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In Reih' und Glied. Zweiter Theil

Friedrich Spielhagen: In Reih' und Glied. Zweiter Theil - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleIn Reih' und Glied. Zweiter Theil
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunSechste Auflage
year1883
firstpub1866
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130715
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Zehntes Capitel.

Der Professor Hartung ist noch bei Sr. Majestät, aber Majestät haben befohlen, daß Excellenz sogleich ohne Anmeldung vorzulassen sind, sagte der Oberkämmerer, dem General die Thür zum Cabinet des Königs öffnend.

Als der General eintrat, wendete sich der König, der mit einem hochgewachsenen blonden Manne vor einem sehr großen Gemälde stand, das man auf einer Staffelei in die Nähe des Fensters gerückt hatte, mit Lebhaftigkeit um und rief:

Nur immer 'ran, lieber Tuchheim! Sie kommen zur guten Stunde. Wer sagte denn, daß die Erbauung der Pyramiden kein malerischer Vorwurf sei? Nun sehen Sie mal, was unser Hartung daraus gemacht hat, und ganz in meinem Sinne. Wenn ich nicht zufällig wüßte, daß dies Hartung gemacht hat, möchte ich schwören, ich wär's gewesen.

Der König rieb sich die Hände und schaute mit entzückten Blicken in das Bild. Dann wendete er sich wieder zum General und rief, indem er ihn beim Arme nahm und ein wenig seitwärts schob:

Ja, mein Gott, wie stehen Sie denn! Sie pflegen sich doch sonst nicht im Lichte zu stehen! Hier kommen Sie her. Ist das nicht meisterhaft? Welche Technik! Und welche Composition! Großartig! Sehen Sie nur diese Gruppe hier links im Vordergrunde: der Pharao auf seiner Tragbahre im Sessel. Welch feiner Gedanke! Der ruhig thronende Herrscher, getragen von keuchenden Sclaven! Da haben Sie den ganzen Orient. Und welch einfaches Mittel, ihn so herausragen zu lassen aus dem Gewimmel der ihn umgebenden Krieger und Priester, aus dieser Mädchenschaar, die ihm mit Palmblättern Kühlung zuweht. Und welch ein Ausdruck in diesem Kopf! War es nicht Nero, der da sagte, daß er die Größe Egyptens nirgends tiefer empfand, als in den Pyramiden? Nun diese Größe, die dem Herrscher einer späteren Welt so tiefe Bewunderung abzwang, ist sie nicht gleichsam vorausgezeichnet in diesem Gesicht, dessen Ausdruck so bedeutungsvoll an die wunderbaren Rhamsesköpfe vor dem Höhlentempel von Abu Simbel mahnt? Wahrlich, Hartung, Sie verdienen dafür eine Pairie!

Der glückliche Maler verbeugte sich und lächelte; aber in seinen Augen lag nichtsdestoweniger eine gewisse Unruhe. Der König fuhr mit der Spitze eines großen Cirkels, den er von einem Reißbrette in der Nähe genommen hatte, gar zu dicht vor dem Gesicht des Pharao herum.

