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In Reih' und Glied. Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: In Reih' und Glied. Zweiter Theil - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleIn Reih' und Glied. Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunSechste Auflage
year1883
firstpub1866
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130715
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Einundzwanzigstes Capitel.

Was die wackere Dame so plötzlich nach Tuchheim getrieben hatte, erfuhr vorderhand nur Fräulein Charlotte, mit der sie sich nach dem Thee ein paar Stunden zu einer privaten und confidentiellen Unterhaltung, wie sie sagte, in das kleine Zimmer hinter dem Salon zurückzog.

Hier war es auch, wo die resolute Miß die sichere Haltung und beinahe joviale Laune, die sie »dem jungen Volk« gegenüber zur Schau getragen hatte, auf kurze Zeit fahren ließ, um über Fräulein Charlotten's Händen, die sie mit ihren großen Händen fest umschlossen hielt, einen Strom von heißen Thränen zu vergießen und in leidenschaftlichen Worten den Kummer, den sie so lange in ihrem treuen Herzen verschlossen gehalten hatte, auszuschütten. Dann aber hob sie den großen Kopf, trocknete sich die Thränen und sagte: Well! Ich bin nicht gekommen, um Ihnen das Herz noch schwerer zu machen, sondern weil ich glaubte, daß ich Ihnen hier irgendwie nützlich sein könnte, und es in der Stadt für mich nichts mehr zu thun gab.

In der That war Miß Jones' Hüteramt des freiherrlichen Hauses einfach dadurch überflüssig geworden, daß schon gestern Abend auf Antrag der Gläubiger eine gerichtliche vorläufige Beschlagnahme stattgefunden hatte – wie aus Miß Jones' Bericht hervorging, nicht ohne energischen, allerdings vergeblichen Protest von Seiten der entschlossenen Dame.

Ich bin in dem Grundsatze auferzogen, rief sie, daß my house my castle ist, aber was soll man machen, wenn hier zu Lande kein Mensch so etwas respectirt und die Gerichtsbeamten, als ich ihnen damit entgegentrete, mir in's Gesicht lachen. Dann wollte ich der Gewalt mit Gewalt begegnen, und der alte Christian, der ein ehrlicher Bursche ist und Muth genug hat, war auch bereit genug, mir zu helfen. Aber er ist ein alter, schwacher Mann, und ich, als Dame, konnte doch auch die Schurken nicht die Treppe hinabwerfen, wozu ich allerdings die größte Lust hatte. So habe ich denn noch einmal auf das Feierlichste protestirt und geschehen lassen, was ich nicht ändern konnte.

Fräulein Charlotte, die bei dieser Erzählung sehr blaß geworden war, beruhigte die Aufgeregte. Es ist des Unheils nun schon zu viel, sagte sie, daß es auf ein Mehr oder Weniger kaum noch ankommt. Ich bin darauf gefaßt, daß wir den Kelch bis auf den Grund leeren werden, und wenn ich dabei einen Trost habe, so ist es der, daß es meinem Bruder erspart blieb, die bittersten Tropfen zu schmecken. Freilich fürchte ich, daß er in den letzten Tagen dies Alles kommen sah, und ich schaudere, wenn ich denke, was er in seiner stolzen Seele dabei gelitten haben mag.

Aber Sie haben Recht, fuhr sie fort, wir dürfen uns einander nicht erweichen. Und nun sagen Sie mir ohne Rückhalt, was Sie von Silvia wissen.

Miß Jones warf einen forschenden Blick nach der Thür zum Salon, wiegte nochmals den großen Kopf von einer Seite zur anderen und erwiederte mit unterdrückter Heftigkeit:

Sehen Sie, Fräulein Charlotte, ich habe mein Leben lang die Fabel im »König Lear« für eine schlechte Erfindung gehalten, weil ich meinte, daß Shakespeare hier denn doch die Bescheidenheit der Natur verletzt und das Unmögliche für wirklich genommen habe. Jetzt weiß ich, daß er Recht hat, und man kein eitler, närrischer Vater, ja, nicht einmal ein schwachsinniger, achtzigjähriger Mann zu sein braucht, um einer jungen Person, die uns hernach verräth, seine ganze Liebe zu schenken. O, Fräulein Charlotte! Wie habe ich dieses Kind geliebt! und wenn ich ihre Mutter gewesen wäre, ich hätte sie nicht mehr lieben können. Wissen Sie, Fräulein Charlotte, jeder Mensch hat ein Ideal von sich selbst in seinem Herzen. Dieses Mädchen ist mein Ideal gewesen; sie ist Alles, was ich sein könnte und sein würde, wenn, – ja, ich weiß nicht, weshalb ich so bin – kurz, sie ist mein Ideal. Oder vielmehr: war es! Denn jetzt erst hat sie sich in ihrer wahren Gestalt gezeigt, bis dahin war's nur Maske.

