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In Reih' und Glied. Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: In Reih' und Glied. Zweiter Theil - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleIn Reih' und Glied. Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunSechste Auflage
year1883
firstpub1866
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130715
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Siebenzehntes Capitel.

Eine Stunde später war Silvia allein in dem Salon, der wieder wie gestern und vorgestern im hellen Kerzenlichte schimmerte. Der König ist es so gewohnt, der König darf seine alten Gewohnheiten nicht vermissen, hatte Tante Sara noch zuletzt gesagt.

Der König!

Wie sollte sie ihm heute entgegentreten? Heute, wo er als der Gott kam, der das Dankesopfer der Creatur, die er beglückt hat, entgegennehmen will? O gewiß war sie ihm dankbar – aber war es königlich, die Schuld sobald einzufordern, als wenn sie ihm nicht gewiß wäre? Als wenn die Summe des Dankes nicht wüchse, je länger sie sich in den Händen des Schuldners befindet?

Silvia konnte von diesem Gedanken nicht loskommen. Wie von einer kleinen dunklen Wolke am Horizonte sich allmälig ein grauer Nebelschleier über den ganzen Himmel breitet, so wurde ihr trüb und trüber zu Sinn, je länger diese Zeit des Wartens auf den königlichen Besuch währte. Wir dürfen warten – wir! Wir müssen jederzeit bereit sein! Was sagte die Tante? Er weiß nicht, was mich diese seine Gnade gekostet hat, wie oft mich meine schmerzenden Glieder kaum aufrecht erhalten haben. Aber freilich! dieses Geduldspiel ist doch auch nicht um nichts und wieder nichts, wie das banale Treiben unserer Salons, bei dem für Niemanden etwas herauskommt als Langeweile und Ueberdruß. Leo ist gerettet! Was will dagegen alles Andere sagen!

Tante Sara hatte Silvia nichts von der Zusammenkunft, die heute Abend zwischen dem Könige und Leo im Hause des Generals stattfinden sollte, gesagt; für Silvia war Leo nur aus dem Gefängniß befreit – das war wohl etwas; aber jetzt konnte sie sich des Gedankens nicht erwehren, daß dies noch lange nicht genug sei, daß, wenn Leo nicht jenen seinen höchsten Wunsch, persönlich mit dem Könige zusammenzukommen, ausführen konnte, seine Sache noch immer hoffnungslos daniederlag. Also hatte sie dem Könige nicht blos zu danken, sie mußte abermals eine Bitte an ihn richten, eine Bitte, die gewiß viel schwerer zu erfüllen war, als jene andere. Eine Gefängnißthür öffnen, was will das sagen, wenn man König ist? Dazu bedarf man nur eines einzigen Machtwortes; aber den Traumdeuter anhören, und nicht blos das, sondern auch seinem Rathe folgen, im festen Vertrauen zu dem gottbegnadigten Seher die Vorkehrungen treffen, die das Volk vor dem hereindrohenden Verderben bewahren – das war ein hohes, aber erst aus weiter Ferne herüberschimmerndes Ziel.

Und wie würde sie Leo begegnen?

Silvia's Herz erbebte, aber nicht in freudiger Erwartung. Was mußte er, der Stolze, gelitten haben in diesen Tagen? Das Scheitern seiner Pläne bis zur persönlichen Entwürdigung! der Hohn seiner Feinde, den Starken entwaffnet, von dem Kampfplatz auf lange Zeit, für immer vertrieben zu haben! Was konnte ihm eine Freiheit sein, die er nicht mehr für die Verwirklichung seiner Idee verwenden konnte? War es Gnade, den Besiegten dem Spotte seiner Sieger preiszugeben? Würden die Menschen nicht jetzt, wenn er in eine Gesellschaft trat, die Köpfe zusammenstecken und lächeln? Würden sie nicht auf der Gasse mit Fingern auf ihn weisen? Ach, es konnte keine freudige Begegnung sein zwischen ihm und ihr!

