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In Reih' und Glied. Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: In Reih' und Glied. Zweiter Theil - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleIn Reih' und Glied. Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunSechste Auflage
year1883
firstpub1866
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130715
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Achtundzwanzigstes Capitel.

Einige Wochen später befand sich an einem warmen Abend der General von Tuchheim in seinem Arbeitscabinet, aus welchem eine Fensterthür in den Garten führte. Der General, der an seinem Bureau saß und schrieb, war nicht allein; mitten in dem Gemach stand, den kleinen Kopf mit dem grauen, kurzgeschorenen Haar auf die linke Seite geneigt, mit den Fingern der rechten Hand an den blanken Knöpfen seines langen Uniformrockes spielend und den Schreibenden mit einem boshaft-frechen Blicke betrachtend, der Castellan Lippert.

Der General wendete sich halb um und hielt dem Manne einen Streifen Papier hin. Hier haben Sie die Anweisung, sagte er, und ich wiederhole Ihnen, es ist die letzte. Meine Geduld ist erschöpft.

Herr Lippert nahm das Papier, schob es mit einer geschickten Bewegung in die Tasche seines Rockes und lächelte.

Es ist unerhört, fuhr der General unmuthig fort: wissen Sie, daß Sie im Laufe dieser Jahre außer den dreihundert Thalern sogenannten Kostgeldes, das schon seit zehn Jahren gar keinen Sinn mehr hat, beinahe zehntausend Thaler erhalten haben?

Mit diesen hier neuntausendsiebenhundert, sagte Herr Lippert, aber dann bedenken Excellenz auch, was mich der Junge kostet; zumal jetzt, wo er einmal wieder außer Amt ist und seinem alten Vater auf der Tasche liegt.

Der General schien nicht gehört zu haben, was der Andere sagte.

Es ist unerhört, wiederholte er, aber treiben Sie mich nicht zum Aeußersten, ich will lieber Ferdinand anerkennen, als mich in dieser Weise von Ihnen schröpfen lassen.

Der Castellan schüttelte leise den Kopf und lächelte.

Das würden Sie nicht, Excellenz, sagte er; vor zwanzig, vor zehn Jahren noch wäre es vielleicht möglich gewesen; aber für einen älteren Herrn, Excellenz, schickt sich dergleichen wohl nicht. Und wenn Sie's auch wollten, Excellenz, die gewisse alte Dame auf dem Schlosse will es sicher nicht; und was die junge Dame – er deutete durch das Fenster – dazu sagen wird, ist auch noch die Frage. Sonst hätten Excellenz nichts zu befehlen?

Nein.

Excellenz sind in letzter Zeit sehr sparsam mit Aufträgen gewesen; ich hoffe, daß Excellenz mir Ihre Kundschaft nicht entziehen werden.

Der Mann hatte diese letzten Worte in einem sehr bestimmten, fast drohenden Tone gesagt, mit welchem seine bescheidene Haltung, seine tiefe Verbeugung und der leise Schritt, mit dem er sich jetzt entfernte, sowie das vorsichtige Oeffnen und Schließen der Thür in einem merkwürdigen Gegensatz standen.

Der General blieb an seinem Tische sitzen, die hohe schmale Stirn in die wohlgepflegte Hand stützend. Er fuhr heftig zusammen, als jetzt mit dem elfenbeinernen Griff eines Sonnenschirmes gegen das Fenster, in dessen Nähe er saß, gepocht wurde. Sofort lächelte er aber der Dame, die draußen stand, zu und rief: Sogleich, sogleich! räumte aber erst die Papiere, die auf dem Schreibtische lagen, in ein besonderes Fach, das er, ebenso wie den Schreibtisch, sorgfältig verschloß.

Verzeihe, daß ich Dich so lange habe warten lassen, sagte er, auf den Perron tretend und Josephen den Arm bietend.

Die Gräfin scheint nun doch nicht mehr zu kommen, sagte Josephe, die in Visitentoilette und zum Ausfahren fertig war.

Damit würde uns ja nur ein Gefallen geschehen.

Des Generals Blicke hefteten sich bei diesen Worten auf die Giebelwand einer reizenden Villa, welche, vom letzten Schimmer des Tages beleuchtet, zwischen den Bäumen und Büschen des Nachbargartens herüberschaute.

