Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Spielhagen >

In Reih' und Glied. Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: In Reih' und Glied. Zweiter Theil - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleIn Reih' und Glied. Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunSechste Auflage
year1883
firstpub1866
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130715
Schließen

Navigation:

Sechzehntes Capitel.

Tante Sara kehrte von der Unterhaltung mit dem General nicht ohne Sorge zu Silvia zurück. Wenn auch die Wahrscheinlichkeit, daß das junge Mädchen, nachdem es erst einmal so tief in Leo's Angelegenheit verwickelt war, jetzt noch dem Wunsche des Vaters Folge leisten und nach Tuchheim reisen werde, Tante Sara nicht eben groß zu sein schien – möglich war es doch noch immer, und Tante Sara wußte aus langer Erfahrung, daß Vorsicht die Mutter der Klugheit sei. Die Vorsicht aber gebot, Silvia die Hoffnung, aus dieser Intrigue wie aus tausend anderen als Siegerin hervorzugehen, in keiner Weise merken zu lassen, sondern im Gegentheil die Rolle der zweifelnden, besorgten mütterlichen Freundin consequent fortzuspielen. Die Folge würde dann schon lehren, was etwa weiter zu thun sei.

Silvia saß noch an dem kleinen Schreibtisch in genau derselben Stellung wie vorhin, als sie der Tante den Brief an den König übergeben hatte, den Kopf in die linke Hand gestützt, während die Rechte schlaff an der Seite herunterhing. Tante Sara umfaßte sie und drückte ihr einen Kuß auf den Scheitel. Silvia blickte auf und lächelte die Tante traurig an.

Wir müssen uns in Geduld fassen, liebes Kind, sagte Sara, Rom ist auch nicht an Einem Tage erbaut, und wer, wie ich, erfahren und gelitten, hat auch warten gelernt.

Es ist nicht das, Tante, erwiederte Silvia. Jetzt wo wir endlich einmal etwas haben thun können, wo wir gethan haben, was wir konnten, haben wir das Recht, ruhig zu sein, bin ich verhältnißmäßig ruhig. Nein! worüber ich trauere, das ist die Disharmonie des Menschenlebens, die uns nicht Einen vollen Accord gestattet, nicht das reine Ausklingen auch nur Einer Empfindung. So lange ich in dem Bann der Familie so dahinlebte, geliebt, ja verzogen und verwöhnt von Allen, die mich umgaben, verzehrte mich die Sehnsucht nach der Verwirklichung meiner Ideale, der Drang nach etwas, das doch den Anschein wenigstens einer That hatte – und jetzt, wo ich vollbracht, was vollbringen zu können ich schon verzweifelte, wo ich wie von Götterhänden dem Alltagsdasein entrückt bin in eine Sphäre, in welcher Alles, was geschieht, mir noch immer wie ein seltsam-phantastischer Traum erscheint, aus dem ich jeden Augenblick zu erwachen fürchte – jetzt ergreift es mich wie Heimweh nach jenem engbegrenzten Dasein; jetzt denke ich schaudernd des Kummers, den ich, will ich mir selbst gehören, vielleicht den Menschen bereiten werde, die mich nie verstanden, nie verstehen werden, und die ich doch so liebe!

Silvia drückte das Gesicht in beide Hände; ihr Athem ging schwer, ihr Busen hob und senkte sich ungestüm, aber keine Thränenfluth erleichterte das beklommene Herz. Tante Sara betrachtete die Gebeugte mit Blicken, die sehr wenig Sympathie, aber desto mehr Ungeduld, ja Aerger verriethen. Um ihre fest zusammengekniffenen Lippen spielte ein böses Zucken, aber ihre Stimme klang sehr weich, als sie jetzt, Silvia das Haar streichelnd, sagte: Mein armer, schöner Edelfalke, den sie so lange eingesperrt gehalten haben, daß er sich nun gar nicht an die Freiheit gewöhnen kann! Komm', setze Dich zu mir, und ich kann Dir vielleicht etwas sagen, was, wenn es Dich auch nicht tröstet – wer zöge Trost aus dem Unglück seines Nächsten? – Dir doch wenigstens zeigt, daß ich nicht blos im Blut, sondern auch in meinem Denken und Empfinden, und vielleicht auch im Schicksal Deine Verwandte bin.

