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In Nacht und Eis. Zweiter Band

Fritjof Nansen: In Nacht und Eis. Zweiter Band - Kapitel 7
Quellenangabe
typereport
authorFridtjof Nansen
titleIn Nacht und Eis. Zweiter Band
publisherF. A. Brockhaus.
year1930
firstpub1897
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sechstes Kapitel

Im Sehnsuchtslager

Sonnabend, 22. Juni. 9½ Uhr vormittags nach einem tüchtigen Frühstück von Seehundsfleisch, -Leber, -Speck und -Suppe.

Hier liege ich, bequem und satt, und gebe mich lichten Träumen hin; das Leben ist wieder ganz Sonnenschein. Welch kleinen Zufalls bedarf es, um das ganze Aussehen der Dinge zu verändern! Gestern und die letzten Tage waren düster und traurig; alles schien hoffnungslos. Das Eis war verzweifelt, kein Wild zu finden: da kommt ganz zufällig ein Seehund in der Nähe der Kajaks empor und tummelt sich um uns herum. Johansen hat gerade Zeit, ihm noch eine Kugel zuzuschicken, bevor er verschwindet; er treibt aber, sodaß ich ihn harpunieren kann – es ist der erste bärtige Seehund ( Phoca barbata), den wir bisjetzt gesehen haben –, mit ihm haben wir für länger als einen Monat Ueberfluß an Nahrung und Feuerungsmaterial. Wir brauchen uns nicht mehr zu beeilen, wir können uns niederlassen, die Kajaks und Schlitten für die Ueberfahrten über die Rinnen besser in Stand setzen, möglicherweise Seehunde fangen und eine Veränderung der Eisverhältnisse abwarten. Wir haben uns beide beim Abendessen wie beim Frühstück richtig vollgegessen, nachdem wir manchen Tag Hunger gelitten hatten. Die Zukunft erscheint uns jetzt hell und sicher; es lassen sich keine dunkeln Wolken mehr blicken.

Es waren just keine großen Erwartungen, mit denen wir am Donnerstag aufbrachen. Der Weg war der gewohnte: eine harte Kruste, die sich auf dem weichen Schnee gebildet hatte, verbesserte die Sache nicht; die Schlitten schnitten oft durch und waren nicht fortzubringen, bis man sie vorn wieder herausgehoben hatte. Wenn es sich darum handelte, sie auf dem unebenen Eise zu drehen, blieben sie in der Kruste ganz stecken. Das Eis war uneben und schlecht, der Schnee lose und mit Wasser durchsetzt, sodaß wir sogar mit den Schneeschuhen tief einsanken. Nichts als Plackerei. Außerdem kamen Rinnen vor, und wenn wir sie auch ziemlich leicht überschritten, da sie sich oft dicht zusammengeschoben hatten, so zwangen sie uns doch zu einem gewundenen Kurse. Wir sahen deutlich ein, daß es unmöglich war, auf diese Weise weiter zu kommen. Der einzige Ausweg war, uns von allem zu entlasten, was irgendwie entbehrlich war, und nur mit Proviant, Kajaks, Gewehren und den allernöthigsten Kleidungsstücken weiter zu ziehen, um unter allen Umständen Land zu erreichen, bevor der letzte Bissen verzehrt war. Wir gingen die Sachen durch, um zu sehen, wovon wir uns trennen könnten: die Apotheke, die Reserve-Bretter unter den Schlitten, die Reserve-Schneeschuhe und die Schneestrümpfe, die schmutzigen Hemden. Auch das Zelt? Ja, auch dieses! Als wir an den Schlafsack kamen, stießen wir einen tiefen Seufzer aus, aber naß und schwer, wie er jetzt immer ist, müßte er ebenfalls fort. Wir haben ferner für hölzerne Griffe unter den Kajaks zu sorgen, sodaß wir beim Kreuzen einer Rinne ohne weitere Mühe das ganze Ding flott machen und auf der andern Seite die Schlitten hinaufschleppen und sofort weiter gehen können. Wenn wir dann, wie jetzt, die Schlitten nicht flott machen könnten, weil Schlafsack, Kleidungsstücke und Proviant u. s. w. als weiche Unterlage für die Kajaks darauf liegen, so würde das zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Bei jeder Rinne waren wir gezwungen, die Befestigungen zu lösen, die Kajaks von den Schlitten zu heben, sie ins Wasser zu lassen, sie dort zusammenzusetzen, dann die Schlitten daraufzulegen und an der andern Seite das ganze Verfahren in umgekehrter Reihenfolge zu wiederholen. In dieser Manier würden wir an einem Tage nicht weit kommen.

siehe bildunterschrift

Kreuzung einer Rinne.

Fest entschlossen, diese Veränderungen schon am nächsten Tage vorzunehmen, zogen wir weiter. Bald kamen wir an einen großen Teich, über den wir nothwendigerweise hinüberfahren mußten. Bald waren die Kajaks zu Wasser gebracht und lagen nebeneinander, mit den querüber durch die Strippen Riemen, die am Kajak gerade vor dem Ruderer angebracht sind und dazu dienen, beim Schießen u. s. w. das Ruder hindurchzustecken. Das Blatt des letztern liegt dann seitlich auf dem Wasser und trägt auf diese Weise sehr viel zum sichern Sitz des Ruderers bei. gesteckten Schneeschuhen tüchtig steif gemacht, eine richtige, zuverlässige Flotille. Dann wurden die Schlitten mit ihrer Ladung hinausgeschoben, der eine vorn, der andere hinten. Wegen der Hunde waren wir in Verlegenheit gewesen und hatten nicht gewußt, wie wir sie veranlassen sollten mitzugehen; allein sie folgten den Schlitten auf die Kajaks und legten sich dort nieder, als ob sie in ihrem Leben nichts anderes gethan hätten. »Kaiphas« thronte vorn auf meinem Schlitten, die andern beiden hinten.

