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In Reih' und Glied. Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: In Reih' und Glied. Zweiter Theil - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleIn Reih' und Glied. Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunSechste Auflage
year1883
firstpub1866
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130715
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Dreißigstes Capitel.

Der Morgensonnenschein fluthete um das düstere Königsschloß so hell und goldig, daß der gewaltige altersgraue Bau ordentlich freundlich und wie verjüngt erschien. Die mächtigen Kronen in den Riesenwappen über den Portalen sahen wie neuvergoldet aus; in den weit ausgebauschten Ornamenten des Frieses und den Kapitälen der Säulen lärmten die Spatzen, als gehöre ihnen das Schloß und nicht etwa den Nachkommen der verwitterten Steinriesen, die auf der Balustrade, welche um das ungeheure flache Dach herumlief, mit Scepter und Schwert Wache zu halten schienen für ihre Enkel.

Zwischen zweien dieser Steinriesen stand ein junges Mädchen, die Arme auf die Balustrade gelehnt, hinabschauend auf den weiten, mit Prachtgebäuden eingeschlossenen Platz zu ihren Füßen, hinaufschauend zu den weißen Wolken, die über den blauen Himmel zogen, und dann wieder ihren Blick in die Ferne geradeaus richtend, wo sie zwischen den Dächern und über die Dächer der Häuser weg in das weite, flache Land sehen konnte, das zuletzt mit dem Himmel verschwamm.

Da die Tante niemals ausging, auch in letzter Zeit, wo ihre Kränklichkeit zugenommen hatte, seltener ausfuhr, hatte Silvia, um die Bewegung in freier Luft, an die sie gewöhnt war, nicht aufgeben zu müssen, sich das Dach des Schlosses zu ihrer Promenade erwählt. An frischer, freier Luft fehlte es dort nicht, und auch sonst hatte der Platz seine Vorzüge. Kein forschender Blick neugieriger Unbekannter oder, was noch schlimmer war, verwunderter Bekannter, störte sie dort oben; und sie hatte unter diesen Blicken in letzter Zeit so viel gelitten! Es half nichts, daß sie sich sagte: Niemand habe ein Recht, ihre Handlungsweise zu tadeln, denn Niemand kenne die Motive dieser Handlungsweise. Jeder dieser forschenden Blicke forderte sie immer wieder auf, sich vor sich selbst zu rechtfertigen, bis sie zuletzt selbst im Traum vor grauen Schattengestalten ihr: Ich bin nicht schuldig! behauptete, und immer wieder: Ich bin nicht schuldig! um endlich aus dem Traume aufzufahren und mit bebenden Lippen in das Dunkel der Nacht hinein ihr: Ich bin nicht schuldig! zu murmeln.

Das war hier oben freilich anders. Bis zu dieser Höhe hinauf drang kein Blick der dort unten Vorüberfahrenden, Vorüberwandelnden; vor der hellen Sonne verschwanden die grauen Schattengestalten, und der frische Wind wehte die trüben Gedanken aus dem Gehirn; die lärmenden Spatzen erzählten sich von anderen Dingen; und nur die Krähen, die sich von Zeit zu Zeit auf der Balustrade niederließen, schauten sie immer mit so ernsthaften schwarzen Augen an und flogen dann so schnell davon, als wüßten sie etwas, was nicht recht sei. Was wußten die Krähen?

Hatten sie etwa Verwandte dort unten in den Wäldern von Tuchheim? schwarzäugige, krächzende Verwandte, mit denen sie dann und wann auf halbem Wege zusammenkamen? Und hatten diese Verwandten ihnen erzählt von einem einsamen alten Hause im grünen Walde, und von einem einsamen alten Manne, der des Abends nach gethaner Arbeit unter der Linde vor der Hausthür saß und es gar gern sah, wenn er dann Jemanden hatte, dem er die Gedanken mittheilen konnte, die ihm auf seinen Zügen durch Feld und Wald im Laufe des Tages gekommen waren? Und hatten sie erzählt, daß des alten Mannes Gesicht in letzter Zeit blasser und ernster geworden sei, daß seine blauen Augen lange nicht mehr so hell und freundlich schauten wie sonst?

Was sollten die Krähen davon wissen?

Und doch ist es immer ein unheimlicher Anblick – so ein Vogel, der sich schwarz in den hellen Sonnenschein hineinsetzt und mit heiserer Stimme in den blauen Morgen hineinkrächzt.