Tante Sara legte ihren Arm um Silvia's Nacken. Silvia stand auf und folgte der Tante nach dem Sopha, wo sie neben derselben Platz nahm. Tante Sara ergriff ihre Hand und sagte:

Sieh', geliebtes Kind, je länger ich über Dich nachdenke und Dich, wie man denn das ja so thut, mit mir vergleiche – Dich, die in der Fülle der Jugend und der Schönheit blüht, mit mir, die Kummer und Gram vor der Zeit alt gemacht haben – je mehr entdecke ich zwischen uns Beiden die Unglückszüge, die nur durch den einen Theil unserer Familie gehen, während der andere gänzlich davon verschont blieb. Ich habe oft dem Geheimniß nachgedacht, das in der körperlichen und geistigen Verschiedenheit der Kinder eines und desselben Ehepaares scheinbar so offen am Tage und doch in seinem Grunde so unfindbar tief verborgen liegt. Bei uns Kindern ließ sich diese Verschiedenheit fast mit Händen greifen. Anton und ich, die beiden Jüngsten, hatten der Mutter dunkleres Haar und schärfere Züge, Dein Vater und Malchen die helleren Augen und die offen-gutmüthige Miene des Vaters. Vielleicht waren wir Beide auch die Begabteren, jedenfalls hatten wir, im Gegensatz zu den älteren Geschwistern, die Sehnsucht aus der engen Sphäre unseres elterlichen Hauses nach der bunten Welt, die draußen jenseits der Grenze unseres Waldes lag. Jenen genügte die Gegenwart, für die allein sie Sinn und Verständniß hatten; Anton und ich, wir träumten nur von der Zukunft, die wir uns nach unseren Wünschen ausmalten und die wir uns nach unseren Wünschen gestalten zu können wähnten. Jene nannten uns Phantasten und warfen uns vor: wir wollten oben hinaus; wir sagten dagegen: sie seien Duckmäuser und thäten allerdings besser, wenn sie bei ihrem Leisten blieben. So gab es ein Necken hinüber und herüber, und aus dem Necken wurde Hader, aus dem Hader Zank, aus dem Zank offener Krieg, in dem wir Jüngeren stets den Kürzeren zogen, um uns in Folge dessen enger und enger aneinander zu schließen. Daß so der Riß, der nun einmal durch die Familie ging, nur immer größer werden mußte, kannst Du Dir denken.

Seltsamerweise wurde in der freiherrlichen Familie dieselbe Tragödie der feindlichen Geschwister abgespielt. Auch dort waren es die Aeltesten: Karl, der Freiherr, und Fräulein Charlotte, die es gegen die Jüngeren, Joseph, den General, und Elfriede, die spätere Frau von Sonnenstein, hielten. Auch dort war die Verschiedenheit der Sinnesart und des Temperaments physiognomisch, ja selbst in der Farbe des Haares und der Augen auf's Deutlichste ausgeprägt. Braune Augen hatten alle Tuchheim'schen Kinder, wie wir blaue; aber die jüngeren hatten das dunklere, glänzendere Braun, wie Anton und ich das dunklere Blau. Der Unterschied war so merklich, daß es Jedem auffiel, und da die jüngeren sich natürlich mehr zu den jüngeren hingezogen fühlten und die älteren wieder zu den älteren hielten, nannte man jene die Lichten und uns die Dunklen, eine Bezeichnung, deren Sinn selbst noch in der Quadrille, die wir vier Paare auf dem Friedensfeste tanzten, von dem Dir Dein Vater und Deine Tante gewiß erzählt haben, in den dunkleren und helleren Schleifen Ausdruck fand.

Von diesem Abend, kann ich sagen, datirt mein und Anton's Unglück. Anton hatte sich geschworen, daß dies der letzte Tag des geschäftigen Müßigganges sein sollte, wie er das Leben zu Hause nannte, und er führte diesen Schwur aus, indem er am nächsten Tage in die weite Welt ging; ich, die ich damals siebenzehn Jahre alt war, hatte nicht minder die Einförmigkeit unseres elterlichen Hauses herzlich satt und weinte während der Tanzpausen in dem Gedanken der Trennung von Anton meine heißen Thränen. Freilich stand mir noch ein anderer Schmerz bevor. Der General, damals freilich noch ein blutjunger Lieutenant, war, als er aus Frankreich zurückkehrte, auf kurze Zeit zum Besuche auf dem Schlosse gewesen, und – ich brauche mich nicht zu schämen und schäme mich auch nicht, Dir zu gestehen – ich liebte ihn von Herzen, und er liebte mich. Auf dem Balle sagten wir es uns und sagten uns auch, daß für uns keine Hoffnung auf Erden und der erste Kuß auch der letzte gewesen sei.

Tante Sara drückte das parfümirte Tuch gegen die Augen; Silvia ergriff ihre Hand und sagte leise: Arme Tante! So jung und für immer entsagen zu müssen – das ist hart, sehr hart!

