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In Reih' und Glied. Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: In Reih' und Glied. Zweiter Theil - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleIn Reih' und Glied. Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunSechste Auflage
year1883
firstpub1866
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130715
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Zweiundzwanzigstes Capitel.

Die Zeit, welche Miß Jones für ihre Freunde in Tuchheim frei hatte, ging zu Ende; am nächsten Morgen wollte sie abreisen. Fräulein Charlotte und sie saßen nach dem Thee in der Veranda, während Amélie und Tante Malchen auf dem Rasenplatz promenirten. Walter begleitete den Vater, den Geschäfte in die Stadt gerufen hatten.

Miß Jones hatte lange von dem Aufblühen ihrer Pension gesprochen; wie es ihr jetzt schon fast unmöglich falle, das Ganze zu übersehen, zumal die mit dem Pensionat verbundene Schule, an der auch junge Damen, die nicht Mitglieder waren, theilnehmen konnten, sich eines immer größeren Zuspruchs erfreue. Es wird nicht lange dauern, und ich muß einen Partner nehmen, sagte Miß Jones.

Einen Herrn oder eine Dame? fragte Charlotte.

Eine Dame, sicherlich eine Dame! rief Miß Jones; ein Herr würde sich einfallen lassen, den Herrn zu spielen – allerliebstes Wortspiel – finden Sie nicht, daß ich die deutsche Sprache bereits mit einiger Freiheit zu behandeln anfange? – und das würde ich nie erlauben.

In diesem Falle nehmen Sie mich, sagte Fräulein Charlotte.

Miß Jones lachte sehr. Das würde in der That nicht übel sein. Dann könne sie nur gleich das Haus nebenan, das man ihr angeboten habe, kaufen; einem Pensionat, dem ein Freifräulein von Tuchheim vorstände, würde der ganze Adel des Landes seine Töchter anvertrauen wollen.

Es ist mir lieb, sagte Charlotte, daß Sie meinem Namen ein solches Gewicht beilegen; mein Name würde wohl auch das einzige Capital sein, das ich Ihnen zubrächte.

Miß Jones hörte auf zu lachen; Fräulein Charlotte hatte so ernsthaft gesprochen und so ernsthaft dabei aus den großen Augen geblickt.

Denn sehen Sie, fuhr Charlotte fort, mit meinem sogenannten Vermögen kann und will ich nicht rechnen. Wollen Sie mich also als Partner haben, so ist in der That mein Name die ganze Einzahlung, die ich in die Geschäftskasse mache. Im Uebrigen bin ich Ihnen so viel werth, wie jede andere Dame, die das Etablissement würdig repräsentiren, zur Noth die Haushaltung führen und ein erträgliches Französisch sprechen kann.

Miß Jones öffnete ihre kleinen, tiefliegenden, langgeschlitzten Augen, so weit es ihr möglich war.

Ist das – ist das Ihr Ernst? stammelte sie.

Ganz gewiß, erwiederte Charlotte; ich bin in der Lage, mich nach einer respectablen Beschäftigung umsehen zu müssen, und ich wüßte keine, die mir, Alles in Allem, mehr convenirte. Aber ich komme nicht allein. Ich muß auch für mein Kind, meine Amélie, sorgen. Sie, liebe Freundin, wissen am besten, was Amélie kann und vermag, denn Ihnen selbst verdankt sie das Beste davon. Jetzt können Sie von dem Capital der Liebe und Sorge, das Sie so viele Jahre hindurch an die geistige und leibliche Pflege des Mädchens verwendeten, die Zinsen haben. Ich habe natürlich mit Amélie gesprochen, und es fehlt uns nur noch Ihre Zustimmung. Wollen Sie?

't is strange! murmelte Miß Jones um sich blickend, als wisse sie nicht recht, ob sie träume oder wache.

