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In Reih' und Glied. Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: In Reih' und Glied. Zweiter Theil - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleIn Reih' und Glied. Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunSechste Auflage
year1883
firstpub1866
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130715
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Dreiundzwanzigstes Capitel.

Herr von Sonnenstein war mit seiner Tochter angelangt. Walter hatte sie empfangen und für das Nichterscheinen der Damen, die morgen früh wieder nach der Residenz zurückzureisen gedächten und jede Aufregung zu vermeiden wünschten, um Entschuldigung gebeten. Herr von Sonnenstein war ausnehmend höflich gegen Walter gewesen; sobald derselbe aber den Rücken gewendet hatte, rief er: Und das ist nun der zukünftige Gatte Deiner Cousine Amélie?

In der That! rief Emma.

Jetzt zweifle ich gar nicht mehr daran; so etwas fühlt sich denn doch heraus, sagte der Bankier.

Ich habe nichts gefühlt, sagte Emma; aber er ist ja ganz allerliebst und für Amélie's jetzige Verhältnisse ja auch recht passend. Wie freue ich mich, Amélie morgen wiederzusehen!

Der Bankier antwortete nicht; er war verstimmt; Emma war von der Reise abgespannt; man ging früh zu Bett, da man mit dem Abend nichts anzufangen wußte.

Herrn von Sonnenstein war das Benehmen Charlotten's unbegreiflich. Von Charlotte oder doch wenigstens von dem Anwalt Charlotten's war der Vorschlag zu einem gütlichen Vergleich ausgegangen; er war, da er sich einen großen Vortheil davon versprechen durfte, dem Vermittler mit großer Bereitwilligkeit entgegengekommen und hatte durch directe Verhandlung mit Charlotte die wichtige Angelegenheit thunlichst beschleunigen wollen. Jetzt wich ihm Charlotte aus. Hatte sie sich anders besonnen? Die Sache war äußerst fatal.

Der nächste Morgen brachte ihm eine Aufklärung über Charlotten's Benehmen und zugleich eine Bestätigung seines Scharfblicks. Ein durch die Post übermittelter Brief Charlotten's meldete ihm ihre mit dem Frühzuge erfolgte Abreise, und zugleich, daß Herr von Sonnenstein die Güte haben möge, sich mit Walter in Vernehmen zu setzen, der, als ihr sehr treuer Freund und zukünftiger Gatte Amélie's, die geeignetste Person sei, in ihrem und Amélie's Namen mit Herrn von Sonnenstein über Alles zu verhandeln und, soweit dies ohne Hinzuziehung des Gerichts möglich sei, abzuschließen.

Da haben wir's! sagte der Bankier, indem er seiner Tochter den Brief über den Frühstückstisch reichte.

O, wie charmant! rief Emma.

Ich weiß nicht, ob Henri die Sache ebenso charmant finden wird, bemerkte der Vater.

Warum sollte er nicht? meinte Emma; in Amélie's jetzigen Verhältnissen! Was kann sie Besseres thun, als eine Ehe aus Liebe schließen? Gott, mache ich es doch nicht anders! Aber hier wie überall: Les extrêmes se touchent.

Der Bankier hörte nicht, was seine Tochter sagte. Er hatte unter den anderen eingegangenen Briefen einen bemerkt, dessen Siegel er sehr schnell erbrach. Der Brief bestand nur aus folgenden Zeilen:

 

»Ich höre von Hellfeld, der mich heute Morgen besuchte, daß Sie nicht abgeneigt sind, eventualiter die Tuchheimer Fabriken zu verkaufen. Da ich von Sr. Majestät den Auftrag habe, für Rechnung der Privatschatulle Sr. Majestät ein Etablissement in der ungefähren Ausdehnung des Ihrigen zu erwerben, so würden wir vielleicht einig werden. Sollten Sie auf meine Propositionen so weit reflectiren, um mit mir in persönliche Verhandlung zu treten, so bitte ich um telegraphische Nachricht, auf die ich sofort nach Tuchheim kommen würde; im Uebrigen um vorläufige strengste Discretion.

