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In Reih' und Glied. Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: In Reih' und Glied. Zweiter Theil - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleIn Reih' und Glied. Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunSechste Auflage
year1883
firstpub1866
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130715
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Fünfunddreißigstes Capitel.

Der Tag war sehr regnerisch gewesen; die kiesbestreuten Gänge hatten das Wasser bereits wieder eingesogen, aber es tropfte noch immer von den Zweigen, von den Blättern. Dunkle Wolken zogen tief und schwer unter dem Himmel hin; es konnte jeden Augenblick ein neuer Guß kommen.

Ich denke, wir gehen hinein, sagte Josephe, die mit ihrem Vater in dem Garten auf und nieder wandelte.

Sie hatte ein schwarzes Spitzentuch um den Kopf gebunden und sah sehr verdrießlich und in Folge dessen gar nicht schön aus. Die Falte über der linken Augenbraue trat scharf hervor; man konnte der Dame die achtundzwanzig Jahre, die sie zählte, bei dem trüben Licht des Regenabends ziemlich genau nachrechnen.

Der General blickte nach dem Himmel. Wir haben noch etwas Zeit, sagte er, und können von hier aus besser sehen. Der Doctor ist noch immer nicht zu Hause. Du weißt, ich habe bestimmte Instruction, es ihn wissen zu lassen, wenn der König sich anmelden läßt. Und seine Besuche gelten ja mehr ihm, als uns. Es wäre äußerst fatal, sollten sie sich gerade diesmal verfehlen.

Warum gerade diesmal? fragte das Fräulein.

Die Abreise des Königs steht bevor, erwiederte der General, und noch ist eigentlich nichts bestimmt. Ich weiß weder, ob ich werde befohlen werden, noch was er mit Leo beabsichtigt. Der König ist in der größten Verlegenheit, er möchte auf dieser langen Tour seine Freunde um sich haben, und möchte doch auch wieder den Hof nicht brüskiren. Leo mitzunehmen, ohne ihn in einer bestimmten Eigenschaft in das Gefolge einzureihen, geht in der That nicht wohl, aber in welcher Eigenschaft? – Das ist die schwierige Frage. Für eine untergeordnete Stellung ist Leo zu groß; für eine, die seiner würdig wäre, besteht das Verhältniß zwischen ihm und dem Könige noch nicht lange genug, sind die Schwierigkeiten überhaupt zu bedeutend. Ich weiß nicht, wie aus diesem Dilemma herauszukommen ist.

Es macht mich ungeduldig, sagte Josephe, sich fester in ihren Shawl hüllend.

Mich ebenfalls, entgegnete der General.

Das ist etwas Anderes.

Der General antwortete nicht gleich; endlich erwiederte er, indem er den Arm seiner Tochter nahm und ihr die Hand streichelte: Ich weiß, was Du sagen willst, mein liebes Kind. Allerdings ist es etwas Anderes, aber Du mußt eben auch Geduld haben.

Josephe blieb stehen, zog ihren Arm zurück und sagte, ihre dunklen Augen fest auf den Vater richtend: Ist es denn wirklich Dein Wille, daß ich diesen – Mann heirathen soll?

Der General blickte sich scheu um. Ich sage nicht, daß es mein Wille ist; ich meine nur, daß es ein gutes Ding ist, diesen Mann auf jede Weise an sich zu fesseln – auf jede Weise!

Das hast Du schon vor vier Wochen gesagt, und wir stehen immer noch auf demselben Fleck; ich sehe wenigstens nicht, daß seine Stellung seit der Zeit irgendwie an Festigkeit gewonnen hat; man weicht ihm aus, wo man kann. Wir werden nächstens seinethalben unseren ganzen Cirkel verloren haben.

Sei versichert, sie kommen Alle wieder, wenn –

Ja wenn! unterbrach Josephe den Vater unmuthig. Wenn nun aber nicht? So sagte auch noch heute die Gräfin zu mir. Das ist ja Alles recht schön und gut, sagte sie, wenn der Mann binnen Jahresfrist Minister-Präsident ist; was soll aber aus Ihnen werden, wenn die Gunst des Königs sich von ihm wendet, oder der König gezwungen ist, ihn fallen zu lassen? Der König allein kann ihn nicht halten, und die alte Baronesse Barton allein kann es auch nicht.

