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In Palästina

Alfons Paquet: In Palästina - Kapitel 9
Quellenangabe
typereport
authorAlfons Paquet
titleIn Palästina
publisherEugen Diederichs
printrunErstes bis drittes Tausend
year1915
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150618
projectid61b5909a
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Es ist Zeit

Das Schiff liegt im Hafen. Buntbemalte Boote schaukeln auf den von Öl und Staub befleckten Wasserplätzen zwischen den Schiffswänden. Heisere Stimmen morgenländischer Leute schweben hin und her zwischen den Schiffen und der von Nachmittagssonne erhellten, von Palmengärten durchschlungenen Stadt. Mitten im Gerassel des Hafens liegt wie ein halbgefüllter Eimer der durchlöcherte und verrostete Rumpf des Kriegsschiffs, das vor einigen Monaten hier von der Seeseite her mit Granaten beschossen wurde. Der Krieg ist vorüber wie ein kurzes Hagelwetter; die Herrschaft des handförmigen Namenszuges und des mit Perlen besetzten Turbans ist in ihrem Herbst. Von den Neugierigen, die bei der Beschießung in Scharen auf den Dächern und am Rand des Hafens vor dem Todesengel erschienen, wurden einige bezeichnet, das Schicksal des Schiffs zu teilen. Wie jetzt dieses Schiff aus seiner guten wagrechten Verteiltheit zwischen Lust und Wasser den Halt verlor und durch die Zerstörung seines Auftriebes dem Gurgeln des Wassers anheimfiel, so liegen jetzt diese Menschen, zu ihrem äußersten Erstaunen, zerrissen in der Erde, und das Chaos zermalmt vollends ihre regungslosen Glieder.

Wendet man das Auge dem offenen Meer zu, so sieht man draußen auf der Reede zwei fremde Kriegsschiffe. Eines fährt jetzt ab. Es stößt schwarzen Qualm empor, und der Wind bläst ihn landwärts. Ernstes Geheimnis des Kommens und der plötzlichen Abreise dieser Schiffe. Sie gehorchen den Dingen jenseits des Himmelsrandes.

Übrigens liegt ein kleines fremdes Kanonenboot, von unserm großen Dampfschiff aus zu übersehen, mitten im Hafen. Dort ertönt in diesem Augenblick ein Hornsignal. Sechs Soldaten kommen aus einer Luke gestiegen, klettern mit geschulterten Gewehren über das schmale Deck zur Plattform und grüßen nach dem Meer hinaus, obgleich von dem davonfahrenden eisenfarbenen Schiff die Flagge nur durch das Glas noch zu erkennen ist. Auch von dem anderen Kriegsschiff draußen kommt ein Signal. Mit seinem dünnen metallenen Gefieder schlägt es die Luft; man wendet gespannt den Blick hinaus und sieht den geflochtenen Turm des Schiffes durchsichtig wie eine Fischreuse zwischen den kurzen Kaminen emporragen. Eine Pinasse entfernt sich von der Hafentreppe. Unter ihrem grauen, ausgefalteten Kutschendach sitzen eng beieinander die großen, blonden Kerle und die beiden Mohren, die zusammen heut Mittag durch die von Händlern und Wasserstreuern belebten Gassen hinausfuhren. Ich sah sie im Nadelwald. Ihre kleinen, weißen Matrosenmützen glichen den Papierhelmen, die wir als Knaben trugen.

Ich geh nun wieder an Deck hin und her und seh zur Stadt zurück. Auf jene entfernte Anhöhe war ich hinaufgegangen, und dort unter dem Myrtenbusch hatte ich gesessen, mit dem Blick auf blaue, blühende Bäume. Hinter mir, wie ein Laubengewächs des großen öffentlichen Gartens, standen die Gebäude der von den Fremden errichteten Hochschule mit hellen, feingeschwungenen Bogen. Auf dem Tennisplatz spielten Studenten. Ein Amerikaner in weitem, blauem Anzug schlenderte vorüber. Hinten aber stand wie eine ungeheure spanische Wand aus dunkelgrünen Stoffen das Libanongebirge; seine Gipfel verbargen sich in Wasserdunst und schneeweißen Wolken. Vor mir zog das Meer wie ein einziges Lanzen- und Säbelklingengefunkel den Blick auf sich, bis endlich das Auge sich gewöhnte und die durchsichtig glitzernden Spritzwellen, die veilchenblauen Streifen in der Ferne und die spiegelglatten Flächen mit ihrer milden Himmelsfarbe unterschied. An dem Vorgebirg zu meinen Füßen brach sich das Meer mit schmalem Schaum.