Es war hart, liebes Kind, fuhr Tante Sara fort, indem sie Silvia dankbar anlächelte; aber härter, sich grenzenlos unglücklich zu fühlen, und doch sich sagen lassen zu müssen, daß man das Unglück nur heuchle, um ein heimliches Glück nur desto sicherer zu verbergen. Niemand glaubte mir, daß ich, die Leidenschaftliche, Entschlossene, so leicht entsagen könne. Als ob nicht die Leidenschaft den Entschluß erzeugte! als ob nur die mattherzigen Menschen ein Recht hätten, tugendhaft zu sein! Leider gab Joseph durch seine Unvorsichtigkeit dem Gerede willkommene Nahrung. Seine Kraft war geringer als die meine. Nicht eben oft, aber doch je zuweilen kam er von der Kreisstadt, wo er in Garnison lag, nach Tuchheim; jeder dieser Besuche war für mich die Quelle unsäglichen Jammers. Ich sollte ihn zu kommen gebeten, ich sollte ihn nicht aus meinen Netzen gelassen, ich sollte ihm heimliche Rendezvous gegeben haben. Es war, als ob die Menschen nichts zu thun hätten, als ein armes Mädchen zu quälen; und leider muß ich Dir hier gestehen, daß Dein Vater zu denen gehörte, welche die Tyrannei, die man gegen mich ausübte, mit am weitesten trieben. Ach, ich weiß es ja, daß er, was er that, nur in seiner jugendlichen Beschränktheit, in der besten Absicht that; aber sind Thränen, die man uns in der besten Absicht auspreßt, deshalb weniger Thränen?

Man spürte mir nach, man horchte mir nach, man beobachtete mich auf Tritt und Schritt; man hätte mich am liebsten eingeschlossen. Ich war der Verzweiflung nahe. Kannst Du Dich, kann irgend ein denkender Mensch sich wundern, daß ich, das siebenzehnjährige, heißblütige Mädchen, in dieser Verzweiflung zu verzweifelten Mitteln griff? Daß ich, theils um mich der ewigen Ueberwachung zu entziehen, theils um mich zu betäuben, theils in einer Art von dämonischem Humor mit den gefährlichen Gaben, mit denen die Natur mich ausgestattet haben sollte, zu kokettiren begann? Daß ich auf den ländlichen Festen den plumpen Bewunderern die plumpen Köpfe verrückte? Daß ich die böse Nachrede, in die ich so unschuldig gekommen war, herauszufordern und zu verhöhnen begann, indem ich mich stellte, als ob ich sie verdiente? Ach, meine wilde Lustigkeit sahen die Thoren, aber die unzähligen Thränen, mit denen ich meine Triumphe bezahlte, die sahen sie nicht.

So konnte es nicht lange bleiben, wenn ich nicht wahnsinnig werden sollte. Ich gestand das Deinem Vater, der damals, nach dem Tode des Vaters, die Försterei erhalten hatte und für uns jüngere Geschwister – ich brauche Dir das nicht zu sagen – nach Kräften sorgte; und gestand ihm auch, daß ich entschlossen sei, in die Residenz zu gehen, um mir dort – so oder so – mein Brod auf ehrliche Weise zu verdienen. Er wollte nichts davon wissen. Er habe Brod genug für sich und uns; ich könne mich auf der Försterei nützlich genug machen; wolle ich durchaus nicht anders, so könne ich mir eine Stelle als Wirthschafterin oder Gesellschafterin oder Erzieherin – denn ich hatte in dem gemeinschaftlichen Unterrichte mit den Freifräulein Manches gelernt – sehr leicht irgendwo in der Nähe verschaffen. In der Nähe! Als ob es nicht gerade die Ferne gewesen wäre, in die ich strebte; nach Allem, was geschehen war, streben mußte. Wir konnten uns natürlich nicht verständigen; es kam zu einem heftigen Auftritt zwischen uns, und am nächsten Morgen war ich zu Fuß unterwegs hieher.

Du erläßt mir die Beschreibung dieser romantischen Wanderschaft; erläßt mir, Dir ausführlich zu erzählen, wie ich hier angekommen, wie ich, mit nur wenigen Thalern in der Tasche, ohne Freunde, dem Untergang rettungslos verfallen schien; wie ein Zufall mich dem alten Sonnenstein, dessen Sohn sich unterdessen mit Elfriede von Tuchheim verlobt und den ich wiederholt in Tuchheim gesehen hatte, in den Weg führte; wie der gute alte Herr sich meiner annahm und mir die Stelle einer zweiten Wirthschafterin oder Helferin der Wirthschafterin in dem Hause des Ministers von Falkenstein verschaffte.

