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In Reih' und Glied. Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: In Reih' und Glied. Zweiter Theil - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleIn Reih' und Glied. Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunSechste Auflage
year1883
firstpub1866
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130715
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Siebenunddreißigstes Capitel.

Zu derselben Zeit, als Leo das Haus des Bankiers verließ, war der König zu der Tante Sara und Silvia in den Salon getreten. Er fragte, als er kaum Platz genommen, mit hastiger Stimme nach einigen Briefen, die er noch als Kronprinz an Sara gerichtet hatte, ob Sara die Briefe noch besitze? Er habe ein Interesse daran, die Handschrift jener Briefe mit seiner jetzigen Handschrift zu vergleichen.

Tante Sara hatte mit einem Lächeln um die schmalen Lippen das Zimmer verlassen; der König wendete sich mit Lebhaftigkeit zu Silvia und sagte: Ich habe Ihre Tante weggeschickt, weil ich mit Ihnen allein zu sein wünsche; ich reise morgen früh.

Sie antworten nicht, fuhr er nach einer Pause in gereiztem Tone fort, es ist Ihnen natürlich ganz gleich, ob ich hier bin oder nicht hier bin; ob ich lebe oder todt bin; ich habe selbstverständlich nicht das Recht, Ihre Theilnahme so weit beanspruchen zu können.

Silvia hob die Augen. Ich bin mir nicht bewußt, Majestät, diesen Vorwurf verdient zu haben.

Bewahre, sagte der König, Vorwürfe verdiene ich nur, und verdiene sie nicht nur, sie werden mir auch gemacht, natürlich nicht mit directen Worten, aber mit indirecten Blicken, mit rothgeweinten Augenlidern, mit einer Stimme, die von heimlichen Thränen verschleiert ist. Man kennt das – man kennt das! Freilich, freilich! Das Opfer ist auch zu groß! Einem Monarchen, der unter der schweren Last, die Gott auf seine Schultern legte, fast zusammenbricht, die Dornenkrone einmal für eine Minute vom Haupte zu nehmen, oder ihm einen Labetrunk an die verdürstenden Lippen zu halten – das ist natürlich viel zu viel! Die Tage des »armen Heinrich« liegen weit hinter uns. Ich soll Sie also wirklich, wenn ich zurückkomme, hier nicht wiederfinden? Sie wollen wirklich fort? Silvia erschrak.

Es ist über mein Bleiben noch nichts entschieden, antwortete sie in großer Verwirrung. Nach einer kleinen Pause hob sie den Kopf und sagte, den König anblickend, mit sanfter, trauriger Stimme: Ich will es Majestät nicht verhehlen, da Sie mich nun doch einmal fragen. Ich habe in diesen Tagen oft daran gedacht, meinen Besuch bei der Tante nicht weiter zu verlängern. Ich kann nicht leben, wenn ich nicht wirken kann, und es will mich bedünken, daß, wenn ich fortgehe, mich Niemand hier eben missen würde.

Seit wann haben Sie denn gelernt, nicht die Wahrheit zu sagen? fragte der König mit ungeduldigem Kopfschütteln. Sie wissen recht gut, daß Sie nicht überflüssig sind, wissen, daß wir Alle Sie schwer entbehren würden, und am schwersten Ihr König. Aber das ist es nicht. Soll ich Ihnen sagen, was Sie forttreibt? Sie können es nicht mit ansehen, daß Ihr Vetter mit jener bewunderungswürdigen Consequenz, die ihn in seinem Denken und Handeln auszeichnet, und in dem lobenswürdigen Streben, sich in der exceptionellen Stellung, die er meiner Gnade verdankt, zu befestigen, einen Schritt thut, den er über kurz oder lang thun mußte. Ist es nicht so? Aber ich will die Wahrheit wissen – die Wahrheit!

Ich habe keineswegs die Absicht, meiner Gewohnheit, die Wahrheit zu sagen, untreu zu werden; aber ich versichere, daß ich nicht das Glück habe, den Sinn der Worte Euer Majestät zu errathen.

Und doch sagen Sie das mit so bleichen Lippen? fragte der König, Silvia, um seiner Kurzsichtigkeit zu Hilfe zu kommen, mit weit vorgebogenem Kopfe starr in die Augen blickend; Sie errathen also wirklich nicht, daß ich von der Verbindung spreche, die Ihr Vetter demnächst mit Baronesse Josephe von Tuchheim einzugehen gedenkt?

