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In Reih' und Glied. Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: In Reih' und Glied. Zweiter Theil - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleIn Reih' und Glied. Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunSechste Auflage
year1883
firstpub1866
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130715
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Einunddreißigstes Capitel.

Der Herr, der auf sie wartete, stand auf derselben Stelle, auf welcher sie bei ihrem ersten Besuch der Antwort der Tante geharrt hatte: vor der Uhr auf dem Sims des Kamins, deren wunderliche Form er mit großem Interesse zu betrachten schien. Silvia hatte sich ihm schon auf wenige Schritte genähert, bevor er ihrer Anwesenheit inne wurde. Jetzt wendete er sich schnell herum und blickte sie mit seinen schönen dunklen Augen verwundert an. Die Anrede, die er sich einstudirt hatte, wollte nicht über seine Lippen; er konnte sich nur mit jener Anmuth, die ihn nie verließ, verbeugen. Silvia ihrerseits war nicht minder erstaunt, als sie in dem schönen Fremden jenen Reiter aus dem Park erkannte, dessen Unachtsamkeit oder Ungeschicklichkeit sie vor einigen Monaten ihre erste Bekanntschaft mit Tante Sara verdankte.

Ferdinand erholte sich zuerst von seinem Erstaunen so weit, daß er die Worte: Habe ich die Ehre, mit Fräulein Silvia Gutmann zu sprechen? hervorbringen konnte.

Mein Name ist Doctor Ferdinand Lippert, fuhr er fort, nachdem ihn Silvia mit stummer Handbewegung zum Sitzen eingeladen hatte. Ich habe ein Anliegen an Sie, mein Fräulein, ein seltsames Anliegen, dessen Seltsamkeit mir jetzt doppelt groß erscheint, da ich in Ihnen eine Dame erkenne, in deren Schuld ich bereits seit langer Zeit stehe. Ich sehe, Sie haben die wunderliche Begegnung nicht vergessen, in welcher ich Ihnen nothwendig als ein Toller erschienen sein muß. In der That war ich in jenem Augenblick in einem Zustand, der an Wahnsinn grenzte, und war es in Folge eines Ereignisses, welches das erste Glied einer langen Kette war, die mich denn jetzt auch hierher geführt hat. Es ist das Alles so wunderlich, so – ich möchte sagen geheimnißvoll verschlungen! Sie würden, wenn Sie Alles wüßten, meine augenblickliche Verwirrung nur zu begreiflich finden.

Silvia antwortete nicht. Sie hatte nur halb gehört und deshalb auch nur halb verstanden, was Ferdinand sagte. Sie hätte am liebsten eine Unterredung, auf die sie so wenig gefaßt war und die sich überdies so unschicklich anließ, unter irgend einem Vorwande abgebrochen; aber die auffallende Schönheit dieses Mannes, die seltene Grazie seiner Manieren, ja ein Etwas in dem Klang seiner tiefen, weichen Stimme zog sie unwiderstehlich an. Ueberdies erinnerte sie sich, daß jener Onkel, dessen Obhut Eve damals übergeben wurde, denselben Namen führte wie dieser Herr, auch daß des Doctor Lippert in ihrer Gegenwart wiederholt von Henri, Alfred und anderen Herren des Sonnenstein'schen Kreises Erwähnung geschehen war. Sie konnte, ganz gegen ihre Gewohnheit, zu keinem Entschlusse kommen.

Auf der andern Seite war Ferdinand's Verwirrung keineswegs nur gespielt. Er hatte sich von Silvia eine Vorstellung gemacht, die, wie er jetzt sah, der Wirklichkeit sehr wenig entsprach. Ihre eigenthümliche Schönheit war ihm schon damals, bei jener flüchtigen Begegnung, aufgefallen und entzückte ihn jetzt, wo er sie ohne Hut und Mantel sah, noch viel mehr. Dabei war über ihre ganze Erscheinung ein keuscher Zauber ausgegossen, der in dem Wüstling eine Empfindung erweckte, über die er so oft, wenn er sie bei Anderen zu bemerken glaubte, den frechsten Spott ausgeschüttet hatte. Und auch dieses schöne Weib sollte nur für jenen Glücklichen da sein, den Alle blos deshalb zu lieben schienen, damit er sie Alle verrathen könnte! Er war nicht ohne Bedenken hierher gekommen, dem Manne, den er haßte, einen bösen Streich zu spielen; seine Handlungsweise kam ihm jetzt ordentlich verdienstlich vor. War es nicht verdienstlich, ein so schönes, so edles Wesen vor einem Manne, der ihrer durchaus unwürdig war, zu warnen?

