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In Reih' und Glied. Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: In Reih' und Glied. Zweiter Theil - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleIn Reih' und Glied. Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunSechste Auflage
year1883
firstpub1866
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130715
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Zweiunddreißigstes Capitel.

Leo war gestern Abend spät von seiner Reise zurückgekehrt, die er zur Einrichtung der jetzt von ihm im Namen und mit dem Gelde des Königs definitiv übernommenen Fabrik nach Tuchheim gemacht hatte. Die Reise war für ihn in manchem Sinne ein Fest gewesen. Schon mehrere Stationen vor Tuchheim hatten die Bahnhöfe voll von Landleuten und Arbeitern gestanden, die aus der Umgegend herbeigeströmt waren, den Mann zu sehen, welcher die armen Leute aus ihrer Noth befreien wollte. In Tuchheim selbst hatten alle Straßen und Häuser mit Kränzen und Fahnen geprangt, vor allem natürlich die ungeheueren Fabrikgebäude, die nun den Arbeitern gehörten, so gut wie gehörten. Die Freude, endlich aus der ehernen Frohnde einer von mitleidslosen Herren aufgestellten und von ihren Vögten streng gehandhabten Ordnung befreit zu sein, hatte sich in einem Jubel Luft gemacht, der zuletzt keine Grenzen mehr kannte. Ausschweifende Wünsche waren laut geworden, die selbst Leo, wie weit er auch schon in seinen Concessionen gegangen war, nicht mehr bewilligen durfte. Von allen Seiten waren die Arbeiter aus den benachbarten Orten herbeigeeilt, und alle hatten in der Tuchheimer Fabrik eingestellt werden, alle an den Vortheilen, die den dortigen Arbeitern gewährt wurden, theilhaben wollen. Es war zu Hader und Streit, zu offenen Raufereien gekommen, denen Leo kaum mit Hilfe der Besonneneren ein Ende hatte machen können.

Es waren sehr, sehr aufregende Tage gewesen, und die allzu lebhafte Nachwirkung so merkwürdiger Erlebnisse hatte Leo schon nach wenigen Stunden eines traumreichen Schlafes geweckt.

Als er die Fensterthür, die aus seinem Arbeitszimmer auf einen großen Balcon führte, öffnete, lagen die Landhäuser und Gärten still im Morgengrau; die Blumen auf den Beeten zu seinen Füßen hatten noch keine bestimmten Farben; kein Laut, als das Tropfen des in der Nacht reichlich gefallenen Thaus zwischen den dichten Laubkronen der mächtigen Bäume.

Leo hatte die stillen Stunden der Nacht und des frühesten Morgens, in denen er wirklich allein sein konnte, immer sehr geliebt. Ich würde dies Glück nun nicht mehr entbehren mögen, sagte er bei sich, während er mit untergeschlagenen Armen in der offenen Thür lehnte.

Seine Augen richteten sich auf die Nachbarvilla, die kalt und weiß und stattlich zwischen den Bäumen und Büschen herüberblickte. Gerade die Fenster, die Leo sehen konnte, waren die zu Josephe's Schlafzimmer; sie hatte es ihm vor einigen Tagen, als sie Arm in Arm durch den Garten gingen, bei irgend einer Gelegenheit gesagt, und er hatte sie seitdem ein paarmal in weißen Morgengewändern flüchtig an diesen Fenstern gesehen.

Jetzt waren die Rouleaux noch heruntergelassen. Das Bild des schönen Mädchens trat deutlich vor seine Seele. Es ist eine königliche Erscheinung, murmelte er, und selbst der Umstand, daß sie für gewöhnlich so schweigsam ist, macht sie noch königlicher. Es ist, als ob sie mit ihren großen Augen die Welt umspannte und vor der Tiefe und Weite der Gedanken, die ihr aus dieser Welt entgegenströmen, ihr Mund verstummte. Aber das ist es nicht; sie ist seelenlos wie es Undine war, bevor sie liebte. Doch sagt man, daß sie viel geliebt hat. Wer weiß? Ist die Sehnsucht nach Liebe schon Liebe? Ein Theil davon gewiß und am Ende gar der Liebe bester Theil. Nun, das ist ihre Sache, ich habe wenig Talent zum Damon, und so verlangt mich denn auch nicht nach einer Phillis; ich brauche eine Frau, die in der großen Welt zu Hause ist, die meine Gäste mit einer stattlichen Verbeugung empfangen und entlassen kann, die um meine dunkle Herkunft den Mantel ihres alten Adels wirft und von meinen Ideen und Plänen gerade genug versteht, um zu wissen, daß sie nicht hineinreden kann.

Leo trat aus der Thür bis an die Brüstung des Ballons, auf die er sich mit beiden Armen legte. Ueber den östlichen Himmel breiteten sich dunkle Purpurstreifen, den neuen Tag verkündend; im Zenith wurde der Himmel lichter; an der Erde konnte man schon die einzelnen Blumen erkennen; verschlafene Vogellaute ertönten hie und da von den Bäumen, aus den Büschen.

Wie schön ist diese Stunde! sprach Leo bei sich; wie kann man ihre Schönheit so voll genießen, wenn man, wie ich, das Geschrei der wüsten Menge noch im Ohre hat! Welch elende Heuchelei ist dieses Buhlen um die Gunst der Menge, dieses Zurschautragen einer Liebe, die man nicht fühlt! Wie kann man lieben, was unseren Neigungen, unserem innersten Wesen so gänzlich widerspricht! Liebe! So liebt auch ein Arzt den Aussätzigen, den er curiren, der Exerciermeister den Tölpel, den er drillen, der Constabler den verhungernden Vagabunden, den er aus dem Straßenschmutze auflesen muß! Mitleid, o ja! aber Liebe doch wahrlich nur, so weit Liebe Mitleid ist.

