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In Nacht und Eis. Zweiter Band

Fritjof Nansen: In Nacht und Eis. Zweiter Band - Kapitel 6
Quellenangabe
typereport
authorFridtjof Nansen
titleIn Nacht und Eis. Zweiter Band
publisherF. A. Brockhaus.
year1930
firstpub1897
correctorreuters@abc.de
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Fünftes Kapitel

Rinnen und Geduld

Sonnabend, 1. Juni. Nun haben wir also Juni. Was wird er uns bringen? Wird auch dieser Monat uns das Land nicht bringen, nach dem wir uns sehnen? Wir müssen es hoffen und glauben, wenn die Zeit sich auch in die Länge zieht. Das Glück ist ein wunderliches Ding. Gestern Morgen erwartete ich von diesem Tage sowenig wie möglich; das Wetter war unsichtig von Schneetreiben, und wir hatten starken Gegenwind. Es wurde auch nicht besser, als wir gleich nach dem Aufbruch an eine Rinne kamen, die fast unpassirbar zu sein schien; alles war dunkel und düster. Und doch machte der Tag sich besser, als wir erwartet hatten. Mittels eines Umweges nach rechtweisend Nordosten fanden wir einen Uebergang über die Rinne, worauf wir auf lange schöne Ebenen kamen, auf denen wir bis Mittag weiter zogen. Von 5 Uhr nachmittags an hatten wir weitere anderthalb Stunden gutes Eis; aber dann war es zu Ende, da nach allen Richtungen Rinnen liefen, die uns jedes weitere Vordringen abschnitten. Obwol ich mehr als anderthalb Stunden nach einem Uebergang suchte, fand ich keinen. So blieb uns nichts weiter übrig, als zu lagern und vom morgigen Tag zu hoffen, daß er besser werde. Nun ist der Morgen da, aber ob die Besserung ebenfalls gekommen ist und die Rinne sich mehr geschlossen hat, weiß ich noch nicht. Es war gestern Abend 9 Uhr, als wir das Zelt aufschlugen. Wie gewöhnlich klärte es sich, nachdem es den ganzen Tag furchtbar geschneit hatte, plötzlich auf, sobald wir mit dem Aufrichten des Zeltes begonnen hatten. Auch der Wind legte sich, und das Wetter wurde wunderschön, mit blauem Himmel und leichten weißen Wolken, sodaß man sich beinahe weit fort in den Sommer der Heimat versetzt träumen konnte. Der Horizont im Westen und Südwesten war klar genug, doch war nichts weiter zu sehen als derselbe Wasserhimmel, auf den wir schon länger losgesteuert sind und der jetzt glücklicherweise sichtlich höher ist, sodaß wir uns ihm also nähern. Wenn wir ihn nur erst erreicht hätten! Da vorn muß eine Veränderung zu finden sein, das bezweifle ich nicht. Wie sehne ich mich nach dieser Veränderung!

Wunderbar, dieser Unterschied! Wenn wir nur Land erreichen, bevor unser Proviant zu Ende ist, würden wir uns für gut geborgen halten, auf demselben Lande, wo Payer seiner Ansicht nach der Hungertod sicher bevorstand, wenn er dort hätte bleiben sollen und den »Tegetthofs« nicht wieder gefunden hätte. Er war aber auch nicht 2½ Monate auf dem Treibeise zwischen 83° und 86° herumgestreift, ohne ein lebendes Wesen zu sehen.

Gestern Morgen, als wir gerade das Lager abbrechen wollten, hörten wir plötzlich den zornigen Schrei der Elfenbeinmöve; hoch oben in der Luft segelten schön und weiß zwei von ihnen gerade über unsern Köpfen hin. Ich wollte sie schießen, aber es schien mir doch nicht der Mühe werth zu sein, an einen solchen Vogel eine Patrone zu wenden; gleich darauf waren sie verschwunden. Eine kleine Weile später hörten wir sie wieder. Als wir heute im Schlafsack lagen und auf das Frühstück warteten, vernahmen wir plötzlich einen heisern Schrei über dem Zelte, ähnlich dem Krächzen einer Krähe; meiner Meinung nach muß das eine Möve, vielleicht die Silbermöve ( Larus argentatus), gewesen sein.

Ist es nicht seltsam? Die ganze Nacht hindurch, so oft ich aufwachte, schien die Sonne lächelnd durch die seidenen Zeltwände zu uns herein, und es war so warm und hell, daß ich vom Sommer, fern von Rinnen und Quälerei und endloser Mühsal, träumte. Ach, wie schön erscheint in solchen Augenblicken das Leben, wie licht die Zukunft! Aber sobald ich um 9½ Uhr aufstand, um zu kochen, verhüllte die Sonne ihr Antlitz, und der Schnee begann wieder herabzurieseln. Das wiederholt sich jetzt fast jeden Tag. Rührt es davon her, daß die Sonne uns veranlassen will, hier zu bleiben und auf den Sommer, die Lockerung des Eises und offenes Wasser zu warten, das uns die Mühe sparen würde, uns einen Weg durch dieses hoffnungslose Gewirr von Rinnen zu suchen? Ich fürchte in der That, daß es noch dazu kommen wird. Selbst wenn wir es, soweit der Proviant in Frage kommt, aushalten könnten, indem wir die Hunde tödten und verzehren, und wenn wir auch die Aussicht haben, Wild zu erlegen, so würde unsere Ankunft auf Spitzbergen doch spät erfolgen und es wäre nicht unwahrscheinlich, daß wir den Winter dort zubringen müßten, während sie zu Hause noch ein weiteres Jahr auf uns warten müßten.

Sonntag, 2. Juni. So ist am Pfingstsonntag dieses Buch voll geworden. Das erste Tagebuch, das ich auf der Schlittenreise führte. Ich hätte mir kaum vorstellen können, daß wir noch immer auf dem Treibeis wären, ohne Land zu sehen. Aber das Schicksal kennt keine Barmherzigkeit und läßt sich weder mildern noch ändern.

Die Rinne, welche uns gestern aufhielt, hat sich nicht geschlossen, sondern sich noch weiter geöffnet, sodaß westlich von uns ein großer See entstanden ist und wir inmitten desselben auf einer Scholle leben, ohne irgendwo einen Weg nach dem andern Ufer zu haben. Endlich ist also eingetreten, was wir so oft befürchtet haben: wir müssen ans Werk gehen und unsere Kajaks seetüchtig machen. Vor allen Dingen verlegten wir unser Zelt nach einer geschützten Ecke des Hügels, unter dem wir beigedreht liegen, sodaß der Wind uns nicht zu fassen vermag und wir uns einbilden können, es sei draußen ganz still, anstatt der regelrechten »Mühlenbrise«, die aus rechtweisend Südwesten bläst. Die Bekleidung meines Kajaks abzureißen und zum Flicken ins Zelt zu bringen, war das Werk sehr kurzer Zeit; dann verbrachten wir einen gemächlichen, ruhigen Pfingstabend im Zelt. Bald war der Kochapparat im Gange, und wir nahmen unser Mittagsmahl, dampfend heißes Labskaus, ein; ich glaube aber kaum, daß einer von uns bedauerte, nicht unterwegs zu sein; es ist unleugbar gut, zuweilen einmal halt zu machen. Die Bekleidung des Bootes war bald geflickt und wieder seetüchtig; dann mußte ich hinaus und die Befestigungsschnüre am Gerippe meines Kajaks fester anziehen, da die meisten derselben sich gelöst hatten und aufs neue gebunden werden mußten. Das ist kein ganz unbedeutendes Stück Arbeit, denn es sind mindestens vierzig Befestigungen. Außerdem sind ein paar Rippen zersplittert, sodaß man das Gestell besser vorher reparirt. Johansen nahm die Bekleidung von seinem Kajak gleichfalls herunter; sie soll heute ausgebessert werden.

siehe bildunterschrift

Ausbesserung der Kajaks und Trocknung des Schlafsacks.

Wenn beide Gestelle wieder in Ordnung gebracht und die Bekleidungen übergezogen sind, werden wir aufs neue bereit sein, aufzubrechen und allen Hindernissen entgegenzutreten, seien es Rinnen, Teiche oder das offene Meer.

Wir werden uns wirklich mit dem Gefühl der Sicherheit aufmachen; die fortwährende Besorgniß, unpassirbare Rinnen anzutreffen, wird ein Ende haben. Ich vermag mir nicht vorzustellen, daß uns dann irgendetwas hindern könnte, bald Land zu erreichen, und es kann jetzt kaum lange mehr dauern, bis wir Rinnen und offenes Wasser treffen, wo wir rudern können. Es ist jedoch ein Unangenehmes dabei, das sind die noch übrigen Hunde, da wir uns von ihnen trennen müssen. Gestern Abend wurden die Rationen für die Hunde eingetheilt, außerdem haben wir von »Pan« noch abends etwas für sie zu fressen; indeß muß nun auch »Klapperslangen« dran glauben. Dann würden wir nur noch sechs Hunde haben, die wir, wie ich meine, noch vier Tage behalten könnten, sodaß wir mit ihnen noch eine tüchtige Strecke weiter zu kommen im Stande wären.