Gar nicht, liebe Freundin, sagte Charlotte, es ist vielmehr das Einfachste und Natürlichste von der Welt. Sie nehmen nur für mich in diesem Augenblicke erst Abschied von diesem Hause, diesem Garten, von Allem, was Sie bis jetzt von uns unzertrennlich dachten: ich habe schon längst Abschied genommen. Wir sind jetzt nur noch Fremde, kaum noch Geduldete in diesen Räumen; es ist Zeit, daß wir sie verlassen. Und betrachten Sie die Sache doch einmal nicht von der romantischen, sondern von der rein praktischen Seite. Nennen Sie mir ein Asyl, das so sicher, so in jeder Beziehung erfreulich für uns wäre, wie Ihr Haus? Wer soll, wenn ich es nicht mehr kann, Mutterstelle an Amélie vertreten, als Sie? Sie kennen Walter's Lage. Es wird vielleicht lange dauern, bis er in den schwierigen Verhältnissen, mit denen er zu kämpfen hat, sich eine Situation erringt, in welcher ihm verstattet ist, Amélie sein zu nennen. Und wenn wir Amélie die Möglichkeit verschaffen, selbst etwas zur schnelleren Erreichung ihres Zieles beizutragen, wenn wir sie in die Lage bringen, dem geliebten Manne später einen Theil der Arbeit, auf die sie angewiesen sind, abnehmen zu können – so wäre das die schönste Aussteuer, die ich ihr wünsche, die sie sich selber wünscht. Aber, liebe Freundin, ich hätte wirklich nicht gedacht, daß ich so viel Mühe haben würde, Ihre Einwilligung zu unserm Projecte zu erlangen.

Miß Jones hatte sich mittlerweile überzeugt, daß es Charlotte mit dem, was sie sagte, voller Ernst sei. Wehmüthig zuckte es um ihren breiten Mund, aber ihre schmalen Augen blitzten vor freudiger Erregung; sie ergriff Charlotten's dargebotene Hand, schüttelte sie kräftig und rief: So helfe mir Gott, wie dies die glücklichste und stolzeste Stunde meines Lebens ist!

Dann wären wir also einig, sagte Charlotte, und nun bin ich begierig, zu erfahren, was die Herren, die dort kommen, zu unserem Beschlusse sagen werden.

Der Förster und Walter, die eben aus der Stadt zurückkehrten, traten heran, die Damen zu begrüßen. Amélie und Tante Malchen kamen, auch der Rechtsanwalt, der morgen früh mit Miß Jones in die Stadt zurück wollte und eben seinen Koffer gepackt hatte.

Es schien, daß Charlotte absichtlich zu ihrer Mittheilung eine Gelegenheit wählte, die einer eingehenden Discussion des Für und Wider ihres Entschlusses nicht eben günstig war, denn erst, als Alle beisammen waren, die Herren dem Weine, den sie hatten bringen lassen, zusprachen und die Unterhaltung eine allgemeine geworden, sagte sie, was sie zu sagen hatte, mit einer Stimme, die ein wenig zitterte, während ihre schönen, sanften Augen auf Fritz Gutmann gerichtet waren, als ob für diesen allein ihre Mittheilung von Interesse sei.

Charlotte hatte sich geirrt, als sie annahm, daß der alte Freund auch diesem Entschlusse seine Billigung versagen werde. Jedenfalls behielt er die Gründe, die er etwa dagegen haben mochte, für sich. Nur lächelte er schmerzlich, als wollte er sagen: du willst deinen Weg allein gehen, ich habe kein Recht, dich daran zu verhindern.

Auch Walter war sehr überrascht, und wenn er sich auch sofort sagen mußte, daß Charlotten's Handlungsweise vollständig zu seinen Principien stimmte, so vermochte er doch in dem ersten Moment ein peinliches Gefühl der Enttäuschung nicht zu unterdrücken. Er hatte sich die ganze Zeit mit Plänen getragen, wie er, wenn Charlotte wirklich bei ihrem Vorsatze, auf ihr Vermögen zu verzichten, beharrte, möglichst schnell in eine Lage kommen könne, die ihm verstattete, Amélie seine Hand zu bieten – jetzt sah er, daß für ihn, wenigstens nach dieser Seite hin, nichts zu thun blieb.