Während wir damit beschäftigt waren, war in der Nähe von uns ein Seehund an die Oberfläche gekommen, doch hielt ich es für besser, mit dem Schießen zu warten, bis die Kajaks fertig waren; wir konnten dann ganz sicher sein, daß wir ihn auch bekamen, ehe er untertauchte. Natürlich zeigte er sich nicht wieder. Diese Seehunde scheinen verhext zu sein; es ist gerade, als ob sie uns geschickt würden, um uns aufzuhalten. Schon vorher hatte ich an demselben Tage zweimal solche gesehen und ihnen vergeblich aufgelauert. Ich hatte es sogar fertig gebracht, einen zu fehlen, das dritte mal bei einem Seehunde. Es sieht für unsere Munition bös aus, wenn ich so fortfahre; ich habe gefunden, daß ich für diese kurzen Entfernungen zu hoch ziele und darüber hinwegschieße. Dann fuhren wir über die blauen Wogen, das erste mal, daß wir uns auf einer längern Fahrt befanden. Als eine höchst merkwürdige Flotille müssen wir erschienen sein, beladen mit Schlitten, Säcken, Gewehren und Hunden; eine echte Zigeunerbande, sagte Johansen. Wenn uns damals jemand plötzlich getroffen hätte, er würde schwerlich gewußt haben, was er aus uns machen sollte, Polarforscher gewiß nicht. Das Rudern war zwischen den Schlitten und den Schneeschuhen, welche auf beiden Seiten weit hinausragten, gerade keine leichte Arbeit; jedoch gelang es uns, etwas weiter zu kommen, und bald waren wir damit im Reinen, daß wir uns glücklich schätzen könnten, wenn es in derselben Weise den ganzen Tag weiter ginge, anstatt diese unerträglichen Schlitten über das verwünschte Eis zu ziehen. Unsere Kajaks konnten kaum wasserdicht genannt werden; mehreremal mußten wir zu den Pumpen greifen, jedoch fanden wir uns leicht damit ab und wünschten nur, wir hätten noch mehr offenes Wasser zur Fahrt. Endlich hatten wir das Ende des Teiches erreicht; ich sprang auf den Rand des Eises, um die Kajaks heraufzuziehen, als ich plötzlich neben uns starkes Plätschern hörte. Es war ein Seehund, der dort gelegen hatte. Bald darauf vernahm ich ein ähnliches Plätschern auf der andern Seite und dann erschien zum dritten mal ein ungeheuerer schwimmender Kopf, der sich schnaufend hin und her bewegte, um dann tief unter den Rand des Eises zu tauchen, ehe wir Zeit hatten, die Büchsen herauszuholen. Es war ein schöner großer bärtiger Seehund.

Wir waren fest überzeugt, daß er für immer verschwunden sei; aber kaum hatte ich einen der Schlitten halbwegs auf das Eis heraufgezogen, als der ungeheuere Kopf wieder ganz in der Nähe des Kajaks auftauchte und schnaufte und das Manöver von vorhin wiederholte. Ich blickte mich nach meiner Büchse um, konnte sie aber, da sie auf dem Kajak lag, nicht erreichen. »Nehmen Sie rasch das Gewehr, Johansen, und schießen Sie los; aber rasch, rasch!« In demselben Augenblick hatte er die Büchse an die Wange gerissen und gerade, als der Seehund unter dem Eisrande wieder verschwinden wollte, knallte es. Das Thier bäumte sich ein wenig und trieb dann oben, wobei ihm das Blut aus dem Kopfe floß. Ich ließ den Schlitten fallen, ergriff die Harpune, und schnell wie der Blitz warf ich sie in den fetten Rücken des Seehundes, der zitternd auf der Oberfläche des Wassers lag. Da begann er sich zu regen; es war noch Leben in ihm. In der Besorgniß, daß die Harpune mit der dünnen Leine nicht halten möchte, wenn das ungeheuere Thier seine Bewegungen ernstlich beschleunigen sollte, zog ich das Messer aus der Scheide und stieß es dem Seehund in den Hals, sodaß ein Blutstrom hervorquoll. Das Wasser war auf eine weite Strecke geröthet, und ich bedauerte sehr, daß diese Zuthat zu einer schönen Mahlzeit in solcher Weise vergeudet wurde. Daran war jedoch nichts zu ändern; unter keinen Umständen wollte ich das Thier verlieren, weshalb ich ihm der Sicherheit wegen noch einen weitern Harpunenstoß versetzte. Mittlerweile war der Schlitten, der schon halb aufs Eis hinaufgezogen gewesen war, wieder herabgeglitten, und die Kajaks waren mit Johansen und den Hunden abgetrieben. Er versuchte, den Schlitten auf das Kajak zu ziehen; allein vergeblich, und so blieb der Schlitten mit dem einen Ende im Wasser und mit dem andern auf dem Kajak hängen. Der Schlitten holte die ganze Flotille über, Johansen's Kajak so weit, daß die eine Seite im Wasser lag. Dabei leckte dieses wie ein Sieb, und das Wasser stieg im Innern mit besorgnißerregender Schnelligkeit. Der Kochapparat, der auf Deck gestanden hatte, fiel herunter und trieb mit seinem gesammten werthvollen Inhalt lustig vor dem Winde fort, von dem glücklicherweise wasserdichten Aluminiummantel über Wasser gehalten. Auch die Schneeschuhe waren hinuntergefallen und schwammen umher, während die Flotille tiefer und immer tiefer sank. Inzwischen stand ich und hielt unsere kostbare Beute fest, die ich nicht fahren lassen durfte. Das Ganze war ein Bild vollständigster Verwirrung. Johansen's Kajak hatte sich mittlerweile dermaßen auf die Seite geneigt, daß das Wasser die Oeffnung auf Deck erreichte und das Fahrzeug sofort voll lief. Nun blieb mir keine andere Wahl, als den Seehund loszulassen und das Kajak heraufzuschleppen, ehe es in die Tiefe sank. Dies geschah, so schwer das mit Wasser gefüllte Fahrzeug auch war. Dann kam der Seehund an die Reihe; er bot ein viel schlimmeres Stück Arbeit. Wir hatten unsere liebe Noth damit, das ungeheuere Thier Zug für Zug auf das Eis zu zerren. In unserm Jubel tanzten wir ausgelassen rund um das Thier; ein voll Wasser gelaufenes Kajak und unsere durchnäßten Sachen galten in diesem Moment für nichts. Hier hatten wir doch Lebensmittel und Feuerung auf lange Zeit, und unsere Sorgen waren mit einem Schlage verschwunden.

Dann ging es ans Bergen und Trocknen unserer Sachen, zuerst und vor allen Dingen der Munition; es war unser gesammter Vorrath. Aber glücklicherweise waren die Patronen ziemlich wasserdicht und hatten nicht viel Schaden gelitten. Sogar die Schrotpatronen, deren Hülsen aus Papier waren, hatten nicht lange genug im Wasser gelegen, um vollständig durchweicht zu sein. Schlimmer war es mit dem Pulver; die kleine Blechbüchse, in welcher wir es aufbewahrten, war vollständig voll Wasser. Die übrigen Gegenstände waren nicht so wichtig, wenn es auch nicht gerade eine tröstliche Entdeckung war, als wir das Boot gänzlich vom Salzwasser durchweicht sahen.

In der Nähe fanden wir einen Lagerplatz. Rasch war das Zelt aufgeschlagen, unser Fang zertheilt und in Sicherheit gebracht, und ich kann wol sagen, selten haben auf dem Treibeis Menschen gehaust, die sich so zufrieden gefühlt haben, wie die beiden, die an diesem Morgen in ihrem Sacke saßen und Seehundfleisch, Speck und Suppe schmausten, solange sie noch Platz im Magen hatten. Wir stimmten beide darin überein, daß wir eine besser schmeckende Mahlzeit nicht hätten bekommen können. Dann krochen wir tief in unsern lieben Schlafsack hinein, von dem wir uns fürs nächste noch nicht zu trennen brauchten, und schliefen den Schlaf des Gerechten, in dem Bewußtsein, daß wir uns der unmittelbaren Zukunft wegen jedenfalls noch keine Sorge zu machen brauchten.

