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In Nacht und Eis. Zweiter Band

Fritjof Nansen: In Nacht und Eis. Zweiter Band - Kapitel 5
Quellenangabe
typereport
authorFridtjof Nansen
titleIn Nacht und Eis. Zweiter Band
publisherF. A. Brockhaus.
year1930
firstpub1897
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Viertes Kapitel

Plackerei

Mittwoch, 1. Mai. -24,8° C. Heute habe ich meine Finnenschuhe mit Sohlen aus Segeltuch versehen, sodaß sie hoffentlich wieder eine Zeit lang aushalten werden; ich habe das Gefühl, als ob ich jetzt wieder das Terrain behaupten könnte. Ich besitze nun zwei Paar derartiger Schuhe, sodaß ich endlich einmal ein Paar in der Sonne trocknen kann; sie sind während des ganzen Weges naß gewesen, wodurch sie sich noch rascher abgetragen haben.

Die Eisverhältnisse wurden jetzt wieder sehr schlecht und unsere Märsche dementsprechend kürzer.

Freitag, 3. Mai. Gestern haben wir kein so gutes Tagewerk vollbracht, als ich erwartet hatte, wenn wir auch einige Fortschritte machten. Das Eis war flach und das Weiterkommen eine Zeit lang gut, weshalb wir den Marsch etwa vier Stunden ununterbrochen fortsetzten. Aber dann hatten wir mehrere Strecken mit Rinnen und Eisrücken, über welche es uns jedoch noch hinwegzukommen gelang, obwol das Eis oft unter unsern Füßen zusammengepreßt wurde. Allmählich nahm der Südostwind zu. Während wir das Mittagessen einnahmen, drehte er sich nach Osten herum und wurde ziemlich stark; außerdem wurde das Eis durch Rinnen und Eisrücken noch schlimmer. Als der Wind eine Geschwindigkeit von 9-10 Meter in der Secunde erreichte und starkes Schneetreiben eintrat, welches alles ringsum vollständig verhüllte, war es nichts weniger als angenehm, sich vorwärts zu arbeiten. Nachdem wir mehreremal durch neugebildete Rücken aufgehalten worden waren, sah ich ein, daß das einzig Vernünftige sein würde, unser Zelt aufzuschlagen, wenn wir nur eine einigermaßen geschützte Stelle finden könnten. Das war jedoch leichter gesagt als gethan, da das Schneetreiben so stark geworden war, daß wir kaum etwas sehen konnten. Endlich fanden wir aber doch einen passenden Platz, wo wir, sehr zufrieden, Schutz zu bekommen, unser Fiskegratin verzehrten und in den Schlafsack krochen, während der Wind an den Zeltwänden rüttelte und rundherum hohe Schneewehen aufthürmte. Wir waren gezwungen gewesen, das Zelt ganz dicht an einem neugebildeten Eisrücken aufzurichten, was allerdings nicht sehr angenehm war, weil Eispressungen eintreten konnten; jedoch hatten wir keine Wahl, da dies die einzige Stelle an der Leeseite war, die wir finden konnten. Noch ehe ich einschlief, begann das Eis unter uns zu krachen, und bald darauf fing auch die Kette hinter uns mit den uns wohlbekannten ruckweisen Pressungen an. Ich horchte und dachte darüber nach, ob es nicht besser sein würde, aufzustehen, ehe die Eisblöcke auf uns herabstürzten, schlief dabei aber rasch ein und träumte von einem Erdbeben. Als ich einige Stunden später wieder erwachte, war alles ruhig. Nur der Wind heulte um das Zelt, zerrte an den Wänden und peitschte den Schnee an denselben hoch hinauf.

Gestern Abend wurde »Potifar« getödtet. Wir haben jetzt noch 16 Hunde übrig; ihre Zahl nimmt in erschreckender Weise ab, und wir sind noch so weit vom Lande! Wenn wir nur erst dort wären!

Sonnabend, 4. Mai. Machten gestern etwa 15 Kilometer, aber die Rinnen werden immer schlimmer. Als wir nachmittags aufbrachen, nachdem wir meinen Schlitten und das Kajak wieder beladen und die Lasten unter Johansen's Kajak in Ordnung gebracht hatten, hatte sich der Wind gelegt, und es schneite ruhig und still weiter in großen Flocken, wie im Winter zu Hause. Schlimm ist es, daß man fast nichts sieht; man weiß nicht, ob das Terrain günstig oder ungünstig ist; indeß ging es sich nicht so schlecht, und wir kamen vorwärts. Es war himmlisch, bei diesem milden Wetter (-11,3° C.) zu fahren; man konnte thun, was man wollte, brauchte nicht Angst zu haben, die Fausthandschuhe abzulegen, und es brauchte einem auch nicht zu grauen, einen Knopf aufzuknöpfen. Man konnte die wunden, erfrorenen Finger wieder benutzen, ohne daß man unerträgliche Schmerzen erleiden mußte, wenn man etwas berührte.

Das Leben wurde uns jedoch bald durch offene Rinnen verbittert, über die wir schließlich nur mit Umwegen und unter Aufwendung von viel kostbarer Zeit hinübergelangten. Dann kamen weite Strecken flachen Eises, auf dem wir fröhlich den Marsch fortsetzten, zumal bald darauf auch die Sonne durchbrach. Es ist wunderbar, welche Aufmunterung dies ist. Kurze Zeit vorher, als ich mich an einer schrecklichen Rinne entlang durch Eisblöcke und über Eisrücken weiter quälte, ohne einen Durchgang zu entdecken, war ich nahe daran, bei jedem Schritte vor Erschöpfung umzusinken, und kein Vergnügen der Welt kann damit verglichen werden, wenn man in den Sack kriechen kann; während jetzt, wenn das Glück wieder lächelt und man vorwärts zu kommen Aussicht hat, plötzlich alle Müdigkeit verschwunden ist.

In der Nacht begann das Eis wieder ernstlich schlecht zu werden; Rinne folgte auf Rinne, eine schlimmer als die andere, und nur mit Hülfe großer Abweichungen vom Kurse und schwieriger Umwege konnten dieselben überschritten werden. Es war zum Verzweifeln, und als der Wind wieder zu einem guten »Mühlenwind« anwuchs, wurde die Sache nicht besser. Das ist eine Plackerei ohne Ende! Was würde ich nicht darum geben, wenn ich Land sähe, wenn ich einen sichern Weg vor mir hätte, auf bestimmte Tagemärsche rechnen könnte und von dieser endlosen Sorge und Ungewißheit wegen der Rinnen befreit wäre! Niemand weiß, welche Mühseligkeiten sie uns noch bringen können, welche Widerwärtigkeiten wir vielleicht noch zu bestehen haben werden, ehe wir Land erreichen, und dabei nimmt die Zahl der Hunde stetig ab. Die armen Thiere erhalten alles, was wir ihnen geben können, aber was nutzt das? Ich bin so müde, daß ich auf den Schneeschuhen schwanke, und wenn ich falle, wünsche ich nur, liegen bleiben zu können, um mir die Mühe des Wiederaufstehens zu ersparen. Aber der Fuchs hatte recht: alles hat einen Uebergang. Wir kommen auch noch einmal vorwärts.

siehe bildunterschrift

Ewige Plackerei!

Heute Morgen um 5 Uhr kamen wir an eine breite Rinne, und da es so gut wie unmöglich war, die Hunde noch weiter zu bringen, lagerten wir. Ist man erst einmal ins Zelt gekommen und hat sich im Sack verkrochen, eine dampfende Schüssel mit schmackhaftem Labskaus vor sich, so stellt sich ein Gefühl des Wohlbehagens ein, das weder durch Rinnen noch durch sonst etwas gestört werden kann.

Das von uns passirte Eis war im allgemeinen flach, mit Ausnahme der neugebildeten Rinnen und der Eisrücken; sie traten jedoch meist auf kleinern Strecken auf, mit ausgedehntem flachem Eise dazwischen, wie gestern. Fast sämmtliche Rinnen scheinen dieselbe Richtung einzuhalten, ungefähr quer zu unserm Kurse mit geringer Abweichung nach Südwesten; sie laufen ungefähr von mißweisend Ostnordost nach Westsüdwest. Heute Morgen war die Temperatur wieder auf -17,8° C. gesunken, nachdem sie bereits bis auf -11° gestiegen war, sodaß ich noch die Hoffnung hege, das Wasser werde wol bald zufrieren. Vielleicht ist es nicht recht von uns, den Wind zu verwünschen, denn unsere Leute an Bord der »Fram« sind sicherlich froh darüber, daß endlich Südostwind eingetreten ist. Unzweifelhaft haben sie auf ihn gewartet, und da er nun endlich da ist, wünsche ich ihn dahin, wo der Pfeffer wächst! Gewiß, ich habe mich über den Wind um ihretwillen gefreut; das hindert aber nicht, daß ich viel dafür gäbe, wenn sie mit dem Weitertreiben warten wollten, bis wir Land erreicht haben.

Mittwoch, 8. Mai. Die Rinnen treten noch immer regelmäßig an gewissen Stellen auf, wo das Eis im allgemeinen sehr uneben ist und alte und neue Eisrücken miteinander abwechseln. Zwischen diesen Stellen liegen weite flache Strecken ohne Rinnen; sie sind oft vollkommen eben, fast wie Inlandeis. Die Richtung der Rinnen liegt wie früher sehr oft quer zu unserm Kurse oder noch etwas südwestlicher, andere scheinen auch in der Richtung zu verlaufen, die wir einschlagen. Das Eis ist ganz merkwürdig; es scheint immer ebener zu werden, je mehr wir uns dem Lande nähern, während wir gerade das Gegentheil erwartet hatten. Wenn es nur so bleiben wollte! Mir scheint es beträchtlich flacher zu sein als dasjenige um die »Fram«. Es gibt hier keine wirklich unpassirbaren Stellen; alle Unebenheiten scheinen von geringen Dimensionen zu sein, nur unbedeutende Eisblöcke, keine Hügel und Rücken, wie wir sie weiter nördlich gefunden hatten. Einige Rinnen sind schmal und noch so neu, daß sie nur mit Schneeschlamm bedeckt sind. Diese Decke ist allerdings trügerisch genug; es scheint festes ebenes Eis zu sein, stößt man aber den Stock hinein, so geht er vollständig hindurch bis ins Wasser.

