Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Fritjof Nansen >

In Nacht und Eis. Zweiter Band

Fritjof Nansen: In Nacht und Eis. Zweiter Band - Kapitel 21
Quellenangabe
typereport
authorFridtjof Nansen
titleIn Nacht und Eis. Zweiter Band
publisherF. A. Brockhaus.
year1930
firstpub1897
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201410
projectidc6bbddff
Schließen

Navigation:

Schlußwort

Von
Fridtjof Nansen.

Welche Ausbeute hat die Norwegische Polarexpedition gebracht? Die Beantwortung dieser Frage konnte man hier wol mit Recht erwarten. Das gesammte Material an wissenschaftlichen Beobachtungen ist jedoch so verschiedenartig und so umfangreich, daß noch lange Zeit erforderlich sein wird, ehe es von Fachmännern ganz ausgearbeitet werden kann, und bevor dieses geschehen ist, kann man die Tragweite der Ausbeute in keiner Weise überblicken. Es ist daher nothwendig, diese Resultate in besondern wissenschaftlichen Publikationen zu veröffentlichen. Ich werde jedoch, bevor ich diesen Bericht abschließe, auf einige der wichtigern Punkte hinzuweisen versuchen.

1. Geographische Entdeckungen

Die Entdeckung neuer Länder war nicht der Zweck der Expedition; sie war vielmehr darauf berechnet, mit dem Eise zu treiben und so weit als möglich vom Lande abzuhalten, da dieses der Drift leicht hindernd in den Weg treten konnte. Nichtsdestoweniger darf man wol sagen, daß sie unsere Kenntniß der Vertheilung von Land und Meer in den dem Pole zunächstgelegenen Gebieten in nicht geringem Grade bereichert hat.

Die unleugbar wichtigste unserer geographischen Entdeckungen war das tiefe Polarmeer selbst. Wie schon bei Entwicklung des Plans der Expedition erwähnt worden ist, hatte man dieses Meer bisher in der Regel für seicht gehalten. In der Discussion der Geographischen Gesellschaft in London vor unserer Abreise wurde mir gegenüber betont, daß man beinahe überall am Nordpol Land zu finden erwarten müsse. Soweit man das Meer bisher untersucht hatte, war es überall seicht. Südlich von Franz-Joseph-Land und Spitzbergen hatte die Tiefe bis zu 160 Faden (300 Meter) betragen, während nördlich von der sibirischen Küste nur eine Tiefe von nicht mehr als 40 (75 Meter), höchstens 80 Faden (150 Meter) festgestellt worden war. Außerdem hatten die Expeditionen, die in diesem Meere nach Norden hin vorgedrungen waren, dort stets neues Land entdeckt. Die österreichisch-ungarische Tegetthoff-Expedition hatte während ihrer Drift Franz-Joseph-Land, die Jeannette-Expedition die Henrietta-Insel, die Jeannette-Insel und Bennett-Land entdeckt. Auch ich glaubte, daß das Polarbecken im ganzen seicht sei, wenn ich auch die Möglichkeit hervorhob, daß sich quer durch das unbekannte Polarbecken eine tiefere Rinne hinziehen und die große, zwischen Spitzbergen und Grönland gelegene, bis zu 4800 Meter betragende Tiefe mit dem von der »Jeannette« befahrenen Gebiete verbinden könnte. Eine solche Rinne haben wir thatsächlich gefunden, da das Meer unter 79° nördlicher Breite im Norden der Neusibirischen Inseln plötzlich tiefer wurde und bis auf 3500 und 3800 Meter sank, und diese Tiefe während der ganzen nordwestlichen und westlichen Drift der »Fram« bis nördlich von Spitzbergen beibehielt. Ich glaube, daß es nicht allein eine schmale Rinne sein kann, sondern daß das Polarbecken zum größern Theile eine Tiefsee ist, die nach Norden und Osten hin die Fortsetzung der Tiefsee des Nordatlantischen Oceans bildet. Wieweit diese Tiefsee sich nach Osten hin erstreckt, davon können wir uns eine begründete Ansicht nicht bilden; wir wissen nur, daß sie bis nördlich von den Neusibirischen Inseln reicht; aber es ist wol wahrscheinlich, daß sie sich auch weiter nach Osten hinzieht; die »Jeannette« fand ja auch, daß die Tiefe jedesmal zunahm, wenn sie nach Norden oder Nordosten trieb.