Also doch!

Silvia stockte das Blut im Herzen; ihre Wangen wurden noch bleicher; sie war, so sehr sie sich Mühe gab, nicht im Stande, den Blick des Königs auszuhalten.

Der König glaubte zu sehen, was er immer gefürchtet hatte: Sie lieben ihn, rief er, wollen Sie es jetzt noch leugnen, was ich Ihnen in den ersten Minuten gesagt habe? Sie lieben Ihren Vetter! Antworten Sie mir, mein Fräulein! Ich befehle es Ihnen!

Es sauste ihr vor den Ohren, sie fühlte sich einer Ohnmacht nahe; aber es durfte nicht so weit kommen, Leo's Zukunft hing vielleicht von diesem Augenblick ab. Mit Aufbietung ihrer letzten Kräfte brachte sie endlich hervor: Nein, Majestät, ich liebe ihn nicht.

Das freut mich, sagte der König tief aufathmend. Er hielt die Starrheit der halben Ohnmacht, in welcher Silvia ihm gegenüber saß, für die sichere Haltung Jemandes, der sich die Wahrheit zu sprechen bewußt ist. Das freut mich, wiederholte er; und nicht blos um Ihret-, sondern vor Allem auch um seinetwillen. Für ihn würde der Gedanke, ein Mädchen, das ihn liebt, dem er so unendlich viel verdankt, unglücklich zu machen, unglücklich machen zu müssen, entsetzlich sein. Ich sage, müssen; denn in der That: er muß Josephe heirathen, um die Phalanx, die ihm gegenübersteht, zu durchbrechen. Es ist mein ganz specieller Wunsch, ja, ich kann sagen: Ich habe diese Verbindung zu Stande gebracht.

Möge nur Heil und Segen für ihn daraus fließen! sagte Silvia.

Amen! sagte der König. Er stand auf, that ein paar Schritte, setzte sich dann wieder und fuhr fort: Es ist auch dem edelsten Menschen vergönnt, wenn er das Wohl seiner Mitmenschen nach Kräften gefördert und mit seinen besten Wünschen gesegnet hat, einmal an sich zu denken. Und wenn er zu selbstlos ist, das zu können – und ich glaube, Sie haben diese Selbstlosigkeit! – so müssen es seine Freunde für ihn thun. Aber was sollten Ihre Freunde für Sie thun? Sie wehren ja Alles von sich ab; selbst die kleine Gabe, die ich Ihnen neulich scherzend heraufsendete, haben Sie verschmäht. Und doch, was ist der Werth von ein paar funkelnden Steinen gegen die Reichthümer, die ich Ihnen in den Schoß schütten, die ich Ihnen zu Füßen legen möchte! Ihnen, die alle meine glühendsten Träume, meine kühnsten Erwartungen von dem Höchsten, wozu die Menschennatur sich emporschwingen kann, so weit übertrifft – zu der ich beten möchte – ja, zu der ich bete wie zu einer Heiligen!

Silvia hatte sich erhoben. Der glühende Blick, mit dem der König sie betrachtete, erschreckte sie viel mehr, als seine Worte; sie war es gewohnt, daß er sich in Worten übernahm.

Ich glaubte, sagte sie, seinen Blick streng erwiedernd, der König und das ganze königliche Haus bekennen sich zur protestantischen Kirche, in der, so viel ich weiß, die Heiligenverehrung keine Stelle fand.

Das ist ein Mangel, rief der König, indem er sich ebenfalls erhob und mit hastigen Schritten in dem Zimmer auf und ab ging, ein großer Mangel, den ich niemals zugelassen haben würde, wenn ich zu den Stiftern gehört hätte, und den zu beseitigen ich noch jetzt große Lust habe. Warum sollte ich das nicht? bin ich nicht der oberste Bischof der Landeskirche? ist das Volk nicht in jeder Beziehung die mir anvertraute Heerde? und stände es nicht besser um die Gesammtheit, wenn Jeder sich demüthigte vor der wesenhaften Erscheinung des höchsten Geistes auf Erden, wie ich es thue, König wie ich bin? Ach, meine Freundin, zürnen Sie mir nicht, wenn ich Sie mit heftig-leidenschaftlichen Worten erschreckt habe, für die Ihnen, da Sie mich erst seit so kurzer Zeit kennen, das Verständniß abgehen muß; Sie können nicht wissen, wie sehr ich des Trostes bedarf, denn Sie haben keine Ahnung davon, wie unglücklich ich bin.

