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In Reih' und Glied. Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: In Reih' und Glied. Zweiter Theil - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleIn Reih' und Glied. Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunSechste Auflage
year1883
firstpub1866
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130715
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Dreiunddreißigstes Capitel.

Die gnädige Frau ist bei Herrn von Sonnenstein, das gnädige Fräulein ist im Salon, berichtete der Diener.

Emma kam ihnen mit einem Lächeln entgegen, das sie, als für den Augenblick unschicklich, sofort unterdrückte, um sich mit dem Battisttuche über die Augen zu fahren.

Ich will Alfred auf Ihr Kommen vorbereiten, sagte der Bankier und verließ das Zimmer.

Emma eilte alsbald auf Leo zu und erfaßte und drückte seine beiden Hände, indem sie ihm dabei fortwährend, ohne ein Wort zu äußern, mit einem undeutlichen Lächeln in die Augen blickte. Endlich brachte sie die Worte heraus: Was werden Sie von mir denken?

Ich denke, daß Sie eine barmherzige Samariterin sind, wie es deren wenige geben dürfte.

O, ich wußte es ja, rief Emma; Sie sind nicht wie die Anderen! Sie sind erhaben über die Bedenken kleinlicher Seelen. Giebt es etwas Natürlicheres, als daß eine Schwester ihren Bruder pflegen geht, es sei auch, wohin es sei. Kommen die Barmherzigen Schwestern nicht in die Lazarethe zu allen Arten von Kranken? Ist nicht dem Reinen alles rein?

Gewiß, gewiß, erwiederte Leo. Aber wann hätte die Welt je ein reines Herz verstanden?

Ja, das ist es ja eben, warum ich immer verkannt werde, sagte Emma; und geht es denn meinem armen Bruder anders? Was hat er denn gethan, als dem Zuge seines Herzens folgen? Wie konnte er anders handeln, wenn er das Mädchen liebt? O, wie es mich entzückt, dieses rücksichtslose Sichhingeben an ein allmächtiges Gefühl! Ist nicht die freie Liebe die höchste Blüthe menschlichen Empfindens?

Wie geht es Ihrem Herrn Bruder? fragte Leo, um Emma's Gedanken eine andere Richtung zu geben.

Ich weiß nicht, erwiederte Emma mit einiger Verwirrung; ich glaube gut, Sie wissen ja, er spricht immer so wenig, und jetzt darf er ja nicht einmal sprechen. Ich habe mich den ganzen Morgen mit Eve unterhalten. O, wie liebe ich dieses sublime Mädchen, das ganz Feuer und Leidenschaft, ganz Geist und Leben ist! Wie beneide ich sie! Sie darf lieben! Sie ist die Glückliche!

Emma seufzte tief und blickte Leo traumverloren an.

Wie denkt der Baron denn über diese Situation? fragte Leo.

Emma wendete sich ab und flüsterte, während sie eine Rose aus einem Bouquet auf dem Tische nahm und zerpflückte: Ich fürchte, wir werden uns nie verstehen.

Leo antwortete nicht. Sein Blick ruhte auf der jungen Dame. Sie sah heute Vormittag in dem einfachen staubgrauen Seidenkleide, das ihre kleine, volle Gestalt vortheilhaft zur Geltung brachte, und dem schmucklosen, krausen, dunklen Haar sehr hübsch aus. Leo fragte sich, ob es nicht eine Thorheit von ihm gewesen sei, eine so glänzende Partie von der Hand zu weisen, um sich schließlich seinem schlimmsten Feinde zuzuwenden. Was war das anders, als jener hohle Idealismus gewesen, der ihm an seinen Feinden so verächtlich dünkte? Als Emma's Gatte, im Besitze ihrer fürstlichen Mitgift, wäre er des drückenden Gefühls, dem Könige auch äußerlich verpflichtet zu sein, überhoben gewesen, und wer konnte wissen, wie weit sein Einfluß auf den Bankier gereicht haben würde, nach dessen Tode er ja, so wie so, vollkommen freie Hand gehabt hätte. Aber war denn das nicht noch zu erreichen? Sollte es so schwer halten, Emma von dem Manne, den sie nicht liebte, zu trennen?

Warum sprechen Sie nicht? fragte Emma, die noch immer an ihrer Rose pflückte.