Gestern Morgen rechnete ich unsere Breite und Länge aus; erstere betrug (Sonntag, 5. Mai) 84° 31' Nord, letztere 66° 15' Ost. Ohne es zu wissen, befanden wir uns auf derselben Breite wie die »Fram« und ungefähr 210 Kilometer von ihr entfernt. Wir waren nicht so weit südlich, wie ich erwartet hatte, aber erheblich weiter westlich. Die Drift hat uns zurück und nach Westen versetzt. Ich werde daher in Zukunft einen südlichern Kurs als bisher nehmen, etwa rechtweisend Süd, da wir noch immer nach Westen treiben und ich vor allen Dingen befürchte, zu weit nach dieser Richtung zu gelangen. Hoffentlich werden wir bald Land in Sicht bekommen, worauf wir wissen werden, welchen Kurs wir zu nehmen haben. Eigentlich müßten wir jetzt schon dort sein.

Gestern wurde kein Hund getödtet, weil noch vom Tage vorher zwei Drittel von »Ulenka« übrig waren, die den Hunden eine reiche Mahlzeit boten. Ich beabsichtigte, fortan nur jeden zweiten Tag einen Hund zu tödten; vielleicht werden wir auch bald einem Bären begegnen.

Donnerstag, 9. Mai. -13,3° C. Gestern war ein ziemlich guter Tag. Das Eis war freilich nicht das allerbeste, recht höckerig, auch ging es sich schwer, nichtsdestoweniger kamen wir aber stetig vorwärts. Hin und wieder trafen wir lange flache Strecken. Das Wetter war, als wir gestern Morgen gegen 2½ Uhr aufbrachen, ganz schön, und die Sonne schien durch leichte weiße Cumulus-Wolken, Es war aber schwer, gegen das Eis vorzudringen, und bald kam auch mit dem Winde, der noch immer aus Nordnordost wehte, der Nebel.

siehe bildunterschrift

Schweres Durchkommen.

Das Ziehen wird für die Hunde in demselben Verhältniß schwerer, als ihre Zahl abnimmt, doch scheinen auch die hölzernen Unterkufen nicht gut zu gleiten. Ich habe schon lange daran gedacht, sie abzunehmen, und hatte heute wirklich beschlossen, es ohne sie zu probiren. Trotz allem behalten die Hunde ein sehr gleichmäßiges Tempo bei und machen nur hin und wieder halt. Gestern hatte ich nur vier Hunde vor meinem Schlitten, von denen einer, »Flint«, aus dem Geschirre schlüpfte und fortlief, sodaß wir ihn erst abends wieder erwischen konnten, worauf er zur Strafe getödtet wurde. Das Eis war heute überall weniger eben als während der letzten Tage. Nachmittags wurde das Wetter unsichtiger, und der Wind nahm noch zu, bis gegen 3 Uhr ein regelrechter Schneesturm wüthete. Es war kein Weg zu sehen; alles war weiß, außer an den Stellen, wo die blauen Eisblöcke der Rücken durch das Schneetreiben hindurchragten. Nach einer Weile verschlechterte sich das Eis noch, und ich gerieth auf Rücken und andere Unebenheiten, die ich vorher nicht gesehen hatte. Ich hoffte, daß es nur ein Schneeschauer wäre, der bald vorüberginge; doch besserte es sich nicht, sodaß wir es für unvernünftig hielten, den Weg fortzusetzen. Glücklicherweise hatten wir gerade einen gutgeschützten Lagerplatz gefunden, sonst würde es bei diesem Wetter, in welchem nichts zu unterscheiden war, schwer gewesen sein, einen zu finden.

Dann gelangen wir südwärts und wundern uns mehr und mehr, daß wir noch immer keine Anzeichen von Land wahrnehmen. Nach unserer Rechnung haben wir den 84. Grad jetzt hinter uns.

siehe bildunterschrift

Wieder ein Halt!

Freitag, 10. Mai. -8,8° C. Unser Leben bietet viele Schwierigkeiten, die zu überwinden sind. Gestern versprach der Tag gut zu werden, aber das unsichtige Wetter hinderte uns am Weiterkommen. Als wir vormittags aus dem Zelte krochen, war es schön; die Sonne schien, die Bahn war ungewöhnlich gut, und das Eis schien ebener als sonst zu sein. Wir waren in dem Schneesturme am Abend vorher gerade in einen Streifen schlechten Eises hineingerathen. Ehe wir aufbrachen, wollten wir die abnehmbaren Holzkufen von den Schlitten entfernen, allein als ich den meinigen vorher noch einmal probirte, fand ich, daß er in seinem bisherigen Zustande ganz gut lief. Ich beschloß daher, mit der Abnahme der Kufen noch etwas zu warten, da ich befürchtete, daß die Schlitten durch die Entfernung derselben geschwächt werden könnten. Inzwischen hatte Johansen sie bereits von dem mittlern Schlitten abgenommen. Dabei entdeckten wir, daß eine der Birken-Holzkufen gerade unter einem der aufrecht stehenden Träger quer durchgespalten war, sodaß uns nichts anderes übrigblieb, als sie wieder zu befestigen. Es war schade, denn der Schlitten würde auf den frischgetheerten Kufen viel besser gelaufen sein als aus den zerkratzten Unterkufen. Wir machten ziemlich gute Fortschritte, obwol wir nur noch dreizehn Hunde hatten, vier vor meinem, vier vor dem Birkenholzschlitten und fünf vor Johansen's Schlitten; jedoch wurde das Wetter im Laufe des Nachmittags wieder rasch unsichtiger, und es begann zu schneien, sodaß wir unsern Weg nicht sehen konnten. Das Eis war indeß ziemlich eben, weshalb wir den Weg fortsetzten. Als wir dann vor eine Rinne kamen, überwanden wir sie durch einen Umweg. Nicht lange nachher geriethen wir wieder zwischen eine Anzahl abscheulicher Eisrücken und fuhren direct zwischen hohe Rücken hinein und über steile Abhänge hinweg, ohne sie zu sehen; wohin man sich wandte, erschienen plötzlich Vertiefungen und Fallgruben, obwol alles unter der Decke des noch immer fallenden Schnees schön und eben aussah. Da eine weitere Fortsetzung des Marsches von wenig Nutzen zu sein schien, beschlossen wir, zu lagern, unser aus heißem schmackhaftem Labskaus bestehendes Mittagsmahl einzunehmen, die Länge auszurechnen und dann abzuwarten, bis es wieder klar werden würde; sollte dieser Fall nicht bald eintreten, so wollten wir uns einen tüchtigen Schlaf gönnen, um zum Weitermarsche bereit zu sein, sobald das Wetter ihn gestatten würde. Nachdem wir ein paar Stunden geschlafen hatten, stand ich – es war um 1 Uhr morgens – auf und trat aus dem Zelt heraus, wo ich dasselbe unsichtige, bewölkte Wetter vorfand, nur daß am Horizont im Südwesten ein Streifen klaren blauen Himmels zu sehen war. Ich ließ Johansen daher weiter schlafen und rechnete unsere Länge aus, die sich als 64° 20' Ost erwies. Seitdem ich sie zuletzt gemessen habe, sind wir, wenn meine Rechnung richtig ist, beträchtlich nach Westen gekommen. Während ich noch beschäftigt war, hörte ich draußen bei einem der Kajaks ein verdächtiges Rumoren. Ich horchte, und richtig, die Hunde waren über Johansen's Kajak. Ich stürzte hinaus, erwischte »Haren«, der gerade an einem Stück frischen Hundefleischs nagte, das für morgen bestimmt war, und gab ihm eine tüchtige Tracht Prügel für seine Bemühungen. Die Oeffnung des Kajaks wurde dann mit Kapuzen, Schneeschuhen und Stöcken gehörig versichert.

Das Wetter ist noch immer unverändert, bewölkt und unsichtig, aber der Wind ist mehr nach südlicher Richtung herumgegangen, und der Streifen klaren blauen Himmels im Südwesten ist ein wenig mehr über der Eiskante emporgestiegen. Ist es möglich, daß Westwind in Aussicht steht? Er würde uns in der That willkommen sein, und mit sehnsüchtigen Blicken beobachtete ich daher jenen blauen Streifen – weit dort draußen lagen Sonnenschein und Vorwärtskommen, vielleicht lag dort auch Land. Ich sah die Cumulus-Wolken durch die blauen Lüfte dahinsegeln und wünschte mir nur, dort zu sein, Land unter den Füßen zu haben, dann würden alle unsere Mühen vergessen sein. Ach, wie unaussprechlich sehne ich mich danach! Oftmals guckte ich im Laufe des Morgens aus dem Zelte, sah aber immer wieder denselben bewölkten Himmel und dasselbe Weiß, wohin sich mein Blick auch wandte. Unten im Westen und Südwesten war stets der gleiche Streifen klaren blauen Himmels, nur hatte er sich wieder gesenkt. Als wir vormittags endlich aufstanden, war das Wetter noch unverändert, und auch der azurblaue Streifen am südwestlichen Horizont war noch vorhanden. Meiner Meinung nach muß er etwas mit Land zu thun haben, und das gibt mir die Hoffnung, daß es nicht allzuweit entfernt sein wird. Es ist schwieriger, als wir es uns gedacht haben, Land zu erreichen. Wir haben es aber auch mit vielen Feinden zu thun gehabt; nicht nur böses Eis und schwieriges Marschiren, sondern auch Wind, Rinnen und unsichtiges Wetter sind hartnäckige Gegner, die wir besiegen mußten.