Er warf sich wieder in den Sessel, bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und fing mit einem Male laut an zu weinen. Silvia wußte nicht, was sie thun, was sie sagen sollte: das Wesen des Königs war während der ganzen seltsamen Unterredung so unstät gewesen, seine Reden so widerspruchsvoll, seine Stimmungen so wechselnd, und nun noch dieser Ausbruch!

Dennoch, so unheimlich sie das Alles berührte, und wie sehr ihr Herz von eigenem Leid bis zum Ueberfließen gefüllt war, jammerte sie der Mann. Ein König, der seine königliche Würde so weit vergessen konnte, mußte wohl – gleichviel ob durch eigene oder fremde Schuld – sehr unglücklich sein. Sie trat an ihn heran und sagte: Majestät, als ich ein Kind war, dachte ich immer, die Könige legten sich mit der Krone auf dem Haupte schlafen; jetzt sehe ich wohl, daß sie dieselbe auch schon während des Tages ablegen und ihr Haupt dem Leide beugen müssen, das unser Aller Erbtheil ist. Aber, Majestät, wie wir dies Leid tragen, das hängt doch gar viel von uns ab, und da meine ich: ein König sollte das seine auch königlich tragen.

Der König nickte mit dem Kopfe. Lehren Sie mich das! murmelte er; Sie allein können mich das lehren.

Er ergriff ihre beiden Hände und drückte dieselben an seine Stirn, auf seine Augen. Dann erhob er sich und sagte, plötzlich in einen andern Ton fallend:

Wie wunderlich das ist! ich war gekommen, um einen recht heitern Abschied von Ihnen zu nehmen; nun habe ich Ihnen eine förmliche Scene gemacht. Aber wissen Sie, daß Sie selbst daran schuld sind? Sie sahen so melancholisch aus, das hat mich angesteckt. Wenn Gesichter, wie das Ihre, traurig blicken, muß man mit traurig werden, man mag wollen oder nicht. Nun ist es aber wieder gut. Nicht wahr? Jetzt geben Sie mir noch einmal Ihre Hand – so! und nun leben Sie wohl, recht wohl! Ich bleibe ein paar Monate fort; aber ich will Sie nicht während der ganzen Zeit entbehren; ich werde Ihnen schreiben, und Sie werden mir antworten. Und noch Eins! Ihr Vetter wird heute Abend noch kommen, sich von Ihnen zu verabschieden. Sagen Sie ihm nicht, daß Sie mich so melancholisch gesehen haben. Ein Mann versteht dergleichen nicht; und sagen Sie ihm auch nichts von – Sie wissen, was ich meine. Die Sache soll vor der Hand für Alle Geheimniß sein. Noch einmal: leben Sie wohl!

Er hatte ihr, während er sprach, wieder und wieder die Hände gedrückt; jetzt schritt er nach der Thür, aber auf halbem Wege blieb er stehen und machte eine halbe Wendung, als ob er wieder zurückkommen oder noch etwas sagen wollte; aber er schüttelte mit dem Kopfe, winkte mit der Hand und entfernte sich dann sehr schnell.

Silvia blickte dem König nach, bis er zur Thür hinaus war, dann setzte sie sich an den Tisch und stützte den Kopf in beide Hände. Es wird mich noch wahnsinnig machen, murmelte sie.

Sie sah nicht, daß die Tante leise die Thür öffnete, den Kopf hereinsteckte, und nachdem sie mit starren, stechenden Augen nach der Sitzenden geschaut und eine halb lustige, halb grimmige Grimasse gemacht hatte, die Thür eben so leise wieder schloß; sie schreckte erst aus ihrem dumpfen Brüten wieder auf, als die Flurglocke gezogen wurde. Es konnte niemand Anderes sein als er. Sie preßte die eine Hand auf das Herz und strich mit der andern über die Stirn: Muth, Muth! murmelte sie, es muß ja sein.

Lisette meldete Leo.

