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In Reih' und Glied. Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: In Reih' und Glied. Zweiter Theil - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleIn Reih' und Glied. Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunSechste Auflage
year1883
firstpub1866
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130715
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Neunundzwanzigstes Capitel.

Zuerst wollte ich Dir sagen, fuhr Eve fort, daß Dein Vater schon wieder einmal hier gewesen ist und mir durch die Drohung, meinen Ausflug nach dem Jagdschlosse des Prinzen in die Oeffentlichkeit zu bringen, abermals zweihundert Thaler abgeschwindelt hat. Du mußt dem Dinge ein Ende machen.

Wie kann ich das, liebste Eve? sagte Ferdinand.

Nenne mich nicht liebste Eve, wenn Du das nicht kannst, und sieh nicht so verliebt in den Spiegel, Du hast gar nicht Deinen beau jour; ich kann heute keinen Staat mit Dir machen. Auch Deine Toilette scheint mir derangirt, wie es sich gar nicht schickt, wenn man zu einer Dame kommt. Schweig! Oder beantworte mir erst die Frage, weshalb Du mich nicht von Deinem Vater befreien kannst?

Ja, mein Gott, ist es denn meine Schuld, daß er Sachen von Dir weiß, die er nicht wissen durfte?

Sie werden impertinent, mon cher! Und ich werde Sie bitten müssen, mich zu verlassen! erwiederte Eve, indem sie die Arme kreuzte und sich noch tiefer in den Divan zurücklehnte, die Augen nach der Zimmerdecke gerichtet.

Wie Du nun gleich wieder empfindlich bist! sagte Ferdinand, indem er Eve's Hand zu fassen versuchte.

Ich will nichts mehr von Dir hören, geh! rief Eve, ihm einen Schlag auf die Hand gebend und sich erhebend. Die Falten ihres schweren seidenen Kleides rauschten, während sie durch das Gemach schritt, um vor einem großen Spiegel stehen zu bleiben und – als ob Niemand bei ihr im Zimmer wäre – ihre Frisur in Ordnung zu bringen.

Ferdinand's Blicke hingen an der Gestalt, deren prachtvolle Formen, wie sie jetzt, beide Arme erhebend und den Oberkörper etwas hintenüber beugend, in dem reichen Haar nestelte, auf das Herrlichste hervortraten. Seine Augen glühten, und dabei nagte er zornig an der Unterlippe.

Bist Du noch hier? fragte Eve, sich, ohne in ihrer Beschäftigung aufzuhören, halb umwendend.

Ich gehe schon, sagte Ferdinand.

Und daran thust Du recht. Was soll ich mit einem Menschen, der mich fortwährend compromittirt – ach, gieb mir doch einmal das reizende Kämmchen, das Du in der Tasche zu tragen pflegst – danke – ja, der wie Du mich fortwährend compromittirt! Weißt Du, daß Alfred complett eifersüchtig auf Dich ist und mir schon Deinetwegen ein paar greuliche Scenen gemacht hat? Und anstatt dafür aufmerksamer und dienstfertiger zu werden, wirst Du mit jedem Tage nachlässiger und gleichgiltiger. Es ist beinahe schon acht Tage her, daß ich Dir den Auftrag gab, herauszubringen, wo und wie ein gewisser Herr seine Abende zubringt – ich soll noch heute Antwort haben.

Auch das ist nicht meine Schuld, erwiederte Ferdinand; Du weißt sehr wohl, daß es nichts Leichtes ist, was Du von mir verlangst. Das Interesse, das Du noch immer an diesem Menschen nimmst, ist sehr wenig schmeichelhaft für mich. Ich hätte große Lust, Deinem geistreichen Alfred ein Licht darüber anzuzünden, wie unendlich ihn die Dame liebt, die nicht einen Tag von ihm getrennt sein kann, ohne ihm nachzureisen.

Das wolltest Du! rief Eve, Du, der Du Dich meinen besten Freund nennst? Du? Sie ließ sich auf einen Sessel in der Nähe des Spiegels nieder und bedeckte ihr Gesicht mit ihrem Battisttuche.