Miß Jones hatte ihre Stimme so laut erhoben, daß Charlotte sie bat, sich zu mäßigen und ihr zu sagen, ob sie über das Motiv von Silvia's Handlungsweise irgend etwas in Erfahrung gebracht habe.

Miß Jones bat um Entschuldigung, daß sie sich so von ihrer Leidenschaft habe hinreißen lassen; aber Niemand, und selbst Fräulein Charlotte nicht, könne auch nur eine Ahnung davon haben, was sie in diesen Tagen durch den »Verrath« Silvia's gelitten habe.

Nun erzählte sie, wie sie überrascht gewesen sei, an jenem Abend Silvia nicht vorzufinden und von den Dienstboten zu hören, daß eine Dame in einer Hof-Equipage das Fräulein abgeholt habe; wie sie gewartet und gewartet habe, bis endlich gegen neun Uhr ein Billet von Silvia angekommen sei.

In meinem Leben, Fräulein Charlotte, bin ich nicht so erschrocken gewesen. Sie wissen, daß ich starke Nerven habe und jede Schwäche hasse; aber ich war einer Ohnmacht nahe und wundere mich noch diesen Augenblick, daß ich ohne einen Schlagfluß davongekommen bin. In dieser meiner Aufregung schrieb ich ihr; es war kein freundlicher Brief, aber ich konnte mir nicht helfen. Den ganzen folgenden Tag wartete ich von Minute zu Minute, sie werde zurückkommen. Sie mußte zurückkommen, sie war verloren, wenn sie nicht kam; sie ist nicht gekommen und – sie ist verloren.

Charlotte wollte etwas erwiedern, aber Miß Jones machte eine abwehrende Bewegung: Ich bin positiv, rief sie, sie ist verloren. Ich kenne diese Charaktere; es läuft in meine Familie. Ich hatte eine Nichte. Sie wissen, Fräulein Charlotte, aus der älteren und reicheren Linie. Sie war die einzige Tochter und Erbin und eine bemerkenswerthe Schönheit. Well! Sie verliebte sich in einem Badeorte in einen jungen Menschen, der nicht viel Besseres war als ein Schmuggler und Bandit. Vier Wochen darauf war sie mit ihm auf dem Wege nach Australien. Niemals wieder hat man ein Wort von ihr gehört.

Aber das ist nicht unser Fall, sagte Fräulein Charlotte.

Ganz und gar, versicherte Miß Jones; bis auf den Badeort und einige andere Details von keiner Consequenz. Sie ist das Mädchen, einem Manne, den sie liebt, in die Hölle zu folgen.

Einem Manne, den sie liebt? Wovon und von wem reden Sie? fragte Charlotte verwundert.

Es ist Alles heraus! rief Miß Jones; ich weiß es von ihrem Kammermädchen, das es wieder durch Paul, den Diener, weiß, der es von dem Kammermädchen des Fräulein Gutmann hat. Noch an demselben Abend, an welchem Leo aus dem Gefängnisse entlassen wurde, ist er bei Fräulein Gutmann gewesen, das heißt bei Silvia; gestern Abend ist sie mit ihm in Fräulein Gutmann's Equipage spazieren gefahren. Aber da wußte ich, was ich zu thun hatte. Ich habe ihr einen großen Koffer mit ihrer Wäsche und ihren besten Kleidern und ihren Lieblingsbüchern und Lieblingsnoten vollgepackt; sie hatte ja Alles stehen und liegen lassen, wie es stand, das arme Geschöpf – und habe ihr den Koffer auf's Schloß zu Fräulein Gutmann geschickt mit ein paar höflichen Zeilen: ich glaubte ihren Wünschen entgegenzukommen. Fräulein Charlotte! Sie ist doch immer unser Kind! Soll sie in dem fremden Hause wie eine Bettlerin auftreten?

Durch Miß Jones' breites Gesicht zuckte es seltsam; sie wollte den tiefen brennenden Schmerz, den sie über Silvia empfand, bekämpfen, aber es gelang ihr nicht; sie athmete noch ein paarmal schnell und heftig auf; dann beugte sie ihr Gesicht auf die Lehne des Sophas, auf welchem sie saß, ihr lautes Weinen zu unterdrücken.