Eine schlechtere Wahl hätte der alte Herr freilich nicht treffen können; aber doch habe ich sein Andenken immerdar gesegnet, denn einmal bin ich überzeugt, daß er gewiß nur mein Bestes gewollt hat, und sodann ist es sicher ein wahres Wort, daß dem Guten, oder dem, welcher sich gut zu sein wenigstens ernstlich bemüht, alle Dinge zum Besten dienen müssen.

Es dauerte lange, es hat jahrelang gedauert, bevor mir armem Landmädchen die Augen über die arge Welt aufgingen, in der ich so harmlos, wie ein unschuldiges Kind in der Grube des Löwen, gelebt hatte. Daß es in dem mit fürstlicher Pracht eingerichteten Hause hoch herging – ei, das wußte ich freilich – denn ich hatte Arbeit in Hülle und Fülle; aber wenn mir auch diese Arbeit wenig zusagte, es war doch Arbeit, rechtschaffene Arbeit, die rechtschaffen müde machte und mich in meinem Kämmerlein im Hinterhause sehr gleichgiltig gegen das ließ, was unterdessen in den glänzend erleuchteten Sälen des Vorderhauses vor sich ging. Ja, wenn mich einmal die Ungeduld erfaßte und ich mir sagte, daß ich zu etwas Besserem geboren sei, als mein Leben in Küchen und Speisekammern hinzubringen, dann tröstete mich immer der eine Gedanke: prosaischer hätten doch selbst diejenigen, die dich immer als eine Phantastin verschrieen und dir nachsagten, daß du stets oben hinaus wolltest, dir deine Existenz nicht einrichten können. Mag es sein, wie es will, jetzt bist du doch wenigstens sicher, nicht verkannt zu werden! Ach, ich hatte keine Ahnung, daß mir nicht einmal dieser erbärmliche Trost bleiben sollte, daß, während ich eine Buße für Sünden, die ich nie begangen, auf mich nahm, man mich schon längst für verloren ausgegeben hatte!

Joseph von Tuchheim war ungefähr um dieselbe Zeit, als ich das Forsthaus für immer verließ, hierher versetzt worden. Natürlich mußte Alles ein zwischen uns abgekartetes Spiel sein, trotzdem ich ihn die vier oder fünf Jahre, die ich nun bereits im Hause des Ministers war, kein einziges Mal gesehen hatte. Aber das war das Wenigste; ich mußte an dem freien Leben, das man im Hause des Ministers führte, theilnehmen; ja man machte mich womöglich dafür verantwortlich. Ich will Deine keuschen Ohren nicht mit Allem, was man mir nachsagte, beleidigen. Durch einen Zufall erfuhr ich, für was ich in den Augen der Leute galt. Jetzt sah ich freilich, was eine Klügere schon längst gesehen haben würde, daß das Haus des Ministers allerdings kein gutes Haus war; – aber ein starker Geist wie der Deine wird das verstehen – jetzt kam der Trotz über mich; jetzt wollte ich die Welt, die mich nun einmal durchaus aufgegeben hatte, brüskiren, nicht dadurch, daß ich schlecht wurde wie mein Ruf, sondern durch eine zur Schau getragene Gleichgiltigkeit gegen dieses sinnlose, grausame, blinde Urtheil der Welt. Mochten sie sagen, mochten sie denken, was sie wollten – ich blieb, was ich war – mir blieb ich es, und das war mir von jetzt an genug.

So vergingen Jahre. Endlich kam die Katastrophe. Die unheilbare Krankheit, an welcher der Minister langsam dahinsiechte, trat plötzlich in ein letztes schreckliches Stadium. Seine treulosen Freunde blieben aus; die habgierigen Diener rafften zusammen, was sie erraffen konnten, und machten sich davon; die Maitressen, die er reich gemacht hatte, ließen sich nicht mehr blicken; der Unglückselige war den Händen roher Krankenwärter überantwortet, die, da Niemand sich um ihn bekümmerte, ihn elend verkommen ließen. Da that ich, was mich mein Herz, was mich die Nächstenliebe thun hießen. Ich setzte mich an das Bett des Kranken, Sterbenden, den Alles floh. Ich hätte es gethan, hätte der beste Ruf für mich auf dem Spiele gestanden; warum denn nicht jetzt, wo ich keinen Ruf mehr zu verlieren hatte? Sie haben mich seine Maitresse genannt, dachte ich, wo Hunderte mir den Platz beneidet hätten; jetzt will ich es sein, wo er Niemanden mit all seinem Geld für den Platz mehr kaufen kann.