Ich dachte eben daran, wie groß wohl das Glück einer Ehe sein müsse, die mit der Furcht, sich nie mit dem Gatten verständigen zu können, beginnt.

O, ich habe auch schon oft daran gedacht, sagte Emma wehmüthig.

Besonders für ein Herz, das, wie das Ihre, so voller Liebe ist, sich so nach voller Liebe sehnt, fuhr Leo fort, als hätte er Emma's letzte Aeußerung nicht gehört. Es ist ein traurig Ding um dies verworrene Menschenleben!

Mein Freund! O, mein Freund! rief Emma, sich mit hocherröthendem Gesicht zu ihm wendend und die Hände, wie um Schutz flehend, ihm entgegenreichend.

Glauben Sie wirklich, daß ich Ihr Freund bin? sagte Leo, die kleinen Hände fest in den seinen haltend.

Ich glaubte es einst, erwiederte Emma, die Augen niederschlagend.

In dem Nebengemache ließ sich der Schritt des Bankiers vernehmen.

So glauben Sie es auch ferner, sagte Leo leise und schnell, indem er sich neigte und Emma's Hände an seine Lippen zog.

Der Bankier blickte zur Thür hinein. Darf ich bitten?

Leo folgte ihm. Als sie das Krankenzimmer – Eve's Schlafgemach – betraten, sah Leo nur noch eben den Saum von Eve's Kleide, die durch die Tapetenthür hinaus huschte.

Alfred, der in dem prachtvollen Bette lag, nickte Leo freundlich mit den großen, mehr als je gläsernen Augen zu.

Laß uns allein, Papa! sagte Alfred mit schwacher Stimme.

Kann ich nicht hier bleiben, mein Junge? fragte der Bankier, dem Kranken das dunkle Haar aus der feuchten Stirn streichend.

Alfred schüttelte den Kopf, der Bankier zuckte mit einem fragenden Blick auf Leo die Achseln und flüsterte ihm zu: Ich werde im Vorgemache bleiben, wenn Sie mich rufen wollen.

Leo hatte sich zu Alfred an das Bett gesetzt und die heiße Hand des Kranken in die seine genommen.

Ist es Ihnen genehm, wenn ich eine Untersuchung mit Ihnen anstelle? Ich will Sie nicht allzu lange quälen.

Alfred nickte.

So, ich danke, sagte Leo, sich nach einiger Zeit in die Höhe richtend, ich weiß vorläufig so viel, als ich zu wissen brauche. Nun lassen Sie uns einmal recht ruhig miteinander sprechen. Das heißt, Sie sollen gar nicht sprechen, ich will versuchen, ob ich die Antworten auf meine Fragen Ihnen von Ihren Lippen lesen kann; wo es sein muß, dürfen sie ein paar Worte sagen, aber ich bitte, möglichst wenig.

Zuerst also: Ihr Zustand ist nicht unbedingt gefährlich, aber er erfordert die größte Schonung. Sie fürchten, wie Alle, die das Leben früh begonnen und gründlich ausgekostet haben, den Tod nicht sehr; aber Sie stehen auch noch nicht auf dem Punkte, wo Sie auf jeden Fall sterben möchten, schon um Ihres Vaters willen nicht, den Ihr Verlust untröstlich lassen würde.

Alfred winkte ihm mit den Augen zu, und Leo fuhr fort:

Sie haben Vertrauen zu mir, das heißt: zu mir, dem Arzte; ich möchte aber auch, daß Sie dem Menschen trauten, und darum verstatten Sie mir noch ein paar Worte. Sie kennen mich nur durch, oder doch hauptsächlich durch das, was Ihnen der Baron Tuchheim und Eve Tusky von mir gesagt haben; das heißt, Sie kennen mich nicht. Henri von Tuchheim ist nie mein Freund gewesen, und ich habe Ursache zu glauben, daß er mich seit geraumer Zeit mit seinem Hasse beehrt. Das Letztere gilt auch von Eve, die es mich, nach Frauenart, büßen läßt, daß ich sie nicht so liebenswürdig finde, wie sie wohl sicher ist. Ich weiß nicht, was sie Ihnen von mir erzählt hat – ich will es nicht wissen. Was ich Ihnen also sage und rathe, sage und rathe ich ohne alle gehässige Nebenempfindung, ohne irgend eine andere Absicht, als die, Ihnen zu nützen, so viel ich kann. Hören Sie zu! Sie müssen aus diesem Hause, müssen, weil Sie hier nicht genesen können.

