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In Reih' und Glied. Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: In Reih' und Glied. Zweiter Theil - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleIn Reih' und Glied. Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunSechste Auflage
year1883
firstpub1866
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130715
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Fünfzehntes Capitel.

Der König stand, als der General und Leo eintraten, an einem Tisch in der Mitte des Salons und blätterte in einem Album. Er blickte mit zusammengekniffenen Augen scharf dem Eintretenden entgegen, senkte dann aber sofort den Blick wieder auf das Album und blätterte weiter, bis die beiden Männer in einiger Entfernung vor ihm stehen geblieben waren. Dann erst hob er das Haupt, legte das Album hinter sich auf den Tisch und sagte: Ach, da ist ja unser junger Freund aus dem Forsthause zu Tuchheim, an dem ich ein schweres Unrecht wieder gutzumachen habe und, Dank meiner lieben Sara Gutmann und meinem würdigen Freunde hier, wieder gutmachen kann. Wir haben uns ja schon einmal bei den Händen gehabt, lieber Doctor; so nehmen Sie denn noch einmal meine Hand und damit die Satisfaction, die ich Ihnen bieten kann.

Der König reichte Leo lächelnd die Hand und wendete sich dann zu dem General:

Ich kann es nicht verantworten, lieber Tuchheim, daß Ihre liebenswürdige Tochter meinethalben ganz ohne Gesellschaft bleiben soll. Ich habe eine Viertelstunde für unseren jungen Freund – die Zeit der Könige fliegt, lieber Doctor, während die anderer Leute nur stürzt – dann hoffe ich Sie wieder zu sehen, lieber Tuchheim.

Der General verbeugte sich und ging. Der König nickte ihm freundlich nach; dann wendete er sich mit Lebhaftigkeit zu Leo und sagte:

Nun möchte ich aber aus Ihrem eigenen Munde hören, wie Sie eigentlich in dieses Rencontre mit meiner Staatsanwaltschaft, aus dem ich Sie nicht ohne einige Mühe befreit habe, gekommen sind? Was wollten Sie, was wollten die Leute?

Ich wollte zu Ihnen, Majestät; die Leute wollten mich nicht durchlassen, und da sie für den Augenblick die Stärkeren waren, behielten sie natürlich Recht.

Natürlich? Warum natürlich? Das sollte gar nicht natürlich sein.

Aber es ist, Majestät, und ist ganz besonders natürlich. Mir ist aus meinen naturwissenschaftlichen Studien kein Fall erinnerlich, wo es sich anders verhalten hätte.

Ja, in der Naturwissenschaft, da mag das gelten; da mögen Macht und Recht identisch sein; aber wir sprechen hier nicht von der Natur, sondern vom Staate.

Der doch auch ein Stück Natur ist, Majestät!

In dem Munde der Naturrechtsphilosophen; aber in der Wirklichkeit sieht das verteufelt anders aus, mein Lieber. Sie selbst sind ja ein lebhaftes Beispiel. Man hat Sie sans façon eingesteckt, trotzdem Sie sich darauf köpfen lassen würden, daß Sie Recht hatten, und nicht die, welche Sie einsteckten.

Verzeihen Majestät, ich sagte schon, daß meine Gegner Recht behielten, folglich war ich im Unrecht, im bittersten Unrecht, und ich hätte eine viel härtere Strafe verdient. Ein Politiker, der sich in seinen Mitteln verrechnet, ist wie ein Kaufmann, der falsch speculirt. Der Mann mag ein sehr ehrlicher Mann sein, und doch kann ihn in diesem Fall all seine Ehrlichkeit nicht vor dem Bankerott schützen.

Der König machte eine ungeduldige Bewegung.

Sie haben mir noch immer nicht gesagt, was Sie von mir wollten!

Ich wollte Ihnen die Tuchheimer Arbeiterdeputation zuführen, Majestät.

Zu welchem Zweck?