Meiner Meinung nach können wir für den Augenblick nichts Besseres thun, als zu bleiben, wo wir sind, von unserm Fange zu leben, ohne den Proviant auf dem Schlitten in Anspruch zu nehmen, und so die Zeit abzuwarten, bis das Eis sich mehr lockert oder die Wegverhältnisse sich bessern. Inzwischen wollen wir hölzerne Griffe an den Schlitten anbringen und die Kajaks wasserdicht zu machen suchen; ferner wollen wir unsere Ausrüstung so viel wie möglich erleichtern. Wenn wir weiter gingen, würden wir gezwungen sein, einen großen Theil unsers Fleisch- und Speckvorrathes zurückzulassen, und das ist, glaube ich, unter diesen Umständen Wahnsinn.

Sonntag, 23. Juni. Heute ist der Tag vor Johannis, zugleich Sonntag. Wie jubeln heute alle Schulkinder! Wie werden die Leute zu Hause in Norwegen in Scharen nach den schönen Wäldern und Thälern hinausströmen ... und wir sitzen hier noch immer auf dem Treibeise, kochen und braten uns Seehundspeck, essen Seehundfleisch, bis uns der Thran vom Leibe tropft, und vor allen Dingen, wissen nicht, wie schnell dieses Leben ein Ende nehmen wird! Vielleicht haben wir noch einen Winter vor uns. Am allerwenigsten hätte ich geglaubt, daß wir jetzt hier sein würden!

Indeß ist es eine angenehme Veränderung, nachdem wir unsere Rationen und die Feuerung auf ein Minimum herabgesetzt hatten, jetzt wieder verschwenden und so viel und so oft essen zu können, als wir mögen. Gut schmeckt es, das Seehundfleisch, und wir gewinnen es immer lieber. Den Speck finde ich sowol roh wie gebraten ausgezeichnet, er kann die Butter gut ersetzen. Das Fleisch ist in unsern Augen so gut, wie Fleisch nur sein kann. Wir verzehrten es gestern zum Frühstück in Gestalt von Fleisch und Suppe mit rohem Speck. Zum Mittagessen briet ich Schnitten, die hoch gelungen waren und selbst im »Grand Hotel« in Christiania nicht besser hätten sein können, wenn auch ein gutes Seidel Bockbier eine willkommene Zugabe gewesen wäre. Zum Abend bereitete ich Blutpfannkuchen, in Speck anstatt in Butter gebacken; sie waren so vorzüglich, daß Johansen sie für ersten Ranges erklärte, von meiner eigenen Ueberzeugung gar nicht zu reden. Das Braten im Zelt auf einer Thranlampe ist jedoch ein zweifelhaftes Vergnügen. Wenn die Lampe selbst nicht raucht, so thut dies der Speck und bereitet dem unglücklichen Koch die peinigendsten Schmerzen in den Augen; er kann sie kaum offen halten, und sie thränen stark. Aber die Folgen könnten noch schlimmer sein. Die Thranlampe, die mir aus einem Stück Neusilberblech herzustellen gelungen war, überhitzte sich eines Tages unter der heißen Bratpfanne, und schließlich gerieth die ganze Geschichte, die Speckstücke und der Thran, in Brand. Die Flamme schoß hoch empor. Ich versuchte, sie auf jede mögliche Weise zu löschen, allein es wurde immer schlimmer. Das Beste wäre gewesen, die ganze Lampe hinauszutragen, allein dazu war keine Zeit. Das Zelt begann sich mit erstickendem Rauch zu füllen; da ergriff ich als letztes Mittel eine Hand voll Schnee und warf ihn auf den brennenden Thran. Das hätte ich aber lieber nicht thun sollen. Es gab eine gewaltige Explosion; der brennende Thran flog nach allen Richtungen, und von der Lampe selbst stieg ein Flammenmeer auf, welches das ganze Zelt erfüllte und alles verbrannte, dem es nahe kam. Halb erstickt warfen wir uns beide gegen die verschlossene Oeffnung, sprengten die Knöpfe ab und stürzten uns kopfüber ins Freie, thatsächlich froh, mit dem Leben davongekommen zu sein. Bei der Explosion war die Lampe ausgegangen; als wir aber das Zelt untersuchten, fanden wir in die seidene Wand gerade über der Stelle, wo die Bratpfanne stand, ein großes Loch gebrannt. Eins unserer Schlittensegel mußte dafür büßen. Mit großer Mühe zündeten wir wieder Feuer an, sodaß ich den letzten Pfannkuchen backen konnte. Dann aßen wir ihn in frohester Stimmung mit Zucker und erklärten ihn für die köstlichste Speise, die wir je genossen hätten. Wir hatten aber auch guten Grund, in gehobener Stimmung zu sein, da die Beobachtung von diesem Tage uns auf 82° 4,3' nördlicher Breite und 57° 48' östlicher Länge versetzte. Trotz der westlichen und zeitweise südwestlichen Winde waren wir in fünf Tagen fast 14 Minuten nach Süden und beinahe gar nicht nach Osten gekommen. Eine höchst überraschende und befriedigende Entdeckung. Draußen wehte noch immer Nordwind, und wir trieben infolge dessen südwärts, in mildere Regionen.

Mittwoch, 26. Juni. Der 24. Juni wurde natürlich mit großer Festlichkeit begangen. Zunächst war es der Tag, an welchem wir vor zwei Jahren von daheim aufgebrochen waren; zweitens war es hundert Tage (eigentlich waren es zwei Tage mehr) her, seitdem wir die »Fram« verlassen hatten, und drittens war es Johannistag. Es war natürlich Feiertag, den wir damit verbrachten, daß wir von holdern Zeiten träumten, unsere Karten studirten, die spätern Aussichten besprachen und alles Lesbare, was zu finden war, d. h. nautisches Jahrbuch und Navigationstabellen, lasen. Johansen machte einen Gang an den Rinnen entlang und brachte es fertig, eine Kragenrobbe in einem Tümpel östlich von uns ebenfalls zu fehlen. Dann kam – ziemlich spät in der Nacht – das Abendessen, bestehend aus Blutpfannkuchen mit Zucker. Das Backen über der Thranlampe dauerte lange Zeit, und um die Pfannkuchen heiß zu genießen, verzehrten wir jeden einzeln, sobald er gar war; es war daher reichlich Zeit, daß unser Appetit in den Pausen zwischen den einzelnen Pfannkuchen neuen Anreiz bekam. Dann dämpften wir uns einige Preiselbeeren, die nicht weniger trefflich schmeckten, obwol sie in Johansen's Kajak bei der Katastrophe vor einigen Tagen vom Seewasser durchweicht worden waren. Nach einem herrlichen Mahle krochen wir gestern Morgen um 8 Uhr zur Ruhe in den Sack.