Da nun Tante Malchen selbstverständlich nach Charlotten's Worten, die ihr wie ein Märchen im Ohr klangen, sprachlos blieb, so entstand eine Pause, bis der junge Rechtsanwalt mit großer Geistesgegenwart die Stimme erhob, um in einer kleinen, anmuthigen Rede Charlotten zu ihrem Entschlusse zu gratuliren und die Zeit glücklich zu preisen, in welcher alle erleuchteten Köpfe in der Arbeit allein den wahren Adel sähen – der, im Gegensatze zu dem Adel der Geburt, nicht ererbt, sondern nur verdient werden könne und, im weiteren Gegensatze, durchaus nicht exclusiv sei, sondern das ganze Menschengeschlecht in sich aufzunehmen strebe.

Charlotte dankte dem Rechtsanwalt für seine gute Meinung; sie wolle sehen, ob sie sich den wahren Adel zu verdienen im Stande sei.

Miß Jones und der Rechtsanwalt waren abgereist; die Erstere mit dem Versprechen, binnen acht Tagen Alles zum Empfang der Damen bereit zu halten; der Letztere mit einem Plane zur Gründung einer neuen Zeitung, den er mit Walter gemeinschaftlich entworfen hatte und den Parteigenossen in der Hauptstadt zur Genehmigung vorlegen sollte. Walter selbst war zurückgeblieben, da er in dieser Lage der Dinge die Damen nicht allein lassen mochte. Auch bereitete ihm der Vater schwere Sorge, obgleich er sich freilich davon nichts merken lassen durfte.

Der Förster war für Jeden, der ihn nicht genauer beobachtete, derselbe, der er gewesen war; aber das Auge der Liebe sah nur zu gut, wie schwer ihn die Schicksalsschläge der letzten Zeit getroffen und, für den Augenblick wenigstens, seine Kraft, die man bis dahin für unverwüstlich halten konnte, erschüttert hatten. Seine Augen hatten nicht mehr das alte Feuer, sein Gang nicht mehr die Elasticität, seine Stimme nicht mehr den vollen Klang. Er suchte viel mehr als sonst die Einsamkeit, und wenn er früher leicht zum Widerspruch zu reizen war und seine Meinung mit großer Lebhaftigkeit, ja manchmal mit Heftigkeit verfocht, so mischte er sich jetzt selten in die Unterhaltung, und wenn er es that, vermied er geflissentlich jede positive Ausdrucksweise, vergaß auch selten hinzuzufügen, daß er Niemandem die Möglichkeit, sich die Sache anders zu denken, bestreite. Von Silvia sprach er nie; man hätte glauben können, daß er sie ganz aus seinem Gedächtnisse gestrichen habe. Freilich waren Alle vom Gegentheil überzeugt; dennoch überraschte es Walter, als ihm der Vater eines Tages mittheilte, er habe an Silvia geschrieben. Walter fragte, ob er den Inhalt des Briefes wissen dürfe. Der Förster schwieg einen Augenblick und antwortete dann: Ich glaube, es ist besser, wenn Du es weißt. Ich habe ihr geschrieben, daß, wenn sie ein Unrecht gethan hätte, es darin bestände, mich nicht sogleich von dem Schritte, den sie gethan, benachrichtigt zu haben, und zwar habe sie dies Unrecht noch mehr an sich selbst, als an mir begangen, denn sie habe sich dadurch gewiß viele schlimme Stunden bereitet. Daß ich ihren Schritt billigen solle, werde sie auch wohl jetzt von mir nicht erwarten, aber darauf komme es nicht so sehr an; sie sei vollkommen im Stande, zu prüfen und zu wählen, und es sei fern von mir, ihr dies Recht irgend bestreiten oder verkümmern zu wollen. Sollte sie über kurz oder lang einsehen, daß sie nicht recht geprüft und falsch gewählt habe, so solle sie es als einen verfehlten Versuch betrachten, auf einem Richtwege durch den Wald zu finden, und sich in dem Hause ihres Vaters von der Mühe und der Angst einer vergeblichen Wanderung erholen.

Der Förster hatte diese letzten Worte mit etwas unsicherer Stimme und ohne Walter anzusehen gesprochen, dann aber wendete er sich zu ihm und sagte: Ich möchte nicht, Walter, daß sich in Silvia das Gefühl, keine Heimath zu haben und von denen, die ihr am nächsten stehen, getrennt zu sein, ausbildete, und ich wünschte wohl, daß, wenn Du an sie schreibst, Du in diesem Sinne an sie schriebest.

