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In Reih' und Glied. Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: In Reih' und Glied. Zweiter Theil - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleIn Reih' und Glied. Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunSechste Auflage
year1883
firstpub1866
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130715
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Sechsunddreißigstes Capitel.

Der General und Josephe waren bereits abgereist, die Abreise der Familie Sonnenstein war auf den nächsten Tag festgesetzt, denselben Tag, der auch für den Aufbruch des Königs zu seiner Badereise bestimmt war. An diese Badereise sollte sich eine Hesperidenfahrt – wie das Publikum die südländischen Reisen des Königs nannte – schließen. Man fand es im Publikum höchst wunderbar, daß der König zu einer Zeit, wo der politische Horizont mit schweren Wolken umzogen war, eine so große Reise unternehmen konnte – noch dazu in die Gegenden, aus denen das Kriegsgewitter drohte. – Die Spötter meinten, Seine Majestät wolle nur beweisen, wie unnöthig er überhaupt dem Staate und im Staate sei, und überschütteten seinen Entschluß mit ironischem Lob. Die Anhänger des Thrones dagegen waren tief bekümmert, und man erzählte sich, daß innerhalb der königlichen Familie wegen dieser Reise die größten Zwistigkeiten ausgebrochen seien und besonders zwischen dem Könige und seinem prinzlichen Vetter eine sehr heftige Scene stattgefunden habe.

Aber auch in dem Sonnenstein'schen Hause waren der Stunde der Abreise einige trübe Tage vorausgegangen. Alfred's Zustand hatte sich in den letzten Tagen wieder sehr verschlechtert. Es war fraglich geworden, ob er überhaupt die Reise werde aushalten können, bis Leo's Mahnung, daß, wenn man überhaupt noch etwas versuchen wolle, kein Augenblick zu verlieren sei, den Ausschlag gegeben hatte. Dann war dem Bankier ein Zweifel gekommen, ob man es wagen dürfe, gerade jetzt, wo das Gemüth des Kranken überdies so erregt und verdüstert war, ihn von Eve zu trennen, und auch hier war es Leo gewesen, der die Frage zur Entscheidung brachte, indem er unbedingt für die Trennung stimmte und seinen Gründen zuletzt sogar bei Alfred selbst Gehör verschaffte.

Sie sind es sich selbst, Ihrem Vater und Ihrer Schwester schuldig, sagte er, das Mädchen hier zu lassen. Wie wollen Sie die Gegenwart Eve's in einem vielbesuchten Bade, wo Sie Dutzende von Bekannten treffen werden, erklären? Das würde zu hundert und hundert bedenklichen, zweideutigen, widerwärtigen Situationen führen, unter denen Sie um so mehr leiden würden, je aufrichtiger Ihre Liebe zu dem Mädchen ist. Jetzt von Ihrem Zustande Gebrauch zu machen und auf die Schonung, die dieser Zustand erfordert, trotzend, die Einwilligung der Ihrigen zu einer Verbindung mit Eve erzwingen zu wollen, wäre eine Ungroßmüthigkeit, die Ihrer gänzlich unwürdig ist. Sie sind Ihrem Vater, der Sie so liebt, der im Leben so viele Opfer für Sie gebracht hat, auch einmal ein Opfer schuldig; Sie sind das auch Ihrer Schwester, deren Ruf in dem Augenblicke, wo sie sich verheirathen will, Ihnen doppelt heilig sein muß.

Sie haben Recht, sagte der Kranke; ich wollte, ich hätte Sie stets mir zur Seite gehabt, ich läge dann vielleicht nicht so elend hier, wie ein überhetzter Gaul. Warum sind Sie nicht mein Schwager geworden? Emma wäre mit Ihnen glücklicher gewesen, als mit Henri.

Das ist nun wohl nicht mehr zu ändern, erwiederte Leo; aber auf jeden Fall wird mir Ihre Freundschaft ein kostbares Geschenk sein, für das ich Ihnen von Herzen danke.