Eve, geliebte Eve! rief Ferdinand, sich vor ihr auf's Knie werfend; wie kannst Du glauben, daß ich Dich verrathen könnte? Ich, der ich Dich so unsäglich liebe! Mache mit mir, was Du willst, aber stoße mich nicht von Dir! Und sieh, Eve, wie ungerecht Du bist! Nur eben komme ich von einer Expedition, die ich für Dich unternommen und bei der ich eine halbe Stunde wie eine Fledermaus an der Wand geklebt habe, um besser hören und sehen zu können.

Nun? rief Eve, indem sie das Taschentuch vom Gesichte riß, und was hast Du gehört und gesehen?

Ich will Dir Alles erzählen.

Still! Ich höre Jemanden kommen; steh auf, schnell I

Es war Henri, der hereintrat. Er küßte Eve die Hand, nickte Ferdinand nachlässig zu und warf sich auf den Divan, indem er rief:

Gott, Eve, wie schön sind Sie heute Abend wieder einmal; Ihr Geschmack vervollkommnet sich wirklich mit jedem Tage. Ich glaube, Sie haben Feen statt Schneiderinnen zu Ihrer Verfügung! Das Kleid sitzt superb, und diese Perlen im Haar – prachtvoll, zu kostbar fast für eine Dame, die bei sich empfängt. Aber ich wollte ja von anderen Dingen sprechen. Wissen Sie, Lippert, daß der König ihm das Haus effectiv geschenkt hat? Ich weiß es aus bester Quelle. Sollte man es glauben? Dies übersteigt alles Dagewesene. Der Prinz ist wüthend, der ganze Hof ist außer sich, die Königin soll vor ihm auf den Knieen gelegen haben –

Man wird sich noch an ganz andere Dinge gewöhnen müssen, sagte Ferdinand.

Freilich, nach diesem Vorgang kann alles geschehen.

Und wird geschehen.

Eve hatte die funkelnden Augen von Einem zum Andern gewendet.

Und das sagt Ihr so ruhig? rief sie; und Ihr wollt Männer sein? Giebt es denn keine Pistole mehr, mit der man einen Menschen, der Einem so unbequem und verhaßt ist, aus der Welt schießt?

Henri zuckte die Achseln.

Wir leben in sehr civilisirten Verhältnissen, sagte er; selbst ein Duell will arrangirt sein, und abgesehen davon, daß mein Schwiegerpapa außer sich wäre, wenn ich ihm seinen Goldfisch todtschösse, und Leo schwerlich die Dummheit haben wird, eine Herausforderung möglich zu machen, kann man bei einer solchen Gelegenheit – und wäre es auch nur durch einen ungeschickten Zufall – eben so leicht todtgeschossen werden, als todtschießen. Ich möchte, wie Hamlet, einen Grund, der sicherer ist.

Natürlich! höhnte Eve.

Wie war es, sagte Henri, zu Ferdinand gewendet; meinten Sie nicht, es würde noch mehr geschehen? War das nur so eine Redensart, oder wüßten Sie wirklich mehr?

Ich weiß mehr, erwiederte Ferdinand und erzählte nun, wie er, um Eve's Auftrag zu erfüllen, tagelang schon Leo's jetzige Wohnung vergeblich umschlichen habe, bis es ihm endlich heute Abend gelungen sei. Er theilte sodann mit, was er aus der Unterredung zwischen Leo und dem General behalten hatte; schließlich schilderte er die Scene zwischen Leo und Josephe.

O, es war wundervoll! rief er, die zarteste Huldigung von Seiten des Cavaliers, die verschämteste Aufmunterung von Seiten der Dame. Ich kann mitsprechen, denn sie hat das seinerzeit mit mir ebenso gemacht.

Henri brach in ein Gelächter aus. Mit Ihnen? rief er, nur mit Ihnen? sagen Sie lieber mit tausend und drei, denn wer war nicht dabei! O, das wird den kleinen Hasseburg göttlich amüsiren, der war ja wohl der Letzte? Aber Scherz beiseite, das wäre wirklich fatal, mehr als fatal! Bekannt wie Josephe ist, oder meinetwegen verrufen, wie sie ist, sie ist immer aus einer alten Familie. Das bleibt; das Andere vergißt sich. Aber das darf nicht sein, nimmermehr, ich danke für eine solche Vetterschaft.

Und Henri schritt mit den Zeichen lebhafter Erregung in dem Gemache auf und ab.

Aber, lieber Baron! sagte Eve, bedenken Sie doch! Man kann ja auch todtgeschossen werden! Bitte, bitte, vergessen Sie das ja nicht! Ich müßte mir sonst die armen Augen ausweinen.