Wir werden erst nach Sonnenuntergang abfahren. Warum bin ich so früh an Bord zurückgekehrt? Ich steige ungeduldig ins Schiff hinunter und durchwandere die Gänge. Als ich nun durch eine der Luken hinaussehe, leuchtet das Meer wie Feuer; es scheint die blutrote und vergrößerte Sonnenscheibe in langsamen Rucken in sich aufzunehmen. Nun ist sie fort! In diesem Augenblick dröhnt ein Kanonenschuß. Und nochmals emporgeschreckt, vernimmt man Trompeten aus der Ferne. Nochmals ist das benachbarte kleine Kanonenboot der Schauplatz eines Geisterdienstes. Die sechs Mann mit ihren Gewehren steigen wieder aus der Luke, marschieren hintereinander aufs Achterdeck und grüßen das Tuch, das ein Matrose langsam vom Flaggenstock herniederholt. Im nächsten Augenblick glühn die elektrischen Lichter des Bootes auf. Es wird rasch dunkel. Bald gräbt sich ihr Schein mit tiefgoldenen Kringeln in das Wasser. Die Stadt, an die Dämmerung hingegeben, rafft sich verklärt in Lichtern wieder empor. Man hört nun das Knurren der Ankerketten. Der zweite Offizier erscheint an Deck.

Jenseits der Scheitelhöhe des Meeres geht der Weg nach Suez vorüber. Es ist ganz natürlich, daß die Abendländer, die das Meer beherrschen, sich auch seitwärts dieser Straße, die nach Indien führt, zu schaffen machen. Sie setzten an diese Küste ihre Nachtlichter, die jetzt in einer kleinen Gruppe weiß und scharf erstrahlen. Einige Fischerboote verlassen scheu das Ufer. Ihre Segelstangen sind noch leer, ein kleines gerudertes Boot zieht sie zum Hafenausgang. So wiederholen sie ein Bild der Wüste, dem Eselchen folgen im Zug die hintereinandergebundenen Kamele. Jetzt endlich klingen alle Saiten unseres Schiffs nacheinander: die Schellenzeichen, die männlichen Stimmen, das Zirpen und der Bauchbaß der Maschine, das Klimpern der Ketten und das Zuschlagen der Deckeltüren. Und indem ich von diesem Musikstück befriedigt längsdeck auf und ab marschiere, stellt das Gefühl sich ein, als ginge ich abwechselnd auf den Zehen und auf den Fersen, – und dann auch das beruhigende Schweben.

Heut ist kein Mondschein. Hier am Schiffsgeländer an der dunkeln Stelle stand gestern die Irländerin. Wo mag sie sein, während wir davon fahren? Sie war, wie der Offizier mir sagte, seit Alexandrien an Bord gewesen. Gestern Morgen, in einem der kleinen Küstenhäfen, war mit andern wildfremden Levantinern einer an Bord gekommen, dem zuliebe sie den ruhigen blonden Offizier entthronte. Ihre Augen hatten am Kapitänstisch Musterung gehalten; die Männer, die tranken und sich unterhielten, klirrten vor diesem Blick aneinander wie Figuren. Als wir aufstanden, wußten wir noch nicht, welchen sie gewählt hatte; der Schwarm folgte ihr auf Deck. Sie legte sich in den Stuhl neben ihren Verwandten, den alten, völlig gleichgültigen Raucher, der fortwährend unter der Aufsicht des Schiffsarztes war, und wir standen, eine Gruppe, um die beiden her und sprachen englisch. Dann erhob sie sich, um Luft zu schöpfen. Das war der Augenblick. Und was wir alle gefürchtet hatten, geschah; keiner außer dem geschniegelten Levantiner blieb an ihrer Seite. Wir andern durften uns zurückziehn und schwollen vor Gift. Man entdeckte später die beiden auf dem Oberdeck. Dort im Finstern aneinandergelehnt lauschten sie auf das Meer hinaus. Und heute morgen sah man den Levantiner, mit dem zierlich aufgestülpten kirschroten Fes auf dem Kopf und die Zigarette in den Fingern, aus ihrer Kabine kommen. Sie trug ein Morgenkleid, das östlich von Suez herstammte, und ihr Haar war offen. Später verließ sie mit dem Alten das Schiff.

