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In Reih' und Glied. Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: In Reih' und Glied. Zweiter Theil - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleIn Reih' und Glied. Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunSechste Auflage
year1883
firstpub1866
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130715
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Zwanzigstes Capitel.

Es war am Abend des zweiten Tages. Den ganzen Nachmittag hatte es stark geregnet, jetzt war eine Pause eingetreten, die indessen nicht von langer Dauer werden zu wollen schien; wenigstens zogen noch immer graublaue Dunstmassen der sinkenden Sonne nach, die schon tief am Horizonte stand. Von den Zweigen, von den jungen Blättern tropfte es unaufhörlich; in den steinernen Rinnsalen neben den Gartenwegen, auf denen Walter und Amélie Arm in Arm wandelten, rieselte das Wasser. Amélie hatte ein schwarzes Flortuch über den Kopf gebunden und blickte mit ihren schönen, sanften Augen zu dem Geliebten auf, der ernst und eifrig zu ihr sprach und dabei doch nicht die trockensten Stellen des gerade hier etwas abschüssigen Pfades aufzusuchen vergaß.

Ich kann es nicht sehen, wie der Vater leidet, sagte Walter; sein stummer Gram zerreißt mir das Herz. Er ist in diesen letzten Tagen ein alter Mann geworden. Silvia kann das nicht bedacht haben. Sie ist zu einem Fremdling in unserem Kreise geworden, sie hat die Sprache ihrer Heimath verlernt; aber die Erinnerung wird mächtig erwachen, wenn sie diese Sprache wieder einmal hört, und sie soll sie aus meinem Munde hören. Brieflich ist hier nichts zu machen, auf einen Brief ist die Antwort ein anderer Brief. Das bringt uns nicht weiter, bringt uns höchstens noch weiter auseinander. Aug' in Auge soll sie mir sagen, daß ihre ehrgeizigen Pläne ihr höher stehen, ihr theuerer sind, als die Ruhe ihres Vaters, dem sie, wenn sie nicht beizeiten umkehrt, den Abend des Lebens in eine Nacht des Grams verwandeln wird.

Amélie schüttelte wieder das Haupt.

Sie sind nicht meiner Ansicht? fuhr Walter fort. Sie meinen, auch ich werde nichts über Silvia vermögen? Ich habe es wohl bemerkt, daß Sie es vor uns verbergen; darf ich es nicht wissen?

Ja, sagte Amélie, und ich hätte es Ihnen schon gesagt, wenn ich gewußt hätte, wie ich es sagen sollte.

Versuchen Sie es, sagte Walter; es läßt sich Alles sagen, wenn man so gut und rein ist wie Sie.

Ueber Amélie's zarte Wangen zog eine flüchtige Röthe, und ihre sanfte Stimme zitterte, als sie nach kurzem Bedenken wieder anhob:

Ich glaube nicht, daß Sie und daß die Anderen Silvia ganz richtig beurtheilen. Ich kann mir nicht denken, daß Silvia, die so tief und lebhaft empfindet, die ihren Vater so innig liebt, sich das, was Sie ihr sagen könnten, nicht Alles schon selbst gesagt haben sollte. Ja, ich bin überzeugt, daß sie diesen Schritt in Angst und Sorgen und heißen Thränen gethan hat, daß sie vielleicht in diesem Augenblicke die Unglücklichste von uns Allen ist. Wenn sie sich also dennoch von uns wendet, so kann sie es nur thun, getrieben von einer Empfindung, die stärker ist als jede andere.

Die Röthe auf Amélie's Wangen wurde dunkler, aber sie fuhr muthig fort:

Ihr mögt Silvia besser verstehen, wenn sie so schön von großen Dingen spricht: von Literatur, Politik, was weiß ich; aber ihr Herz, glaube ich, kenne ich besser als Ihr. Ihr habt sie immer für unfähig gehalten, zu lieben wie andere Mädchen; ich habe stets gemeint, daß sie nicht nur lieben, nein, daß sie unendlich, unsäglich lieben könne und lieben werde, sobald sie den Mann gefunden, den sie ihrer Liebe für würdig halten würde. Wenn sie nun diesen Mann gefunden hätte, Walter?