Sie sollten uns lieber einen guten Rath geben, anstatt sich über uns lustig zu machen. Ich dächte, Ihnen müßte denn doch mindestens eben so viel daran liegen, als uns, daß dies nicht zu Stande kommt.

Eve hatte sich auf den Divan gesetzt und die Stirn in die Hand gestützt. Was antwortete er dem General? fragte sie mit dumpfer Stimme, was sagte er von Silvia?

Ich weiß es nicht, sagte Ferdinand; Josephe kam gerade dazu, und ich mußte die Stellung wechseln.

Es wäre wichtig gewesen, murmelte Eve. Hier müssen wir anknüpfen; er soll das arme Kind nicht ungestraft verrathen. Ich glaube freilich jetzt nicht mehr, daß er sie liebt – was, oder wen liebte dieser Mensch, außer sich selbst! desto sicherer aber ist, daß sie ihn liebt, und wenn sie ihn liebt, wird sie ja wohl ein Herz, haben, das bluten kann. O, es soll bluten, dieses eitle, hochmüthige Herz, Tropfen um Tropfen, wie –

Eve preßte die Stirn wieder in die Hand; ihre kleinen weißen Zähne nagten geschäftig an der Unterlippe; ihr linker Fuß schlug den ungeduldigen Tact zu den schlimmen Gedanken, die sich durch ihre Seele drängten.

Ja, ja! sagte Henri, der Gedanke ist gut, sehr gut! Ich kenne Silvia! Sie ist die stolzeste und hochmüthigste Person, die sich denken läßt. Sie kann die Thaten einer Heiligen thun und die Leiden einer Heiligen leiden, aber wehe dem, der für ihren Heiligenschein keine Augen hat. Das Kokettiren mit Josephe würde sie Leo nie vergeben, und damit wäre sehr viel gewonnen. Sie wird von dem Augenblicke an ein sehr viel weniger beredter Anwalt seiner unendlichen Verdienste sein, und die gute Lisette wird bald ganz andere Dinge durch das Schlüsselloch zu hören bekommen. Aber wie bringen wir es ihr nur bei?

Man sollte vielleicht an sie schreiben, einen hübschen, pikanten kleinen Brief. So etwas hat immer seine Wirkung.

Ja, ja! sagte Ferdinand.

Ihr erbärmlichen Pfuscher! sagte Eve aufblickend; ist das Eure ganze Weisheit? Ein so verbrauchtes Mittel! Ich schäme mich für Euch! Freilich muß Silvia es wissen, aber nicht durch einen Brief. – Ferdinand muß zu ihr hingehen.

Ich? rief Ferdinand.

Ja, Du.

Unter welchem Vorwande?

Unter einem sehr einfachen. Daß Silvia einen großen Einfluß auf ihren Vetter hat, wird man ja wissen dürfen, und weshalb sollte Jemand, der von Leo etwas zu erlangen wünscht, sich nicht an Silvia wenden? Das ist doch so harmlos als möglich. Ferdinand ist jetzt ohne Amt und Brod –

Bis auf den Fasanenbraten, mit dem Sie uns heute regaliren werden, warf Henri dazwischen.

Unterbrechen Sie mich nicht! Leo hat ihn in diese Lage gebracht, Leo's Pflicht ist es, ihn wieder herauszureißen. Diese Mahnung an seine Großmuth wird seiner Eitelkeit schmeicheln. Unter allen diesen Umständen hat Ferdinand einen Vorwand, sich Silvia zu nähern, und seine Schuld ist es dann –

Wenn er sein Gewerbe nicht anbringt, rief Henri aufspringend und sich die Hände reibend; der Gedanke ist entzückend! Ich möchte Sie küssen, Eve!

Das möchten Sie wohl auch, ohne daß ich Gedanken hätte, sagte Eve, die sich wieder auf den Divan geworfen hatte und, den Kopf hintenüber gelehnt, eine schöne Copie der Io des Correggio, die ihr gegenüber an der Wand hing, betrachtete.

Ohne Zweifel, sagte Henri lachend.

Wir können und müssen noch mehr, sagte Ferdinand. Ich habe schon gedacht, ob man den bedenklichen Ruf, in welchem das alte Fräulein steht, nicht für unsere Zwecke ausbeuten könnte. Ich weiß so Manches, man könnte leicht noch mehr erfahren.

