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In Reih' und Glied. Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: In Reih' und Glied. Zweiter Theil - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleIn Reih' und Glied. Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunSechste Auflage
year1883
firstpub1866
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130715
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Vierzehntes Capitel.

Als Josephe den kleinen Salon betrat, fand sie die beiden Männer mitten im Zimmer im lebhaften Gespräch, das bei ihrem Eintritte abgebrochen wurde. Der General wendete sich zu seiner Tochter und sagte:

Da ich weiß, liebe Josephe, wie gern Du Dich mit dem Herrn Doctor unterhältst, bitte ich nicht um Verzeihung, daß ich Dich habe rufen lassen. Ich will Dir aber nur gleich gestehen, und auch Ihnen, Herr Doctor, ich werde Ihre Gesellschaft auf kurze Zeit verlassen müssen. Seine Majestät hat soeben die Gnade gehabt, sich bei mir melden zu lassen – bitte, nein, das soll Sie eben nicht derangiren, und auch Dich nicht, liebe Josephe! Ich habe befohlen, die Lichter im großen Saale anzuzünden. Majestät kann jeden Augenblick kommen, wird aber, wie er das immer thut, nur einen Augenblick bleiben. Ich will mich deshalb, mit Ihrer Erlaubniß, auf meinen Posten begeben; aber kein Derangement irgend welcher Art, bitte! bitte!

Der General ging. Leo hatte ihm freundlich nachgeblickt, und als er auf der Schwelle stand, noch einmal leicht gegrüßt; dann wendete er sich zu Josephe, die unterdessen auf dem Sopha Platz genommen hatte, und sagte in demselben heiter geselligen Tone, in welchem er bisher gesprochen:

Das ist nun das drittemal, mein gnädiges Fräulein, daß uns der Schaffner Zufall auf unserer Lebensreise in einem Coupe allein zusammenbringt. Ich weiß mir diese Hartnäckigkeit nicht zu erklären; haben Sie eine Deutung dafür, mein gnädiges Fräulein?

Leo hatte sich, ohne Josephe's Aufforderung abzuwarten, in ihrer Nähe, nachlässig bequem, die Arme über eine der Lehnen des Stuhles schlagend, niedergesetzt. Josephe hätte unter allen Umständen auf eine Frage, die nur geistreich spielte, schwer eine passende Antwort gefunden; jetzt vollends, da sie beschlossen hatte, vorsichtig zu sein, gab sie sich nicht einmal die Mühe, sondern begnügte sich mit einem kurzen Nein.

Es sind zwei Deutungen möglich, fuhr Leo fort, als ob er das Nein Josephen's gar nicht gehört hätte; die eine ist, daß das Schicksal mich Ihnen und Sie mir im Kampfe des Lebens noch einmal gegenüberstellen und uns vorher Gelegenheit geben will, miteinander unsere schwachen Seiten abzulauern; die andere, daß, wie auch der Schein dagegen sprechen mag, wir von einer höheren Macht prädestinirt sind, einander zu helfen und zu fördern, und die Schuld also nur an uns läge, wenn wir der Hand, die nun zum drittenmale winkt, nicht folgten.

Josephe war von ihren Kreisen her an eine Unterhaltung dieser Art in keiner Weise gewöhnt; sie wußte auch nicht genau, ob dieser Mann im Ernst sprach, oder ob er sich einen unziemlichen Scherz mit ihr erlaube, den zurückzuweisen ihre Pflicht sei. Aber sie hatte dem Vater versprochen, artig zu sein; und dann war doch in der sicheren Ruhe des Mannes ein Etwas, das ihr, der Haltung das höchste gesellschaftliche Ideal war, wider ihren Willen Achtung abnöthigte.

Ich fürchte nur, erwiederte sie, indem sie sich zu einem Lächeln zwang, wir werden wenig gemeinsame Interessen haben.

Sie meinen, weil zwischen unseren gesellschaftlichen Stellungen ein so großer Zwischenraum liegt?

Das wollte ich nicht sagen.

Weshalb nicht? Sie haben von Ihrem Standpunkte aus vollkommen Recht, diesen Zwischenraum für sehr reell zu halten. Das Gegentheil wird Ihnen so selten bewiesen! Und doch glaube ich, daß Ihre Furcht, unsere Interessen möchten so gar weit auseinander liegen, nicht ganz gegründet ist.

Ich wüßte vorläufig keinen gemeinsamen Punkt anzugeben, sagte Josephe mit demselben erzwungenen Lächeln.

Ich auch nicht, erwiederte Leo, wenn nicht gleich das Interesse, das wir Beide offenbar haben, die Minuten, die uns Ihr Herr Vater allein läßt, schicklich auszufüllen, ein solcher gemeinsamer Punkt genannt werden darf. Aber nun nehmen Sie noch gleich Folgendes: Ich habe mehr als Einen Grund, zu wünschen, daß Ihr Herr Vater sich der Elasticität seines Geistes, die doch wieder von der größtmöglichen Solidität der physischen Basis bedingt ist, recht lange erfreue; Sie, als liebende Tochter, müssen, wenn nicht ganz aus den nämlichen Gründen, doch ganz den nämlichen Wunsch haben. Sehen Sie, da haben wir schon ein, wie mir däucht, ganz respektables gemeinsames Interesse.

Halten Sie meinen Vater für krank? fragte Josephe, die sich des sonderbaren Eindrucks, den das Benehmen des Vaters vorhin auf sie gemacht hatte, und zugleich des Umstandes, daß sie es »nur mit einem Doctor« zu thun habe, erinnerte.