Leo! rief er, und seine Stimme verrieth die Angst, mit der dieser Gedanke seine Seele erfüllte, ist es Leo?

Amélie ihrerseits war über die Wirkung, die ihre Entdeckung auf den geliebten Mann ausübte, erschrocken. Sie zitterte an allen Gliedern, nur mit Mühe hielt sie ihre Thränen zurück.

Verzeihen Sie, Amélie, sagte Walter, indem er ihre Hand ergriff; ich gestehe, daß wenn ich mit meiner Vermuthung Recht habe, dies das Schlimmste ist, schlimmer als alles Andere. Ich will Ihnen alsbald sagen, weshalb. Sagen Sie mir erst, ob ich Recht habe. Und sprechen Sie ganz offen. Sie dürfen es, Sie brauchen nicht zu fürchten, daß ich Sie noch einmal durch meine Heftigkeit erschrecke.

Es ist ja nur eine Vermuthung, sagte Amélie, ich habe keinerlei Beweise, das heißt, ich habe nie etwas gesehen oder gehört, was mich irgendwie berechtigte, von Gewißheit zu sprechen. Aber wenn ich mir die plötzliche Umwandelung zurückrufe, die mit Silvia seit dem Anfang des letzten Winters vor sich gegangen ist und die mit Leo's Erscheinen in unserem Kreise zusammenfällt, und noch so Manches, was ich anfänglich gar nicht begreifen konnte und jetzt freilich sehr wohl begreife, ja – dann kann ich nicht anders sagen, als: sie hat ihn von jenem Augenblick an geliebt, und was sie jetzt gethan, hat sie nur aus Liebe zu ihm gethan. Ihr sagt ja, daß dieses Fräulein Sara einen großen Einfluß beim Könige hat; und sie hat dem Manne, den sie liebte, helfen wollen, sie hat ihn retten wollen aus der Noth, in der er sich befindet – und zu dem Zwecke ist ihr kein Opfer zu groß gewesen.

Amélie hatte wieder Walter's Arm genommen, sie gingen eine Zeitlang schweigend den Pfad hinab.

Je länger Walter über das, was Amélie gesagt, nachdachte, um so mehr überzeugte er sich, daß sie sich nicht geirrt habe, aber um so furchtbarer erschienen ihm auch die Folgen, die dieses Verhältniß für Silvia haben mußte.

Jetzt erst, rief er, haben wir sie wirklich verloren. Hätte sie nur ihr Glück, oder das, was sie dafür nimmt, im Auge gehabt – sie wäre bald von ihrem Irrthum zurückgekommen, denn, mag sie noch so ehrgeizig sein, sie ist nicht minder großmüthig und aufopferungsfähig: aber jetzt werden die beiden mächtigsten Empfindungen ihrer Seele für sie in Einen Strom zusammenfließen; jetzt wird sie, indem sie uns aufgiebt, sich nur selbst aufgeben, sich nur selbst zu opfern glauben. Und Leo ist der Mann, dieses Opfer anzunehmen. Er wird sich nicht einen Augenblick bei der Frage aufhalten, was dabei aus Silvia oder gar aus uns werden soll. Was sind wir ihm? Nichts, oder noch schlimmer: politische Gegner, auf die er ganz und gar keine Rücksicht zu nehmen hat. Und Silvia selbst – wird er je eine Ahnung von ihrem wahren Werthe haben? Wird sie ihm je etwas Anderes als ein Rechenpfennig sein, oder meinetwegen ein Goldstück, das genau so viel werth ist, als man sich dafür auf dem großen Markte kaufen kann?