Doctor Leo Gutmann.«

 

Meinst Du nicht auch, Papa? sagte Emma.

Der Bankier wußte nicht, wovon Emma sprach. Sie mußte ihre Frage wiederholen. Der Bankier sagte: Gewiß, ohne Zweifel! aber er sagte es sehr zerstreut. Er dachte daran, was Emma wohl zu diesem Briefe sagen würde.

Emma, die nie einen Blick in die Zeitung warf, als höchstens um die Anzeigen zu lesen, hatte von dem Umschwung in Leo's Verhältnissen noch nichts erfahren. Wie würde sie, wie würde Henri es aufnehmen, wenn Leo jetzt plötzlich in Tuchheim erschiene? Sollte er Henri telegraphiren, nicht zu kommen? Aber Henri war voraussichtlich schon unterwegs. Sollte er Leo abweisen? Aber die Sache versprach höchst vortheilhaft für ihn zu werden, und überdies war Leo jetzt weniger als je ein Mann, den man ungestraft verletzen durfte.

Du bist unerträglich, Papa, sagte Emma, Du hast mir versprochen, sehr liebenswürdig zu sein.

Und ich werde mein Versprechen halten, sagte der Bankier; ja, ich glaube Dir ganz ungewöhnliche Ueberraschungen in dieser ländlichen Einsamkeit versprechen zu können. Vorderhand mußt Du mich aber entschuldigen; ich habe die wichtigsten Geschäfte.

Er wartete Emma's Antwort nicht ab, sondern raffte seine Briefschaften zusammen und verließ das Zimmer.

Emma blieb schmollend zurück und war im Begriff, das Landleben entsetzlich langweilig zu finden, als ihr einfiel, daß sie es sich gestern Abend sehr romantisch gedacht hatte, das Schloß heute Morgen ohne Begleitung zu besichtigen. Sie wollte damit gleich den Anfang machen, indem sie sich erst einmal, von ihrem Platze am Theetisch aus, das Gemach, in welchem sie sich befand, ordentlich durch die Lorgnette betrachtete. Es war der große Salon links zu ebener Erde, welcher in den Tagen des Freiherrn als Wohnzimmer gedient hatte. Emma bewunderte die bedeutenden Dimensionen des Gemaches, die mit einer etwas schwerfälligen Stuccatur verzierte Decke, den gewaltigen Kamin. Es war so recht ritterlich, so ganz und gar romantisch. Und dann die großen, an den Wänden vertheilten Oelgemälde mit den schweren vergoldeten Rahmen, Herren und Damen in seltsamen Trachten mit Perrücken oder mit Puder in den toupirten Haaren; unter den Männern sogar ein Ritter in einem Brustharnisch, über den ein feiner Spitzenkragen und die von dem schönen Kopfe nach beiden Seiten herunterwallenden Locken fielen. Das waren Henri's Ahnen! Es war doch herrlich, einen Mann mit Ahnen, veritablen Ahnen, zum Gatten zu bekommen, und der Einem glücklicherweise diese Ahnen gar nicht vorrücken konnte, da ohne seine Frau alle diese Herren und Damen vermuthlich auf den Trödel gewandert sein würden. Eine neue Plüschdecke durch das Zimmer und ein paar elegante moderne Sophas und Fauteuils – denn diese mit den verblichenen Stickereien und wunderlichen vergoldeten Gestellen waren über alle Begriffe geschmacklos! – und hier war ein Salon, wie er einer Freifrau von Tuchheim würdig war, in welchem eine Freifrau würdig ihre Gäste empfangen konnte. Was klang eigentlich besser: Emma, Freifrau von Tuchheim, geborene von Sonnenstein, oder La Baronne Emma de Tuchheim, née de Sonnenstein? Gut klang Beides; vielleicht ließ sich dazwischen abwechseln.