Sonntag, 12. Mai. -17,5° C. Gestern war der Tag besser, als wir erwartet hatten. Zwar war es während der ganzen Zeit bewölkt und unsichtig, sodaß wir unsern Weg mehr fühlen mußten als sahen, auch war das Eis nicht besonders gut, allein trotzdem kamen wir vorwärts und hatten die Genugthuung, hin und wieder über weite Strecken flachen Eises zu kommen; nur wurden wir durch ein paar theilweise offen stehende Rinnen etwas gehindert. Seltsamerweise war in rechtweisend Südsüdwesten noch immer der Streifen klaren Himmels zu sehen, der, während wir weiter kamen, höher über den Horizont emporstieg. Wir hofften fortwährend, daß er sich noch mehr ausbreiten und das Wetter sich aufklären würde, weil wir das dringend nöthig hatten, um einen Weg zu finden. Der Streifen wollte indeß nie höher steigen, blieb aber immer gleichmäßig klar. Dann sank er wieder, bis nur noch ein schmaler Strich am Rande des Himmels sichtbar war. Darauf verschwand auch dieser Strich. Heute Morgen um 7 Uhr kamen wir an eine Zone von so schlechtem Eise, wie ich es selten gesehen hatte, und da ich es für nicht rathsam hielt, bei solch unsichtigem Wetter weiter zu gehen, schlugen wir das Lager auf. Hoffentlich haben wir unsere 15 Kilometer zurückgelegt, sodaß wir nur auf weitere 97 Kilometer zu rechnen haben bis zum Lande, falls es auf 83° Breite liegt. Das Eis ist hier unzweifelhaft von anderer Beschaffenheit als früher; es ist weniger eben, und es kommen häufiger alte und neue Rinnen mit Eisrücken und Blöcken vor, was alles auf die Nähe von Land hinzudeuten scheint.

Inzwischen vergeht die Zeit, und die Zahl der Hunde verringert sich. Wir haben jetzt nur noch zwölf. Gestern wurde »Katta« getödtet. Unser Proviant nimmt ebenfalls allmählich ab, wenn wir auch, Gott sei Dank, noch ein gutes Stück davon übrig haben. Die erste Kanne Petroleum (10 Liter) wurde vor drei Tagen leer, und bald werden wir auch unsern zweiten Sack Brot aufgezehrt haben. Wir thun nichts weiter, als sehnsüchtig den Horizont nach Land zu erforschen, sehen aber nichts, selbst wenn ich mit dem Fernrohr die höchsten Hügel erklimme.

Montag, 13. Mai. -13° C., Minimum-Temperatur -14,2° C. Das ist in der That ein beschwerliches Dasein. Die Zahl der Hunde und damit zugleich die Zugkräfte nehmen allmählich ab, und die Thiere sind träge und lassen sich schwer antreiben. Das Eis verschlechtert sich, je näher wir dem Lande kommen, und ist außerdem mit viel tieferm und loserm Schnee bedeckt als früher. Besonders schwierig ist es, in dem aufgebrochenen Eise weiter zu kommen, wo man im Schnee, obwol er gewiß viele Unebenheiten bedeckt, fast bis zur Hüfte zwischen den Eisstücken einsinkt, sobald man die Schneeschuhe ablegt, um den Schlitten weiter zu helfen. Es ist auf solcher Eisfläche außerordentlich ermüdend, wenn die Schneeschuhe nicht sicher an den Füßen befestigt sind. Allein man kann sie nicht ordentlich anlegen, wenn man jeden Augenblick den Hunden helfen oder ewig an den Schlitten schieben oder ziehen muß. Ich glaube, auf solchem Boden würden indianische Schneeschuhe vorzuziehen sein, und ich wünschte nur, ich hätte welche. Jedoch legten wir gestern doch eine kleine Strecke zurück, und wenn ich für gestern und heute zusammen 30 Kilometer rechne, so glaube ich mich nicht zu verrechnen. Wir müßten also nur noch 82 Kilometer bis zum 83. Breitengrad und dem von Payer aufgenommenen Lande haben. Wir halten uns auf ziemlich südlichem Kurse, ungefähr rechtweisend Süd, da dieser beständige Ostwind uns sicherlich westwärts treibt und ich nicht wünsche, daß wir an dem Lande vorbei nach Westen treiben. In der Nacht beginnt es jetzt im Sacke ziemlich warm zu werden; vorige Nacht konnte ich vor Wärme kaum schlafen.

Dienstag, 14. Mai. -14,1° C. Wir hatten einen behaglichen Ruhetag. Gerade als wir uns nach dem Frühstück auf den Weg machen wollten, bewölkte sich der Himmel, und es setzte ein tüchtiger Schneesturm ein; der Marsch bei solchem Wetter über das unebene Eis, das wir jetzt vor uns haben, hätte uns daher nichts genützt. Ich entschloß mich deshalb, halt zu machen und einige nothwendige kleine Arbeiten auszuführen, insbesondere die Ladung des Birkenholzschlittens auf die beiden andern zu vertheilen, um endlich jenen, für den wir keine Hunde mehr übrig haben, loszuwerden. Das nahm einige Zeit in Anspruch, mußte aber unbedingt geschehen; so verloren wir durch den eintägigen Aufenthalt nichts.

Wir hatten jetzt von dem Schlitten sowie von zerbrochenen Skistöcken und infolge anderer Unfälle so viel Holz, daß ich dachte, wir würden es, um Petroleum zu sparen, für einige Zeit als Feuerungsmaterial verwenden können. Wir zündeten uns daher ein Feuer daraus an, um unser Abendessen zu kochen, wobei es uns gelang, aus einer leeren Petroleumkanne einen Kochtopf herzustellen, den wir über das Feuer hängten. Beim ersten Versuch zündeten wir das Feuer in der Zeltöffnung an, gaben das jedoch bald auf, zunächst, weil wir beinahe unser Zelt angebrannt hätten, und dann, weil der Rauch hineinzog, sodaß wir kaum noch aus den Augen sehen konnten. Aber es wärmte schön und sah wunderbar freundlich aus. Dann verlegten wir das Feuer etwas weiter auf das Eis, wo es weder unser Zelt anbrennen, noch uns ausräuchern konnte; allein damit war auch alle Freude verschwunden. Nachdem wir fast den ganzen Schlitten verbrannt hatten und es uns nur gelungen war, einen Topf Wasser zum Kochen zu bringen, mit dem weitern Resultat, daß die Scholle, auf der wir uns befanden, fast durchgeschmolzen war, gab ich den Gedanken auf, mit Schlittenholz zu kochen, und kehrte zu unserm lieben Freunde »Primus« zurück, der ein getreuer Kamerad ist und bleibt und der obendrein unterhaltend ist. Man kann ihn neben sich stehen haben, selbst wenn man im Schlafsack liegt. Wir haben so viel Petroleum, sollte ich denken, als wir für unsere Reise brauchen, weshalb uns da um andere Dinge kümmern? Wenn das Petroleum zu früh zu Ende gehen sollte, nun, dann können wir von Bären, Seehunden und Walrossen so viel Thran erhalten, als wir nöthig haben.

Ich bin sehr neugierig auf das Resultat der Umladung. Unsere beiden Kajak-Schlitten sind ohne Zweifel etwas schwerer geworden, aber dafür werden wir für jeden sechs Hunde haben, solange sie aushalten. Unsere Geduld ist endlich durch den hellsten Sonnenschein und glänzenden Himmel belohnt worden; dabei ist es im Zelte so warm, daß ich schwitze. Man könnte fast glauben, man läge unter einem Sonnensegel an einem Sommertage in der Heimat. In letzter Nacht war es fast zu warm zum Schlafen. –

Das Eis blieb während der nächsten Tage einigermaßen passirbar, obwol die Rinnen uns manches Hinderniß bereiteten. Dazu kam, daß den Hunden allmählich die Kräfte ausgingen, sodaß sie bei den geringsten Unebenheiten stehen zu bleiben Lust hatten. Wir machten daher keine großen Fortschritte.

Donnerstag, 16. Mai. Mehrere von den Hunden scheinen sehr erschöpft zu sein. »Baro«, der Leithund meines Gespanns, war gestern ganz fertig; er konnte sich zuletzt kaum noch bewegen und wurde am Abend getödtet, um den andern als Futter zu dienen. Armes Thier! Es hat bis zu seinem Ende getreulich gedient.

Gestern war Johansen's Geburtstag; er hat sein 28. Jahr vollendet. Zur Feier dieses Tages wurde natürlich ein kleines Fest gefeiert mit Labskaus, seinem Lieblingsgericht, und gutem heißem Citronensaft-Grog. Die Mittagssonne machte es warm und gemüthlich im Zelt. 6 Uhr morgens -15,8° C.

Habe heute die Breite und Länge für gestern ausgerechnet und finde 83° 36' nördlicher Breite und 59° 55' östlicher Länge. Unsere Breite stimmt genau mit derjenigen überein, die ich nach unserm Besteck angenommen hatte, jedoch ist die Länge besorgnißerregend westlich, trotzdem unser Kurs während der ganzen Zeit ungefähr südlich gewesen ist. Das Eis scheint hier starke Drift zu haben, und es würde daher besser sein, wenn wir uns etwas Süd zu Ost halten, um nicht am Lande vorbeizutreiben. Um ganz sicher zu sein, habe ich unsere Beobachtungen vom 7. und 8. April nochmals ausgerechnet, finde aber keinen Fehler und kann mir nicht anders denken, als daß die Rechnung ungefähr richtig ist. Jedoch erscheint es mir merkwürdig, daß wir noch keine Anzeichen von Land gesehen haben. 10 Uhr abends -17° C.