Was für Schlüsse kann man nun annehmbarerweise über die Vertheilung von Land und Meer in den noch unbekannten Theilen des Polarmeeres ziehen? Ich glaube, wir dürfen mit Sicherheit annehmen, daß diesseits des Pols nur wenig oder gar kein Land liegen kann; und zwar aus mehrern Gründen. Schon die Annahme, daß ein so tiefes Meer auf eine so weite Strecke bloß eine schmale Rinne sein sollte, ist an und für sich unwahrscheinlich; es muß sich sicherlich noch ein gutes Stück von unserer Route aus nach Norden erstrecken. Ferner sahen wir in keiner Richtung Anzeichen von Land. Während unserer Schlittenfahrt nach Norden schien das Eis mit großer Geschwindigkeit, ja mit größerer, als wir es weiter südlich gefunden haben, zu treiben. In den Rinnen war große Bewegung, und wir selbst wurden öfter ziemlich schnell in verschiedenen Richtungen weiter getrieben, so schnell sogar, daß es bisweilen aussah, als wären wir Wind und Wogen hülflos preisgegeben. Derartige Eismassen könnten sich kaum mit so großer Freiheit bewegen, wenn es Land von einiger Größe in der Nähe gäbe, denn dieses würde der Drift unübersteigliche Hindernisse in den Weg legen. Es muß auch bemerkt werden, daß sowol bei der Drift der »Fram«, als auch bei unserer Schlittenfahrt das Fortkommen besonders leicht war; sobald uns der Wind nach Norden oder Nordwesten trieb, daß es dagegen langsam ging, wenn wir nach Südost zurückgetrieben wurden. Unsere meteorologischen Beobachtungen werden uns vermuthlich einen Fingerzeig geben können, ob es gegen Norden größere Ländermassen gibt oder nicht, denn der Verlauf der Isothermen und die Vertheilung des Luftdrucks, die Windrichtungen, der Einfluß der verschiedenen Winde auf die Temperatur u. s. w. müssen uns etwas darüber sagen, wenn dies alles zusammengestellt wird. Augenblicklich kann ich nichts weiter sagen, als daß es auf mich den Eindruck gemacht hat, daß auch diese Verhältnisse durchaus nicht eine nördlich von uns befindliche Ländermasse anzeigten. Der in meinen Augen entscheidende Beweis für eine größere Ausdehnung des Polarmeeres im Norden unserer Route sind indessen die Eismassen, die mit verhältnißmäßig großer Geschwindigkeit beständig nach Süden an der grönländischen Ostküste entlang bis zum Kap Farewell und über dieses hinaus treiben. Eisfelder von einer solchen Ausdehnung müssen aus einer größern Wasserfläche kommen als jene, durch welche wir trieben.