Tante Sara schwieg und blickte sinnend vor sich nieder; Silvia, die sehr bewegt war, nahm die Hand der Tante und drückte sie an die Lippen. Tante Sara lächelte.

Ich danke Dir, mein Kind; der Kuß von so reinen Lippen wäre ein süßer, ausreichender Lohn für das, was ich gethan, selbst wenn ich meinen Lohn in der Münze dieser Welt nicht schon längst empfangen hätte. War es doch, als wollte das Schicksal mich ohne mein Zuthun erheben, wie es mich ohne mein Zuthun erniedrigt hatte.

Das Ende des unglücklichen Mannes nahte heran. Der verstorbene König, der ihm in den letzten Jahren seine Gnade entzogen hatte, erinnerte sich der Dienste, die der Minister in besseren Jahren seinem Hause geleistet, und wie er ihm einst ein gar gnädiger Herr gewesen war. Eines Tages kam er ganz unversehens, um von dem ehemaligen Freunde Abschied zu nehmen. Er hatte keine Ahnung gehabt von dem Entsetzlichen, das ihn erwartete; sprachlos stand er da, schaudernd wendete er sich ab, schaudernd winkte er mir, ihm zu folgen. Er fragte mich aus; ich hatte weder etwas zu verhehlen, noch etwas hinzuzufügen, ich sagte ihm die reine Wahrheit. Er notirte sich Manches, nickte, sagte in seiner kurzen, soldatischen Weise, er würde an mich denken, und ging.

Der Minister starb. Ich sorgte dafür, daß man ihn nicht wie einen Hund begrub; dann ging ich still aus dem verödeten Hause – nicht so reich, wie mir die Verleumdung, die sich natürlich wieder an meine Fersen heftete, nachsagte, aber doch auch nicht so arm, wie ich gekommen. Der Minister hatte mir noch kurz vor seinem Tode in einer Dankbarkeit, die vielleicht nicht übertrieben war, ein Jahrgeld für die Zeit meines Lebens ausgesetzt. Es war nicht viel, aber ausreichend, um mit den geringen Ansprüchen, die ich machte, recht wohl leben zu können. Ich hatte es längst aufgegeben, auf das Urtheil der Welt noch einen Werth zu legen. So wohnte ich denn allein, ganz dem Studium der neueren Sprachen, die ich liebte, der Uebung der Künste, in denen ich mich nicht ohne allen Erfolg versuchte, hingegeben, und in dem Umgang mit Personen, die Geist genug hatten, sich über die engen Vorurtheile wegzusetzen, Entschädigung suchend und zum Theil findend für das Familienglück, das ich entbehren mußte.