Freitag, 17. Mai. -10,9° C., Minimum-Temperatur -19° C. Heute ist also der »Siebzehnte Mai« – der Verfassungstag. Ich war ganz sicher gewesen, daß wir an diesem Tage jedenfalls irgendwo auf dem Lande sein würden; allein das Schicksal hat es anders beschlossen. Hier liege ich im Sack und denke an all den Jubel zu Hause, versetze mich im Traume mitten unter die Festzüge der Kinder und unter die Volksmenge, die in diesem Augenblicke durch die Straßen wogt; Freude strahlt aus jedem Auge. Welch willkommener Anblick, die Flaggen, deren rothes Tuch in der blauen Frühlingsluft flattert, während die Sonne durch das zarte Lichtgrün des jungen Laubwerks scheint! Und hier befinden wir uns im Treibeise, wissen nicht genau, wo wir sind, und kennen die Entfernung nicht von einem unbekannten Lande, wo wir die Mittel zu unserm Lebensunterhalt und zum Heimkommen zu finden hoffen; hier sind wir mit zwei Gespannen von Hunden, deren Zahl sich stetig verringert, deren Kräfte von Tag zu Tag abnehmen, zwischen uns und unserm Ziele ein Eisfeld, das uns unbekannte Schwierigkeiten in den Weg legen kann, mit Schlitten, die jetzt für unsere eigenen Kräfte jedenfalls zu schwer sind. Wir dringen mühsam Meile auf Meile weiter, und inzwischen führt die Drift des Eises uns vielleicht westwärts ins Meer über das Land hinaus, das wir zu erreichen streben. Unleugbar ein beschwerliches Leben; doch einmal wird es ein Ende nehmen, einmal werden wir das Ziel erreichen. Unsere dreifarbige Flagge wollen wir wie sonst hoch aufhissen zu Ehren des »Siebzehnten Mai«; auch auf 83° 30' soll dieser Tag gefeiert werden. Und läßt uns das Schicksal den ersten Schimmer von Land gewahren, wird unsere Freude doppelt sein.

Gestern war ein schwerer Tag. Das Wetter war schön, sogar herrlich; die Bahn war vorzüglich, und das Eis war gut, sodaß man berechtigterweise Fortschritte hätte erwarten können, wenn die Hunde nicht gewesen wären. Sie halten bei allem an, sodaß derjenige, der vorausgeht, den Weg stets dreimal machen muß: zuerst um den Weg zu suchen und einen Pfad herzustellen, dann wieder zurück, um die Hunde anzutreiben; es ist wirklich eine langsame Arbeit. Auf ganz flachem Eise halten die Hunde ziemlich gutes Tempo ein, aber bei der ersten Schwierigkeit stehen sie still. Ich versuchte gestern, mich ebenfalls vorzuspannen, und es ging auch ziemlich gut; aber als ich auf schlechtem Eise einen Weg suchen sollte, mußte ich es wieder aufgeben.

Trotz alledem dringen wir vorwärts und werden schließlich unsern Lohn erhalten, der vorläufig schon sehr reich sein würde, wenn wir nur ohne diese gräßlichen Rinnen Land und Landeis erreichen könnten. Gestern hatten wir mit vier zu thun. Die erste Rinne, die wir antrafen, bereitete uns keine übermäßig großen Schwierigkeiten; dann kamen wir eine kurze Strecke über mäßig schlechtes Eis, jedoch mit Rinnen und Rücken; darauf kam wieder eine schlimme Rinne, die einen Umweg nothwendig machte, worauf wir ziemlich gutes Eis passirten, und zwar diesmal erheblich mehr als früher. Nun stießen wir auf eine Rinne oder eigentlich einen Teich von größerer Breite, als wir bisher gesehen hatten, was die Russen einen »Polynja« nennen würden. Diese Rinne war mit jungem Eis bedeckt, das zum Tragen zu schwach war. Vertrauensvoll gingen wir an derselben in rechtweisend südwestlicher Richtung entlang, im Glauben, daß wir bald einen Uebergang finden würden; aber das »bald« kam nicht. Gerade da, wo wir einen Uebergang zu finden hofften, bot sich unserm Auge ein überwältigender Anblick. Der Teich dehnte sich in südwestlicher Richtung bis an den Horizont aus, sodaß wir das Ende gar nicht absehen konnten. – In der weitesten Ferne erhoben sich ein paar einzelne Eisblöcke infolge der Luftspiegelung über die Oberfläche des Meeres; es sah aus, als trieben sie in offenem Wasser, beständig ihre Form ändernd, bald verschwindend, bald wieder auftauchend. Alles schien darauf hinzudeuten, als ob der Teich sich im Westen ins Meer ergösse. Vom höchsten nahegelegenen Hügel aus konnte ich mit dem Fernglase Eis auf der andern Seite entdecken, das infolge der Spiegelung höher aussah; indeß war es nichts weniger als sicher, daß es sich wirklich am westlichen Ende des Teiches befand, wahrscheinlich deutete dies nur eine Ausbuchtung nach dieser Richtung an. Was war da zu thun? Hinüberzukommen schien eine Unmöglichkeit zu sein; das Eis war zu dünn, um zu tragen, und zu dick für das Durchkommen der Kajaks, selbst wenn wir diese in Stand setzen würden. Wie lange es in dieser Jahreszeit dauern konnte, bis das Eis genügend tragkräftig geworden wäre, wußte ich nicht, doch nahm ich an, daß das kaum in einem Tage geschehen würde. Zu lagern und darauf zu warten, schien mir doch zu viel. Wie weit der Teich sich ausdehnte und wie weit wir an demselben entlang gehen müßten, ehe wir eine Uebergangsstelle fänden und unsern Weg fortsetzen könnten, vermochte niemand zu sagen; es würde dies wahrscheinlich lange Zeit, vielleicht Tage dauern. Dahin zurückzukehren, woher wir gekommen waren, war auch nicht sehr verlockend; dadurch würden wir weit von unserm Ziele abgelenkt werden, und es würde vielleicht auch einen Marsch in entgegengesetzter Richtung nöthig machen, ehe wir eine Uebergangsstelle entdeckten. Der Teich dehnte sich nach Süd 50° West (rechtweisend) aus. Verfolgten wir ihn, so würden wir unzweifelhaft von unserm Kurse abgebracht werden, der jetzt Süd zu Ost sein sollte; aber immerhin war das doch näher, und deshalb entschieden wir uns für diesen Plan.

Nach kurzer Zeit kamen wir an eine neue Rinne, die quer zum Teiche verlief. Hier war das Eis zum Tragen stark genug, und als ich dann dasjenige des Teiches selbst jenseits der Querrinne untersuchte, fand ich eine Zone, wo das junge Eis durch Pressungen sich zu mehrern Schichten zusammengeschoben hatte, sodaß es glücklicherweise tragfähig war und wir wohlbehalten über den Teich kamen, dessen Windungen Tage lang zu folgen wir schon bereit waren. Dann ging es mit Mühe und Noth weiter, bis wir uns um 8½ Uhr abends wieder vor einem Teiche oder einer Rinne befanden, die genau von derselben Art wie die frühere war, mit der einzigen Ausnahme, daß hier der Blick aufs »Meer« sich nach Nordosten öffnete, während im Südwesten der Horizont durch Eis geschlossen war. Die Rinne war wie die andere mit jungem Eise bedeckt, das in der Mitte augenscheinlich von demselben Alter, am Rande aber etwas dicker und älter war. Da es hier trug, lief ich auf Schneeschuhen weiter, um einen Uebergang zu suchen, den ich aber, so weit ich auch ging, nicht finden konnte. Ueberall war ein Eisstreifen, manchmal breit, manchmal schmal, aber zu dünn, um zu riskiren, die Schlitten hinüberzubringen. Wir beschlossen daher, zu lagern und bis heute zu warten, weil wir hofften, daß das Eis bis dahin zum Tragen stark genug geworden sein würde. Und hier befinden wir uns noch immer mit derselben Rinne vor uns. Der Himmel mag wissen, welche Überraschungen der Tag uns noch bringt.

Sonntag, 19. Mai. Die Ueberraschung, die der »Siebzehnte« uns gebracht hat, bestand in nichts Geringerem als daß wir die Rinnen hier herum voll von Narwalen fanden. Als wir uns gerade auf den Weg gemacht hatten und im Begriff standen, die Rinne zu überschreiten, an welcher wir am Tage vorher hatten halt machen müssen, wurde ich auf ein Pusten aufmerksam, das wie das Blasen der Walfische klang. Zuerst dachte ich, es rühre von den Hunden her; doch hörte ich dann bestimmt, daß das Geräusch aus der Rinne kam. Ich horchte. Johansen hatte es, wie er sagte, schon den ganzen Morgen gehört, aber geglaubt, es sei nichts als das Pressen des Eises in der Ferne. Nein, diesen Ton glaubte ich gut genug zu kennen, und ich blickte daher nach einer Oeffnung im Eise, aus der das Geräusch zu kommen schien. Plötzlich sah ich eine Bewegung, die nicht von berstendem Eise herrühren konnte, und richtig – da tauchte der Kopf eines Narwals auf; dann kam der Körper, machte den bekannten Bogen und verschwand wieder. Nun kam ein zweiter in die Höhe, begleitet von demselben Geräusch. Es war eine ganze Heerde. Ich rief, es seien Wale da, lief nach meinem Schlitten und holte meine Büchse heraus. Dann galt es, eine Harpune zu bekommen; auch dies war in kurzer Zeit besorgt, und ich war zur Verfolgung bereit. Inzwischen waren die Thiere aus der Oeffnung im Eise, wo ich sie zuerst gesehen hatte, verschwunden, doch hörte ich ihr Pusten aus andern Löchern weiter östlich. Ich folgte der Rinne daher in dieser Richtung, kam aber nicht zum Schusse, obwol ich den Thieren ein- oder zweimal ziemlich nahe war. Sie kamen in verhältnißmäßig kleinen Oeffnungen in die Höhe, die sich längs der ganzen Rinne befanden.