Ich setze mich mit dem Rücken gegen die von der Maschine gewärmte Wand des Deckaufbaues und sehe erstaunt, daß ich allein bin. Der Offizier zeigt sich heut nicht. Die wagerechten, weißen Stangen der Bordbrüstung stehn wie Notenlinien in der Dunkelheit. Zuweilen steigen weiße Wellenspritzer empor wie Köpfe einer endlosen Melodie und verschwinden, als seien sie abgelesen. Auch rauschen Flügel wie von großen lichten Vögeln in den dunkeln Feldern des Schiffsgeländes vorüber. Die Musik des Schiffes ist jetzt in ein Getrommel aufgegangen, als stürzten unaufhörlich Wasserströme in einen tiefen, ehernen Kessel. Es ist Zeit, schlafen zu gehn. Schlafe, mit einem Keim von Mißvergnügen im Herzen, du zum Schweigen verurteilte, den Sorgen abgeneigte Kreatur!

 

Bei Sonnenaufgang liegt das Schiff wieder vor der Küste. Das Meer glänzt bläulich und mit weißen glatten Wellen. Der Libanon steht vor uns mit riesiger, grauer Felsenblöße. Von seinem Scheitel ziehn sich weiße, gleichsam von einem Kamm zu Boden gezogene Strähne, die sich da und dort gleich den Wirbeln auf einem menschlichen Haupt in sich selber zurückdrehn. Am Fuß des Gebirges glänzen dunkle Baumgärten, um vereinzelte Felsenwürfel ausgebreitet und in Talfalten hineingezogen. Als ein bekränzter, heller Körper liegt die kleine Stadt mit rötlichen Dächern und dünnen, fast gelben Turmsäulen zwischen den Maulbeerbäumen.

Ein Boot nähert sich mit ein paar Leuten und einem Berg von Gepäck. Nun liegt es unten an der Falltreppe. Frauen mit Kindern steigen herauf, Männer schleppen Kisten nach, die mit goldgrünem Blech beschlagen sind. An diesen Auswanderern vorbei steige ich die schwankende Treppe hinab und sehe über das Seil hinweg in das blaugrüne, besonnte Wasser. Nur wenig eingetaucht schwebt das große Schiff in dem klaren Element. Sein Schatten liegt auf dem hellen Meeresboden.

Über die Schulter des Mannes blickend, der mich ans Ufer rudert, empfinde ich das grelle Glänzen der Meeresfläche. Kleine Felseneilande schwimmen draußen dem Blauen zu wie Flöße. In der Ferne schwebt eine Brigg mit hellen, aufgefüllten Segeln, und noch viel weiter draußen schimmern einzelne Segel kaum bemerkbarer als ein paar über den großen Estrich gewirbelte Stückchen Papier. Über andere Boote hinweg steige ich an Land und schlage einen Weg ein, der landwärts durch das Hafenviertel führt. Zwischen die bescheidenen Häuser breiteten sich Weizenfelder. Ich gelange durch eine Mauerpforte auf eine Wiese und befinde mich an einer seitwärts offenen Bucht.