Charlotte legte ihr die Hand auf den Kopf und sprach ihr mit freundlichen, sanften Worten zu. In Beziehung auf Miß Jones' überraschende Mittheilung ging es ihr, wie es Walter vorhin gegangen war: nachdem das Motiv von Silvia's Handlungsweise einmal aufgedeckt war, erschien es so einfach, so klar, so einleuchtend, daß man schwer begreifen konnte, wie man so lange mit sehenden Augen blind hatte sein können. Es fielen ihr eine Menge Thatsachen ein, die ihr vorher unbegreiflich gewesen waren und sich jetzt so einfach erklärten. Auch sie war über diese Entdeckung tief erschrocken. Wie sollte die Liebe zu einem Manne, der so rücksichtslos auf sein Ziel losging, ein Weib beglücken können, noch dazu ein Weib von Silvia's tiefer, leidenschaftlicher Natur? Hier an dieser Stelle hatte sie mit dem Knaben gesessen und ihn gebeten, bei Allem, was ihm heilig war, von der verderblichen Gesellschaft Tusky's zu lassen, und ein paar Tage darauf hatte er mit Tusky den Feuerbrand in's Schloß geschleudert. Ja, Miß Jones hatte Recht: Jetzt ist sie verloren!

Miß Jones hatte noch manches Einzelne mitzutheilen, aber sie fand an Fräulein Charlotte keine aufmerksame Zuhörerin mehr.

Wir sprechen noch weiter darüber, liebe Freundin, sagte Charlotte; lassen Sie uns jetzt zu den Kindern zurückkehren, und – denken Sie daran: kein Wort von dem Allen vor Herrn Gutmann! kein Wort!

Es waren bitter-süße Tage, die wenigen Tage, welche diese Menschen, die sich so innig liebten, auf dem Schlosse, auf dem Försterhause verlebten. Die Erde hatte sich in ihr buntestes Frühlingskleid gehüllt; Knospen und Blüthen überall, in Feld und Wiese und Garten und Wald, und überall ein Summen und Schwirren der zahllosen Insecten, ein Girren, Locken und Singen der Vögel, von denen gar viele schon die erste Brut zu ernähren hatten. Vom blauen Himmel, über den nur manchmal gegen Abend graue Gewitterwolken blitzeschleudernd und regenspendend schnell vorüberzogen, strahlte eine milde Sonne; es schien fast unmöglich, daß inmitten all der Herrlichkeit, in diesem Ueberschwang von Lebenskraft und Lebenslust Menschen mit verweinten Augen und schweren, sorgenvollen Stirnen wandeln könnten, daß dieser Sonnenschein nicht hell und warm selbst in das trübste Herz hineinschauen sollte.

Aber, wenn sich auch Keiner dem milden Einfluß einer gütigen Natur ganz entziehen konnte und wollte, es blieb des Leides noch genug übrig, das kein süßester Vogelgesang wegsingen, kein mildester Sonnenschein fortlächeln mochte. Man hatte so viel Unwiederbringliches verloren, daß alles Andere in Frage gestellt schien; so viel, daß man sich fragte: Ist nicht dies Glück der Gegenwart geliebter Menschen ein Traum? Ist die Liebe selbst nicht vielleicht nur ein Traum im Traume?

Und in dies traumhafte Glück drängte sich die unliebsame Wirklichkeit breit und schroff hinein. Es galt, sich mit einer Welt, der das private Glück und Unglück sehr gleichgiltig ist, auseinanderzusetzen; man mußte in einer Zeit, wo man allen Menschen den Frieden gönnte, den man für sich selbst so nöthig hatte, den widerwärtigen Kampf um Mein und Dein kämpfen. Der Rechtsanwalt, welcher Walter vertheidigt hatte, ein noch junger, sehr intelligenter Mann, war auf Walter's Bitten nach Tuchheim gekommen, um die Frauen mit Rath und That zu unterstützen. Der Rechtsanwalt hatte lange Conferenzen mit Charlotte und dem Förster, an denen auch Walter gelegentlich theilnahm. Es stellte sich immer mehr heraus, was Fritz Gutmann Charlotten vorausgesagt hatte, daß die Passiva der Hinterlassenschaft des Freiherrn die Activa weit überstiegen, daß bei der bevorstehenden gerichtlichen Subhastation der Güter und Fabriken auch im günstigsten Falle für die arme Amélie nichts, gar nichts übrig bleiben würde.

Es ist unter diesen Umständen ein wahres Glück, gnädiges Fräulein, sagte der Rechtsanwalt, daß wir wenigstens den Rest Ihres Vermögens sicher haben; er hätte gerade hingereicht, den letzten großen Verlust bei dem Kohlenbergwerk zu decken, und ich zweifle nicht, daß Sie, wäre die Katastrophe nicht so schnell gekommen, auch diesen Rest geopfert haben würden.