Das ist nun so eine Malice von der Schlieffenbach, erwiederte der General lächelnd; wer hätte gedacht, daß die kleine blonde Person so maliciös sein könnte! Aber die Gräfin irrt. Die Barton allein kann ihn freilich nicht halten; aber die Barton steht eben nicht allein, sie ist das sichtbare Haupt einer unsichtbaren Gemeinde, die unter uns sehr viele Mitglieder zählt. Und siehst Du, liebes Kind, daß Leo sich dazu verstanden hat, mit dieser Coterie, die ihm gewiß nicht weniger antipathisch ist, als mir, gemeinschaftliche Sache zu machen, ist mir wiederum ein Beweis seiner durchdringenden Klugheit. Auch ist die Barton an und für sich kein unmächtiger Bundesgenosse. Ihre böse Zunge wird von Jedermann gefürchtet, und sie spricht von Leo, als ob er ihr eigener Sohn wäre. Im Vergleich mit diesem Manne, sagte sie neulich, sind wir Alle dumm; ich habe nie gewußt, wie man die Sache des Adels und der Religion nach Gebühr vertheidigen könne, als bis ich ihn über beide Themata sprechen hörte. Dieser Eine Mann wiegt für unseren Verein tausend Mitglieder auf. Und nun bedenke, meine Josephe! Der König hatte schon als Kind diesen Zug zum Uebersinnlichen, Mystischen – und das stimmt ja auch mit seiner ganzen Natur und seinem Charakter. Während seiner Jünglingsjahre merkte man weniger davon, er hatte eben – andere Dinge zu thun; seit einiger Zeit aber, wo er sich körperlich angegriffen und auch wohl geistig nicht mehr so frisch fühlt, ist jener Hang wieder stark hervorgetreten. Ich glaube, wenn sein Haus nicht einen Stolz darein setzte, protestantisch zu sein, er würde früher oder später einmal zum Katholicismus übergehen; so müssen wir uns nun darauf gefaßt machen – eines Tages sehr fromm zu werden. Nun, und das hat Leo vollkommen richtig herausgefühlt – seine Verbindung mit Urban und der ganzen Coterie ist ein Meisterstück. Sie haben ihn zum Vice-Präsidenten in dem Verein gemacht, da man Urban die Chef-Präsidentschaft nicht mehr nehmen konnte. Wir müssen auch Mitglieder werden, ich werde für uns Beide je hundert Thaler zeichnen. Sie überbieten ja einander in Beiträgen.

Da kommt der König schon, sagte Josephe, mit ängstlicher Miene die heute sehr leere Parkstraße hinabschauend, wo in ziemlicher Entfernung eine Carosse sichtbar wurde, die mit Schnelligkeit herankam.

Sei liebenswürdig, Josephe! sagte der General, während sie eilig dem Hause zuschritten; er will Dir wohl, aber er will auch, daß man sich dankbar bezeige.

In dem Gartensaale waren die Wachskerzen bereits angezündet, man brauchte eben nur noch die Thür zu schließen. Josephe legte auf dem Tische noch schnell einige Kunstblätter und Albums aus und setzte sich für einen Augenblick daneben, um sich die Illusion zu geben, an dieser Stelle beschäftigt gewesen zu sein; der General hatte die Hand auf dem Drücker der halbgeöffneten Thür und eilte, als jetzt wirklich der königliche Wagen vorfuhr, seinem Herrn über den Vorsaal entgegen, während Josephe, nachdem sie vor dem Spiegel ein Lächeln probirt hatte, sich an der Thür aufstellte.

Des Königs helle Stimme ließ sich auf dem Vorsaal hören: Eine abscheuliche Kälte, ein barbarisches, langweiliges Klima, in dem wenig Ruhm, aber desto mehr rhume zu holen ist! Ach, da ist ja unsere schöne Wirthin! Wie befinden Sie sich, liebe Josephe? Verzeihen Sie, daß ich bei Ihrem Anblick heute zuerst an Karawanenthee denke, ich bekomme doch eine Tasse?

Der König, welcher eben von der Tafel kam, war sichtbar aufgeregt. Er hatte kaum einen Augenblick gesessen, als er schon wieder aufsprang und mit dem General, der Mühe hatte, mit ihm Schritt zu halten, in dem weiten Gemache umher zu gehen begann, während Josephe dem Diener, welcher den Thee brachte, den Teller abnahm, dem Könige die Tasse selbst zu überreichen.

Danke, danke, liebe Josephe! Gott, wie schön Sie heute Abend wieder sind! So denke ich mir die Houris im mohamedanischen Himmel. Sie sollten Ihr Haupt eigentlich immer mit Rosen aus Schiras umkränzt haben! Was ich sagen wollte, lieber Tuchheim, warum finde ich unseren Doctor heute nicht hier? Haben Sie sich mit ihm gezankt, Josephe?