Und was versprechen Sie sich davon? fragte Henri.

Fahren Sie fort, lieber Ferdinand! rief Eve; der Baron versteht von solchen Dingen nichts.

Ich meine, sagte Ferdinand, dessen dunkle Augen bei dem Lob Eve's aufgeleuchtet hatten, es ist immer gut, einen Feuerbrand in das feindliche Lager zu werfen; man weiß nicht, wie das weiter frißt. Der König ist sehr eifersüchtig auf seinen guten Ruf; bis jetzt hat Niemand so rechtes Interesse daran gehabt, das höchst eigenthümliche Verhältniß, in welchem er zu der alten Dame steht, näher zu beleuchten. Wenn bei dieser Gelegenheit auch der Ruf der jungen Dame leiden sollte, so hat von uns ja wohl Niemand etwas dagegen.

Die hochmüthige, naseweise Dirne! rief Eve. Wenn wir nur nicht den Teufel an die Wand malen und sie dem König desto schneller in die Arme treiben. Denn das wird schließlich doch wohl das sündhafte Ende von dem tugendhaften Liede sein.

Pah! sagte Henri. Sie glauben ja selbst nicht daran, Eve; das Mädchen ist nicht wie die andern.

Meinen Sie? fragte Eve spöttisch, indem sie dabei die Spitzen ihrer Stiefelchen zusammenklappen ließ; haben Sie sich vielleicht auch ihr angetragen und sind zurückgewiesen worden? Und denken Sie, wo Sie geschlagen worden, könnten Andere nicht siegen? O, diese elende Eitelkeit der Männer!

Echauffiren Sie sich nicht, meine Gnädige, sagte Henri, das macht auf mich keinen Eindruck. Sie würden Silvia nicht so hassen, wenn sie wäre wie –

Nun wie? rief Eve, sich aus ihrer liegenden Stellung aufrichtend und Henri mit drohendem Blicke anstarrend.

Wie Fräulein Adèle Vignerol zum Beispiel! rief Henri lachend; ich höre sie eben im Vestibule; wenigstens rasselte Henkel's Säbel, und da pflegt Mademoiselle Adèle nicht weit zu sein.

Die Thür wurde mit Geräusch geöffnet, und hinter einer leichten, graziösen Mädchengestalt in hellem luftigen Kleide und mit einer weißen Camelie in dem dunklen üppigen Haar, wurde die überlange und überschlanke Figur eines Cürassier-Officiers sichtbar, der sein blondes Bärtchen wohlgefällig drehte.

Ah, cette chere Eve, rief Mademoiselle Adèle, indem sie auf Eve zueilte und sie lebhaft auf die rechte und dann auf die linke Wange küßte; wie lange habe ich Sie nicht gesehen!

Seit vorgestern Abend, sagte Henri trocken.

O, Sie Ungeheuer, sind Sie auch da? rief die lebhafte kleine Französin, sich zu Henri wendend und einen koketten Streich mit dem Taschentuche nach ihm führend.

Sie glaubten, Ihre schwarzen Augen hätten mich vorgestern getödtet! rief Henri, die Hand der Dame fangend und festhaltend; darauf angelegt haben Sie es; aber Sie sehen, mein Herz schlägt noch! und er drückte die gefangene Hand an seine Brust.

O, Sie Ungeheuer! wiederholte Fräulein Adèle; befreit mich denn Keiner von diesem Ungeheuer?

Ich wundere mich, daß Sonnenstein noch nicht hier ist, sagte der Cürassier, der dem Spiel seiner Geliebten und Henri's mit ziemlich mürrischer Miene zugesehen hatte.

Quand on parle du loup! rief Adèle, als die Thür abermals geöffnet wurde und Alfred in das Gemach trat.

Ah! sagte Alfred, schon so zahlreich! und ich glaubte der Erste zu sein.

Er trat an Eve heran, küßte ihr die Hand und flüsterte ihr, während er ihr ein Bouquet überreichte, einige Worte zu, die Eve mit einem Lächeln erwiederte. Dann wendete er sich zu den Andern. Er hatte für Jeden ein freundliches Wort und einen freundlichen Blick, trotzdem er noch blasser war als sonst und feine Augen gläsern unter den langen Wimpern hervorblickten.