Am Saum der Wiese liegen braune Felsentafeln ins Meer geneigt. Am Ende des Bogens sammeln sich die Felsen zu einer Klippe, und diese Klippe trägt Gemäuer wie eine zerbrochene Krone. Ich gehe nah bis an das leicht gewiegte Wasser, das geschwind herbeifließt, meine kaum eingegrabenen Fußspuren wieder auszuwischen. Glänzend und kühl schlüpft die reine Flut an den Felsenplatten empor und rieselt in durchsonnte Tümpel. Auf dem vollkommen geglätteten Sand liegen rosenfarbene Muscheln und winzige blaue Schneckengehäuse, von feinen Sandkörnern überzogen. Ich hebe einige der leichten Gehäuse auf; vor ihrer Öffnung steht ein zäher kristallener Schaum, sie zerbrechen zwischen meinen Fingerspitzen. Nur ein paar feuchte tiefblaue Flocken, Tintenflecken gleich, bleiben zurück zwischen diesen allerzartesten Scherben. Einst färbte man die Königsgewänder mit diesem Purpursaft. Ich kauere am Wasser nieder und schaue über die Meeresfläche. Sie scheint höher als mein Auge zu liegen und unbeweglich wie eine Erzplatte über allen Geheimnissen der Zeit.

Ich streife nun durch Felder von Strandweizen und blühender Kamille zu dem von weitem sichtbaren Gemäuer auf der Klippe. Seine Gewölbe stehn offen, veilchenfarbene Sternblumen, rote Klatschrosen und fetter, goldgelber Mohn drängen sich vor dem verschütteten Eingang und überfluten, bunt wie ein Maskenfest, den besonnten Hof und die aus Steinbrocken gefügte Mauer über dem Meer. Ich klettere auf der Klippe umher und entdecke ein Felsenloch, nicht breiter als die Öffnung eines Ziehbrunnens; wie ein Feuer blitzt es mir von unten entgegen. Das ist der Zugang einer vom Meer her offenen Grotte. Voller Glanz und Ruhe klatscht da unten das Wasser an die Felswände. Unbehauene Stufen führen hinunter in das alte, von Trümmern bewachte Versteck. Im Lichte draußen spielt das Wasser durchsichtig auf dem weißen Sand, der aus der tiefblauen Flut sich mit tatzenmäßigem Umriß abhebt. Ich krieche bis an den Rand des Felsens, um mich umzusehn. Höre ich eine Stimme? Wirklich: dort unten hinter den Klippen richtet jetzt ein Mensch sich auf. Es ist ein Mann mit geblümtem Turban, mit gelber Jacke und über die Knie gestreiften Hosen. Gemächlich bückt er sich und lüpft die im Wasser liegenden Steinlaibe, legt sie sorgsam wieder an ihre Stelle und fängt mit seinem Handnetz die glasigen, wie Flöhe umherhüpfenden Krabben. Er singt halblaut vor sich hin, und ich fühle, ohne mich zu rühren, das vollkommene Behagen von der lauen Kühle des Wassers um seine Knöchel, das Wohlgefühl von dem sanften, mit schlüpfrigem Gestein durchsetzten Sand unter seinen Sohlen und von der Sonnenwärme auf dem breiten, mühelos sich beugenden Rücken. Jetzt verschwindet er hinter der Klippe. Ich geh um das Gemäuer herum ihm entgegen. Er steht schon am Ufer und reinigt sein Netz. Aber im Begriff, zu ihm hinunterzusteigen, seh ich ihn seine Hantierung ändern. Er wäscht seine Hände und Füße und stellt sich aufrecht hin wie eine Bildsäule mit dem Blick auf das Meer. Sein Gesicht ist schön und grob, wie das eines älteren Bauern und von einem tiefen kummerlosen Ernst, wie das eines Betenden. Ein dünner, zerschlissener Teppich liegt vor ihm auf dem Sand; auf diesem stehn seine Füße. Nun wirft er sich nach der Vorschrift in den Knien nieder. Vielleicht sind in diesem Augenblick, wo seine Stirn den Boden berührt, keine Gefühle in ihm, als die der vollkommenen Unterwürfigkeit vor einem Unsichtbaren, der ihn plötzlich überwältigt haben mag. Bei diesem Mann ist sein Dämon, das ist sicher. Er richtet sich wieder auf. Seine Lippen verraten ein Selbstgespräch, seine Arme hängen an den Seiten herab. Mit einem tiefen Seufzen taucht er nochmals nieder. Wie kommt es: im vorigen Augenblick habe ich diesen für einen Glücklichen gehalten, und nun! Ich weiß, wie es um das ganze Land steht, wie niedergeschlagen die Menschen sind, besonders die Guten. Auch der Stärkste sucht Schutz bei den Ungläubigen gegen das entsetzenvolle Gefühl der unabänderlichen Rückbildung. Alles herrlich und gesund Gewesene zerfällt in Elend und schleichende Krankheiten; die jungen Männer wandern aus oder werden nachts gefangen zum Heer geführt und bleiben verschollen; die außen gelegenen Provinzen werden fremdes Land; in den größern Städten ist ein häßlicher Lärm, über den kleinen Orten eine drückende Stille. Dieser Mann steht unversehrt, doch todesbang in einer zerfallenden Welt.