Um Mittag stand ich wieder auf, um eine Meridianhöhe zu nehmen. Das Wetter war prächtig; es war schon so lange her, daß wir es so gehabt hatten, daß ich mich kaum noch daran erinnerte. Ich setzte mich auf einen Hügel und wartete, daß die Sonne ihren höchsten Stand erreichen sollte, sonnte mich in ihren Strahlen und blickte über die Eisfläche, wo der Schnee auf allen Seiten glitzerte und funkelte, sowie auf den See vor mir, der glänzend und still wie ein Bergsee lag und seine eisigen Ufer im klaren Wasser widerspiegelte. Kein Luftzug regte sich; es war so still, so still, und die Sonne brannte, und ich träumte mich in der Heimat ... Armes Menschenkind – träume, träume, es ist jetzt das Einzige für dich! Aber vor dir liegt das Eis drohend, mit großen Hügeln und mehrere Meter tiefem Schnee dazwischen – wie weit nach Süden es reicht weiß niemand.

Ehe ich mich ins Zelt begab, holte ich etwas Seewasser zur Suppe, die wir zum Frühstück essen wollten; aber gerade in demselben Augenblicke kam ein Seehund neben dem Eise in die Höhe, sodaß ich zurückrannte, um meine Büchse und das Kajak zu holen. Draußen auf dem Wasser fand ich, daß letzteres vom Liegen in der Sonne so leck wie ein Sieb geworden war, sodaß ich rascher, als ich gekommen war, wieder zurückrudern mußte, um das Sinken zu verhindern. Während ich das Kajak entleerte, tauchte der Seehund vor mir wieder auf, und diesmal hatte mein Schuß Erfolg; das Thier trieb wie ein Kork auf dem Wasser. Es dauerte nicht lange, bis ich das lecke Fahrzeug wieder auf dem Wasser hatte und meine Harpune im Nacken des Thieres saß. Dann schleppte ich den Seehund ans Ufer, während das Kajak sich mit Wasser füllte und meine untern Extremitäten vom Wasser durchweicht wurden und meine Komager voll liefen. Nachdem ich ihn zum Zelt hinaufgeschleppt hatte, zerlegte ich ihn, sammelte alles Blut, dessen ich habhaft werden konnte, und schnitt das Fleisch in Stücke; dann schlüpfte ich ins Zelt, zog trockene Unterkleider an und kroch wieder in den Sack, während die Beinkleider draußen in der Sonne trockneten. Jetzt ist es leicht genug, sich im Zelte vor der Kälte zu schützen; es war im Sonnenschein drinnen so warm, daß wir kaum schlafen konnten, obwol wir anstatt im Sack auf demselben lagen. Als ich mit dem Seehund zurückkehrte, sah ich, daß Johansens' bloßer Fuß an einer Stelle des Zeltes, wo der Pflock losgegangen war, herausragte; er schlief ganz fest und merkte nichts davon. Nachdem wir zur Feier des glücklichen Fanges ein Stückchen Chocolade mit rohem Speck genossen und meine Beobachtungen nochmals durchgesehen hatten, begaben wir uns wieder zur Ruhe.

Nach der Breitenbeobachtung schien es ganz merkwürdig, daß wir uns noch auf derselben Stelle befanden, ohne trotz der nördlichen Winde weiter nach Süden getrieben zu sein. Ob dieses Eis an Land anstößt? Es ist nicht unmöglich; jedenfalls können wir nicht weit von Land entfernt sein.

Donnerstag, 27. Juni. Dasselbe einförmige Leben, derselbe nördliche Wind, dasselbe Wetter und dieselben Grübeleien darüber, was die Zukunft uns bringen wird! In der Nacht wehte ein Sturm aus Norden, begleitet von hartem, körnigem Schnee, der gegen die Zeltwände peitschte, daß man glauben konnte, es sei ein richtiger Platzregen. Der Schnee schmolz sofort an den Wänden, sodaß das Wasser daran herunterlief. Drinnen aber ist es behaglich. Der Wind kann uns nichts anhaben; wir liegen in unserm warmen Sack und horchen auf das Klappern des Zeltes und bilden uns ein, daß wir rasch nach Süden treiben, obwol wir uns vielleicht nicht von der Stelle bewegen. Wenn dieser Wind uns jedoch nicht bewegt, so ist die einzige Erklärung dafür, daß das Eis am Lande festliegt und wir uns nicht weit von der Küste befinden. Wir müssen vermuthlich auf Ostwind warten, damit wir weiter westlich und später südlich treiben. Meine Hoffnung ist, daß, während wir hier liegen, wir in den Sund zwischen Franz-Joseph-Land und Spitzbergen hineintreiben. Das Wetter war rauh und windig mit Schneefall, sodaß es für Arbeiten im Freien kaum geeignet ist, besonders, da wir uns leider nicht zu beeilen haben.

In letzter Zeit sind an den Rinnen sehr große Veränderungen vor sich gegangen; von dem Teiche vor uns, über den wir hinweggerudert sind, ist kaum noch etwas übrig, und in allen Richtungen haben rundherum Eispressungen stattgefunden. Ich hoffe darauf, daß das Eis sich tüchtig in Stücke mahlen wird, da es sich dann rascher lockern kann, wenn die Zeit dazu gekommen ist; jedoch wird dies nicht eher als bis spät im Juli sein, und wir müssen darauf geduldig warten.

Gestern haben wir einen Theil des Seehundfleisches in dünne Scheiben zerschnitten und zum Trocknen aufgehängt. Wir müssen unsern Reisevorrath vergrößern und Pemmikan oder getrocknetes Fleisch zubereiten; es ist die bequemste Weise, etwas von dem Seehunde mitzunehmen. Johansen fand gestern ganz in der Nähe einen Süßwasserteich, was uns sehr bequem ist, da wir jetzt kein Eis mehr zu schmelzen brauchen; es ist das erste gute Wasser, das wir zu Kochzwecken gefunden haben. Wenn auch die Seehunde knapp sind, so gibt es noch, Gott sei Dank, Vögel. Nachts waren ein paar Elfenbeinmöven so dreist, daß sie sich auf unserm Seehundsfell dicht neben der Zeltwand niederließen und am Speck pickten; wir jagten sie ein- oder zweimal fort, doch kamen sie immer wieder. Wenn uns das Fleisch ausgehen sollte, müssen wir unsere Zuflucht zum Vogelfang nehmen.

Auf solche Weise ging ein Tag genau wie der andere hin; wir warteten und warteten, daß der Schnee schmelzen sollte, und arbeiteten inzwischen an den Vorbereitungen für den Weitermarsch. Dieses Leben erinnerte mich an Eskimos, die einen Fjord hinausfuhren, um Heu zu sammeln; als sie an ihrem Bestimmungsorte ankamen, fanden sie das Gras noch ganz kurz und ließen sich daher nieder und warteten, bis dasselbe zum Schneiden lang genug war. Mit unserm Vorwärtskommen ging es ebenso geschwind.