Und nun diese zweite Gruppe: der Baumeister, der sich in Begleitung einiger Unterbeamten mit dem auf eine Steinplatte gezeichneten Grundriß dem Herrscher naht. Der König blickt nicht auf ihn. Wie ist das wiederum so bezeichnend! Die Idee ging von ihm aus; der Mann kann ihm nichts mehr sagen; er will das Werk vollendet sehen; ja er sieht's bereits – vollendet in seines Geistes Aug', wie Hamlet sagt, wenn es jetzt auch kaum erst ein paar Fuß aus dem Sande der Wüste hervorragt. Sehen Sie, Hartung, wie Recht ich hatte, als ich Ihnen rieth, den Bau selbst und Alles, was sich darum gruppirt, tiefer in den Mittelgrund zu rücken. Sie brauchten da die größeren Massen, die Sie entwickeln mußten, nicht mehr so zu detailliren. Jetzt vermischen sich die braungelben Kerle mit dem Braungelb der Wüste und dem Gestein, an dem sie arbeiten, als ob das Ganze von selbst aus dem Sande hervorwüchse. Bemerken Sie nur, lieber Tuchheim, welche Ordnung in der scheinbaren Unordnung. Das haben Sie dem Horace Vernet von seinen Schlachtenbildern abgesehen, Hartung; aber freilich: mutatis mutandis! Da liegt der Unterschied zwischen dem denkenden Künstler und dem schalen Copisten. Und dann, lieber Hartung, diese Wüstenweite, die Sie in das Bild zu bringen verstanden; dieser Himmel, in dessen unendliche Tiefen sich der Blick verliert, dieser fahle Schein, der da am Horizonte heraufdämmert und den herannahenden Samum verkündet – das bleibt Ihnen – das macht Ihnen auch Vernet nicht nach, am wenigsten diese Flamingokette. Der Tausend! Wie das empfunden und wie das gemalt ist! Sehen Sie 'mal durch die hohle Hand, liebster Tuchheim! Ob die Vögel nicht wahrlich von der Stelle zu rücken scheinen. Man glaubt das Schwirren der unzähligen Flügel zu hören. Welche Wollust in dieser anmuthigen Curve! Und wie natürlich die lange Linie hier einsinkt, sich dort wieder aufbläht, wie schlappende Segel eines unsichtbaren Nachens, den ein lauer Wind nach Süden treibt, wo die Sonne scheitelrecht brennt, die hier doch noch kurze, blauschwarze Schatten auf die Wüste malt. Aber Hartung, daß Sie auch den Nil angebracht haben, wenn auch ganz in der Ferne, wenn auch nur als einen schimmernden Streifen – das ist denn doch wohl eine zu große licentia poetica. Der Nil kann von dieser Stelle aus unmöglich gesehen werden.

Verzeihen Majestät, sagte der Maler, ich erinnere mich in der That nicht, ob man am Fuße der Pyramiden von Ghizeh den Fluß sehen kann; aber von einer gewissen Höhe derselben erblickt man ihn sehr deutlich. Und dann glaubte ich den Fluß nicht entbehren zu können, da er uns als die große Wasserstraße zur Herbeischaffung dieser großen Steinkolosse gewissermaßen die ganze Scene erst begreiflich macht.

Der König schien durch diesen Widerspruch verstimmt.

Ich hätte die kahle, wasserlose Wüste nun lieber gehabt, sagte er.

Der eifrige Maler bemerkte, da seine Augen auf sein Werk gerichtet waren, die Wolke auf der Stirn des Königs nicht und fuhr lebhaft fort:

Auch wäre mir dann diese Doppellinie der Lastwagen und Lastthiere, die sich von der Baustätte nach dem Flusse und vom Flusse wieder nach der Baustätte bewegt, und die, indem sie scheinbar die dargestellte Handlung in das Unendliche fortsetzt, ihr dennoch einen Abschluß giebt, entgangen, und –

Ja, ja, das kennt man schon, unterbrach der König den Künstler, Kritik könnt Ihr Herren einmal nicht vertragen, notabene, mit Ausnahme der lobenden. Nun, lieber Hartung, muß ich Sie aber fortschicken, das Bild kann ich doch behalten?

Gewiß. Majestät –

Ich meinte nur, weil Sie die Bedingung gemacht hatten, daß es vorher noch auf die Ausstellung müßte. Was diese Künstler auf ihren Ruhm eifersüchtig sind, lieber Tuchheim, davon hat unsereiner gar keinen Begriff. Nun, leben Sie wohl, lieber Hartung, leben Sie wohl!

Der Maler war bereits an der Thür, als ihm der König noch nachrief: Unter vierzehn Tagen kriegen Sie's aber nicht, und wenn sich die ganze verehrliche Ausstellungs-Commission auf den Kopf stellt. Sagen Sie das den Herren!

Nun zu Ihnen, lieber Tuchheim, fuhr er fort, jetzt zum erstenmale dem General in's Gesicht sehend; aber der Tausend, lieber Tuchheim, sind Sie in diesen Tagen alt geworden! wahrhaftig, Sie könnten aus der Pyramide, die da gebaut wird, herstammen.

Ich bin krank, Majestät, und habe überdies in den letzten Tagen des Kummers gar viel gehabt, erwiederte der General mit dumpfer Stimme.

