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In Reih' und Glied. Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: In Reih' und Glied. Zweiter Theil - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleIn Reih' und Glied. Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunSechste Auflage
year1883
firstpub1866
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130715
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Zwölftes Capitel.

Die letzten Mittheilungen des Generals hatten in der That Henri die sichere Haltung, deren er sich sonst rühmen konnte, geraubt; aber freilich wußte der General nicht, daß für Henri, wenn, was er gehört, nicht aus der Luft gegriffen war, noch ganz andere Interessen auf dem Spiele standen, als rein politische. Wenn es nicht aus der Luft gegriffen war!

Aber dieser schwache Trost, an den sich Henri, nachdem er sich von dem ersten Schrecken erholt hatte, anzuklammern versuchte, wollte nicht vorhalten. Der alte Schleicher hatte eine zu siegreich überlegene Miene gehabt, hatte in einem zu väterlich beschützenden Tone gesprochen. Ohne Zweifel hatte Buffone geplaudert – und Henri schwur sich zu, dafür an Buffone die eclatanteste Rache zu nehmen – aber wie war es möglich gewesen, den König in diesem Maße zu Leo's Gunsten zu stimmen? Und wer in aller Welt hatte daran ein solches Interesse nehmen können? Wußte Henri doch auf das Bestimmteste, daß Leo sich auch an den General gewendet hatte und vom General abschlägig beschieden war. Wie war denn dieser plötzliche, mächtige Umschwung vor sich gegangen? Wenn die Untersuchung gegen Leo wirklich auf den speciellen Befehl des Königs niedergeschlagen wurde, wenn seine geheimnißvollen Beschützer wirklich eine Zusammenkunft zwischen ihm und dem Könige bewirkten – so war nichts mehr unmöglich – am allerwenigsten eine Verbindung des Abenteurers mit Emma. Emma brauchte nur ein Wort von dem Wechsel in den Glücksumständen dieses Mannes zu erfahren, und sie würde ohne Zweifel sich wie bisher, und hartnäckiger als bisher, den Wünschen, den Befehlen des Vaters widersetzen; ja wer stand ihm dafür, daß der Onkel selbst nicht wieder den Mantel nach dem Winde hing und in dem durch die Gnade Sr. Majestät ausgezeichneten Mann den rechten Gatten, den einzigen seiner Tochter würdigen Gatten erblickte!

Henri warf einen scheuen Blick nach der mit einer grünseidenen Gardine verhängten Fensterthür, durch die Herr von Sonnenstein in seine Bureaux gegangen war. Aber die Thür öffnete sich nicht, der Bankier arbeitete mit seinen Procuristen; von dieser Seite war noch Alles sicher. Auf wie lange? Auf nicht lange jedenfalls, aber für den Augenblick doch – der Augenblick mußte benutzt werden.

Henri machte ein paar Schritte, blieb plötzlich wieder stehen und öffnete dann mit schnellem Entschluß die Thür, die von dem Cabinet des Bankiers auf den Hausflur führte.

Ueber den Marmorboden des Hausflurs ging er mit schnellen, leisen Schritten; aber die breite, gerade, teppichbelegte Treppe stieg er langsamer hinauf, ja, als er oben angelangt war, mußte er sich an dem vergoldeten Gitter festhalten, da seine Kniee wankten.

Er wußte, daß Emma es sehr übel aufnahm, wenn Jemand, mit Ausnahme ihres Vaters und etwa ihres Bruders, unangemeldet bei ihr eintrat; aber er hatte seit der letzten Scene schon mehrmals vergeblich versucht, bei ihr vorgelassen zu werden, und wäre auch heute sicher abgewiesen worden. Die Minuten verrannen. Wenn Jemand ihm zuvorkam? Jetzt war noch eine Möglichkeit. Er machte sich mit einem Pah! das nicht recht aus der Kehle wollte, Muth, und trat ein. Emma war nicht in dem ersten Gemach; als er aber die Portière von der Thür zum zweiten zurückschob, sah er sie an ihrem Bureau sitzen und eifrig schreiben. Der Sonnenglanz, der durch die hohen Fenster und die offene Balconthür hereinfiel, erfüllte das große schöne Zimmer; die kostbare, fast überreiche Ausstattung nahm sich prächtig in dieser starken Beleuchtung aus; aber Emma selbst, die in ihrem Eifer und bei ihrer Kurzsichtigkeit sich dicht auf das Papier gebeugt hatte und der bei ihren allzu lebhaften Farben das schwere Kleid von schwarzer Seide sehr schlecht stand, kam dem feinen Kenner der Frauenschönheit heute so unschön, so wenig begehrenswerth vor, daß er die Erbärmlichkeit seiner Situation noch tiefer als vorher empfand. Emma, welche ein Geräusch gehört hatte und aufblickend eine Gestalt in der Thür stehen sah, rief: Wie oft habe ich Dir schon gesagt, Alfred, daß ich um diese Zeit nicht gestört zu sein wünsche!