Ich bitte Dich, Papa, sei vorsichtig, sagte das Fräulein, deren Augen ebenfalls an der mattschimmernden Wand hingen.

Glaubst Du, mir altem Taktiker das rathen zu müssen? erwiederte der General; sei versichert, Josephe, ich bin's; aber allzu vorsichtig wäre thöricht, und hier haben wir denn noch sichern Grund unter den Füßen. Wenn wir uns ihm nicht jetzt unentbehrlich machen, wo ihm unsere Freundschaft noch etwas sein kann – hernach, wenn alle Welt ihn wird erobern wollen, ist es nicht mehr möglich.

Aber der sichere Grund! sagte das Fräulein; ich habe noch nicht das Gefühl der Sicherheit.

Und wie nennst Du das? fragte der General, nach der Villa zeigend. Das Grundstück ist doch unter Brüdern sechzigtausend Thaler werth. Ich habe seinem Vater zwanzig Jahre und ihm selbst nicht minder lange gedient, bevor er mir in der Form dieses Hauses eine Anerkennung meiner Verdienste zu Theil werden ließ. Und hier geschieht dasselbe nach eben so viel Tagen. Es ist unerhört; die ganze Stadt, von dem Hof ganz zu schweigen, ist in Aufregung.

Wird er sich halten? fragte Josephe, die Spitzenmantille von den Schultern gleiten lassend.

Ich will Dir gestehen: ich habe im Anfange selber daran gezweifelt, jetzt zweifle ich nicht mehr. Dieser Mann ist wie ein schönes Vollblut, das ich einmal als junger Lieutenant ritt und mit dem ich viel Geld gewonnen habe. Ich gab meinen Gegnern oft große Distanzen vor, und so lange ich sie nicht eingeholt hatte, schlug mir das Herz; aber hatte ich erst einmal die Tête genommen, konnte ich lachen, denn dann war Niemand mehr im Stande, mir den Sieg streitig zu machen. Er hat die Tête genommen; ich wette auf ihn, so viel man halten will.

Josephe berührte schnell den Arm des Vaters; zwischen den Büschen wurde die Gestalt Leo's sichtbar, der eben über den Rasenplatz herankam.

Ach! sagte der General, sei so liebenswürdig, Josephe, wie Du sein kannst.

Sie traten aus den Büschen heraus auf den Rasenplatz. Der General ließ Josephen's Arm fahren und ging dem Kommenden mit ausgestreckter Hand entgegen.

Ah, da sind Sie, cher voisin! Wie geht es mit der Einrichtung?

Dank der Hülfe des gnädigen Fräuleins, vortrefflich, sagte Leo, dem General die Hand reichend und sich dann vor Josephe verbeugend. Sie wissen, ein Junggesell ist bald eingerichtet.

Nun, nun, sagte der General lächelnd, die Zeit kommt auch heran, und dann, man richtet sich ja nicht sowohl für sich ein, als für die Welt. Du lieber Himmel, ich würde ein hartes Feldbett, ein paar Möbel von Tannenholz und gute Bücher, gute Freunde allem Luxus vorziehen, aber wir sind nun einmal keine Robinsons, und das Gesetz der Welt ist auch das unsere.

Ein Diener kam den Gartenweg herauf, hinter ihm eine Dame.

Ach, die liebe Gräfin, rief der General, da kommt sie doch noch!

Ich will Ihnen Ihr schönes Töchterchen nur auf ein paar Minuten entführen, sagte die Gräfin Schlieffenbach, nachdem sie Josephe umarmt hatte; aber ich fürchte mich, zu der alten, bissigen Baronesse Barton allein zu fahren; ich denke immer, sie oder ihr Pintscher beißen mich einmal aus Versehen.

Und die junge Dame lachte hell und ging, sich anmuthig vor den Herren verneigend, Arm in Arm mit Josephen davon.

