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In Reih' und Glied. Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: In Reih' und Glied. Zweiter Theil - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleIn Reih' und Glied. Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunSechste Auflage
year1883
firstpub1866
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130715
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Fünfundzwanzigstes Capitel.

Hast Du ihm schon gesagt, daß Du Leo erwartest? fragte Emma ihren Vater, sobald sie Gelegenheit fand, ihm diese Worte ungehört von den Andern zuzuflüstern. Der Bankier schüttelte den Kopf. Ich weiß ja noch gar nicht, ob er kommt, sagte er. Desto besser! erwiederte Emma.

Von den beiden Herren war keiner in besonders guter Laune angekommen. Alfred war es gar nicht genehm gewesen, gerade jetzt die Stadt zu verlassen; in Henri erweckte das Wiedersehen seiner Heimath nach so langer Zeit – er war, seitdem er damals vor acht Jahren zusammen mit Walter in die Residenz gezogen, nicht wieder hier gewesen – die verschiedensten Empfindungen. Er hatte seinen Vater – in der letzten Zeit wenigstens – gehaßt; aber dieses Schloß war nicht blos sein Vaterhaus – es war das Haus seiner Väter. Und als diese selbe Stelle, wo jetzt das alte Herrenhaus lag, eine feste Burg mit weiten, die ganze Kuppe des Berges umfassenden Ringmauern krönte, hatten auch die Tuchheims da gesessen. So weit die Erinnerung alter Chroniken zurückreichte, hatten die Tuchheims in diesen Wäldern, diesen Bergen die Herrschaft und die Obmacht gehabt.

Und wenn der junge Mann nur zu gut wußte, daß, wie die Sachen nun einmal lagen, die Verbindung mit seiner Cousine ein ganz besonderer Glücksfall war, so konnte er es Emma durchaus nicht vergeben, daß er ihr die Wiedereinsetzung in das Erbe seiner Väter verdanken sollte, um so weniger vergeben, als der geringe Rest von Zuneigung, die er früher allenfalls für sie gehabt hatte, jetzt einer entschiedenen Abneigung gewichen war. Er fand sie mit ihren Prätensionen abgeschmackt und lächerlich; er sagte sich, daß sie nicht einmal jetzt schön sei und in wenigen Jahren aller Wahrscheinlichkeit nach geradezu unschön sein werde; die Röthe des Zornes stieg ihm in die Stirn, wenn er sich an der Seite einer kleinen, übermäßig corpulenten, wegen ihrer Albernheit verrufenen Frau in den Salons der Minister, an dem Hofe des Prinzen dachte.

Die Unterredung, die er noch vor Tische mit seinem Schwiegervater hatte, trug nicht dazu bei, seine Laune zu verbessern. Wenn auf der einen Seite das vorgeschlagene Arrangement die Erbschaftsangelegenheit sehr vereinfachte, so gab es ihn auf der anderen Seite ganz in des Bankiers Hände, und Sonnenstein zeigte sich keineswegs geneigt, auf irgend welche Rechte, die ihm aus dieser Lage flossen, großmüthig zu verzichten. Er schlug sogar wiederholt einen Ton an, der deutlich genug verrieth, daß er sich als Herrn der Situation fühlte. Besonders war dies der Fall, als auf die Fabriken die Rede kam. Ich kann nicht verlangen, lieber Henri, sagte der Bankier endlich, daß Du Dich zu meiner Ansicht bekehrst; aber ebenso wenig kannst Du von mir verlangen, daß ich gegen meine Ueberzeugung nach Deinen Wünschen handle. Und so sage ich Dir denn, daß ich die Fabriken verkaufen werde, sobald ich einen guten Käufer finde; ja, ich will Dir noch mehr sagen, ich habe bereits Jemanden in petto, und nun laß uns zu Tische gehen.