Hätte die »Fram«, anstatt sich auf dem 83. Breitengrade aus dem Eise herauszuarbeiten, hoch im Norden ihre Drift fortgesetzt, so würde sie unzweifelhaft von dem Polarstrome mit diesem Eise an der grönländischen Küste entlang nach Süden geführt worden sein. Nach der Richtung der ganzen Drift ist es jedoch nicht wahrscheinlich, daß die »Fram« dicht an die Küste gekommen wäre; zwischen ihr und der letztern wäre sicher ein breiter Gürtel geblieben, und das diesen ausfüllende Eis muß selbstverständlich aus einem nördlich von unserer Route gelegenen Theile des Polarmeeres, der eine doppelt so große Ausdehnung haben wird, herstammen. Betrachten wir das Verhältniß zwischen der Fläche des Polarmeeres selbst und seinen Eismassen einerseits und dem ostgrönländischen Polarstrom mit seinem beständigen Mitführen von Eis andererseits, so liegt es sehr nahe, dieses Verhältniß mit demjenigen zwischen einem großen, ausgedehnten Inlandeise und seiner Mündung in einen engen Eisfjord, wie wir es z. B. in Grönland finden, zu vergleichen. In dem innern Polarbecken, in dem die »Fram« trieb, hat das Eis, ebenso wie in dem Innern des Inlandeises, eine sehr langsame Bewegung. Je mehr es sich jedoch der Mündung nähert, desto mehr nimmt die Bewegung mit der Abnahme der Breite des Eisstromes zu; das Eis strömt mit immer größer werdender Geschwindigkeit nach Süden, bis es schließlich an das offene Meer gelangt, wo es von Wind und Seegang losgebrochen wird und in dem warmen Wasser schmilzt. Es ist dies ebenso, wie die Ausläufer des Inlandeises durch die Thäler und vereisten Buchten hinaus in die wärmern Luftschichten fließen, wo sie geschmolzen werden, dann ins Meer münden, dort losgebrochen werden und als Eisberge forttreiben. Eine gewisse Breite eines Eisgürtels im ostgrönländischen Polarstrome dürfte folglich einem mehrmals breitern und ausgedehntern Theile des bekannten oder unbekannten Polarmeeres entsprechen.

Deshalb glaube ich, daß wir mit Sicherheit von der Annahme ausgehen können, daß wir es diesseits des Pols mit einem ausgedehnten eisbedeckten Meere zu thun haben. Jenseits des Pols hingegen ist die Möglichkeit, Land antreffen zu können, wol vorhanden. Es ist kaum anzunehmen, daß man gegenwärtig schon die Nordgrenze des arktisch-amerikanischen Archipels, sowie Grönlands und seiner Inseln erreicht haben sollte; wir müssen vielmehr erwarten, daß wir dort auch nördlich von der jetzigen Grenze des Bekannten noch Inseln finden werden.

Während die »Fram« an der Nordwestküste von Sibirien entlang fuhr, machten wir einige mehr zufällige Entdeckungen, die, obwol von geringerer Wichtigkeit, doch von geographischem Interesse sein können. Wie im 4. Kapitel des 1. Bands erzählt ist, fanden wir dort viele neue Inseln, und die ganze Küstenlinie scheint bedeutend mehr zerrissen und eingeschnitten zu sein, als man bisher geglaubt hat. Schon im Karischen Meere fanden wir eine neue Insel, die Sverdrup-Insel, und weiter an der Küste entlang die Scott-Hansen-Inseln, die Clements-Markham-Inseln, die Ringnes-Inseln, die Mohn-Inseln und die General-Tillo-Inseln, sowie noch einige auf der Westseite der Halbinsel Tscheljuskin, wie die Fearnley-Inseln und die Axel-Heiberg-Inseln. Im Norden der von Nordenskiöld besuchten Taimyr-Insel fanden wir eine größere Inselgruppe, die in nördlicher und nordöstlicher Richtung eine ziemliche Ausdehnung zu haben schien, und der wir den Namen Nordenskiöld-Inseln gegeben hatten. Im Süden von Nordenskiöld's Taimyr-Sund hatten wir im Colin-Archer-Hafen geankert. Auch dort fanden wir verschiedene Inseln, und das Land war, soweit wir es untersuchen konnten, durch Buchten und Meerengen zertheilt. Hier war die einzige Stelle an diesem Theile der Küste, wo wir an das Festland selbst herankamen. Aber wo wir uns ihm weiter im Südwesten genähert hatten, machte es auf uns stets wieder den Eindruck eines von zahlreichen Fjords zerschnittenen Landes. Die Vorstellungen, die ich mir nach den ältern Karten von dem zwischen der Dickson-Insel und der Taimyr-Bucht liegenden Theile Sibiriens gemacht hatte, haben sich daher wesentlich verändert. Statt der einfachen Küstenlinie mit flachen Buchten scheinen wir es hier mit einer echten Fjordküste und einer recht deutlich ausgebildeten Schärenkette, vor der draußen im Meere noch zahlreiche größere und kleinere Inseln liegen, zu thun zu haben.