Ein Raunen und Rauschen ging durch die Blätter; es war der erste Hauch des Morgens, und er weckte die Welt aus ihrem Schlummer. Die Zweige begannen hin und her zu wehen, überall in der Runde erschallten Vogelstimmen; von der Parkstraße her hörte man das Rollen der Wagen, die zum Markte fuhren; der Tag war da, und mit ihm die Arbeit. Leo ging in die Bibliothek zurück und schloß die Fensterthür.

Es war eine wichtige Arbeit, die ihn erwartete: der Bericht an den König über den jetzigen Stand der Tuchheimer Fabrik, an den sich ein wissenschaftliches Gutachten über die Möglichkeit und Zweckmäßigkeit der Anlage ähnlicher Institute in allen Theilen des Landes mit Hilfe von Geldern, die der Staat aufzubringen haben würde, schließen sollte. Dies Project war die praktische Consequenz von Leo's Theorien in der Arbeiterfrage; es durchzusetzen, zu verwirklichen, die erste der langen Reihe von Aufgaben, die er sich gestellt hatte. Vor dem Zusammentritt der nächsten Kammern im Herbst konnte nichts entschieden werden. Vorläufig galt es, durch unwiderlegliche Gründe das Publikum für die neue Lehre zu gewinnen, damit, wenn die Kammer, wie vorauszusehen war, die eingebrachte Vorlage ablehnte, ein Sturm des Unwillens sich erhebe, aus dem eine neue Ordnung der Dinge hervorgehen konnte. Je länger Leo arbeitete, um so höher schlug die Lohe der Leidenschaft, die ihn erfüllte. Ein paarmal stieß er den Sessel zurück und ging mit großen Schritten und auf den Rücken gelegten oder auf der Brust gekreuzten Armen im Zimmer auf und ab: sie sollen in den Staub, sie sollen Erde fressen wie die Schlangen! zwischen die Zähne murmelnd. Dann setzte er sich wieder, und seine Feder flog mit vermehrter Schnelligkeit über das Papier. Philipp brachte den Kaffee und breitete die eingelaufenen Briefe und Zeitungen auf einem Nebentische aus. Er machte dabei so wenig als möglich Geräusch und entfernte sich leise, den Blick mit scheuer Ehrfurcht auf den Herrn gerichtet, der ihm von Tag zu Tag mehr als ein übermenschliches Wesen erschien.

Die Briefe und Zeitungen lagen schon lange da; endlich, in einem Augenblick der Erschöpfung, fand Leo auch für sie Zeit. Rasch erbrach er ein Siegel nach dem andern und durchflog die Zeilen, die sehr verschiedenen Inhalts waren. Hier empfahl sich ein kleiner Beamter der mächtigen Protection Seiner Hochwohlgeboren; dort bat ein verarmter Handwerker für sich und seine hungernde Familie um Unterstützung; Kaufleute priesen ihre Waaren an, sociale Vereine verlangten Rath, Unterstützung. Dann kam ein Brief, der von einer plumpen Hand, welche vielleicht den Hammer besser als die Feder zu führen wußte, geschrieben war und in welchem Leo ein Verräther, für den der Strick schon gedreht sei, genannt wurde. Der Brief war aus Tuchheim und mußte mit demselben Zuge, wie er, gekommen sein. Alle Gemüther hatte er also nicht befriedigt; ob der Eine wirklich, wie er sich ausdrückte, im Namen Vieler geschrieben hatte, mußte die Zukunft lehren.

Wieder keine Einladung, murmelte Leo, indem er sich mit dem Rest der Briefe beeilte; keine Einladung; der Baum will nicht auf einen Streich fallen. Josephe hat Recht, diese Menschen geben ihre Vorurtheile nur mit ihrem Leben auf. Ein Brief von Silvia? was schreibt sie? »Ich habe Dich in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen; kannst Du nicht heute zu mir kommen?«

Leo griff nach den Zeitungen, unter welchen ihm ein neues Blatt sogleich in die Augen fiel; es führte den Titel: »Demokratische Zeitung«; als Herausgeber waren die Namen zweier geachteter Publicisten, als verantwortlicher Redacteur Walter genannt. Ein Prospect, in welchem Leo sofort Doctor Paulus' Feder erkannte, eröffnete den Reigen. In einer Zeit, hieß es darin, wo man das Volk um die Wohlthat einer freien Presse offen betrüge und zum Ueberfluß dem schamlosen Betrug den Stempel des Rechts aufzudrücken versuche, thue ein Blatt noth, das schlechterdings keinen andern Zweck habe, als ein gegen die Hochfluth der Reaction aufgeworfener Damm zu sein. Man sei vollkommen darauf gefaßt, daß in Kurzem auch dieser Damm werde weggerissen werden, und man würde sich deshalb beeilen, was man zu sagen habe, möglichst schnell und möglichst verständlich zu sagen. Es sei keine Wahrheit so alt und keine so gut, daß sie nicht immer neuer Zeugen bedürfe. Als einen solchen Zeugen der Wahrheit bitte man das Blatt zu betrachten; jedenfalls werde es sich nach Kräften bestreben, sich dieser Ehre würdig zu erweisen. Sollte ihm der Opfertod erspart bleiben – was freilich nur bei einem gänzlichen Umschwung der Situation möglich sein würde – so sei es natürlich um so besser; aber man hoffe nicht auf den Deus ex machina eines äußeren Ereignisses. In der Kunst und im Leben habe das nur ein Recht zum Sein, was aus dem innersten Wesen der handelnden Personen sich mit Nothwendigkeit ergebe, und bis die Nation zu dieser Einsicht komme und dieser Einsicht gemäß handle, würde wohl leider noch manchesmal aus Morgen und Abend der nächste Tag werden müssen.