Walter hörte aus dem Tone, in welchem der Vater sprach, zu deutlich heraus, daß derselbe seinen Entschluß gefaßt habe, als daß er die Frage, die sich ihm aufdrängte, ob auf einen Charakter wie Silvia diese Resignation einen guten Eindruck machen würde, nicht hätte unerörtert lassen sollen. Noch weniger fühlte er sich versucht, dem Vater die Vermuthung Amélie's und Miß Jones', die allerdings jetzt auch bei ihm fast zur Gewißheit geworden war, mitzutheilen. Er sagte sich, daß hier überhaupt nach einem vorgefaßten Plane gar nicht zu handeln sei und daß der Augenblick entscheiden müsse, was man zu thun, was man zu lassen habe. Mit um so größerer Ungeduld aber sah er den erwarteten Nachrichten aus der Residenz entgegen, die denn auch schon am nächsten Tage in Briefen des Rechtsanwaltes und des Doctor Paulus einliefen.

Der Erstere theilte dem Freunde mit, daß es ihm bereits gelungen sei, das auf das Stadthaus des Freiherrn gelegte Sequester aufzuheben, und daß er Herrn von Sonnenstein zu einem gütlichen Vergleich wider Erwarten geneigt gefunden habe. Er rathe noch einmal dringend, diese Gelegenheit zu benutzen und Fräulein Charlotte zu veranlassen, für ihre Mündel auf die Erbschaft zu Gunsten Henri's zu verzichten, der sich dann, wie er könne, mit seinem Onkel und Schwiegervater auseinandersetzen möge. Da unter keinen Umständen für Amélie auch nur das Geringste herauskomme, so sei dies das Einfachste und Zweckmäßigste, Fräulein Charlotte könne dann mit ihrem Vermögen noch immer machen, was sie wolle.

Sodann berichtete er über die Zeitung, deren Zustandekommen jetzt so gut wie gesichert sei – es fehlten nur noch zehntausend Thaler, die man aber in Kürze herbeizuschaffen hoffe. Das Nähere über diesen Gegenstand werde Doctor Paulus schreiben.

Doctor Paulus setzte sehr ausführlich seine Ansichten über das projectirte Unternehmen auseinander. Er hatte reiche Erfahrungen auf diesem Gebiete, die er jetzt sammt einem kleinen Kapital, über das er zu verfügen hatte, den Unternehmern anbot. Sie können, schrieb er, die paar Tausend Thaler ruhig nehmen, lieber Freund; von meinem Schweiß klebt nichts daran, ich habe sie von einem alten Geizhals von Onkel geerbt und bin eigentlich froh, daß ich sie auf anständige Weise wieder los werde. Denn daß wir unser Geld los werden, lieber Freund, ist, wenn nicht gewiß, doch wahrscheinlich. Die Reaction ist einem angeschwollenen Strome zu vergleichen, der momentan jeden Widerstand besiegen wird. Und dennoch, oder vielmehr gerade deshalb rathe ich dringend, das Experiment zu versuchen. Ich bin überzeugt, daß man die so ungnädig entlassene Kammer nur wieder zusammenkommen lassen wird, um sie in kürzester Frist wieder nach Hause zu schicken, wenn man uns nicht für die bevorstehenden Wahlen ein noch bequemeres Gesetz octroyirt. In dieser Lage der Dinge thut also eine Zeitung, die das Maß ihres Freimuthes nicht nach dem Augenwinken irgend eines preßpolizeilichen Jupiter regulirt, sehr noth. Ueberdies ist unsere Partei eigentlich schon lange ohne Organ, und wenn wir nicht mehr zum Reden kommen, so würde man uns gar für todt halten. Eine politische Partei aber, die man für todt hält, ist meistens auch todt, denn Leben und Lebenszeichen von sich geben ist hier identisch. Ich für meinen Theil bin noch nicht so müde, daß ich mich zu meinen früheren Gesinnungs- und Kampfgenossen auf das bequeme Polster des Pessimismus strecken möchte.

