunden – als dies.

In der Uhr auf dem Kamin, an dem sie, den Arm aufgestützt, stand, fing es an zu schnarren und zu klirren; ein Elfenbein-Gerippe trat in den offenen Raum des Tempels und holte mit der Sense zum Schlage aus. Silvia fuhr mit einem leisen Schrei vom Kamin zurück.

O, ich habe Sie erschreckt, sagte das hübsche Mädchen, das plötzlich neben ihr stand; bitte um Verzeihung! Mein Fräulein läßt Sie bitten, näher zu treten. Wollen Sie die Gewogenheit haben, mir zu folgen?

Das Mädchen strich sich über das blendend weiße Schürzchen und lächelte. Als sie aber vor Silvia her durch das Zimmer ging, verzog sie höhnisch den Mund und lächelte dann wieder, als sie Silvia die Thür zu einem zweiten Gemache öffnete, das von ähnlicher Größe wie das erste und ähnlich ausgestattet war. Silvia kam es vor, als ob die Luft hier noch drückender wäre und der eigenthümliche, berauschende Duft noch energischer.

Das Mädchen blieb abermals vor einer Thür stehen und sagte: Hier finden Sie das Fräulein.

Ein Lichtglanz, der von vielen rings im Zimmer auf Candelabern und Armleuchtern brennenden Kerzen ausging, strömte Silvia entgegen. In der Mitte des Gemaches zwischen der Thür und zwischen dem mit Sophas und Fauteuils umgebenen Tisch, auf dem eine sehr große und schöne Lampe brannte, stand eine mit sonderbaren Gewändern drapirte Gestalt, die sich auf einen Stock stützte und der Eintretenden die andere Hand weit entgegenstreckte.

Sei mir herzlich willkommen, mein liebes Kind! Das ist so lieb von Dir, daß Du Dich endlich einmal nach Deiner alten Tante umsiehst. Sei mir herzlich willkommen!

Und sie zog Silvia, die ihre zitternde Hand in ihre Hand gelegt hatte, zu sich heran und küßte sie auf die Stirn.

Nun hilf mir wieder auf meinen Platz zurück, mein liebes Kind. Du triffst mich gerade heute etwas leidend. So, danke, danke tausendmal! Wie lieb Du zu führen verstehst! Danke tausendmal! Lisette! Nimm dem Fräulein den Shawl ab und den Hut, und trage die Sachen in das Nebenzimmer, und – höre Lisette!

Fräulein Gutmann flüsterte dem Mädchen etwas in's Ohr; das Mädchen entfernte sich.

Silvia hatte der Tante auf eine Causeuse, auf der sie vorher gelegen haben mochte, geholfen und mußte sich nun in ihre unmittelbare Nähe auf einen der Fauteuils setzen. Die Tante hatte wieder ihre Hand ergriffen und sagte:

O, ein wie großes, schönes Mädchen Du bist! und welch prachtvolles Haar Du hast! Es ist ja eine Lust, Dich anzusehen! Ich hätte Dich kaum wieder erkannt. Du mich auch wohl nicht? Am Abend bei Kerzenlicht sieht man so ganz anders aus. Bei mir ist es, wie Du siehst, schon Abend; ich kann das Dunkel nicht leiden, und die Dämmerung am wenigsten, da meine armen, alten Augen um die Zeit fast erblinden. Deine großen Augen wissen von solchen Leiden nichts. Ach! wie mich Deine Augen an die Vergangenheit mahnen. Das sind die Augen meiner lieben, seligen Mutter, Deiner Großmutter. Sie hätte sich die schönen Augen blind geweint, wie ich, wenn sie gewußt hätte, daß die Kinder, die ihre Kniee umspielten, sie nicht mehr kennen würden.

Sara drückte ein Taschentuch gegen ihr Gesicht, und eine Wolke von dem Parfüm, mit dem die ganze Wohnung erfüllt war, strömte Silvia entgegen. Sie wollte etwas erwiedern, aber die Zunge war ihr wie gelähmt. Der Glanz der vielen Lichter, die üppige Ausstattung des Gemaches mit den kostbarsten Möbeln, die weinende alte Dame vor ihr in ihrem Schlafrock von violettem Sammet und mit der sonderbaren, turbanähnlichen Kopfbedeckung, unter der einige graue Löckchen hervorquollen – das Alles berührte sie so seltsam-phantastisch, daß sie nur mit der größten Anstrengung ihre Gedanken zu sammeln vermochte.