Er ist willkommen, antwortete Silvia. In ihren Augen zuckte noch der heiße Kampf, aber ihre Stirn und ihre Lippen waren ruhig; sich selbst zum Erstaunen hatte sie, wie durch ein Wunder, die Sicherheit gefunden, nach der sie in der Unterredung mit dem König vergeblich gerungen hatte.

Leo trat herein; sie ging ihm entgegen, reichte ihm die Hand und sagte: Das ist ja schön, daß Du noch einmal kommst.

Sie nahm ihm den Hut aus der Hand und trug denselben nach der Console unter einem Spiegel. Ihre Kniee zitterten, und als sie in den Spiegel blickte, starrte sie ein bleiches, medusenhaft lächelndes Gesicht an.

Hieltest Du für möglich, ich könnte nicht kommen? fragte Leo.

Silvia wendete sich um: Warum nicht? Herrendienst geht vor Damendienst; wenn Dir der König hold sein soll, mußt Du ihm gewärtig sein.

Wir reisen nicht zusammen.

Ich weiß es; der König war eben hier.

Wie hast Du ihn gefunden?

Ich wollte eben davon sprechen; aber setzen wir uns doch.

Wo ist die Tante?

Ich will sie sogleich rufen; gedulde Dich nur noch einen Augenblick.

Leo lachte nicht über diese Phrase; auch Silvia hatte sie nicht gehört; sie waren Jedes mit ihren eigenen Gedanken zu sehr beschäftigt, um die Verwirrung des Andern zu bemerken.

Ich habe den König nicht so gefunden, wie ich wünsche, fing Silvia wieder an. Im Gegentheil! Du weißt, daß mir sein Wesen von Anfang an Sorge gemacht hat; daß ich das Vertrauen, mit welchem Du auf ihn blickst, nie getheilt habe. Aber was ich nach jener Seite hin bis jetzt bemerkte, ist nichts im Vergleich zu dem, was ich heute Abend sah und hörte.

Seine Stimmung war in der letzten Zeit sehr wechselnd, sagte Leo nachdenklich.

Mehr als das. Ich habe ihn heute Abend vollkommen haltlos, vollkommen fassungslos gesehen. Er hat mir befohlen, Dir nichts davon zu sagen; aber ich glaube Dir diese Mittheilung schuldig zu sein.

Du nimmst es vielleicht zu ernst, sagte Leo und fügte dann zögernd hinzu: Man sagt, daß der König manchmal dem Weine mehr als billig zuspreche.

Silvia schüttelte den Kopf: Ich habe kein Urtheil in diesen Dingen; aber seine Aufregung schien mir nicht von einem Rausch herzurühren.

Aber was gab es denn? sagte Leo; wovon spracht Ihr? Es muß doch eine bestimmte Unterhaltung gewesen sein.

Silvia erröthete bis in die Schläfen und wurde dann wieder sehr bleich: Ich kann Dir den Inhalt unseres Gespräches nicht mittheilen; derselbe thut auch nichts zur Sache. Ich kann Dir nur sagen: ich habe heute nicht zum erstenmale, aber nie so bestimmt, nie so, ich möchte sagen, unwiderleglich den Eindruck gehabt, daß der König nicht der Mann ist, dessen Du zur Ausführung Deiner Pläne bedarfst. Er wird unter der Last zusammenbrechen, oder sie von sich abschütteln; auf keinen Fall der Fels sein, auf den Du Deine Kirche bauen kannst.

Du sagst das sehr gelassen, erwiederte Leo nicht ohne Bitterkeit.

Weil ich überzeugt bin und Dich gern überzeugen möchte. Ich weiß, daß der König der Angelpunkt Deines ganzen Planes ist; Du mußt die Möglichkeit in's Auge fassen, daß dieser Punkt sich verschiebt und so Deinen Plan in unheilbare Verwirrung bringt. Hast Du nie daran gedacht?

Leo's Gesicht war sehr finster geworden. Ich war nicht darauf gefaßt, heute Abend noch so wichtige Dinge mit Dir zu verhandeln, sagte er ausweichend.