Sonnabend, 29. Juni. Noch immer will die Temperatur nicht genügend steigen, um den Schnee wirksam fortzuthauen. Wir suchen die Zeit so gut wie möglich hinzubringen, indem wir davon sprechen, wie schön es sein wird, wenn wir wieder nach Hause kommen, und wie wir das Leben mit allen seinen Reizen genießen wollen, und die Aussichten erörtern, wie bald das geschehen werde; manchmal sprechen wir aber auch davon, wie nett wir es uns für den Winter auf Spitzbergen einrichten wollen, wenn wir in diesem Jahre nicht nach Hause gelangen sollten. Wenn es zum Schlimmsten kommen sollte, werden wir vielleicht gar nicht einmal so weit gelangen, sondern möglicherweise hier an irgendeiner Stelle überwintern müssen – nein, das wird doch nicht geschehen.

Sonntag, 30. Juni. So ist also der letzte Juni gekommen, und wir befinden uns ungefähr auf derselben Stelle wie zu Beginn des Monats. Und der Zustand des Weges? Nun, besser ist er sicherlich nicht geworden. Aber der heutige Tag ist schön. Es ist so warm, daß wir ganz still liegen und im Zelte schwitzen. Durch die offene Thür sehen wir hinaus auf das Eis, wo die Sonne durch die dahinsegelnden weißen Cirruswolken auf das blendende Weiß hinabscheint. Sonntägliche Stille, mit einer schwachen Brise, meist aus Südost, glaube ich. O, heute ist es lieblich zu Hause; alles in Blüte, der Fjord im Sonnenschein erzitternd. Nun sitzt Du vielleicht draußen auf der Spitze mit Liv oder bist in Deinem Boote auf dem Wasser! Und dann wandert mein Blick aufs neue durch die Zeltöffnung hinaus, und ich werde wieder daran erinnert, daß noch Eis und Meer zwischen hier und dort liegt.

Hier liegen wir oben im Norden, wie zwei schwarze, rußige Räuber, und rühren den Suppenbrei im Kessel um. Auf allen Seiten umgibt uns Eis, Eis und nichts als Eis, glänzend und weiß, in all der Reinheit, die uns selbst fehlt. Ach, es ist alles nur zu rein! Das Auge späht bis zum fernsten Horizont vergeblich nach einem dunkeln Punkte, um darauf zu ruhen. Wann wird dies endlich eintreten? Wir haben jetzt zwei Monate darauf gewartet. Alle Vögel scheinen wieder verschwunden zu sein; nicht einmal ein munterer Krabbentaucher ist heute zu sehen. Wir haben sie bis gestern gesehen und haben gehört, daß sie nach Norden und nach Süden flogen. Wahrscheinlich haben sie sich nach dem Lande zu entfernt; wie ich vermuthe, weil jetzt in diesen Gegenden so wenig Wasser ist. O, wer Schwingen hätte wie sie!

Mittwoch, 3. Juli. Weshalb wieder schreiben? Was habe ich diesen Blättern anzuvertrauen? Nichts als dasselbe überwältigende Sehnen, zu Hause und aus dieser Einförmigkeit fort zu sein! Ein Tag ist wie der andere, ausgenommen vielleicht, daß es früher warm und ruhig war, während in den letzten zwei Tagen südlicher Wind geweht hat und wir nordwärts treiben. Fand gestern durch eine Meridianhöhe, daß wir bis 82° 8,4' nördlicher Breite zurückgetrieben sind, während die Länge ungefähr dieselbe ist. Gestern sowol wie vorgestern hatten wir theilweise wirklich glänzenden Sonnenschein; das ist für uns eine große Seltenheit. Der Horizont war gestern im Süden ziemlich klar, was er schon seit langer Zeit nicht mehr gewesen ist, doch haben wir vergeblich nach Land gespäht. Ich begreife es nicht.

In der Nacht hatten wir Schneefall; das Zelt leckte so, daß der Sack naß wurde. Dieser fortwährende Schneefall, der sich nicht in Regen verwandeln will, ist zum Verzweifeln; der Neuschnee nimmt gewöhnlich die Form einer dicken Schicht auf dem alten Schnee an, was das Aufthauen verzögert.

Der Wind scheint wieder einige Rinnen im Eise gebildet zu haben, und es zeigt sich etwas mehr Vogelleben. Wir sahen gestern wieder einige Krabbentaucher; sie kamen von Süden her, vermuthlich vom Lande.

Sonnabend, 6. Juli. +1° C., Regen. Endlich, nach vierzehn Tagen, scheinen wir das Wetter bekommen zu haben, auf das wir gewartet haben. Es hat die ganze Nacht und den Vormittag geregnet und hält auch jetzt noch an, echter tüchtiger Regen. Nun wird sich dieser ewige Schnee vielleicht endlich davonmachen; er ist so weich und lose wie Schaum. Wenn der Regen nur einige Tage anhalten wollte! Aber ehe wir nur Zeit haben, uns umzublicken, haben wir wieder einen kalten Wind mit Schnee; es wird sich eine Kruste bilden, und wir müssen wieder warten. Ich bin zu sehr an Enttäuschungen gewöhnt, um noch an etwas zu glauben. Es ist eine Schule der Geduld. Jedoch hat uns der Regen in gute Stimmung versetzt.

Die Tage schleppten sich langsam dahin. Wir arbeiteten abwechselnd an den hölzernen Kajakgriffen für die Schlitten und am Kalfatern und Malen der Fahrzeuge, um sie wasserdicht zu machen. Das Malen macht mir jedoch sehr viel Mühe. Manchen Tag habe ich hier Knochen gebrannt, bis der ganze Platz wie die Knochenmehlfabrik in Lysaker roch; dann kam das mühsame Verfahren, sie zu zerstoßen und zu zerreiben, damit sie ganz fein und gleichmäßig wurden. Der Knochenstaub wurde dann mit Thran vermischt, worauf ich so weit war, um eine Probe vorzunehmen; jedoch erwies sich die Farbe als vollständig unbrauchbar. Ich mußte sie also doch mit Ruß vermischen, wie ich es ursprünglich beabsichtigt hatte, und mehr Oel hinzufügen. Jetzt bin ich bei meinen Versuchen, Ruß herzustellen, damit beschäftigt, den ganzen Raum auszuräuchern. Dabei gewinne ich, wenn ich den Ruß sammeln will, trotz aller meiner Mühen nur eine kleine Prise, obwol der Rauch hoch emporsteigt, sodaß er auf Spitzbergen zu sehen sein müßte. Ja, man hat mit vielen Unannehmlichkeiten zu kämpfen, wenn sich nebenan kein Laden befindet! Was würde ich nicht für einen kleinen Eimer mit Oelfarbe, nur für gewöhnlichen Lampenruß geben! Nun, wir werden schließlich ein Mittel finden, aus dieser Schwierigkeit herauszukommen; – aber bald werden wir Schornsteinfegern gleich sehen.