Ich bin es, liebe Emma, sagte Henri, näher kommend.

Emma hatte eben eine Freundin von dem Tode ihres Onkels, des Freiherrn, des vortrefflichen Mannes, den sie so geliebt hatte, und von der Gefangenschaft ihres »Adlers« und im Allgemeinen von ihrem »Unglück« unterhalten, das nicht müde werde, mit den schwarzen Schwingen ihr um's Haupt zu wehen. Bei dem Ton von Henri's Stimme erschrak sie so, daß sie, laut aufkreischend, die Feder aus der Hand fallen ließ und, von ihrem Sessel in die Höhe fahrend und sich mit zitternder Hand an ihrem Bureau festhaltend, den auf sie Zukommenden mit weit geöffneten Augen anstarrte.

Bin ich Dir so furchtbar? sagte Henri.

Die vorwurfsvolle Klage, das bleiche, verstörte Gesicht, die bittende Geberde, wie er ihr jetzt die Hand entgegenstreckte, das Alles beruhigte Emma, ja rührte gewissermaßen ihr leicht bewegliches Herz.

Du kamst so unerwartet, sagte sie, tief aufathmend und zögernd ihre Hand in die seine legend.

Wem käme ich auch erwartet! rief Henri, indem er ihre Hand preßte und dieselbe dann fallen ließ, um sich in einen der niedrigen Lehnsessel zu werfen und mit düsteren Blicken, scheinbar ganz in seinen Schmerz verloren, vor sich niederzusehen.

Ich habe ja Niemanden, der sich um mich bekümmert, fuhr er, wie mit sich selbst redend, fort; mein Vater ist in Groll und Hader mit mir aus der Welt gegangen, meine Schwester folgt blindlings ihrer hocharistokratischen Neigung zu dem poetischen Försterssohn, und dem Mädchen, das ich liebe, ist mein Anblick ein Greuel. Ich wollte, ich wäre nur auch erst todt.

Nein, nein, Henri! rief die gutmüthige Emma; sage das nicht, ich kann Dich so nicht sprechen hören; ach, ich fühle mich ja selbst so unglücklich! und sie brach wieder, auf ihren Sessel zurücksinkend, in Thränen aus.

Warum bist Du unglücklich? sagte Henri; hast Du nicht Alles, was Dein Herz begehrt: einen Vater, der Dich abgöttisch liebt, der jeden Deiner Wünsche erfüllt, noch ehe Du ihn ausgesprochen hast? einen Bruder, der sich in der Sphäre, die ich ihm erschließen half, wohl fühlt und sein harmloses Leben im Sonnenschein des Glücks vertändelt? Umgiebt Dich nicht der Glanz und die Fülle des Reichthums? Kannst Du nicht Deine schönen Talente frei entfalten, Dir zur Freude und den Andern zur Lust? Hat je die Sorge Deine Wangen gebleicht, je der Kummer eine Furche in Deine Stirn gegraben? Emma, Emma – ich habe nur das Eine Gebet, daß Du nie, nie erfahren mögest, was wirkliches Unglück sei, wie ich es Zeit meines Lebens genug, und jetzt zum Uebermaße erfahren habe.