Josephe lächelte; der General beeilte sich, sein Bedauern auszudrücken, daß Leo nicht zu Hause gewesen sei, daß er aber hoffe, sein junger Freund werde nicht um das Glück kommen, Seine Majestät begrüßen zu können.

Es ist mir eigentlich lieb, daß ich Sie Beide allein treffe, erwiederte der König; ich bin eben in Beziehung auf den Doctor um guten Rath verlegen und hätte gar nichts dagegen, wenn Ihr mir mit dieser kostbaren Waare aushelfen könntet. Möchten Sie mir wohl einen guten Rath geben, liebe Josephe?

Ich wüßte nichts, was mich glücklicher machen würde, Majestät.

Nun ja, glücklich machen, das ist Euer Metier; nur schade, daß Ihr, wie andere Menschen auch, es mit Eurem Beruf meistens so leicht nehmt. Sie sollten wirklich ernstlich daran denken, nächstens irgend einmal Jemanden glücklich zu machen, liebe Josephe. Die Sache ist die –

Der König hatte sich neben dem Tische in einen Fauteuil gesetzt. Er begann in einem der Albums zu blättern und sprach zwischendurch: Ich möchte den Doctor gern mitnehmen; ich mag ihn so lange nicht entbehren; die Aussicht, mit dem langweiligen Schweif von geistlosen Gesellen, die ich officiell hinter mir herschleppen muß, als einsamer Komet durch die Welt zu fahren, hat wenig Ergötzliches für mich. Da ist Falkenstein, den ich nicht wieder herausfinde, wenn er aus Versehen einmal in eine Schafheerde gerathen sollte; da ist – erlassen Sie mir, meine Herrschaften, den Katalog meiner Helden! Sie kennen die Göttersöhne, und die schmückenden Beiwörter können Sie sich auch denken. Auf Sie, lieber Tuchheim, muß ich verzichten. Sie müßten sich von Fräulein Josephe trennen, und das will ich um keinen Preis. Nein, reden Sie mir nicht dazwischen! Josephe muß dieses Jahr wieder einmal eine Reise machen, eine große Reise; natürlich mit Ihnen, da sie zur Zeit noch keinen anderen legitimen Cavalier hat. – Sehen Sie, liebe Josephe, dies herrliche Blatt! Es ist der Tempel von Pästum. Sehen Sie diese majestätischen Trümmer inmitten dieser classischen Wüste, deren unkrautüberwucherte Hügelwellen die Grabhügel versunkener Herrlichkeit sind. Da liegt noch eine Säulentrommel, da ein Stück von einem Capitäl, edle Gliedmaßen eines göttergleichen Leibes, welche die Zeit zu vergraben vergessen oder auch wieder an's Licht gebracht hat. Möchten Sie wohl hier auf dieser Stelle stehen? Nicht allein! Wer könnte allein – wer wagte es, allein durch diesen Kirchhof der Jahrtausende zu wandeln! Nein, nicht allein, sondern gestützt auf den Arm eines Geliebten, eines Gatten. Möchten Sie nicht?

Der König schaute mit starrem Blick auf das Blatt. Die Ränder seiner Augen rötheten sich, als ob er mit Thränen kämpfte. Er schien ganz vergessen zu haben, wo er sich befand, wovon er gesprochen hatte. Endlich machte er eine Bewegung, ergriff ein anderes Album und blätterte auch in diesem, ohne zu sprechen. Der General und Josephe, welche rechts und links von ihm standen, warfen sich über seine Schulter bedeutsame Blicke zu. Plötzlich fing der König laut an zu lachen, indem er mit dem Finger auf ein Blatt deutete: O, der göttliche Murillo! rief er, sehen Sie nur, wie diese beiden Jungen sich –