Aber weshalb sich überhaupt begegnen?

Es war ja gar nicht wahrscheinlich, daß Leo erführe, wem er seine Rettung verdankte. Verdankte? Abscheuliches Wort! Wollte die Tante Dank? Wollte sie selbst Dank? Und gesetzt auch, er erführe es; Leo war nicht der Mann, um einer sentimentalen Wallung willen einen Schritt aus seiner Bahn zu gehen. Wenn es in seinem Plane lag, die Residenz zu verlassen, wie es ja doch sehr wohl möglich war – keinen Tag, nicht eine Stunde würde er bleiben, einem Mädchen zu Gefallen, an dessen Wohl und Wehe er doch nur immer sehr vorübergehenden Antheil genommen hatte. War doch von ihm in der letzten Zeit gar kein Versuch gemacht worden, sich ihr zu nähern. Waren doch selbst ihre Briefe ohne Antwort geblieben! Er würde sein Zelt abbrechen und in andere, ferne Gegenden tragen! Er hätte am liebsten auf heimischer Erde der Freiheit einen Tempel gegründet, freilich! Aber wenn es nicht möglich war, so würde er, der Weltbürger, auch darüber wegkommen, und gegen Tyrannei zu kämpfen gab es ja doch überall auf der weiten Erde.

Und was sollte dann aus ihr werden?

Hatte sie nicht ihr Alles auf diesen einen Wurf gesetzt? sich nicht bereits losgesagt von Allem, was ihr bis jetzt ein Halt im Leben gewesen war? unwiderruflich losgesagt? Konnte sie jetzt noch zurück, selbst wenn sie wollte? Zurück in das Haus des Freiherrn, um Miß Jones zu erklären, was Miß Jones in Ewigkeit nicht verstehen würde? Um sich von den alten Dienstboten mit Kopfschütteln, von den jüngern mit Hohnlächeln betrachten zu lassen? Nein, jenes Haus konnte ihr niemals wieder eine Heimath werden, selbst wenn der Freiherr noch lebte.

Aber war denn das ihre Heimath?

Warum nicht zurück zu ihm? Zurück zum guten alten Vater?

Silvia streckte die Arme aus, als wollte sie eine liebe Gestalt umfangen; dann blickte sie, wie aus einem Traum erwachend, verstörten Antlitzes um sich.

Es war Alles noch wie vorhin. Da schimmerten die Lichter, da glänzten die Marmorvasen und Marmorbilder in dem schimmernden Licht; da schauten die schönen Frauengesichter aus dem dunklen Hintergrund wie Sterne aus dem nächtlichen Himmel; da blinkte der silberne Kessel, in dem das Wasser brodelte; da funkelten die Krystallflaschen und Gläser; da war an der Wand die Stelle, wo sich die Thür öffnen würde, durch die der König hereintrat. Warum kam er nicht? Die Stunde, in der er gestern und vorgestern gekommen, war bereits vorüber; hatte der General sich nicht doch vielleicht verhört? Oder der König über anderen Dingen seine Zusage vergessen? Aber er war gestern so freundlich, so echt menschlich gewesen, hatte so gar nicht den König herausgekehrt, hatte so ganz dem Bilde entsprochen, das die Tante von ihm entwarf, dem Bilde eines geistvollen, edeldenkenden Mannes, der sich auf seiner einsamen kalten Höhe das warme Herz bewahrt hat und dazu die hellen Augen, zu sehen, und die leisen Ohren, zu hören, nur daß es sein königliches Unglück ist, kein Herz zu finden, das dem seinen ebenso warm entgegenschlüge, niemals ein ungeschminktes, ehrliches Menschenantlitz zu sehen, niemals die unverstellte Stimme der Wahrheit zu hören. Warum kam er nicht?