Emma's Thränen flossen noch immer. Sie wußte freilich jetzt noch weniger als vorher, worüber sie eigentlich weinte; aber Henri sprach so gefühlvoll, so ganz anders als er sonst zu sprechen pflegte. Sie hatte so oft behauptet, daß sie das empfindlichste Herz von der Welt habe; und es war ja doch am Ende rührend, wie leicht sie zu rühren war.

Ach, Henri, wiederholte sie schluchzend, sprich nicht so, ich kann das nicht hören.

Du mußt es hören, sagte Henri, den ein so unerwarteter Erfolg immer kühner machte, Du mußt es hören, weil ich ein Recht habe, von Dir zu verlangen, daß Du mich wenigstens in Zukunft nicht eben so falsch beurtheilst, wie Du mich vielleicht bis jetzt falsch beurtheilt hast. Sieh', Emma, Du hast mir neulich vorgeworfen – und dieser Vorwurf brennt wie ein Feuertropfen der Hölle auf meiner Seele – ich sei niedrig genug, um Dich nicht als um das liebe, geliebte Mädchen zu werben, sondern Deines Reichthums wegen. Nein, laß mich ausreden, Emma! Du hattest neulich kein Recht, mir das zu sagen. Ich wußte damals nicht anders, als daß ich aus einer Familie stammte, die, wenn sie sich auch an Glücksgütern mit der Deinen nicht messen konnte, doch immer noch wohlhabend genug war, und was ihr an Vermögen abging, vielleicht durch den Glanz eines uraltadeligen Namens ersetzte. Ich konnte in aller Ehre um Dich werben. Von heute an ist es anders. Ich weiß nicht, ob der Onkel Dir gesagt hat, daß mein Vater, so weit sich die Sache jetzt übersehen läßt, seine Verhältnisse vollkommen zerrüttet hinterlassen hat. Wußtest Du es noch nicht, so weißt Du es jetzt. Ich bin heute, wofür Du mich damals hieltest: der pfenniglose Baron, der, wenn er seine Stellung in der Welt behaupten will, ein reiches Mädchen heirathen muß. Merke Dir's, Emma, für die Zukunft! Trau' keinem meiner Worte, denn ich will Dich doch nur belügen! Trau' keinem freundlichen Gefühl, das sich etwa für Deinen armen Vetter in Deinem Busen regt, denn es ist doch nur eine Schlinge, in der Du Dich fangen könntest!

Henri war aufgesprungen und lief im Zimmer hin und her. Emma hatte die dunkle Vorstellung von einer fürchterlichen That, die ihr Vetter, dessen Energie sie immer bewundert hatte, in diesem Zustande begehen könnte; noch mehr aber quälte sie der Gedanke, daß sie vor den Augen der Welt wirklich um den Ruhm naiver Uneigennützigkeit, den sie von jeher für sich beansprucht hatte, durch Henri gebracht werden könne. Sie rief: Das habe ich nicht verdient, Henri! Ich habe nie danach gefragt, ob der Mann, den ich liebe, reich oder arm ist, und ich dächte, Du wüßtest das am besten. Hast Du mich nicht selbst eine romantische Schwärmerin genannt, weil ich jenen Mann bewunderte, der –

Emma wußte nicht, wie sie den Satz beenden sollte und nahm wieder zu ihrem Taschentuch ihre Zuflucht. Ueber Henri's Gesicht zuckte ein unheimliches Lächeln. Er blieb stehen, indem er die Arme über der Brust verschränkte, und sagte:

Nun, warum sprichst Du es nicht aus? Ich weiß es ja, daß Dir jener Abenteurer als der Held der Helden erscheint, ich weiß es; und, Emma, Du kannst froh sein, daß nur ich und nicht die Welt es weiß. Auch die Uneigennützigkeit und die Großmuth haben ihre Grenzen, über die hinaus die Welt, die mit ihrem Urtheile im Ganzen und Großen immer Recht hat, nicht mehr von Uneigennützigkeit und Großmuth, sondern einfach von – aber, was soll ich Dich das letzte Mal, daß wir vielleicht uns so frei gegen einander aussprechen können, erzürnen? Ich schwöre Dir, daß, wenn jenes klägliche Fiasco, über das sich jetzt die Zeitungen lustig machen, durch die gerichtliche Verurtheilung des bewunderten Helden eine sehr ernste Bestätigung erhalten hat – kein Wort des Spottes je über meine Lippen kommen soll! Mein Gott! Wer irrte sich nicht einmal in seinen eigenen Empfindungen oder in denen des Andern! Habe doch auch ich einmal für möglich gehalten, daß Du mich liebest!