Der Kranke lächelte. Was kann Ihnen an meiner Freundschaft liegen? an der Freundschaft eines so unbedeutenden Menschen? zumal jetzt, wo Sie, wie ich höre, der mächtigste Mann im Staate sind, während ich nächstens wohl der schwächste sein werde.

Und Alfred ließ seine magere, durchsichtige Hand kraftlos auf die Decke fallen, die über seinen Knieen lag, und lächelte melancholisch.

Leo, der mit seinen Gedanken beschäftigt war, antwortete nicht gleich: Alfred fuhr fort:

Sie sagen: ich werde wiederkommen; ich glaube es nicht; ich wünsche es auch nicht. Wenn ich nicht wieder ganz gesund werde, so würde mein Leben, da ich nie gelernt habe, mich geistig zu beschäftigen, ein Elend sein. Deshalb will ich lieber sterben. Und großer Kummer wird um mich auch nicht sein, das kann ich Sie versichern. Es giebt Leute, die glauben, daß ich ein unverschämter Gesell bin. Es ist nicht wahr. Ich weiß ganz gut, daß, wenn mein Vater nicht Millionär, sondern ein Trödeljude wäre, wie meine Urgroßväter es gewesen sind, ich ein armer, blödäugiger, gehänselter Jude geblieben sein würde. Sehen Sie, das habe ich mir oft gesagt, wenn ich unter meinen Freunden beim Champagner saß oder bei meinen Maitressen war, und der Gedanke hat mich so liederlich und leichtsinnig gemacht. Sie verachten dich im Stillen doch, habe ich mir gesagt; und ich bin überzeugt, daß sie's gethan haben.

Er ließ den Kopf auf die Brust sinken, Leo suchte ihm diese trüben Gedanken auszureden.

Sie meinen es gut, unterbrach ihn Alfred; aber es hilft Ihnen nichts. Ich gebe zu: mein Vater wird meinen Verlust schwer empfinden, aber doch auch nur, weil ich sein Einziger bin. Wer wird mich sonst vermissen, wenn ich nicht mehr lebe? Kein Mensch, selbst Eve nicht; sie hat mich nie auch nur einen Augenblick geliebt.

Und doch wollten Sie sie heirathen?

Alfred zuckte die Achseln: Man heirathet ja auch wohl, weil man verliebt ist, und das war ich gründlich, bin's auch wohl noch, so weit einem armen Invaliden, wie mir, das möglich ist. Uebrigens bin ich jetzt, seitdem Papa im Fall meines Todes ihr eine Summe von nebenbei zehntausend Thalern ausgesetzt hat, wenigstens einigermaßen beruhigt. Das wird ihr über die erste Zeit weghelfen, und für die Folge wird mein Nachfolger ja wohl weiter sorgen.

Alfred lächelte wieder sein trauriges Lächeln und sagte: Ich bin müde, Doctor, und muß mich zu morgen stärken. Leben Sie wohl, auch wenn wir uns nicht wieder sehen sollten: leben Sie wohl! Ich weiß, Sie werden nicht ganz schlecht von mir denken, und ich werde, ob ich nun morgen oder erst in ein paar Jahren sterbe, bis zu meinem letzten Augenblicke nicht vergessen, was Sie an mir gethan haben. Leben Sie wohl!

Er drückte Leo's Hand und wendete den Kopf auf die Seite, die Thränen nicht sehen zu lassen, die ihm aus den Augen drangen. Leo drückte ihm die Hand und ging, an der Thür noch einen Blick auf den Kranken zurückwerfend, mit dem Gefühl, daß er ihn zum letztenmal gesehen habe.