Alfred machte eine unruhige Bewegung, Leo legte ihm die Hand auf die Stirn und fuhr fort:

Stille, stille, mein Freund! Ich glaube, daß Sie Eve lieben, aber ich glaube doch auch, daß Sie in Eve's weichen Armen lieber leben als sterben wollen. Dann aber dürfen Sie nicht an einem Orte bleiben, an welchem Sie schon durch das bloße Bewußtsein, daß Sie nicht hierher gehören und in Folge dessen Ihre Familie fortwährend in die schiefste Lage bringen, nicht zur Ruhe kommen können. Sie geben mir darin recht, nicht wahr?

Der Kranke schüttelte ungeduldig den Kopf.

Ich kann nicht, ich kann nicht, sagte er mit leiser, klangloser Stimme. Ich kann sie nicht preisgeben; man würde sie unwürdig behandeln, sobald ich sie nicht mehr sähe.

Das würde man nicht, versicherte Leo, dazu ist Ihr Vater nicht im Stande. Es soll ihr nichts entzogen werden, was Sie ihr gewährt haben; ich verbürge mich dafür.

Der Kranke schüttelte wieder den Kopf.

Aber mein Gott, lieber Freund, was können Sie mehr verlangen? Was können Sie für eine Frau, die nicht Ihre Gattin ist, die nie Ihre Gattin werden kann, mehr thun?

Auf Alfred's bleichen Wangen fingen die verhängnißvollen rothen Flecken an zu glühen. Und wenn ich das Mädchen nun heirathen wollte? murmelte er.

Das ist etwas Anderes, erwiederte Leo, ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen; das heißt: für die Folge; für den Augenblick ist es nur ein Grund mehr, diese Lage aufzugeben, die für Sie und Ihre Familie eben so compromittirend ist, wie für die Dame selbst.

Alfred dachte nach und sagte dann: Sie mögen Recht haben; aber ich kann ohne sie nicht leben; ich muß sie dann wenigstens von Zeit zu Zeit sehen können.

Wollen Sie unter dieser Bedingung sich von hier fortbringen lassen?

Der Kranke nickte.

Nun gut, sagte Leo, sich erhebend, ich will mit Ihrem Vater sprechen.

Er ging in das Nebenzimmer und theilte dem dort harrenden Bankier das Resultat seiner Unterredung mit Alfred mit. Sie werden sich zu dieser Concession entschließen müssen, sagte er, ich sehe keinen anderen Ausweg. Gehen Sie zu Ihrem Sohne und bringen Sie ihm selbst Ihre Einwilligung; nehmen Sie Fräulein Emma mit, ich will unterdessen mit dem Mädchen sprechen.

Der Bankier seufzte. Es ist hart, sehr hart, sagte er; aber freilich, wenn es sein muß! Es ist mein Einziger! Ich hatte alle meine Hoffnungen auf den Jungen gesetzt.

Die Augen des Mannes waren bei diesen Worten feucht geworden. Er wendete sich ab, seine Bewegung zu verbergen. Dann ging er, Emma zu rufen, und begab sich mit ihr in das Krankenzimmer. Leo stand ein paar Augenblicke gesenkten Hauptes da. In dem Salon nebenan ließ sich ein Geräusch vernehmen. Er klopfte an die Thür; nach einigen Augenblicken rief eine etwas unsichere Stimme: Herein!

Eve stand, als Leo eintrat, von ihm abgewendet an dem Tische in der Mitte des Gemaches. Ein schweres Seidenkleid fiel in langen, wallenden Falten von ihrer schlanken Taille weit auf die Erde herab. Sie wendete sich langsam um und heftete ihre großen, grauen Augen mit dem Ausdrucke des Hasses und des Trotzes auf sein Gesicht.

Sie haben mich nicht erwartet, mein Fräulein, sagte Leo.

O doch, erwiederte sie; ich bin es gewohnt, Sie stets zur ungelegensten Stunde in mein Leben eingreifen zu sehen. Was haben Sie mir diesmal mitzutheilen?