Das Gebet ist beendet. Vor meinen Füßen rollt dem Krabbenfischer ein Stein entgegen. Ohne zu erstaunen, sagt er mir den Gruß und kauert nieder, um sich eine Zigarette zu drehn. Ich reiche ihm mein Schächtelchen, und nun sitzen wir, ohne ein Wort zu sagen, nebeneinander, schauen aufs Meer und rauchen. Ich bin bartlos wie ein Kind, und was das übrige angeht, so war ich noch kürzlich einer der unwürdigen Gefolgsmänner jener Irländerin. Er aber in seinem Bart gleicht einem Völkervater. Zu ihm gehört sicherlich eine jener plumpen, in schwarzglänzenden Stoff gehüllten Frauen, von denen der Fremde auf der Straße nichts empfängt als einen Blick voll Haß und den Anblick der geringelten Strümpfe um die schweren Waden. Was mag dieser Einsiedler denken, da er mich bei seinen Muscheln und Blumen findet? Er kann von hier das Dampfschiff nicht sehn; am Abend wird an diesem Strand keine Spur mehr von mir sein.

Wir sitzen und schweigen. Plötzlich bewegt es mich, ihm die Botschaft zu sagen, die Botschaft des Fremden und des Liebenden. Auf einmal weiß ich den Sinn meiner Anwesenheit hier, den Sinn des gestrigen Tags, und den Sinn meines Weges durch die Welt! Das Wort arbeitet in mir, es dringt in den Mund hinauf und wölbt die Lippen. Und doch schweige ich wie ein Gelähmter, der vergebliche Anstrengungen macht zu sprechen, je mehr die heiße Besessenheit ihn erfüllt. Hinter dem hockenden Krabbenfischer seh ich in diesem Augenblick die halbversteckte Stadt und sehe, größer als sie, die Erscheinung eines Mannes mit der Uhr in der Hand. Und ich sehe diesen Mann ein Zeichen geben, seh in diesem Augenblick vom Herrschaftsgebäude der Stadt die rote Flagge heruntersinken und an ihrer Stelle ein anderes Tuch emporschweben. Es ist das gelbe Banner mit dem zweiköpfigen Adler des Morgen- und Abendlandes, des neuen heiligen Reiches! Mein Freund, du kennst noch nicht das Märchen von dem doppelten Adler, du weißt es noch nicht, daß das Abendland nach langer Zeit wieder Seher und Heilige hervorbringt, die umherziehn und predigen, wie einst der Mönch Bernhard predigte, bedankt und bezahlt von den Liebem des Volkes und von den Tränen der Erregten, die keine Lieder haben! Dort ist jetzt alles zu einer einzigen und großen Gewalt geworden; die Herrschaft Gottes, vordem gehemmt und verborgen in uns allen, ist um ein Stück offenbar geworden. Ihr gehören die Mannschaften und die Schiffe, und über den bunten verschiedenen Fahnen der Länder führen sie jetzt alle denselben Wimpel von goldener Honigfarbe! Dort über der Stadt wird dieser Wimpel emporsteigen mit dem schwarzen Wundervogel, der sich im Sonnenlichte spreizt, dem Adler mit dem Strahlenkreis um jedes seiner Häupter, mit den ausgestreckten Schwingen und den beiden Klauen, in der einen das Schwert, in der andern den Anker! Sag es den Deinigen: es ist Zeit! Nächstens werden auch vor diesem Küstenort die grauen festen Schiffe vor Anker gehn und eine kleine Schar an Land senden. Die wird aus ihren Booten steigen und einen eisernen