Unter den geistvollen Personen, die ich in meinem kleinen Salon sah, war auch der General, damals Major von Tuchheim. Er hatte, obschon er mit dem Minister sehr befreundet war, meinen Entschluß respectirt und keinerlei Versuche gemacht, sich mir zu nähern. Jetzt kam er; aber wie ich bald erfuhr, in einer besonderen Mission. Man suchte für das schwächliche, geistvolle prinzliche Kind eine Dame, die Krankenpflegerin, Gespielin, Lehrerin zugleich sein könnte. Der König hatte sich meiner erinnert, seine Wahl war auf mich gefallen. Der General – ich meine der Major – er hatte sich unterdessen verheirathet und war glücklich in seiner Ehe; die Männer haben in Herzensangelegenheiten ein kürzeres Gedächtniß als wir Frauen, liebes Kind – der Major rieth mir, die verantwortliche Stelle anzunehmen. Nach einigem recht sehr erklärlichen Sträuben that ich es, und – meine Geschichte ist zu Ende, liebes Kind, denn das Uebrige weißt Du selbst, siehst Du selbst. Du weißt, daß ich dem Kinde eine Mutter gewesen bin – Du siehst, mit wie königlicher Dankbarkeit er meine für ihn durchwachten Nächte, meine täglichen Sorgen belohnt hat. Und was ist dieser äußere Erfolg gegen die süße Befriedigung, die mir die Ueberzeugung gewahrt, daß ich in aller Stille und Verschwiegenheit – warum soll ich Dir es nicht sagen – des Guten gar Vieles habe wirken können! Des Königs Gemüth ist wie eine reich besaitete Harfe, aber man muß die rechten Saiten zu berühren wissen. Das versteht Niemand, weder die Königin, seine Gemahlin – eine vortreffliche Dame, die der geistvolle Monarch aber zu weit übersteht – noch irgend Einer seiner officiellen Umgebung. Er leidet, wie wohl nur ein König leiden kann, unter dieser geistigen Vereinsamung; er, der, wenn je ein Mensch, nach Menschen schmachtet. Und weil er in mir einen einfachen, ehrlichen Menschen gefunden zu haben glaubt, vielleicht gefunden hat, deshalb hält er zu mir mit einer Treue, die unter diesen Umständen nicht blos rührend, sondern geradezu erhaben ist. Aber schon längst habe ich gefühlt, daß ich ihm nicht mehr das sein kann, was ich ihm gern sein möchte. Meine Kränklichkeit, meine Gebrechlichkeit machen mir es oft unmöglich, ihm mit jener geistigen Frische zu begegnen, die für ihn, der sich eben in meinem Umgang erholen will, nothwendig ist. Der gestrige Abend hat mir bewiesen, wie wenig ich mich noch auf mich verlassen kann, wie sehr ich der Schonung bedarf, wenn der Rest der Kraft, die mir noch blieb, nicht vor der Zeit erschöpft werden soll. Eine jüngere Freundin sollte an meine Stelle treten, die den unermeßlichen Schatz der Freundschaft eines Königs mit eben so reinen, eben so treuen, aber kräftigeren Händen hütete. Und vielleicht kann eine Frau – so sehr ihn auch, den im schönsten Sinne des Wortes frauenhaft Gesinnten, das ewig Weibliche anzieht und hinanzieht – nicht Hüterin, die alleinige Hüterin dieses Schatzes sein. Ein König hat gar Vieles zu erwägen, zu beschließen, auszuführen, was eine Frau, und wäre sie auch die geistreichste, nicht versteht, wobei ihm nur ein Mann zu rathen und zu helfen vermag. Ich will dem Gedanken, den wir Beide jetzt in der Seele hegen, liebes Kind, keinen Ausdruck geben. In großen Dingen ziemt dem edleren Menschen eine ehrfurchtsvolle Scheu, auch nicht einmal mit der Rede dem Erwarteten, Erhofften vorzugreifen. So wollen denn auch wir dem klugen Schatzgräber gleichen, der nicht seitwärts und nicht rückwärts sieht, der sich durch die fälschlich warnenden Stimmen nicht äffen und nicht abschrecken läßt, still und thätig das zu thun, was ihm zu thun obliegt. Und nun, liebes Kind, nachdem Du der Alten Plaudereien so geduldig zugehört hast, thu' ihr den Gefallen und mache mit ihr eine kleine Erholungspromenade durch die Zimmer.

Tante Sara erhob sich. Silvia bot ihr den Arm und führte die Gebrechliche mit liebevoller Sorgsamkeit. Sie hatte sich vom ersten Augenblicke zu der interessanten Dame hingezogen gefühlt; jetzt empfand sie Ehrfurcht vor dieser Frau, die so viel gelitten, so Großes gethan hatte und mit einer solchen Einfachheit von ihren Verdiensten sprach. Die kurzen, lügenhaften Bruchstücke, die ihr Sara aus der Geschichte ihres Lebens mitgetheilt, waren der Arglosen einzelne Accorde aus einer großartigen Symphonie gewesen, die sie nun mit nachschaffender Phantasie in Verbindung zu bringen suchte und in ihrem Sinne weiter ausführte. Tante Sara ihrerseits schien von dem tiefen Eindrucke, den ihre Erzählung auf das junge Mädchen gemacht hatte, keine Ahnung zu haben. Sie plauderte scheinbar harmlos weiter, während sie ihre Nichte durch alle Räume der Wohnung führte, selbst in die Küche, in der es wie in einem Schmuckkästchen aussah und in der, wie Sara erzählte, auch nicht eigentlich gekocht werde, da sie ihre Mahlzeiten aus der königlichen Küche erhalte; in das Zimmer, das für die Gesellschafterin des Fräuleins bestimmt war und nun leer stand, nachdem die letzte Bewohnerin – ein schönes, liebes Mädchen, das Tante Sara sehr geliebt und dem sie die kostbare Aussteuer bereitet hatte – kurz vor dem bereits festgestellten Hochzeitstage gestorben war; in die anderen Zimmer, die Silvia bereits gesehen hatte und doch jetzt erst eigentlich kennen lernte. Tante Sara erwies sich vor den Kunstschätzen, die diese Räume in fast verschwenderischer Fülle bargen, als eine geschmackvolle Kennerin. Sie wußte genau, auf welchen Punkt man sich stellen mußte, um dies oder jenes Gemälde, diese oder jene Statue richtig zu sehen; sie holte ihre Mappen hervor und zeigte Silvia, worauf es bei einem Kupferstiche ankomme; sie ließ Silvia ihre Skizzenbücher sehen, die ein nicht gewöhnliches Talent verriethen.