Sie trat an das Fenster. Tief unter ihr brauste und donnerte das rastlose Leben der gewaltigen Stadt, das, wie Meereswogen den Felsen, die altersgrauen Mauern der königlichen Burg umfluthete. Zahllose Lichter schimmerten nach allen Richtungen; hierhin und dorthin drängte sich die geschäftige Menge in dunklen beweglichen Linien, unablässig rollten die Fuhrwerke: von flüchtigen Rossen gezogene Equipagen mit hellschimmernden Laternen, langsame Fiaker, unbehilfliche, mit Menschen überfüllte Omnibus, rasselnde Lastwagen. Und wie sie den Blick nach oben richtete, glänzten ihr aus dem tiefblauen Himmel einzelne Sterne, dieselben Sterne, zu denen sie auch als Kind von der stillen Waldwiese emporgeschaut hatte, wenn die Rehe aus den Büschen traten und aus dem dunklen Walde der Ruf des Nachtaars ertönte.

Eine tiefe Traurigkeit bemächtigte sich ihrer. Ich will ja nicht den seligen Frieden der Kindheit wieder, dachte sie, nicht die süße Ruhe jener holden Jugendzeit. Frieden und Ruhe – das sind für mich von jetzt an Märchenträume; nur stark möchte ich sein, stark und – einig in mir selbst, daß meine Seele ein Spiegel wäre seiner Seele.

Das Geräusch draußen und die große Aufregung, in der sie sich befand, hatten Silvia nicht hören lassen, daß, von Lisette geführt, ein Mann in's Zimmer gekommen war, der sich zuerst, nicht ohne daß sich eine flüchtige Verwunderung auf seinem Gesichte gemalt hätte, in dem prächtigen Gemache umschaute, dann, als er Silvia im Fenster stehend erblickte, der hübschen Lisette ein Zeichen gab, das Zimmer zu verlassen – und jetzt mit einem Lächeln auf den Lippen an sie herantrat.

Silvia!

Mit einem leisen Schrei wandte sich Silvia. Ihre erste Regung, als sie den geliebten Mann vor sich sah, war, sich an seine Brust zu stürzen; aber es war nicht Liebe, was um seinen Mund spielte, nicht Liebe, was aus seinen Augen blickte. Die hocherhobenen Arme sanken schlaff herunter; sie athmete tief auf.

Du bist's, sagte sie mit kaum hörbarer Stimme.

Ich bin's, erwiederte Leo, und Du kannst nicht verwunderter sein, mich hier zu sehen, als ich es bin, Dich hier zu finden. Lieblicher freilich konnte sich das Räthsel, das für mich über all diesen Vorgängen war, nicht lösen. Du bist also die andere Dame, die er mich hier aufsuchen hieß!

Leo drückte Silvia's Hand. Silvia entzog sie ihm sanft und sagte:

Wer hieß Dich das?

Der König.

So hast Du ihn gesprochen?

Ich komme eben von einer langen Unterredung mit ihm im Hause des Generals von Tuchheim. Er hat mir aufgetragen, die Tante und die andere Dame, die also Du bist, zu grüßen, da er selbst nicht kommen könne. Aber erkläre mir nur, wie kommst Du hierher, wie geschah es, daß ich Dich hier treffe?

Später, erwiederte Silvia, erst das Wichtigere. Wie hast Du den König gefunden?

Silvia's Stimme bebte, und ihre Glieder bebten; sie schwankte fast, während sie nach einem der Sophas ging, die um den Theetisch herumstanden. Leo nahm an ihrer Seite Platz.

Wie ich ihn gefunden habe? Gerade so wie ich ihn zu finden erwartete; vielleicht noch geistvoller, für Ideen empfänglicher, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Ich habe ihm freilich meine Gedanken in seine romantische Sprache übersetzen müssen, aber gleichviel! Er versteht doch, während man sich mit jenen Tröpfen in keiner Sprache verständigen kann.

Silvia drückte die Hände gegen die Stirn; der Uebergang aus der bangen Erwartung zu der vollkommenen Erfüllung war so plötzlich gekommen. Sie konnte es kaum glauben, daß das langersehnte, mühsam erstrebte Ziel nun wirklich erreicht sei. Und Leo schien keineswegs erregt, seine Stimme klang wie sonst. Woher nahm er die Ruhe in einem solchen Augenblick?