Emma erschien bei Tische in einem hellen, einfachen Sommerkleide und mit natürlichen Blumen im Haar. Sie sah hübsch aus und war sehr munter; aber ihre Munterkeit war gar nicht nach Henri's Geschmack. Sie hatte sich vorgenommen, Henri wegen seiner Eifersucht – wie sie es nannte – zu strafen, und glaubte dies am besten durch Anspielungen auf Leo zu können, die sie indessen so zu halten gedachte, daß er möglichst lange darüber im Unklaren blieb, ob sie über Leo's jüngste Schicksale unterrichtet sei oder nicht. Henri wußte gar nicht, worauf ihre wunderlichen Reden gingen, und es wurde ihm deshalb sehr leicht, sich nicht getroffen zu fühlen. Seine Gleichgiltigkeit beleidigte nun wieder Emma, die nicht anders glaubte, als daß er die Mißachtung gegen sie so weit treibe, sie nicht verstehen zu wollen; sie sagte ihm das schließlich gerade heraus.

Verzeihe, liebe Emma, entgegnete Henri, aber wie unschuldig ich bin, kannst Du am besten daraus sehen, daß ich selbst jetzt, nachdem Du mich von Deiner gutherzigen Absicht unterrichtet hast, noch immer keine Ahnung habe, was Du eigentlich willst. Seine Karten verdeckt spielen, heißt doch nicht leere Blätter anstatt der Karten auf den Tisch legen.

Wo von Karten die Rede ist, muß ich Dir allerdings den Vorzug der größeren Erfahrung einräumen, erwiederte Emma.

Erkläre Deiner Schwester doch, was man tertium comparationis nennt, sagte Henri zu Alfred.

Ich dächte, Ihr machtet das unter Euch ab, sagte Alfred, nachlässig die Schaumperlen in seinem Champagner betrachtend.

Vielleicht hält Henri es nicht der Mühe werth, sich selbst für die Erweiterung meiner Kenntnisse zu bemühen, sagte Emma, ebenfalls zu Alfred gewendet.

Ich kann Dir nur wiederholen, was ich schon zu Henri gesagt habe, brummte Alfred.

Aber Kinder – sagte Herr von Sonnenstein.

Nein, nein, Papa, rief Emma, die ein verächtliches Lächeln, welches sie um Henri's Lippen spielen zu sehen glaubte, vollends außer sich gebracht hatte; laß ihn mich nur quälen, ich verdiene es für die Thorheit, mein Schicksal an einen Mann zu fesseln, der mich nicht liebt.

Das alte Lied, liebe Emma! sagte Henri achselzuckend.

Ich bin nicht Deine liebe Emma! rief die junge Dame, deren Zorn ihres Verlobten Kaltblütigkeit immer mehr entflammte; ich war blos Deine liebe Emma, so lange ich Dir kein Recht gegeben hatte, mich zu quälen, und war vermuthlich schon damals Deine liebe Emma so wenig, als ein Gewisser, den ich nicht nennen will, jemals der schlechte Mann gewesen ist, zu dem ihn ein gewisser Anderer aus gewissen Gründen machen wollte.

Nun endlich! rief Henri; warum hast Du es denn nicht gleich gesagt, daß Du von dem Schwindler sprichst?

Herr von Sonnenstein hatte Emma wiederholt Zeichen mit den Augen gemacht, aber Emma hatte weder Zeit noch Lust, an irgend etwas Anderes, als an die Kränkungen, die sie erfahren hatte, zu denken. Das Taschentuch, in das sie eben ihre Thränen geweint, mußte ihr jetzt dienen, ein hysterisches Lachen zu verbergen, und zwischen Weinen und Lachen rief sie:

O, das trifft sich ja ganz herrlich! Nicht wahr, Papa? Sich so nennen zu hören, noch dazu von Henri selbst, wird Leo so freuen, wenn er heute Abend oder morgen kommt.

Was heißt dies? fragte Henri kurz und scharf.

Das sarkastische Lächeln, welches bisher unausgesetzt seine Lippen umspielt hatte, verschwand mit einemmale; er warf einen finsteren Blick auf Herrn von Sonnenstein.