Ich weiß nicht, ob es nicht noch meine Pflicht ist, erwiederte Charlotte nachdenklich.

Der Rechtsanwalt sah sie erstaunt an.

Es ist mir ein unerträglicher Gedanke, fuhr Charlotte fort, daß auf dem Andenken meines Bruders auch nur der leiseste Makel haften solle. Ich meine, daß, wenn in irgend einem Falle eine Solidarität der Interessen zwischen den Gliedern einer Familie besteht, sie in diesem Falle gewahrt werden müßte.

Aber, mein gnädiges Fräulein! rief der Rechtsanwalt; Sie werden doch nicht den Wucherern, denen Ihr Herr Bruder zuletzt in die Hände gefallen ist –

Ich weiß nicht, was ich thun werde, unterbrach Charlotte den Aufgeregten, es werden unter den Gläubigern meines Bruders auch solche sein, die wirklich verlieren würden, wenn ihnen nicht die ganze Schuld ausbezahlt würde, und die einen Verlust nicht ertragen könnten. Jedenfalls möchte ich so handeln, wie mein Bruder, wenn es überhaupt denkbar wäre – in der gleichen Lage gegen mich gehandelt haben würde.

Aber das ist eben nicht denkbar, murmelte der Advocat.

Charlotte zuckte die Achseln.

Seltsamerweise war der Förster, der sonst doch stets Fräulein Charlotten's Partei nahm, diesmal mit ihr nicht einverstanden. Er behauptete, daß hier das Gefühl nicht allein entscheiden dürfe und daß, wenn Fräulein Charlotte doch einmal im Sinne und nach dem Wunsche des Todten handeln wolle, sie gewiß ihr Vermögen behalten müsse. Daß Charlotten's Vermögen ganz und gar aus dem Spiele bleibe, sei des Freiherrn ausdrücklicher Wunsch und Wille gewesen. Nun und nimmer würde er seine Zustimmung dazu gegeben haben, die Schwester, die Tochter auch dieser letzten Hilfe zu berauben.

Eben so wenig, lieber Freund, als er Ihre zehntausend Thaler genommen haben würde, entgegnete Charlotte.

Fritz Gutmann blickte verlegen drein und wußte nichts zu erwiedern; aber mit einer Hartnäckigkeit, die man sonst an ihm nicht gekannt hatte, bekämpfte er Charlotten's Ansicht und erklärte zuletzt, daß er seines Theils den Willen seines gnädigen Herrn ehren und sich auf keinen Fall aus seinem Forsthause, das ihm der gnädige Herr nun einmal zugedacht und verschrieben habe, vertreiben lassen werde.

Er schien erwartet zu haben, daß diese Erklärung Charlotten in Erstaunen setzen würde; Charlotte aber reichte ihm nur die Hand und sagte: Ich würde es Ihnen nie vergeben, wenn Sie anders handelten. Ich habe Manches ertragen und kann noch mehr ertragen, aber nicht den Gedanken, daß, so lange Sie leben, ein Anderer als Sie in dem Forsthause von Tuchheim wohnt.

Fritz Gutmann schien diese Auffassung der Angelegenheit gar nicht recht; er fing noch an demselben Abend, als Walter und er von dem Schlosse zurückgekehrt waren und unter der Linde vor der Thür saßen, davon zu sprechen an.

Sie könnte es nicht ertragen, wenn ich, so lange ich lebe, hier nicht aus- und einginge. Wie ich das aber ertragen soll, daß oben Fremde aus- und eingehen – daran scheint sie nicht zu denken. Als ob ich mit dem Hause verwachsen wäre, oder überhaupt in der ganzen Frage an mich dächte! Nun ja, es würde mir nicht leicht, von hier zu gehen – das weiß Gott! Mein Großvater und mein Vater haben hier als Förster gesessen – das weiß ich gewiß, und wahrscheinlich mein Urgroßvater auch schon; doch ließ sich das nicht mehr feststellen, weil ein Theil des Archivs im siebenjährigen Kriege mit den Forstacten verbrannt ist. Aber darum würde ich mich doch keinen Augenblick besinnen, von hier zu gehen, wenn ich nicht dächte: das alte Haus hier unten kann noch einmal eine Zufluchtsstätte werden für die da oben, und –

Der Förster beendete den Satz nicht; er blickte mit starren Augen vor sich hin und erhob sich dann plötzlich, um in's Haus zu gehen.

Walter hatte nicht gefragt, für wen der Vater noch sonst das alte Haus im Walde als eine Zufluchtsstätte jederzeit offenhalten wollte. Er wußte es ohne das.

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