So vergingen die Stunden, und Silvia erschrak, als gegen vier Uhr Lisette erschien, zu melden, daß servirt sei. Tante Sara bemerkte den Ausdruck auf Silvia's Gesicht; sie sagte aber nur: wir müssen eben Geduld haben.

Nach der Mahlzeit, die sehr schnell beendigt wurde, da Tante Sara stets nur wenig Appetit zu haben behauptete und Silvia vor Aufregung kaum einen Bissen genießen konnte, schlug Tante Sara ein Spazierfahrt vor, aber mit heruntergelassenen Gardinen, – denn ich habe gestern bemerkt, liebes Kind, daß Dir in Deiner augenblicklichen Stimmung der Anblick so vieler Menschen unbehaglich ist, und auch ich möchte für mich alle Aufregung vermeiden, da ich Dir nur gestehen muß, daß sich bei mir die ersten Anzeichen von einer Migräne bereits wieder zu melden beginnen.

Diesmal sprach Tante Sara nicht die Unwahrheit. Sie, die sonst den Vormittag mit einem französischen Roman in der Sophaecke zu verdehnen oder mit ihren Besuchern zu verplaudern pflegte, fühlte sich heute, wo sie so viel ernsthafte Dinge hatte sprechen müssen, sehr angegriffen, ja bereits unwohl, und fürchtete – was sie allerdings bei jedem Unwohlsein that – ernstlich krank zu werden. Sie ließ sich denn auch von Silvia, die ihre Hinfälligkeit wohl bemerkte, leicht bereden, die Spazierfahrt für heute lieber aufzugeben, und der Wagen, der bereits im Schloßhofe hielt, wurde wieder weggeschickt. Tante Sara bat dann, ihr etwas vorzulesen, da sie nicht schlafen könne und die Lectüre ihre aufgeregten Nerven beschwichtigen werde. Sie wählte »Wilhelm Meister's Lehrjahre.« Silvia begann, und Tante Sara lehnte sich in ihre Sophaecke zurück.

Sie hörte wenig oder nichts von dem, was Silvia las; sie hatte sich um ganz andere Dinge zu bekümmern, als um die Liebesfreuden und Leiden des enthusiastischen Kaufmannssohnes. Bis jetzt war Alles, so weit sie es selbst hatte in die Hand nehmen können, vortrefflich – über ihre kühnsten Erwartungen gut gelungen. Sie hatte Silvia nicht zum ruhigen Nachdenken über ihre Situation kommen lassen, sie aber immerfort in Spannung erhalten, ihr vor allen Dingen eine möglichst günstige Meinung von sich selbst beibringen wollen. Sie konnte nach allen Seiten hin mit ihren Erfolgen zufrieden sein. Nur das Eine machte ihr schwere Sorge: Silvia war auf den Brief des Vaters, demzufolge sie noch heute, spätestens heute Nacht, nach Tuchheim abreisen mußte, mit keinem Worte zurückgekommen. Hielt sie es für selbstverständlich, daß sie reisen müsse, und sprach sie deshalb nicht davon? Oder umgekehrt, hatte sie bei sich selbst schon beschlossen, nicht zu reisen, und scheute sich nur, diesem Entschlusse Ausdruck zu geben? Unter allen Umständen war das entscheidende Wort noch nicht gesprochen, die Partie war noch nicht gewonnen.

Aber der General? Hatte er seine Karten gut gespielt? Er pflegte leicht einen Schnitzer zu machen, wenn man ihm nicht über die Schulter sah. Hatte er dem Könige Silvia's Brief gegeben? Was hatte der König geantwortet? Sehr gut konnte die Sache wohl nicht stehen, sonst würde er jetzt nach Verlauf von so viel Stunden wohl schon Nachricht gegeben haben. Oder stand die Sache so schlecht, daß er gar nicht Nachricht zu geben wagte?