Dafür übrigens, daß man in den höchsten Regionen einen gewissen Kitzel empfindet, die Ruthen, mit denen man uns bis jetzt gestrichen hat, mit Scorpionen zu vertauschen, spricht eine ganze Reihe von Anzeichen, von denen ich Ihnen nur eines, weil es Sie besonders nahe angeht, mittheile. Sie wissen, daß Leo's Haft, die übrigens in jeder Beziehung ungerechtfertigt war, nur drei Tage gedauert hat. Sie wissen aber nicht das Folgende, das viel schwerer wiegt. Die Entlassung Leo's ist auf Immediatbefehl des Königs geschehen; der König hat noch an demselben Abend Leo in einer geheimen Audienz in der Sommerwohnung des Generals von Tuchheim empfangen und – empfängt ihn jetzt jeden Tag zu Unterredungen, die manchmal stundenlang dauern und bei denen einigemale der General, sonst aber Niemand zugegen gewesen ist. Ich weiß dies Alles aus ganz sicheren Quellen, und übrigens ist die Sache auch gar kein Geheimniß mehr. Man trägt sich in der Stadt mit den abenteuerlichsten Gerüchten. Der König soll in dem letzten Ministerconseil die ganze Sippe so brüskirt haben, daß es selbst diesen Lakaienseelen schier zu viel geworden ist; Hey soll halb wahnsinnig darüber sein und ganz hochverrätherische Reden führen. Man behauptet, daß die Tage des Ministeriums Hey gezählt und ein anderes von romantisch-pietistisch-socialistischer Signatur in der Bildung begriffen sei, in welchem der General das Portefeuille des Auswärtigen, Urban das des Cultus u.s.w. übernehmen, dessen Seele aber kein Anderer – als Leo sein würde. Diese letzte Rechnung hat man nun freilich offenbar ohne den Wirth, d.h. ohne den König gemacht, dessen Hamlet-Natur sich lange mit geistreichen Expectorationen und – Schimpfen gütlich thun kann, bevor sie es zum Handeln bringt. So viel ist aber gewiß, daß Leo bereits in dem Cabinet des Königs beschäftigt ist – die Entlassungsrede soll aus seiner Feder sein – und der Geheime Rath wohl nicht lange auf sich warten lassen wird. –

Was Ihre Schwester betrifft – Sie werden sich diese Ideenverbindung zu deuten wissen – so möchte ich, was ich etwa zu sagen hätte, auf unsere demnächstige persönliche Zusammenkunft versparen. Nur das will ich Ihnen zu Ihrer Beruhigung mittheilen, daß man in dem Publikum – und Sie wissen, ich habe ziemlich leise Ohren – keine Ahnung von dem wahren Zusammenhange hat, sondern die königliche Intervention zu Leo's Gunsten nur für eine Intrigue des Generals hält, der es per fas et nefas wieder zu einer ersten Rolle in der Tragi-Comödie unserer gegenwärtigen Politik bringen will.

Der Schluß des Briefes handelte weiter von der politischen Lage und von der Absicht des Doctors, für die nächsten Wahlen in dem Tuchheimer Kreise zu candidiren, da seine Wiederwahl in der Residenz keineswegs gesichert sei.

Walter war eben im Begriffe, auf das Schloß zu gehen, mit Fräulein Charlotte über die Vorschläge des Anwalts zu sprechen, als diese selbst mit Amélie kam und Walter mit einer gewissen Hast fragte, ob der Vater zu Haus sei. Fritz Gutmann, der eben von einem Inspectionsritt zurück war, hatte bereits die Stimme der Freundin vernommen und trat aus der Thür. Charlotte ging ihm entgegen und sagte, indem sie ihm die Hand reichte: Nun kommen wir doch, mein Freund, und bitten uns bei Ihnen zu Gast, denn auf dem Schlosse ist unseres Bleibens nicht mehr.