Das will ich nicht sagen, mein gnädiges Fräulein; aber es geht durch die ältere Generation der Tuchheim'schen Familie eine nervöse Sensibilität, die geschont sein will. Viele, aber nur mäßig anregende Bewegung in frischer Luft, nicht zu viel und nicht zu anstrengende geistige Arbeit, vor Allem eine möglichst große Freiheit von starken Gemüthsaffecten – ist für solche Constitution dringend geboten; die Hintansetzung dieser Vorsichtsmaßregeln hat sich bei Ihrem Herrn Onkel nur zu schwer gerächt. Ich bin Ihres Herrn Vaters halber sehr froh, daß ihm, wie er mir heute sagte, der König verstattete, die Amtswohnung im Schloß während des Sommers mit dieser reizend gelegenen Villa zu vertauschen.

Josephe wußte sich immer weniger in diesen sonderbaren Mann zu finden. Hielt er wirklich den Zustand des Vaters für bedenklich? und woher nahm er den Muth, in diesem Augenblicke, wo doch offenbar für ihn so viel auf dem Spiele stand, so ruhig über andere Dinge zu sprechen?

Von der Stelle aus, wo Josephe und Leo saßen, konnte man durch das breite, tief ausgeschnittene Fenster, dessen Vorhänge nicht zugezogen waren, sehr gut sehen, was auf der um diese Zeit sehr stillen Parkstraße vorging, und folglich auch den rothen, geschlossenen, zweisitzigen Wagen, dessen gummiüberzogene Räder lautlos herangerollt wären, wenn das Geklapper der Pferdehufe ihn nicht verrathen hätte, und der nun plötzlich vor der Gartenthür der Villa stand.

Josephe warf einen schnellen Blick auf ihren Besucher. Er hatte offenbar den Wagen mit den hellleuchtenden Laternen, von dessen Bock der Jäger rasch herabsprang, so gut gesehen, wie sie; aber keine Muskel zuckte in seinem Gesicht, und mit unveränderter Stimme fuhr er fort:

Selbst für Sie, mein gnädiges Fräulein, muß, däucht mir, dieser Ortswechsel nach den Anstrengungen einer langen Wintersaison unendlich wohlthuend sein. Wenn Sie auch nicht gerade eine idyllische Natur sind, so werden Sie doch hin und wieder die Leere eines überfüllten Ballsaales und die Inhaltslosigkeit von Conversationen, in denen man nur spricht, weil man nicht wohl schweigen kann, empfunden haben. Da thut es denn gar wohl, des Nachts beim leisen Rauschen der Bäume unter unserem Fenster einzuschlafen und des Morgens von dem Gesang der Vögel in den Zweigen eben dieser Bäume geweckt zu werden. Sind Sie darin nicht meiner Meinung, mein gnädiges Fräulein?

O, gewiß, erwiederte Josephe.

Sie wußte kaum, was sie sagte. Von dem großen Salon nebenan ertönte eine sehr helle, dem Fräulein wohlbekannte Stimme. Sie fühlte, was ihr selten begegnete, ihr Herz ängstlich klopfen; aber noch immer zuckte keine Muskel in dem Gesicht des Mannes ihr gegenüber, und seine Stimme klang wo möglich noch heiterer, als er jetzt zu ihr sagte:

Diese Freude an der Harmlosigkeit eines ländlichen Aufenthaltes ist eine sehr erklärliche Reaction unserer wahren Natur gegen die Unnatur, in welche uns die Gesellschaft mit ihren tausend tyrannischen Anforderungen hineinzwingt und der wir uns auch deshalb mit ganzer Seele hingeben sollten; um so mehr, als es bei unserer Lebenseinrichtung im Allgemeinen sehr schwer hält, das nöthige Gleichgewicht zwischen dem Leben in der Natur und dem gesellschaftlichen Leben herzustellen. Wir haben unverhältnißmäßig mehr Zimmerdecke als Himmelsdecke über uns. Das raubt unseren Männern allzu früh die geistige Elasticität und stiehlt unseren Damen vor der Zeit die Rosen von den Wangen. Ich war, als ich zum erstenmale nach England kam, über die Menge blühender Frauen- und Mädchengesichter, die mir überall begegneten, erstaunt; aber freilich, das Schlendern in den weiten, schattigen Parks, das dolce far niente in den Seebädern, ein schneller Ritt auf muthigem Rosse über die schottischen Haiden – das erhält jene Blüthen lange frisch, trotz der Monotonie der drawing rooms und des Staubes und der Hitze auf den überfüllten routs.

Die helle Stimme nebenan hatte sich unterdessen wiederholt hören lassen; Josephe war so befangen, daß sie Leo nicht mehr anzublicken wagte. Sie sah nicht, wie seine dunklen Augen, während er scheinbar harmlos plauderte, in fieberhaftem Glanze leuchteten und sich jetzt, als die Thür zum Salon sich öffnete, mit einer blitzgleichen Schnelligkeit dorthin richteten.

Der General trat mit leisen, raschen Schritten herein und sagte mit halblauter Stimme:

Verzeihe, liebe Josephe, verzeihen Sie, Herr Doctor! Ich hatte im Laufe des Gespräches gegen Seine Majestät erwähnt, daß Sie uns in diesem Augenblicke die Ehre erwiesen, und Seine Majestät, der sich Ihrer von Tuchheim her noch sehr wohl erinnert, hat den Wunsch geäußert, Sie zu sehen. Wollen Sie die Güte haben, mir zu folgen. Majestät weiß, daß Sie ganz unvorbereitet sind: also keine Umstände.

Ich hoffe, noch die Ehre zu haben, sagte Leo, indem er sich vor Josephe verbeugte und dem General folgte, der bereits den Griff der Thür zum Salon in der Hand hatte.

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