Ehe wir die Geographie der sibirischen Küste verlassen, muß noch erwähnt werden, daß die Taimyr-Bucht an der König-Oskar-Halbinsel auf die Hälfte ihrer frühern Breite eingeschränkt worden ist.

2. Geographie und Geologie von Franz-Joseph-Land

Schon die Drift der »Fram« hat, wie bemerkt, bewiesen, daß im Norden von Franz-Joseph-Land eine ausgedehnte Tiefsee ist und daß dieses Land sich nicht nach Norden gegen den Pol hinzieht, wie früher von verschiedenen Seiten behauptet worden war. In meinem Reiseplane hatte ich betont, daß Franz-Joseph-Land kein geeigneter Ausgangspunkt für eine Polarexpedition sei, falls man zu Lande nach dem Pole vorzudringen beabsichtige, denn ich hielt es »für eine Inselgruppe, deren verschiedene Inseln tiefe Sunde trennen, und es ist nicht anzunehmen, daß sich dort größeres, zusammenhängendes Land findet«. Unsere Entdeckungen auf der von mir und Johansen unternommenen Schlittenreise können diese Ansicht nur bestätigen. Wirft man einen Blick auf die diesem Bande beigegebene Kartenskizze von Franz-Joseph-Land, so wird man sicherlich den Eindruck erhalten, daß es eine Gruppe von theilweise sehr kleinen Inseln ist. Payer's Wilczek-Land, das die Phantasie so in Erregung versetzte, ist zu einer kleinen Insel zusammengeschrumpft, und sein Zichy-Land hat sich in eine Reihe kleiner Inseln aufgelöst, an deren Westseite wir ein ausgedehntes Meer sehen. Das Einzige, bei dem vielleicht noch von einiger Größe die Rede sein kann, ist Leigh Smith's Alexandra-Land, das sich noch immer in die unbekannte, nebelige Ferne hineinverliert, aber es kann ebenfalls nichts Bedeutendes sein.

??? abbildung hier

Wieweit die Inselgruppe sich nach Norden erstreckt, läßt sich noch nicht mit Sicherheit bestimmen, aber sehr weit kann es unserer Erfahrung nach keinesfalls sein. Allerdings sah Payer von seinem nördlichsten Punkte Petermann-Land und König-Oskar-Land; aber daß das erstere eine große Ausdehnung haben kann, ist nicht anzunehmen, jedenfalls kann dies nicht nach Osten hin sein, da wir es sonst hätten sehen müssen, als wir auf unserm Wege nach Süden in geringer Entfernung östlich daran vorbeikamen. Daß es nicht groß ist, geht auch daraus hervor, daß das Eis ziemlich ungehindert nach Westen zu treiben schien, als wir auf seiner Breite waren. Daß auch König-Oskar-Land nicht groß ist, glaube ich daraus schließen zu können, daß im Laufe des Winters und des Frühlings südliche und südöstliche Winde das Eis beständig und mit großer Leichtigkeit vom Lande ab nach Norden trieben und das Wasser im Westen der Frederick-Jackson-Insel und der südlich davon gelegenen Inseln offen hielten. Ein solches offenes Wasser fand Payer 1874 im Norden an der Nordseite des Karl-Alexander-Landes und an der Westseite von Kronprinz-Rudolf-Land schon im April. Hätte im Norden oder Nordwesten eine größere zusammenhängende Ländermasse gelegen, so würde diese der Drift dieses Eises nothwendigerweise Hindernisse in den Weg gelegt haben. König-Oskar-Land kann deshalb schwerlich etwas anderes sein als eine kleinere Insel. Ueber König-Oskar-Land, das Jackson gesehen zu haben glaubte, s. II, 226 Anmerkung.