Dieselbe Post hatte Charlotten einen Brief von Herrn von Sonnenstein gebracht, in welchem ihr dieser die Mittheilung machte, er sei von seinem Unwohlsein soweit genesen, um die Reise nach Tuchheim wagen zu dürfen, und werde in Folge dessen mit dem Mittagszuge desselben Tages, an welchem diese Zeilen in die Hände der Schwägerin gelangten, von der Residenz abreisen, um am Abend in Tuchheim einzutreffen. Seine Tochter werde ihn begleiten; Henri und Alfred würden nachkommen. Er für sein Theil gebe sich der Hoffnung hin, daß es nur einer persönlichen Zusammenkunft der Familienglieder bedürfe, um die obwaltenden Differenzen auf gütlichem Wege zu beseitigen. Fräulein Charlotte möge versichert sein, daß sein Herz keine anderen Empfindungen hege, als die der tiefsten Verehrung und Liebe, die er von je dem edlen Charakter der Schwägerin und der Anmuth seiner Nichte gezollt habe und die durch das Unglück, das die Damen betroffen, wahrlich nicht vermindert seien.

Ich will weder Herrn von Sonnenstein noch Henri sehen, sagte Charlotte; ihr Anblick würde das Maß dessen, was ich etwa ertragen kann, übersteigen und vielleicht gewisse Entschlüsse, an denen ich gern festhalten möchte, erschüttern. Auch Sie sollen ihnen aus dem Wege gehen, mein Freund! Nein, wenden Sie sich nicht ab! Diese Liebe müssen Sie mir erweisen. Walter wird die widerwärtige Aufgabe übernehmen, sie zu empfangen. Er ist jung und Weltmann genug; überdies hat er als Amélie's zukünftiger Gatte Fug und Recht, uns in diesem wie in jedem andern Falle zu vertreten.

Es war das erstemal, daß des Verhältnisses zwischen Walter und Amélie von Charlotten in dieser bestimmten Weise Erwähnung geschah; auch verband sie in diesem Momente keine Absicht damit; sie gab nur einfach dem, was sie innerlich bewegte, einen Ausdruck. Das empfand auch Walter sofort, was freilich nicht verhinderte, daß ihm selbst, als er in Amélie's hold erröthendes Gesicht blickte, das Blut in die Wangen schoß. Amélie warf sich in die Arme Charlotten's, die liebevoll die Bebende umfing; dann machte sie sich los, und sich zu dem Förster wendend, ergriff sie dessen braune Hände und drückte sie ehrfurchtsvoll an ihre Lippen.

Der Förster ließ es geschehen; er zitterte an allen Gliedern, seine Augen standen voll Thränen. Charlotte winkte den Beiden, zu Tante Malchen in's Haus zu gehen; sie nahm des Freundes Arm und führte ihn an dem Giebel des Hauses vorüber in den Garten, der schon so manchesmal der stille Zeuge ihrer Unterredungen gewesen war.