Damit Majestät Die von Angesicht zu Angesicht sehen, auf die sich meiner Meinung nach die Majestät stützen muß, wenn das Recht, ich meine die Macht, die jetzt noch bei der Majestät wohnt, sich nicht bald in Unrecht, das heißt in Ohnmacht verwandeln soll.

Sie sind ein Schwärmer, lieber Freund; diese Verquickung des gesalbten Königthums und der ungesalbten Menge – das ist ein Utopien.

Bis ein geistvoller Monarch das Ei des Columbus hinstellt.

Louis Philippe hat es versucht. Das Ei hat nicht lange gestanden.

Weil er demselben die Basis nicht breit genug gemacht hatte. Mit einem Bürgerkönig ist es freilich nicht gethan.

Sie wollen mich doch nicht gar zu einem Bauern- oder Arbeiterkönig machen?

Wenn ich es könnte, Majestät, ja! Aber das kann ich nicht. Dazu können Sie sich nur selbst machen.

Der König nahm sein Lorgnon und blickte Leo scharf an. Die eigenthümliche, von Anmaßung wie von Schüchternheit gleich weit entfernte Ruhe, mit der Leo Alles, was er sprach, vorbrachte, fing an, ihm unbequem zu werden, während er doch die entschiedene Absicht gehabt hatte, seinerseits durch geistreiche Sicherstelligkeit zu glänzen. Jetzt erregte Leo's dunkles Gesicht mit den stolzen, ernsten Zügen sein künstlerisches Interesse.

Wie meinen Sie das? fragte er, oder vielmehr wie kann ich das? Aber setzen wir uns doch! Sie haben freilich ein paar Tage hinter einander gesessen, aber l'apétit vient en mangeant. Wie soll ich das also anstellen?

Die Antwort, Majestät, fürchte ich, dürfte so lang werden, als die Frage kurz ist, erwiederte Leo, indem er dem Winke des Königs folgend, auf einem Stuhle Platz nahm.

Nun, so zeigen Sie mir wenigstens eine Klaue, wenn ich den ganzen Löwen nicht zu Gesicht bekommen kann. Wie den Leuten wirklich helfen? Da liegt der Hase im Pfeffer! Es geht ihnen zum Theil schlecht genug, ich glaube das recht gern; indessen, so ist es gewesen, seitdem die Welt steht. Ja, sehr wahrscheinlich befinden sie sich jetzt durchschnittlich besser, als zum Beispiel im Mittelalter; aber die Begierden sind schneller gewachsen, als die Mittel, sie zu befriedigen. Machen Sie mir die Menschen wieder schlicht und bescheiden wie damals; machen Sie, daß die Menschen sich wieder andächtig jenem Höchsten zuwenden, das über ihren Geschicken waltet und sich seine Diener und Werkzeuge auf Erden auserwählt; geben Sie ihnen mit einem Worte die Frömmigkeit und den Glauben wieder – und es wäre eine Lust, König zu sein, wie es jetzt eine Qual ist, die freilich wohl nur von den tiefsten Geistern begriffen werden kann.

Der König war mit der letzten Phrase sehr zufrieden; überhaupt gefiel ihm die Unterhaltung, in welcher von beiden Seiten mit gleicher Gewandtheit und Schlagfertigkeit gesprochen wurde; er verglich diese Conversation mit einem Violinenduett, das er gestern Abend im Salon der Königin gehört hatte; er war neugierig, zu vernehmen, was Leo nun erwiedern würde. Leo sagte:

Diese Frömmigkeit und dieser Glaube, die Majestät mit den Stadtmauern und den Waldeinsamkeiten des Mittelalters verschwunden glauben – sie leben noch heute in den Gemüthern der Menschen, wenn auch die Formen, in welchen sie sich äußern, sich verändert haben. Und selbst diese Veränderung ist nicht einmal so groß. Oder worin unterscheidet sich eine Schaar frommer Pilger, die singend das Land durchzieht nach einem Heiligenbilde, zu dem sie in ihrer Noth beten wollen, denn so sehr von einer Deputation armer Arbeiter, die vielleicht zum erstenmale in ihrem Leben ihr Heimathsthal verlassen, um nach ihrem Könige zu wallfahren, zu dem sie das feste Vertrauen haben, er werde sie aus ihrem Elend erretten?