Pfingsten – es liegt etwas so Liebliches, Sommerliches in dem Worte! Es ist hart, wenn man daran denkt, wie schön es jetzt die zu Hause haben, und daß wir noch immer hier in Schnee und Wind und Eis liegen müssen. Wie man sich dorthin sehnt! Aber was nutzt es? Klein-Liv wird heute zu Mittag zu ihrer Großmama gehen; vielleicht ziehen sie ihr gerade in diesem Augenblick das neue Kleid an. Nun ja; die Zeit wird kommen, daß ich dabei sein kann, aber wann? Schnell wieder an die Arbeit bei den Bootsbefestigungen, dann wird alles wieder in Ordnung sein! –

Während der folgenden Tage arbeiteten wir mit großem Eifer, um unsere Kajaks bereit zu machen; wir nahmen uns nicht einmal Zeit zum Essen. Zuweilen vergingen zwölf Stunden zwischen den einzelnen Mahlzeiten, und unser Arbeitstag dauerte oft vierundzwanzig Stunden. Aber trotzdem währte es einige Zeit, die Kajaks wieder ganz seetüchtig zu machen. Das Schlimmste dabei war, daß wir sehr vorsichtig mit unserm Material umgehen mußten, da die Gelegenheit, sich neues zu verschaffen, nicht gerade reichlich vorhanden war. Wenn z.B. eine Rippe losgegangen war und wieder befestigt werden mußte, so konnte man nicht einfach die alte Befestigung herunterreißen, sondern mußte sie sorgfältig abnehmen, um sie nicht zu ruiniren. Wenn viele Dutzende solcher Stellen neu befestigt werden müssen, so nimmt dies Zeit in Anspruch. Dann waren auch, namentlich in Johansen's Kajak, mehrere Bambusrippen, die sich an der Seite des Gerippes entlang befinden, zersplittert, sodaß sie ganz oder theilweise herausgenommen und durch andere ersetzt oder durch besondere Befestigungen oder Seitenschienen verstärkt werden mußten. Als die Bekleidung an zahlreichen Stellen geflickt war und die Gerippe nach mehrtägiger Arbeit wieder in Ordnung gebracht waren, wurde die erstere übergezogen und sorgfältig straff gespannt: Alles das mußte natürlich mit großer Sorgfalt gethan werden und war keine rasche Arbeit. Wir hatten dann aber auch die Genugthuung, zu wissen, daß die Kajaks völlig seetüchtig und im Nothfalle im Stande waren, auf der Ueberfahrt nach Spitzbergen einen Sturm auszuhalten.

Mittlerweile verging die Zeit, unsere kostbare Zeit. Indeß hofften wir, daß unsere Kajaks uns wichtige Dienste leisten und wir mit ihnen um vieles schneller vorwärts kommen würden.

Dienstag, 4. Juni. Mir scheint, daß es nicht lange dauern kann, bis wir an offenes Wasser oder lockeres Eis kommen werden. Das Eis ist hier herum so dünn und zerstückelt, und das Wetter so sommerlich. Gestern waren es -1,5° C., und der Schnee, der gefallen war, war ziemlich mit Regen untermischt; er schmolz auf dem Zelt, und es hielt schwer, die Gegenstände im Innern trocken zu halten; die Wände tropften, wenn man ihnen nur nahe kam. Den ganzen Tag hatten wir abscheuliches Wetter mit Schneefall. Wir sind jedoch, was dies anbelangt, daran gewöhnt; wir haben in letzter Zeit nicht viel anderes gehabt. Heute aber ist das Wetter brillant, der Himmel klar und blau, und die Sonne ist eben über den Gipfel des Hügels gekommen und schaut ins Zelt hinein. Es wird ein herrlicher Tag werden, um draußen zu sitzen und zu arbeiten, nicht wie gestern, als alles naß wurde. Das ist am schlimmsten beim Befestigen der Schnüre, weil man dieselben dann nicht straff bekommen kann. Die Sonne ist doch ein treuer Freund! Früher, als sie immer da war, war ich ihrer fast überdrüssig, aber wie froh sind wir, wenn wir sie jetzt sehen, und wie heitert sie uns auf! Ich kann fast den Gedanken nicht los werden, daß es zu Hause am Fjord ein herrlicher frischer Junimorgen ist. Laßt uns nur erst offenes Wasser haben, sodaß wir die Kajaks benutzen können, dann wird es auch nicht lange dauern, bis wir zu Hause sind!

Heute haben wir zum ersten mal während der ganzen Reise die Rationen zum Frühstück abgewogen, von Butter 50 Gramm, von Aleuronat-Brot 200 Gramm. Bis auf diesen Tag hatten wir gegessen, was wir brauchten, ohne die Rationen abzuwiegen. Es ergab sich aber, daß wir trotzdem nicht mehr verzehrt hatten, als ich von Anfang an bestimmt hatte, nämlich täglich ein Kilogramm getrockneten Proviant. Nunmehr verringerten wir die täglichen Rationen erheblich.Wir müssen uns ans Gewicht halten, damit wir sicher sind, daß wir mit dem Proviant ausreichen, und ich werde daher, ehe wir weiter gehen, genaue Inventur aufnehmen von dem, was wir noch haben.

Das Glück war in der That nur von kurzer Dauer. Die Sonne ist wieder verschwunden, der Himmel ist überzogen, und der Schnee beginnt in Flocken zu fallen.

Mittwoch, 5. Juni. Immer noch auf derselben Stelle; doch wird es hoffentlich nicht lange dauern, bis wir im Stande sind, den Weg fortzusetzen. Das Wetter war übrigens gestern so schön und sommerlich, daß wir bei der Arbeit draußen sitzen und uns sonnen konnten, wobei wir über das Wasser und das Eis mit den glänzenden Wellen und dem glitzernden Schnee blickten.

Gestern schossen wir unser erstes Wild; es war eine Elfenbeinmöve Larus eburneus), die über das Zelt hinflog. Es waren auch andere Möven hier; wir sahen vier von ihnen auf einmal, jedoch hielten sie sich fern. Ich ging ihnen nach, verfehlte aber mein Ziel und habe eine Patrone verschwendet; das darf nicht wieder vorkommen. Wenn wir uns Mühe gegeben hätten, hätten wir leicht mehr Möven bekommen können, aber sie sind zu kleines Wild, und es ist noch zu früh, um unsere Munition aufzubrauchen. Im Teich hier sah ich einen Seehund; Johansen hatte ebenfalls einen bemerkt, und beide haben wir Narwale gesehen und gehört. Es ist hier Leben genug, und wenn die Kajaks in Ordnung wären und wir aufs Wasser hinausrudern könnten, so zweifle ich nicht, daß wir Beute bekommen würden. Indeß ist das jetzt noch nicht nothwendig. Wir haben augenblicklich Proviant genug, und es ist besser, die Zeit zu benutzen, um weiter zu kommen. Der Hunde wegen wäre es freilich ganz gut, etwas großes Wild zu erlegen, damit wir nicht noch mehr von ihnen zu tödten brauchen, bevor die Schlittenreise beendet ist und wir uns allein der Kajaks bedienen. Gestern mußten wir »Klapperslangen« schlachten; er lieferte 25 Rationen, mit denen wir für die noch übrigen sechs Hunde vier Tage reichen werden. Das Schlachten ist jetzt gänzlich Johansen's Aufgabe, der sich darin eine solche Gewandtheit erworben hat, daß er mit einem einzigen Stoße meines langen Lappenmessers dem Thiere ein Ende macht, sodaß es nicht einmal Zeit hat, noch einen Laut auszustoßen; mit Hülfe des Messers und unsers kleinen Beils hat er es in wenigen Minuten in passende Portionen getheilt. Wie schon früher bemerkt, ließen wir Haut und Haare daran; erstere wurde von den Hunden vollständig verzehrt. Was von den Hunden übrigblieb, war meist nur ein Büschel Haare hier und dort auf dem Eise, ein paar Zehen und ein wohl abgenagter Schädel.

Die Thiere sind jetzt ziemlich ausgehungert. Gestern fraß »Lilleräven« von einem Schneeschuh den aus Renthierhaut bestehenden Zehenriemen auf, der unter dem Fuß angebracht ist, um das Zusammenballen des Schnees zu verhindern, und etwas Holz von Johansen's einem Schneeschuh, den der Hund auf das Eis herabgezerrt hatte. Die verstorbene »Kvik« fraß ihr Geschirr aus Segeltuch, und ich bin gar nicht sicher, ob die andern Hunde sich nicht auch hin und wieder ein Stückchen Segeltuch gestatten.

Soeben habe ich unsere Länge nach einer Beobachtung, die ich gestern mit dem Theodoliten angestellt habe, ausgerechnet und 61° 16,5' Ost gefunden, während die Breite 82° 17,8' Nord war. Ich kann nicht begreifen, daß wir kein Land sehen; die einzig mögliche Erklärung ist, daß wir weiter östlich sind, als wir glauben, und daß das Land sich in dieser Richtung südlich erstreckt; wir können aber jetzt nicht mehr viel weiter zu gehen haben. In diesem Augenblicke flog ein Vogel über unsern Köpfen hin, den Johansen, der vor dem Zelte stand, für eine Schnepfenart hielt.

Donnerstag, 6. Juni. Immer noch auf demselben Fleck! Ich sehne mich danach, weiter zu kommen, zu sehen, wie es wird, und endlich die Lösung des Räthsels zu finden, an das ich beständig denke. Welches Vergnügen für mich, mit dem ganzen Zeug endlich wieder unterwegs zu sein und es auf offenem Wasser zu benutzen! Dann würde das Leben wieder ganz anders aussehen! Für immer befreit zu sein von diesem Eise und den Rinnen, der mühseligen Arbeit mit den Schlitten, den endlosen Schwierigkeiten mit den Hunden und wir selbst in einem leichten Fahrzeug über die schaukelnden Wellen tanzend: es ist fast unerträglich, daran zu denken! Vielleicht haben wir noch manchen harten Kampf zu bestehen, ehe wir dieses Ziel erreichen, noch manche schwere Stunde durchzumachen, aber einmal muß es kommen und dann – dann wird das Leben wieder ein Leben sein!

Gestern sind wir endlich mit dem Ausbessern der Gerippe beider Kajaks fertig geworden. Auf dem Boden eines jeden haben wir aus geflochtenem Bambus ein Gestell hergerichtet, auf welches der Proviant gelegt werden soll, damit er nicht naß wird, falls das Kajak lecken sollte. Heute haben wir sie nur nochmals nachzusehen, die Befestigungen zu prüfen, diejenigen, welche dessen bedürfen, straffer anzuziehen und die Bekleidung überzuziehen. Morgen Abend werden wir hoffentlich aufbrechen können. Diese Reparatur hat große Ansprüche an unsere Schnüre gestellt; von drei Knäueln haben wir nicht ganz eines mehr übrig, das ich sehr dringend zu behalten wünsche, da wir es vielleicht zum Fischen oder dergleichen brauchen werden.