Vier Wochen war sie nun schon bei der Tante auf dem Schlosse – eine kurze Zeit, und doch lag diese Zeit wie eine tiefe, breite Kluft zwischen dem Heute und dem Einst. Sollte keine Brücke hinüberführen? Manchmal schien es ihr unmöglich, und dann war sie noch trauriger als sonst. Sie wunderte sich manchmal selbst, daß sie so traurig war, daß die Erfüllung ihrer kühnen Wünsche ihr nicht einmal die straffe muthige Stimmung früherer Jahre wiederbringen konnte. Freilich war es etwas öde in den Prunkzimmern der Tante, und die eingeschlossene, parfümirte Luft wurde manchmal unerträglich; auch war die Tante, geistreich und so zuvorkommend wie sie war, nicht frei von den Grillen und Launen einer Kranken; die Vormittage schienen manchmal recht lang, und die Abende, die schon eine Stunde vor Sonnenuntergang begannen, wollten oft kein Ende nehmen. Die Herren und Damen, welche die Tante zu besuchen kamen – zum Theil sehr hochstehende Herren, sehr vornehme Damen – waren keineswegs immer nach Silvia's Geschmack, und die unterwürfige Dienstfertigkeit der hübschen Lisette hatte für sie etwas unerklärlich Widriges. Aber das Alles mußte man schließlich für Nebendinge nehmen, die kein Recht hatten, mitzusprechen, wenn es sich um das große Ziel handelte: zu dem guten Einvernehmen zwischen Leo und dem Könige nach Kräften beizutragen. Und hier, in diesem Hauptpunkte, durfte sie zufrieden sein. Sie hatte weder den König noch Leo in diesen Wochen häufig gesehen – Beide waren wiederholt verreist gewesen – Leo war eben wieder verreist – nach Tuchheim, um die Fabrik im Namen des Königs zu übernehmen – aber, so oft sie sie gesehen, war Einer von dem Lobe des Andern voll gewesen: der König hatte Leo für den ersten Menschen erklärt, dem er in seinem Leben begegnet wäre, und Leo hatte den König den ersten Fürsten genannt, der dieses Namens nicht ganz unwürdig sei. Ueberhaupt war jetzt Leo stets in sehr gehobener Stimmung, voll kühner Entwürfe und kühner Hoffnungen. Es war ihr Glück und ihr Stolz, daß er sein stolzes Haupt so hoch trug und daß sie sich sagen durfte: er könnte es nicht ohne dich! Aber je kühner er das Schiff seines Lebens auf das hohe Meer hinaussteuerte und die Stürme zu verachten, ja herauszufordern schien, um so ängstlicher blickte Silvia in die Ferne, um so banger klopfte ihr das Herz in der Brust. Wenn der kühne Segler nun doch ein Opfer seiner Kühnheit würde! Was hilft dem Schiffer sein starkes Herz, sein helles Auge, seine tiefe Einsicht gegen ein heimliches Riff unter den Wassern, ja nur gegen die Verrätherei eines Nagels, der sich von der Planke löst und das Wasser durch die gelockerte Planke in den Schiffsraum dringen läßt!

Durfte der Schiffer seinem Fahrzeug, auf das er all seine Hoffnungen und seine Habe geladen hatte – durfte Leo dem Könige trauen? Das war die Frage, die Silvia sich beständig vorlegte und von deren richtiger Beantwortung doch schließlich Alles abhing.

Der König hatte große Eigenschaften, ohne Frage; aber es ging durch sein Wesen ein Zug, den Silvia nicht zu fassen vermochte, weil, wie Leo sagte, gerade das, was sie fassen wollte, das Unfaßliche in der Natur des jungen Monarchen war: ein seltsames, phantastisches Hinüber und Herüber des Meinens und Wähnens, ein Durcheinander an sich richtiger, ja geistvoller Ideen, die, wenn man sie verbinden wollte, niemals zu einander paßten; dazu ein Humor, der oft nur wie eine Freude an der Vernichtung der Schönheit, wie eine Verzweiflung an dem eigenen Werth erschien. Und nirgend in diesem weltweiten Meer oft majestätisch rollender, öfter aber verdrießlich durcheinander plätschernder Gedankenwogen ein Grund, auf dem man sicher hätte ankern können!

So war er ihr noch immer erschienen, und dabei hatte die Tante ausdrücklich gesagt, daß sie den König selten in so vorzüglicher Stimmung, so in dem Vollbesitz seiner Geistesgaben gesehen habe. Ja, was noch bedenklicher war: so, genau so, war der König immer von Paulus und den andern Männern der liberalen Partei geschildert worden, und hundertmal hatte man behauptet, daß diesem Manne nicht zu trauen sei, ja daß sich hinter dieser täuschenden Maske von Geist und Bildung die eingefleischte Tyrannei, der frechste Despotismus klüglich versteckten, um gelegentlich in crasser Nacktheit hervorzutreten. Und wenn Silvia die Folgerung auch verwarf, die jene Männer aus den Eigenschaften des Königs zogen – die Eigenschaften selbst waren nicht wegzuleugnen, und ihr klarer Geist fühlte sich schwer bedrückt von diesem Widerspruch.

Vor der nahe gelegenen Wache wurde das Spiel gerührt: der König kam in offener Calesche die prachtvolle Straße, welche zum Schloßplatz führte, heraufgefahren; wenige Minuten darauf hielt der Wagen im inneren Hof. Der König stieg aus, und Silvia, die sich nach dieser Seite begeben hatte, sah, wie er, bevor er in's Schloß ging, längere Zeit neben dem Wagen stehend, nach den Fenstern der Tante hinaufblickte. Ihr schlug das Herz; würde der König, wenn er sie hier oben gewußt hätte, noch hinüber nach der andern Seite geblickt haben? Oder nach wem blickte er so eifrig?

Ein heiserer Schrei, der dicht in ihrer Nähe ertönte, machte Silvia von der Balustrade zurückfahren; und sie konnte nicht lächeln, als eine Krähe, die beim Anblick einer Menschengestalt nicht minder erschrocken war, mit ungeschickten Sprüngen davonhüpfte, dann die Flügel ausbreitete und sich nach der Richtung, in welcher man das freie Land erblickte, davonschwang. In demselben Augenblick rief sie von der andern Seite Jemand bei ihrem Namen. Es war Lisette, die zu melden kam, daß ein Herr, der sich dem Fräulein selbst nennen wolle, unten im Vorzimmer auf sie warte.

Ist es ein älterer Herr? fragte Silvia mit einer Stimme, die sich nur mühsam aus ihrer Brust rang.

Lisette lachte. Ein älterer Herr? Nein, Fräulein. Ein junger, sehr schöner Herr.

Silvia hatte das Mädchen nicht angesehen – sie sah es jetzt nie an, wenn sie es vermeiden konnte. Sollte es Walter sein? Mit klopfendem Herzen eilte sie hinab, während Lisette vor ihr her tänzelte und lächelnd die Thür zum Vorzimmer öffnete.

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