Die alte Leier! murmelte Leo, das Blatt mit einer Geberde der Verachtung auf den Tisch werfend. Dennoch nahm er es nach einigen Minuten wieder zur Hand. Sein Blick fiel auf einen Artikel über die sociale Frage, in welchem die Selbsthilfe als der einzige Weg bezeichnet wurde, der zur Hebung der arbeitenden Klasse zu führen vermöge. Ein gleich darauf folgender Artikel war der Schilderung einer Association von Schneidern zu gemeinschaftlichem Geschäftsbetrieb im Großen gewidmet, die soeben nach langen Vorarbeiten auf Anrathen des Herrn Jeremias Rehbein in's Leben getreten sei.

Also immer noch das jämmerliche Flicken auf das alte Kleid, an dem nicht Stich und Fetzen mehr hält! Ein schneiderhafter Gedanke, einer Schneiderseele würdig!

Und wieder warf Leo das Blatt aus der Hand, und wieder griff er danach.

Nun natürlich! das durfte ja nicht fehlen! man mußte doch neben dem Heiland mit Nadel und Schere den Gottseibeiuns mit Hörnern und Klauen malen! Nur nicht geziert, ihr Herren! die Farbe nicht gespart! Ein Jahrmarktsbild muß man von weitem sehen können!

So rief Leo und lachte laut auf, als er jetzt einen Aufsatz zu lesen begann, der sein eigenes Unternehmen zum Gegenstand hatte. Das Lachen kam ihm nicht vom Herzen und verschwand ganz und gar von seinen Lippen, je weiter er las. Der Artikel war mit einer Sachkenntniß geschrieben, die ihm, sehr gegen seinen Willen, imponirte; aber die Röthe des Zornes stieg ihm in die Stirn, und seine Lippen bebten, als er das Folgende las: »Und nun zum Schlusse noch einige Worte über den Mann, auf dessen intellectuelle Urheberschaft dieses durch und durch verfehlte Unternehmen zurückzuführen ist. Wir lassen gern die Person aus dem Spiel, wo es sich nur um die Sache handelt; in diesem Falle aber ist leider die Person von der Sache nicht zu trennen. Das Werk trägt zu deutlich den Stempel seines Meisters, und er hat uns seinen Meisterbrief zu oft prahlerisch vorgehalten, als daß er sich wundern könnte, wenn wir uns denselben ein wenig genauer betrachten. Seitdem er das letzte Stadium seiner Laufbahn betrat, hat dieser Mann sich das Recht auf Schonung verscherzt. Was war er, als er seine Agitation begann, was ist er jetzt?«

Es waren nicht viele Zeilen, die Leo noch zu durchlesen hatte; aber es dauerte lange, sehr lange, bis er damit zu Ende war.

Als er sich erhob und in dem Gemache auf und ab zu schreiten begann, war er sehr bleich, und sein Gang war unsicher und schleppend. Einmal hielt er sich sogar im Vorübergehen an der Platte des Tisches, als müsse er der wankenden Kraft zu Hilfe kommen.

Er hat es also wirklich gewagt? Wer hätte ihm das zugetraut! Und den Stier gleich bei den Hörnern zu packen? ist das wirklich Muth? es sieht beinahe wie Dummheit aus. Der arme Junge läßt sich das Vergnügen, auch einmal verantwortlich zu sein, seine zehntausend Thaler kosten – das Einzige, was sie aus den Trümmern gerettet haben! Walter, der Märtyrer!

Das Blatt, das auf den Boden gefallen war, lag zu seinen Füßen. Er trat zornig mit dem Fuße darauf, und während er das that, murmelten seine Lippen Verwünschungen und Drohungen. Dann lachte er wieder.

Nun, wahrhaftig, das könnte auch der König! Man sagt, daß er die Tische und Stühle prügle, an denen er sich gestoßen. Wir wollen die hölzernen Gesellen, die sich so breit machen, ganz gelassen auf die Seite schieben!

Er setzte sich wieder an seinen Arbeitstisch und strich die letzten Seiten, die er vorhin geschrieben, durch; das waren sanfte Geißelhiebe, noch nicht die Scorpione, die er sie jetzt fühlen lassen wollte. Er schrieb mit fliegender Feder, ohne kaum von dem Papier aufzublicken, bis der Diener kam, ihn zu erinnern, daß er sich für die Empfangsstunde umkleiden müsse. Diese Stunden waren Leo sehr wichtig; er konnte an der Zahl und der Art der Besucher abnehmen, wie weit und bis in welche Schichten sein Einfluß bereits reichte. Dabei hatte er sehr eigenthümliche, nicht immer angenehme Entdeckungen gemacht. Die, auf welche es ihm jetzt, wo er auf den Rath des Generals und nach seiner eigenen Einsicht seine Stellung bei Hofe sichern wollte, zumeist ankam: der hohe Adel und das hohe Beamtenthum, hielten sich fern. Was zu ihm kam, waren Leute, die ihm nicht helfen konnten, dafür aber seine Hilfe in jeder nur möglichen Weise beanspruchten. Er war deshalb auf das Angenehmste überrascht, als ihm, wie er eben seine Toilette beendigt hatte, der Marquis Alphons de Sade gemeldet wurde.

Der junge Mann trat mit dem freundlichsten Lächeln auf den Lippen herein und streckte die beiden, in den feinsten Glacéhandschuhen steckenden Hände mit der anmuthigsten Herzlichkeit nach Leo aus.