Eine charmante Frau, sagte der General, der den Damen entzückte Kußhände nachgeworfen hatte; ein wenig insipide vielleicht für einen verwöhnten Geschmack; aber ich ziehe diese holde Natürlichkeit in Haltung und Sprache dem Raffinement der Empfindung vor, in welchem sich unsere Damen nur zu sehr gefallen. Das ist eine Bekanntschaft, die Sie cultiviren müssen, mein Freund, sobald der Graf aus Paris zurück ist. Uebrigens ist es mir lieb, daß die Damen uns auf einige Zeit allein gelassen haben; ich hätte Einiges, das ich Ihnen gern mittheilen möchte, wenn Sie geneigt sind, mich anzuhören.

Der General nahm vertraulich Leo's Arm und sagte, während sie langsam auf den glatt geharkten Wegen um den Rasenplatz promenirten, dessen Fontaine in der tieferen Stille des Abends lauter zu plätschern schien: Was ich Ihnen zu sagen hätte, lieber junger Freund – verzeihen Sie, daß ich mich ausdrücke, wie es das Herz mir eingiebt – mag einem Mann wie Ihnen gegenüber sehr überflüssig erscheinen; indessen das Alter hat das Vorrecht der Erfahrung, ein Vorrecht, das kein Genie der Jugend ihm streitig machen kann. Darf der erfahrene Mann sprechen?

Ich bitte ihn darum.

Der Starke vertraut seiner Stärke gern zu viel – wer die perfide Schnelligkeit kennt, mit der uns das Leben abnutzt, weiß den Werth der bestehenden Verhältnisse zu schätzen, von deren – ich möchte sagen – elementarischer Kraft wir borgen müssen, wo unsere individuelle Kraft nicht ausreicht. Nun, ich will keineswegs behaupten, daß Ihrem durchdringenden Scharfblick ein Satz von so frappanter Wahrheit entgangen sein sollte; aber die Anwendung für den einzelnen Fall, das ist es! Warum – Sie sehen, ich kann auch indiscret sein – warum haben Sie das Anerbieten Sr. Majestät, Sie in irgend einem der Ministerien zu placiren, nicht angenommen?

Weil – Sie erlauben, daß ich eben so aufrichtig antworte, als Sie fragen – ich mich nicht gern in der Menge verlieren möchte. Mein Ehrgeiz geht nicht dahin, den Staat in meiner Person um einen Beamten zu bereichern.

Ganz wohl, mein Freund, ich gebe Ihnen von vornherein zu, daß es im Staate nur eine Stelle giebt, die Ihrer würdig wäre; aber, um dahin zu gelangen, um dem Beamtenheer befehlen zu können, ich meine so, daß es gern gehorcht, muß man in ihm gedient haben, muß man aus ihm hervorgegangen sein. Sie beugen sich jedem Tropf, der einmal mit ihnen in Reih' und Glied gestanden hat, aber –

Höre ich schon wieder das Wort? sagte Leo; also auch hier die öde Kraft der disciplinirten, oder vielmehr abgerichteten Masse? Dies Schlagwort der Liberalen in dem Munde des Aristokraten? Verzeihen Sie, wenn mich das lächeln macht!

Lächeln oder lachen Sie immerhin, sagte der General, aber geben Sie mir zu, daß es ohne eine wohlformirte und wohlgeschlossene Masse, auf die man sich stützt, doch nun einmal nicht geht. Was der Adel ist, ist er doch nur durch die Solidarität des Interesses, das jeder Einzelne an dem Bestehen des Instituts hat, und durch die Schulung, in die das bewußte oder unbewußte Verfolgen dieses gemeinsamen Interesses mehr oder weniger systematisch jeden Einzelnen nimmt! Was ich unserem Adel vorzuwerfen habe, ist nicht sein inniges Zusammenhalten, das im Gegentheil gar nicht innig genug sein kann und noch lange nicht innig genug ist, sondern seine Ideenlosigkeit, der Mangel an Einsicht in die Bedingungen der Zeit, seine Unfähigkeit, sich die auf der Hand liegenden Vortheile zunutze zu machen, zum Beispiel die Arbeiterfrage für sich auszubeuten, wie Sie es wollen.

Nur mit dem Unterschiede, Excellenz, daß mir Zweck ist, was Ihnen Mittel.