Nein, nein! rief Amélie, Walter's Arm leise drückend, er wird nicht so schlecht sein, ist es gewiß nicht. Warum sollte er nicht Silvia lieben? Mir däucht, man kann gar nicht anders, als sie lieben; und, wenn ich mich auch nie zu ihm hingezogen fühlte, er ist doch ein so kluger, so bedeutender Mann, der sie gewiß versteht. Lassen Sie uns nicht richten, Walter! Wir wissen nicht, ob Leo von Silvia dies Opfer gefordert hat. Ich halte es nicht für wahrscheinlich, ich glaube vielmehr, daß sie es ihm aus freien Stücken gebracht hat. Wenn sie ihn aber wirklich liebt, und wenn sie kein anderes Mittel sah, ihm zu helfen – was blieb ihr da noch übrig?

Walter antwortete nicht. Er dachte an die Situation, in welcher er sich dem Freiherrn gegenüber befunden hatte, und daß Amélie dabei in einen ähnlichen Conflict gerathen war. Auch sie hätte zuletzt wählen müssen zwischen dem Vater und dem Geliebten. Würde sie wie Silvia gewählt haben? Oder galt derselbe Maßstab nicht für beide Fälle?

Ein bitteres Gefühl wollte sich der Seele des jungen Mannes bemächtigen. Nicht zum erstenmale in seinem Leben kam ihm seine Bescheidenheit wie eine Thorheit vor.

Sie traten zwischen den Büschen heraus auf das Belvedere, denselben Platz, auf welchem an jenem schönen Herbstmorgen vor so vielen Jahren der Freiherr und Fritz Gutmann den Beschluß gefaßt hatten, ihre Kinder zu dem Doctor Urban in Pension zu geben. Der Platz war des Vaters Lieblingsplatz gewesen, Amélie hatte ihn unzähligemale hierher geleitet, unzähligemal ihn hier sitzend und voller Entzücken in die weite Landschaft hinausschauen gesehen. Die Erinnerung an den lieben Todten überkam sie mit voller Gewalt. Die Thränen stürzten ihr aus den Augen; sie machte sich von Walter los und kehrte sich ab. Dann aber wendete sie sich plötzlich wieder um und streckte ihm beide Hände entgegen. Walter umfing die feine, bebende Gestalt; auch seine Augen waren feucht, und seine Brust hob und senkte sich gewaltsam. Er hatte eine Frage auf den Lippen, aber Amélie kam ihm zuvor.

Walter, sagte sie, liebster Walter, ich wäre Dir auch gefolgt, ich hätte auch von Dir nicht lassen können, nicht lassen wollen.

Die Sonne, die bis dahin von düsteren Regenwolken dicht bedeckt gewesen war, trat in diesem Augenblicke, schon tief am Horizonte, hervor und strahlte ihr blendendes Licht herüber über die waldigen Hügel und Wiesengründe, hinauf zu den Wolken, deren dunkle Massen plötzlich in tausend brennenden Farben erglühten. Dumpfe Frühlingsdonner grollten aus weiter Ferne, und dann hörte man wieder in der unendlichen Stille das Fallen der Tropfen von den jungen, glänzenden Blättern.

Walter küßte der Geliebten die Thränen von den Wimpern; er küßte ihre Stirn, ihre Lippen.

Und ich konnte noch eben an Dir zweifeln, flüsterte er, ich konnte glauben, Du liebtest mich nicht so innig, so ganz und voll, wie ich Dich liebe; ich konnte wähnen, Du würdest es, gut und lieb, wie Du bist, doch nie vergessen, daß Du hier oben auf der Höhe geboren bist, und ich dort unten im tiefen Thal.

Amélie blickte ihren Geliebten voll an.