Ich freue mich so, Sie hier zu sehen! sagte er mit matter Stimme; ich denke, wir werden einen recht lustigen Abend haben! Hat man den neuen Champagner geschickt, Eve? Aber in Eis, liebes Kind, in Eis; das vergeßt Ihr immer! Ist's nicht sehr warm hier? Ach! Und der junge Mann warf einen ängstlichen Blick nach dem Fenster und wehte sich mit dem Taschentuche Kühlung zu, während die zwei feurigen Flecke auf seinen bleichen Wangen schärfer hervortraten. Eve öffnete das Fenster und trocknete ihrem Liebhaber, der sich in der Nähe desselben in einen Lehnsessel geworfen hatte und die laue Nachtluft mit Begierde in seine kranke Brust sog, die Tropfen von der Stirn. Unterdessen füllte sich der Salon. Der Fähnrich von der Hasseburg führte seine neueste Eroberung, Fräulein Louise von der Großen Oper, triumphirend ein. Es kam der Baron Kerkow mit seiner Freundin, einer jungen Dame, welche die Tochter eines Gärtners auf einem seiner Güter war und die er, wie er sich gern rühmte, eigens für sich in Hamburg hatte erziehen lassen. Zuletzt kam der Legationsrath von Dirkheim, ein älterer Herr, der trotz seines unbequemen Hustens, seiner zitternden Hände und seiner zwinkernden Augen von den Freuden der Jugend noch immer nicht lassen konnte. Er entschuldigte sich mit näselnder Stimme bei Eve, daß er Fräulein Auguste nicht habe mitbringen können. Das arme Kind, rief er, hat vorgestern und gestern zu viel geschwärmt. Nun liegt sie da und klagt über die schrecklichste Migräne. Ja, ja, die Jugend, die heutige Jugend! Als ich noch jung war –

War? Lieber Legationsrath, Sie sind es ja noch. Geben Sie mir Ihren Arm; ich sehe, es ist angerichtet.

Und Eve ging lachend und scherzend an der Seite des hüstelnden Legationsrathes in den kleinen Speisesaal, aus dessen geöffneten Thüren von der glänzend gedeckten Tafel das hellste Kerzenlicht strömte.

Es war ein lustiges Souper. Die Herren waren sehr gesprächig und die Damen äußerst munter. Es wurde viel gelacht und viel getrunken. Nur einmal wurde die Harmonie vorübergehend gestört, als Fräulein Louise von der Großen Oper Fräulein Adèle vom Ballet eine unverschämte Person nannte, worauf Fräulein Adèle Fräulein Louise für une vipère erklärte.

Eve, welche auf den guten Ton bei ihren petits soupers sehr viel hielt, warf den zankenden jungen Damen einen unwilligen Blick zu und hob die Tafel auf in dem Augenblicke, als ihr der Diener eine Karte überreichte.

Kennst Du den Herrn? fragte Eve, die Karte an Alfred gebend.

O, der Marquis! rief Alfred, das ist herrlich! die gnädige Frau ließe sehr bitten!

Wer ist es? fragte Henri.

O, unser Marquis! Marquis de Sade! Da ist er! Und Alfred ging einem äußerst elegant gekleideten jungen Manne entgegen, dessen feines, von dunklem Haar und Bart umrahmtes Gesicht durch Ausschweifungen oder Krankheit, vielleicht durch Beides, arg verwüstet war.

Der Marquis war eben erst von seiner Erholungsreise nach Egypten und Italien zurückgekommen, da seine Gesandtschaft den Urlaub nicht hatte verlängern wollen. Und in Erwägung, daß ich nicht Ihr Vermögen habe, lieber Sonnenstein, und doch auch leben muß, wie der Schneider zu Herrn von Talleyrand sagte, blieb mir nichts übrig, als in Euer abscheuliches Klima zurückzukehren. Indessen, es geht besser, viel besser, und das danke ich vorzüglich dem lieben Doctor, der nachträglich so dumme Streiche gemacht hat. Jetzt thut es mir doch leid um ihn. Aber Sie wollten es ja nicht anders, Baron! Was ist denn schließlich aus ihm geworden?

Ah, das ist eine lange Geschichte, sagte Henri, der bei der Frage des Marquis, sehr gegen seine Gewohnheit, roth geworden war.