Unsere Proviantvorräthe beginnen zu schwinden. Wog gestern die Butter und fand, daß wir nur noch 2,3 Kilogramm besaßen; wenn wir als tägliche Ration 50 Gramm auf den Mann rechnen, so werden wir noch weitere 23 Tage damit auskommen; dann werden wir schon ein wenig weiter gekommen sein. Heute konnte ich zum ersten mal eine Temperatur über dem Gefrierpunkt notiren, nämlich +0,2° C. heute Morgen. Der draußen fallende Schnee ist vollständig weich, und die Hügel triefen; es wird jetzt nicht mehr lange dauern, bis wir Wasser auf den Schollen haben. Gestern Abend fiel entschieden richtiger Regen. Es war nur ein kurzer Schauer; erst ein feiner Sprühregen, dann fielen große, schwere Tropfen, sodaß wir im Innern des Zeltes Schutz suchten, um nicht naß zu werden – aber es war Regen, Regen! Es war ein geradezu sommerliches Gefühl, hier zu sitzen und den Tropfen zuzuhören, die gegen die Zeltwand schlugen. Was das Gehen anbelangt, so würde der Regen wahrscheinlich gute Wirkung thun, wenn wir wieder Frost bekämen; hält er aber an, wie jetzt, dann wird es eine nette Geschichte werden, zwischen all diesen Rücken und Hügeln durchzukommen. Statt dessen würde es besser sein, soviel Regen wie möglich zu haben, damit der Schnee schmilzt und wir uns auf dem blanken Eise bewegen können. Nun, es mag kommen, wie es will, vorwärts müssen wir gleichwol; es kann nicht lange dauern, bis es eine Wendung nimmt, Land oder Wasser, was es auch sein möge.

Sonnabend, 8. Juni. Vollendeten und probirten gestern endlich die Kajaks, aber nur nachdem wir von vorgestern bis gestern Abend ununterbrochen an der Arbeit geblieben sind. Es ist merkwürdig, wie diese langen Tage wirken! Wären wir zu Hause, so würden wir nach den vielen Arbeitsstunden zwischen den Mahlzeiten sehr müde und hungerig sein; hier scheint das jedoch nicht einzutreten, wenngleich wir Appetit erster Klasse mit Stern haben und unsere Fähigkeit, zu schlafen, nicht gering ist. Es scheint nicht, als ob wir schon jetzt schwach oder skorbutkrank würden; thatsächlich sind wir gerade jetzt ungewöhnlich kräftig und gesund und voller Elasticität.

Als wir die Kajaks in einer kleinen Rinne in der Nähe probirten, fanden wir sie infolge der rauhen Behandlung auf der Reise in den Nähten sowie im Segeltuch stark leck. Doch hoffe ich, daß, wenn sie nur etwas durchweicht sein werden, das Segeltuch dicht wird. Es würde nicht angenehm sein, müßten wir in den Kajaks über Rinnen fahren und sie eingetrocknet und leck aufs Wasser setzen. Unser Proviant könnte leicht zu einer breiigen Masse werden; jedoch würden wir, wie so vieles andere, auch dies geduldig ertragen müssen.

Nun beabsichtigen wir wirklich, heute aufzubrechen, nach einwöchentlichem Aufenthalte an derselben Stelle. Gestern setzte der Südostwind ein; heute hat er noch zugenommen und ist, nach dem Pfeifen um die Hügel draußen zu urtheilen, ziemlich stark geworden. Als ich heute Morgen nachsah, bildete ich mir ein, aus geringer Entfernung eine Brandung zu hören. Gestern haben sich sämmtliche Rinnen rundherum geschlossen, sodaß nur wenig offenes Wasser zu sehen war. Es rührte dies, wie ich annehme, vom Winde her; wenn er die Rinnen für uns zu schließen beabsichtigt, dann laß ihn nur weiter blasen! Der Boden ist die reine Eisbahn; es läuft sich so gut wie nur möglich, und das Eis wird hoffentlich flach sein, sodaß wir gut zurechtkommen werden.

Johansen schoß gestern noch eine Elfenbeinmöve, die wir mit der andern zusammen heute zum Mittagessen hatten. Es war das erste mal, daß wir eine frische Speise aßen, und sie schmeckte auch, wie sich nicht leugnen läßt, sehr gut, aber trotzdem nicht so gut, wie man hätte erwarten sollen in Anbetracht dessen, daß wir so viele Monate kein frisches Fleisch gehabt haben. Es ist ohne Zweifel ein Beweis dafür, daß der Proviant, den wir haben, ebenfalls gut ist.

Wog gestern das Brot und fand, daß wir noch 12 Kilogramm Weizen- und 7,8 Kilogramm Aleuronat-Brot hatten, sodaß wir, was diesen Artikel betrifft, noch 35–40 Tage auskommen werden. Wie weit wir dann sein werden, wissen die Götter, aber einen Theil des Weges müssen wir jedenfalls zurückgelegt haben.

Sonntag, 9. Juni. Gestern endlich sind wir von unserm Lagerplatze fortgekommen, worüber wir mehr als froh waren. Trotz des Wetters – es war ein wüthender Schneesturm aus Osten und so schlecht wie nur irgendmöglich – freuten wir uns beide, unsere Wanderung wieder aufzunehmen. Wir brauchten längere Zeit, um Unterlagen, bestehend aus Säcken, Schlafsack und wollenen Decken, unter den Kajaks anzubringen und die Schlitten fertig zu beladen; aber schließlich brachen wir doch auf und kamen auch gut von der Scholle, auf der wir uns so lange aufgehalten hatten, fort, ohne die Kajaks zu benutzen, obwol wir eine ganze Woche darauf verwendet hatten, sie zu diesem Zweck zu repariren. Der Wind hatte alle Rinnen sorgfältig geschlossen. Wir fanden flaches Eis und kamen gut weiter, trotzdem es sich in dem frisch gefallenen Schnee ganz niederträchtig schlecht ging, da er sich unbarmherzig an den Schneeschuhen festballte und die Schlitten, sowie sie anhielten, darin wie festgebannt stehen blieben, von den Schneeschuhen gar nicht zu reden. Das Wetter war derart, daß man nicht hundert Meter voraussehen konnte, und der Schnee, der sich an der Windseite an den Kleidern sammelte, durchnäßte einen bis auf die Haut. Allein trotzdem war es herrlich zu sehen, wie wir vorwärts kamen, vorwärts, unserm widerspenstigen Ziele entgegen.

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Auf dem Ausguck.

Wir gelangten an eine Anzahl Rinnen, die mit ihrem verworrenen Netzwerk von Spalten und in allen Richtungen laufenden Ketten sehr schlimm waren. Einige waren breit und voll von morschem Eis, sodaß es unmöglich war, die Kajaks zu benutzen. Jedoch war das Eis an einigen Stellen so fest zusammengepreßt, daß wir darauf gehen konnten. Aber fast immer sind viele Wege hin und her zu machen, ehe man ordentlich weiter kommt. Demjenigen, der mit den Hunden zurückbleiben muß, wird beim Warten oft die Zeit lang, weil er inzwischen durchgeblasen oder durchnäßt wird, je nachdem das Wetter ist. Häufig glaubte Johansen, wenn ich überhaupt nicht zurückzukommen schien, daß ich in einer Rinne eingebrochen und für immer verschwunden sei. Wenn man auf dem Kajak sitzt und wartet und wartet und starrt in die Einsamkeit vor sich, dann gehen einem manch wunderbare Gedanken durch den Kopf; mehreremal hatte Johansen die in der Nähe befindlichen höchsten Hügel erklommen, um angstvoll über das Eis zu spähen. Entdeckte er endlich weit, weit in der Ferne einen kleinen schwarzen Fleck, der sich auf der Eisfläche umherbewegte, so wurde es ihm leichter ums Herz.

Als Johansen gestern wieder einmal wartete, bemerkte er, daß die Seiten der Scholle vor ihm langsam auf- und niedergingen, als ob sie von einer leichten Dünung bewegt würden. Ist es möglich, daß offenes Wasser in der Nähe ist? Kann dies eine große Dünung aus dem Meere draußen sein? Wie bereitwillig würden wir das glauben! Aber vielleicht war es nur der Wind, der das dünne Eis, auf welchem wir uns jetzt befinden, in wellenförmige Bewegung setzte. In Wirklichkeit wurde diese Bewegung wol durch den Druck der Schollen gegeneinander hervorgebracht. Wir bemerkten dieselbe Bewegung später noch mehreremal.Oder sollten wir wirklich offenes Wasser in Südosten haben? Es ist merkwürdig, daß dieser Wind das Eis hier zusammenschweißt, während der vor kurzem wehende Südwestwind es lockerte. Kann es schließlich möglich sein, daß wir nicht mehr weit bis zum Meere haben? Ich muß immer wieder an die Wasserreflexe denken, die wir vor uns am Himmel gesehen haben. Johansen ist soeben vor das Zelt gegangen und sagt, er sähe denselben Reflex im Süden; er ist jetzt höher, dabei ist das Wetter ziemlich klar. Was mag das sein? Laßt uns nur dorthin kommen!

Gestern trafen wir wieder eine Bärenfährte. Wie alt dieselbe war, ließ sich in diesem Schnee, der in wenigen Minuten alles verwischt, nicht leicht bestimmen. Wahrscheinlich stammte sie aber von gestern. »Haren« hatte etwas gewittert und war gegen den Wind davongerannt, sodaß Johansen meinte, der Bär müsse in der Nähe sein. Nun, alt oder frisch, ein Bär war hier gewesen, während wir ein wenig nördlicher an den Kajaks nähten; eines Tages wird er uns wol in den Weg kommen. Daß ein Bär hier ist, darauf wies auch hin, daß die Möve, die Johansen geschossen hatte, beim Herunterstürzen ein großes Stück Speck ausbrach; sie hätte dies nicht thun können, wenn sie nicht in der Gesellschaft von Bären gewesen wäre.