Leo, dessen Augen unermüdlich fest an den beweglichen Mienen des Königs hingen, bemerkte wohl den Eindruck, den dieser Vergleich auf die romantische Phantasie desselben gemacht hatte. Er fuhr, ohne ihm Zeit zur Ueberlegung zu lassen, in eindringlicherem Tone fort:

Aber die Bourgeois, auf die sich Louis Philippe von Orleans stützen wollte, die Bourgeois, die ihren Wohlstand und ihren Reichthum mit ihrem moralischen und intellectuellen Bankerott bezahlt haben – sie sind es nicht, bei denen man noch Glauben und Frömmigkeit oder überhaupt eine sittliche Regung, einen großen Gedanken suchen darf. Sie sind dem steinigen Felde vergleichbar, an dem der kluge Säemann, ohne sich aufzuhalten, vorübergeht. Der gute Acker, in welchen er die goldene Saat der Zukunft streut, damit sie fröhlich aufgehe und Frucht bringe hundert- und tausendfältig – das sind eben die Armen und Elenden – diese mit dem Schweiß und dem Blut der Jahrhunderte gedüngte Brache voll unermeßlicher Kraft. Ich bin ein Bauernkind, Majestät; ich bin zwischen den niedrigen Wänden einer Bauernstube, zwischen den dornigen Hecken einer Dorfgasse groß geworden; hernach habe ich als Arzt vielfach Gelegenheit gehabt, den kleinen Mann in der drückenden Enge der Straßen einer volkreichen Stadt, in Keller- und Mansardenwohnungen kennen zu lernen. Welche Frömmigkeit, Majestät, habe ich hier gefunden! Welchen tiefen, leidenschaftlichen Drang nach dem Höchsten! Welch heiligen Glauben an eine Kraft, die, alle Kraft des Einzelnen überragend, das Ganze trägt und hält! an eine Weisheit, welche, erhaben über die individuelle Klugheit, die nur für die Befriedigung des Bedürfnisses sorgt, immerdar das Gemeinwohl im Auge behält und verwirklicht! O, Majestät, wahrlich, es ist kein kleiner Gedanke, ein Bauern- und Arbeiterkönig zu sein! Ich könnte mir vorstellen, daß ein genialer Fürst, der den edlen Ehrgeiz hätte, in den Reihen seiner gekrönten Brüder wie ein hellleuchtender Stern durch die Ewigkeiten zu glänzen, gerade diesen Gedanken mit der ganzen Kraft seines klaren Geistes, mit aller Leidenschaft seines reichen Herzens zu verwirklichen strebte.

Ob aber auch verwirklichen könnte! das scheint mir die wichtige Frage, rief der König mit einem Eifer, welcher verrieth, wie lebhaft eine verwandte Saite in seiner Seele berührt war; ich will Ihnen gern zugeben, daß dieses ganze moderne Constitutionswesen nimmermehr im Stande ist, den tiefen und unabweislichen Bedürfnissen des Volkes zu genügen; aber es hat nun einmal den schlimmen Geist der Zeit für sich, der von der natürlichen Gliederung der Stände nichts wissen will. Ohne Concession an die geldstolzen Krämer geht es nun einmal nicht mehr.

So werden auch die Herrscher des Mittelalters gedacht haben, wenn sie ihren übermüthigen Baronen und Grafen Freiheiten und Privilegien aller Art einzuräumen genöthigt waren.

Der König lachte.

Nun, das heißt unseren Bankiers und Cotton-Lords denn doch ein wenig zu viel Ehre anthun!