Es waren alle Aussichten vorhanden, daß wir sie zum Schusse bekommen würden, wenn wir einen Tag blieben und eine der Oeffnungen beobachteten; allein wir hatten keine Zeit übrig und hätten, wenn wir wirklich einen Wal bekommen hätten, von ihm doch nicht viel mitnehmen können; die Schlitten waren ohnehin schon schwer genug. Bald darauf fanden wir einen Uebergang und setzten im Schlitten die Reise fort, nachdem wir zu Ehren des Tages die Flaggen gehißt hatten. Da wir jetzt so langsam weiter kamen, daß die Sachlage sich kaum noch verschlechtern konnte, beschloß ich endlich, während der Mittagsstunde die Unterkufen von meinem Schlitten zu entfernen und die mit Neusilber beschlagenen zu versuchen. Die Verbesserung war unverkennbar; es war, als ob es nicht mehr derselbe Schlitten wäre. Von da an kamen wir gut weiter, sodaß wir nach einer Weile auch von Johansen's Schlitten die Unterkufen entfernten. Als wir später im Laufe des Tages besseres Eis trafen, machten wir unerwartet gute Fortschritte, und als wir gestern Morgen um 11½ Uhr halt machten, mußten wir meiner Meinung nach auf diesem Tagemarsche 15 Kilometer zurückgelegt haben. Das bringt uns auf ungefähr 83° 20' Breite.

Endlich waren wir also auf Breiten herabgekommen, die schon vor uns von Menschen erreicht worden sind und wo wir unmöglich weit zum Lande haben können. Kurz bevor wir gestern halt machten, hatten wir eine Rinne oder einen Teich überschritten, der genau so war wie die beiden frühern, vielleicht auch etwas breiter.

Auch hier hatte ich das Blasen von Walen vernommen, aber sie nicht sehen können, obgleich ich von dem Loche nicht sehr weit entfernt gewesen war, aus welchem das Geräusch herzukommen schien, da die Oeffnung nur ganz klein war. Johansen, der mit den Hunden nachkam, sagte, diese hätten, sobald sie die gefrorene Rinne erreicht gehabt, etwas gewittert und gegen den Wind gehen wollen. Merkwürdig, daß es in dieser Rinne so viele Narwale gibt.

Das Eis, auf welchem wir jetzt fahren, ist überraschend eben. Es sind hier wenige oder gar keine neuen Rücken, nur kleine ältere Unebenheiten, hier und dort mit tiefem Schnee dazwischen, und dann diese eigenthümlichen breiten endlosen Rinnen, die sich alle ähnlich sehen und genau parallel laufen, ganz anders wie alle, die wir früher getroffen haben. Sie waren dadurch merkwürdig, daß, während ich sonst stets bemerkt habe, daß das Eis an der Nordseite der Rinne im Verhältniß zu dem an der Südseite westwärts trieb, hier das Umgekehrte der Fall war. Hier war es das Eis an der Südseite, das nach Westen trieb.

Da ich fürchte, daß wir beständig rasch nach Westen getrieben werden, habe ich einen etwas mehr östlichen Kurs eingehalten, Südsüdost oder östlicher, je nachdem die Drift dies nothwendig machte. Wir feierten den 17. Mai, allerdings erst am folgenden Tage, durch ein großartiges Festmahl, bestehend aus Labskaus, gedämpften Preiselbeeren, vermischt mit Vril-Speise, und aus Stamina-Citronen-Meth (d.h. einer in Wasser gelösten Mischung von Citronensaft- und Frame-Food-Stamina-Tafeln), und krochen dann mit vollem Magen in unsern Schlafsack.

Während wir unsern Weg nach Süden fortsetzten, wurde das Eis immer unpassirbarer und schwieriger zu beschreiten. Wir kamen noch immer gelegentlich über gute flache Ebenen, doch wurden sie oft durch breite Gürtel von zusammengeschobenem Eis und gelegentlich auch durch Rinnen unterbrochen, die unserm Weiterkommen manche Hindernisse in den Weg legten.

Freitag, 19. Mai. Bin auf den höchsten Hügel hinaufgeklettert, den ich bisjetzt erstiegen habe. Habe ihn roh gemessen und festgestellt, daß er sich etwa 8 Meter über das Eis erhob, von dem ich hinaufgeklommen war; aber da letzteres sich in beträchtlicher Höhe über dem Wasserspiegel befand, so betrug die Gesammthöhe wahrscheinlich ungefähr 10 Meter. Er bildete den Kamm einer sehr kurzen und krummen Eiskette und bestand nur aus kleinen Eisstücken.

An diesem Tage stießen wir auf die ersten Bärenfährten, die wir auf der Reise über das Eis gefunden haben, und die Gewißheit, daß wir jetzt in Regionen herabgekommen waren, wo diese Thiere zu finden sind, sowie die Aussicht auf einen Bärenschinken erfüllte uns mit großer Freude. Am 20. Mai trat ein fürchterlicher Schneesturm ein, in welchem es uns unmöglich war, auf dem unebenen Eise einen Weg zu sehen.

Infolgedessen bleibt uns nichts weiter übrig, als wieder unter Dach zu kriechen und solange wie möglich zu schlafen. Endlich wird unser Hunger aber zu groß, und ich stehe auf, um köstlichen Labskaus aus Leber-Teig zu kochen; darauf trinken wir einen Becher Molkenwasser, dann wieder hinein in den Sack, um zu schreiben oder zu schlummern, wie sich's gerade trifft. Hier liegen wir und haben nichts zu thun, als zu warten, bis das Wetter sich ändert und wir weiter ziehen können.

Wir können kaum noch weit von 83° 10' nördlicher Breite entfernt sein und müßten Petermann-Land schon erreicht haben, wenn es da liegt, wo Payer es angegeben hat. Entweder sind wir des Teufels, oder das Land muß sehr klein sein. Inzwischen nehme ich an, daß dieser Ostwind uns westwärts in die See hinaus, in der Richtung auf Spitzbergen, treibt. Nur der Himmel weiß, welche Geschwindigkeit die Drift hier haben kann. Ich bin übrigens nicht im geringsten entmuthigt. Wir haben ja noch zehn Hunde. Und wenn wir bei Kap Fligely vorbeitreiben, so befindet sich westlich von uns Land genug, das wir schwerlich verfehlen können. Verhungern können wir kaum, und wenn das Allerschlimmste eintreten sollte und wir uns dazu entschließen müßten, hier zu überwintern, so werden wir auch damit fertig werden – wenn nur niemand zu Hause auf uns wartete. Das Barometer fällt stetig, sodaß unsere Geduld auf eine lange Probe gestellt werden wird, aber wir werden es aushalten.

Endlich, am Nachmittage des nächsten Tages (21. Mai), waren wir im Stande, uns wieder aufzumachen, obwol das Wetter infolge Schneefalls noch unsichtig war, sodaß wir oft wie Blinde dahinstolperten. Da der Wind stark war und wir ihn gerade im Rücken hatten, das Eis auch ziemlich eben war, so setzte ich schließlich das Segel auf meinen Schlitten, der dann beinahe allein lief, den Schritt der Hunde aber nicht im mindesten veränderte; sie behielten dasselbe langsame Tempo bei wie vorher. Die armen Thiere! Sie wurden müder und müder, und dabei ist die Bahn so schwierig und locker. Wir kreuzten an diesem Tage zahlreiche neu überfrorene Teiche; einige Zeit vorher muß hier eine bemerkenswerthe Menge von offenem Wasser gewesen sein.

Ich glaube, nicht zu übertreiben, wenn ich für unsern heutigen Tagemarsch 22 Kilometer annehme; wir müßten 83° nördlicher Breite hinter uns haben, aber trotzdem ist noch kein Anzeichen von Land zu sehen. Dies macht einen allmählich etwas gespannt.

Freitag, 24. Mai. -7,4° C. Minimum-Temperatur -11,4° C. Gestern war der schlechteste Tag, den wir bisjetzt gehabt haben. Die Rinne, die vor uns lag, als wir am Tage vorher halt machen mußten, erwies sich schlimmer als alle frühern. Nach dem Frühstück um 1 Uhr morgens, während Johansen mit dem Flicken des Zeltes beschäftigt war, trabte ich fort, um eine Übergangsstelle zu suchen, und war drei Stunden unterwegs, ohne eine solche zu finden. Es blieb uns daher nichts übrig, als an der Rinne entlang nach Osten zu gehen; schließlich mußten wir irgendwo hinüberkommen. Allein dies dauerte länger, als wir erwartet hatten. Als wir dahin kamen, wo die Rinne zu endigen schien, waren die Eismassen rund herum nach allen Richtungen geborsten, und die Schollen bewegten sich gegeneinander mit reißender Geschwindigkeit; nirgends war ein sicherer Uebergang zu finden. Einen Augenblick dachte ich, vielleicht hinüberzugelangen; allein wenn ich im nächsten Moment die Schlitten heranbrachte, dann war nur offenes Wasser zu sehen. Jedoch führten wir einige schwierige Manöver von einer Scholle zur andern aus, immer weiter nach Osten, um hinüberzukommen. Das Eis schob sich unter und rund um uns zusammen, und es war oft schwierig, durchzukommen. Häufig glaubten wir, daß wir jetzt darüber hinweg seien, worauf sich dann unsern enttäuschten Blicken wieder noch schlimmere Rinnen und Spalten zeigten. Das konnte einen manchmal zur Verzweiflung treiben.