Was hast Du? fragte Leo, ist Dir nicht wohl?

O nein, nein! Es ist nur die Freude, die mich schwindeln macht; die Freude und – die Furcht. Ich sehe Dich auf der Höhe, die Du erstrebt hast, und Du stehst so sicher da, so gar nicht, als ob Du fallen könntest.

Auf der Höhe? sagte Leo verwundert, und auf der Höhe, die ich erstrebte? Hab' ich nichts weiter gewünscht, als einmal mit einem Könige zu sprechen, um zu erfahren, was ich längst wußte, daß er ein Mensch ist, wie wir? Nein, Silvia, das ist die Höhe nicht, die ich erstrebte; aber es ist eine Stufe dahin, eine große Stufe vielleicht, aber doch nur eine Stufe. Was ist mir der König, was kann er mir sein, als ein Mittel zum Zweck? Wir müssen abwarten, wie weit ich damit komme.

Es ist ein kostbares Mittel, Leo, schwer zu gewinnen, leicht zu verlieren. Sei vorsichtig, Leo, daß Du den rechten Gebrauch davon machst. Die Gunst des Königs, hättest Du sie einmal verscherzt – und wie leicht könnte das geschehen! – würde sich Dir nie wieder zuwenden.

Ich kenne Dich nicht wieder, Silvia; wie bist Du, das muthvolle Mädchen, auf einmal so ängstlich geworden? Nein, Silvia, nicht Zagen und Zaudern, nicht Abwägen und Abmessen geziemt dem, der Großes groß erreichen will. Ich glaube heute mehr als je an meinen Stern, und nicht deswegen, weil ich heute auf einen Erfolg blicken kann, sondern weil heute nur geschehen ist, was ich schon seit Jahren wußte, daß es geschehen würde.

Silvia blickte erstaunt auf; Leo's für sie so schönes, blasses Gesicht zeigte die plastische Ruhe, die sie immer so sehr bewundert hatte, aber in den dunklen Augen brannte ein Feuer, vor dem sie – sie wußte selbst nicht weshalb – fast erschrocken die Wimpern senkte.

Ich bin ein wenig abergläubisch, mußt Du wissen, fing Leo wieder an, so würden wenigstens Andere meine Ueberzeugung nennen, daß die sich an großen Entwürfen abarbeitende Seele mit einer Providenz, die wir wunderbar nennen müssen, weil wir sie nicht recht erklären können, in Momenten ganz besonderer Erregung nicht blos die Erfüllung ihrer Pläne sieht, sondern auch in einem bestimmten Bilde sieht, das scheinbar gar nichts mit jenen Dingen zu thun hat, aber sich dem rechten Deuter eben als Bild für den tieferen Gehalt sattsam offenbart. – Es war in der ersten Nacht, die ich im Gefängnisse zubrachte, in einer engen, dumpfen, dunklen Zelle. Es hatte lange gedauert, bevor ich eingeschlafen war; ein paarmal hatte mich aus dem Halbschlafe ein Klopfen geweckt, das dicht an meinem Ohr an der Wand erschallte. Es mochte ein Gefangener in der Nebenzelle sein, der sich mit seinem Nachbar unterhalten wollte. Erst gegen Morgen schlief ich fest, und da träumte ich einen wunderlichen Traum, den ich genau, aber mit allen Einzelheiten genau so, schon einmal geträumt hatte an jenem Morgen, als mich Dein Vater bei den Wasserfällen schlafend fand. Mir träumte, ich saß an einer großen runden Tafel inmitten eines prachtvollen Marmorsaales, dessen Wände den Glanz unzähliger Lichter machtvoll zurückwarfen. Die Tafel war mit den herrlichsten Speisen bedeckt, Kuchen und Flüchte in goldenen und silbernen Schalen. Ich war nicht allein, viele Männer saßen mit mir an der Tafel in prächtigen, ordengeschmückten Uniformen. Und seltsam, ich konnte keines der Gesichter deutlich sehen, so sehr ich mich auch bemühte; nur das Gesicht des Einen, der mir zur Linken saß, sah ich ganz deutlich. Es war ein junger Mann mit hellen, blauen übermüthigen Augen und hoher weißer Stirn. Er war der Gastgeber und der Herr, denn alle Andern neigten sich ehrfurchtsvoll vor ihm. Aber er achtete der Andern nicht; nur mit mir sprach er, nur mir lachte er zu, und lachend häufte er Kuchen und Früchte auf meinen Teller, und lachte immer heftiger, und häufte immer mehr auf den Teller, daß der Teller nichts mehr fassen konnte, und plötzlich klatschte er lachend in die Hände, und Speisen und Gäste – Alles war verschwunden. Der Gefängnißwärter stand vor mir, um mir zu sagen, daß es Zeit sei aufzustehen und daß er mir mein Frühstück gebracht habe.