Ich weiß nicht, Majestät, ob sich die Parallele nicht noch weiter ziehen läßt. Der Cotton-Lord ist der Bannerherr der Neuzeit; seine Fabrik ist seine Veste, der Maschinensaal seine Rüstkammer. Rings um die Fabrik entstehen Hütten, die zu Dörfern, zu Städten wachsen, wie im Mittelalter sich die Flecken an die Burgen anlehnten. Wie der Feudalherr jener Zeit über seine Vasallen und Hörigen gebot, ihre Kräfte gebrauchen und mißbrauchen konnte, wie es ihm beliebte, so müssen jetzt dem Fabrikherrn seine Arbeiter frohnden; er drückt ihnen das Joch so fest auf den Nacken, wie es ihm beliebt. Wer kann dem Mächtigen widerstehen, als wer noch mächtiger, das heißt, noch reicher ist? Das Faustrecht ist zum Geldrecht geworden, eine immerwährende wüste Fehde um Mein und Dein, die kein Gottesfriede jemals unterbricht. Und das Recht der Faust war dem gehudelten, an die Scholle gehefteten Sclaven des Mittelalters noch unendlich günstiger, als das Recht des Geldes dem Arbeiter der Jetztzeit ist. Arm und elend, wie jener war, einmal kam doch vielleicht die Stunde, wo das Recht, unter dem Beide, Herr und Knecht, standen, das heißt die Macht auf seiner Seite war, wo er Mann gegen Mann dem Dränger gegenüberstand und Rache nehmen konnte für Alles, was er gelitten. Wann kommt diese Stunde je für den modernen Sclaven, den Fabrikarbeiter? Die Rache ist mein, spricht das Gesetz, aber es hat keine Rache für den Frevler, es leiht ihm im Gegentheil den schützenden Arm; es giebt ihm sicheres Geleit auf seinen Zügen; es baut ihm Schienenwege durch öde Haiden, es überbrückt ihm die Ströme, es dampft ihn über den Ocean, es trägt sein Commandowort mit der Schnelligkeit des Blitzes von einem Ende der Welt zum andern. Hinterher sichert es ihm den unbedingten Besitz seines Raubes und häuft ihm Zins auf Zins des mit dem Schweiß und dem Blut der Armuth gewonnenen Kapitals.

Des Königs bewegliche Züge zeigten die Theilnahme, mit welcher er Leo's Schilderung gefolgt war. Er rieb sich die Hände und rief leise: Sehr gut, sehr gut! als ob ihm eine schöne Arie von einem ausgezeichneten Sänger zu seiner Zufriedenheit vorgetragen würde. Dann, als Leo schwieg: Weiter, weiter! Sie haben mir noch nicht Alles gesagt, oder vielmehr, Sie sagen ja nur, was ich auch gesagt habe, daß die geldstolzen Krämer das Recht oder, wie Sie sagen, die Macht für sich haben. Wer soll sie brechen, diese Macht?

Der natürliche Schirmherr der Armen und Elenden. Wie der Regulator in einer Maschine die einzelnen Räder, die, wenn sie sich selbst überlassen waren, sich gegenseitig zerreiben und zermalmen würden, in ihrem tollen Umlauf hemmt und regelt, so muß eine Macht existiren, welche die einzelnen Stände des Volkes gegeneinander balancirt, daß keiner auf Kosten des Andern sich nähren, keiner den Andern schonungslos ausbeuten kann. So oft dieses Gleichgewicht, auf das Alles ankommt, das die Gesundheit des Staatsorganismus ist, gestört wird, sei es durch das Uebergewicht dieser oder jener Seite, so findet eben ein Appell statt an die Macht, die der Inbegriff und die Personification der Ganzheit ist: an die königliche Macht. Dann ist es der höchste Ruhm des Herrschers, wenn ihm Ohr und Herz für den Nothschrei seines Volkes erschlossen waren, wie sie die Unglücklichsten unter den gekrönten Häuptern sind, die diesen Ruf mißkannten oder mißachteten. Majestät! das erlauchte Haus, aus dem Sie entsprossen sind – weshalb ist es so groß geworden und so machtvoll, als weil seine Söhne immerdar dem Herzschlag ihres Jahrhunderts lauschten und so im Stande waren, der nach Verwirklichung ringenden Idee Form und Gestalt zu geben! Majestät! Ihre Vorfahren waren es, die, als der freche Uebermuth jener stolzen Ritter von der Faust keine Grenzen mehr kannte und das arme Volk gar in den Staub getreten war, die schützende Hand breiteten über das arme Volk und die Burgen jener stolzen Ritter brachen. Wenn dem Enkel jener großen Fürsten nun eine noch größere, weil unendlich complicirtere Aufgabe gestellt wäre, der er sich nicht entziehen kann, weil es eben seine Aufgabe ist; wenn dieser Enkel das Geldrecht vernichten müßte, wie Jene das Faustrecht, und so die letzte und furchtbarste Form der Sclaverei, die je auf Erden geherrscht hat, zerstörte – unsere Sprache hätte keinen Ausdruck für den Dank, den ihm sein Volk, den ihm die Menschheit zollen würde; in dem Pantheon aller Zeiten wäre kein Platz erhaben genug für ihn!