Die Tante nahm das Tuch wieder von den Augen, lächelte und sagte, indem sie sich abermals Silvia's Hand geben ließ: Aber hier ist ja kein Grund zum Weinen, nur ein Grund zur Freude, daß ich endlich, endlich ein liebes Kind aus meiner Familie in meinen Armen halte. Denn unsere neuliche Begegnung war doch nur ein glücklicher Zufall. Dies aber ist kein Zufall. Dies ist der Frieden, die Aussöhnung mit meiner Familie, die mir ein Engel bringt.

Verzeihen Sie, liebe Tante –

Nein, liebes Kind, das kann ich nicht verzeihen! Sie zu mir! der Schwester Deines Vaters –

Verzeihe!

O, das ist so lieb von Dir! was wolltest Du sagen, Kind?

Ich wollte sagen, daß ich nicht im Auftrage des Vaters komme, sondern aus freiem Antrieb –

Ein Schatten flog über die welken Züge der alten Dame. Nicht von Deinem Vater! Nun, so sollst Du mir für Deine Person doppelt und dreifach willkommen sein. Ich will Dich das Unrecht, das die Deinen an mir gethan haben, nicht entgelten lassen.

Sie sind – Du bist sehr gütig, liebe Tante; aber auch ich, obgleich ich den Familienzwist tief beklage, dessen Ursache ich nicht einmal kenne, oder nur sehr mangelhaft kenne – ich weiß nicht, ob ich im Stande gewesen wäre, mich von dem so früh eingesogenen Vorurtheil frei zu machen, wenn ich nicht ein Anliegen an Dich hätte, eine Bitte, von der ich allerdings nicht weiß, ob Du im Stande bist, dieselbe zu erfüllen.

Du machst mich neugierig, Kind! sagte die Tante, indem sie sich in die Ecke der Causeuse zurücklehnte und die Augen mit der flachen Hand gegen das Licht schirmte, so daß ein Schatten auf ihr Gesicht fiel; in der That sehr neugierig.

Der Ton, in welchem sie diese Worte sprach, war weit weniger herzlich, und Silvia hörte das wohl.

Ich habe nie, soviel ich weiß, eine Unwahrheit gesprochen, sagte sie, und in diesem Falle würde auch jeder Versuch dazu vergeblich sein, weil ich Dir doch im nächsten Augenblicke die Wahrheit bekennen müßte. Auch betrifft meine Bitte nicht mich, aber doch einen aus unserer Familie, und das hat mir vorzüglich den Muth gegeben, mich an – an Dich zu wenden.

In der That – sehr neugierig! murmelte die Tante, die noch immer in derselben Stellung verharrte.

Du hast gewiß in den Zeitungen gelesen –

Nicht wohl möglich, ma chère! Ich lese nie Zeitungen – Silvia entsank der Muth. Wie sollte sie sich der Tante verständlich machen? wie das Interesse derselben erwecken für eine Sache, die sie nicht kannte? für einen Mann, der ihr fremd war?

So haben Sie – so hast Du vielleicht doch von Leo gehört – dem Sohne von Onkel Anton – meinem Vetter, Deinem Neffen? Sein Name ist jetzt soviel genannt worden –

Leo? Leo Gutmann? sagte die Tante; das ist doch nicht am Ende gar der Doctor Gutmann, der Demokrat, der –