Ich sehe Sie überrascht und bewegt, mein Freund, sagte Charlotte, und ich glaube, daß ich jetzt, wie auch sonst wohl, klar in Ihrer Seele lese. Es ist das Vorrecht der Frauen, in solchen Augenblicken des Wortes mächtiger zu sein, als Ihr Männer, und so lassen Sie mich denn aussprechen, was, wenn es ausgesprochen ist, Ihnen und auch mir das Herz erleichtern wird. Mein Freund, was wir da eben gesehen haben: zwei junge Seelen, die sich den Kuß der Liebe auf die unentweihten Lippen drücken, das sind ja nur wir selbst in einem schönen Spiegel, das ist ja nur die Erfüllung unserer unerfüllten Jugendsehnsucht. Das Glück, welches wir uns in einer Zeit engherzigen Vorurtheils in der Bescheidenheit und Einfalt unserer Herzen versagten – unsern Kindern wenigstens soll es zu Theil werden. Es ist mir ein unendlich tröstlicher Gedanke, daß diese selbe Sonne, vor der wir uns scheu verbargen, um in stiller Nacht unsern Kummer auszuweinen, diesen unsern Kindern voll und freudig die Seelen durchleuchten soll. Der Baum, der mir in meiner Jugend entblättert dastand, er überschattet mich in meinem Alter und schüttet mir die köstlichsten, süßesten Früchte in den Schooß. So habe ich doch wenigstens nicht umsonst gelebt. Ihr Loos, mein Freund, war ein anderes. Sie, als Mann, konnten nicht Ihr Leben lang an einer Erinnerung zehren; Sie mußten versuchen, das entschwebende Glück zu bannen, zu ersetzen. Der Mann, der hart arbeitet, kann nicht, wie wir, von Träumen leben. Sie wählten sich ein Weib, das Sie liebten und lieben durften. Es war eine schwere Stunde für mich – was soll ich es leugnen, jetzt, da wir Beide graue Haare haben – aber es ging vorüber; ich durfte den unterbrochenen Traum fortträumen, durfte weiterträumen, daß Ihre Kinder meine Kinder seien. Aber ein Traum, und wäre er auch noch so deutlich, ist keine Wirklichkeit. Nur im Geiste und im Herzen war ich Mutter, Sie waren Vater mit jedem Tropfen Ihres Blutes. Armer Vater! Sie fürchten, ein Kind verloren zu haben; ich hoffe bei Allem, was mir heilig ist, bei meiner Liebe zu Ihnen, daß Ihnen die verloren Geglaubte nicht verloren ist; aber Sie, Sie fürchten es doch, und ist das nicht schon entsetzlich genug? Und ist es nicht noch entsetzlicher, daß Sie mit dieser Ihrer Furcht allein sind? Sie sind allein, mein Freund, denn Sie fühlen sich allein. Ich weiß es, ich sehe es in Ihren Augen, ich lese es von Ihren Lippen, das furchtbare Wort: allein! Dagegen habe ich keine Macht, aber wie schmerzlich fühle ich diese meine Ohnmacht! Lieber, liebster Freund, jetzt, jetzt erst weiß ich, was das sagen will, daß ich nicht Ihre Gattin, daß ich nicht die Mutter Ihrer Kinder bin. Nicht glücklich sein dürfen mit dem geliebten Mann, das erträgt man zur Noth; aber nicht mit ihm unglücklich sein dürfen, so ganz, wie er es ist – das ist zu viel, zu viel!

Charlotten's Thränen flossen, Fritz Gutmann's breite Brust hob und senkte sich gewaltsam; sein Athem ging tief und schwer, er wollte sprechen, aber tonlos bewegten sich seine Lippen.

Nein, nein, sagte Charlotte, nicht jetzt, nicht jetzt! Sie führte den ganz Erschütterten in die Laube am Ende des langen Gartenweges. Der Förster setzte sich auf die Bank; sein Gesicht sank in die aufgestützten Hände, aus seiner Brust brach ein dumpfes Wimmern und Stöhnen, das Charlotten das Herz durchschnitt. Dann raffte er sich mit einer gewaltsamen Anstrengung auf und sagte: Ich mache Ihnen viel Sorge, ich habe das Mädchen zu sehr geliebt. Aber Sie haben Recht: unsere andern Kinder haben es nicht um mich verdient, daß ich ihrer um des einen willen gar vergesse. Der gute Sohn in der Bibel! Ja, ja – das ist so geblieben bis auf den heutigen Tag.

Charlotte sah, wie seine Seele noch immer ganz von dem Einen Gedanken erfüllt war, aber sie wollte jetzt nicht weiter in ihn dringen, auch kannte sie ihn zu gut, um nicht zu wissen, daß an sein weiches Herz eine liebevolle Mahnung nie vergeblich pochte. Als sie wieder nach dem Hause zurückgingen, wo Walter und Amélie mit Tante Malchen vor der Thür saßen, küßte er Amélie, die ihm entgegentrat, auf die Stirn und sagte zu Tante Malchen, deren rothgeweinte Augen diesmal mit den Freudenthränen gefüllt waren: Gelt, Schwester, das hat nun wohl auch nicht in Deinen Karten gestanden!

Die Abreise der Damen war auf den nächsten Morgen festgesetzt. Es war noch Manches bis dahin zu ordnen; des Försters Wagen mußte den Weg nach dem Schlosse hinauf und zum Försterhause zurück ein paar Mal während des Tages machen. Eine halbe Stunde vor der Ankunft des Zuges, mit welchem Sonnensteins kommen mußten, verließen Charlotte und Amélie das Schloß, Beide bleich und ernst, aber ohne Thränen. Walter blieb zum Empfang der Erwarteten zurück. Eine Stunde später war er schon wieder auf dem Försterhause, wo er die Gesellschaft vor der Thür unter der Linde sitzend fand.