Es schien gar kein Ende zu nehmen. Wohin man sich wandte, überall gähnten einem Rinnen entgegen. In allen Richtungen sah man am bewölkten Himmel das Wasser sich dunkel und drohend widerspiegeln. Es schien wirklich, als ob das Eis vollständig aufgebrochen wäre. Obwol wir hungrig und todmüde waren, beschlossen wir doch, die Schwierigkeiten, wenn möglich, zu bewältigen, ehe wir Mittagsrast machten. Aber endlich wurde es nahezu hoffnungslos, worauf wir um 1 Uhr, nach neunstündiger Arbeit, uns zu einer Mahlzeit entschlossen. Es ist merkwürdig, mag die Sachlage so schlimm sein, wie sie will, liegt man erst einmal im Sack und kommt das Essen, dann werden alle Sorgen vergessen, der Mensch wird zum zufriedenen Thier, das sich satt ißt, solange es die Augen offen halten kann, und mit dem Essen im Munde einschläft. Glücklicher Leichtsinn! Um 4 Uhr mußten wir uns aber aufs neue an die alte hoffnungslose Arbeit machen, das Gewirr von Rinnen zu überschreiten. Um das Maß voll zu machen, wurde das Wetter so unsichtig, daß man absolut nicht sehen konnte, ob man gegen einen Eiswall rannte oder in eine Vertiefung stürzte. Ach, wir haben nur zu viel von diesem Wetter! Wie viele Rinnen und Spalten wir überschritten, über wie viele schwierige Rücken wir kletterten und dabei die schweren Schlitten nachschleppten, weiß ich nicht, doch waren es ihrer viele. Sie liefen und wendeten sich nach allen Richtungen, und überall stießen wir auf Wasser und Schlammeis.

Aber alles nimmt ein Ende, auch diese Plage. Nach weiterer zweieinhalbstündiger schwerer Anstrengung hatten wir endlich die letzte Rinne hinter uns gebracht, und eine liebliche Ebene lag vor uns. Insgesammt waren wir jetzt fast zwölf Stunden mit dieser Arbeit beschäftigt gewesen. Außerdem war ich morgens einer der Rinnen drei Stunden lang gefolgt, sodaß für mich fünfzehn Stunden herauskommen. Wir waren gründlich fertig und gründlich naß. Wie viele mal wir durch die trügerische Schneekruste, die das Wasser zwischen den Eisstücken verbirgt, eingesunken sind, ist nicht zu sagen. Am Morgen war ich nur mit genauer Noth davongekommen. Vertrauensvoll war ich auf meinen Schneeschuhen über Eis gelaufen, das ich für fest hielt, als plötzlich der Boden unter mir zu versinken begann; glücklicherweise befanden sich einige Eisstücke in der Nähe, auf die ich mich werfen konnte, während das Wasser über den Schnee spülte, auf dem ich eben vorher noch gestanden hatte. Wahrscheinlich hätte ich bei einem andern Ausgang der Sache eine lange Schwimmtour durch das Schlammeis machen müssen, die nichts weniger als angenehm gewesen wäre, zumal ich allein war.

Endlich hatten wir ebenes Eis voraus; aber leider sollte unser Glück nur von kurzer Dauer sein. Aus der dunkeln Wolkenbank am Himmel erkannten wir, daß sich vorn eine neue Rinne befand, und um 8 Uhr abends hatten wir sie auch erreicht. Die Richtung der Rinne, die nicht kurz war, zu verfolgen und einen Uebergang zu suchen, dazu war ich zu müde, um so mehr, als hinter dieser noch eine weitere Rinne sichtbar war. Da es auch des dicht fallenden Schnees wegen unmöglich war, das Eis rund um uns zu sehen, so handelte es sich nur darum, einen Lagerplatz zu finden. Das war jedoch leichter gesagt als gethan. Es wehte ein starker Nordwind, vor welchem auf dem soeben von uns passirten flachen Eise kein Schutz zu finden war. Jede Unebenheit, jeder Hügel war von uns, während wir im Schneesturm vorübergekommen waren, untersucht worden, doch waren alle zu klein, sodaß wir uns schließlich mit einem zusammengeschobenen niedrigen Hügel begnügen mußten, an dessen Leeseite wir eben Platz fanden. Aber dort lag zu wenig Schnee, sodaß es uns erst nach beträchtlicher Mühe gelang, das Zelt aufzurichten. Endlich sang im Innern traulich der »Primus«, das Fiskegratin duftete köstlich, im Schlafsack lagen zwei glückliche Menschen behaglich versteckt, freuten sich ihres Daseins und waren zufrieden, wenn auch nicht darüber, thatsächlich einen guten Tagemarsch gemacht, so doch in dem Bewußtsein, eine Schwierigkeit bewältigt zu haben.

Während des Frühstücks ging ich hinaus und nahm eine Mittagshöhe, die uns zu unserer Freude auf 82° 52' nördlicher Breite versetzte.

Sonntag, 26. Mai. Wenn das Eis so uneben ist wie hier, macht es unglaubliche Schwierigkeiten beim Marschiren. Der Schnee liegt lose, und wenn man die Schneeschuhe nur einen Augenblick abnimmt, sinkt man gleich bis über die Knie ein. Dazu kommt noch, daß man bei solch unsichtigem Wetter, wie es gestern war, leicht in die größten Spalten oder Schneewehen hineinrennt, ohne sie zu sehen, weil unter der neuen Schneedecke alles gleichmäßig weiß ist und das Licht von allen Seiten kommt, sodaß es keinen Schatten wirft. Dann stürzt man mit aller Wucht hinein und kann sich nur mit Mühe wieder aufrichten und auf die Schneeschuhe gelangen. Das wiederholt sich fortwährend, und je länger es dauert, um so schlimmer wird es. Schließlich schwankt man vor Ermüdung auf den Schneeschuhen weiter, buchstäblich als ob man betrunken wäre. Diese Marschweise ist besonders den Knöcheln nachtheilig wegen der beständigen Unstetigkeit und des Schwankens der Schneeschuhe; meine Knöchel waren manchen Tag stark geschwollen. Auch die Hunde sind erschöpft, was noch schlimmer ist. Aber wir gewinnen an Terrain, und das ist die Hauptsache, mögen die Schienbeine noch so sehr zerschunden werden und schmerzen.

Ich habe heute die gestrigen Beobachtungen ausgerechnet und finde zu unserer Freude, daß die Länge 61° 27' Ost (die Breite war 82° 52') beträgt. Wir sind also nicht westwärts getrieben, sondern unserm Kurse entsprechend ungefähr nach Süden gekommen. Meine beständige Furcht, beim Lande vorbeizutreiben, ist also unbegründet, und wir müßten darauf rechnen können, es ehestens zu erreichen. Vielleicht sind wir östlicher, als ich annehme, schwerlich aber westlicher. Wenn wir uns also jetzt eine Zeit lang gerade nach Süden und dann nach Südwesten halten, so müssen wir Land treffen, und zwar ganz gewiß innerhalb nicht vieler Tage. Meiner Rechnung nach haben wir gestern 22 Kilometer südwärts gemacht und müßten jetzt auf 82° 40' nördlicher Breite stehen; noch ein paar Tagemärsche, dann wird unsere Breite sehr angenehm sein.

Das Eis, das wir vor uns haben, scheint passirbar zu sein; aber nach dem Aussehen des Himmels haben wir etwas weiter eine Anzahl Rinnen zu erwarten, und nur ein sehr verwickelter Weg wird uns darüber hinwegbringen. Ich würde die Kajaks nur höchst ungern ausbessern, gerade jetzt, ehe wir Land und festes Landeis erreicht haben; sie bedürfen einer gründlichen Reparatur, sowol das Gerippe als auch der Ueberzug. Ich will jetzt nur weiter kommen, solange wir noch einige Hunde haben und sie ausnutzen können.

Heute ist ein gemüthlicher Sonntagmorgen im Zelte; die Beobachtungen haben mich in frohe Stimmung versetzt, das Leben scheint hell vor uns zu liegen. Bald müssen wir in der Lage sein, mit ordentlicher Geschwindigkeit über offenes Wasser zu fahren. O, welches Vergnügen wird es sein, wieder Kajakruder und Flinte zu handhaben anstatt dieser unaufhörlichen Mühsal mit den Schlitten! Und dann das ewige Anschreien der Hunde, daß sie anziehen sollen – es zerreißt und zersprengt einem die Ohren und jeden Nerv im Leibe.

Montag, 27. Mai. Seit gestern Morgen haben wir beständig den Widerschein von Wasser am Himmel gesehen; es ist derselbe Reflex, den wir am Tage vorher beobachtet haben, und ich richte unsern Kurs daher nach der Stelle, wo, nach dem Himmel zu urtheilen, die größte Ansammlung von Eis und infolge dessen der Uebergang am leichtesten sein muß. Im Laufe des Nachmittags trafen wir eine Rinne nach der andern, genau wie der Wasserhimmel es angedeutet hatte, aber gegen Abend prophezeite uns der dunkle Himmel offenes Wasser von noch schlimmerer Art vor uns. Der Widerschein war sowol im Westen wie im Osten besonders dunkel und drohend. Gegen 7 Uhr sah ich eine breite Rinne vor uns, die sich, soweit das Auge von dem höchsten Hügel aus reichte, nach Westen und nach Osten ausdehnte. Sie war breit und anscheinend noch weniger passirbar als alle früheren. Da die Hunde müde waren, wir schon einen guten Tagemarsch hinter uns und nahe zur Hand einen vorzüglichen Lagerplatz gefunden hatten, so beschlossen wir, das Zelt aufzurichten. Sehr befriedigt und sicher, daß wir jetzt auf 82½° Breite seien und Land unvermeidlich nahe sein müsse, verschwanden wir in unsern Schlafsack.