Vortrefflich, ganz vortrefflich! rief der König, magnifique! Sie müssen mir in die Kammer gewählt werden! Früher las ich wohl noch hie und da eine Rede – aber ich mußte es aufgeben: Worte, Worte! nichts als Worte! Mit Ihnen käme doch einmal ein geistreicher Mensch hinein; aber die Leute würden erschrecken, sehr erschrecken – ein Geist hat sich in dem hohen Hause bis jetzt noch nicht sehen lassen. À propros des hohen Hauses. Das ist nun so, um in Ihrem Bilde zu bleiben, eine Zwingburg der modernen Raubritter. Was soll ich – die Frage interessirt mich, da ich sie in den nächsten Tagen ebenfalls beantworten muß – mit meinen Lieben, Getreuen machen?

Sie sitzen ja beinahe sechs Monate, Majestät; da ist es wohl die höchste Zeit, daß sie einmal gehen; und daß die Kammer nicht im Stande ist, die Arbeiterangelegenheit zu ordnen, ja nicht einmal die Hand dazu reichen will, hat sie ja durch ihren Beschluß vom Fünfzehnten klar bewiesen. Die Angelegenheit ist jetzt an die höchste Instanz zurückgelangt und wird jetzt in letzter Instanz entschieden werden.

Das wäre aber so recht was für unsere Radikalen, die schon seit wer weiß wie lange auf diesem Pferde herumreiten.

Aber ohne von der Stelle zu kommen, Majestät! Indem Majestät die Sache selbst in die Hand und damit den Radicalen ihr einziges Agitationsmittel nehmen, setzen Sie nicht blos diese Leute auf den Sand, sondern eben so gut auch die Liberalen, die ja gleichfalls aus diesem Boden und nur aus diesem ihre Lebenskraft saugen. Unterbinden Sie die Adern, durch welche sich diese Parasiten nähren, und das Blut strömt zum Herzen zurück. Der ganze Körper des Staates, der jetzt trostlos dahinsiecht, wird in kürzester Zeit zu neuer, nur von Wenigen geahnter Kraft und Fülle erblühen.

Der König rieb sich die Stirn.

Sehr gut, sehr gut; aber um solche Operation vorzunehmen, bedarf es geschickter Helfer, geschickterer, als ich zu haben mir schmeicheln kann. Ich fürchte, unter den plumpen Händen meiner Assistenten möchte der arme Teufel verbluten, ehe wir ihm nur den ersten Verband anlegen können. Haben Sie sich denn die Aufgabe, die Sie hier in großen Zügen hingezeichnet haben, nun auch in den Einzelheiten detaillirt?

Ich habe Jahre meines Lebens, ja, ich darf sagen, so lange ich logisch denken kann, der Lösung dieser Aufgabe nachgedacht, Majestät; ich glaube, daß mir nicht viele Punkte, auf die es in der Ausführung ankommt, entgangen sein dürften.

Sagten Sie mir nicht, Sie hätten die Naturwissenschaft studirt?

Ich bin Arzt, Majestät.

Und dennoch?

Verzeihen Majestät! Gerade deshalb. Ich erlaubte mir schon vorhin zu bemerken, daß auch der Staat ein Stück Natur sei. Das Einzelne ist nur aus dem Ganzen zu erklären, und gute Gesetze sind die besten Recepte.