Emma wollte in das nächste Zimmer, irrte sich aber in der Richtung und gelangte in die Halle. Das war wirklich imposant! Diese Höhe! diese Pannele aus Eichenholz mit schönen alten Schnitzereien! diese kolossalen Hirschgeweihe und dazwischen wieder Porträts, kaum erkennbar aus dem dunklen Hintergrund und den vor Alter geschwärzten vergoldeten Rahmen herabschauend. Und dann zu beiden Seiten der mächtigen Eingangsthür die schmalen hohen Bogenfenster, durch deren kleine Scheiben die Morgensonne schien und lange Lichtstreifen, in denen die Staubatome wie goldene Sterne tanzten, in die tiefe Halle warf! Die Halle! Ja, das war eine jener Hallen, von denen in den englischen Romanen so viel die Rede ist; » hall« klang noch besser als »Halle«; Emma beschloß, diesen Raum nun » The hall« zu nennen.

Sie wollte sich diesen Eindruck nicht stören lassen und beschloß, die Besichtigung des Uebrigen für eine andere Zeit aufzusparen. Jetzt wollte sie in den Park, von dem man so viel Wesens machte. Sie ließ sich Hut und Handschuhe bringen und besah sich das Schloß von dem freien Platze aus. Auch dieser Anblick erregte ihre Bewunderung: es war stattlich, unglaublich stattlich! Besonders der hohe abgestumpfte Thurm, über den die weißen Morgenwolken zogen. Auf dem höchsten Rande saß eine Krähe und krächzte. Emma beschloß, die häßlichen Thiere nicht zu dulden. Nur weiße Tauben sollten um die grauen Mauern fliegen!

Von dem Hinaufstarren in den glänzenden Himmel thaten ihr die kurzsichtigen Augen weh; sie suchte den Schatten der Bäume und fand es sehr sonderbar, daß sie in den schmalen Gartengängen fortwährend hügelauf, hügelab gehen mußte. Auch kamen Brücken über tiefe Schlünde, Brücken, deren morsches Aussehen beängstigend schien; sodann Steinthore, aus welchen heraus man unmittelbar an einen Abgrund trat, von dem man nur durch eine hölzerne Brüstung oder durch ein unbedeutendes eisernes Gitter getrennt war. Emma hatte sich das Alles viel großartiger und vor Allem viel bequemer gedacht. Es gab da ohne Zweifel sehr hübsche Partien, und an Aussichten auf die Landschaft fehlte es auch nicht, aber an solchen Aussichten sieht man sich schließlich doch sehr bald satt, zumal wenn man kurzsichtig und allein ist. Es war sehr unrecht von Henri, sie vorausreisen zu lassen; warum hatte sie sich mit ihm verlobt, wenn sie sich noch ebenso langweilen sollte, wie vorher? Wie himmlisch mußte es sich in dieser Einsamkeit mit einem hübschen Manne promeniren! Es war grausam von Henri, lieblos! Er konnte sie gar nicht mit der rechten Liebe lieben!

So kurze Zeit Emma's Brautstand auch währte, so war ihr dieser Gedanke doch schon ein paar Mal gekommen. Sie sah sein Gesicht jetzt häufiger in unmittelbarer Nähe, und da kamen ihr seine braunen Augen manchmal so kalt vor; auch seine Küsse hätten wohl wärmer sein können. Heirathete er sie wirklich aus Liebe? Oder sie ihn? Ach, wer das so wüßte! Wer doch wirklich und ohne allen Zweifel aus Liebe heirathete, aus Liebe geheirathet würde! Die glückliche Amélie! Gott, was mußte das für eine Liebe sein! Oder hatte sich Walter auch auf eine Erbin Rechnung gemacht und konnte nun blos anstandshalber nicht zurück? Aber diese Gutmanns waren ja alle so wunderlich, so idealistisch! Leo! Was war aus Leo geworden? Wenn sie doch einmal aus Liebe heirathen sollte, weshalb hatte sie denn nicht Leo geheirathet? Er hätte es mit ihrem Gelde gewiß noch weit gebracht, weiter vielleicht als Henri, der Leo nicht so gehaßt haben würde, wenn er nicht so viel Respect vor ihm gehabt hätte. Es war schade, jammerschade um den armen Leo.