Während des Frühstücks ging ich heute Morgen hinaus und nahm eine Meridianhöhe; sie bewies, daß wir uns nicht getäuscht haben. Wir stehen auf 82° 30' nördlicher Breite, vielleicht noch eine oder zwei Minuten weiter südlich. Aber es wird immer merkwürdiger, daß wir keine Anzeichen von Land sehen. Ich kann mir das auf keine andere Weise erklären, als daß wir uns einige Grade weiter nach Osten befinden, als wir annehmen. Thatsächlich befanden wir uns damals ungefähr 6½° weiter östlich, als wir glaubten. Ich hatte auch schon am 14. April (vgl. meine Aufzeichnungen für diesen Tag, S. 66) vorausgesetzt, daß die Länge, die ich damals annahm, 86° Ost, westlicher sei, als sie in Wirklichkeit war. Daß wir so weit westlich sein sollten, als nöthig ist, um Petermann-Land und König-Oskar-Land deutlich zu sehen, ohne in der That auch nur etwas davon zu bemerken, halte ich für eine Unmöglichkeit. Ich habe unsere frühern Beobachtungen nochmals durchgesehen, unser Besteck von neuem durchgerechnet, die Geschwindigkeit und Richtung des Windes, sowie alle Möglichkeiten der Drift während der Tage berücksichtigt, die seit unserer letzten sichern Beobachtung zur Längenbestimmung (8. April) bis auf den Augenblick vergangen sind, als wir uns nach dem Besteck auf 86° Ost (13. April) zu befinden glaubten; aber daß ein großer Fehler darin sei, ist undenkbar. Das Eis kann besonders während dieser Tage keine solch erhebliche Drift gehabt haben, angesichts der Thatsache, daß unser Besteck in andern Beziehungen so gut mit den Beobachtungen stimmt.

Gestern Abend wurde »Kvik« getödtet. Das arme Thier! Es war schon vollständig ausgemergelt und konnte nur noch wenig oder gar nicht mehr ziehen. Es that mir leid, mich von ihr zu trennen; aber was sollte man mit ihr machen? Wenn wir frisches Fleisch bekommen hätten, würde es lange Zeit gedauert haben, um das Thier wieder herauszufüttern, und selbst dann würden wir keine Verwendung für sie gehabt haben, sondern hätten sie doch tödten müssen. Aber ein schönes großes Thier war »Kvik« doch; sie versorgte unsere übrigen acht Hunde gut drei Tage mit Futter.

Ich befinde mich im Zustande fortwährender Verwunderung über das Eis, auf welchem wir jetzt vorwärts dringen. Es ist flach und gut, mit nur kleinen Stücken aufgebrochener Schollen darauf und hier und da einem Hügel oder einem kleinen Rücken; allein es ist alles Eis, das noch nicht winteralt sein kann, sich also jedenfalls seit dem letzten Sommer gebildet hat. Es ist eine große Seltenheit, wenn man eine kleine Fläche altern Eises oder auch nur eine alte Scholle, die den Sommer durch gelegen hat, antrifft, eine solche Seltenheit, daß es auf unserm letzten Lagerplatze unmöglich war, Eis zu finden, das der Sommersonne ausgesetzt gewesen und genügend salzfrei gefroren war. Wir waren daher gezwungen, uns mit Schnee zu begnügen, um uns Trinkwasser zu verschaffen. Um Wasser im Kochapparat zu bekommen, ist es besser, Eis als Schnee zu schmelzen, besonders wenn das erstere nicht alt und körnig ist. Frisch gefallener Schnee gibt wenig Wasser und verbraucht erheblich mehr Wärme zum Schmelzen. Der über der Oberfläche des Meeres befindliche Theil des Seewassereises, namentlich hervorstehende Stücke, der während des Sommers den Sonnenstrahlen ausgesetzt gewesen ist, wird von dem größern Theile seines Salzgehaltes befreit, indem die Salzlake nach und nach durch die Poren des Eises versickert; solches Eis liefert daher ausgezeichnetes Trinkwasser. Einige Expeditionen sind in dem Aberglauben befangen gewesen, daß Trinkwasser, in welchem sich die geringste Menge Salz befindet, schädlich sei. Das ist ein Irrthum, welcher beispielsweise den Mitgliedern der »Jeannette«-Expedition viel unnöthige Mühe gekostet hat, da sie es für dringend nothwendig gehalten haben, das Wasser zu destilliren, ehe sie es trinken zu können glaubten, ohne Gefahr zu laufen, den Skorbut zu bekommen.

Sicher ist, daß dort, woher diese großen Flächen flachen Eises kommen, im letzten Sommer oder Herbst offenes Wasser, und zwar von nicht geringer Ausdehnung, gewesen ist, da wir gestern den ganzen Tag, sowie den größern Theil des vorhergehenden Tages über viele Meilen von diesem zusammenhängenden Eise gekommen sind und vorher zwischen älterm, sommeraltem Eise eine beträchtliche Zahl von solchen Strecken getroffen hatten. Es liegt wenig Wahrscheinlichkeit dafür vor, daß das Eis sich hier in der Nähe gebildet haben sollte; viel wahrscheinlicher ist, daß es von weiter im Osten oder Südosten gekommen ist und sich auf offenem Wasser an der Ostseite von Wilczek-Land gebildet hat. Ich glaube infolge dessen, worauf ich hinweisen muß, daß im Sommer oder Herbst längs der Ost- und Nordostküste von Wilczek-Land nicht wenig offenes Wasser sein muß. Wie aus unsern spätern Entdeckungen zu ersehen sein wird, können meine hier ausgesprochenen Annahmen nicht ganz richtig sein. Wir befanden uns damals in Wirklichkeit im Norden oder Nordosten von Wilczek-Land, das nur eine kleine Insel zu sein scheint. Jedoch muß dort, wo dieses Eis sich gebildet hat, im vorigen Herbste ausgedehntes offenes Wasser gewesen sein; das ist aber leicht begreiflich, wenn man später erfährt, wie viel offenes Wasser wir an der Nordwestküste von Franz-Joseph-Land selbst im Winter gesehen haben.

Nun begann eine Zeit, in welcher die Rinnen noch schlechter als vorher wurden, und die Qual wurde ernster, denn kreuz und quer liefen die Rinnen und Spalten durcheinander. Das Eis war zuweilen uneben, auch ging es sich schlüpfrig und schwerfällig zwischen den Unebenheiten.

Wenn man das Eis aus der Vogelschau betrachten könnte, so würde es ein wirkliches Netzwerk von unregelmäßigen Maschen bilden. Wehe dem, der sich in dieses Netz verwickeln läßt!

Mittwoch, 29. Mai. Gestern führte ich eine große Veränderung ein, indem ich Komager (Lappenschuhe) zu tragen begann. Es war ein angenehmer Uebergang. Dabei bleiben einem die Füße hübsch trocken, und man erspart sich außerdem die Mühe, abends und morgens auf die Finnenschuhe Während die Finnenschuhe aus Renthierfell mit dem Haar gemacht sind, bestehen die Komager aus halbgarem Leder ohne Haar, meist Rindsleder oder vom bärtigen Seehund ( Phoca barbata) mit einem Schaft aus Renthierfell. Sie sind derb und wasserdicht. (Siehe die Beschreibung der Ausrüstung). zu achten, die bei dieser milden Temperatur eine solche Dichtigkeit anzunehmen begonnen haben, wie sie unser einheimisches »Lefse« (eine Art zähen Fladenkuchens aus Roggenmehl) besitzt. Nun braucht man auch nicht mehr mit nassen Lappen auf der Brust und den Beinen zu schlafen, um sie zu trocknen.

An diesem Tage sahen wir unsern ersten Vogel, einen Eissturmvogel ( Procellaria glacialis).

Donnerstag, 30. Mai. Gestern Morgen um 5 Uhr setzten wir im freudigen Glauben, daß wir jetzt endlich das ganze Netzwerk von Rinnen hinter uns hätten, den Marsch fort. Wir waren aber noch nicht weit gekommen, als der Widerschein neuer Rinnen vor uns auftauchte. Ich kletterte so rasch wie möglich auf einen Hügel hinauf; allein der Anblick, der sich meinen Augen bot, war alles andere als belebend: Rinne hinter Rinne, kreuz und quer, nicht nur vor uns, sondern auch auf beiden Seiten, soweit das Auge reichte. Es sah aus, als ob es ganz einerlei sei, welche Richtung wir einschlagen würden, es würde alles nichts nützen, um aus dem Gewirr herauszukommen. Ich lief weit voraus, um zu sehen, ob nicht auf irgendeine Weise durchzuschlüpfen und auf die später folgenden flachen Stellen zu gelangen sei, wie wir es früher gemacht hatten. Allein das ganze Eis schien aufgebrochen zu sein und blieb aller Wahrscheinlichkeit nach so bis zum Lande. Wir hatten jetzt nicht mehr mit dem zusammenhängenden, massiven Polareis zu thun, sondern mit dünnem, zertrümmertem Packeis, das der Willkür des Windes aus allen Himmelsrichtungen preisgegeben war, und mußten uns mit dem Gedanken vertraut machen, so gut wie möglich von einer Scholle zur andern zu klettern. Was würde ich in diesem Augenblicke nicht darum gegeben haben, wenn es März gewesen wäre mit all seiner Kälte und all seinen Leiden, statt Ende Mai mit seinen Wärmegraden. Es war gerade das Ende des Mai, das ich schon immer gefürchtet hatte, die Zeit, in der es für uns von der allergrößten Wichtigkeit war, Land erreicht zu haben.

Leider sollten sich meine Befürchtungen als nicht unbegründet erweisen. Ich hätte fast wünschen mögen, daß es um einen Monat oder mehr später wäre. Das Eis würde sich dann vielleicht lockern, sodaß mehr offene Teiche und Rinnen entstehen würden und man im Kajak einigermaßen vorwärts kommen könnte. Ja, wer konnte dies wissen? Dieses dünne, zerbrechliche junge Eis schien von allem etwas zu sein, und dabei war nach jeder Richtung hin Reflex von Wasser am Himmel, meist aber weit, weit vor uns. Wenn wir nur dort, nur in Landnähe wären! Wenn das Schlimmste kommen sollte, würden wir vielleicht schließlich zu warten gezwungen sein, bis mildes Wetter eintritt und das Eis im Ernste aufbricht. In diesem tiefen Schnee würden wir wol auf keine Weise weiter kommen, wenn wir bis dahin nicht Land erreicht hätten. Haben wir aber Proviant genug, um diese Zeit abwarten zu können? Das war in der That mehr als zweifelhaft.