Karren mit sich durch die Straßen ziehn bis auf den Berg da drüben. Von dort wird das Geschütz sein Fernrohr auf die Stadt herniederrichten, es wird Unruhe in den Straßen sein und ein stummer Schreck in den Häusern. Und da steht er unter einem Gebüsch, der Mann mit der Uhr in der Hand. Plötzlich wird auf sein Zeichen der Adler emporschweben, die Spannung wird sich lösen in einem Donner des Friedens. Der Markt wird weitergehn wie jeden Tag. Die Karawanen aus der Wüste werden vom Gebirg herniedersteigen und beladen zurückkehren zu ihrer Jahreszeit, die Bauern werden mit guter Neuigkeit auf das Land zurückkehren und ihre Dörfer werden aufblühen mit neuen roten Dächern wie Mohn in den Landschaften. In der Stadt aber werdet ihr die alten, von Herbergen und Ställen umbauten Moscheen wieder aufschließen und die vergessenen kostbaren Bücher öffnen. Die Zierbrunnen werden rauschen im spiegelglatten, von schönen Säulenbogen umgebenen Hof. Die viertausend Webstühle aus der alten Zeit werden sich in Bewegung setzen und die Seide dieser Maulbeerhaine weben. Die verschlossenen und dumpf gewordenen Gärten werden aufatmen unter dem Werkzeug des Jätenden und wieder funkeln von kleinen Bächen und Duftwolken hinaussenden auf das Meer. Die Grabsteine eurer Toten werden leuchten, die weißen Marmorsteine vor den schwarzgrünen Flammenbäumen, anmutige Steine, bedeckt mit feinen goldenen Schriftzügen, ein Palmenzweig auf dem Grab der Männer, ein Granatapfel auf dem Denkmal der Frauen. O milde Änderung und schöner Weitergang der Tage. Vielleicht, daß nicht aller Kummer vertrieben wird. Aber ihr werdet Gott nicht fluchen in den Stunden des Alleinseins, sondern vor euch hinsingen wie der Mann, der im sonnigen Wasser badet.

Der Krabbenfischer sitzt ruhig neben mir. Er dreht in der Hand eine rosenrote Tulpenmuschel. Sie glänzt wie ein Zauberstab; er reicht sie mir, und ich verstehe, daß er sie mir schenken will. Wir erheben uns beide und sprechen kein Wort. Dann nimmt er die Netze auf seine Schulter und schreitet davon.

 

Ich ging zur Stadt und kam in die Nähe des Hafens zurück. Noch immer empfingen die Häuser die Morgenluft mit offenen Türen. Aufs Land gezogene Fischerboote verhauchten ihren kräftigen Duft von Seetang und Harz. Dann folgte ich einer staubigen Straße zwischen Gartenmauern mit überhängenden Zweigen und ragenden Baumspitzen. Hinter einer Allee begann ein Stadtteil mit engen Gassen. Bunt gekleidet gingen hier die Menschen zwischen den schattigen Gewölben und den von Händlern sorgsam aufgebauten Hügeln von Oliven, Granatäpfeln, Datteln und Nüssen, zwischen vollgehäuften Körben mit Getreide und Sesam. Ein Speisenverkäufer, umringt von Schüsseln mit roten Latwergen, gesäuerten Käsen, Reis- und Traubenkuchen und strohfarbenen taschenförmigen Broten, unterbrach, als ich vorüberkam, seinen Handel und wies auf seine Waren. Ich dankte ihm, und die Leute, die in der Nähe standen, lächelten und ließen ihre Blicke als ein heiteres Zeichen des Willkommens mit mir gehn.