Er brach auf's neue in ein Gelächter aus, klappte das Album zu und lehnte sich in den Fauteuil zurück. Ich mag nichts weiter sehen, sagte er, das ist das Höchste: Sonnenschein, viel Sonnenschein, der, wenn er auch auf dem Kopfe ein wenig Ungeziefer großzieht, doch so einem armen Jungen das ganze Herz ausfüllt. Ach ja, was ich sagen wollte. Wie fange ich es an, daß ich meine Freunde wie eine Familie bei mir habe, die sich, ohne officiell an mich gebunden zu sein, da aufhalten kann, wo ich mich aufhalte? Man ist auf Reisen so viel weniger abhängig von dem lästigen Ceremoniell, und da ich, Gott sei Dank, meine königliche Prärogative überall mit hinnehme und man auf dem Monte Cavallo wenigstens ebenso gut Jemanden zum Ritter schlagen kann, als auf dem Schloßplatz, so macht sich das Alles leicht, ja leichter als hier. Man geht auf Reisen bartlos und kommt mit einem Barte, eine halbe Elle lang, zurück, warum nicht auch mit einem neuen Adel, einer Verlobten oder Frau? Die Bläue des südlichen Himmels ist den raschen Entschlüssen günstiger, als das Nebelgrau des Nordens. Wenn an dem Tage, da der alte Capulet seinen Ball gab, das Thermometer zehn Grad unter dem Gefrierpunkt gestanden hätte, würden Romeo als Syndicus von Verona und Julia als verwittwete Gräfin Paris mit siebenzehn Enkelkindern, achtzig Jahre alt, zu ihren Vätern versammelt sein. Aber ein wenig guten Willen muß man freilich haben, sonst hilft aller Sonnenschein nichts; selbst nicht einmal der der königlichen Gunst. Es ist betrübend für mein Herz, daß ich die Köpfe und Herzen der wenigen Menschen, die ich, wenn überhaupt welche, meine Lieben und Getreuen nennen darf, nicht zu lenken vermag; was soll ich mich denn wundern, wenn ich die ungetreuen Vielen nicht zusammenhalten kann, sondern sie als zusammenhanglose, von dem Centrum abgefallene Atome im öden Raume ihrer Selbstsucht umherwirbeln lassen muß. – Nein, ich will keinen Thee mehr, liebe Josephe, ich habe keine Zeit; ich muß fort. Denken Sie nach über das, was ich gesagt habe. Ich liebe die Menschen, die mich leicht verstehen.

Der König hatte sich erhoben, nahm beim Abschied Josephen's Hand und sagte: Grüßen Sie mir den Doctor bestens, sobald Sie ihn sehen, und sagen Sie ihm, daß – nun ja, sagen Sie ihm, daß auf italienischem Boden die Goldorangen, die wir bei uns mühsam in Treibhäusern ziehen, unter freiem Himmel reif werden. Adieu, liebe Josephe! Adieu, alter Freund! Sie wollen mich hinausbegleiten? Na, meinetwegen, es ist ja noch nicht die letzte Begleitung – die müßte ich mir verbitten.

Der General kam nach wenigen Minuten in den Salon zurück, und seine ersten Worte waren: Das war deutlich, Josephe; bist Du jetzt überzeugt?

Das Fräulein antwortete nicht; der General öffnete die Thür nach dem Garten; es war sehr warm in dem Salon, und die Unterredung des Königs hatte sein Blut in Wallung gebracht. Josephe trat zu ihm; er legte seinen Arm um ihre Taille und zog sie an sich heran.

Mein liebes, geliebtes Kind, sagte er, des Königs Wille ist von jeher die Richtschnur meiner Handlungsweise gewesen, und ich habe mich nicht schlecht dabei befunden. Kannst Du Dich wundern, wenn ich wünsche, daß Du ebenso handeltest? Ist doch die Gunst des Königs das einzige Erbe, sozusagen, das ich Dir hinterlassen kann, wenn ich – und wer weiß, wie bald das geschehen wird! – sterbe. Ich habe stets den Ehrgeiz gehabt, Dich möglichst glänzend zu verheirathen. Du hast meinen Wunsch nicht erfüllt. Hier ist Dir eine Gelegenheit gegeben, die verlorene Zeit wieder einzubringen – und Josephe, verzeihe, wenn ich eine selbst im Munde eines Vaters so wenig galante Aeußerung wage: man lebt in unseren Kreisen schnell; und selbst eine so remarkable Schönheit, wie die Deinige, hört nach einigen Jahren auf zu interessiren.

Josephe seufzte unwillkürlich; der General fuhr in leiserem Tone fort: Noch beim Herausgehen hat er mir gesagt, daß er heute Abend blos in der Absicht gekommen sei, Dich zu einem Entschlusse zu bestimmen. Er denkt sich die Sache so, daß Du ihm hier noch das Recht giebst, uns zu folgen, daß aber Euer Verhältnis von der Reise aus nach einigen Wochen publicirt wird. Vor der öffentlichen Verlobung wird er Leo in den Adelstand erheben und ihn mit irgend einem passenden Titel, über den Leo selbst entscheiden soll, ausstatten. Aber das soll nur der Anfang sein, waren seine letzten Worte, ich habe größere Dinge mit dem Manne vor. Kannst Du jetzt noch zweifeln, Josephe?

Und der General streichelte das glänzende Haar der schönen Tochter.

Josephe machte sich aus den Armen des Vaters los und sagte nachdenklich:

Wir sprechen immer nur von mir. Er hat mir bis jetzt keine Gelegenheit gegeben, ihn auszuschlagen.