Mein werther Arzt, mein lieber Freund! rief er auf Französisch; ich komme, Ihnen Satisfaction anzubieten, und bin sehr glücklich, daß Sie mir meine Bètise nicht höher anrechnen. Monsieur de Tuchheim ist an Allem schuld; er machte mir ein so affreuses Bild von der politischen Rolle, die Sie hier spielten, daß ich – ich muß es bekennen – choquirt war. Was wollen Sie? Meine beiden Großväter sind auf der Guillotine gestorben, meine beiden Großmütter haben jahrelang das miserable Leben der Refugiés geführt; können Sie es dem Enkel verdenken, wenn er keinen Sansculotten in seiner Wohnung haben wollte?

Sprechen Sie nicht mehr davon, erwiederte Leo; Sie sehen, es fehlt mir auch jetzt nicht an einem Obdach.

Nein, wahrhaftig, sagte der Franzose, sich im Zimmer umblickend; ein charmanter Aufenthalt für einen Philosophen sans les toits. Ist diese ebenso kostbare wie geschmackvolle Einrichtung von Ihnen?

Zum Theil, erwiederte Leo; einen Theil fand ich bereits vor. Sie wissen, oder Sie wissen vielleicht auch nicht, daß Se. Majestät die Gnade hatten, dieses Haus, das er noch als Kronprinz für einen sehr geliebten militärischen Lehrer bauen ließ, mir zum Präsent zu machen. Das Haus hat einige Jahre leer gestanden; die Einrichtung war schön, aber sehr unvollständig; ich habe sie in demselben Styl ergänzt. Aber was sprechen wir über diese Bagatelle. Wann sind Sie zurück gekommen? und vor Allem, wie geht es Ihnen?

Vortrefflich! antwortete der Marquis; so vortrefflich, wie es Jemandem mit einem halben Lungenflügel nur gehen kann. Aber ich werde mich schonen, verlassen Sie sich darauf; ich bin vorläufig der Letzte meines Namens; Messieurs les Marquis, meine Vorfahren, würden es mir nie vergeben, wenn ich definitiv der Letzte bliebe. Ich werde heirathen und solide werden wie ein wohlbeleibter Epicier!

Und der junge Mann lächelte und warf einen melancholischen Blick auf seine zarten, abgemagerten Glieder.

Sie sehen wirklich viel besser aus, sagte Leo.

Und fühle mich auch in der That viel besser, rief der Franzose mit großer Lebhaftigkeit; das danke ich Ihrem vortrefflichen Rath. Würden Sie dafür wohl gelegentlich auch von mir einen Rath annehmen?

Gewiß! sagte Leo.

Da will ich Sie doch gleich auf die Probe stellen, fuhr der Marquis fort, und zu dem Zwecke ganz undiplomatisch meine Sprache brauchen, um meine wirklichen Gedanken auszudrücken. Ich finde Sie bei meiner Zurückkunft in einer eigenthümlichen Lage. Mißverstehen Sie mich nicht, eigenthümlich für Eure deutschen Verhältnisse, bei uns in Frankreich würde es das Einfachste von der Welt sein. Wir Franzosen sind in den letzten sechzig oder siebzig Jahren unserer Geschichte so an den jähen Wechsel der Verhältnisse gewöhnt; unsere Acteurs lösen einander so schnell auf der Staatsbühne ab, daß selbst das Außerordentlichste nicht mehr wesentlich überrascht. In einem Volke, bei welchem nach dem Ausspruche des großen Kaisers jeder Soldat einen Marschallsstab in seinem Tornister trägt, ist schließlich das Talent der einzige Adel und der Erfolg die einzige Dignität – ein melancholischer Ausspruch in dem Munde eines Abkömmlings aus dem Faubourg St. Germain, der kein Talent und es mit achtundzwanzig Jahren nur zum Gesandtschafts-Attaché gebracht hat; aber vielleicht deshalb um so wahrer. Bei Euch ist dies anders. Ihr seid ein schwerfälliges, pedantisches Volk, das, trotz seiner Originalität im Einzelnen, in gesellschaftlichen Dingen immer nach der Schablone arbeitet. Bei Euch hat das Außerordentliche wenig Chancen, oder höchstens die, alle Tröpfe gegen sich in Aufruhr zu bringen. Bei uns ist es salonfähig; bei Euch muß es in die böhmischen Wälder fliehen. Ihr nennt das moralisch, wir nennen es ennuyant. Es ist traurig, daß die Sachen so bei Euch liegen; aber sie liegen doch nun einmal so, und Sie, cher ami, werden es an sich erfahren, ja erfahren es schon täglich an sich. Ich höre in den Kreisen, in denen ich mich bewege, die schlimmsten Dinge über Sie. Man würde gar nichts gegen Sie haben, wenn Sie ein halbes Dutzend, oder lieber noch ein Dutzend Ahnen hätten, aber dem Plebejer kann man die Freundschaft eines Königs nicht verzeihen. Es ist ein schreckliches Ding um Ihren Adel, lieber Freund! Das ist zum Theil vollkommen antediluvianisch. Da war ich vor einigen Tagen bei einem petit souper, das dieser junge Löwe jüdischer Extraction, Alfred von Sonnenstein, in der Wohnung seiner Maitresse seinen intimeren Freunden gab. Du lieber Gott, man sollte über den armen Teufel nicht spotten, denn es geht ihm, wie Sie wohl gehört haben werden, jetzt schlecht genug; aber die Unfähigkeit Eures jungen Adels, sich auch nur mit Grazie zu ruiniren, trat mir wieder einmal so recht deutlich vor die Seele. Welche Conversation, welche Trivialität! Welcher Mangel an Haltung bei den Männern, und welche Frauen! Oh, mon Dieu! welche Frauen! Diese kleine Maitresse Sonnenstein's mag gehen; sie steht im Anfang ihrer Carrière und kann sich noch formiren, jedenfalls hat sie Temperament. Aber die Andern! Da hatte Monsieur de Kerkow eine kleine insipide Blondine, aus deren Munde ich nichts als Ja und Nein vernommen habe; ich weiß nicht, ob sie die Stelle einer Kammerjungfer bei der Dame vom Hause ausfüllen könnte; aber sie zu seiner Maitresse machen – horrible! Da war Mademoiselle Adèle vom Corps de Ballet, eine kleine, nicht ungraziöse, aber gänzlich ungebildete Französin, die ihre Sprache auf das Entsetzlichste mißhandelte und die deshalb der letzte Etudiant im Quartier Latin zu seiner petite femme zu machen Anstand nehmen würde; da war – doch ich wollte ja von etwas anderem sprechen. Auch hier, auch für diese Herren waren Sie die bête noire; man hat beschlossen, Sie zu ignoriren, wenn es sein kann, Sie zu excludiren, wenn es sein muß. Mein Rath wäre also der: Seien Sie in allen Ihren Schritten einem so zugleich befangenen und fanatischen Adel gegenüber so vorsichtig als möglich. Man wartet auf die erste Blöße, die Sie sich geben, um über Sie herzufallen und Sie zu massacriren. Sie werden lange Zeit brauchen, bevor es Ihnen gelingt, diese stupiden Adelscolonnen zu culbutiren – wenn es Ihnen gelingt! Verstärken Sie deshalb Ihre Macht, indem Sie Hilfstruppen, woher es immer ist, heranziehen. Machen Sie es wie der geniale Kaiser, der stets den Hauptstoß auf einen bestimmten Punkt zu führen wußte und seine Gegner auch stets aus dem Sattel warf, und seien Sie versichert, daß, wenn ich Ihnen einen Freund verschaffen oder einen Feind vom Leibe halten kann, ich mir eine Ehre und ein Vergnügen daraus machen werde.