Henri, schluchzte Emma, Du bist grausam, wie kannst Du mir eine momentane Wallung so hoch anrechnen, wie kannst Du –

Henri that, als ob er nicht hörte, was Emma sagte; die Gewißheit, daß das so mühsam angestrebte Ziel jetzt oder nie erreicht werden würde, versetzte ihn in jenes Fieber der Erwartung, welches er so oft am Spieltische durchgemacht hatte, und lieh ihm Töne, die auch wohl ein feineres Ohr, als das Emma's, von wahrer Leidenschaft kaum unterschieden hätte.

Aber denke nicht, rief er, indem er wieder im Zimmer auf und nieder zu gehen begann, daß ich den schmachtenden Schäfer spielen und die Schläge des Schicksals geduldig hinnehmen werde! Arm, wie ich bin, mein alter Name blieb mir noch, und meine Verbindungen sind noch dieselben. In den höchsten Kreisen, in die ich strebe und die sich mir zum Theil erschlossen haben, kommt es auf ein paar hunderttausend Thaler mehr oder weniger nicht an. Dem Prinzen bleibe ich immer der Baron von Tuchheim, immer ein Mann aus dem Holze, aus welchem ein kluger Fürst seine Vertrauten und seine Minister macht. Wir werden uns sobald nicht wiedersehen, Emma. Möge es Dich nie gereuen, daß Du mich einst wie einen Bettler von Dir gewiesen hast! Und nun gieb mir noch einmal die liebe Hand, und dann sei's geschieden!

Henri fuhr sich mit der linken Hand über die Augen und reichte die andere Emma hin. Emma konnte dieselbe nicht erfassen; sie hatte zu viel mit ihrem Tuche zu thun, das sie abwechselnd auf das eine und dann auf das andere Auge drückte.

O, geh nicht fort, Henri, verlaß mich nicht so!

Wie kann ich bleiben, Emma?

Du sollst nie wieder – ich will nie wieder – ach Ich bin so unglücklich, so unglücklich!

Henri hatte jetzt gegen einen Ausdruck, der ihn vorhin so beleidigt hatte, nichts einzuwenden.

Wie kann ich bleiben, Emma? wiederholte er, da Du mich nicht liebst, da Du mich von Dir stößt?

Ich will Dich ja nicht von mir stoßen – ich will –

Emma hatte sich von ihrem Sessel erhoben und streckte beide Hände mit dem Taschentuche nach Henri aus. Henri ließ sie nicht weitersprechen, er schloß sie in seine Arme und bedeckte ihren Mund mit Küssen, gegen die sie sich nicht länger sträubte.

Ist es möglich? rief Henri, und dann, da ihm einfiel, daß es sehr mißlich sei, etwas auch nur redeweise in Zweifel zu ziehen, was ein- für allemal entschieden sein mußte: Ja, es ist, es ist wirklich, wahr und wahrhaftig! Du bist mein, Emma! Ich habe mir Dich errungen, und keine Macht der Erde soll uns je wieder trennen. Dies ist der unseligste und der seligste Tag meines Lebens! Höchster Schmerz und höchste Lust, mein süßes Mädchen, meine liebe Braut!

Aber jetzt muß es der Onkel wissen, fuhr er fort, zwischen uns muß Alles klar sein. Lebe wohl, mein Mädchen! Mein Mädchen!

Henri küßte Emma noch einmal stürmisch auf Mund und Augen und eilte fort. Emma nahm ihrem Verlobten die Eile, mit der er sie verließ, keineswegs übel. Sie fühlte das Bedürfniß, allein zu sein. Es war eine so zarte Rücksicht, daß er ihr Zeit gönnte, sich in dies neue Verhältniß zu finden. Da lag der Brief an die Freundin, in welchem sie sich das unglücklichste Geschöpf auf der weiten Welt genannt hatte! Gott! Sie mußte den ganzen Brief umschreiben; es paßte kein Wort mehr. Es war ja Alles anders geworden! War sie denn noch dieselbe?