Derselbe, Tante! Sie haben ihn in's Gefängniß geworfen; er hat Niemand, der ihm hilft, der ihm helfen will. Und doch ist seine Sache die edelste, die reinste, die je ein Mensch verfochten hat. Er wollte eine Deputation von Arbeitern aus Tuchheim zum Könige führen, damit die armen Leute dem Könige ihre Noth klagen könnten, denn vom Könige allein, sagte Leo, könne ihnen die Rettung kommen. Seine Feinde wußten, daß er die Wahrheit sprach, und weil sie das wußten, und ihm den Triumph nicht gönnten, haben sie ihn in jeder erdenklichen Weise verleumdet und es endlich so weit gebracht. Der König weiß gewiß nicht, daß Leo unschuldig ist, daß Leo im Begriffe stand, ihm und dem Lande den höchsten Dienst zu leisten. Wüßte er es, könnte er es erfahren – o gewiß! nicht eine Stunde brauchte Leo noch länger im Kerker zu schmachten. Und da habe ich nun gedacht: Du, Tante, gegen die der König ja so gnädig sein soll, Du könntest ihm sagen, was er sonst von Niemandem hört. Es ist ja doch eine Möglichkeit, daß der König so in den Besitz der Wahrheit kommt. Sie sagen mir, Tante, Du habest seine ersten Schritte im Leben geleitet, habest ihn den ersten freien Gebrauch der reichen Kräfte gelehrt, welche die Natur in ihr Geschöpf legte. Die Wohlthat ist groß, wie klein sie scheint, und er ist gut und edel genug, sie Dir noch bis auf den heutigen Tag zu danken. Was aber ist diese Wohlthat im Vergleich mit der, die Du ihm jetzt erzeigen würdest, wenn Du ihm die Wahrheit brächtest, und mit der Wahrheit den Schlüssel zu der ganzen, von ihm wohl kaum geahnten Fülle seiner Macht! Dann würde er ein König sein, königlicher als je ein König war. Millionen und Millionen der jetzt lebenden Menschen und der nachwachsenden Geschlechter würden seinen Namen und sein Andenken segnen. Tante, Tante – das ist Alles ja kein leerer Traum; es fehlt ja so wenig zur Verwirklichung: nur eine Menschenseele, die, über alle kleinlichen Bedenken hinweg, sich nicht schämt und sich nicht fürchtet, die Wahrheit dem zu sagen, der sie gewiß so gern vernehmen würde, und vom Schicksal verurtheilt ist, sie nie zu hören. Eine solche Menschenseele, Tante – wäre denn das wirklich eine so große Seltenheit?

Ja, schönes Mädchen – eine große Seltenheit! rief eine helle Stimme ganz in der Nähe.

Sara fuhr mit einem leisen Schrei aus ihrer Ecke heraus; auch Silvia, die in der Erregung von ihrem Platze sich erhoben hatte, wendete sich um, aber ohne Schrecken. Die Gluth, die sie beseelte, lag noch auf ihren Wangen; mit den großen, leuchtenden Augen sah sie auf den Mann, der vor einigen Minuten leise in das Zimmer getreten war und jetzt dicht neben dem ovalen Tische, an welchem sie gesessen hatte, stand.

Eine große Seltenheit, wiederholte er, eine so große Seltenheit, daß ich fast daran zweifle, selbst Sie würden dem Könige das Alles, was Sie eben Ihrer Tante sagten, mit demselben Freimuth wiederholen.

So wäre es denn ein Glück, daß es der König schon gehört hat und ich es also nicht zu wiederholen brauche.

Silvia sagte das mit sanfter, leiser Stimme, indem sie, das Haupt beugend und die beiden Hände langsam herabsinken lassend, einen Schritt zurücktrat.

Des jugendlichen Königs lichte Augen weilten noch einen Moment auf der schönen Gestalt, dann wendete er sich lachend zu Sara, die sich, Verlegenheit in den Mienen, an der Lehne des Sopha's hielt.