Der Bankier fühlte sein Herz schlagen, und die Flasche, aus welcher er sich eben einschenkte, tickte ein paarmal leicht gegen das Glas; aber er überwand diese unzeitige Erregung und sagte, während er sich bemühte, möglichst unbefangen auszusehen und zu sprechen:

Ich bedauere, lieber Henri, vorhin, als wir über die Fabriken sprachen, Dir nicht auch gleich den Namen des Käufers genannt zu haben. Es ist kein Geringerer, als Seine Majestät selbst: denn Doctor Gutmann, der mir heute früh sein Kommen mit einem der nächsten Züge zugesagt hatte, ist eben nur der Agent des Königs. Du wirst mir erlassen, mich in diesem Augenblicke – hier blickte der Bankier nach dem Bedienten, der eben mit dem Dessert wieder in den Speisesaal getreten war – ausführlicher über die Angelegenheit zu verbreiten.

Henri verneigte sich und fing alsbald an, von dem herrlichen Wetter zu sprechen und von den Aussichten der diesjährigen Ernte. Der Bankier ging auf ein Thema, das ihn als Börsenmann und zukünftigen Gutsbesitzer doppelt interessirte, sogleich ein; auch Emma glaubte in ihrer Eigenschaft als » châtelaine«, und weil sie fühlte, daß sie wieder einmal nach ihrer Gewohnheit viel zu weit gegangen war, mitreden zu müssen; nur Alfred hatte es kein Hehl, daß er wenig Geschmack an dieser Unterhaltung finde, und bat, daß man die Tafel aufheben möge.

Bist Du mir noch bös? sagte Emma schmeichelnd, als man sich gesegnete Mahlzeit wünschte.

Wie kann man der Liebenswürdigkeit selbst böse sein? erwiederte Henri, indem er ihre Hand an seine Lippen zog.

Herr von Sonnenstein's Augen ruhten mit Befriedigung auf dem Paare. Er tappte Henri auf die Schulter und sagte: Wir wollen in der Veranda eine Cigarre rauchen, Henri; Alfred und Emma mögen unterdessen einen hübschen Platz zum Kaffee aussuchen.

Ich habe den ernstlichen Willen, mit Dir gute Freundschaft zu halten, fuhr der Bankier fort, als sie aus dem Speisesaal in die Veranda traten; hätte ich diesen Willen nicht gehabt, würde ich nicht meine Einwilligung zu Eurer Verbindung gegeben haben. Nun aber, Henri, liegt es an Dir, zu zeigen, daß Du nicht minder freundlich gegen mich gesinnt bist. Mein Gott, ich kann mir denken, daß es Dich verdrießt, wenn Emma, die nun einmal ein phantastisches Ding ist, eine Phantasie, mit der sie lange getändelt hat, nicht so bald los werden kann; aber was gehen denn uns Männer schließlich dergleichen Albernheiten an! Mit Kindern und Frauen muß man Geduld haben. Ich habe mit Emma's Mutter, Deiner Tante, auch Geduld haben müssen. Sie hatte natürlich ihre Jugendliebe gehabt, wie alle Mädchen, und mit solcher Jugendliebe tragen sich denn die jungen Dinger wer weiß wie lange; aber ich habe ihr deshalb keine Scene gespielt und am allerwenigsten die Eifersucht in meine Geschäftsangelegenheiten hineinreden lassen. Und so, lieber Henri – Du bist mir nicht bös, wenn ich ganz offen spreche – würdest Du ein Thor sein, wenn Du aus Widerwillen gegen den Doctor ein Geschäft von der Hand weisen wolltest, das glänzend zu werden verspricht. Ich begreife Dich nicht. Emma ist Dein; von ihren kindischen Reden stirbst Du nicht; und wenn Du mit dem Doctor noch eine Rechnung auszugleichen hast, so ist hier eine Gelegenheit, wie sie so bald nicht wiederkommt. Wir brauchen jetzt Geld, viel Geld, um die Güter frei zu machen; ich bin, wie Du weißt, nach allen Seiten hin stark engagirt. Für die Fabriken kommt eine schlechte Zeit, verlaß Dich auf mich; was können wir Besseres thun, als sie loszuschlagen, wenn wir, wie jetzt, die größten Chancen haben, sie binnen Jahresfrist vielleicht für den halben Preis wiederkaufen zu können? Weshalb meinst Du denn, daß Leo den König bestimmt hat, die Fabriken zu kaufen? Doch nur, damit er seine socialistischen Experimente daran machen kann. Ich sehe, was kommen wird, so deutlich, als ob es hier in meiner Hand geschrieben stände.