Emma eilte an den Spiegel, sich zu vergewissern, ob sie noch dieselbe war.

Unterdessen ging Henri mit sehr anderen Empfindungen, als mit welchen er die Treppe hinaufgestiegen war, dieselbe hinab. Seine Kniee freilich wankten wieder etwas, aber es war auch eine sehr angreifende Scene gewesen. Er hatte sie meisterhaft gespielt, meisterhaft!

Mit einem Male verschwand das Lächeln von seinen Lippen. Wenn Emma's Vater nun Nein sagte? Emma's Vater war ein sehr kluger Mann! Er könnte ein Spiel, das doch am Ende ziemlich offen lag, sehr leicht durchschauen. Und was dann?

Aber hier war kein Besinnen möglich. Morgen vielleicht schon konnte der General dem Bankier mittheilen, was er ihm vorhin mitgetheilt hatte, und dann war Alles wieder in Frage gestellt oder vielmehr für immer zu seinen Ungunsten entschieden.

Henri stand, schwankend und zögernd, auf dem unteren Flur, als er Alfred's leichtes Gig die Rampe herauffahren hörte. Das traf sich glücklich. Alfred hatte sich um das Verhältniß zwischen ihm und seiner Schwester freilich so wenig ernstlich bekümmert, wie um irgend etwas Anderes auf der Welt; aber er zweifelte nicht, daß Alfred sich im entscheidenden Augenblicke auf seine Seite stellen werde.

Sieh, da bist Du ja noch! rief Alfred, sobald er seinen Vetter erblickte. Ich dachte eben, ob Du nicht mit dem Mittagszuge gefahren sein würdest.

Ich sagte Dir ja gestern schon, daß ich nicht nach Tuchheim reisen werde, erwiederte Henri, indem er Alfred die Hand reichte.

Alfred zog seine Hand zurück und sagte, indem er Henri mit seinen großen matten Augen ernsthaft anblickte: Das ist aber gar nicht hübsch von Dir! Ich würde in Deiner Stelle unter allen Umständen hinreisen. Es ist immer Dein Papa, der gestorben ist. Ich finde es schon gar nicht recht, daß Papa nicht hingeht und mir hinzugehen verbietet; aber Du?

Alfred schüttelte den Kopf und fing an sich seine Handschuhe auszuziehen. Die schnelle Fahrt durch den Park hatte ihn äußerst angegriffen; er hatte seine Pflicht gethan, indem er seinen Vetter an seine Pflicht erinnerte; jetzt wünschte er zu frühstücken.

Na, sagte er, da Du nun einmal noch hier bist, so komm mit mir auf mein Zimmer; der Rappe ist eine Schandmähre, er hat mich mit seinem ewigen Scheuwerden ganz mürbe gemacht; ich muß ein Glas Madeira trinken. Aber zum Tausend, was hast Du denn? Du siehst ja heute ganz curios aus!

Alfred, sagte Henri, glaubst Du, daß ich Dein Freund bin?

Alfred blickte seinen Vetter fragend an.

Wenn Du glaubst, daß ich Dein Freund bin, fuhr Henri mit leiserer Stimme fort, und wenn Du mein Freund bist, so kannst Du es jetzt beweisen. Ich habe mich soeben – frage nicht, wie Alles gekommen ist, ich will es Dir zu einer anderen Zeit erzählen – mit Deiner Schwester verlobt. Wir – sie und ich – sind einig; aber ich muß Deine Zustimmung, ich muß Deines Vaters Einwilligung haben; mein Glück, mein Leben – Alles steht auf dem Spiel. Komm mit nur zu Deinem Vater.

Alfred starrte seinen Vetter mit weit geöffneten Augen an.

Aber mein Gott, sagte er.

Ich wußte es ja, daß ich keinen Freund habe, murmelte Henri.

Aber, mein Gott, begann Alfred von neuem.

Komm mit zu Deinem Vater! rief Henri, indem er Alfred's Arm ergriff und den Widerstrebenden nach dem Cabinet des Bankiers führte.