Das Wetter war naß und ekelhaft und überdies unsichtig; das Gehen war so schwer wie möglich. Weiter zu marschiren war nicht sehr verlockend, aber andererseits konnte eine Rast zum Mittagessen in diesem Schneeschlamm auch nicht reizen; wir setzten den Weg daher noch eine kleine Weile fort und machten dann um 10 Uhr ernstlich halt. Welch willkommene Abwechselung, wieder unter dem Zelte zu sein! Und das Fiskegratin war köstlich. Zu wissen, daß man trotz allem etwas Fortschritte macht, gewährt einem ein Hochgefühl. Die Wärme beginnt jetzt schlimm zu werden; der Schnee ist ganz naß. Es ist etwas Wasser in mein Kajak gedrungen; das Eis ist wol auf dem Deck geschmolzen und durch die offene Seite, wo es zugeschnürt wird und wir es noch nicht zusammengenäht haben, hineingelaufen. Wir warten auf gutes Wetter, um die Bekleidungen erst gründlich zu trocknen und sie dann tüchtig zu spannen.

Montag, 10. Juni. Trotz des undurchdringlichsten Nebels und des abscheulichsten Gehens auf dem durchtränkten Schnee, der noch nicht genügend dem Frost ausgesetzt gewesen ist, um körnig zu werden, und in welchem die Schlitten aufs schwerste liefen, gelang es uns während des ganzen gestrigen Tages, gut weiter zu kommen. Unzählige Rinnen waren zu überwinden, und auf losen Eisstücken waren manche Uebergänge zu unternehmen, die wir nur mit knapper Noth ausführten. Aber das Eis ist hier überall flach, und das zählt schon mit. Es ist das bisherige dünne Wintereis von ungefähr einem Meter Dicke. Alte Schollen sah ich gestern nur ein paar – es war in der Nachbarschaft unsers Lagerplatzes, der sich ebenfalls auf einer alten Scholle befand –, sonst ist das Eis neu, stellenweise sogar sehr neu. Wir kamen gestern über ziemlich weite Strecken, wo das Eis nur 30 Centimeter oder noch weniger stark war. Besonders die letzte dieser Strecken war sehr merkwürdig und muß früher einmal ein beträchtlicher Teich gewesen sein; das Eis war dort so dünn, daß es nicht lange dauern kann, bis es vollständig schmilzt. Ueberall stand Wasser auf dem Eise, sodaß es war, als ob man in einem Schneebrei ginge. Thatsächlich ist das Eis hier herum nichts anderes als reines aufgebrochenes Meereis, das aus großen und kleinen Schollen, nicht selten auch aus dicht beisammenliegenden sehr kleinen Schollen besteht. Wenn sich aber eine Gelegenheit zur Lockerung bietet, würden sie sich über das ganze Meer hier herum ausbreiten; wir werden dann Wasser genug haben, um nach unserm Belieben nach jeder Richtung hin zu rudern.

Heute scheint das Wetter so wie gestern zu sein, bei südöstlichem Winde, der an den Zeltwänden zerrt und rasselt. Thauwetter und nasser Schnee. Gott weiß, ob wir noch mehr Frost bekommen werden; das würde uns eine glänzende Schneebahn verschaffen. Ich fürchte aber, daß das Gegentheil der Fall sein und der Weg sich bald im schlechtesten Zustand befinden wird. Im übrigen beginnen die Rinnen, sich zu bessern; sie sind nicht mehr so voll von Schneeschlamm; dieser schmilzt, und es ist mehr Aussicht, daß sich in dem klaren Wasser Brücken und dergleichen Uebergänge bilden.

Jedesmal, wenn eine Weile klareres Wetter ist, schauen wir unaufhörlich nach Land aus; aber es ist nichts, gar nichts zu sehen. Inzwischen bemerken wir aber beständig Anzeichen von Land oder der Nähe von offenem Wasser. Die Zahl der Möven nimmt merklich zu; gestern sahen wir in einer Rinne einen Krabbentaucher ( Mergulus alle). Im Süden und Südwesten ist die Luft gewöhnlich dunkel; außerdem war auch das Wetter derart, daß wir nichts sehen konnten. Und doch habe ich das Gefühl, daß die Lösung herannaht. Aber wie lange habe ich das nicht schon gedacht? Dafür gibt es kein anderes Mittel als die edle Tugend Geduld.

Welch schönes Eis zum Reisen würde auf diesen endlosen flachen Ebenen im April gewesen sein, ehe alle diese Rinnen sich gebildet haben! Denn die Rinnen haben sich, soviel wir sehen, sämmtlich neu gebildet mit einigen Rücken hier und dort, die ebenfalls vor nicht langer Zeit entstanden sind.

Dienstag, 11. Juni. Auf die Dauer ein einförmiges Leben, so einförmig, wie man es sich nur denken kann; Tag auf Tag, Woche auf Woche, Monat auf Monat sich an dieselbe mühselige Quälerei über das Eis zu machen, das manchmal etwas besser, manchmal etwas schlechter ist – augenblicklich scheint es beständig schlechter zu werden –, immer in der Hoffnung, das Ende zu sehen, aber immer vergeblich hoffend, immer derselbe eintönige Eishorizont, nichts als Eis. Nach keiner Richtung ein Zeichen von Land; kein offenes Wasser, obwol wir jetzt auf der Breite von Kap Fligely oder höchstens ein paar Minuten weiter nördlich sein müßten. Wir wissen weder, wo wir sind, noch wissen wir, wie das enden soll. Inzwischen schwinden unsere Vorräthe von Tag zu Tag, und die Zahl der Hunde verringert sich in bedenklicher Weise. Werden wir Land erreichen, solange wir noch zu essen haben – oder werden wir es überhaupt erreichen?

Bald wird es uns unmöglich sein, in Eis und Schnee noch weiter zu kommen; der Schnee ist nichts als Brei, die Hunde sinken bei jedem Schritt ein, und wir selbst waten bis zu den Knien durch, wenn wir den Hunden helfen oder der Reihe nach an den schweren Schlitten schieben müssen, was häufig der Fall ist. So muß Rinne nach Rinne, Eiskette nach Eiskette überwunden werden. Es ist schwer, die Hoffnung aufrecht zu erhalten, aber trotzdem bewahren wir sie. Freilich möchte sie uns sinken, wenn wir das Eis vor uns betrachten, ein hoffnungsloses Gewirr von Ketten, Rinnen, Schlammeis und ungeheuern Blöcken, alles kunterbunt durcheinandergeworfen, sodaß man sich einbilden könnte, man blickte auf plötzlich erstarrte Brandung. Es kommen Augenblicke, in denen es unmöglich scheint, daß Geschöpfe, die nicht mit Flügeln ausgestattet sind, noch weiter kommen könnten, und sehnsüchtig verfolgt man den Flug einer vorüberziehenden Möve und denkt, wie weit man bald sein würde, wenn man sich ihre Schwingen leihen könnte. Dann aber findet man doch einen Weg, und die Hoffnung sproßt immer wieder aufs neue. Laßt die Sonne nur einen Augenblick durch die Wolkenbank brechen und die Eisflächen in ihrem glänzenden Weiß funkeln, laßt die Sonnenstrahlen auf dem Wasser spielen, und das Leben erscheint trotz allem schön und des Kampfes werth! Hoffnung, du himmlische Gabe!

Es ist wunderbar, wie wenig es bedarf, um einem neuen Muth zu geben. Gestern fand ich in einer Rinne einen kleinen todten Polar-Kabeljau ( Gadus polaris); ich bin überzeugt, daß meine Augen vor Freude geglänzt haben, als ich ihn sah. Er kam mir wirklich vor wie ein gefundener Schatz. Wo es Fische im Wasser gibt, kann man wol nicht verhungern; ich warf daher, ehe ich heute Morgen ins Zelt kroch, in einer nahen Rinne eine Leine aus. Aber welcher Unzahl dieser kleinen Fische würde es bedürfen, um einen Menschen satt zu machen; man brauchte an einem Tage mehr, als man in einer Woche, ja vielleicht in einem Monat fangen könnte! Und doch ist man voller Hoffnung und erwägt die Aussichten, ob nicht im Wasser noch größere Fische vorhanden seien und ob man im Stande wäre, nach Herzenslust davon zu fangen. Die Menschen sind ein glückliches Geschlecht!

siehe bildunterschrift

Plötzlich erstarrte Brandung.

Das Vorwärtskommen war gestern schwieriger als an den vorhergehenden Tagen, da das Eis unebener und massiver war und sich an einigen Stellen alte Schollen dazwischen fanden. Auch wurden wir durch zahlreiche böse Rinnen aufgehalten, sodaß wir nicht viel weiter kamen, nur wenige Kilometer, wie ich fürchte. Meiner Meinung nach können wir jetzt annehmen, auf 82° 8' oder 82° 9' nördlicher Breite zu sein, wenn der anhaltende Südostwind uns nicht wieder nordwärts gebracht hat. Das Gehen wird immer schlimmer. Der Schnee ist bis zum Grunde vom Wasser durchweicht und trägt die Hunde nicht mehr. Er ist in der letzten Zeit etwas körniger geworden, sodaß die Schlitten gut darauf laufen, wenn sie nicht, was fortwährend vorkommt, hindurchschneiden; dann sind sie fast vollständig unbeweglich. Es ist harte Arbeit für die Hunde, und würde dies auch sein, wenn sie nicht so jämmerlich erschöpft wären; beim geringsten Anlaß halten sie an, sodaß man ihnen helfen oder sie mit der Peitsche weiter treiben muß. Arme Thiere, sie haben es schlecht! »Lilleräven«, der letzte von meinem ursprünglichen Gespann, wird bald nicht mehr im Stande sein, noch weiter zu gehen – und welch prächtiges Zugthier war er! Wir haben noch fünf Hunde, »Lilleräven«, »Storräven« und »Kaiphas« vor meinem, »Suggen« und »Haren« vor Johansen's Schlitten. Wir haben noch Futter genug für drei Tage für sie, von »Isbjörn«, der gestern Morgen geschlachtet wurde, und bis dahin, meint Johansen, würde sich das Räthsel gelöst haben. Vergebliche Hoffnung, fürchte ich, obwol der Wasserreflex in mißweisend Südosten oder Südsüdosten sich stets an derselben Stelle hält und etwas höher gestiegen ist.