Ich dächte, die Geschichte wäre kurz genug, rief der junge von Hasseburg, den Henri über Tisch allzu sehr geneckt hatte. Tuchheim glaubte den Doctor zu machen, nun hat der Doctor ihn gemacht. Das ist Alles.

Der Marquis blickte von Einem zum Andern. Meine Herren! rief er, Sie vergessen, daß ich als Ausländer nicht die Pflicht habe, in alle Finessen Ihrer eleganten Sprache eingeweiht zu sein.

Von den Beiden können Sie die Wahrheit nicht erfahren, rief Baron Kerkow; sie sind Partei. Hören Sie nur auf mich; ich kenne die ganze Geschichte.

Aber ich bitte Sie, meine Herren, sagte der Legationsrath, die Sache ist wirklich zu delicat! Ich dächte, wir sprächen von etwas Anderem!

Oder arrangirten ein kleines Jeu, rief Alfred, den Marquis unter den Arm nehmend und ihn in den Salon führend, wohin ihnen die Anderen lachend und scherzend folgten.

Der Spieltisch war bald in Ordnung. Die Herren und Damen hatten sich um die ovale Tafel gruppirt, über deren grüne Decke das Geld erst in kleineren, dann in rasch wachsenden Haufen hin und her geschoben wurde. Und je größer die Summen, um so gespannter wurden die Züge, um so starrer die Augen der Spieler. Stiller und immer stiller wurde es in dem Gemach; zuletzt hörte man nur noch das monotone: Faites votre jeu! Rien ne va plus! des Bankiers, das Klingen der Goldstücke und etwa ein kurzes, heiseres Lachen oder eine durch die Zähne gemurmelte Verwünschung.

Alfred selbst hielt die Bank. Der junge Mann war sonst durch sein Unglück im Spiel bekannt; heute Abend aber schienen die Karten nur für ihn zu schlagen. Der Haufen Gold und Banknoten neben ihm wuchs mit jedem Augenblick, und mit jedem Augenblick wuchs auch die tiefe Röthe der verhängnißvollen Flecken auf seinen Wangen. Nicht als ob ihn der Gewinn gefreut hätte! Alfred war gleichgiltig gegen Verlust oder Gewinnst, und er hätte heute in seiner Eigenschaft als Wirth sogar lieber verloren als gewonnen. Was seine abgestumpften Nerven erregte, war die Leidenschaft am Spiele selbst, an dem Hinüber und Herüber des Glückes. Hinter ihm, auf die Lehne seines Stuhles gebeugt, stand Eve. Sie war die Einzige in der Gesellschaft, die keinen Theil am Spiel zu nehmen schien. Sie beantwortete wohl lächelnd die kurzen Bemerkungen, die Alfred, halb über seine Schulter gewendet, von Zeit zu Zeit bei einer besonders merkwürdigen Chance des Spieles an sie richtete, setzte auch wohl dann und wann ein Goldstück, das sie von dem Haufen nahm, aber ihre grauen Augen wanderten trotzdem unablässig durch die Gesellschaft, sich bald an dieses, bald an jenes Gesicht heftend, und dann wieder weiter wandernd, als hätte sie alle Schwächen dieser Menschen, wie sie jetzt in der Leidenschaft des Spiels so nackt hervortraten, zu künftigem Gebrauche zu registriren, und dürfte keine auslassen. Am längsten und häufigsten haftete ihr Blick auf dem Gesichte des Marquis de Sade, den sie heute zum ersten Male sah und der neben seiner schwarzäugigen Landsmännin Platz genommen hatte. Eve ärgerte sich über die frechen Manieren des Mädchens, die gegen die vollendete Haltung und liebenswürdige Anmuth des jungen Diplomaten freilich grell genug abstachen; sie fragte sich, ob dieser Mann wohl der Rechte wäre? Aber dieser Mann mit der eingesunkenen Brust und den schmalen Lippen, die über Tod und Leben gleicherweise zu spotten schienen, war's auch nicht, so wenig wie der, auf dessen Stuhl sie lehnte. Wer war es? Sollte sie, die sie die Sitte der Welt, das Gesetz der Gesellschaft so keck unter die Füße trat, nicht einmal vor anderen Frauen den Vorzug haben, sich den Mann ihres Herzens nach ihres Herzens Neigung wählen zu dürfen? Und wenn das nicht der Fall sein sollte, wenn sie nicht wählen durfte, ebensowenig wie die Anderen, so wäre der Prinz denn doch die beste Partie gewesen.