Sie setzte sich in einen Fauteuil und kreuzte die Arme über der Brust, immer mit demselben trotzigen Hassesblick.

Leo nahm ihr gegenüber Platz. Ich werde mich kurz fassen, sagte er. Ich komme im Auftrage des Herrn von Sonnenstein.

Des Vaters oder des Sohnes?

Beider, wenn Sie wollen.

Eve lachte das kurze rauhe Lachen, dessen Leo sich von früher her deutlich erinnerte.

Wenn ich will! rief sie höhnisch, als ob ein armes Mädchen, wie ich, überhaupt einen freien Willen haben dürfte! Doch fahren Sie fort!

Ich habe also den Auftrag, Ihnen mitzutheilen, daß Alfred von Sonnenstein binnen einer Stunde Ihre Wohnung mit der seines Vaters vertauschen wird.

Ich werde das nur glauben, wenn ich es aus seinem eigenen Munde höre, erwiederte Eve.

In Gegenwart des Vaters und der Schwester, die ihn bis zu dem Augenblick, wo er in die Sänfte gehoben wird, nicht aus den Augen lassen werden.

Eve erbleichte. Und wenn ich die Mittel, die ich habe und die Sie vielleicht unterschätzen, aufbiete, Ihre Absicht zu verhindern.

Das werden Sie nicht.

Eve's graue Augen funkelten. Es ist gut, murmelte sie; der Tag der Abrechnung zwischen uns wird kommen.

Hoffentlich werden Sie sich dabei nicht so verrechnen, wie Sie sich in Allem, was mich betrifft, noch stets verrechnet haben.

Freilich! Ich habe immer vergessen, daß ein Mann wie Sie sich niemals giebt, sondern stets verkauft. Ich konnte den Preis nicht zahlen, für den Sie zu haben sind, das ist der ganze Unterschied zwischen mir und – anderen Damen.

Es ist mir sehr schmeichelhaft, von Ihnen so hoch geschätzt zu werden; aber auf unsere Angelegenheit zurück zu kommen, so wird es Sie interessiren, zu erfahren, daß Alfred gewünscht hat, Sie auch im Hause seines Vaters von Zeit zu Zeit zu sehen, und daß Herr von Sonnenstein damit einverstanden ist.

Eve warf einen lauernden Blick auf Leo. Natürlich stets in Gegenwart des Vaters und der Schwester, und womöglich Ihrer Gegenwart, mein Herr! Ich bitte um einige Bedenkzeit, ehe ich eine Proposition acceptire, die, da sie von Ihnen ausgeht, wohl kaum etwas Anderes, als eine listige Falle sein kann.

Halten Sie es damit, wie Sie wollen, erwiederte Leo, sich erhebend; mein Auftrag ist zu Ende. Das Uebrige ist nur ein guter Rath, den ich Ihnen meinerseits geben will. Sie haben die Absicht, Alfred zu heirathen. Lassen Sie diese Absicht gegen Niemand merken, selbst nicht gegen Alfred, am allerwenigsten gegen den Baron. Henri würde, wenn er wüßte, daß Ihr Ehrgeiz so weit geht, Alles aufbieten, Sie zu vernichten, und wird so schon die Concession des Vaters, Sie in seinem Hause aufzunehmen, sehr übel empfinden. Lassen Sie sich also nicht zu weit mit ihm ein, und halten Sie sich lieber an mich, der ich nur durch Ihre Schuld, und auch das nur scheinbar, Ihnen feindlich gegenüberstehe. Und nun noch Eins: Sie sind sehr aufgeregt; ein längerer Spaziergang in dem duftigen Park wird Ihnen gut thun. Die Wegschaffung Alfred's, die sogleich stattfinden wird, würde doch für Sie sehr peinlich sein. Wenn Sie zurückkehren, gehört Ihre Wohnung wieder Ihnen selbst, und Sie haben dann Muße, sich Ihre Situation nach allen Seiten hin ruhig zu überdenken. Leben Sie wohl!

Leo ging noch einmal in das Krankenzimmer, um mit dem Bankier was sonst noch nöthig war zu besprechen. Dann verließ er das Haus.

Eve hatte sich wieder in den Fauteuil geworfen und den Kopf in die Hand gestützt. Von seiner Gnade leben, murmelte sie, das wäre das Schlimmste! lieber ermorde ich ihn und mich!

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