Gestern begannen wir unsern Marsch um 6½ Uhr abends und machten heute Morgen um 3¼ Uhr vor einer Rinne halt. Zum ersten mal sah ich gestern Süßwassertümpel auf dem Eise unter einigen Hügeln. Wo wir anhielten, war aber keiner zu finden, sodaß wir heute Morgen wieder Eis schmelzen mußten; fortan wird es jedoch, hoffe ich, nicht oft mehr nöthig sein, und wir können unser Oel sparen, das, beiläufig erwähnt, in besorgnißerregender Weise abnimmt. Wetter und Bahn sind unverändert; kein Vergnügen, sich an das schwere Tagewerk zu machen. Hier liege ich und denke an den Juni zu Hause, wie die Sonne über Forst und Fjord und bewaldete Hügel scheint – ach, dies ist...! Aber einmal werden wir zum Leben zurückkehren. Es wird dann schöner sein als je vorher.

Mittwoch, 12. Juni. Es wird immer schlimmer. Gestern kamen wir fast gar nicht weiter, kaum daß wir 2 Kilometer vorwärts gelangt sind. Miserabler Schnee, unebenes Eis, Rinnen und Hundewetter hielten uns auf. Allerdings war auf dem Schnee eine Kruste, auf welcher die Schlitten gut liefen, wenn sie oben blieben, wenn sie aber durchbrachen – und das thaten sie beständig –, standen sie unbeweglich fest. Auch für die Hunde, diese armen Teufel, war es schlimm. Sie sanken unaufhörlich in den Schnee zwischen den Unebenheiten ein, und es war für sie, als ob sie durch einen Brei schwämmen. Aber nichtsdestoweniger bewegten wir uns weiter. Die Rinnen hinderten uns zwar, aber auf irgendeine Weise kamen wir doch hinüber. Ueber eine derselben, die letzte, die häßlich aussah, gelangten wir, indem wir aus kleinen Schollen, die wir nach der schmalsten Stelle flößten, eine Brücke herstellten. Dann aber setzte schändliches nasses Schneetreiben oder richtiger Schlackerwetter mit großen Flocken ein, und der Wind nahm zu, sodaß wir in diesem Labyrinth von Rinnen und Eis keinen Weg sahen und naß wurden wie ins Wasser getauchte Krähen. Das Gehen war unmöglich, und die Schlitten standen wie unbeweglich in dem nassen Schnee, der tief genug war, um sich in großen Klumpen unter unsern Schneeschuhen festzuballen. Es blieb uns kaum eine andere Wahl, als sobald wie möglich einen Lagerplatz aufzusuchen. Denn sich und die Hunde bei solchem Wetter und solchem Schnee mit Gewalt weiter zu quälen und keine Fortschritte zu machen, hatte keinen Zweck.

Hier sind wir nun und wissen kaum, was wir jetzt beginnen sollen. Wie sich das Gehen machen wird, weiß ich noch nicht; wahrscheinlich nicht viel besser als gestern, und ob wir, sowenig wir auch vermögen, doch vordringen oder lieber versuchen sollen, einen Seehund zu fangen, vermag ich nicht zu entscheiden. Ein Unglück ist, daß da, wo wir uns jetzt befinden, nicht viele Seehunde zu sein scheinen. Wir haben während der letzten Tage keine gesehen; vielleicht ist das Eis zu dick und ausgedehnt für sie.

Das Eis hier unterscheidet sich in seiner Beschaffenheit auffallend von demjenigen, auf welchem wir in letzter Zeit marschirt sind; es ist vor allen Dingen erheblich unebener und besitzt Haufen und ziemlich viel alte Rücken, unter denen sich einige sehr große befinden. Doch sieht es im allgemeinen nicht sehr alt aus, ich möchte sagen, wie ein im letzten Winter entstandenes Eis, obwol gelegentlich auch ältere Schollen dazwischen sind. Sie scheinen in der Nähe von Land gewesen zu sein, da man oft Thon und Schlamm darauf sieht, namentlich auf den neu entstandenen Rücken.

Johansen, der hinausgegangen ist, sagt, im Süden sei immer noch der Widerschein von Wasser zu sehen. Weshalb können wir es nicht erreichen? Aber er bleibt dort unverändert, ein lockendes Ziel, das wir erstreben, wenn wir es auch wol sobald nicht erreichen. Wir sehen es immer wieder vor uns, so blau und schön; für uns die Farbe der Hoffnung und der Freude.

Freitag, 14. Juni. Heute sind es drei Monate, seitdem wir die »Fram« verlassen haben. Ein Vierteljahr sind wir in dieser Eiswüste umhergewandert, und noch immer sind wir hier. Wann wir das Ende davon sehen werden, vermag ich mir nicht mehr vorzustellen; ich hoffe nur, was uns auch beschieden sei, daß es nicht mehr sehr fern sein möge, offenes Wasser oder Land, sei es Wilczek-Land, oder Zichy-Land, oder Spitzbergen, oder ein anderes Land.

Gestern war kein so schlimmer Tag, als ich erwartet hatte. Wir kamen wirklich vorwärts, wenn auch nicht sehr weit – kaum mehr als einige Kilometer –, aber zu dieser Jahreszeit müssen wir damit zufrieden sein. Die Hunde vermochten die Schlitten nicht allein zu ziehen; wenn niemand neben ihnen war, hielten sie bei jedem zweiten Schritte an. Das einzige, was man dabei thun konnte, war, den Weg hin und her zu machen und auf diese Weise die Strecke dreimal zu gehen. Erst ging ich voraus, um das Eis zu erforschen, dann trieb Johansen die Schlitten, so weit er konnte, vorwärts, erst den meinigen, um hierauf den seinigen zu holen. Bis dahin war ich zurück und trieb nun meinen Schlitten soweit, als ich einen Weg gefunden hatte; dann wurde dieses Verfahren wiederholt. Ein rasches Vorwärtskommen war das nicht, aber man kam doch weiter, und es war wenigstens etwas. Das Eis, auf dem wir jetzt gehen, ist nichts weniger als eben; es ist noch ziemlich massiv und alt, mit Hügeln und Unebenheiten nach allen Richtungen, aber ohne wirklich flache Strecken. Dazu kam, daß wir nach einer kurzen Strecke Wegs an eine Stelle gelangten, wo das zu kleinen Schollen aufgebrochene Eis mit hohen Rücken und breiten, mit Schlamm und morschem Eis angefüllten Rinnen durchsetzt war, sodaß das Ganze aussah wie eine einzige Masse von Trümmern. Es war kaum Platz zum Stehen, geschweige denn Aussicht zum Weiterkommen. In solcher Lage war es nur menschlich, daß man den Muth verlor und für den Augenblick den Versuch aufgab, vorwärts zu dringen. Wohin ich mich auch wandte, der Weg war versperrt, und es sah aus, als ob uns das Vorwärtskommen allen Ernstes abgeschnitten sei. Die Kajaks ins Wasser zu bringen, würde nichts nützen, weil wir kaum erwarten konnten, sie durch dieses Eis hindurchzubringen, und ich war daher nahe daran, mich zum Warten zu entschließen und unser Glück im Fischen mit Netz und Leine zu versuchen und zu sehen, ob es uns nicht gelingen würde, in einer der Rinnen einen Seehund zu erlegen.

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Wasserrinne im Eise (Juni 1895).

Es sind Augenblicke der höchsten Sorge, wenn man von einem Hügel herab über das Eis blickt und die zweifelnden Gedanken fortwährend zu derselben Frage zurückkehren: haben wir Proviant genug, um die Zeit abzuwarten, bis der Schnee geschmolzen sein, das Eis sich gelockert haben und mehr von Rinnen durchschnitten sein wird, sodaß man etwas rudern kann? Das sind große und wichtige Fragen, die ich noch nicht mit Bestimmtheit beantworten kann. Daß es lange Zeit dauern wird, ehe all dieser Schnee geschmolzen ist und das Vorwärtskommen einigermaßen ausführbar wird, ist sicher; wann aber das Eis sich lockern und das Vordringen vermittelst der Rinnen möglich wird, können wir nicht sagen, und bisjetzt haben wir weiter nichts erbeutet als zwei Elfenbeinmöven und einen kleinen Fisch. Wir haben zwar noch einen Fisch in der Nähe der Oberfläche des Wassers schwimmen sehen, doch war er nicht größer als der andere. Wo wir jetzt sind, scheint wenig Aussicht zu sein, etwas zu fangen. In den letzten Tagen habe ich nicht einen einzigen Seehund gesehen. Dagegen fand ich gestern die halbverschneite Fährte eines Bären und beständig sahen wir Elfenbeinmöven; sie sind aber zu klein, um eine Patrone daran zu wenden.

Ich beschloß, einen letzten Versuch zu machen, um vorwärts zu kommen, indem wir uns weiter östlich hielten. Diesmal war ich erfolgreich, da ich über eine Anzahl kleiner Schollen einen Uebergang fand. Auf der andern Seite war ziemlich zusammenhängendes Packeis, zum Theil sommeralt, das in der Nähe von Land gewesen zu sein schien, da es so uneben und voll von Schlamm war. Wir sind über dieses Eisfeld gewandert, ohne Rinnen getroffen zu haben; jedoch war dasselbe so uneben, daß wir mehreremal zu Schaden kamen. An andern Stellen war es wieder ziemlich gut.