Der Bankier blies eine große Wolke aus seiner Cigarre; je länger er über die Sache nachdachte, desto lockender erschien sie ihm. Er setzte sich auf einen Schaukelstuhl, der in der Veranda stand, und wiegte sich ein paarmal hin und her, erhob sich aber alsbald wieder.

Der Stuhl ist nicht bequem, Henri! Auch die Stühle im Speisesaale waren unbequem und nichts weniger als geschmackvoll; wir werden das ganze Schloß neu möbliren lassen müssen, der König soll es uns möbliren und tapezieren dazu!

Herr von Sonnenstein lachte; er war in der besten Laune.

Emma kam über den Rasenplatz daher in einem etwas unregelmäßigen Gang, der ein Hüpfen sein sollte, schon von weitem rufend:

Wir haben einen so reizenden Platz gefunden, Papa! Eine wahre Idylle von einem Platz!

Gutes Ding! murmelte Herr von Sonnenstein; man kann ihr nicht bös sein, nicht wahr, Henri?

Henri antwortete nicht, reichte aber seiner Braut den Arm und erwiederte den leisen Druck und, so gut es gehen wollte, auch den zärtlichen Blick, mit welchem Emma zu verstehen gab, daß sie geneigt sei, das Vergangene vergangen sein zu lassen und sich der Gegenwart zu freuen.

Emma war zu diesem Entschluß in Folge einer interessanten Mittheilung gekommen, die ihr, während der Vater und Henri in der Veranda auf und ab spazierten, Alfred in seiner nachlässigen Weise gemacht hatte.

Du bist nicht klug, sagte der junge Mann, daß Du Henri fortwährend mit Deinen Grillen quälst. Henri ist ein ganz guter Kerl, wenn man ihm seinen Willen thut; aber ich habe noch nicht gesehen, daß ihn Jemand ungestraft beleidigt hätte. Und in diesem Falle hast Du nun noch dazu entschieden Unrecht. Was kann denn Henri dafür, daß Du Dich in den Leo vergafft hast? Und warum hast Du Dich in den Leo vergafft, der sich, so viel ich habe bemerken können, niemals viel aus Dir gemacht hat, und nebenbei, wie ich aus sehr guter Quelle weiß, nach ganz anderen Seiten engagirt ist.

Und Alfred erzählte nun, daß er seit Kurzem eine Dame kenne, deren Namen er aus gewissen Gründen nicht nennen dürfe, die von Leo's Verhältnissen vollkommen unterrichtet sei und auf das Genaueste wisse, daß Leo seine Cousine Silvia liebe und Silvia auch schließlich Leo's Befreiung, seine Zusammenkunft mit dem Könige und alles Uebrige zu Stande gebracht habe.

Alfred hatte die Erzählung mit so viel Einzelheiten auszustatten gewußt, und das Ganze war ja auch so durchaus wahrscheinlich, daß Emma nicht den mindesten Zweifel hegte und nur nicht wußte, ob sie sich darüber betrüben oder freuen sollte. So drückte sie denn jetzt aber- und abermals ihres Verlobten Arm und sagte:

Laß uns wie die Kinder, laß uns glücklich sein, Henri!