Und des Traumes Deutung? fragte Silvia, die mit klopfendem Herzen zugehört hatte.

Des Traumes Deutung? wiederholte Leo. Er hatte den Kopf in die Hand gestützt und blickte sinnend vor sich nieder.

Man möchte sagen, daß gleiche Ursachen gleiche Wirkungen haben; daß ich dieses Mal, wie damals, hungrig und durstig eingeschlafen war, und ich also sehr erklärlich von Essen und Trinken träumen konnte, und meine Phantasie die gefällige Form, in die sich damals mein Verlangen gekleidet hatte, weil sie in meiner Seele unvergessen war, einfach copirte. Das könnte man sagen, ich aber sage es nicht. Denn, Silvia, jener junge Mann, der mir so gnädig war, den ich damals nicht kannte, und auch diesmal nicht kannte –

Du kennst ihn jetzt? rief Silvia in einem Schrecken, der ihr das Blut in den Adern stocken machte.

Ich kenne ihn jetzt, sagte Leo; so, genau so stand er eben jetzt vor meinen leibhaftigen Augen, mit denselben hellen blauen Augen, mit derselben hohen weißen Stirn; und jenes übermüthige Lachen, das mir noch im Ohre tönte, ich hörte es jetzt aus seinem Munde.

Silvia's Glieder flogen; ihre starren Blicke hingen an Leo's Mienen; sie wußte nun, weshalb sie vorhin das Lodern seiner dunklen Augen so erschreckt hatte. Es war ein Abglanz aus dem Geisterreiche gewesen, das sich dem gefeiten Blicke dieses Mannes erschloß.

Leo hatte sich erhoben und war ein paarmal vor ihr auf und ab gegangen; jetzt sagte er:

Du siehst, was jetzt, was heute geschehen ist, war nur ein Schritt auf die erste Stufe. Es sind noch viele zu ersteigen, bevor ich auf die Höhe gelangt bin; aber ich werde hinaufgelangen, so gewiß, als wir heute in demselben Zimmer stehen, zu dessen Fenstern wir in jener Nacht mit einer dunklen Sehnsucht, die in ihrem Schooße diesen Augenblick trug, hinaufschauten. Dann – aber auch erst dann – mag die Treppe hinter mir zusammenstürzen; der Tempel, den ich bauen will, wird vollendet dastehen. Doch von diesen Dingen ein andermal; jetzt sage mir, nicht, warum Du hier bist – das weiß ich, aber wie kamst Du hierher? Wie ist dies Alles so geschehen?