Lassen Sie es gut sein, liebe Sara! Ihre Lisette ist nicht schuld; sie hat ganz gute Wache gehalten und hatte nur das Unglück, auf ihrem übereilten Rückzuge zu stolpern, so daß ich sie überholen konnte. Sie müssen nämlich wissen, mein Fräulein, daß ich mir das Vergnügen, bei Ihrer geistreichen Tante ein Stündchen zu verplaudern, nur mit einer gewissen romantischen Heimlichkeit verstatten kann und mir Ihre Tante die Freundlichkeit erweist, um diese Zeit jeden Besuch, außer dem meinigen, abweisen zu lassen. Meine Neugier, die erste Ausnahme von dieser Regel kennen zu lernen, an der wir nun schon jahrelang unverbrüchlich festgehalten haben, war also verzeihlich genug, und meine Neugier wuchs, als ich hörte, daß dieser seltsame Besuch eine junge Dame sei, die ja eigentlich eine alte Bekannte von mir war. Ja, ja, liebe Gutmann, Ihre schöne Nichte und ich sind alte Bekannte. Sie brauchen sich des Zusammentreffens nicht zu erinnern, mein Fräulein, denn Sie waren damals noch ein halbes Kind; ich war etwa fünf oder sechs Jahre älter, und Könige, wissen Sie, haben das meistens sehr traurige, in diesem Falle aber sehr freundliche Vorrecht, nichts vergessen zu dürfen. Mein Gedächtniß ist nun besonders königlich, und so erinnere ich mich denn jenes Nachmittags mit allen Einzelheiten. Sie hatten ein weißes Kleidchen an – das heißt später; zuerst trugen Sie ein blaues, und das weiße war Ihnen erst hernach, in aller Eile vermuthlich, angezogen worden. Die Haare trugen Sie frei, wie jetzt auch, aber länger, däucht mir; ich weiß auch. daß ich Sie um eine Locke bat und Sie mir die Bitte abschlugen, was ich Ihnen sehr übel nahm. In unserer Gesellschaft waren außer Ihrem Vater, einem würdigen, wackeren Manne, ein paar Knaben. Der Eine war Ihr Bruder – ein hübscher gefälliger Junge; der Andere mochte ein paar Jahr älter sein, oder sah wenigstens mit seiner braunen Gesichtsfarbe und seinen dunklen Augen älter aus. Es war ein merkwürdiger Kopf; ich sehe ihn in diesem Augenblicke so deutlich, als wäre es gestern, daß ich mit ihm – Ihretwegen, mein Fräulein – in Streit gerieth. Ich schlug den armen Burschen, glaube ich; es hat mir hernach sehr leid gethan, und ich habe oft gewünscht, ich könnte mein Unrecht wieder gut machen.

Sie können es, Majestät! rief Silvia; Sie können es!

Der König wendete sich schnell zu Sara:

Warum sagten Sie mir nicht, Sara, daß der junge Mann, dessen Agitation gerade jetzt ein gewisses Aufsehen erregt, Ihr Neffe sei?

Meine Tante wußte es bis zu diesem Augenblicke nicht, Majestät.

Oder wollte es nicht wissen – gleichviel. Was ist denn aus ihm geworden? Er ist im Gefängniß, sagten Sie? Seit wann?

Seit gestern Abend, Majestät.

Und weshalb?

Ich weiß es nicht mit Bestimmtheit. Die Blätter haben nur das Factum selbst berichtet, nicht, was man ihm zur Last legt.

Nun, die Sonne wird auch das wohl an den Tag bringen. Aber, meine Damen, bedenken Sie wohl! Was Sie da wünschen, ist nicht so leicht zu erfüllen, selbst für einen König nicht. Wir leben in einem gesetzlichen – ja, was sage ich! – in einem constitutionellen Staate. Jetzt kann man nicht mehr den Harun al Raschid spielen. Jetzt ist der Staatsanwalt der allmächtige Mann, vor dem sich die Majestät beugen muß. Bringen Sie mich nicht mit meiner Staatsanwaltschaft in Conflict, liebes Fräulein!

Der König lachte; es war kein herzliches Lachen. Er hatte sich in einen Fauteuil fallen lassen. Silvia stand – zum erstenmale während dieser wunderlichen Unterredung – befangen da. Sie war dem Könige gegenüber, so lange er ernsthaft mit ihr sprach, nicht um Worte verlegen gewesen; dem Lachenden wußte sie nichts zu sagen.

Sara hatte eine sehr aufmerksame stumme Beobachterin der ganzen Scene abgegeben. Jetzt wendete sie sich mit Lebhaftigkeit zu Silvia und sagte, indem sie ihr die eine Hand auf die Schulter legte:

Sei ruhig, liebes Kind! Die Sache ist in den besten Händen. Ich kenne das gute Herz und den edlen Sinn des Königs zu genau. Nicht wahr, Majestät, ich darf es wagen, dem armen Kinde Hoffnung zu machen, daß Sie sich unseres Verwandten annehmen? Und nun, liebes Kind, geh, damit man Dich im Hause des Freiherrn nicht vermißt. Geh, vertraue ihm, der die Macht und den Willen hat, dem Hilfesuchenden Hilfe zu gewähren.