Wir begannen den Marsch am Mittwoch um 8 Uhr abends und machten gestern (Donnerstag) um 5 Uhr morgens hier halt. Hier fanden wir zum ersten mal zum Kochen geeignetes Wasser auf dem Eise; es war jedoch etwas salzig, sodaß das Fiskegratin zu stark gesalzen wurde. Im Laufe des Vormittags ging der Wind nach Nordosten herum, und die Temperatur fiel. Der Schnee wurde härter, und schließlich war die Bahn gar nicht schlecht. Die Schneekruste trug die Hunde und einigermaßen auch die Schlitten, sodaß wir uns auf einen tüchtigen Weitermarsch am nächsten Tage freuten. Dabei sollten wir aber wieder eine Enttäuschung erleben. Kaum befanden wir uns im Innern des Zeltes, als Schneefall eintrat, der den ganzen Tag, während wir schliefen, lebhaft anhielt. Gestern Abend, als wir hinausgingen, um das Frühstück zu bereiten und uns wieder auf den Weg zu machen, schneite es noch. Tiefer Schnee überall; der Weg über alle Beschreibung schlecht. Es hatte keinen Sinn, weiter zu gehen, und wir beschlossen daher zu warten, um zu sehen, wie das Wetter sich machen werde. Inzwischen waren wir hungerig geworden, aber da wir uns ein vollständiges Frühstück nicht leisten konnten, so bereitete ich eine kleine Portion Fischsuppe, worauf wir uns wieder in den Sack zurückzogen: Johansen, um weiter zu schlafen, ich, um alle meine Beobachtungen von der Zeit an, als wir die »Fram« verlassen hatten, nochmals nachzurechnen und zu sehen, ob nicht ein Fehler das Geheimniß aufklären würde, weshalb wir noch immer kein Land gefunden hatten. Die Sonne war theilweise sichtbar, und ich versuchte, wenn auch vergeblich, eine Messung vorzunehmen. Länger als eine Stunde stand ich an dem aufgestellten Theodoliten, aber die Sonne war wieder verschwunden und blieb unsichtbar. Ich habe gerechnet und gerechnet, und hin und her studirt, kann aber keinen Fehler von Bedeutung finden; die ganze Geschichte ist mir ein Räthsel. Ich fange ernstlich an, daran zu denken, ob wir nicht doch zu weit westlich sein können. Ich kann es wirklich nicht begreifen, daß wir östlich stehen sollten; denn in diesem Falle könnten wir jedenfalls nicht mehr als 5° östlich von der Länge sein, wohin unsere Beobachtungen uns versetzen. Wie schon erwähnt, waren wir tatsächlich 6½° östlicher, als wir glaubten. Angenommen zum Beispiel, daß unsere Uhren zu schnell gegangen wären, so kann »Johannsen« So nannte ich meine Uhr nach Johannsen, einem Uhrmacher in London, der sie geliefert hatte. jedenfalls nicht mehr als das Doppelte des frühern Gangs wieder gewonnen haben. Angenommen, daß der Verlust 10 Zeitsecunden betragen hat, so würde das in den 80 Tagen seit unserm Aufbruch von der »Fram« bis zur letzten Beobachtung nicht mehr als 6 Minuten 40 Secunden Zeit betragen haben, d. h. 1° 40' östlicher, als wir zu sein glaubten. Angenommen auch, daß ich unsere Tagemärsche in den fünf Tagen zwischen dem 8. bis 13. April allzu groß angenommen habe und daß wir anstatt 75 Kilometer nur 44½ Kilometer zurückgelegt haben (weniger können wir unmöglich gemacht haben), so würden wir dann am 13. April auf 89° Ost anstatt auf 86° Ost, wie ich vermuthet hatte, gewesen sein. Das sind 3°, oder sagen wir mit den vorstehend angenommenen Ziffern zusammen 5° weiter östlich; wir würden jetzt anstatt auf 61° auf 66° östlicher Länge Wir waren in Wirklichkeit in der Nähe des Punktes, den ich hier annehme. Daß wir das hier erwartete Land nicht sahen, lag daran, daß es, wie sich später erwies, nicht existirt! oder etwa 111 Kilometer von Kap Fligely sein.

Aber mir scheint, wir müßten ebenso gut im Süden von uns Land sehen. Wilczek-Land kann nicht so niedrig sein und sich nicht plötzlich so weit nach Süden wenden, wenn Kap Budapest auf etwa 61° östlicher Länge und 82° nördlicher Breite liegen soll, könnte also nicht über 75 Kilometer von uns entfernt sein. Das ist und bleibt unbegreiflich. Andererseits läßt sich eher vermuthen, daß wir westlicher stehen. Wir müssen zwischen dem 8. und 13. April eine sehr starke Drift gehabt haben, oder meine Uhr muß vor dem 2. April eine Weile stillgestanden haben. Die Beobachtungen vom 2., 4. und 8. April scheinen in der That anzudeuten, daß wir beträchtlich westwärts getrieben sind. Am 2. April schienen wir auf 103° 6' östlicher Länge, am 4. auf 99° 59' und am 8. auf 95° 7' zu sein. Zwischen diesen Tagen sind keine Märsche von Bedeutung gemacht worden; zwischen den Beobachtungen vom 2. und 4. April lag nur ein kurzer halbtägiger Marsch, und zwischen dem 4. und 7. April ein paar Märsche, die von keinem Belang waren und uns nur wenig westwärts geführt haben konnten. Das heißt also, daß wir in den sechs Tagen 8°, oder doch jedenfalls 7°, nach Westen getrieben sein müßten. Angenommen, daß die Drift in den fünf Tagen vom 8. bis 13. April eine gleichmäßige war, so gelangen wir um 7° westlicher, als wir vermuthen. Wir müßten infolge dessen jetzt auf 54° Ost anstatt auf 61° Ost, und etwa 60 Kilometer westlich von Kap Fligely und nahe bei König-Oskar-Land sein. Wir müßten, denke ich, jedenfalls etwas davon sehen. Nehmen wir jedoch an, daß die westliche Drift auch in der Zeit vor dem 2. April stark gewesen sei, und geben wir die Möglichkeit zu, daß meine Uhr damals stehen geblieben sei (was, wie ich fürchte, nicht ausgeschlossen ist), so können wir nicht sagen, wie weit wir nach Westen gekommen sind. An diese Möglichkeit denke ich immer mehr. Inzwischen ist anscheinend nichts weiter zu thun, als den Weg fortzusetzen, wie wir es bisher schon gethan haben, vielleicht ein wenig südlicher; eine Lösung muß dann endlich kommen.

Als ich nach Beendigung meiner Berechnungen ein kleines Schläfchen gehalten hatte und um Mittag wieder aufstand, hatten die Schneeverhältnisse sich noch nicht gebessert, eher verschlimmert. Der frische Schnee war naß und ballte sich, und es ging sich so schwer wie nur irgendmöglich. Indeß mußten wir nothwendigerweise vorwärts zu kommen suchen; mit Warten war hier nichts zu gewinnen, und ein Schritt vorwärts ist ein Schritt vorwärts, sei er noch so klein.

Um Mittag nahm ich eine einzelne Meridianhöhe, doch war die Beobachtung nicht scharf.

Sonnabend, 15. Juni. Mitte Juni, und noch immer keine Aussicht auf das Ende! Die Lage ist nur noch schlimmer geworden. So schlecht wie gestern aber ist es noch nie gewesen, und schlimmer kann es glücklicherweise kaum sein. Die Schlitten liefen fürchterlich schwer in dem frischgefallenen, losen, nassen, außerdem auch noch tiefen Schnee, und oft steckten sie, wenn sie anhielten – und das war alle Augenblicke der Fall –, so fest, als ob sie an der Stelle angeleimt wären. Höchstens dann konnten wir sie bewegen, wenn wir mit aller Macht nachschoben. Dazu kam noch, daß die Schneeschuhe ebenso schlecht liefen, da sich, wenn man nur im mindesten anhielt, Schneeklumpen darunter ballten. Der Fuß drehte sich infolge dessen fortwährend, und es bildete sich Eis darunter, sodaß man plötzlich von den Schneeschuhen abglitt und bis hoch über das Knie in den Schnee fiel, wenn man die Schlitten zu ziehen oder ihnen weiterzuhelfen versuchte. So war nichts weiter zu thun, als sich wieder aufzuraffen und sich aufs neue auf die Schneeschuhe hinaufzuarbeiten. Ohne diese in solchem Schnee dahinzuwaten, ist eine Unmöglichkeit. Es wäre, wie schon früher erwähnt, besser gewesen, sie sicher zu befestigen, doch würde das zu umständlich gewesen sein in Anbetracht dessen, daß wir sie immer wieder abnehmen mußten, um die Schlitten über Rücken und Rinnen zu bringen. Zu all diesem kommt, daß das Eis, wohin man sich wendet, uneben und voller Hügel und alter Rücken ist und man überhaupt nur weiter kommt, wenn man sich windet wie ein Aal. Da gibt es Rinnen, die einen zwingen, einen großen Umweg zu machen oder weite Strecken über dünne kleine Schollen, über Rücken und sonstige Abscheulichkeiten zu gehen. Wir quälten uns dennoch eine kleine Strecke weiter, wobei wir in unserer alten Manier, miteinander abwechselnd, zu Werke gingen; eine rasche Methode kann das aber nicht genannt werden.

Die Hunde werden immer erschöpfter. »Lilleräven«, der letzte Ueberlebende meines Gespanns, kann kaum noch gehen, vom Ziehen ist gar keine Rede; er taumelt wie ein Betrunkener und kann, wenn er fällt, kaum wieder auf die Füße kommen. Heute soll er getödtet werden, und ich bin gewissermaßen dankbar dafür, da uns dann sein Anblick erspart bleibt. »Storräven« wird ebenfalls sehr matt beim Ziehen; der einzige von meinen Hunden, der noch zieht, ist »Kaiphas«, aber auch er nur, solange einer von uns schiebt. Unter solchen Umständen noch weiter gehen, hieße nur Menschen und Hunde unnütz erschöpfen und gleichzeitig mehr Proviant verbrauchen, als nothwendig ist. Wir verzichteten daher gestern auf unser Mittagsmahl und machten abends gegen 10 Uhr halt, nachdem wir den Marsch nachmittags um 4½ Uhr angetreten hatten. Unterwegs hatte ich jedoch angehalten, um eine Beobachtung zu bekommen. Heute ist es nicht leicht, die Sonne zu fassen zu kriegen; man muß sie zu messen suchen, sobald sie zwischen treibenden Wolken sichtbar wird; klar pflegt sie nie zu sein. Gestern Nachmittag erhielt ich nach unverdrossenem Warten und nachdem ich das Instrument ein paarmal vergeblich aufgestellt hatte, schließlich nur eine einzige dürftige Höhe.