Ja, ja, sagte der König, das ist es ja eben, weshalb ich Sie habe rufen lassen. Aber setzen Sie sich, lieber Tuchheim, Sie gehören ja nicht mehr zum stehenden Heere. Nun erzählen Sie mir 'mal, was Sie eigentlich von der fatalen Geschichte wissen; oder eigentlich weiß ich bereits Alles, und ich möchte nur hören, wie Sie über die Affaire denken. Ich möchte Ihnen nicht gern wehe thun, und auf der andern Seite thut mir doch auch der arme Teufel, der Hey, leid – er ist ein dummer Kerl, das weiß der Himmel, aber nach Allem, was ich höre, muß er doch sehr stark provocirt worden sein, so daß er den Fall nicht gut von der Hand weisen konnte. Wie nimmt Ihres verstorbenen Bruders Sohn die Sache? Er scheint mir ein heftiger junger Mann und könnte uns leicht in neue Ungelegenheiten bringen. Zwar soll er mit seinem verstorbenen Vater auch nicht besonders gestanden haben; aber das Familiengefühl ist in solchen Momenten oft stärker als die Vernunft. Nun möchte ich gern, daß Sie mit Henri – ich erinnere mich von damals her seines Namens sehr wohl – sprächen. Sie als Aeltester der Familie müssen doch einige Autorität über den jungen Menschen haben, und hören Sie, lieber Tuchheim, Sie können dann auch einfließen lassen, daß ich die Sache gern mit dem Freiherrn begraben sehen möchte. Vergessen Sie das nicht.

Der König hatte das Alles, ohne den General zu Worte kommen zu lassen, in seiner schnellen Sprechweise hingeworfen und dabei wiederholt nach dem Gemälde, vor dem er stand, geblickt. Der General, wenn er gleich seinem verstorbenen Bruder in den letzten Jahren sehr entfremdet worden war und ihn der Tod desselben im Grunde von einer großen Verlegenheit befreite, war innerlich über die Leichtfertigkeit empört, mit welcher der König einen so schweren Fall behandelte. Er sagte mit Bedeutung:

Ich werde thun, was in meinen Kräften steht, den Wünschen und Befehlen Eurer Majestät nachzukommen, nur bitte ich, daß Majestät nicht vergessen wollen, wie mein Einfluß sich nicht über den Kreis meiner Familie hinaus erstreckt und die natürlicherweise große Aufregung im Publikum sich weniger leicht beschwichtigen lassen wird.

Der König wendete sich von dem Bilde ab und sagte, indem er schnell an den General herantrat und ihm die Hand reichte: Verzeihen Sie, lieber Tuchheim; Sie kennen mich ja von Kindesbeinen an und wissen, daß ich es sehr ernst meinen kann, wenn es auch 'mal nicht so scheint. Glauben Sie mir, der Fall geht mir recht nahe. Ihr Bruder war ein Liebling meines hochseligen Vaters; ich selbst bin mehrere Tage lang sein Gast gewesen und erinnere mich des schönen, stattlichen Herrn ganz wohl. Ueberdies Ihr Verhältniß zu mir – die Sache geht mir nahe, sehr nahe – glauben Sie mir.

Der General beugte sich tief auf die königliche Hand, welche die seine noch immer umschlossen hielt.

Aber, fuhr der König lebhaft fort, indem er die Hand des Generals losließ und sich in einen Fauteuil warf, Sie sind in dieser Affaire auch nicht frei von aller Schuld. Warum haben Sie mein Vertrauen, wenn Sie es nicht gebrauchen? Hätten Sie mich, als es Zeit war, von dem Stande der Dinge in Tuchheim und von der curiosen Haltung, die Ihr Bruder zu den dortigen Verhältnissen eingenommen hatte, unterrichtet – nun, Ihnen zu Liebe hätte ich ja gern die Arbeiterdeputation empfangen und den Leuten ein paar freundliche Worte gesagt. Dann wäre entschieden Alles anders gekommen, als es jetzt gekommen ist. Es wäre Oel für die brausenden Wogen gewesen. Die Arbeiter hätten sich zufrieden gegeben, der Freiherr hätte nicht mehr nöthig gehabt, den Protector so schroff herauszukehren, der alberne Hey wäre in seinem mißverstandenen Eifer nicht so weit gegangen – Ihr armer Bruder lebte heute noch. Nun ist das Unglück da; aber der Himmel weiß, ich bin nicht schuld daran, ich nicht. Müssen Sie mir nicht Recht geben?