Eve's graue Augen blickten immer finsterer, und immer finsterer zogen sich die schwarzen Brauen über den grauen Augen zusammen. Es war eine böse Erinnerung, die Erinnerung an die prinzliche Gastfreundschaft auf dem Jagdschlosse, eine demüthigende, quälende, nagende Erinnerung. Und dann dachte sie an den Mann, den sie wirklich geliebt, oder zu lieben doch wenigstens geglaubt, und der sie grausamer als alle Andern gekränkt hatte. Was er vorher gethan – es mochte vergeben und vergessen sein! Aber dies Letzte, dieser Hohn, sie in seinen Armen gehalten, und sie dann so schmählich verlassen zu haben – das wollte Rache – Rache um jeden Preis!

Faites votre jeu, messieurs! – Rien ne va plus!

Eve verließ ihren Platz hinter dem Stuhl ihres Liebhabers und streifte, während sie um den Tisch ging, Ferdinand's Schulter. Ferdinand, der eifrig gespielt hatte, blickte auf. Eve lächelte; Ferdinand erhob sich und trat an Eve heran.

Wünschest Du etwas, liebe Eve?

Ich? Nein; aber da Du einmal von dem langweiligen Spiel fort bist, kannst Du mir auch Deinen Arm geben und mich begleiten; es ist unerträglich heiß hier. Ich glaube, Du hast die neuen Zimmer, die mir Alfred jetzt hat einrichten lassen, noch gar nicht gesehen. Ist dieses kleine Cabinet nicht reizend? Alfred wollte die Tapeten und Möbel hellblau haben; aber Alfred weiß viel, was mir steht. Du siehst, ich habe Deine Lieblingsfarbe genommen: dunkelgelb; das paßt für meinen Teint, meintest Du immer.

Ich dachte nicht, daß Du auf mein Urtheil irgend einen Werth legtest, sagte Ferdinand zärtlich.

Und wie gefällt Dir diese Einrichtung? fuhr Eve fort, indem sie einen Vorhang von dunkelgelbem Damast ein wenig zurückschlug. Nun, tritt nur näher, Du blöder Schäfer; es ist ja doch nicht das erste Mal, daß Du in meinem Schlafgemache warst.

Sie ließ die Portière hinter sich und Ferdinand fallen. Ein mattrothes Dämmerlicht, das von einer Ampel in Gestalt einer Weintraube ausging, welche an goldenen Rebengewinden von der Decke herabhing, durchfloß das ziemlich große Gemach. Im Hintergrunde stand ein prachtvolles Himmelbett, dessen schlanke Pfeiler von vergoldeten Sphinxen getragen wurden und durch dessen halbgeöffnete rothseidene Vorhänge die mit Spitzen eingefaßten Kissen schimmerten. Durch die mit Gazevorsätzen geschützten offenen Fenster wehte von dem Garten herauf der Duft der Rosen und der Reseda; von dem Spielzimmer her vernahm man nur noch ein verworrenes Geräusch; in dem Schlafgemache selbst dämpften dicke Teppiche den Schritt; Ferdinand hörte nur noch das Rauschen von Eve's Kleid und das Klopfen seines Herzens.

Und hierher führst Du mich? rief er, mich?

Ich verstehe Dich nicht, erwiederte Eve, mit gutgespielter Ruhe in das leidenschaftlich bewegte Gesicht ihres Begleiters blickend.

In der That, rief Ferdinand, und doch versteht sich hier eigentlich Alles von selbst. Es versteht sich von selbst, daß ich beim Anblick des Lagers, das Du mit einem Anderen theilst, eine heilige Freude empfinde; es versteht sich von selbst, daß ich mir die Gestalt der Möbel und die Farbe der Stoffe recht genau merke, damit ich mir doch auch die Landschaft vorstellen kann mit der bekannten Staffage! Es versteht sich das ganz von selbst! Und Ferdinand lachte wild auf, indem er mit beiden Händen in sein üppiges Haar griff.

Du bist wahnsinnig, sagte Eve.