Emma hatte sich auf die Bank gesetzt und schrieb mit der Spitze ihres Sonnenschirms ein L in den Sand und dann ein E und zog schließlich eine ungeschickte Guirlande um die beiden Buchstaben. Dieses Spiel interessirte sie so, daß sie für die liebliche Aussicht vom Belvedere keine Augen und für das Geräusch sich nähernder Schritte keine Ohren hatte. Sie erschrak deshalb sehr, als in ihrer unmittelbaren Nähe der Sand knirschte und sie, sich umwendend, einen Mann erblickte, der, als er den Platz nicht leer fand, mit einem Gruße vorüber wollte.

O, Herr Gutmann! rief Emma, nein, wie charmant, daß ich hier in dieser Einsamkeit einen Menschen treffe, und noch dazu Sie, an den ich eben nur gedacht habe!

Ich wollte zu Ihrem Herrn Vater, mit dem ich Wichtiges zu besprechen habe, sagte Walter und verbeugte sich abermals, in der Hoffnung, nun loszukommen. Aber Emma war keineswegs gewillt, den glücklichen Fang so leichten Kaufes fortzulassen. Sie hatte sich freilich nie besonders für Walter, der ihr nicht genug Complimente machte und dessen Neigung für Amélie überdies zu ausgesprochen war, interessirt, aber jetzt, wo er doch, streng genommen, ihr Schwager werden würde, konnte man ihn schon nicht unbeachtet lassen, zumal hier auf dem Lande in diesem stillen Winkel eines einsamen Parkes.

So überschüttete sie ihn denn mit Glückwünschen wegen der vortrefflichen Wahl, die er getroffen; Amélie war ein so reizendes, süßes Wesen! Dann fiel ihr ein, daß Walter der Liebling ihres verstorbenen Onkels gewesen und daß die Schicklichkeit erfordere, auch über dieses Thema Einiges zu sagen. Es hat uns Alle so erschüttert! rief sie. Ich wäre am liebsten gleich hierher geeilt; aber man kann der Stimme des Herzens ja nicht immer folgen. Freilich bin ich gewohnt, es zu thun, und habe es auch jetzt wieder bei dem wichtigsten Schritt meines Lebens gethan! Müssen Sie mir das nicht zugeben?

Emma blickte Walter mit einem schmachtenden Blick an; Walter, der den tieferen Sinn der Frage nicht verstand, versicherte, nie daran gezweifelt zu haben, und lüftete dann seinen Hut zum dritten Male.

O, mein Freund, rief Emma, Sie wollen mich doch nicht hilflos in dieser Einsamkeit lassen? Auch ich muß in das Schloß zurück; Sie sollen mein Führer sein durch dies Labyrinth von Felsenthoren, Grotten und romantischen Lauben. Wer wäre dazu besser im Stande, als gerade Sie?

So war Walter gezwungen, denselben Weg, den er neulich mit Amélie gegangen, jetzt mit Emma zurückzulegen; aber Emma schien weder seine düstere Stirn noch seine Schweigsamkeit zu bemerken.

Aber, mein Himmel! rief sie plötzlich, wie geht es denn Ihrer Schwester? Nein, wie voll muß mein Kopf in diesen Tagen gewesen sein, daß ich Ihre Schwester ganz vergessen konnte? Wie hat sie es denn getragen? Wo ist sie? Ist sie mit der Tante und Amélie zurückgefahren, oder ist sie noch hier? O, ich muß sie sehen! Sie glauben nicht, wie wir uns in der letzten Zeit gefunden hatten! Bringen Sie mich zu ihr! Sogleich! Sie können mit dem Papa ja noch immer conferiren.

Es war das erste Mal, daß Walter mit Jemandem, der ihm im Herzen nicht nahe stand, über Silvia sprechen mußte. Er erwiederte auf Emma's Frage, daß Silvia sich zum Besuch bei seiner Tante auf dem Schloß befinde, zwischen welcher und der übrigen Familie früher einige Differenzen bestanden hätten, die jetzt glücklich ausgeglichen seien. Er sagte das so ruhig als möglich, obgleich ihm das Herz heftig schlug und die Scham, für seine geliebte Schwester lügen zu müssen, ihm das Blut in die Wangen trieb.