Der Unterschied ist bei Lichte besehen nicht so groß, fuhr der General fort. Denn Sie wollen mir doch nicht sagen, daß die quer- und plattköpfige, schaufelhändige, breitmäulige, durch und durch brutale Masse im Stande sein sollte, sich selbst zu regieren? Regiert muß sie immer werden, und – lieber Freund – dem Einzelnen dürfte es denn doch zu schwer werden. Aber da sehe ich, daß mein Diener Licht in den Pavillon gebracht hat – ich denke, wenn es Ihnen recht ist, wir warten dort die Rückkehr meiner Tochter ab. Im Garten wird es schon etwas kühl. Sie bleiben doch zu Abend?

Wenn Sie nichts Anderes vorhaben.

Durchaus nicht; ich hoffe, daß wir die Gräfin auch werden hier behalten können, der Graf ist in Paris. Bitte, nach Ihnen!

Der Pavillon – ein kleines hölzernes Haus auf einem niedrigen, steinernen Unterbau, lag in der Ecke des Gartens. Hinter dem Garten führte ein schmaler Weg, der den Dienstleuten der umliegenden Villen den Umweg durch die Vordergärten ersparte und zum Theil von hohen Hecken eingefaßt war. In dem Augenblicke, als der General und Leo auf den Pavillon zugingen, huschte ein Mann, der bis jetzt von dem schmalen Weg aus durch die Hecken hindurch die Beiden beobachtet hatte, an den Pavillon heran, schlang sich mit großer Kraft und Gewandtheit an der Außenwand hinauf und hielt sich daran fest, indem er die Füße auf den etwas vorspringenden Unterbau setzte und sich mit der einen Hand an einen Träger des weit vorspringenden Daches stemmte. Es war ganz dunkel geworden auf dem schmalen Weg; im Nothfall sprang er herab und entfernte sich nach dieser oder jener Richtung. Aber es kam Niemand, und der Mann konnte durch die dünne Wand sehr deutlich hören, was gesprochen wurde, auch durch ein schlecht verhülltes Fenster wenigstens theilweise sehen, was in dem Pavillon vorging.

Die beiden Herren nahmen auf Gartenstühlen an dem runden Tische Platz. Auf dem Tische stand eine Caraffe mit Wein und ein silbernes Körbchen mit Backwerk.

Das gute Kind, sagte der General, sie denkt an Alles! Aber um wieder auf unser Thema zurück zu kommen: Was ist es denn, was meinen armen Bruder zu Grunde gerichtet hat? Mein Bruder war ein Mann, dessen Begabung und Kenntnisse, wie Sie wissen, das Durchschnittsmaß weit überstiegen. Er war dem Richtigen überall auf der Spur; aber er kam niemals weit, weil er sich stets isolirt hielt, stets allein auf seine Ziele losging. Die Arbeiterfrage, die von je sein Steckenpferd war! Ja, mein Gott, was hätte er in dieser Frage Segensreiches schaffen können, wenn er meinem Rathe gefolgt und vor zehn Jahren an Stelle Messenbach's, den der hochselige König um jeden Preis los sein wollte, in das Ministerium getreten wäre. Er würde vielleicht die Revolution verhindert haben, anstatt jetzt sein Vermögen zu verzetteln und damit Niemandem in der Welt zu nützen, am allerwenigsten seinen Arbeitern. Und was für meinen Bruder galt, gilt in noch höherem Grade von Ihnen, der Sie nicht einmal das Privileg eines altadeligen Namens haben. Es wäre thöricht, wenn ich einen Mann von Ihrer durchdringenden Klugheit auf die Gefahren aufmerksam machen wollte, die eine so schwindelnd rasche Carrière, wie die Ihre, nothwendig im Gefolge hat. Sie müssen jetzt, wo das Erdreich locker ist, die Wurzeln so tief treiben, daß Sie hernach kein Sturm mehr entwurzeln kann. Schaffen Sie sich Verbindungen, so viel wie möglich, und gehen Sie dabei stets von der Ueberzeugung aus, daß, was ich thun kann, Ihnen zu dienen, jederzeit mit ganz besonderer Freude geschehen soll.