Zwar der Aufenthalt unter dem milden Himmel von Egypten hatte schon Wunder an solchen Kranken gethan, aber dennoch war die Hoffnung, Alfred zu retten, sehr gering. Und so würde ihm ein Freund verloren gehen, auf den er jetzt mit Sicherheit hätte rechnen können und der ihm jetzt, da er im Begriffe stand, sich mit der Familie Sonnenstein zu verschwägern, doppelt wichtig war. Mit dem Bankier stand er eben nur durch Alfred in einem leidlichen Verhältniß, und Henri's Empfindungen gegen ihn waren dieselben geblieben, obgleich sie sich jetzt, wenn sie sich sahen, die Hände reichten und sehr freundlich thaten. Was würde Henri thun, wenn er die Verlobung seines Feindes mit der schönen Cousine erführe? Leo lächelte, wie er jetzt, während er die Gemächer, die zum Krankenzimmer führten, langsam durchschritt, daran dachte; aber das Lächeln war nicht ohne Beimischung von Sorge.

Bei Emma im Salon fand er Eve, die sich, als er eintrat, rasch erhob und zum Fortgehen anschickte, als er mit Bedeutung gesagt, daß heute Niemand mehr bei Alfred vorgelassen werden könne. Eve nahm in zärtlich-demüthiger Weise von Emma Abschied, während sie Leo kaum zu bemerken schien. Emma begleitete sie zur Thür hinaus und kam dann in großer Rührung zurück.

Das arme, arme Mädchen! sagte sie, wie können Sie nur so dastehen und so kalt aus den großen Augen herabschauen; haben Sie denn gar kein Mitleid mit der menschlichen Schwäche?

In der Gestalt? sagte Leo, auf die Thür deutend, nein, sonst so viel Sie wollen!

Das ist nicht wahr, entgegnete Emma; Sie sind durch und durch kalt und egoistisch; Sie sind sich immer selbst der Nächste und lieben daher auch nur sich selbst.

Das haben Sie ja eben erst von Eve gehört; wie können Sie sich zum Echo einer klingenden Schelle machen?

Ach, nun schelten Sie mich auch noch, heute, wo mein Herz schon so trübe gestimmt ist, heute, wo wir für so lange Zeit, vielleicht für immer von einander Abschied nehmen!

Vielleicht für immer? weshalb für immer? fragte Leo.

Wer weiß? sagte Emma nachdenklich; wenn wir wiederkommen, bin ich möglicherweise bereits Henri's Frau – er spricht mit dem Vater davon, die Trauung irgendwo unterwegs stattfinden zu lassen – und wenn ich erst Henri's Gattin bin, und Sie – ach, Leo, wenn Sie mein Freund wären, Sie würden Vertrauen zu mir haben, wie ich zu Ihnen, und mir Alles sagen, wie ich Ihnen Alles sage.

Was soll ich Ihnen sagen?

Ist es denn wahr, daß Silvia die Geliebte des Königs ist und daß Sie Josephe heirathen wollen?

Emma hatte sich so plötzlich herumgedreht und diese Fragen so heftig herausgestoßen, daß Leo für den Augenblick unfähig war zu antworten. Auch diese Vermuthungen mußte Emma von Eve oder Henri haben. Der Gedanke, daß diese Menschen es wieder und immer wieder wagten, sich in sein Leben einzudrängen, machte ihn bitter, und in bitterem Tone antwortete er:

Es ist wirklich hohe Zeit, daß Sie in eine andere Umgebung kommen; Sie werden, wenn Sie noch lange unter diesen Geschichtenträgern leben, auch eine Geschichtenträgerin werden.

Leo hatte, als er das sagte, auf den Boden geblickt; als er wieder aufsah, stand Emma an seinem Stuhl mit gefalteten Händen, während ihr die Thränen über die Wangen liefen. Er nahm ihre Hände, sie warf sich neben ihm nieder und legte ihren Kopf auf seine Kniee.

Stehen Sie auf! sagte Leo, indem er die Weinende aufzurichten suchte; wie leicht könnte Sie irgend Jemand, vielleicht Henri selbst, so sehen.

Es ist mir gleich, murmelte Emma, sich, als er sie emporhob, an ihn klammernd und ihren Kopf an seine Brust drückend, so könnte er mich wenigstens nicht heirathen.