Gestern Abend rechnete ich die Beobachtung aus und fand gegen unsere Erwartungen, daß wir stark nach Westen getrieben sind, indem wir von 61° 16' Ost, unserer Länge am 4. Juni, bis ungefähr 57° 40' östlicher Länge gekommen sind. Aber dabei sind wir auch wieder eine tüchtige Strecke nach Norden getrieben, bis nach 82° 26' nördlicher Breite hinauf, nachdem wir an dem genannten Tage bis auf 82° 17,8' herab gewesen sind, obwol wir während der ganzen Zeit so stark wie möglich nach Süden gedrängt haben. Wir freuen uns aber zu sehen, daß so viel Bewegung im Eise ist. Es ist dann Hoffnung vorhanden, daß wir schließlich in offenes Wasser hinaustreiben. Denn daß wir durch eigene Kraft durch alle diese Schwierigkeiten dorthin gelangen werden, beginne ich zu bezweifeln. Das Terrain und der Weg sind zu schlecht, und meine Hoffnung beruht jetzt auf den Rinnen und der Lockerung des Eises. Glücklicherweise hat sich Nordostwind aufgemacht. Gestern wehte eine frische Brise aus mißweisend Nordnordwest, und heute ist es ebenso. Mag es nur weiter wehen; wenn der Wind uns nach Nordwesten versetzt hat, so kann er uns auch nach Südwesten und unserm Ziele entgegentreiben, in der Richtung auf Franz-Joseph-Land oder auf Spitzbergen.

Nach dieser Beobachtung bezweifle ich mehr als je, daß wir östlich von Kap Fligely sind, und beginne mehr und mehr an die Möglichkeit zu glauben, daß das erste Land, welches wir sehen werden – wenn wir hoffentlich überhaupt Land sehen – Spitzbergen sein wird. In diesem Falle würden wir nicht einmal einen Schimmer von Franz-Joseph-Land zu Gesicht bekommen, dem Lande, von dem ich Tag und Nacht goldene Träume geträumt habe! Nun, wenn es nicht sein soll, dann ist es auch gut so. Spitzbergen ist gut genug. Und wenn wir so weit westlich sind, wie wir zu sein scheinen, dann hege ich größere Hoffnung als vorher, daß wir lockeres Eis und offenes Wasser finden werden; darum auf nach Spitzbergen! Wenn wir uns nur genug Proviant verschaffen können, dann wird es wol gehen; aber das ist eben die große Frage.

Nachdem ich längere Zeit bei meinen Berechnungen und Grübeleien über unsere Drift und die Zukunft zugebracht hatte, habe ich mit Willen hier eine Zeit lang geschlafen. Bei diesen Wegverhältnissen treibt uns nichts zur Eile; das Wetter ist heute kaum besser als gestern, und dann ist es der Wärme wegen auch besser, bei Nacht zu reisen als bei Tage. Das Beste ist, die Zeit solange wie möglich hinauszuziehen, ohne mehr Proviant zu verzehren, als absolut nothwendig ist. Der Sommer kann die Sachlage nur verbessern, und wir haben noch drei Monate Sommer vor uns. Es fragt sich nur, können wir uns während dieser Zeit Nahrung verschaffen? Es würde seltsam sein, denke ich, wenn wir es nicht könnten. Es sind beständig Vögel hier herum; gestern sah ich wieder eine große Möve; allein von so kleiner Beute den Lebensunterhalt für längere Zeit zu gewinnen, haben wir nicht Patronen genug. Meine Hoffnungen sind auf Seehunde oder Bären gerichtet; nur einen davon, ehe unser Proviant verzehrt ist, und wir sind für lange Zeit geborgen!

Sonntag, 16. Juni. Gestern war es so schlecht als möglich. Der Weg konnte zur Verzweiflung bringen, und das Eis war häßlich; aber das eine Gute ist, daß es viel schlechter nicht mehr werden kann. Ich überlege, ob es nicht am klügsten sein würde, die Hunde zu schlachten und als Nahrung für uns selbst aufzubewahren und dann zu versuchen, unsern Weg fortzusetzen, so gut, wie es ohne sie möglich ist. Auf diese Weise würden wir Vorrath für 15, vielleicht für 20 Tage bekommen und gleichzeitig im Stande sein, einige Fortschritte zu machen. Es scheint in dieser Beziehung jedoch nicht viel zu machen zu sein, und es ist daher vielleicht das Richtige, zu warten.

Aber andererseits ist es möglicherweise nicht weit bis zum Lande oder zum offenen Wasser oder jedenfalls zu aufgebrochenem Eis, und dann ist jeder Kilometer, den wir nach Süden machen können, von Wichtigkeit. Ich bin daher zu dem Schluß gekommen, daß wir die Hunde benutzen, um so gut wie möglich weiter zu kommen. Vielleicht tritt eine Veränderung ein, ehe wir es erwarten; wenn nichts anderes, dann möglicherweise besseres Eis, wie wir es vorher gehabt haben. Inzwischen waren wir gestern gezwungen, zwei Hunde zu tödten. »Lilleräven« konnte, als wir aufbrachen, kaum gehen; die Beine schienen ihm vollständig gelähmt zu sein und er fiel nieder und konnte nicht wieder aufstehen. Nachdem ich ihn und den Schlitten eine Zeit lang weiter geschleppt hatte, mußte ich ihn auf die Ladung setzen, und als wir einige Hügel erreicht hatten, wo man vor dem nördlichen Winde geschützt war, schlachtete ihn Johansen, während ich vorausging, um einen Weg zu suchen. Inzwischen befand sich mein anderer Hund, »Storräven«, in fast ebenso schlechter Verfassung. Ziehen konnte er nicht, und es war schwierig, ihn zum Weitergehen zu veranlassen, sodaß er vom Schlitten eher mitgeschleppt wurde. Er ging eine kleine Strecke, stolperte und fiel, worauf ihm wiederholt aufgeholfen wurde. Aber bald war er ebenso schwach, wie »Lilleräven« gewesen war; er zögerte hinterher, ließ die Zugtaue unter die Schlittenkufen kommen und wurde mitgeschleift. Da ich mit dem Ziehen des Schlittens mehr als genug zu thun hatte, ließ ich ihn frei, in der Hoffnung, daß er uns jedenfalls folgen würde. Er that dies auch eine kleine Weile, blieb dann aber zurück, sodaß Johansen gezwungen war, ihn zu holen und auf seinen Schlitten zu legen. Als wir dann lagerten, wurde er ebenfalls geschlachtet.

»Kaiphas« ist jetzt allein noch übrig, um mir beim Ziehen des Schlittens zu helfen, und Johansen hat »Haren« und »Suggen«. Wir haben von den beiden geschlachteten Hunden Rationen für 10 Tage für sie. Wie weit wir aber damit kommen, wissen die Götter; ich fürchte, nicht sehr weit. Wir müssen uns nun immer selbst vorspannen und fertigten daher für uns aus zwei Hundegeschirren ordentliche Zuggeschirre an. Ordentliches Zuggeschirr ist eine wichtige Sache und strengt in der Länge der Zeit viel weniger an als der gewöhnliche Zugriemen oder die Zugleine über die Brust und eine Schulter. Das Geschirr, das ich benutzte, bestand aus zwei Riemen, die wie die Träger eines Tornisters über beide Schultern liefen und kreuzweise über dem Rücken an einem Ledergürtel befestigt waren, zu welchem auch das Zugtau vom Schlitten führte. Auf diese Weise hat man es beim Ziehen in der Macht, die Kraft gleichmäßig auf beide Schultern und den Gürtel, d. h. die Hüften und den Unterleib, zu vertheilen. Der »Schwerpunkt« des Ziehens liegt bei dieser Methode im Körper tiefer, gerade oberhalb der Beine, welche die Arbeit thun, und die Zugleine drückt nicht, wie es gewöhnlich der Fall ist, allein auf den obern Theil des Körpers. Nun hatten wir nicht mehr nöthig, die Schneeschuhe nur lose zu befestigen. Dabei hatten sich einem die Füße gedreht und waren von den Schneeschuhen tief in den bodenlosen Schnee hineingeglitten, der sich dabei unter den Füßen in Eis verwandelte, sodaß auf unsern glatten Komager-Sohlen so schlüpfrig wie auf einer Aalhaut zu stehen war. Nunmehr legten wir die Schneeschuhe fest an, und wo das Eis eben war, konnten wir wirklich den Schlitten weiter schleppen, wenn wir auch nur einen Hund neben uns hatten. Ich sah, daß, wenn wir halbwegs erträgliches Terrain hatten, wir im Laufe des Tages selbst ohne Hunde einige Fortschritte machen konnten; aber die Schlitten standen sofort ganz still, sobald die geringste Unebenheit kam. Wir mußten uns mit aller Macht ins Geschirr legen, und selbst dann gelang es noch nicht, den Schlitten nur einen Zoll weiter zu rücken. Dann mußte man umkehren, bis er schließlich, nachdem man seine Kraft bis aufs äußerste angestrengt hatte, über das Hinderniß hinweg- und einem neuen entgegenglitt, wo sich genau dasselbe Verfahren wiederholte. Wollte man den Schlitten in dem tiefen Schnee, in welchem er eingebettet war, drehen, so war die Sache nicht besser; man vermochte dies überhaupt nur zu bewerkstelligen, wenn man ihn vollständig aufhob. Auf diese Weise ging es Schritt für Schritt weiter, bis wir vielleicht an eine kleine Strecke ebenen Eises kamen, wo das Tempo beschleunigt werden konnte. Gelangten wir aber an Rinnen oder Rücken, dann wurde die Sachlage schlimmer denn je, da ein Mann allein mit dem Schlitten nicht fertig werden kann, sondern für jeden Schlitten zwei Mann erforderlich sind. Wenn wir dann den Weg, soweit ich ihn vorher bezeichnet hatte, verfolgt hatten, mußte ich wieder weiter und zwischen den Eisrücken einen neuen Weg suchen. Darauf los zu gehen, während man den Schlitten zieht, ist bei dem unebenen Eis nicht rathsam, weil man dabei nur in Schwierigkeiten geräth und eventuell gezwungen ist, wieder umzukehren. Auf diese Weise quälen wir uns weiter; doch brauche ich wol nicht zu erwähnen, daß dabei von Schnelligkeit und langen Tagemärschen nicht die Rede sein konnte. Indeß so, wie es geht, kommen wir doch ein wenig weiter, und das ist besser als nichts; außerdem ist es das Einzige, was wir thun können, in Anbetracht der Unmöglichkeit, in den Schlafsack zu kriechen und etwa einen Monat lang zu schlafen, bis Eis und Weg wieder besser sind.