Der Marquis war aufgestanden und hatte sich bei den letzten Worten anmuthig verneigt.

Sie sind sehr gütig, Herr Marquis, erwiederte Leo; es wäre undankbar und thöricht, wollte ich leugnen, daß ich die Hilfe, die Sie mir anbieten, nöthig habe und also gern acceptire. Ich fürchte nur, Sie dürften sich bei Ihrem freundlichen Bemühen mehr Ungelegenheiten bereiten, als dem Lebemanne oder gar dem Edelmanne lieb ist.

Ah bah, antwortete der Franzose, mit seinem Stückchen einen leichten Schlag durch die Luft führend; mein Adel ist so alt, daß ich mit Jedem, der mir gefällt, ungestraft umgehen kann, und fiele es dennoch Jemandem ein, mich darüber zur Rede stellen zu wollen – nun, auch ich habe die Ehre, aus einem Geschlechte zu stammen, in welchem die Frauen keusch und die Männer – nicht feig sind.

Der Marquis lachte, drückte mit seiner schmalen weichen Hand herzlich Leo's Hand und entfernte sich schnell.

Verstärken Sie Ihre Macht, indem Sie Hilfstruppen, woher es immer ist, heranziehen, sagte Leo, dem Marquis nachblickend; der Franzose hat Recht. Er hat bei sich zu Hause die praktischen Beispiele für seine Theorie.

Der Geheimrath Urban wünscht dem Herrn Doctor aufzuwarten, meldete der Diener.

Ueber Leo's Gesicht flog ein finsteres Lächeln. Da kommt er ja schon, den ich eben nur erst an die Wand gemalt, murmelte er, während draußen im Vorzimmer ein schwerer Schritt hörbar wurde.

Eine große, schwarz gekleidete Gestalt trat auf die Schwelle, verweilte dort ein paar Augenblicke und kam dann mit ausgebreiteten Armen auf Leo zu.

Mein lieber, verehrter junger Freund, sehe ich Sie endlich wieder? Ist es dem alten Lehrer vergönnt, seinen großen Schüler an das treue Herz zu drücken?

Der Geheimrath wartete die Antwort nicht ab, er umarmte Leo und hielt ihn dann an beiden Händen fest, die er wiederholt mit seinen großen kräftigen Händen preßte und schüttelte.

Man hatte einander gegenüber auf Lehnsesseln Platz genommen, des Geheimraths Augen hingen unverwandt an Leo, als könne er sich des Anblicks des wiedergefundenen Freundes nicht ersättigen.

Ich wäre schon längst zu Ihnen gekommen, begann er von neuem, aber eine Scheu, die Sie mir nachfühlen werden, hielt mich zurück. Wer sich den Mächtigen unaufgefordert naht, setzt sich immer einem unschönen Verdachte aus.

Sie spotten meiner, erwiederte Leo.

Der Geheimrath lächelte. Immer noch der vorsichtige, kluge Kopf, der Dinge und Menschen nicht für das nimmt, was sie scheinen wollen, sondern was sie sind. Daran erkenne ich meinen Schüler. Aber ich bin das, wofür ich mich gebe: Ihr warmer, aufrichtiger Freund, der Ihre Laufbahn mit halb ängstlichen, halb bewundernden Blicken verfolgt hat und nun endlich glücklich ist, Sie auf der Höhe angekommen zu sehen, zu der Sie prädestinirt sind.