Das heißt, erwiederte Silvia mit schmerzlichem Lächeln, Du findest meinen Wunsch, Dir zu rathen, anmaßend und unbequem; aber es ist das Recht und die Pflicht der Freundschaft, gelegentlich unbequem zu sein. Wie gern will ich Unrecht haben, wenn ich es habe! Das weißt Du, und darum habe ich den Muth, Dir dies zu sagen. Und Du mußt schon noch weiter mit mir Geduld haben; ich bin noch nicht zu Ende. Man schreibt in allen Zeitungen, daß eine so lange Reise, wie sie der König jetzt vorhat, sich gar nicht mit unserer politischen Lage vertrage; man spricht es in allen Wendungen aus, daß diese Reise eine Thorheit, ja ein Verbrechen sei. In einem Blatte stand sogar, daß das Project zu dieser Reise von Dir ausgehe. Hast Du keinen Versuch gemacht, den König zurückzuhalten?

Aber mein Gott, Silvia, rief Leo voller Ungeduld, was kann es helfen, eine Frage zu ventiliren, die entschieden ist! Der König muß reisen, um als ein Anderer zurückzukommen: frischer, energischer, mehr im Stande, oder überhaupt im Stande, den Kampf zu bestehen, in den ich ihn schicken will. Wenn wir im Herbst heimkehren und die neuen Kammern zusammengetreten sind, wird der Sturm losbrechen. Die Reise soll das kalte Wasser sein, in das ich meinen Stahl tauche, damit er mir nicht beim ersten Hieb zerspringt. Hast Du doch selbst die Bemerkung gemacht, wie sehr sein Organismus erschüttert ist!

Sehr wohl, entgegnete Silvia, Dein Exempel stimmt, nur daß Du immer den einen Factor vergißt. Wie nun, wenn es wirklich zum Krieg kommt? Dann wird der König, dann wird Niemand Zeit und Lust haben, auf Deine Reformpläne zu hören. Klagst Du doch schon jetzt mit Recht über den Stumpfsinn, die Gedankenlosigkeit der Einzelnen, wie der Menge!

Das Alles klingt sehr vernünftig, sehr weise, wenn Du willst, entgegnete Leo; aber ich meinte, Du müßtest über diese vernünftige Weisheit doch hinaus sein. Die Völker haben heutzutage andere Dinge zu thun, als sich um den Besitz einer Provinz die Hälse zu brechen. Dergleichen Fragen verhalten sich zu den eigentlichen Fragen, wie der Tag, der sie erzeugt und begräbt, sich zu der Ewigkeit verhält. Mag es zum Kriege kommen, gut – ich möchte fast sagen um so besser. Politische Kriege sind heutzutage Fieberschauer, in denen sich die kranke Menschheit auf die andere Seite wirft, als ob sie dadurch die Krankheit loswerden könnte. So geht es freilich nicht; ich sage Dir, ich habe nach einem Kriege mehr Chancen für die Durchführung meiner Pläne als vorher. Speculire ich doch auf die Noth, auf die allgemeine Noth; bin ich doch kein Arzt für die Gesunden, sondern für die Kranken! Was steht mir bei meinen Heilbestrebungen mehr im Wege, als die Dummheit des Patienten, der nicht einsehen will, wie krank er ist. Mag denn ein Krieg ihnen die blöden Augen öffnen! Und nun, Silvia, laß uns von diesen Dingen abbrechen. Ich bin ein wenig pressirt.

Das sehe ich, erwiederte Silvia mit trübem Lächeln, ich komme auch schon zu dem letzten Punkt, über den ich mit Dir sprechen wollte. Die Angelegenheiten in Tuchheim gehen nicht, wie Du erwartet hast und wünschest. Was soll daraus werden, wenn Du Dich auf Monate entfernst, auf Monate die thörichten, unfriedfertigen Menschen ihrem Schicksale überlässest? Und doch hängt von dem Gedeihen dieses Unternehmens so viel ab! Es ist der Prüfstein Deiner Theorie. Du wirst den Schaden haben und brauchst hinterher für den Spott nicht zu sorgen.

Leo lächelte. Du bist ja heute wie der warnende Engel in der Bürger'schen Ballade, ich komme mir schon ganz wie der wilde Raugraf vor. Aber ich verspreche Dir, ich werde nicht ganz so verblendet sein, wie jener edle Herr. Ich werde ein scharfes Auge auf Tuchheim behalten. Und dann bedenke dies: der König ist mir das Wichtigste. Der König ohne die Fabrik ist immer noch unschätzbar, die Fabrik ohne den König sehr wenig werth.

Und die armen Menschen, die ihr Loos in Deine Hand gegeben haben? für deren Wohl und Wehe Du verantwortlich bist?