Dies Alles ging blitzschnell durch seinen Kopf, während er noch die letzten Worte sprach. Er sagte, um Silvia, deren Schwanken er wohl bemerkte, keine Zeit zur Ueberlegung zu lassen, schnell:

Sie müssen mir verzeihen, wenn ich zur Begründung der Bitte, die ich an Sie habe, weiter aushole. Damit Sie aber nicht gar zu ungeduldig werden, will ich Ihnen wenigstens gleich jetzt sagen, worin diese Bitte besteht. Ich brauche die mächtige Fürsprache des Herrn Doctor Leo Gutmann, der Ihnen, wie ich weiß, sehr befreundet ist, um eine Anstellung in dem Ministerium des königlichen Hauses, auf die ich reflectire und die er mir mit Einem Worte verschaffen kann, zu erlangen. Nun aber tritt dabei der eigenthümliche Fall ein, daß ich, während ich auf der einen Seite die größten Anrechte auf diese Fürsprache zu haben glaube, auf der anderen Seite in die Lage komme, von einem Manne, mit dem ich heftig verfeindet bin, eine Gefälligkeit beanspruchen zu müssen. Verstatten Sie mir, um Sie nicht noch länger mit Räthseln hinzuhalten, eine kurze Darstellung von gewissen Vorfällen, die ich sämmtlich, um nichts Wichtiges auszulassen, als Ihnen unbekannt annehme, trotzdem Ihnen davon gar wohl Manches zu Ohren gekommen sein mag.

Ferdinand erzählte nun den Anfang, den Verlauf und das Ende seines Verhältnisses mit Leo, ungefähr so, wie sich Alles wirklich zugetragen hatte, nur daß er dabei sich selbst in das möglichst beste Licht stellte, ohne deswegen Leo zu verurtheilen. Im Gegentheile, er gab zu, daß Leo in der Briefangelegenheit ohne Zweifel nur den Vortheil der Partei, welcher er damals angehörte, im Auge gehabt habe und daß er Eve ganz gewiß nicht verlassen haben würde, wenn sein Herz ihn nicht nach einer anderen Seite getrieben hätte; er glaube dies um so mehr annehmen zu müssen, wenn ein Gerücht, das jetzt in der Stadt circulire und Leo's Namen mit demjenigen einer der gefeiertsten Schönheiten der höchsten Gesellschaft in Verbindung bringe, sich bewahrheiten sollte. Doch darüber und über so Manches, was ihm selbst in diesen verwickelten Angelegenheiten dunkel geblieben sei, werde das Fräulein, mit dem zu sprechen er die Ehre habe, bei dem nahen Verhältnisse, in welchem sie zu Leo stehe, gewiß mehr wissen, als er selbst.

Silvia hatte mit einer Ungeduld zugehört, die sich sehr deutlich in ihren lebhaften Zügen ausprägte und die mit jedem Worte, das Ferdinand sprach, größer geworden war. Sie dachte nicht im entferntesten daran, daß dieser Mann nur mit der Absicht, Leo zu verleumden, zu ihr gekommen sein könne – dennoch klang Alles wie Verleumdung. Sie saß da, die Augen, die mit jedem Momente dunkler wurden, fest auf Ferdinand gerichtet, während von Zeit zu Zeit die innere Erregung, die sie kaum noch beherrschte, ihren ganzen Körper erzittern ließ. Jetzt, als Ferdinand schwieg, erhob sie sich langsam und sagte, indem sie ihm, der sich ebenfalls erhoben, mit der Hand ein Zeichen des Abschiedes machte: Ihre Mittheilungen, mein Herr, haben mich, ich kann und will es nicht leugnen, auf das Peinlichste berührt. Ich lege Ihnen das nicht zur Last; ich nehme selbstverständlich an, daß Sie ein Mann von Ehre sind und als Mann von Ehre mir nichts gesagt haben, als was Sie für wahr halten; dennoch ist Alles, was Sie vorgebracht haben, falsch, gänzlich falsch. Ihre falschen Anschauungen zu widerlegen, ist nicht meine Sache. Sie sind zu mir gekommen, weil Sie mich für die Freundin meines Vetters hielten. In dieser meiner Eigenschaft kann aber ich, wie Sie mir zugeben werden, nichts weiter für Sie thun, als ihm Ihre Bitte und natürlich auch was Sie sonst gesagt haben, mittheilen. Er ist großmüthig genug, um Jedem, der sich an ihn wendet, zu helfen. Suchen Sie unterdessen sich eine andere, bessere Meinung von dem Manne, um dessen Gunst Sie sich bewerben, zu verschaffen; die Wohlthaten, mit denen er das Böse, das Sie ihm thun, vergelten wird, möchten Sie sonst zu schmerzlich drücken.

Und Silvia wiederholte entschiedener als vorhin die Geberde, die Ferdinand bedeuten sollte, daß sie die Unterredung als beendigt betrachte.

Ferdinand's Augen flammten auf. Dies stolze und schöne Mädchen erschien ihm so begehrenswerth, daß er nicht einmal die Wunde fühlte, die ihr Stolz seiner Eitelkeit schlug.

Ich gehe, mein Fräulein! rief er; sagen Sie Ihrem Vetter, was Sie wollen, oder sagen Sie ihm auch nichts. Es kommt mir nicht mehr darauf an, welches Resultat diese Unterredung für mich haben wird. Das Eine: das Glück, Sie kennen gelernt, mit Ihnen gesprochen zu haben, kann mir doch Niemand mehr rauben.

Er verbeugte sich tief und bewegte sich nach der Thür, als dieselbe geöffnet wurde und Tante Sara, welche von einer Ausfahrt zurückkehrte, auf der Schwelle erschien.