Leo hatte sich wieder zu ihr gesetzt; der Ton seiner Stimme war klar und fest wie sonst; die phantastische Dämmerung, die er heraufgezaubert hatte, war verschwunden, es sollte wieder Tag sein. Silvia suchte ihre Aufregung zu beherrschen und klar und kurz Alles zu erzählen, aber ihre Rede, die sonst so leicht floß, stockte wiederholt; Leo mußte oft fragen, und es wurde ihr schwer, diese Frage immer zu beantworten. Endlich sagte er:

Und was gedenkst Du nun zu thun, Silvia? Doch das ist eine jener Fragen, die uns ein Anderer beantworten muß, weil wir selbst in das dunkle Chaos sich widerstreitender Gefühle kein Licht bringen können. Du scheust Dich, Deinem Vater nach dem, was geschehen ist, zu begegnen, und mit Recht. Er wird es Dir schwer vergeben, was Du gethan hast, wird Dir nie glauben, daß er sich in Tante Sara irre, von jeher geirrt habe. Sie ist vielleicht nicht so gut und groß, wie sie Dir bis jetzt erschienen ist; immerhin aber ist sie eine merkwürdige Frau, die von einem anderen Standpunkte aus beurtheilt sein will, als dem einer engherzigen Moral. Warum sollte Dir Dein Vater glauben, was er der Tante selbst nicht geglaubt hat, die doch gewiß in früheren Jahren kein Mittel unversucht gelassen haben wird, den Bruder von ihrer Schuldlosigkeit zu überzeugen? In solchen Dingen wachsen bei gewissen Naturen die Vorurtheile mit den Jahren. Wie kann man überhaupt Jemanden von etwas überzeugen, das er nicht versteht, und brav und gut wie Dein Vater ist – dies versteht er nicht. Ein Geist, wie der der Tante, ein Geist, der mit unwiderstehlicher Kraft die alten hergebrachten Formen sprengt, in die ihn Geburt und Erziehung gebannt hatten, um sich mit froher Werdelust den seiner Individualität genehmen und bequemen Körper selbst zu schaffen – ist für Deinen Vater ein Buch mit sieben Siegeln, ein unheimliches, unheiliges Buch. Die Sympathie seiner Tochter für die von ihm, von der Familie Ausgestoßene muß ihm als eine schwere Verirrung der Natur erscheinen.

Silvia's Antlitz war bei diesen letzten Worten sehr blaß geworden. Leo fuhr fort:

Ich darf Dir dies nicht verschweigen, denn Du mußt Deine Situation ganz klar sehen. Du bist bereits zu weit gegangen, um ohne Erklärung zurück zu können. Diese Erklärung wird im besten Falle für Dich unendlich peinlich sein; Dein Vater wird eine Entschuldigung wollen, keine Erklärung. So fällt ein Schatten vor Dir her auf Deines Vaterhauses Schwelle, und dieser Schatten wird sich immer weiter breiten und nach und nach das ganze Haus erfüllen. Wie kann da – ich sage nicht von Glück – ein albernes Wort, das ein Narr erfunden hat und das ich hasse – über auch nur von einem Leben, wie es erträglich ist, die Rede sein? Du kannst am wenigsten von allen Menschen lügen, nicht in Deinen Gedanken, geschweige denn mit Worten, ja nicht einmal mit Deinen Mienen. Dein trübes Auge, Dein schmerzlich geschlossener Mund müssen es aussprechen, denn es ist die einfache Wahrheit: Ich kann euch nicht helfen, und ihr nicht mir; ihr müßt mich anders wollen, damit ich zu euch passe; ich aber kann nicht anders sein, als ich bin. So lebe ich euch zur Qual – und mir.

Und willst Du wissen, welches Dein Leben in Tuchheim sein würde? Erinnerst Du Dich des schönen jungen Falken, den wir damals in einem großen hölzernen Gitterkäfig auf dem Hofe hielten? Wenn man vorüberging, sträubte er zornig sein Gefieder; wenn er sich unbeachtet glaubte, saß er auf seiner Stange und blickte mit den großen glänzenden Augen in den Himmel hinein. Eines Morgens fanden wir ihn todt in einer Ecke des Käfigs liegen. Er hatte die beste Atzung gehabt, und Schutz vor der Kälte und Alles, wessen er bedurfte – und hatte doch nicht weiter leben können, nicht weiter leben wollen.