Sie sind ein geistvoller Mensch!

Leo verbeugte sich, der König erhob sich und ging vor Leo, der seinem Beispiele gefolgt war, ein paarmal auf und ab, ohne ihn dabei aus dem Auge zu verlieren.

Indem wurde die Thür geöffnet, und der General erschien auf der Schwelle. Der König wendete sich schnell um und rief:

Ach, lieber General, ist die Viertelstunde schon um? Lassen Sie uns noch einen Augenblick allein; ich habe noch ein paar Worte mit dem Herrn Doctor zu sprechen.

Der General verschwand wieder mit einer tiefen Verbeugung.

Sie sind ein geistvoller Mensch, wiederholte der König, indem er näher an Leo herantrat; ich möchte sehen, ob Sie ein ebenso geistvoller Arzt sind. Ihre meisten Collegen sind Pfuscher, wissen Sie das?

Sehr genau, nur zu genau, Majestät; und es sollte mich gar nicht wundern, wenn Majestät Gelegenheit gehabt hätten, diese Erfahrung auf eigene Kosten zu machen.

Warum?

Weil ich, soweit der Physiognom und der Psycholog dem Physiologen überhaupt vorarbeiten können, behaupten möchte, daß eine Natur, wie die Ihre, nur von wenigen Aerzten richtig beurtheilt und demgemäß richtig behandelt sein dürfte.

Aus welchem Grunde?

Der einzelne pathologische Vorgang ist und bleibt freilich immer den allgemeinen Regeln unterworfen, die man dem Stümper zur Noth begreiflich machen kann; aber je reicher, je orgineller, so zu sagen, die individuelle Natur, um so eigenthümlicher, orgineller ist die Modification, welche mit der generellen Krankheit vorgeht, und in demselben Maße selbstverständlich die Diagnose schwieriger. Hier ist es mit der bloßen Gelehrsamkeit – und das pflegt der einzige Maßstab zu sein, den man an die Aerzte der Fürsten legt – keineswegs gethan; hier kann oft nur die Inspiration entscheiden, jenes wissenschaftliche Aperçu, das weiter nichts ist, als die umfassende Synthese der disjecta membra, der Analyse.

Der König ging wieder ein paarmal auf und ab, diesmal aber auf Leo nur gelegentliche, fast scheue Blicke werfend. Dann stellte er sich dicht vor ihn hin und sagte in einem leiseren und hastigeren Tone:

Und glauben Sie, meine Natur beurtheilen zu können?

Ja, Majestät.

Sehr kühn! In der That sehr kühn! Auch wenn es sich um einen individuellen, ja individuellsten Fall handelt?

Auch dann.

Der König blickte Leo fest in die Augen, Leo erwiederte ruhig den Blick, mit wie ungeduldiger Spannung er auch der Mittheilung entgegensah, die der König auf der Zunge zu haben schien. Aber der König athmete nur tief auf und sagte dann, plötzlich in einen andern Ton fallend: Es freut mich, daß ich Sie mir habe kommen lassen, Sie interessiren mich, ich wünsche Sie öfter zu sehen und hoffe dann, mich mit Ihnen über diese Materien ausführlicher zu unterhalten, als es jetzt möglich ist. Ich bin heute Abend sehr pressirt, und da habe ich gleich noch einen Auftrag für Sie. Ich habe Ihrer Tante, meiner lieben alten Gutmann, versprochen, mich Ihrer anzunehmen. Ich habe mein Versprechen erfüllt. Nun gehen Sie hernach zu ihr und grüßen Sie die alte Dame von mir, und sagen Sie ihr, daß Sie statt meiner kämen.

Majestät haben über mich zu befehlen.

Bei Ihrer Tante werden Sie noch eine junge Dame finden, bei der Sie sich zu bedanken ja nicht vergessen wollen, da sie eigentlich die Anstifterin dieses ganzen Complots ist. Wissen Sie, wen ich meine?