Natürlich, höhnte Ferdinand, ich bin ja Alles, was Dir für den Augenblick bequem ist; warum soll ich da nicht einmal wahnsinnig sein! Aber hüte Dich, Eve, mit Wahnsinnigen ist nicht zu scherzen. Es gehen ihnen manchmal ganz eigene, gar nicht vernünftige Gedanken durch den Kopf, und in solchen Augenblicken kann es ihnen passiren, daß sie ein Weib, das sie sehr lieben, erdrosseln, blos um zu sehen, ob es auch noch nach dem Tode mit blauen Lippen lächeln und lügen kann.

Du bist in der That wahnsinnig, sagte Eve.

Sagst Du es noch einmal, Weib! schrie Ferdinand, Eve umfassend und mit wilder Gewalt an sich reißend; bei Gott im Himmel –

Ferdinand, ich denke, Du liebst mich!

Eve's Blick war starr auf den Leidenschaftlichen gerichtet gewesen. Der Blick schien eine magische Gewalt auf ihn auszuüben. Er ließ sie aus seinen Armen und warf sich dann neben dem Bett auf einen niedrigen Sessel, das Gesicht mit beiden Händen bedeckend.

Eve trat an ihn heran und legte ihm die Hand auf die Schulter.

Ferdinand!

Laß mich!

Sie beugte sich zu ihm nieder, schlang ihren Arm um seinen Nacken und flüsterte ihm einige Worte in's Ohr.

Ferdinand warf sich von dem Sessel auf die Kniee und verbarg sein glühendes Angesicht in den Falten ihres Kleides.

Aber unter einer Bedingung; wirst Du sie erfüllen?

Alles, Alles! Ich könnte für Dich einen Mord begehen, murmelte Ferdinand.

Um Eve's Lippen zuckte es seltsam.

Er ist Dein Feind, wie er meiner ist; ich verlange von Dir nichts, als was ich thun würde, wenn ich ein Mann wäre.

Aus dem Spielzimmer ertönte lautes Geräusch, verworrene Stimmen; Thüren wurden aufgerissen; man hörte die Treppe hinab nach Wasser rufen.

Eve eilte aus dem Gemach. In dem gelben Cabinet kam ihr Henri entgegen.

Wo zum Teufel stecken Sie denn?

Was giebt's?

Alfred hat einen Blutsturz; ich glaube, er stirbt uns unter den Händen.

Ferdinand hatte, noch auf den Knieen liegend, deutlich gehört, was Henri sagte. Er richtete sich auf. Ein finsteres Lächeln zuckte über sein Gesicht.

Schon? murmelte er, das hat nicht lange vorgehalten; ich habe es mir wohl gedacht. Nun, mein Lieber, Sie werden wohl nicht oft mehr in dem Bette schlafen! Curios! Man stirbt, wenn man sie liebt, und soll auch sterben, wenn man sie nicht liebt. Sehr curios!

Er lachte laut und brach plötzlich ab. Der durch die Aufregung gesteigerte Rausch umnebelte ihm das Gehirn. Es flirrte ihm vor den Augen, es sauste ihm vor den Ohren, er mußte sich an einer der Säulen des Bettes halten, um nicht umzusinken. Aber er raffte sich gewaltsam auf, als er Tritte von Männern, die eine Last zu tragen schienen, durch die Vorzimmer herankommen hörte. Sie brachten ihn hierher – auf dem Bette dort sollte ein Todter liegen – er wollte es nicht sehen. In der nächsten Secunde war er durch eine Tapetenthür, die er kannte, auf den Vorsaal gestürzt.

Dort fand er die meisten Herren und Damen der Gesellschaft, die mit verstörten Gesichtern und hastigen Schritten hinabdrängten. Auch er griff nach Hut und Stock; erst auf der Straße fand er den Muth, den Baron Kerkow, der seiner Dame den in der Eile verkehrt umgenommenen Shawl ordnete, zu fragen, ob Alfred todt sei.

Ach, Sie sind's, mon cher! sagte der Baron. Wo Tausend haben Sie denn gesteckt? Nein, er ist nicht todt; der Marquis, der sich doch darauf verstehen muß, meint, es würde noch einmal so vorübergehen. Tuchheim und der Marquis sind bei ihm. Der Alte wird einen heillosen Schrecken kriegen. Ich soll hin und es ihm melden. Ich werde mich hüten. Da kommt eine Droschke, Gott sei Dank. Gute Nacht, Lippert! Speisen Sie morgen bei uns, um vier. Gute Nacht!

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