Glücklicherweise bemerkte Emma die Verwirrung ihres Begleiters ebenso wenig wie die Widersprüche, in die er sich bei der Beantwortung ihrer unzähligen Fragen verwickelte.

Sagen Sie mir nur noch das Eine, rief sie, was hat denn Silvia zu dem Schicksale Ihres Vetters Leo gesagt? Ja, was sagen Sie selbst dazu? Ist es nicht schrecklich, daß ein Mann von diesen Talenten, diesen gesellschaftlichen Verbindungen, sich so weit vergessen und mit dem Pöbel fraternisiren konnte? O, ich bin so unglücklich darüber gewesen! Wenn ich mich auch nicht in dem Maße für ihn interessirt habe, wie man mir, höre ich, nachsagt – warum soll ich es Ihnen gegenüber leugnen, daß ich mich für ihn interessirt habe? Ich werde das nie in Abrede stellen, nie, nie! Und Emma blieb stehen und legte zur Betheuerung ihrer Worte die Hand auf's Herz, indem sie dabei Walter mit einem triumphirenden Blick ansah.

Ich wundere mich, sagte Walter, daß Sie bei der großen Theilnahme, welche Sie für Leo hegen, so gar nichts von dem Umschwunge wissen, der in seinem Schicksal eingetreten ist.

Was sagen Sie? rief Emma in einem Erstaunen, das an Schrecken grenzte.

Walter theilte Emma mit, was er über Leo durch Paulus und durch die Zeitung wußte, die heute Morgen gekommen war und des Doctors Nachrichten vollständig bestätigt hatte.

Und seit wann ist dies? fragte Emma.

Walter nannte ihr den Tag, an welchem nach seiner Berechnung Leo aus dem Gefängnisse entlassen war.

Das ist ja mein Verlobungstag! rief Emma, und Sie sagen, daß Leo noch an demselben Abend im Hause des Generals eine Zusammenkunft mit dem Könige gehabt hat?

So hörte ich von Miß Jones.

Es ist abscheulich! rief Emma in größter Aufregung; es ist abscheulich! Man hat es mir geflissentlich verschwiegen. Warum hat man es mir verschwiegen?

Walter zuckte die Achseln.

Ich will es Ihnen sagen, rief Emma mit flammenden Augen und brennenden Wangen, weil –

Sie stockte, da ihr plötzlich einfiel, daß sie doch unmöglich Waltern, der ihr im Ganzen so fremd war, den vermuthlichen Grund nennen konnte, weshalb man ihr dies Alles nicht mitgetheilt hatte. Ein paar Momente stand sie verlegen da und fing dann – einem Kinde gleich, dem man mit List ein gefährliches Spielzeug entwendet hat – heftig zu weinen an.

Walter gerieth bei diesem seltsamen Benehmen Emma's selbst in Verlegenheit. Er wünschte sehr, einer Scene, die ihm so wider seinen Willen die Rolle eines Vertrauten aufdrängen zu wollen schien, ein Ende zu machen. Glücklicherweise für ihn traten sie eben in unmittelbarer Nähe des Schlosses aus den Büschen heraus auf den freien Platz.

Emma, die noch immer das Tuch vor den Augen gehabt hatte, blieb stehen und bat Walter, wenn er sie doch jetzt verlassen müsse, über Alles, was er von ihr gesehen und gehört, die strengste Verschwiegenheit zu beobachten. Walter mußte ihr darauf die Hand geben; endlich gelang es ihm, sich loszumachen. Er eilte nach dem Schlosse, während Emma sich dem Schlosse gegenüber unter einer schönen Buche auf eine Bank setzte, um über die merkwürdigen Mittheilungen, die ihr Walter gemacht hatte, weiter nachzudenken.

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