Ich dachte es mir, sagte sie, ich hörte es aus Deinem Schweigen, aus Deinem raschen, tiefen Athmen. Walter, liebster Walter! Sieh, mir sagte der Vater einst, als wir hier oben standen und die Sonne unterging wie jetzt: So weit Dein Auge reicht, bis zu jenem fernen Hügelzuge – hat alles Land einst unseren Ahnen gehört, und so nach allen Seiten hin, so weit man von der Warte unseres Thurmes schauen kann. – Siehst Du, Walter, wenn ich das Alles mit eigener Hand zu vergeben hätte – ich würde Dich suchen, wo immer Du wärst, und Dich finden und sagen: Nimm mich zu Deinem Weibe! Jetzt aber, wo uns von den Herrlichkeiten nichts geblieben ist, als die Erinnerung, nichts als der Name; jetzt, wo ich so arm bin wie ein Tagelöhnerkind aus einem dieser Dörfer – jetzt muß ich wohl stolz sein und den Mann, den ich liebe, um mich werben lassen. Meinst Du nicht, Geliebter?

Es lag ein Glanz auf der Stirn, in den Augen Amélie's, daß Walter die Seligkeit, von diesem holden Geschöpf geliebt zu werden, nicht zu fassen vermochte.

Die Sonne war unter den Horizont gesunken, ihr nach drängten sich gewaltsamer schwere Dunstmassen; die brennenden Lichter ringsum in Höhen und Tiefen waren mit einemmale ausgelöscht; näher klang das dumpfe Rollen des Donners; in den Zweigen fing es an zu raunen und zu rauschen; große, warme Regentropfen fielen herab.

Hand in Hand schlugen die Beiden den Rückweg nach dem Schlosse ein – durch das Thor, das in den lebendigen Fels gesprengt war – über die Brücke, unter der die Schloßquelle plätscherte – auf dem Wege am schroffen Rande des Berges, wo man auf der einen Seite die Bäume über sich und auf der anderen unter sich hatte – und jeder Fußbreit, den sie zurücklegten, war durch irgend eine Erinnerung geheiligt, und jedes Rauschen des Windes in den Zweigen sprach von der goldenen Jugendzeit, in der sie sich doch in ihrer kindischen Weise schon so lieb gehabt hatten.

Weißt Du, sagte Walter, hier war es, wo Du mir die blaßrothe Schleife gabst; sie hat mich lange Jahre treu begleitet und liegt noch im Kasten zusammen mit Deinen Briefen.

Und weißt Du, sagte Amélie, hier war es, wo Du uns an, jenem Morgen begegnetest, als wir mit Miß Jones unsere Promenade machen wollten und Du mir den rothen Dompfaffen in dem grünen Bauerchen brachtest; ich sehe noch Miß Jones' Augen und höre noch ihr verwundertes: strange boy!

Der Regen begann stärker zu fallen; sie beschleunigten ihre Schritte. Als sie auf den freien Platz vor dem Schlosse gelangten, tauchte eben, wo auf der anderen Seite der steile Fahrweg vom Dorfe heraufführte, eine sonderbare Gestalt zwischen den Büschen hervor: eine Dame, die ihre Kleider hoch geschürzt hatte und über einen gelben Strohhut mit ungemein breitem Rande einen rothseidenen Regenschirm von den allergrößten Dimensionen trug. Hinter der Dame kam ein Mann mit einem Koffer auf den Schultern. Er hatte Mühe, der rüstig voraus schreitenden Dame zu folgen.

Miß Jones! riefen Walter und Amélie wie aus Einem Munde. Miß Jones!

Aber die treffliche Dame hörte nicht; sie strebte zu eifrig, aus dem hereindrohenden Regen das schützende Dach des Schlosses zu erreichen. Erst dicht vor der Freitreppe trafen sie zusammen.

Guten Abend, meine Lieben, sagte Miß Jones, ohne sich aufzuhalten; wie geht's? Das Unwetter wird gleich losbrechen. Habe ich's nicht gesagt?

Und Miß Jones klappte ihren Schirm zusammen und schüttelte den beiden jungen Leuten unter dem Portale die Hände, während der Regen in Strömen zu fallen begann.

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