Am Mittwoch Abend wurde »Haren« getödtet. Armes Thier! Er war in der letzten Zeit nicht mehr recht zu gebrauchen, war aber ein vorzüglicher Hund, und ich kann mir denken, daß es Johansen schwer geworden ist, sich von ihm zu trennen. Er blickte das Thier gramvoll an, bevor es nach den glücklichen Jagdgefilden abging, oder wohin sonst solche Ziehhunde kommen mögen, vielleicht nach Orten, wo es nur ebene Eisflächen und keine Rücken und Rinnen gibt. Jetzt sind nur noch zwei Hunde übrig, »Suggen« und »Kaiphas«, die wir so lange wie möglich am Leben erhalten müssen, um Nutzen von ihnen zu haben.

Vorgestern Abend entdeckten wir plötzlich im Osten einen schwarzen Hügel. Wir untersuchten ihn durch das Glas; er sah unbedingt wie ein schwarzer Fels aus, der aus dem Schnee aufstieg, und überragte an Höhe auch die benachbarten Hügel. Ich prüfte ihn von dem höchsten Rücken unserer Umgebung aus, konnte aber nicht entscheiden, was es war. Für einen aufgethürmten Haufen, der theilweise aus schwarzem Eis bestand oder mit Schlamm durchsetzt war, kam er mir zu groß vor; ich habe niemals etwas Aehnliches gesehen. Daß er eine Insel ist, erscheint mir höchst unwahrscheinlich; denn obgleich wir unzweifelhaft treiben, bleibt er doch stets in derselben Entfernung von uns. Wir haben ihn gestern schon gesehen und sehen ihn heute noch in derselben Richtung, können aber keine Pressung oder sonstige Bewegung im Eise um ihn herum gewahren. Ich glaube, die vernünftigste Annahme ist, daß es ein Eisberg ist.

Sobald sich der Horizont im Süden aufklärt, kann man auch schon einen von uns den üblichen Weg nach dem »Wachtthurm«, einem neben dem Zelte liegenden Hügel, nehmen sehen, um nach Land auszuspähen, bald mit dem Fernrohr, bald ohne dasselbe; man sieht aber nie etwas anderes als denselben kahlen Horizont. Man vergleiche dagegen, was ich später, am 24. Juli, über den Gegenstand sage.

siehe bildunterschrift

»Kaiphas«, mein letzter Hund.

siehe bildunterschrift

»Suggen«, Johansen'» letzter Hund.

Jeden Tag unternehme ich in der Umgegend einen kleinen Rundgang auf dem Eise, um nachzusehen, ob der Schnee noch nicht abgenommen hat. Er scheint jedoch noch unvermindert zu sein, und es kommen mir manchmal Augenblicke des Zweifels, ob er in diesem Sommer überhaupt verschwinden werde. Das Beste, worauf wir dann hoffen können, würde sein, daß wir den Winter irgendwo auf Franz-Joseph-Land zubringen. Jetzt hat sich aber der Regen eingestellt, und alles erscheint wieder hoffnungsvoll, und wir malen uns die Freuden des Herbstes und Winters in der Heimat aus, während der gepriesene Regen an den Zeltwänden auf das Eis hinunterrieselt.

Mittwoch, 10. Juli. Es ist seltsam, daß ich jetzt, nun ich wirklich etwas ein wenig Interessanteres als gewöhnlich zu erzählen habe, weniger Neigung zum Schreiben habe als je. Alles scheint einem gleichgültiger zu werden. Man sehnt sich nur nach einem Einzigen, – aber noch immer liegt das Eis dort draußen mit unpassirbarem Schnee bedeckt.

Aber was wollte ich denn sagen? Ja, daß wir uns vorgestern ein schönes Lager aus drei Bärenfellen als Unterlage für den Schlafsack gemacht und gestern einen vollen Tag geschlafen haben, ohne es zu wissen. Ich glaubte, es sei 6 Uhr morgens, als ich aufstand. Als ich aus dem Zelte trat, kam mir der Stand der Sonne etwas merkwürdig vor; ich grübelte eine Weile darüber nach, bis ich zu dem Schlusse gelangte, daß es 6 Uhr abends sei; wir hatten also 22 Stunden geschlafen. In letzter Zeit war es mit unserm Schlaf nicht gerade besonders bestellt gewesen, weil wir auf den Schneeschuhen, die wir unter den Sack gelegt hatten, um ihn von den Wassertümpeln unter uns freizuhalten, wie gerädert worden waren. Die wenigen Ueberreste von Haar, die an dem untern Ende des Sackes hier und dort noch auf dem Fell vorhanden waren, boten nicht viel Schutz gegen die scharfen Kanten der Schneeschuhe.

Der wohlthätige Regen hielt am Sonnabend den ganzen Tag an und entfernte eine beträchtliche Menge Schnee, was wir mit Freuden begrüßten. Um das gute Wetter zu feiern, beschlossen wir, zum Abendessen einen Topf Chocolade zu kochen; sonst lebten wir gänzlich von unserm Fange. Wir bereiteten uns demgemäß Chocolade, die, mit rohem Seehundspeck servirt, ganz ausgezeichnet mundete. Sie war aber die Ursache einer großen Enttäuschung; denn nachdem wir uns auf diesen, jetzt so seltenen Schmaus riesig gefreut hatten, brachte ich es durch eine ungeschickte Bewegung fertig, den ganzen Becher umzustoßen, sodaß der ganze kostbare Inhalt über das Eis floß. Während wir an einen Knochen nagten und auf die zweite Tasse warteten, die über der Thranlampe kochte, schlug »Kaiphas« draußen an. Kein Zweifel, ein Thier mußte draußen sein; ich warf den Knochen weg und sprang auf, um auf den Ausguck zu eilen und über das Eis zu spähen. Ich war aber nicht wenig erstaunt, als ich den Kopf aus der Zeltöffnung steckte und einen Bären sah, der auf die Hunde zutrottete und »Kaiphas« zu beschnüffeln begann. Ich sprang nach meiner Büchse, die geladen neben dem Zelte im Schnee stand, und riß das Futteral herunter, während der Bär mittlerweile erstaunt stehen geblieben war und mich anglotzte. Ich schickte ihm eine Kugel durch Schulter und Brust, überzeugt, daß er auf der Stelle niederstürzen würde; er taumelte aber nur halb vornüber, drehte sich dann um und machte sich davon, und ehe ich eine neue Patrone aus der Tasche ziehen konnte, die voll von allen möglichen Dingen war, war er schon zwischen den Hügeln. Da wo er sich befand, konnte ich nicht zum Schusse kommen, weshalb ich mich zu seiner Verfolgung aufmachte. Kaum hatte ich einige Schritte gemacht, als wir – Johansen war mir gefolgt – etwas weiter entfernt zwei andere Köpfe erscheinen sahen. Sie gehörten zwei jungen Bären an, die auf den Hinterbeinen standen und nach ihrer Mutter blickten, die taumelnd mit einer Blutspur hinter sich auf sie zukam. Dann machten sich alle drei über eine Rinne davon, und nun entspann sich eine wilde Jagd über Ebenen und Rücken und Rinnen und allerlei andere Hindernisse, die jedoch auf das Tempo keinen Einfluß ausübten. Dieser Jagdeifer ist wunderbar; es ist gerade, als ob Pulver angezündet würde. Wo es zu andern Zeiten beschwerliche Arbeit gewesen wäre, überhaupt weiter zu kommen, wo man bis an die Knie in den Schnee sinkt und zögern würde, den Weg über eine Rinne anzutreten, da geht es, wenn nur der Jagdeifer entflammt ist, darüber hin, als wäre alles das schönste ebene Eis.