Silvia's Blick ruhte jetzt auf Leo. Er stand auf und sagte, indem er ein paar Schritte nach der Console that, auf der sein Hut stand: Ich fühle, daß ich heute Abend nicht in der Stimmung bin, auf Deine Einwürfe zu antworten. Ich kann Dich nicht wie Andere mit einer halben Antwort abspeisen. Erlaube, daß ich Dir über dies Alles schreibe. Jetzt sage mir nur das Eine, ob die Tante sich zu der Badereise, die ich ihr gerathen habe, entschlossen hat. Sie wird ihr nicht viel helfen, aber Du kommst doch wenigstens heraus, das ist die Hauptsache.

Die Tante muß wohl anderer Meinung sein, erwiederte Silvia, sie ist entschlossen, hier zu bleiben.

Armes Mädchen, sagte Leo, indem er nach seinem Hut griff.

Es war zu viel. Ein dumpfer Schrei entrang sich Silvia's Brust. Als Leo sich umwendete, hatte sie die Stirn auf den Tisch gelegt, ihr Körper zitterte, als wenn sie von einem heftigen Fieber geschüttelt würde.

Leo stellte den Hut wieder hin und trat mit leisen Schritten an sie heran.

Silvia!

Sie richtete den Kopf empor und blickte ihn an. Ihr Gesicht war ganz bleich, der Mund halb geöffnet, die Augen, über denen sich die Lider nicht ganz heben wollten, hatten einen seltsam gläsernen Schein.

Was ist Dir, Silvia? Du bist krank! rief Leo, indem er ihre Hand ergriff. Die Hand war kalt; Silvia entzog sie ihm schnell. Um ihre Lippe, auf ihren Wangen irrte ein ödes Lächeln; aber ihre Stimme klang rauh und hart, wie sie jetzt langsam, als ob ihr das Sprechen unsägliche Mühe machte, antwortete:

Ich bin nicht krank; ich glaube, es ist sehr heiß hier, und dann das viele Sprechen!

Sie strich sich mit der Hand über die Stirn und versuchte abermals zu lächeln.

Nein, Du brauchst mich nicht so prüfend anzusehen; ich bin wahrlich nicht krank. Aber halte Dich nicht länger auf, Du hast jedenfalls heute Abend noch viel zu thun. Lebe wohl, reise glücklich und komme glücklich zurück.

Leo stand noch immer wie gebannt. Er verglich im Geiste das Mädchen, das soeben in seinen Armen gelegen und dessen Küsse er noch auf seinen Lippen fühlte, und jenes andere, das er als seine Verlobte betrachten mußte, mit diesem hier. Wie unendlich überragte sie jene Beiden und jenes Weib, das er noch gekannt, in jeder Beziehung! Und er hätte sie die Seine nennen können, wenn er dies Glück nicht so ganz verscherzt hätte. Warum verscherzt? was ist zu spät, so lange wir noch Athem haben, so lange wir noch wollen und handeln können! – Wie ein Sturm brauste es durch seine Seele. Er warf sich zu Silvia's Füßen und rief, ihre Hände ergreifend: Silvia, laß das Vergangene vergangen sein! Die Zukunft gehört uns! Silvia, ich liebe Dich!

Silvia zuckte zusammen, wie wenn ein Dolchstoß sie getroffen hätte. Sie fuhr von dem Sitz empor, riß ihre Hände aus Leo's Händen und stand jetzt einen Schritt vor ihm, der sich ebenso schnell erhoben hatte. Ihre Augen blitzten in düsterem Feuer, während ihr Gesicht in finsterem Ernst wie versteinert war.

Du liebst mich? sagte sie: das kann nicht sein, die Vergangenheit läßt nicht so frevelhaft mit sich spielen, die Zukunft gehört nicht uns. Ich liebe Dich nicht!

Leo machte eine Bewegung nach ihr, sie streckte ihm abwehrend die Hand entgegen. Ich liebe Dich nicht!

Im nächsten Augenblicke hatte sie das Zimmer verlassen. Leo fand sich erst auf der Straße wieder. Er athmete tief auf, als die kühle Abendluft ihn umwehte. Es ist besser so, murmelte er, ich stand auf dem Punkte, mich zu verlieren; sie hat mich mir selbst wiedergegeben.

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