O, ich bitte tausendmal um Verzeihung! rief sie, ich wußte nicht, daß Du Besuch hattest. Aber wie ist mir denn? fuhr sie fort, indem sie Ferdinand's Gesicht erblickte; mir däucht, ich sollte den Herrn kennen. Waren Sie es nicht, der mich vor einigen Monaten so energisch daran erinnerte, daß ich nicht mehr auf so festen Füßen stehe, wie vor dreißig Jahren?

Ich hatte das Unglück, meine Gnädigste, sagte Ferdinand, sich abermals verbeugend.

Ich will wünschen, daß Ihnen im Leben kein größeres begegnet ist, rief Tante Sara lachend. Mit alten Damen pflegen junge Herren ja nicht viel Umstände zu machen. Warum stehen wir Alten Euch auch überall im Wege! Nun, nun, ich wollte Sie nicht in Verlegenheit setzen; ich glaube gern, daß es nicht Ihr Metier ist, alte Damen umzureiten.

Sie sind die Güte selbst, meine Gnädigste!

Und Sie würden die Gefälligkeit selbst sein, wenn Sie mich nicht hier zwischen Thür und Angel stehen ließen, sondern mir Ihren Arm gäben, um mich zu jenem Sopha zu führen.

Ferdinand beeilte sich, dem Wunsche Sara's zu entsprechen. Sara nahm lächelnd seinen Arm und sagte: Nun, sich von Jemandem umreiten zu lassen, den man nicht kennt, kann passiren; aber sich von Jemandem, den man nicht zu kennen die Ehre hat, in seiner eigenen Wohnung nach seinem eigenen Sopha führen zu lassen, kommt schon seltener vor. Du hast mir immer noch nicht gesagt, liebe Silvia, wie der Herr, den Du nebenbei, wenn ich nicht irre, damals verleugnetest, heißt.

Doctor Ferdinand Lippert, erwiederte Ferdinand, da Silvia nicht antwortete.

Tante Sara war ganz Güte, ganz Lächeln und Höflichkeit gewesen. Kaum aber hatte der Name, den Ferdinand nannte, ihr Ohr berührt, als sie einen heftigen Schrei ausstieß und den Arm, auf welchen sie sich gestützt hatte, mit einer Geberde des Schreckens, ja des Entsetzens, fahren ließ.

O, mein Fuß, mein unglücklicher Fuß! wimmerte sie. Verzeihen Sie, mein Herr! Hilf mir doch, Silvia!

Silvia umfaßte die Tante, welche zusammenzubrechen schien, auch Ferdinand wollte Beistand leisten; Tante Sara kehrte ihr Gesicht, das gänzlich verzerrt war, von ihm ab und murmelte wie außer sich: Schick' ihn fort, schick' ihn fort! Warum schickst Du ihn denn nicht fort?

Silvia winkte mit den Augen nach der Thür; Ferdinand entfernte sich. Als er an der Thür stand, wendete er den Kopf noch einmal über die Schulter, und seine großen, dunklen, verwunderten Augen trafen die großen, dunklen Augen Sara's, die irgend eine fürchterliche Empfindung fast aus den Höhlen getrieben hatte.

Die Thür schloß sich hinter Ferdinand, und plötzlich riß sich Tante Sara aus Silvia's Armen und schrie, indem sie ihren Stock mit beiden Händen faßte und ihn ein paarmal heftig auf den Boden stieß: Was hast Du mit diesem Menschen zu schaffen? Wie kannst Du einen solchen Menschen in meine Wohnung führen?

Silvia richtete sich stolz in die Höhe: Entschuldigen Sie, liebe Tante, daß mir der Ton, in welchem Sie diese Fragen an mich richten, selbst durch den lebhaftesten Schmerz nicht hinreichend motivirt scheint.

Tante Sara bedeckte Stirn und Augen mit der Hand; als sie die Hand wieder wegnahm, hatte das Gesicht einen ganz anderen Ausdruck angenommen. Nur in den Augen lauerte noch die Nacht, um die schmalen feinen Lippen aber spielte ein Lächeln; sie streckte Silvia die Hand entgegen und sagte: Verzeihe mir, mein Mädchen, es war nicht blos der physische Schmerz – eine peinliche, unendlich peinliche Erinnerung, die mir beim Anblick dieses Mannes plötzlich in die Seele kam – ich will es Dir zu einer anderen Zeit erzählen. Jetzt sage mir nur, daß Du Deiner alten, kindischen, nervösen Tante, die immer noch nicht vergessen kann, daß sie nicht mehr achtzehn Jahre alt ist, verziehen hast.

Sie küßte Silvia wiederholt auf die Stirn und ging dann in ihr Zimmer. Silvia stand lange noch auf derselben Stelle. Endlich strich sie sich, wie vorhin Tante Sara, mit der Hand über Stirn und Augen, aber ihr Gesicht verlor dadurch nichts von dem nachdenklichen, sorgenschweren Ausdruck, mit welchem sie zuletzt der Tante nachgeblickt hatte.

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