Der König warf einen unwilligen Blick auf Sara, verneigte sich dann aber lächelnd gegen Silvia, die sich mit der hübschen Kammerjungfer, die auf den hellen Ton einer silbernen Glocke sofort erschienen war, entfernte.

Die Thür hatte sich kaum hinter Silvia geschlossen, als der König rief: Weshalb schickst Du die junge Dame fort? Keine Ausflüchte! Du hast Dich geärgert, daß ich nur mit ihr und nicht mit Dir sprach, als ob ich das letzte Vergnügen nicht alle Tage haben könnte!

Er machte hastig die letzten Knöpfe an seinem Uniformrock auf und schlug die Aufschläge weit zurück, riß auch die weiße Weste zum Theil auf.

Ach! Da langweilt man sich ein paar Stunden an der Tafel, und wenn man sich dann einmal erholen will, steckt eine übereifrige Duenna ihre lange Nase dazwischen. Warum hast Du die Donna fortgeschickt, frage ich.

Damit sie morgen wiederkommt, Majestät. Darf ich mich setzen, Majestät?

Ich wüßte nicht, weshalb Du Deine Unverschämtheiten nicht auch sitzend vorbringen könntest. Meinst Du, sie wäre nicht wiedergekommen, wenn ich mich länger mit ihr unterhalten hätte?

Ja, Majestät!

Und der maliciöse Grund dieses maliciösen Ja?

Weil Majestät um diese Stunde gewohnt sind, ein Glas Thee zu nehmen, und dann eine ernsthafte Unterhaltung, wie die junge Dame sie wünschte, gar nicht lieben. Darf ich den Thee bringen lassen, Majestät?

Der König antwortete nicht. Eine gewisse Röthe, die von Anfang an auf seiner hohen Stirn gelegen hatte, trat jetzt noch mehr hervor. Seine großen blauen Augen nahmen einen starren Ausdruck an, während er unverwandt auf die Spitzen seiner Füße, die er weit von sich gestreckt hatte, blickte. Er sah nichts davon, daß Lisette mit geräuschloser Gewandtheit die Theesachen auf den Tisch stellte und Sara ebenso den Thee bereitete. Mechanisch nahm er von dem Teller, den ihm Sara präsentirte – das Mädchen hatte sich sogleich wieder entfernt – das nur halb gefüllte Krystallglas und goß aus der Flasche auf dem Teller reichlich Arrak hinein, nahm mechanisch ein paar Züge des dampfenden Getränkes und sagte dann, wie aus einem Traum erwachend:

Es war eine sonderbare Scene; ich schlug ihn in's Gesicht, daß das Blut aus den Lippen sprang. Und Du hast wirklich nicht gewußt, Sara, daß dieser Doctor Gutmann Dein Neffe ist?

Ich schwöre es, Majestät. Bin ich doch seit Jahren außer allem Zusammenhang mit meiner Familie.

Ich erinnere mich, Du sagtest mir früher davon. Was war der Grund, daß Ihr auseinander kamt?

Mein Bruder, der Vater dieses schönen Mädchens, ist ein wunderlicher Mann mit beschränktem Kopf und unbegrenzten Vorurtheilen. Er konnte es mir nicht vergeben, daß ich gegen seinen Willen in die Stadt zog, und hat nie glauben wollen, daß es bei meiner Laufbahn, die so über alle seine Begriffe glänzend wurde, mit rechten Dingen zugegangen sein könne. Indessen scheint er in den letzten Jahren etwas vernünftiger in diesem Punkte zu denken; wenigstens hat er diese Tochter im Hause des Freiherrn von Tuchheim erziehen lassen, wo sie, so viel ich weiß, noch heute lebt. Der Freiherr liebt sie, höre ich, wie ein eigenes Kind, und sie könnte dort leicht eine glänzende Fortune machen, nur daß die Angelegenheiten des Freiherrn sehr schlecht stehen, hauptsächlich in Folge des Streites mit seinen, Schwager, dem Bankier von Sonnenstein.