Herr von Sonnenstein ging mit auf den Rücken gelegten Händen in seinem Cabinet auf und ab. Er hatte, als er aus seinen Bureaux zurückgekommen war, seinem Bedienten geklingelt und durch denselben erfahren, daß Excellenz das Haus verlassen habe und der Herr Baron nach oben gegangen sei. Er war äußerst neugierig, den Inhalt des geheimen Gesprächs zwischen dem General und seinem Neffen zu erfahren. Ein specieller Auftrag des Königs! Worin konnte der bestanden haben? Offenbar handelte es sich um den verstorbenen Schwager. Der hochselige König war ein Freund des Freiherrn gewesen; sehr wahrscheinlich, daß der König sein Beileid zu erkennen gab, vielleicht Henri mit einer Botschaft für die Damen des Hauses nach Tuchheim zum Begräbniß schickte. Das wäre sehr fatal. Der Bankier hatte den lebhaften Wunsch geäußert, daß Henri unter irgend einem Vorwande nicht nach Tuchheim ginge. Was sollte er dort? In solchen Augenblicken der allgemeinen Rührung und Trauer muß man, um dem Augenblick zu genügen, Concessionen machen, die Einen hernach bitter gereuen. Fräulein Charlotte hatte ihm die Fünfzigtausend, die sie in seinem Geschäfte stehen hatte, vor acht Tagen gekündigt, das heißt: sie wollte ihren eigenen Weg gehen. Mochte sie das! je eigener, je besser. Der Bankier wollte in der Tuchheimer Affaire nicht länger genirt sein. Er war es lange genug gewesen. Er brauchte gerade jetzt zu einer gewissen Manipulation Geld, viel Geld. Er mußte freie Hand haben, die Fabriken zu verkaufen, wenn es ihm convenirte, ja und nachträglich vielleicht auch die Güter, die er schon der Fabriken wegen auf jeden Fall an sich bringen mußte und jetzt, wenn er mit den Gläubigern des Freiherrn unter der Hand rechtzeitig accordirte, vielleicht zu einem sehr billigen Preise bekam. Nein, nein! Er durfte nicht genirt sein, durch Niemanden, auch durch Henri nicht. – Will oder kann Henri die Rücksichten gegen seine Familie nicht vergessen, so mag er zusehen, wie er das anfängt; ich muß für mich selber sorgen. Nun, es wird sich ja bald genug entscheiden. Geht er nachträglich doch noch zum Begräbniß, so ist das der erste Schritt, der uns auseinander bringt.

Der Bankier war im Begriff, dem Bedienten wiederum zu klingeln und zu fragen, ob der Herr Baron noch immer beim gnädigen Fräulein sei, als Henri mit Alfred hereintrat.

Nun, rief er eifrig, Henri, was hast Du für Geheimnisse mit dem General gehabt? Oder darf man's nicht erfahren? Du gehst nun doch noch nach Tuchheim, nicht?

Ich gehe nicht nach Tuchheim, sagte Henri mit einem Seitenblick auf Alfred; der König hat nichts Derartiges von mir verlangt; im Gegentheil, er wünscht, daß Alles vermieden werde, was der in Tuchheim herrschenden Aufregung Nahrung geben könnte. Der General, der übrigens selber nicht hingehen wird, ist mit mir einverstanden, daß mein Erscheinen dort gerade nicht zur Beruhigung der Gemüther beitragen würde.

Dann gehe ich hin, sagte Alfred, dessen blasse Wangen sich während der letzten Worte Henri's mit einer schwachen Röthe überzogen hatten. Ich finde es unverantwortlich, daß Keiner von uns zugegen sein soll und wir die Damen in solcher Lage allein lassen.

Alfred! sagte der Bankier im Tone sanften Vorwurfs, wahrend Henri seinen Vetter finster anblickte.

Ja, ja, Papa! fuhr Alfred fort, unverantwortlich. Henri hat ja hinterher noch immer Zeit, seine Werbung –

Es ist gut, Alfred, sagte Henri mit blassen Lippen; ich habe Dich in diesem für mich so wichtigen Augenblicke um Deine Freundschaft gebeten – Du verweigerst sie mir. Wir werden künftig zusehen müssen, wie wir ohne einander fertig werden.