So peinliche Erwägungen besserten Tante Sara's Zustand keineswegs. Ihre Schläfen schmerzten ihr mit jedem Augenblicke heftiger. Mit fieberhafter Ungeduld erwartete sie Lisette, welche den Auftrag hatte, eine etwa vom General einlaufende Botschaft ihr nicht in Gegenwart Silvia's zu bringen. Endlich erschien Lisette in der Thür und fragte, ob das Fräulein nach ihr geschellt habe. Das Fräulein hatte nicht geschellt, aber, als Lisette das Zimmer verlassen, fiel ihr ein, daß sie dem Mädchen noch einen Auftrag zu geben habe. Sie ging in das Schlafzimmer und erbrach eilig das Billet des Generals, das Lisette ihr schon entgegenstreckte. Der alte Narr! Mußte er nun auch heute der von den beiden Verbündeten angenommenen Gewohnheit, sich sehr wichtige Dinge nur in der Einkleidung eines für Uneingeweihte unverständlichen Bildes mitzutheilen, treu bleiben? Was sollte dies heißen: »Das Wetter ist vortrefflich, noch heute Abend wird das Zusammentreffen des Mondes und des Jupiter, nach dem Sie sich erkundigen, stattfinden, und gerade über meinem Hause culminiren. Es soll für Alle, die, wie wir und Ihre liebenswürdige Nichte, das Schauspiel noch nicht beobachtet haben, in jeder Beziehung eine glänzende Ueberraschung sein. Sie werden heute Abend Gelegenheit haben, den Schöpfer so großer Herrlichkeiten, den Herrn Herrn zu loben.«

Sara's Kopf war heute nicht so klar wie sonst. Sie mußte das Billet noch einmal lesen, bevor sie den Sinn erfaßte. War es möglich? Schon heute Abend sollte Leo den König sprechen? Und in dem Hause des Generals? Und was bedeutete der letzte Satz? Wir sollen heute Abend Gelegenheit haben, den Schöpfer so vieler Herrlichkeiten, den Herrn Herrn, also den König, zu loben – das heißt: er wird kommen, wird uns glänzend überraschen. Uns? Vielleicht kommt es ihm mehr auf die liebenswürdige Nichte, als auf mich an. Er ist gestern gar nicht ungehalten gewesen, sie allein zu finden; er wird auch heute nicht ungehalten sein.

Sara's Entschluß war gefaßt. Sie kehrte zu Silvia zurück.

Silvia, Silvia! O Gott! Die Glieder fliegen mir! Er ist gerettet! Soeben schreibt mir's der General! Der König will uns heute Abend selber die frohe Botschaft bringen; es soll eine Ueberraschung für uns sein. Aber der General that recht daran, es uns zu melden. Von Königen darf man sich nur zum Schein überraschen lassen; aber Mädchen, wie ist Dir denn?

Silvia hatte sich bei den ersten Worten Sara's erhoben, bleich, mit großen, starren Augen, dann war sie wieder in den Stuhl zurückgesunken und hatte sich das Gesicht mit den Händen bedeckt Ihr ganzer Körper zitterte. Die gewaltsame Spannung, in der sie alle diese Stunden hingebracht hatte, machte sich in krampfhaftem Schluchzen Luft.

O Gott, jammerte Tante Sara, wenn Dich der Muth und die Kraft verlassen, was soll aus uns werden? Meine Kraft ist gebrochen. O!

Sara ließ sich auf das Sopha sinken. Silvia kniete bei ihr nieder.

Nein, nein! Muth und Kraft haben mich nicht verlassen, Tante! Es war nur die Freude, das Entzücken. Nun ist es wieder gut. Du Gute, Edle! Du sollst nicht Alles allein auf Dich nehmen. Du sollst sehen, daß ich stark bin, daß ich Dir im Blut und im Geist verwandt bin. Du hast nun genug für ihn, für mich, für uns gesorgt; jetzt laß mich auch einmal für Dich sorgen und vertraue mir das Uebrige.

Ich will es, sagte Tante Sara, ich müßte es, selbst wenn ich es nicht wollte; ich kann nicht mehr.

Sara's Unwohlsein hatte in der That einen ziemlich hohen Grad erreicht, sie brauchte nicht mehr wie gestern die Kranke zu spielen. Auch hatte sie heute, nachdem Silvia sie mit Lisetten's Hilfe zu Bette gebracht hatte, durchaus nichts dagegen, daß nach dem Hofarzt, Geheimrath Weber, gesendet wurde, der denn auch nach kurzer Zeit kam, eine Medicin verschrieb und die größte Ruhe empfahl.

Sie sind eine Verwandte unserer lieben Patientin, mein werthes Fräulein? fragte der Geheimrath, als ihn Silvia in das nächste Zimmer begleitete.

Ja.

Und zu einem längeren Besuche hier, wie ich vermuthe?

Ja, erwiederte Silvia zögernd.

Nun, das trifft sich ja herrlich, ich meine für unsere liebe Patientin, die wohl einige Tage das Bett wird hüten müssen, und ja nun der sorgsamsten Pflege gewiß ist. Ich habe die Ehre, mich Ihnen ganz gehorsamst zu empfehlen.

 << Kapitel 16  Kapitel 18 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.