Die Bärin war schwer verwundet und schleppte das linke Vorderbein nach; sie ging nicht schnell, aber immerhin so rasch, daß ich genug zu thun hatte, mich in der Nähe zu halten. Die Jungen liefen ängstlich um die Mutter herum, aber meist ein wenig vor ihr, als ob sie sie veranlassen wollten, mit heimzukommen; sie wußten nicht, was ihr fehlte. Plötzlich blickten sie sich alle drei nach mir um, als ich, so rasch ich konnte, hinter ihnen hersauste. Ich war schon vielemal in Schußweite gewesen, jedoch hatte die Bärin mir stets ihre Kehrseite zugewendet; wenn ich schoß, wollte ich aber auch sicher sein, der Sache ein Ende zu machen, da ich nur drei Patronen bei mir hatte, für jeden von ihnen eine. Endlich bekam ich auf dem Gipfel eines großen Hügels ihre Breitseite zu sehen, und dort stürzte die Bärin auch zusammen. Die Jungen eilten ängstlich zu ihr hin, als sie fiel. Der Anblick konnte einen dauern. Sie schnüffelten an ihr herum, stießen sie an und liefen immer rundherum, nicht wissend, was sie in ihrer Verzweiflung thun sollten. Inzwischen hatte ich eine neue Patrone in den Lauf geschoben und schoß das eine Junge, als es auf einem Vorsprung stand, herunter; es stürzte mit dumpfem Geheul über den Abhang an die Seite der Mutter. Noch mehr erschreckt als vorher, eilte das andere Junge zu seiner Hülfe herbei; aber was konnte das arme Ding thun? Während sein Bruder sich brüllend umherwälzte, stand es da und schaute traurig bald ihn, bald die Mutter an, die in einem Pfuhl von Blut im Sterben lag. Als ich mich näherte, wandte es gleichgültig den Kopf zu mir; was fragte es jetzt nach mir? Alle seine Verwandten, alles, was ihm theuer war, lag dort verstümmelt und vernichtet. Es wußte nicht mehr, wohin es gehen sollte, und bewegte sich nicht von der Stelle. Ich trat dicht hinan, und mit einer Kugel in der Brust stürzte es todt neben der Mutter nieder.

Bald darauf kam Johansen herbei, der durch eine Rinne aufgehalten worden war und dadurch an Terrain verloren hatte. Wir weideten die Thiere aus und kehrten dann nach dem Zelte zurück, um die Schlitten und Hunde sowie ordentliche Schlachtmesser zu holen. Unsere zweite Tasse Chocolade im Zelte schmeckte uns nach dieser Unterbrechung ausgezeichnet. Als wir zwei Bären abgehäutet und in Stücke zerschnitten hatten, ließen wir sie auf einem Haufen zurück, den wir mit den Fellen bedeckten, um das Fleisch vor Möven zu schützen; den dritten nahmen wir mit uns. Am nächsten Tage holten wir auch die beiden andern, und nun haben wir mehr Fleisch, als wir, wie ich hoffe, zu verzehren im Stande sein werden. Es ist jedoch gut, daß wir den Hunden so viel rohes Fleisch geben können, wie sie fressen mögen; sie haben es sicher nöthig. »Suggen«, der arme Kerl, befindet sich in sehr schlechter Verfassung, und es ist eine Frage, ob wir ihn noch weiter werden brauchen können. Als wir ihn am ersten Tage zu den Bären mitnahmen, konnte er nicht gehen, sodaß wir ihn auf den Schlitten setzen mußten. Er heulte aber fürchterlich, als ob er sagen wollte, es sei unter seiner Würde, in dieser Weise transportirt zu werden, sodaß Johansen ihn wieder zurückbringen mußte. Die Hunde scheinen von einer Lähmung der Beine betroffen zu werden: sie fallen kopfüber hin und haben die größte Mühe, wieder aufzukommen. So ist es von »Gulen« an mit ihnen allen der Fall gewesen. Nur »Kaiphas« ist so frisch und wohl wie je.

Es war merkwürdig, wie groß die jungen Bären waren. Ich konnte mir kaum vorstellen, daß sie in diesem Jahre geboren seien, und würde nicht gezögert haben, sie für ein Jahr alt zu erklären, wenn nicht die Bärin Milch gehabt hätte; es ist kaum anzunehmen, daß die Jungen anderthalb Jahre gesäugt werden. Diejenigen, die wir voriges Jahr am 4. November bei der »Fram« geschossen hatten, waren kaum halb so groß wie diese. Es scheint, als ob die Eisbären ihre Jungen zu verschiedenen Zeiten des Jahres zur Welt bringen. In den Magen der Jungen befanden sich Stücke Seehundshaut.

Montag, 15. Juli. Als wir gestern an den Kajaks arbeiteten, flog eine Rosenmöve vorbei. Es war ein ausgewachsener Vogel, der, als er sich gerade über uns befand, eine Wendung machte und dabei seine hübsche, carminrothe Brust zeigte, dann aber wieder im Nebel nach Westen verschwand. Am Donnerstag sah ich eine zweite Rosenmöve mit einem schwarzen Ringe um den Hals; sie kam von Nordosten und flog in südöstlicher Richtung weiter. Uebrigens ist es merkwürdig, daß alle Vögel von hier verschwunden sind. Ein Krabbentaucher ist weder zu sehen noch zu hören; die einzigen Vögel sind hin und wieder Elfenbeinmöven und gelegentlich ein Eissturmvogel. Der Grund ist wol der, daß das Eis so dicht ist.