Dem Himmel nach zu urtheilen muß im Süden und Südwesten eine Anzahl Rinnen sein. Vielleicht führt uns unser mühseliges Vordringen zu etwas Besserm. Wir begannen gestern Abend um 10 Uhr und hielten heute Morgen um 6 Uhr an. In den letzten Tagen haben wir kein Mittagessen gehabt, um eine Mahlzeit zu sparen, da wir das Eis und unsere Fortschritte im allgemeinen nicht vieler Nahrung werth hielten. Aus demselben Grunde sammelten wir heute Morgen das Blut »Storräven's« und bereiteten eine Art Brei daraus an Stelle des Fiskegratin. Er schmeckte gut, wenn es auch nur Hundeblut war; außerdem haben wir dabei eine Portion Fischmehl gespart. Ehe wir uns gestern Abend in den Sack legten, zählten wir unsere Patronen und fanden zu unserer Freude, daß wir 148 Schrot-, 181 Büchsen-Patronen und außerdem 14 Vollkugel-Patronen besitzen. Mit so viel Munition müssen wir im Stande sein, erforderlichenfalls unsern Proviant auf lange Zeit hinaus zu vermehren. Denn wenn unsern Gewehren sonst nichts zur Beute fallen sollte, so würden doch Vögel da sein, und mit 148 Vögeln reicht man beträchtliche Zeit aus. Wenn wir halbe Ladungen verwenden, können wir unsere Munition noch weiter verlängern. Außerdem haben wir zum Neuladen der Patronen ein halbes Pfund Pulver und einige Vollkugeln für die Büchsen, sowie Zündhütchen. Diese Entdeckung hat mich in gehobene Stimmung versetzt; denn, um die Wahrheit zu sagen, ich hielt unsere Aussichten nicht für übermäßig glänzend. Wir werden jetzt vielleicht im Stande sein, mit dem Proviant drei Monate auszuhalten, und in dieser Zeit muß etwas geschehen. Außer dem, was wir etwa schießen, können wir auch Möven mit der Angel fangen, und wenn es zum Schlimmsten kommen sollte und wir uns ernstlich ans Werk machen, können wir wahrscheinlich einige kleine Thiere mit dem Netze erwischen. Möglicherweise werden wir Spitzbergen nicht so rechtzeitig erreichen, um noch ein Schiff zu finden, und müssen dort überwintern; doch wird das ein luxuriöses Leben werden im Vergleich zu diesem hier auf dem Eise, wo wir nicht wissen, wo wir sind und wohin wir treiben, und wo wir trotz all unserer mühseligen Arbeit unser Ziel nicht sehen. Ich möchte diese Zeit nicht noch einmal durchleben. Wir haben es theuer büßen müssen, daß wir damals unsere Uhren haben ablaufen lassen. Ja, wenn niemand zu Hause wartete, würde ein Winter auf Spitzbergen ganz verlockend sein. Nun liege ich hier und träume davon, wie behaglich und schön wir uns dort einrichten könnten. Alles in der Welt erscheint einem rosig gefärbt – wenn man nur endlich aus dem Eise hier heraus wäre; aber heraus werden wir früher oder später doch kommen! Wir müssen uns mit dem Sprichwort trösten, daß die Nacht vor der Morgendämmerung am dunkelsten ist. Natürlich hängt es etwas davon ab, wie dunkel die Nacht ist, aber beträchtlich dunkler, als sie jetzt ist, kann sie wol nicht sein. Alle unsere Hoffnungen sind auf den Sommer gerichtet. Ja, es muß besser werden, wenn der Sommer allmählich herankommt. –

Auf diese Weise ging es langsam weiter; Tag für Tag mußten wir dieselbe mühselige Arbeit verrichten, in demselben tiefen Schnee, in welchem die Schlitten unaufhörlich stecken blieben. Hunde und Menschen thaten ihr Bestes, aber mit wenig Erfolg, und außerdem bekamen wir allmählich Nahrungssorgen. Unsere Rationen und die für die Hunde wurden auf ein Minimum reducirt, um unser und ihr Leben solange wie möglich erhalten zu können. Wir waren alle fünf hungerig und müde vom Morgen bis zum Abend und vom Abend bis zum Morgen. Wir beschlossen, alles, was uns in den Weg käme, zu schießen, selbst Möven und Sturmvögel; aber jetzt kam natürlich nichts von diesem Wild in Schußweite.

Die Rinnen wurden andauernd schlimmer; sie waren meist mit Schneeschlamm und Eisbrocken gefüllt. Oft waren wir gezwungen, weite Strecken auf nichts als kleinen Blöcken zu gehen, wo man beständig durchbrach. Am 18. Juni setzte starker Wind aus rechtweisend Westen ein, der am Zelt zerrte und rüttelte. Vermuthlich treiben wir nach Osten zurück, dahin, woher wir gekommen sind, nur vielleicht noch nördlicher. So werden wir von Wind und Strömung umhergeworfen, und so wird es weiter gehen, vielleicht den ganzen Sommer hindurch, ohne daß wir der Lage Herr zu werden vermögen. Eine an diesem Tage genommene Meridianhöhe bringt uns auf 82° 19' nördlicher Breite, sodaß wir also wieder ein wenig nach Süden gekommen sind. Ich sah und schoß ein paar Sturmvögel und eine Lumme, mit denen wir unsere Rationen verlängerten; allein zu unserm Bedauern verfehlte ich, als ich auf ein paar Seehunde in den Oeffnungen schoß, das Ziel. Wie hätten wir uns gefreut, eine solche Beute zu machen!

»Mittlerweile zeigt sich hier viel Leben«, schreibe ich am 20. Juni. »Krabbentaucher fliegen in Scharen hin und her und sitzen und schnattern und zeigen sich gerade vor der Zeltöffnung; es ist wirklich ein Vergnügen, ihnen zuzuschauen, schade nur, daß sie so klein und daher einen Schuß nicht werth sind. Es ist auffällig, wie das Vogelleben sich vermehrt hat, seit der Westwind vorgestern eingetreten ist. Besonders überrascht es, daß die Krabbentaucher plötzlich in dichten Scharen erschienen sind. Sie schwirren mit fröhlichem Gezwitscher am Zelt vorbei, was einem das Gefühl gibt, als sei man in wirthlichere Regionen hinabgekommen. Die Plötzlichkeit des Auftauchens der Krabbentaucher ist sehr auffällig, aber es nützt alles nichts. Land ist nicht zu erspähen, und der Weg ist so jämmerlich, wie er nur sein kann. Tüchtiges Thauwetter, sodaß der Schnee rascher verschwinden könnte, kommt auch nicht. Gestern Morgen machte ich vor dem Frühstück einen Gang nach Süden, um zu sehen, wie die Aussichten für unser Weiterkommen seien. Das Eis war eine kleine Strecke weit flach und gut, aber bald begannen die Rinnen wieder schlimmer als je zu werden. Unser einziges Aushülfsmittel ist jetzt, zu kräftigen Maßregeln zu greifen und die Kajaks, trotzdem sie leck sind, vom Stapel zu lassen; dann müssen wir so viel wie möglich auf den Rinnen fahren; mit diesem Entschluß kehre ich um. Der Schnee war noch immer unverändert, naß, sodaß man zwischen den Eishügeln – und deren sind viele – tief einsank. Wir konnten uns kein richtiges Frühstück erlauben und nahmen daher 50 Gramm Brot und 50 Gramm Pemmikan pro Mann; dann machten wir uns ans Werk, die Pumpen zu repariren und die Kajaks für die Ueberfahrt in Ordnung zu bringen, sodaß ihr Inhalt durch das eindringende Wasser nicht verdorben wird. Unter anderm mußte in dem meinigen ein Loch geflickt werden, das ich vorher nicht gesehen hatte.

»Nach einem frugalen Abendessen, 60 Gramm Aleuronat-Brot und 30 Gramm Butter für jeden, krochen wir in den Sack, um so lange wie möglich zu schlafen und die Zeit todtzuschlagen, ohne zu essen. Es handelt sich jetzt nur darum, so lange auszuhalten, bis der Schnee geschmolzen und der Weg besser ist. Nachmittags 1 Uhr standen wir auf und hatten ein etwas reichlicheres Frühstück von Fiskegratin, aber wir dürfen von nun an nicht mehr so viel essen, als wir Lust haben. Wir freuen uns, von der Stelle zu kommen und unsere neue Taktik zu versuchen: statt die Rinnen zu meiden, sie aufzusuchen und, aus ihnen Nutzen ziehend, uns in ihnen fortzurudern. Etwas wird dies jedenfalls helfen, und je weiter südlich wir kommen, um so mehr ist Aussicht auf Rinnen und um so größer sind die Chancen, daß unsern Büchsen etwas zufällt.

»Sonst ist das Dasein düster genug. Augenblicklich keine Aussicht, weiter zu kommen: unpassirbares Packeis in jeder Richtung, rasch abnehmende Vorräthe, und jetzt auch nichts zu fangen oder zu schießen. Ein Versuch, zu fischen, den ich heute mit dem Netze machte, schlug gänzlich fehl; ein Flossenfüßer ( Clio borealis) und einige wenige Crustaceen waren die ganze Beute. Ich liege nachts wach und quäle mein Hirn stundenlang ab, um einen Weg aus diesen Schwierigkeiten zu finden«.

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