Es war ein herrlicher Abend. Ueber dem stillen Walde lag die Abendröthe, aus der ein einzelner Stern groß und golden schimmerte. Der Abglanz des hehren Friedens in der Natur lag auch auf den Gesichtern der guten Menschen unter der Linde. Sie sprachen nur mit halblauter Stimme, und die Pausen, die in der Unterhaltung eintraten, waren für Niemanden peinlich. Walter und Amélie gaben sich zum ersten Male vor den Andern das trauliche Du; Charlotten's schöne Augen ruhten oft auf des Försters Gesicht, von dessen ernsten Zügen der Ausdruck des herbsten Schmerzes verschwunden war. Er lächelte sogar ein paar Mal, als er auf Amélie's Wunsch eine Geschichte vom wilden Jäger erzählte, die er früher mit köstlichem Humor und anmuthiger Phantasie oft im Kreise der Kinder erzählt hatte und an der sich die Kinder nie hatten satt hören können.

Dann sagte man sich gute Nacht. Die Lichter, die hie und da aus den niedrigen Fenstern geschimmert hatten, wurden ausgelöscht, bis auf eines in der Stube zu ebener Erde rechts hinter dem Wohnzimmer, wo des Försters hartes Lager stand.

Der Förster saß vor dem kleinen braun angestrichenen Pulte aus Tannenholz. Vor ihm auf der Platte lag ein großes, in Schweinsleder gebundenes Buch. Es war ein Haushaltungsbuch, das der Großvater angelegt hatte; der Vater hatte es fortgeführt, und Fritz Gutmann hatte da angefangen, wo der Vater aufgehört hatte. Auf den letzten hundert Seiten aber hatte Fritz Gutmann, weil er meinte, daß er doch wohl der Letzte sein werde, der das Buch benutzte, und noch so gar viele leere Blätter da waren, vor langen Jahren bereits begonnen, einzelne Gedanken zu notiren, die ihm auf seinen Streifereien in Feld und Wald gekommen waren und die ihm wichtig genug schienen, sich ihrer gelegentlich zu erinnern; außerdem besonders merkwürdige Ereignisse in seinem Leben mit dem Datum des Jahres und Tages, an welchem sie geschehen waren. In diesem Buche hatte der Förster lange gelesen; endlich nahm er eine Feder und schrieb:

 

»Heute verlobte sich mein Sohn mit Amélie Charlotte Freifräulein von Tuchheim in meiner, Fräulein Charlotten's von Tuchheim und meiner Schwester Malchen Gegenwart. Die lieben Kinder werden mir verzeihen, daß ich nicht so froh sein konnte, wie es ja sonst wohl meine Art war. Ich dachte meiner lieben Frau, die nun schon achtzehn Jahre in der Erde ruht, und dann dachte ich, daß mein gnädiger Herr nicht Ja und Amen dazu gesagt hat; aber ein vollkommenes Glück giebt es ja auf Erden nicht. Meine Tochter Silvia, die bei meiner Schwester Sara mit meiner Bewilligung zum Besuch ist, fehlt mir auch recht sehr. Dafür stand der Abendstern hellen Glanzes über dem Walde. Es ist ein lieber Gedanke, daß Menschen, die weit von einander entfernt sind, in demselben Augenblicke dieselben Sterne sehen können. Sie hatte den Abendstern vor allen andern lieb.

In derselben Nacht schlief auch zum ersten Male Fräulein Charlotte unter meinem Dache. Die Braut meines Sohnes war schon einmal eine Nacht hier, vor vierzehn Jahren, als sie bei meiner Silvia zum Besuch gewesen war und zu Abend das schreckliche Gewitter kam, das in Feldheim und Tuchheim zündete. Mögen sie sanft ruhen und auch meine Tochter Silvia, und möchten alle Seelen Frieden haben!«

 

Das Licht im Zimmer des Försters erlosch, und nur der matte Schein des abnehmenden Mondes, der in dem klaren Himmel schwebte, flimmerte auf den niedrigen Fenstern des alten Forsthauses von Tuchheim.

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