Leo war in der peinlichsten Verlegenheit; die heruntergelassenen Portièren konnten sich jeden Augenblick auseinanderthun, und Emma war zu erregt, um auf irgend etwas Rücksicht zu nehmen. Sie streichelte und küßte seine Hände, sie lachte, sie weinte und sagte zwischendurch: Ich weiß ja, daß Sie mich nicht lieben, daß Sie die schöne Josephe heirathen wollen; was wollen Sie auch mit einem albernen Mädchen anfangen, und doch würde ich Sie so geliebt haben!

Leo wußte, daß Emma diesmal die Wahrheit sprach, daß sie es wenigstens in diesem Augenblicke ehrlich meinte und daß sie jedenfalls besser zu lieben verstehe, als das schöne Mädchen, mit dem er sich vor ein paar Tagen verlobt hatte. Aber das war doch nun einmal geschehen, und der Vater General wußte es, und vor Allem der König wußte es, und der König hatte ihm auf das Lebhafteste zu der Wahl Glück gewünscht, hatte ihm gesagt, daß diese Wahl seinem Herzen ebensoviel Ehre mache als seinem Verstande, daß er jetzt mit Einem Schlage unzählige Schwierigkeiten aus dem Wege geräumt habe.

Wir müssen uns in unser Schicksal fügen, sagte er ausweichend.

Es war ihm endlich gelungen, sich mit sanfter Gewalt aus Emma's Armen loszumachen und die noch immer Weinende auf einen Stuhl zu setzen. Er stand bei ihr, ihre Hände und ihr Haar streichelnd, und mit leiser, eindringlicher Stimme zu ihr sprechend, während seine Augen fortwährend nach den Thüren schweiften, ob die Falten der Portièren sich nicht bewegten.

Endlich nahte sich ein Schritt; es war ein Diener, welcher die angezündete Lampe brachte und ein paar Damen meldete, die dem gnädigen Fräulein Lebewohl zu sagen wünschten. Emma fuhr mit dem Tuche über die Augen und fragte Leo flüsternd: Ich sehe wohl recht verweint aus?

Der Bediente war wieder hinausgegangen; Emma warf sich noch einmal in Leo's Arme und drängte ihn dann durch eine Tapetenthür, welche durch einen Nebengang auf den Flur führte, hinaus. Als er die Thür hinter sich schloß, hörte er in dem Salon die lachenden Stimmen mehrerer junger Mädchen, unter ihnen Emma's Stimme.

Sie wird an dem Schmerz nicht sterben, murmelte Leo, als er auf der Straße noch einmal nach dem stattlichen Hause des Bankiers zurückblickte; aber es ist doch schade, daß die Scene nicht acht Tage früher gespielt hat.

Leo schlug den Weg nach dem Schlosse ein. Er mußte, da er selbst noch in dieser Nacht abreisen wollte, sich von Silvia und von der Tante verabschieden. Er hatte Silvia, seitdem er sich mit Josephe verlobt, nicht gesehen, obgleich er ein paarmal Veranlassung gehabt hatte, sie aufzusuchen. Silvia's Weise in der letzten Unterredung, die er mit ihr gehabt, hatte ihm mißfallen. Was sollte daraus werden, wenn sie fortfuhr, seine Handlungsweise mit dem Maßstabe der banalen hausbackenen Moral zu messen? Wie lange konnte dann noch ihre Uebereinstimmung währen?

Leo hatte es sehr eilig, da noch so Manches vor seiner Abreise zu erledigen war; dennoch ging er langsam und immer langsamer, je mehr er sich dem Schlosse näherte. Die Fenster in der Wohnung der Tante waren erleuchtet. Ich wollte, ich hätte ihr nie einen so großen Einfluß auf mich eingeräumt, murmelte er, während er mit starrem Blick zu den erleuchteten Fenstern emporsah.

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