Mittwoch, 17. Juli. Endlich naht die Zeit heran, daß wir uns wieder auf den Weg machen und im Ernste heimwärts aufbrechen können. Der Schnee hat genügend abgenommen, um das Vordringen, wie ich hoffe, ziemlich leicht zu machen. Wir thun unser Aeußerstes, fertig zu werden. Die Griffe auf den Schlitten sind gut angebracht und mit Polsterungen versehen, die auf Johansen's Schlitten aus Bärenfell, auf meinem aus Fries hergestellt sind. Es ist dies geschehen, um den Kajaks eine feste und weiche Unterlage zu geben und das Scheuern zu verhindern. Die Kajaks sind mit Ruß und Thran angestrichen und mit trockenen Pastellfarben, die zerstoßen und ebenfalls mit Thran vermischt wurden, gedichtet worden. Jetzt verwenden wir eine Mischung von Stearin, Pech und Harz, Harz hatten wir für den Fall mitgenommen, daß der Kochapparat oder die Neusilberbeschläge unter den Schlittenkufen gelöthet werden müßten. um die Arbeit zu vollenden. Es wird noch eine gründliche Revision unserer Ausrüstung stattfinden, und alles, was nicht unbedingt nothwendig ist, wird zurückgelassen werden. Hier müssen wir unserm Schlafsack und dem Zelte Lebewohl sagen. Schließlich beschlossen wir jedoch, das Zelt zu behalten. Die Tage der Behaglichkeit sind für uns vorüber; fortan werden wir unter freiem Himmel campiren, bis wir uns an Bord der Fangjacht Das Fahrzeug, welches wir in Spitzbergen zu treffen hofften. befinden.

siehe bildunterschrift

Johansen im Schlafsack, den Proviant musternd.

Mittlerweile haben wir hier – wir haben die Stelle » Sehnsuchtslager« genannt – gelegen und die Zeit vorübergehen lassen. Wir aßen morgens, mittags und abends Bärenfleisch und haben, anstatt dessen überdrüssig zu werden, die Entdeckung gemacht, daß die Brust der jungen Thiere eine wahre Delicatesse ist. Es ist eigentümlich, daß diese ausschließliche Fleisch- und Fettkost uns in keinerlei Weise Unbehaglichkeit verursacht hat; ja, wir vermissen Mehlspeisen nicht einmal so sehr, wenn wir vielleicht auch einen großen Teller mit Kuchen als den Höhepunkt der Glückseligkeit betrachten würden. Hin und wieder heitern wir uns mit Citronensaft-Grog, einem Blutpfannkuchen oder gedämpften Preiselbeeren auf und phantasiren davon, wie schön es sein wird, nun binnen kurzem heimzukommen, und wie wir die Annehmlichkeiten der Civilisation in vollen Zügen genießen wollen. Glückliche Unwissenheit! Vielleicht wird es noch manchen langen Tag dauern, vielleicht wird noch manche schwere Prüfung zu bestehen sein, ehe wir heimkommen. Aber nein, ich will das Beste hoffen! Wir haben noch zwei Monate Sommer, und in denen kann noch viel geschehen.

Freitag, 19. Juli. Heute Vormittag flogen zwei ausgewachsene Rosenmöven, von Nordosten kommend, über uns hin nach Westen. Als sie schon in der Ferne waren, stießen sie ein Geschrei aus, das mich an dasjenige des Wendehalses erinnerte und das ich anfänglich für von einem Krabbentaucher herrührend hielt. Sie flogen ganz niedrig gerade über meinem Kopf hin, sodaß ich die Rosafarbe an ihrer Unterseite deutlich sehen konnte. Eine weitere Rosenmöve flog vorgestern hier vorbei. Es ist seltsam, daß hier so viele davon sind. Wo sind wir?

Dienstag, 23. Juli. Gestern Morgen kamen wir endlich vom »Sehnsuchtslager« los und jetzt sind wir gottlob wieder unterwegs. Tag und Nacht haben wir gearbeitet, um fortzukommen. Erst glaubten wir, es würde am 19. sein, dann am 20., darauf am 21., aber immer tauchte wieder etwas auf, das gethan werden mußte, ehe wir uns aufmachen konnten. Das vom Seewasser durchweichte Brot mußte in der Bratpfanne über der Lampe sorgfältig getrocknet werden, was mehrere Tage in Anspruch nahm; dann mußten die Strümpfe geflickt und die Kajaks genau nachgesehen werden u. s. w. Wir waren entschlossen, auf der letzten Reise heimwärts in guter Verfassung aufzubrechen. So geschah es auch.

Alles geht wie ein Tanz. Die Aussichten für unser Weiterkommen sind besser, als wir erwartet hatten, obwol das Eis nichts weniger als eben ist; die Schlitten sind leichter zu ziehen, nachdem wir alles, was entbehrt werden kann, zurückgelassen haben, und der Schnee hat ebenfalls beträchtlich abgenommen. Auf dem letzten Theile des Marsches konnten wir sogar ohne Schneeschuhe gehen, und selbstverständlich ist das Weiterkommen ohne sie zwischen Rücken und Unebenheiten, wo mit ihnen schlecht fertig zu werden ist, ein besseres. Johansen führte ein Kunststück aus, indem er allein mit seinem Kajak über eine Rinne setzte, wobei »Suggen« auf dem Vorderdeck lag, während er selbst auf dem Hinterdeck kniete und das Fahrzeug beim Rudern im Gleichgewicht hielt. Ich wollte denselben Versuch mit dem meinigen machen, fand das Fahrzeug aber zu schwankend, um die Fahrt zu riskiren, und zog es daher vor, das Kajak mit »Kaiphas« auf Deck hinüberzuschleppen, während ich vorsichtig daneben ging und über Eisstücke springend hinüberkam.

Wir haben jetzt den Vortheil, daß wir überall Trinkwasser finden. Auch essen wir wieder von unserm alten Proviant; aber curios genug, weder Johansen noch ich fanden die Mehlspeisen so schmackhaft, wie man nach der einmonatigen Fleischkost hätte annehmen sollen. Es ist gut, daß wir wieder unterwegs sind. Das Angenehme dabei sind die leichtern Schlitten. Wir haben aber auch wirklich sehr viel im »Sehnsuchtslager« zurückgelassen; außer einem respectabeln Haufen Fleisch und Speck ließen wir drei schöne Bärenfelle dort. Auch unser Freund, der Sack, liegt oben auf den Bären, ferner ein Quantum Holz, bestehend aus den Brettern der Unterseiten der Schlitten, Schneeschuhe und andere Dinge, mehr als die Hälfte von Blessing's schönen Mitteln – Gipsverbände, dampfsterilisirte Gazebinden, hygroskopische Baumwollwatte, außerdem ein guter Aluminium-Glashorizont, Tauwerk, unsere Bratpfanne mit dem Schmelzapparat, ein halber Aluminiummantel vom Kochapparat, Neusilberplatten, eine Thranlampe aus demselben Metall, Säcke, Werkzeuge, Segeltuch, Finnenschuhe, unsere Fausthandschuhe aus Wolfsfell und aus Wolle, ein geologischer Hammer, ein halbes Hemd, Strümpfe und vieles andere: alles liegt dort in chaotischem Wirrwarr umher. An Stelle all dieser Dinge haben wir aber einen Zuwachs in Gestalt eines Sackes getrockneten Seehunds- und Bärenfleisches und die zweite Hälfte des Aluminiummantels voll Speck. Wir haben uns jetzt aller überflüssigen Dinge so gründlich entledigt, daß wir kaum einen Holzpflock machen können, um ihn durch das Ende der Zugleine zu schieben.

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