Als ich am Ende der Gassen angelangt war, begann ein Wiesenpfad, der in steiler Ranke den Bergrücken umzog. Bald stand ich oben unter alten Bäumen und am Fuß einer wohlerhaltenen Burg der Kreuzritter, die einmal diese Stadt mit den benachbarten Tälern des Gebirges zu einer Grafschaft vereinigt hatten. Ich sah von oben auf das Meer. Es glänzte hell mit unaufhörlichen, heißen und geheimnisvollen Blitzen, so daß das Schiff, das weit vom Strand und umringt von Booten lag, ganz schwarz und klein erschien. Langsam stieg ich auf der anderen Seite den Felsrücken durch die stacheligen Büsche in die Schlucht hinab. Dort schoß im Dickicht der Bäume ein Wildbach wie ein blanker Pfeil der Stadt entgegen; an einer alten Mühle empfingen ihn die ersten zerteilenden Brückenbogen; er glitt hindurch in das gemauerte Bett, breitete sich wie ein Schleier auf trüben Kieseln aus und schlich an Höfen und Treppen der Blaufärber vorüber. Indem ich in gleicher Richtung den Gassen folgte, kam ich abermals vor die Stadt an den Saum der Baumgärten und in Sicht des Meers. Hier stand eine Schänke. Dünne Sonnenstrahlen spannen unaufhörlich Goldfäden durch den Schatten hoher Bäume. Ein paar Leute saßen halb schlafend in diesem angenehmen Zwielicht; vor jedem stand nichts weiter als ein Glas des reinen Wassers aus der Quelle und ein frischgepflückter Blumenstrauß. Die Hauswand unter der Laube wies unbeholfene Zeichnungen, es waren Fischerboote mit kleinen Flaggen und im Meer nachschleifenden Netzen. Eine Taucherleine hing tief hinab, und in halber Höhe über dem Meeresboden hielt ein Hai einen Menschen im Maul; das Blut stieg wie ein Rauch zur Oberfläche. Hier nahm ich Platz. Der Diener war zur Stelle und setzte Wasser und Blumen vor mich hin. Ich trank erquickt und ruhte aus; die glänzende Muschel lag vor mir, und manches Mal hob ich entzückt das Bündel lieblich duftender Moosrosen, das eine einzige Nelke umkränzte, an meine Nase.

Plötzlich brach von fern ein dumpfer Ton, so stark und langgezogen, daß ich erschrak, die Stille. Es war die Stimme des Dampfschiffs; ein Brüllen, das die Luft erzittern machte. Mehrmals brach es ab und erhob sich aufs neue. Ich wollte widerstehn, ich hob verzweifelt die Hände nach den Träumen des Morgens; aber jener Ton war wie ein Seil um meinen Hals geschlungen und zog mich an mit seiner unbändigen Kraft. Der Diener stand nicht weit; ich klatschte in die Hände, um ihn herzurufen, aber der Mensch, ganz bleich geworden, ging in das Haus und kehrte nicht zurück. Die Gäste hoben verwirrt und bös ihre im Schlummer gesunkenen Köpfe. Ich legte eine Münze auf den Teller, stand auf und ging fort. Auch einige von den Gästen standen auf; es schien, als folgten sie mir. Als mich in den Gassen des Basares die Menschen kommen sahen, erhoben sie sich und traten in die Türen: Lastträger blieben mitten auf der Straße stehn und stießen nach mir mit ihren Schultern. Eine schrille Stimme rief ein Wort, und von allen Seiten kam die erregte Antwort; es schien, als liefe die ganze Stadt zusammen und gerinne an meinem Weg und verwandle sich von süß in sauer. Ich erreichte das Freie, aber auch auf der Landstraße traten mir Menschen in den Weg, um auszuspeien und ihre Blicke wie Dornen vorzuweisen. Und kaum, daß ich erschöpft am Strande stand, wo eine Menge, noch bewegt von dem Abschied bekannter Auswanderer, nicht auseinanderzugehn vermochte, kaum daß ich im Boote saß und mit raschen Ruderschlägen zum Schiff entfloh, das seine rohe und irrsinnige Stimme immer wieder erhob, so sah ich einen bärtigen Mann in gelber Jacke und geblümtem Turban ans Ufer eilen. Es war der Krabbenfischer. Ein Stein von seiner Hand flog mit schwerem Schwung mir nach und beschüttete mein Gesicht mit Nässe.

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