Während ich, in diese trüben Betrachtungen versunken, auf dem hohen Hügel stand und südwärts über das Eis sah, wo ich nichts als Rücken hinter Rücken und Rinne hinter Rinne vor mir erblickte, vernahm ich plötzlich den wohlbekannten Ton eines schnaufenden Wals aus einer Oeffnung dicht hinter mir. Das war die Antwort auf meine Besorgnisse. Verhungern würden wir nicht; es gibt hier Thiere, und wir haben, Gott sei Dank, Büchsen und Harpunen, und zu gebrauchen wissen wir sie auch. Es war eine ganze Heerde von Narwalen, die dort in der Oeffnung Athem holten und unaufhörlich schnauften. Da das hohe Eis sie zum größten Theile meinen Blicken verbarg, konnte ich nur hin und wieder ihre grauen Rücken sehen, wenn sie sich über die dunkle Oberfläche des Wassers erhoben. Ich stand lange Zeit und schaute ihnen zu; hätte ich meine Büchse und eine Harpune gehabt, so würde es mir leicht gewesen sein, einen Wal zu bekommen. Ja, ja; im Grunde waren die Aussichten augenblicklich nicht so schlecht. Indeß hatten wir jetzt nicht die Rinnen zu betrachten, sondern unsern Kurs über dieselben nach Südwest oder Südwest zu Süd fortzusetzen, und vorzudringen, so gut wir konnten. Und mit diesem Entschlusse kehrte ich zu den Schlitten zurück. Keiner von uns beiden glaubte jedoch daran, daß wir viel weiter kommen würden; um so freudiger wurden wir daher gestimmt, als unser Weitermarsch sich trotz der Erschöpfung der Hunde allmählich leichter gestaltete.

Während wir im Laufe des Morgens einen Weg zwischen ein paar Rinnen verfolgten, sah ich plötzlich einen schwarzen Gegenstand durch die Luft flattern; es war eine Grilllumme, die uns mehreremal umkreiste. Nicht lange nachher hörte ich ein seltsames Geräusch in südwestlicher Richtung, als ob auf einem Horn geblasen würde; ich vernahm es verschiedenemal; und auch Johansen hörte es, doch konnte ich nicht herausbekommen, was es war. Jedenfalls muß es ein Thier sein, da menschliche Wesen wahrscheinlich kaum in der Nähe sein werden. Das Geräusch rührte unzweifelhaft von Seehunden her, die oft einen Ton ausstoßen, der wie ein langgezogenes »Ho« klingt. Eine kleine Weile darauf segelte ein Eissturmvogel auf uns zu und flog gerade über unsern Köpfen immer um uns herum. Ich holte mein Gewehr hervor; allein noch ehe ich eine Patrone hineingeschoben hatte, war der Vogel schon wieder fort. Es beginnt hier lebhaft zu werden, und es ist tröstlich für uns, so viel Leben zu sehen; man erhält das Gefühl, daß man sich Land und freundlichem Regionen nähert. Später sah ich einen Seehund auf dem Eise; es war eine kleine Kragenrobbe ( Phoca foetida), die zu erlegen mir eine Genugthuung gewesen wäre. Aber bevor es mir ganz klar geworden war, was für ein Thier ich vor mir hatte, war es schon wieder im Wasser verschwunden.

Um 10 Uhr nahmen wir unser Mittagsmahl ein, das wir, um Zeit zu sparen, fortan nicht mehr im Sacke verzehren werden. Wir haben auch der Hunde wegen beschlossen, unsere Märsche auf ungefähr acht Stunden täglich abzukürzen. Nach dem Essen brachen wir um 11 Uhr wieder auf; um 3 Uhr machten wir halt und schlugen das Lager auf. Meines Erachtens mußten wir gestern 11 Kilometer oder in den beiden letzten Tagen 19–22 Kilometer gemacht haben; die Richtung war ungefähr Südwest. Das geht allerdings langsam.

Vor uns haben wir am Horizont einen Wasserhimmel, der so scharf abgegrenzt ist und so unbeweglich bleibt, daß er sich entweder über offenem Wasser oder über dunkelm Land befindet; unser Kurs führt gerade darauf zu. Er ist noch ein ziemliches Stück entfernt, und das Wasser, über welchem der Reflex ist, ist schwerlich von geringer Ausdehnung; ich kann daher nicht anders glauben, als daß dasselbe sich in der Nähe von Land befinden muß. Möge es so sein! Aber nach dem Reflex zu urtheilen, scheinen noch viele Rinnen zwischen uns zu liegen.

Das Eis ist jetzt immer dasselbe und stammt kaum aus dem vorigen Winter, da es unmöglich ist, hier zum Kochen geeignete Stücke zu finden. Mir kommt es vor, als wäre es hier wenn möglich noch dünner und nur von einer Dicke von 0,6 bis 1 Meter. Ich bin immer noch in Verlegenheit, wie dies zu erklären ist.

siehe bildunterschrift

Aquarellskizze von Fridtjof Nansen.
Bei Sonnenuntergang.
F. A. Brockhaus Geogr.-artist. Anstalt, Leipzig. (22. Sept. 1893.)

Freitag, 31. Mai. Der heutige Tag ist wieder schön, der letzte Tag im Mai. Auch dieser Monat ist hingegangen, ohne daß wir Land erreicht, ja ohne daß wir es nur gesehen haben. Sicherlich wird der Juni nicht in derselben Weise hingehen – es ist unmöglich, daß wir jetzt noch weit zu gehen haben. Meiner Meinung nach deutet alles darauf hin. Das Eis wird dünner und dünner, wir sehen mehr und mehr Leben um uns herum, und vor uns ist immer derselbe Reflex von Wasser oder Land, welches von beiden es auch sein möge. Gestern sah ich zwei Kragenrobben in zwei kleinen Rinnen; abends flog ein Vogel, vermuthlich ein Eissturmvogel, über eine Rinne, und gestern Mittag fanden wir die frischen Fährten eines Bären mit zwei Jungen, die den Rand einer Rinne verfolgt hatten. In solcher Umgebung muß doch Aussicht auf frisches Fleisch sein, obwol merkwürdigerweise keiner von uns ein besonderes Verlangen danach trägt; wir sind ganz zufrieden mit der Nahrung, die wir haben; für die Hunde würde es aber von großer Wichtigkeit sein. Gestern Abend mußten wir wieder einen tödten, und zwar kam diesmal »Pan«, unser bester Hund, daran. Es war kein anderer Rath zu schaffen; er war ganz erschöpft und konnte nicht mehr. Die sieben Hunde, die wir jetzt noch haben, können drei Tage mit dem Fleische gefüttert werden, das uns »Pan« geliefert hat.

Es war ganz unerwartet, daß das Eis hier so stark zerstückelt ist; es wäre richtiges Packeis, wenn nicht einige große Schollen und flache Stellen dazwischen wären. Hätte dieses Eis Platz, sich zu lockern, so würde es leicht genug sein, zwischen den Schollen zu rudern. Manchmal sank mir gestern der Muth, wenn wir durch Rinnen aufgehalten wurden und ich einen hohen Hügel erklommen hatte und nach vorn sah. Ich glaubte, wir müßten die Hoffnung, weiter zu kommen, aufgeben, weil der Blick auf einem wahren Chaos von Blöcken und Schneeschlamm ruhte, das im offenen Wasser durcheinandertrieb. In solchem Wasser von einer Scholle zur andern springen, mit Hunden und zwei schweren Schlitten hinter sich, ist nicht gerade leicht; aber nach vielen Versuchen gelang es uns schließlich doch, auch diesmal hinüberzukommen und, nachdem wir eine Weile über Eisblöcke gegangen waren, wieder flaches Eis zu erreichen. Dies wiederholte sich immer wieder; immer neue Rinnen traten auf.

Das Eis, auf welchem wir jetzt weiter ziehen, ist fast gänzlich neues Eis mit einigen ältern Schollen dazwischen. Es wird beständig dünner und ist hier nicht dicker als ein Meter, während die Schollen so flach bleiben, wie sie seinerzeit gefroren sind. Gestern Abend kamen wir jedoch auf eine Strecke altes Eis, wo wir noch jetzt liegen; wie weit sich dasselbe aber ausdehnt, ist schwer zu sagen. Wir schlugen gestern um 6½ Uhr das Lager auf und fanden wieder Süßwassereis für den Kochapparat, was für den Koch entschieden eine angenehme Veränderung war. Seit dem 25. Mai haben wir keins gehabt. Von ungefähr 82° 52' südwärts bis 82° 19' nördlicher Breite waren wir über junges Eis dieser Art gekommen, woraus ich schließe, daß auf dieser Entfernung von gut 33 Breitenminuten (61 Kilometer) offenes Wasser gewesen sein muß. Wir fanden auch weiter südlich auf einer langen Strecke dieses Eis, sodaß das offene Meer noch beträchtlich größer gewesen sein muß. Allerdings setzte heute Abend ein unangenehmer Wind aus rechtweisend Süden ein, sodaß es ein schweres Stück Arbeit sein wird, gegen denselben anzukommen. Wir haben hier höllisch viel schlechtes Wetter; fast jeden Tag ist es bewölkt und haben wir Wind, obendrein südlichen Wind, der uns gerade jetzt am wenigsten erwünscht ist. Aber was sollen wir machen? Um uns hier niederzulassen, haben wir kaum Proviant genug; es bleibt also, meine ich, nichts übrig, als uns weiter zu quälen.

Nahm heute eine Mittagshöhe; wir mußten auf 82° 21' nördlicher Breite sein, und noch immer ist kein Schimmer von Land zu sehen; es wird mir mehr und mehr ein Räthsel. Was würde ich nicht darum geben, könnte ich jetzt den Fuß auf festes Land setzen. – aber immer heißt es: Geduld, Geduld!

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