Weh' mir, daß ich es muß! sagte der General, die Augen mit der Hand bedeckend.

Nun, nun, mein alter Freund, sagte der König in gütigem Ton, wir wollen unser Gewissen auch nicht mehr beschweren, als es nöthig ist. Es ist die alte Geschichte von dem Brunnen, den man offen ließ, bis das Kind hineinfiel. Jetzt gilt es, den Brunnen zuzudecken; ich habe mir heute den ganzen Morgen den Kopf darüber zerbrochen, wie man das am besten anfängt. Bis jetzt ist mir nur so viel klar, daß man der ganzen Affaire einen möglichst privaten Charakter geben muß. Ihr armer Bruder und Hey sind in einen Wortwechsel gerathen; Beides Edelleute, Ihr Bruder ein gewesener, Hey ein activer Militär – so etwas kann schließlich alle Tage passiren. Nun schiebt sich aber die verdammte Arbeiterfrage breit hinein, und was man auch anfangen mag – es nimmt gleich Alles einen politischen Charakter an. So würde ich ja gern der lieben alten Gutmann den Gefallen thun und ihrem Neffen eine genauere Bekanntschaft mit der Staatsanwaltschaft ersparen; mir auch, meinetwegen, was sie sehr wünscht, den jungen Mann, von dem sie so viel Rühmens macht, vorstellen lassen – indessen die verdammten demokratischen Blätter würden dann wieder Zeter schreien.

Der König hatte sich bei diesen letzten Worten nach dem Bilde hingebeugt und wedelte mit seinem Taschentuche einen Staubfleck weg, der in einer Vertiefung des Rahmens sitzen geblieben war. Der General erinnerte sich der von Sara empfangenen Instructionen; hatte doch die Unterredung bis jetzt genau den von ihr vorbezeichneten Weg eingehalten!

Nicht blos die demokratischen, Majestät, sagte er, auch die **Zeitung würde einen solchen Schritt von Seiten Eurer Majestät mindestens nicht loben.

Was geht denn die Sache den Prinzen und seinen Anhang an? rief der König ärgerlich.

Ich kann die Frage Eurer Majestät nicht beantworten, ohne Majestät eine Entdeckung mitzutheilen, hinter die ich durch die seltsamste Verkettung der Umstände gekommen bin und die auch Majestät interessiren wird. Majestät erinnern sich eines gewissen Briefes, den man vor einiger Zeit –

Weiß schon, weiß schon, rief der König, was ist's damit?

Der Herausgeber dieses Briefes –

Nun? rief der König in der äußersten Spannung.

Ist derselbe Doctor Leo Gutmann.

Was Sie sagen! Sie wissen das gewiß?

Ja, Majestät.

Ganz gewiß?

Ja, Majestät.

Wie kommen Sie zu dieser Entdeckung? Doch ich will nicht indiscret sein; hier – der König deutete dabei nach der Zimmerdecke – sind ohne Frage Damen im Spiel. Aber nun gestehe ich Ihnen offen, daß meine Neugier, den jungen Mann zu sehen, durch Ihre Mittheilung eher zu- als abgenommen hat. Wir haben es hier offenbar mit einem feinen politischen Kopf zu thun, nicht in dem Genre der heutigen Staatsweisen, aber im Charakter der Männer des italienischen Mittelalters, deren Gesichter für mich etwas unwiderstehlich Fascinirendes haben. Schaffen Sie mir diesen Doctor, lieber Tuchheim! Ich muß wissen, welche Absichten er mit dem Brief verfolgt hat. Ein solcher Mensch thut nichts ohne Ziel und Zweck. Sagen Sie, liebster Tuchheim, – hier wendete sich der König wieder nach dem Bilde – haben Sie mit unserer guten Freundin oben vielleicht schon gesprochen?