Der General nippte an seinem Glase und fuhr, da der Ausdruck von Leo's Gesicht ihn zum Weitersprechen aufzufordern schien, in noch vertraulicherem Tone fort:

Mein Gott, wir sind Einer auf den Andern angewiesen; ich auf Sie, Sie auf mich; wir Beide auf einen Dritten, der wieder auf uns, so geht das fort in infinitum. Den Riesen-Vortheil, den uns ein glücklicher Zufall an unsere Insel warf, muß man mit tausend Fäden halten, sonst steht er auf und geht davon, wenn er uns nicht gar noch schlimmer mitspielt. Nun, mein Freund, Sie haben da schon so ein paar Fädchen geschlungen, die darum nicht weniger fest sind, weil sie zart sind. Die stille Kraft allein ist fürchterlich, sagt der Dichter, und welche Kraft ist stiller, also auch fürchterlicher, als die von ein paar schönen geist- und seelenvollen Frauenaugen? Wie schön sind die Augen Ihrer Fräulein Cousine! Auch Ihre Tante hatte in ihrer Jugend schöne Augen, so schöne nicht. Wissen Sie, daß der König fast stirbt vor Neugier, zu wissen, in welchem Verhältnisse Sie eigentlich zu einander stehen? Und Neugierde ist in diesem Falle nicht blos ein ungeziemender, sondern auch wirklich unpassender Ausdruck. Es ist sein sympathetisches Herz, das ihm keine Ruhe läßt, bis er weiß, wie es mit dem Herzen der Menschen, für die er sich interessirt, eigentlich steht. Was habe ich von dem Menschen, wenn ich nicht den ganzen Menschen habe! Wie oft habe ich ihn das sagen hören. Da er nun viel zu discret ist, um irgendwie direct zu fragen, so ergeht er sich unterdessen in den wunderlichsten Vermuthungen.

Und Sie selbst, Excellenz? fragte Leo lächelnd.

Ich selbst? Ja, mein lieber Freund, wenn Sie es wirklich wissen wollen, ich denke, die Sache ist sehr einfach, und doch thut es mir leid, daß sie so einfach ist.

Das heißt?

Das heißt – aber Sie wollen in der That meine eigentliche Meinung?

Ich bitte Sie darum.

Nun denn: das Einfachste und Wahrscheinlichste scheint mir, daß Sie Ihre schöne Cousine lieben, daß Ihre schöne Cousine sie liebt.

Und das würde Ihnen leid thun?

Aufrichtig: ja; Sie müssen in Ihren jetzigen Verhältnissen eine große Partie machen; heirathen Sie nun die in Rede stehende Dame, so kommen Sie um die große Partie; heirathen Sie sie nicht, so kommen Sie vielleicht – um die Freundin. Aber da höre ich unsere Damen. Nein, es ist Josephe allein. Wo hast Du die Gräfin, Liebe?

Die Gräfin läßt sich entschuldigen; ihr fiel ein, daß sie mit dieser Post an ihren Gemahl zu schreiben habe. Die Herren müssen also mit mir allein vorlieb nehmen.

Josephe nahm den Hut ab; ihr dunkles, sehr künstlich, aber kleidsam frisirtes Haar erglänzte im Licht der Kerzen.

Des Generals Augen ruhten mit Wohlgefallen auf seiner schönen Tochter und streiften dann das Gesicht seines Gastes, dessen Blicke ebenfalls sinnend an der herrlichen Gestalt des Mädchens hingen.

Ist angerichtet, Josephe?

Sogleich.

Ich möchte Friedrich noch einen Auftrag in die unteren Regionen geben, sagte der General, sich erhebend; Du kommst wohl in ein paar Minuten mit unserem lieben Gast nach?

Meinen Sie nicht, mein gnädiges Fräulein, sagte Leo, sobald der General den Pavillon verlassen hatte, daß die Frau Gräfin noch einen andern triftigeren Grund hatte, nicht mit Ihnen zurückzukommen?

Josephe öffnete die großen Augen noch mehr. Woher wissen Sie das?

Ich sah es an ihrer Miene, als sie in den Garten trat und mich erblickte. Ihr erster Gedanke war: wie wirst Du Dich geschickt zurückziehen können. Habe ich Recht?