Nein, Majestät.

Desto besser, und nun will ich Sie meinen liebenswürdigen Wirthen wieder bringen, denen ich Sie so lange entzogen habe.

Leo öffnete dem Könige die Thür zu dem Zimmer, in welchem sich der General und seine Tochter befanden. Der König begrüßte Josephe und machte ihr ein Compliment über ihr Aussehen. Er war in der heitersten Laune.

Sehen Sie, liebe Baronesse, so muß sich unsereiner abquälen! Da wollte ich eine harmlose Reminiscenz aus der schönen Jugendzeit aufsuchen, und ehe ich mir's versehe, verwickelt mich unser junger Freund hier in ein Gespräch über die wichtigsten Dinge, daß mir noch der Kopf von all den Gedanken, die wir in der Eile aufgestöbert haben, schwirrt. Davon wißt Ihr holden Frauen nun nichts. Euch verschont man wohlweislich mit dergleichen; Euch darf man nur Rosen und Lilien auf den Weg streuen: similis similibus ... Lassen Sie sich das von diesem Jünger Aeskulap's übersetzen. Und auch Sie, mein würdiger Freund, empfehle ich seiner Wissenschaft. Sie sehen angegriffen aus. Und das erinnert mich daran, daß ich Sie Alle nun lange genug incommodirt habe. Adieu, meine liebe Baronesse! halten Sie mir den Doctor nicht zu lange auf, er hat noch einen Auftrag von mir auszuführen. Sie, mein würdiger Freund, geleiten mich doch wohl hinaus?

Der König reichte erst Josephen, dann Leo die Hand, faßte den General unter dem Arm und ließ sich von ihm aus dem Zimmer führen, leise und eifrig mit ihm sprechend. Als sie schon aus der Thür waren, hörte man nur deutlich die Worte: Ein ganz merkwürdiger Mensch!

Leo und Josephe waren wieder allein. Josephe war über die Vorgänge dieser letzten Stunden auf das Höchste erstaunt. Sie hatte jetzt mit eigenen Augen gesehen, was sie nie geglaubt haben würde, was ihr selbst jetzt kaum glaublich erschien. Sie blickte Leo an, als ob sie eine Erklärung dieser Räthsel von ihm erwartete; aber Leo's Gesicht hatte genau denselben Ausdruck wie vorhin, nur daß seine Augen in einem noch höheren Glanze leuchteten. Sie wußte nicht, wie sie sich diesem Manne gegenüber benehmen sollte. Leo schien ihre Verlegenheit nicht zu bemerken. Er nahm die vorhin abgebrochene Unterhaltung wieder auf und plauderte, als wäre nichts vorgefallen, weiter von England und dem gesellschaftlichen Leben Londons, bis der General nach einigen Minuten in sichtlicher Erregung wieder eintrat.

Ich kann Ihnen zu dem Eindrucke, den Sie auf Majestät gemacht haben, gratuliren, sagte er. Ich habe Majestät selten mit einer solchen Befriedigung von einem Menschen sprechen hören.

Der König ist eine Natur, die für neue Eindrücke sehr empfänglich ist, erwiederte Leo, und ich muß meinerseits gestehen, daß er meine Erwartungen übertroffen hat. Aber jetzt wollen Sie mir gestatten, den Befehlen Sr. Majestät pünktlich nachzukommen und Sie der Ruhe zu überlassen, deren Sie gewiß bedürfen.

Leo empfahl sich. Der General begleitete ihn mit ausgesuchter Höflichkeit bis an die Thür und warf sich dann, vollkommen erschöpft, auf einen Sessel, die Augen mit der schmalen weißen Hand bedeckend.

Du sollst sehen, Josephe, murmelte er, dieser Mann ist binnen einem Jahre allmächtig.

Josephe saß da, wie sie vorhin vor ihrem Spiegel gesessen hatte. Sie strich wieder mit dem Finger über die linke Augenbraue. Die Worte ihres Vaters hatte sie wohl nicht gehört; jedenfalls erwiederte sie nichts.

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