Aber was habt Ihr nur? rief Herr von Sonnenstein.

O, nur dies, erwiederte Henri, ich theile eben Alfred mit, daß der ernste Augenblick über mich und Emma entschieden hat, und deutete ihm an, daß er jetzt Gelegenheit habe, zurückzuzahlen, was ich vielleicht im Leben bis jetzt für ihn habe thun können. Er hat meine Bitte nicht verstehen wollen.

Mein Gott! rief Alfred, Du bist aber wahrlich heute Morgen ganz entsetzlich. Es fällt mir ja gar nicht ein, Dir Emma nicht zu gönnen! Du, oder ein Anderer! Und dann habe ich Dich doch schließlich lieber zum Schwager, als Herrn von Erlbach, der mir zum Dank dafür, daß ich ihm immer zum Cotillon mit Emma verhalf, seine Schandmähre von Rappen für ein heilloses Geld aufschwatzt, oder Herrn von Sturmfeld, dessen Leidenschaft für Emma ich mit Gott weiß wie vielen Partieen Ecarté bezahlen muß! Heirathet Euch in Himmels Namen, ich will nur nicht –

Du guter, lieber Junge! rief Henri, indem er Alfred's beide Hände ergriff, ich wußte es ja! Wir sind gute Kameraden bis jetzt gewesen und werden es auch bleiben; ja werden es, als Schwäger, erst recht werden. Nicht wahr, Onkel, – Henri wendete sich jetzt zum Bankier und erfaßte dessen Hände, wie er eben die Alfred's erfaßt hatte, wir haben Deine Einwilligung?

Die Sache kommt ein wenig plötzlich, sagte der Bankier, seine dunklen Brauen zusammenziehend.

Ich habe Dein Wort, Onkel, sagte Henri, sich stolz aufrichtend, daß Du mir Emma geben wolltest, wenn sie selbst mich haben wollte, und eines Edelmannes Wort ist heilig.

Hm, hm, sagte der Bankier.

Und nun kommt zum Frühstück! rief Alfred, ich bin fast ohnmächtig vor Hunger und Durst.

Du siehst übel aus, mein Junge, sagte der Bankier, der jetzt erst auf Alfred's Blässe und hohle Augen aufmerksam wurde. Du mußt Dich mehr schonen, Du mußt in diesem Sommer nach Meran.

Der Bankier blickte noch immer seinem Sohne in die hohlen Augen. Zum ersten Male kam ihm der Gedanke, daß sein Stolz, sein Alfred, sein Junge, sein glänzender Cavalier vor ihm sterben könne. Das Herz schwoll ihm vor Angst und Wehmuth. Er griff nach Alfred's Hand. Die Hand war heiß und trocken.

Du bist krank, mein Junge! rief der Bankier. Es hat Dich aufgeregt. Warum regt Ihr ihn auch so auf?

Ich bin nicht krank, laß uns nur frühstücken!

Ja, ja, laß uns nur frühstücken! sagte der Bankier, indem er Alfred's Arm nahm.

Oben bei Emma! rief Alfred.

Ja, oben bei Emma! sagte der Bankier; wie Du willst, was Du willst, mein Sohn.

Der Bankier ging mit seinem Sohne nach der Thür. Alfred bog den Kopf an des Vaters Ohr und flüsterte schnell ein paar Worte. Der Bankier ließ Alfred los und kam zu Henri zurück, der noch auf derselben Stelle stand.

Verzeihe, lieber Henri, aber Alfred's Aussehen ängstigt mich sehr – sehr!

Die Augen des Mannes füllten sich mit Thränen; er warf sich, der Stütze und des Trostes bedürftig, an Henri's Brust. Henri erwiederte die Umarmung. Emma und ich wollen ihn pflegen, sagte er in einem Tone, der brüderlich klingen sollte.

Nun aber kommt! rief Alfred, der noch in der Thür stand.

Komm, Henri! sagte der Bankier, sich aus der Umarmung aufrichtend. Du hast jetzt eine doppelte Pflicht, über Alfred zu wachen.

Verlaß Dich auf mich! sagte Henri.

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