Nicht ganz, sagte Josephe. Sie für ihr Theil –

Wäre gern geblieben, unterbrach sich Leo, gewiß; aber sie fürchtet, eine Stunde in meiner Gesellschaft könnte den ***Gesandten compromittiren. Nur bedenkt der Herr Gesandte nicht, daß leicht eine Stunde kommen könnte, wo er wünschen wird, seiner Gemahlin weniger ängstliche Instructionen gegeben zu haben. Und was sagen Sie selbst, gnädiges Fräulein?

Ich sage: ganz Unrecht kann ich der Gräfin nicht geben. Sie müssen wissen, wie sehr Papa und ich Sie schätzen, aber die Bedingungen unseres Lebens sind so besonderer Art; Sie glauben nicht, wie viel Sorge es mir macht, daß diese Bedingungen nicht alle bei Ihnen zutreffen.

Macht Ihnen das wirklich Sorge? sagte Leo; wer hätte diesen schön geschweiften Brauen zugemuthet, daß sie sich auch besorgt zusammenziehen könnten!

Sie spotten.

Nein, wahrlich nicht.

So glauben Sie, daß ich keinen Theil an Ihnen nehme?

Welches Recht hätte ich, das zu glauben?

Wollen wir in das Haus gehen? sagte Josephe, nach der Spitzenmantille greifend, die sie von den schönen Schultern auf den Stuhl hatte gleiten lassen.

Leo war ihr behilflich, sie wieder umzuthun, dabei kam er mit einer ihrer Hände in Berührung, die er fest hielt und an seine Lippen führte.

Verzeihen Sie! Ich entschließe mich schwer, an das zu glauben, worauf ich einen ganz besonderen Werth lege.

Josephe! ertönte die Stimme des Generals von der offenen Thür des Gartensaales der Villa.

Kommen Sie, Sie Ungläubiger! sagte Josephe, der Papa wird sonst ungeduldig.

Sie zog ihre Hand aus Leo's Hand und verließ schnell den Pavillon. Langsamer folgte Leo.

Als die Schritte der sich Entfernenden auf dem Kies des Gartenweges nicht mehr zu hören waren, sprang der Mann an der Wand des Pavillons aus seiner unbequemen Stellung herab in den Weg. In dem Wege war es jetzt ganz dunkel, dennoch trat der Mann leise auf und beeilte sich, die breitere Querstraße, auf die der schmale Pfad mündete, zu erreichen. Erst hier richtete er sich auf und ging langsamer, bog dann in eine andere Straße, und blieb vor einer allerliebsten zweistöckigen, mit Holzschnitzereien ausgezierten, von wildem Wein fast ganz überrankten Villa stehen, die, von einem Garten umgeben, etwas abseits von der Straße, in lauschiger Abgeschiedenheit lag. Der Mann zog die Klingel der Gartenpforte und fragte den Diener, der ihm in den mit Blattpflanzen und Statuetten ausgeschmückten Vorflur Ueberrock und Stock abnahm: Ist schon Jemand bei der gnädigen Frau?

Auf die verneinende Antwort des Dieners zuckte es über des Mannes schönes Gesicht; er strich sich das lockige Haar aus der Stirn, wirbelte den lockigen Schnurrbart und folgte dem Bedienten, der ihm die Thür zum Salon öffnete.

In dem prachtvoll ausgestatteten Gemache befand sich Niemand, außer einer Dame, die in nachlässiger Haltung auf einem niedrigen Divan lag.

Bei dem Geräusch der Thür hob sie den Kopf, ließ sich aber sogleich wieder zurücksinken, als sie den Eintretenden erblickt hatte.

Ach, Ferdinand! sagte sie; mir däucht, Du kommst sehr früh. Indessen, es ist mir sehr lieb, daß Du gekommen bist, ich hatte Dir Einiges zu sagen. Willst Du die Portière vor der Thür nach dem Flur zuziehen! Ich habe den Menschen im Verdacht, daß er an dem Schlüsselloche horcht. So, danke! Nun setze Dich hierher zu mir! Nicht so sehr nah! So!

Und Eve lächelte, indem sie die schweren Falten ihres Kleides zurückschob, die Ferdinand, als er sich zu ihr setzte, mit den Knieen berührt hatte.

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