Während des Nachmittags war Emma unausgesetzt bemüht, Alle so glücklich zu machen, wie sie sich selber fühlte. Sie wickelte für Alfred Cigaretten, hielt ihrem Vater den Sonnenschirm über den Kopf und fing hernach an, für Henri das Schloß zu zeichnen. Indessen hatten ihre Aufmerksamkeiten nicht den gewünschten Erfolg. Der fleißige Bankier fing an, den Mangel an bestimmter Beschäftigung übel zu empfinden; Alfred fand das Landleben schauderhaft langweilig, und Henri, der aus den Gesprächen, die geführt wurden, nur immer den Uebermuth heraushörte, mit dem die Familie Sonnenstein es sich an der Stelle derer von Tuchheim behaglich machte, war in einer Stimmung, für deren Pein die Hoffnung, sich dereinst so oder so rächen zu können, kaum ein Labsal war.

Endlich trennte man sich. Der Bankier wollte nach etwa eingelaufenen Briefen, Emma nach der Küche sehen, Alfred und Henri den Ställen einen Besuch abstatten. Von Leo, der mit dem Abendzuge gekommen sein konnte, sprach Niemand.

Die beiden jungen Männer gingen durch den Park nach den auf der halben Höhe des Schloßberges etwas abseits gelegenen Wirtschaftsgebäuden. Durch Henri's Seele zogen Erinnerungen an jene Winternacht, wo von der Stelle aus, der sie sich jetzt näherten, der rothe Feuerschein sich über den dunklen Himmel verbreitet hatte. Er dachte der Rolle, die Leo in jener Nacht gespielt, und daß der Mensch noch immer ihm gegenüberstand, ja der Moment, wo er ihn unter die Füße in den Staub getreten haben würde, weiter als je vorher hinausgeschoben schien. Und dann fiel sein Blick auf die schmächtige Gestalt und das verlebte Gesicht des jungen Stutzers an seiner Seite, und er fragte sich, wie lange der es nun eigentlich noch treiben würde.

Länger als bis morgen Mittag bleibe ich aber keinesfalls, sagte Alfred.

Hat Eve Dir keinen längeren Urlaub gegeben?

Auf Alfred's bleichen Wangen brannten zwei rothe Flecke auf, die alsbald wieder verschwanden.

Dummes Zeug! sagte er.

Henri legte seinen Arm in den seines Vetters.

Aber, mein Junge, Du kannst doch vor Deinem alten Mentor keine Geheimnisse haben wollen! Glaubst Du denn, man denkt sich gar nichts dabei, wenn Du, der Du in den ersten Tagen nur von der schönen Castellana sprechen konntest, jetzt um Dich und sie die goldene Wolke tiefsten Schweigens hüllst? Wärest Du unglücklich? Die tiefen Ränder unter Deinen Augen würden dafür sprechen, wenn sie nicht so sehr dagegen sprächen.

Alfred lächelte und strich sich das weiche, dunkle Bärtchen.

Du Glücklicher! sagte Henri, es ist gar nicht hübsch von Dir, daß Du mir, der ich Dir zu Deinem Glücke verholfen habe, nicht einmal einen Blick in die Karten erlaubst. Wie lebt Ihr denn? Gefällt sie Dir wirklich noch immer?

Gefallen! rief Alfred, gefallen? Bei den Göttern, das kann nur der fragen, der sie nicht kennt. Gefallen! Ich würde für eine Nacht bei ihr barfuß nach dem Nordpol wandern!

Wahrhaftig! sagte Henri lachend, Du könntest Dir bei der Gelegenheit den Schnupfen holen. Aber im Ernst, mein Lieber, nimm Dich in Acht, Eve ist eine von den Schlangen am alten Nil, die selbst Helden gefährlich werden können, und Du hast Ursache, Dich zu schonen.

Im Gegentheil, ich habe Ursache, mich zu beeilen, wenn ich noch etwas vom Leben haben will. Wie lange wird's denn noch dauern? Ich fürchte, nicht mehr lange.

Der junge Mann blickte vor sich nieder, stieß aber nichtsdestoweniger an eine Wurzel, die er in seiner Kurzsichtigkeit nicht bemerkt hatte. Er stolperte, Henri bewahrte die schlaffe, zusammenbrechende Gestalt nur mit einiger Mühe vor dem Fallen. Ich hoffe: nicht mehr lange! dachte Henri, sagte aber in ermuthigendem Ton: Das sind Grillen, Alfred, Folgen von ein paar mehr oder weniger schlaflosen Nächten; die tugendhafte Langeweile hier wird Dir gut thun; Du solltest Dich nicht so beeilen, in das Netz Deiner Zauberin zurückzukommen.