Welches Streites? Du bist heute entsetzlich confus.

Differenzen wegen des Antheils, den Jeder an den Tuchheimer Fabriken haben will; ich erzählte Majestät schon früher davon. In diesen Streit hat sich denn auch, wie es scheint, mein Neffe gemischt. Zuletzt hat es sich um eine Deputation der Tuchheimer Arbeiter gehandelt, die mein Neffe Majestät zuführen wollte. Wie es nun geschehen ist, daß der junge Mann dabei seine Freiheit eingebüßt hat, und ob es Majestät wirklich möglich sein wird, den Wunsch des schönen Mädchens zu erfüllen und etwas für ihren Vetter zu thun –

Sara's Blicke hatten, während sie dies Alles im leichten Conversationston vorbrachte, mit der gespanntesten Aufmerksamkeit in den Mienen des jungen Königs gelesen, ob es ihr wohl gelingen würde, die fingirte Unbekanntschaft mit der Angelegenheit Leo's, die sie durch den General von Tuchheim bereits sehr genau kannte, zu behaupten. Der General hatte ihr dringend gerathen, den Leo, der ein sehr gefährlicher Mensch scheine, so lange es gehen würde, zu verleugnen. Das hatte sie auch anfänglich Silvia gegenüber gethan. Jetzt wollte sie versuchen, ob die Sache sich nicht mit größerem Vortheile anders wenden lasse. Gewiß, daß man durch Protection Leo's sich Silvia's Dankbarkeit sicherte und so vielleicht ihr alter Lieblingswunsch, das Mädchen zu sich zu nehmen, in Erfüllung ging. Aber man mußte sehr vorsichtig zu Werke gehen.

Der König hatte sich sein Glas zum zweitenmale füllen lassen und schlürfte den Inhalt so hastig, als es die Hitze des Getränkes erlaubte.

Was soll ich für ihn thun? sagte er mit leichtem Achselzucken.

Vielleicht ihn sich einmal kommen lassen und hören, was er will. Sein Vater war ein eminent gescheidter Mensch – Und seine Tante ist auch nicht auf den Kopf gefallen – Wenigstens hatte Majestät wiederholt die Gnade, mir dieses Zeugniß auszustellen. Solche Leute, wie mein Neffe, haben manchmal einen oder den andern geistreichen Gedanken, und da Majestät immer behauptet, mit dieser Waare von Ihrer officiellen Umgebung nicht allzu reichlich versehen zu werden –

Nein, bei Gott, ich müßte grausam lügen, wenn ich es anders sagen wollte, rief der König, halb ärgerlich, halb lachend. Die Menschen werden wahrlich von Tag zu Tag stupider. Dein alter Protégé, der General Tuchheim, fängt auch an, stumpf zu werden. Gott! Und der Mann war bisher noch mein Salz. Wenn nun auch noch dies Salz dumm wird, womit soll man salzen! Mein Hey-Fisch mit seinen grünen Glotzaugen metamorphosirt sich immer mehr zum reinen Stockfisch; Messenbach war schon zu meines Vaters Zeiten ein Esel, und seine Ohren sind seitdem nicht kürzer geworden.

Majestät zupfen vielleicht zu viel daran, warf Sara ein.

Was soll man mit dem Gethier machen! Sie langweilen mich, daß ich manchmal rasend werden könnte; soll ich sie dafür nicht hudeln? Diese Freiheit bin ich so frei, mir zu nehmen, obgleich sie mir, so viel ich weiß, durch keinen bestimmten Verfassungsparagraphen verbürgt ist. Verantwortliche Minister nennt man das! Na, meinetwegen, ich möchte ihre Dummheiten auch um keinen Preis der Welt zu verantworten haben. Das Beste daran ist, daß diese Menschen die sogenannte Verfassung noch vollends in Mißcredit bringen und daß die Leute endlich froh sein werden, sich allen Ernstes von mir regieren zu lassen.