Er hat Dir keine Gelegenheit gegeben? erwiederte der General erstaunt; aber, liebes Kind, der muthigste Mann giebt keine Gelegenheit, er ergreift sie nur, wenn sie ihm gegeben wird. Das ist Deine Sache. Still! Kommt da nicht Jemand durch den Garten?

Eine dunkle Gestalt trat aus den Büschen heraus in das Licht, das aus den Fenstern und der geöffneten Thür in den Garten fiel. Es war Leo. Der General rief ihm einen guten Abend zu und begrüßte ihn, als er in den Saal getreten war, mit größter Herzlichkeit und manchen Neckereien. Das heiße man einmal post festum kommen; der König sei über eine Stunde dagewesen und habe seinen Schmerz, Leo nicht zu finden, vergeblich in Thee zu ertränken gesucht. Aber auf diese flatterhaften Junggesellen sei ja nie mit Sicherheit zu rechnen. Das schwärme schmetterlingsgleich umher, und nach Zucht und Ordnung frage man vergeblich. – Dann fiel ihm ein, daß er noch ein paar Briefe zu schreiben habe, und er entfernte sich mit dem Versprechen, in einer halben Stunde wieder zu kommen.

Ihr Herr Vater ist in vortrefflicher Laune, sagte Leo, der König muß sehr gnädig gewesen sein.

Er war in der That sehr gnädig, erwiederte Josephe.

Sie wandelten in dem Saale auf und ab. Durch die noch immer geöffnete Thür wehte die kühlere Abendluft in das schwüle Gemach. Es fing eben wieder an zu regnen; man hörte das Säuseln des Windes in den Zweigen und das leise Fallen der Tropfen. Leo's Blick ruhte auf Josephe. Sie sah in dieser Beleuchtung sehr schön aus, aber etwas bleich; ihre gesenkten Augen hafteten auf dem Boden; Leo glaubte zu bemerken, daß ihr Athem schnell ging. Man könnte die Welt durchwandern und würde kein Weib finden, dachte er, das so dazu angethan wäre, die Herrin eines großen Hauses zu sein. – Die Pause zog sich in die Länge; lauter rauschte draußen der Regen, kühler wehte es von dem Garten herein.

Soll ich die Thür schließen? sagte Leo.

Ich dächte, es wäre sehr erquicklich; ich finde es recht beklommen hier, erwiederte Josephe.

Sie blieben in der Thür stehen, auf derselben Stelle, auf welcher vorhin Josephe mit ihrem Vater gestanden hatte. Josephe's Athem ging langsamer, tiefer als vorhin.

Sie scheinen nicht heiter, sagte Leo, sind Sie nicht wohl?

Muß man unwohl sein, um nicht heiter zu sein? erwiederte Josephe.

Ich wäre der Letzte, das zu behaupten, sagte Leo, ich fühle mich selten unwohl, aber noch viel seltener heiter. Was heißt überhaupt heiter sein? Heiter sein heißt: nicht denken, ist also nur ein Zustand für Kinder und Eichhörnchen. Ich habe wenig Sympathie für heitere Menschen.

Da passen wir ja vortrefflich zusammen, erwiederte Josephe.

Ihr Lächeln in diesem Augenblicke beweist das mehr als Alles, es war sehr melancholisch, dieses Lächeln.

Ich will mir das Lächeln ganz abgewöhnen, sagte Josephe.

Sie trat aus der Thür unter den weit vorspringenden Balcon; der Wind, der sich jetzt lebhaft aufgemacht hatte, wühlte in ihren Gewändern. Der Regenstaub sprühte herein und näßte ihr Haar. Leo trat zu ihr und faßte ihre Hand.

Kommen Sie herein, Sie werden sich erkälten.

Josephe antwortete nicht.

Josephe!

Er hatte seinen Arm um ihren Leib geschlungen; sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Er zog die schlanke, hohe Gestalt noch fester an sich; er küßte ihre Stirn, ihre Lippen.

Ein Geräusch im Salon ließ Josephe sich schnell aus seinen Armen aufrichten. Es war der General, der mit einer Miene gutgespielter Verwunderung hinter ihnen stand und, als Josephe sich zu ihm wendete, die Arme ausbreitete, um sie an seine Brust zu drücken.

Excellenz – sagte Leo.

Der General ließ Josephe aus seinen Armen und streckte Leo beide Hände entgegen.

Nicht Excellenz, mein lieber, junger Freund! Ich will nichts als das Glück meiner geliebten Tochter, und hoffe zu Gott, daß sie an Ihrer Seite glücklich sein wird.

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