Ich komme eben von ihr, Majestät. Fräulein Gutmann war so aufgeregt, wie ich mich nicht erinnere, sie gesehen zu haben; ich wüßte mir die Theilnahme, welche sie ihrem Neffen jetzt in diesem reichen Maße zuwendet, nicht zu erklären, wenn sie mir nicht mitgetheilt hätte, daß sie eine junge Dame, ihre Nichte, die bei ihr seit einigen Tagen zum Besuche ist und welche sie sehr liebt – Euer Majestät haben die junge Dame als Kind bei Ihrer Anwesenheit in Tuchheim auf dem Försterhause gesehen – durch ihre Fürsprache bei Eurer Majestät sehr verpflichten könne und auf jeden Fall gern verpflichten möchte.

Der König blickte durch die hohle Hand nach der Flamingokette auf dem Bilde.

Und welches Interesse hat die junge Dame an ihrem Vetter? Liebt sie ihn?

Ich weiß es nicht, Majestät. Indessen, ich glaube nicht, daß es nöthig ist, gerade diesen Beweggrund anzunehmen. Die einzelnen Mitglieder dieser Familie haben eine unendliche Anhänglichkeit und Opferfähigkeit eines für das andere, und dann scheint mir die junge Dame, nach Allem, was ich von ihr höre, eine sehr enthusiastische Natur, bei der die Begeisterung für Ideen, in diesem Falle die politischen Ideen ihres Vetters, ganz unabhängig ist von persönlichem Wohlgefallen.

Der König schien von dieser Erklärung sehr befriedigt; er ging ein paar Schritte hin und her und sagte dann, indem er vor dem General stehen blieb:

Ich will es Ihnen nur gestehen, ich habe die junge Dame oben bei meiner lieben Gutmann gesehen, und ich glaube, daß Sie ihren Charakter sehr richtig beurtheilen. Eine enthusiastische, eine seltene Natur, die ich der höchsten Begeisterung für fähig halte, freilich auch jeder Extravaganz, wenn es gilt, ihre geliebten Ideen durchzusetzen.

Da Majestät die Gnade haben, mein physiognomisch-psychologisches Aperçu zu bestätigen, so scheue ich mich schon weniger, eine allerdings etwas extravagante Commission von Seiten der jungen Dame bei Eurer Majestät anzubringen. Es handelt sich um einen Brief –

Geben Sie immer her! rief der König; ich bin, wie Sie wissen, ein großer Freund dieser ungeschulten Ergüsse einer ungebrochenen Natur; es pflegt darin so viel natürliche Poesie zu sein. Geben Sie immer her.

Der König öffnete hastig Silvia's Brief und stellte sich, während er denselben zu lesen begann, scheinbar um besseres Licht zu haben, so, daß ihm der General nicht in's Gesicht sehen konnte.

Das Erstaunen des Generals war während dieser Unterredung, die sich ganz und zum Theil wörtlich in der von Sara angegebenen Weise abspann, fortwährend gewachsen. Es konnte ihm nicht länger zweifelhaft sein, daß er es hier mit einer Thatsache zu thun habe, die ohne sein Wissen, ohne sein Zuthun zu Stande gekommen war und mit der also von diesem Augenblicke an zu rechnen Pflicht sei. Es galt hier, in einem bereits fertigen Stücke noch schnell eine möglichst dankbare Rolle zu übernehmen.

Ein wunderbares Mädchen! sagte der König, den Brief zusammenfaltend und auf die Staffelei des Bildes legend. So denke ich mir die Schäferstochter aus dem Dorfe Dom-Rémy. Hier ist doch noch Glauben, Poesie, ein souveränes Sichwegsetzen über die erbärmliche Wirklichkeit; ein Lichtblick aus dem tieferen Himmel, der sich über der glücklicheren Menschheit des Mittelalters wölbte, ein Anhauch aus den Wäldern, in denen der verirrte Königssohn auf sonniger Halde die schönste Schäferin fand. Wahrlich, lieber Tuchheim, ich möchte der jungen Dame herzlich gern ihren Wunsch erfüllen, nur fürchte ich, daß es in diesem Augenblicke doch nicht wohl geht. Meinen Sie nicht, lieber Tuchheim?

Es würde einiges Aufsehen machen, Majestät.