So hätte Majestät doch vielleicht gar nicht so übel gethan, wenn sie die Arbeiterdeputation angenommen hätte, warf Sara ein.

Ja, mein Gott! rief der König, sie wollten es ja nicht, der Hey-Fisch und die anderen Salamander und Molche.

Es wäre eine hübsche Gelegenheit gewesen, einmal direct zu dem Volke zu reden, eine Gelegenheit, die Majestät gewiß meisterhaft ausgebeutet haben würde.

Und würde nebenbei die Molche so geärgert haben! Aber warum kommst Du mir jetzt damit, da es zu spät ist?

Ich wußte nicht, daß der Führer der Leute mein Neffe war, Majestät. Der arme Junge! Nun haben sie ihn eingesperrt, gewiß aus keinem andern Grunde, als um ihn aus dem Wege zu räumen!

Sehr wahrscheinlich! Aber man hat mir ihn als einen greulichen Demagogen geschildert, und wenn er wirklich mit dem schwarzbraunen Jungen identisch ist –

Majestät, lassen Sie sich einmal den schwarzbraunen Jungen kommen; ich sterbe vor Begierde, das seltsame Geschöpf kennen zu lernen!

Wie ist das anzufangen?

Befehlen Sie, daß man ihn wieder frei giebt, und lassen Sie ihn sich vorstellen. Majestät wissen: aus den Wolken muß es fallen, aus der Götter Schooß das Glück!

Nun, meinetwegen, rief der König aufspringend; ich will ihn mir einmal ansehen, und wäre es auch blos, um Hey und seine Compagnie zu ärgern. Wie viel ist die Uhr?

Halb acht, Majestät!

Schon! So ist es ja die höchste Zeit, daß ich meinen officiellen Nachmittagsschlaf beende. Ach, wie das wohl gethan hat!

Der König reckte und dehnte sich in der närrischsten Weise, wie Jemand, der aus einem tiefen Schlaf erwacht. Sara lachte, der König stimmte ein, indem er sich dabei mehrmals tief verneigte und rief: »Adieu, liebwertheste Prinzessin aus Tausend und Eine Nacht! Adieu, alter Drache, treue Hüterin des Schatzes meiner gelegentlichen heimlichen Freuden.«

Sara erwiederte, auf ihren Stock gestützt, die Verneigungen mit wunderlicher Grandezza und antwortete:

Adieu, liebwerthester Prinz von tausend und einigen Tagen! Adieu, junger Held, erhabener Gegenstand meiner beständigen mütterlichen Sorgen.

Der König lachte unmäßig und warf der alten Dame Kußhände zu, während er sich nach der Tapetenthür bewegte, die in dem Hintergrunde des Gemaches, von der Wand kaum zu unterscheiden, angebracht war.

Als er die Thür erreicht hatte, wendete er den Kopf noch einmal über die Schulter und rief:

À popros! Wie heißt Deine Nichte?

Silvia, Majestät!

Ein schöner Name für ein schönes Mädchen! Du sorgst dafür, daß ich sie wieder bei Dir treffe. Bon soir!

Die Thür schloß sich hinter dem Könige. Sara ließ sich wieder in ihrer Causeuse nieder und starrte vor sich hin. Der Ausdruck von Schalkhaftigkeit und guter Laune, der während der Anwesenheit des Königs fortwährend auf ihren Zügen gelegen hatte, war gänzlich verschwunden. Sie sah mit einemmale zwanzig Jahre älter aus. Ihr kranker Fuß, auf dem sie so lange hatten stehen müssen, schmerzte sie sehr; sie murmelte unwillig: Verdammte Narrenspossen! Und er wird mit jedem Tage anspruchsvoller! Aber die Silvia muß ich haben. Eine Zeitlang hielte es doch vor, und es wäre etwas Anderes, als die dummen Dinger, die ihn nach acht Tagen langweilen. Er hat die Lisette heute nicht einmal angeblickt, und neulich schwur er, er habe nie ein hübscheres Mädchen gesehen. Es wird sich schwer machen lassen. Aber es wird sich machen lassen. Warum löscht denn die Gans die Lichter nicht aus! Soll ich am Ende gar für mich selbst Comödie spielen! Lisette! Lisette!

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