Sie sind sehr gütig, Herr Geheimrath, antwortete Leo, aber vielleicht beurtheilen Sie, der Sie ja eben meiner Laufbahn nur aus der Ferne gefolgt sind, auch meine jetzige Stellung nicht mit dem vollen Verständniß der einzelnen Momente, durch welche dieselbe bedingt ist.

Der Geheimrath warf aus den grauen Augen einen durchdringenden Blick auf Leo, rückte mit seinem Stuhl ein paar Zoll näher und sagte in leiserem Tone:

Lassen wir die Maske fallen! Sie sind noch nicht auf der Höhe angekommen, Sie haben noch einige, und zwar sehr schwierige Stufen zu erreichen, und Sie müssen nach aller menschlichen Berechnung sich jetzt nach treuen Bundesgenossen sehnen; die Isolirung, in welcher Sie sich befinden, muß Ihnen unheimlich sein, wie sie Ihrem königlichen Freunde für Sie unheimlich ist. Ich hatte gestern in einer Angelegenheit, auf die alsbald zurückzukommen ich mir erlauben werde, eine Privat-Audienz bei Sr. Majestät. Majestät schien etwas präoccupirt und nicht ganz heiter, er kam dann – Sie wissen, er ist mittheilsam, wo er sich verstanden glaubt, und auch wohl oft genug, wo man sich ein Gewerbe daraus macht, ihn mißzuverstehen – er kam dann, sage ich, auch bald auf Sie zu sprechen, selbstverständlich mit der Wärme, ich kann wohl sagen, mit dem Enthusiasmus, den er Ihren bewunderungswürdigen Talenten, vor Allem aber auch Ihrer persönlichen Erscheinung zollt. Was ist das für ein Mann, rief er, das Muster geradezu eines Mannes! Und ist es nun nicht schändlich, daß mir diesen Mann – Sie kennen seine originelle Ausdrucksweise – Niemand abnehmen will? Wenn Karl August von Weimar das Recht hatte, in einer poetischeren Zeit mit dem Frankfurter Bürgerssohn seinen Herzogsstuhl zu theilen, weshalb soll ich denn nicht in einer politischen Periode diesen Mann, der auf dem socialen Gebiete eine ebenso schöpferische Genialität zu entfalten verspricht, wie Goethe auf dem poetischen, wenigstens nahe an meinen Thron stellen dürfen? – Ich erlaubte mir, Se. Majestät darauf aufmerksam zu machen, daß es auch für Goethe einiger Zeit bedurfte, bevor er sich in den höfischen Adelskreisen Weimars so zu sagen acclimatisirte, und daß Karl August die Vorsicht brauchte, seinen Liebling mit all den äußerlichen Attributen des Ranges und Standes auszustatten, die nun einmal conditio sine qua non sind, will man sich in jenen Kreisen mit Freiheit bewegen. Se. Majestät wurde darauf sehr vertraulich und theilte mir mit, daß er Ihnen bereits Anerbietungen nach dieser Seite gemacht habe, Anerbietungen, die von Ihnen standhaft zurückgewiesen worden seien. Ich würde ihm heute lieber den Adel geben, als morgen, rief er, aber er ist im Stande, mir zu antworten, daß er bereits mit dem Artikel auf Lebenszeit reichlich versehen sei. Ich erwiederte, daß, wenn Se. Majestät mir die Gnade der vertraulichen Commission, in seinem Namen mit Ihnen über diese und ähnliche Punkte Rücksprache zu nehmen, zuwenden wolle, ich vielleicht, als Ihr alter Lehrer und Freund, keine ganz ungeeignete Person sein würde. Seine Majestät nahm – ich darf wohl sagen – meinen Vorschlag mit Freuden an und rief mir noch, als ich mich bereits in der Thür verbeugte, nach: Wer mich jetzt lieb hat, kann es zeigen, indem er zu dem Manne steht, den ich liebe. O, es ist etwas Biblisches, Gesalbtes in diesem Monarchen, das mich jedesmal, so oft ich mich ihm nahen zu dürfen das Glück habe, wie mit Weihrauch und Narden umduftet!

Und der Geheimrath drückte die Augen ein und suchte dabei zu ergründen, welchen Eindruck seine Worte wohl auf Leo gemacht haben möchten.

Leo wiederholte mit Vorsicht die Gründe, mit denen er bereits dem General gegenüber seine Abneigung, in den Staatsdienst zu treten, motivirt hatte. Der Geheimrath hörte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu und sagte:

Sie dürfen sich nicht in der Menge verlieren! Gewiß nicht! Ich hatte es noch nicht von der Seite angesehen; ich begreife, daß Sie nicht unter meinem vortrefflichen, aber, unter uns, doch etwas beschränkten Freunde Hey arbeiten können. Gut! Warten Sie die Chancen ab, die eintreten können, oder, wenn Sie wollen, eintreten müssen. Aber das kann Sie doch nicht hindern, da, wo es angeht, Einfluß zu gewinnen und sich mit wohlorganisirten Mächten zu befreunden, mit denen Sie schließlich doch werden rechnen, ja Hand in Hand gehen müssen. Glauben Sie mir, Sie können ohne uns Ihre Reformen nicht durchführen. Die letzte sociale Revolution, die wir in Deutschland gehabt haben, ich meine die der Bauernkriege – denn die ziel- und ideenlose Straßen-Emeute von Achtundvierzig rechne ich nicht – ist daran zu Grunde gegangen, daß man die Geister freimachte und die Leiber nicht freimachen wollte; eine solche Revolution, die umgekehrt die Leiber frei macht, ohne den Geistern die Freiheit zu bringen, würde unfehlbar nicht minder kläglich scheitern. Es giebt aber nur Eine geistige Freiheit, das ist die unter dem Joch, das sanft, unter der Last, die leicht ist; es giebt nur Eine Gleichheit – die Gleichheit vor Gott, vor dem wir allzumal Sünder sind. Geister, die nicht mit diesem Zauber, der nun schon ein paar tausend Jahre seine Kraft bewährt hat, gebannt sind, werden Ihnen immer abirren, ja Sie werden sie überhaupt nicht in Bewegung setzen können. Und bedenken Sie wohl, daß Sie es nicht mit gemüthlosen, französischen Ouvriers, nicht mit englischen seelenlosen Workmen, nicht mit befuselten irischen Paddys – sondern daß Sie es mit gemüthlichen deutschen Arbeitern zu thun haben, denen der Mysticismus noch in allen Gliedern steckt. Warum können denn jene schalen Aufklärer, jene liberalen Quacksalber, die Ihnen mit Recht so verhaßt sind, keinen rechten Boden gewinnen, als weil sie sich in ihrer brutalen Stumpfsinnigkeit nur immer an den Geldbeutel und den Brodsack wenden und, wenn es hoch kommt, den urtiefen Drang der armen Menschen nach Seelenerregung, ja nach Seelenrausch, mit ihren langweiligen, nüchternen, sogenannten Festen, bei welchen schauerlicher Quartettgesang, profane Lieder und natürlich Bier und Tabak die Hauptrollen spielen, zu befriedigen wähnen? Der König, dem ich ebenfalls Andeutungen nach dieser Richtung mir zu machen erlaubte, war entzückt; Sie kennen sein tiefes, romantisches Gemüth. Seien Sie versichert, ein Arbeiterzug, der nicht eine Kirchenfahne in seinen Reihen führte, würde ihm nicht gefallen, und er würde eines Propheten, und wenn er mit Engelszungen redete und seinem Herzen nichts zu sagen wüßte, bald überdrüssig werden. Ich will mich nicht weiter über diesen Punkt auslassen. Sie sind der Mann, auf ein halbes Wort hin zu verstehen.

Der Geheimrath blickte zu Leo hinüber; er war mit dem Eindrucke, den er hervorgebracht, zufrieden und fuhr in einem noch zuversichtlicheren Tone fort:

Da freut es mich denn, daß ich Ihnen sogleich eine herrliche Gelegenheit geben kann, Ihr Interesse an den religiösen Dingen und zugleich das Verständniß, welches Sie meinen schüchternen Andeutungen entgegen bringen, zu beweisen. Ich stehe, in Verbindung mit mehreren namhaften Männern und einigen unserer angesehensten Damen, im Begriff, einen Verein zu bilden, der sich die Linderung, respective Hebung des weiblichen Proletariats zur Aufgabe gemacht hat. Wir gedenken, die Sache im Großen und mit großartigen Mitteln in Angriff zu nehmen. Wir haben Verbindungen mit allen bedeutenden und nicht wenigen kleinen Städten des Königreichs angeknüpft; auch auf dem platten Lande haben wir viele warme Freunde. Wie groß das Vertrauen ist, das man uns schenkt, und wie gelockert das Erdreich, in welches wir säen wollen, dafür will ich Ihnen nur den einen Umstand als Beweis anführen, daß wir auf einen ersten Aufruf zu Beiträgen nicht weniger als zehntausend Thaler zusammengebracht haben. Daß wir zur Erreichung unseres Zieles: die Gründung oder Unterstützung von christlichen Mädchenherbergen, eine Vergrößerung des Einflusses der Geistlichen auf die Armenschulen, die Purificirung der Waisenhäuser von allen unlauteren, rationalistischen Einflüssen, die Ueberwachung des Verhältnisses zwischen dem christlichen Gesinde und seiner christlichen Herrschaft im Auge haben, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Ich habe im Comité, in welchem, um Ihnen nur einige Namen zu nennen, Graf Röder, Baron Schuler, der alte Herr von Kerkow, Commerzienrath Reßler, von Frauen: die alte Baronesse Barton und andere sehr angesehene Damen sitzen, noch einen Platz zu vergeben. Darf ich?

Der Geheimrath lehnte sich in seinen Stuhl zurück, drückte die Augen ein und ließ seine beiden Daumen umeinander spielen.

Sie würden sich nur dem Widerspruche Ihres Comités, ja den schlimmsten Verdächtigungen aussetzen! erwiederte Leo, dessen verdüsterte Stirn und Augen den inneren Kampf deutlich genug verriethen.

Das lassen Sie meine Sorge sein, sagte der Geheimrath schnell; ich glaube einigen Einfluß auf die übrigen Comitémitglieder zu haben; ein halbes Dutzend Besuche vorher, eine kleine Rede in der nächsten Sitzung – und die Sache ist gemacht.

Er erhob sich und sagte, während er seinen Stuhl zurückschob, wie mit sich selbst redend: Der König wird sich unendlich freuen! unendlich! dann drückte er wieder Leo's Hände, blickte ihn abermals mit verliebten Augen an und sagte:

Erinnern Sie sich, mein Freund, jenes Abends, als wir uns in meiner Studirstube zu Tuchheim an meinem Arbeitstische gegenüber saßen? Sie waren damals ein brausender Most; ich aber schmeckte bereits den edlen Wein, der eines Königs würdig ist. Sie verlangten ungestüm von mir zu wissen, was hinter dem Schleier der Isis stecke. Ich weiß nicht, ob Sie mir damals glaubten; jetzt aber wissen Sie, daß ich nicht gelogen habe. Und ich sagte Ihnen auch, es werde eine Stunde kommen, wo Sie mir zurückzahlen könnten, was ich etwa für Sie gethan. Die Stunde ist da. Versäumen Sie nicht, sie zu benutzen; es wird Ihnen des Himmels reichsten Segen bringen.