Sie bedarf meiner, sagte Alfred, sie kann ohne mich nicht mehr leben, wie ich nicht ohne sie. Sie sprach schon davon, mir nachkommen zu wollen. Ueberdies war ich eben dabei, ihr eine Sommerwohnung einrichten zu lassen, sie wird mit den Möbelhändlern und Tapezierern allein nicht fertig. Und dann, Henri, will ich es Dir gestehen, obgleich Eve mich stets vor Dir warnt und behauptet, ich sollte Dir nicht zu weit trauen, ich fürchte immer, Buffone könne mir einmal einen Streich spielen. Daß er Eve bis zum Rasendwerden liebt, ist klar; was ist der verrückte Mensch nicht im Stande zu thun!

Du bist in der letzten Zeit über alle diese Dinge so geheimnißvoll gewesen, daß ich Dich fragen muß: Wie stehst Du mit Buffone?

O, ganz gut so weit. Ich habe ihm seine Schulden bezahlt und den Papa gebeten, ihn irgendwo unterzubringen; er kann sehr gut arbeiten, wenn er will; dafür hätte ich nun freilich auch gern gesehen, wenn er Eve mit seinen Besuchen verschont hätte, aber ich wage das nicht zu fordern, bevor Eve es selbst verlangt, und das hat sie bis jetzt nicht gethan. Sie will kleine Diners und Soupers geben und behauptet, Ihr würdet Euch ohne Buffone langweilen. Was meinst Du?

Henri zuckte die Achseln. Man muß einige Rücksicht auf ihn nehmen. Er saß im Rohre und kam nicht dazu, sich Pfeifen zu schneiden.

Und doch ist es ein merkwürdig schöner Mensch, sagte Alfred nachdenklich; manchmal kann ich mir gar nicht denken, daß Eve ihn wirklich nicht erhört haben sollte.

St! sagte Henri, Alfred am Arm zurückhaltend.

Sie befanden sich auf einem schmalen Wege, der sich ziemlich steil durch dichtes Gebüsch nach der breiten Fahrstraße senkte, die von dem Dorfe heraufführte. Auf der nach der andern Seite freien Straße, die von der untergehenden Sonne noch hell beschienen war, wandelte ein Herr im Reisecostüm. Er ging sehr langsam, blieb auch manchmal stehen, um mit verschränkten Armen zwischen die Büsche hindurch in die abendliche Landschaft hinauszuschauen, und ging dann langsam weiter. Da sein Blick vorzugsweise nach jener Seite gewendet war, bemerkte er die beiden Gestalten nicht, die jetzt an den Rand der steilen Böschung getreten waren.

Kennst Du ihn? fragte Henri.

Ist es nicht der Doctor? erwiederte Alfred, sein Lorgnon in's Auge klemmend.

St!

Henri zog seinen Vetter einen Schritt in das Gehölz zurück und flüsterte, auf die langsam dahinwandelnde Gestalt deutend:

Siehst Du, Alfred, das ist der Mann, der Deinem Glück weit gefährlicher ist, als alle Buffones der Welt zusammen. Ich weiß nicht, ob er Eve schon besessen hat; es ist nicht blos möglich, sondern sehr wahrscheinlich, trotz Allem, was Eve jetzt zu beschwören für gut findet. So viel ist aber gewiß, daß er sie jeden Augenblick haben kann, wenn er will. Es giebt wenig Menschen, die Du und noch andere so sehr zu hassen Ursache haben, als diesen da; und deshalb wollen wir sehr freundlich zu ihm sein, ausnehmend freundlich. Die Zeit ist hoffentlich nicht fern, wo wir ihm, was er uns gethan, mit Wucherzinsen heimzahlen können.

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