Der König, der immer mit dem Bilde, anstatt mit dem General gesprochen hatte, wendete sich rasch um und rief: Ja, aber es soll keines machen! Bin ich denn an diesen Racker von Staat gefesselt, wie ein Galeerensclave an den andern, daß ich alle Sprünge und Convulsionen, die ihm zu machen einfällt, mitmachen muß? Und wozu haben Sie so lange in der Welt gelebt, wenn Sie noch nicht gelernt haben, wie man den heulenden Zeitungswölfen – denn wer kümmert sich sonst darum? – eine Beute entreißt!

Dieser Ausbruch des königlichen Unwillens befreite den General von den letzten Bedenken, die er bis jetzt noch gegen Sara's Pläne gehabt hatte. Er hob den Kopf und sagte mit festerer Stimme: Ich kann und darf Euer Majestät nicht rathen, in diesem Augenblicke irgendwie öffentlich einen Schritt zu Gunsten des Doctor Gutmann zu thun. Jedermann sieht in Doctor Gutmann die Seele der Arbeiteragitation, wie man in meinem unglücklichen Bruder ein Opfer derselben sieht. Mit einer öffentlichen Bezeigung der königlichen Gnade gegen den Agitator würden Majestät in der ganzen Frage eine bestimmte, und zwar gegen Ihr actuelles Ministerium gerichtete Position einnehmen.

Das kann ich nicht, rief der König.

Gewiß nicht, Majestät! sagte der General schnell.

Aber was dann?

Befehlen Euer Majestät, daß die Gerüchte von einer socialistischen Verschwörung, deren Seele Doctor Gutmann sein soll, vollkommen aus der Luft gegriffen sind; befehlen Eure Majestät, daß sich im Gegentheil bei der in der Wohnung des Verhafteten angestellten genauen Untersuchung gravirende Papiere irgend welcher Art nicht vorgefunden haben und in Folge dessen der Verhaftete bereits am dritten Tage wieder auf freien Fuß gestellt werden konnte.

Das wäre heute? sagte der König.

Majestät, es muß schnell geschehen, wenn es überhaupt geschehen soll.

Ganz richtig, frische Fische, gute Fische. Und nun weiter!

Dann haben Majestät nur noch zu befehlen, daß Ihnen der junge Mann an einem dritten Orte, etwa im Hause eines Ihrer wahrhaft ergebenen Diener, gelegentlich vorgestellt werde.

Zum Beispiel in Ihrem Hause?

Ich würde diese Gnade zu würdigen wissen, sagte der General.

Vortrefflich, vortrefflich, rief der König, sich die Hände reibend. Es ist ja nur in der Ordnung, daß ich einem alten treuen Diener, wie Sie, lieber Tuchheim, mein Beileid bezeige, umsomehr, als Ihre so schon angegriffene Gesundheit durch die plötzliche Nachricht selbstverständlich erschüttert ist. Sie reisen zum Begräbniß?

Majestät, ich glaubte, daß bei der so eigenthümlichen Lage der Dinge Neutralität –

Ganz richtig! Sie müssen das auch Ihrem Neffen begreiflich machen. Vergessen Sie das ja nicht. Und mit der Gutmann'schen Sache bleibt es also bei meinem Entschlusse. Ich will, daß die Geschichte todtgeschwiegen wird, und heute Abend um acht werde ich mich nach Ihrem Befinden erkundigen. Nun machen Sie, daß Sie fortkommen, lieber Tuchheim, ich habe heute Morgen noch viel zu thun.

Der König gab dem General die Hand. Der General verabschiedete sich mit einer tiefen Verbeugung. Und hören Sie, lieber Tuchheim, rief ihm der König nach, an die Gutmann brauchen Sie nicht zu berichten; ich will die Dame überraschen, und zu Hey brauchen Sie auch nicht zu gehen, um wegen der verloren gegangenen socialistischen Verschwörung zu condoliren. Das will ich gelegentlich schon selbst besorgen.

Der König lachte überlaut; der General lächelte, verbeugte sich noch einmal und ging.

Als er unten im Schloßhofe den Fuß auf den Wagentritt setzte, fiel ihm ein, daß der Mittagszug nach Tuchheim erst in einer Stunde abging und daß es noch gerade Zeit sei, Henri und dem Herrn von Sonnenstein von den Wünschen des Königs, soweit sie selbst davon berührt wurden, Mittheilung zu machen. Er befahl deshalb, zu Herrn von Sonnenstein zu fahren.

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