Leo begleitete den Geheimrath bis zur Thür. Ich lade Sie nicht zu mir ein, sagte der Letztere hier. Sie kennen mein Haus. Es ist dort öder und langweiliger als je. Mein Haus ist mir verleidet. Wenn ich meine Freunde bei mir sehen will, bitte ich sie mir in ein gutes Restaurant. Auf Wiedersehen, mein lieber Freund, auf baldiges Wiedersehen!

Der Geheimrath bewegte sich zur Thür hinaus und stieß dabei fast die schmächtige Gestalt des Bankiers von Sonnenstein über den Haufen, der in seiner Ungeduld, Leo zu sprechen, dem meldenden Diener vorausgeeilt war. Die beiden Herren, die sich sehr gut kannten, baten einander um Entschuldigung, aber der Bankier hatte es sehr eilig; er sah erregt, ja verstört aus; so sagte ihm auch Leo, als sie sich in dem Zimmer allein befanden.

Sie haben Recht, mein Lieber, erwiederte der Bankier, aber ich habe auch Ursache dazu. Wollen Sie mir einen großen Gefallen thun, so ziehen Sie sich an – nein, Sie sind ja angezogen, sind immer angezogen – kommen Sie also mit mir; ich sage Ihnen unterwegs, um was es sich handelt.

Wenige Minuten darauf schritten die beiden Männer Arm in Arm, eifrig sprechend, unter den Lindenbäumen einer jener mit reizenden Villen und schönen Gärten eingefaßten Seitenstraßen, die sämmtlich auf die große Parkstraße mündeten, langsam dahin.

So steht die Sache, sagte der Bankier. Nun, mein Gott, Sie wissen, ich bin kein Philister, ich gönne dem Jungen das heitere Leben, das er lebt, von Herzen, wenn es auch ein bischen kostspielig ist; ich habe ihm noch nie das Geld, das er braucht, und wenn es in die Tausende ging, mißgönnt, aber an der Gesundheit des Jungen hat die Sache ihre Grenze. Der Blutsturz, obgleich ihn die Aerzte nicht eben wichtig nehmen, scheint mir denn doch ein Zeichen dafür, daß seine Constitution ernstlich erschüttert ist. Was meinen Sie?

Ich kann darüber nicht urtheilen, erwiederte Leo, bevor ich eine genaue Untersuchung angestellt habe. Leugnen will ich nicht, daß mir eine gänzlich veränderte Lebensweise Ihres Sohnes unbedingt geboten scheint.

Das ist es ja, was ich will, rief der Bankier stehen bleibend; nun helfen Sie mir, den Alfred zur Vernunft zu bringen! Es ist ein böser Zufall, daß ihm das Unglück gerade in der Wohnung – hier hustete der Bankier verlegen und fuhr dann entschlossen fort – seiner Maitresse begegnen mußte. Wenn ich ihn nur erst wieder bei mir zu Hause hätte.

So ist er noch dort?

Allerdings. Die Aerzte behaupten freilich, daß er ohne Gefahr transportirt werden könne; er aber behauptet, es ginge nicht. Das ist aber nur ein Vorwand; die Sache ist, er will nicht von ihr, sie will nicht von ihm lassen.

Und was kann ich dabei thun?

Sie sollen ihm in's Gewissen reden, ihn zu bestimmen suchen.

Er wird meine Intervention als eine unberechtigte Einmischung zurückweisen.

Das glaube ich nicht; er hält große Stücke auf Sie; er hat noch in diesen Tagen wiederholt gesagt: Leo ist der Einzige, der mir helfen kann. Ich habe mit Schmerzen Ihre Rückkunft erwartet.

Der Gedanke, Eve nach der letzten Begegnung auf dem Bahnhofe in Tuchheim wieder gegenüber zu treten, hatte für Leo nichts Anziehendes; auf der anderen Seite erwies er sich nicht ungern dem Bankier in einer Sache gefällig, die so tief in die intimsten Verhältnisse der Sonnenstein'schen Familie griff. Ein so großer, der Familie geleisteter Dienst verpflichtete den Bankier zu Gegendiensten, für die vielleicht bald die passende Stunde kommen konnte.

Es wird mir nicht leicht, Ihren Wunsch zu erfüllen, sagte er; mein Verhältniß zu Ihrem Herrn Schwiegersohn ist nicht das beste und dürfte auf diese Weise nicht besser werden. Ueberdies haben früher zwischen der in Rede stehenden Dame und mir Beziehungen stattgefunden, die, wie ich höre, vielfach mißdeutet worden sind, und dieser Schritt könnte leicht noch schlimmer gedeutet werden.

Ach was! rief der Bankier ungeduldig, ich habe schon davon gehört. Wenn wir für jeden Kuß, den uns ein hübsches Mädchen giebt, verantwortlich gemacht werden sollten, hört ja am Ende Alles auf. Da sind wir. Sie werden auch meine Emma vorfinden. Sie ließ sich nicht abhalten, Sie kennen sie ja; aber umsomehr ist es Zeit, daß dem Skandal ein schnelles Ende gemacht wird. Kommen Sie!

Um Leo's Lippen zuckte es ironisch, als er auf dem Schilde neben der Klingel: »Frau von Tannenstädt« geschrieben fand. Er dachte an das dunkelhaarige, wilde Mädchen oben »vom Walde« und dachte Tusky's, wie er aus der Hütte trat, in welcher er von seiner todten Mutter Abschied genommen.

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