Das würde Dein Leben sein, Silvia – und so würdest Du es enden. Du würdest sterben, weil auch Du ohne das Stückchen blauer Himmelsfreiheit nicht würdest weiter leben können, nicht weiter leben wollen.

Ich möchte Dich vor diesem Schicksal bewahren, Silvia. Du mußt Dich entscheiden, so verlängere die Qual der Entscheidung nicht. Schreibe Deinem Vater; versuche – denn das bist Du ihm schuldig – versuche, ihm begreiflich zu machen, um was es sich für Dich handelt und daß Du jetzt nicht kommen könntest. Es ist ja möglich, daß er Dich versteht – und dann ist Alles gut; versteht er Dich nicht – und das ist wahrscheinlich – nun denn, Du darfst nach Allem, was Du mir gesagt hast, die Tante jetzt nicht verlassen. Du hast dem König versprochen, daß er Dich wieder sehen soll; wenn Du Dein Versprechen nicht hieltest, würde er es die Tante entgelten lassen, die das nicht um uns verdient hat; ja, Silvia, und er würde es mich entgelten lassen. Der König ist einer jener Menschen, die sich immerdar sehnen, von einer Frau zu hören, was sie thun und was sie lassen sollen. Ich würde, und wenn ich die Erde durchsuchte, keine Frau finden, die mich so ganz verstände, wie Du mich verstehst, die meine Gedanken so lauter, so unverfälscht, und höchstens durch eine schönere Form geadelt, an einen Andern weiter zu geben vermöchte, wie Du es vermagst. Ich würde die romantische Sprache, die ich heute mit ihm gesprochen habe, nicht immer sprechen können, nicht immer sprechen wollen. Dann würdest Du, die Meisterin der Form, mit Einem Worte den Mißklang lösen, eine Verständigung herbeiführen. Ja, je länger ich dies Alles bedenke, umsomehr überzeuge ich mich, daß Du die Kette sein mußt, an der ich die schwere königliche Erde zu der olympischen Höhe unserer Weltanschauung emporziehe. Silvia, schreib' Deinem Vater. Willst Du?

Leo war aufgestanden, um zu gehen. Er hatte Silvia's Hand ergriffen; Silvia war sehr bleich, und ihre Stimme war sehr unsicher, als sie erwiederte:

Ich will; es ist ja nicht für immer.

Und wenn es wäre – ich hoffe zuversichtlich, daß es nicht ist – aber wenn es wäre, Silvia? Sieh, ich meine, wenn Du einem Manne vermählt wärest, den Du liebtest, und Du müßtest wählen zwischen Gatte und Vater – so würde doch die Wahl sehr kurz sein. Und ist denn nicht Freundschaft der Ehe bester Theil? Und sind wir nicht Freunde? Ja, haben wir nicht doppelt und dreifach Recht, auf unserm Sinne zu beharren, da wir, frei von jedem kleinlichen Egoismus, nichts für uns wollen? Leb' wohl, Silvia! Ich sehe Dich morgen wieder und dann hoffentlich auch die Tante.

Leo war gegangen, Silvia war auf derselben Stelle stehen geblieben, ihre Hand hing noch so herab, wie sie aus Leo's Hand geglitten war. Wenn Du einem Manne vermählt wärest, den Du liebtest! – Ja, ich darf an den Altar treten, und Gott muß mein Opfer annehmen, denn meine Gaben sind ohne Fehl, und rein sind meine Hände. Ich will nichts für mich; Gott weiß es, daß ich nichts für mich will.

Silvia's Busen hob sich in unendlicher Wehmuth; sie wollte stark sein, sie wollte nicht weinen, aber wie ein unaufhaltsamer Strom brachen die Thränen hervor; sie sank auf das Sopha zurück und verbarg schluchzend ihr Gesicht in die Kissen.

Lisette kam, die Theesachen abzuräumen und die Lichter auszulöschen. Silvia erhob sich und begab sich in Tante Sara's Schlafzimmer.

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