Am schwersten ist es vielleicht, sich eine Ansicht über die Ausdehnung der Inselgruppe nach Osten hin zu bilden. Nach dem, was wir auf der Reise von Hvidtenland nach Westen hin sahen, schien die Ostküste des Wilczek-Landes in südöstlicher Richtung weiter zu ziehen, und weiter nach Osten sahen wir kein Land mehr. Dagegen schien der dunkle Himmel, den wir auf unserer Schlittenreise über das Treibeis östlich von Hvidtenland in den Tagen, ehe wir dieses erreichten, im Süden vor uns sahen, auf ziemlich offenes Wasser in dieser Richtung zu deuten. Aber dies schließt ja nicht aus, daß weiter nach Osten hin Inseln liegen können, es kann sogar wahrscheinlich erscheinen, wenn wir nach unsern Erfahrungen im Juni und Juli 1895 im »Sehnsuchtslager« urtheilen dürfen, da wir ja trotz anhaltender starker nördlicher Winde ungefähr auf 82° 5' nördlicher Breite und zwischen 64° und 65° östlicher Länge stillliegen blieben, ohne nach Süden zu treiben. Dies war um so ausfallender, als das Eis sich in andern Richtungen recht willig vor dem Winde bewegte. Es könnte dieses darauf hindeuten, daß im Süden vor uns Land oder eine Inselreihe gelegen hat, die sich wie eine Querwand in ostwestlicher Richtung hingezogen und der Eisdrift den Weg versperrt hat.

Nach Westen hin, glaube ich, erstreckt sich Franz-Joseph-Land viel weiter, als wir bisjetzt wissen. Auf der Nordseite von Alexandra-Land sahen weder Jackson noch wir das Westende der Inselreihe; die große, offene Rinne am Lande entlang, die sich ein gutes Stück in dieser Richtung hinzuziehen schien, deutete auf Land hin. Auf der Südseite des Alexandra-Landes hat Leigh Smith ebensowenig wie Jackson die Westgrenze des Landes gesehen. Es würde interessant sein, das noch unbekannte Gebiet, das hier nach dem Nordostlande und Spitzbergen zu noch übriggeblieben ist, zu untersuchen. Johansen und ich würden es durchzogen haben, wenn wir nicht Jackson und seine Leute getroffen hätten. Hoffentlich gelingt es diesen, diese Aufgabe zu lösen.

siehe bildunterschrift

Aquarellskizze von Fridtjof Nansen.
F. A. Brockhaus' Geogr.-artist. Anstalt, Leipzig.
Heraufziehendes Unwetter an der Eiskante.
(14. Sept. 1893.)

In Anknüpfung an diese Bemerkungen über die Geographie von Franz-Joseph-Land führe ich die wichtigern Züge seines geologischen Aufbaues an.

Soweit unsere Untersuchungen reichten, scheint die Inselgruppe zum wesentlichen Theile vulkanischen Ursprungs zu sein und aus Basalten zu bestehen. Im nördlichen Theile reichen diese und andere Plagioklas-Pyroxen-Gesteine bis ganz an das Ufer. Dies war am Kap Fisher im 81° nördlicher Breite der Fall, wo der Basalt mit einer beinahe lothrechten Felswand in die See hinabfiel. Ebenso erreichte er das Ufer bei Kap M'Clintock, bei unserer Winterhütte, am Strande der Frederick-Jackson-Insel, bei dem Vorgebirge mit Säulenbasalt, wo wir die Nacht vom 25. auf den 26. August 1895 zubrachten, beim Kap Clements-Markham, beim Kap Felder und auf der Torup-Insel. Dasselbe schien auch, soweit ich sehen konnte, auf der Südseite des Kronprinz-Rudolf-Landes der Fall zu sein. Ich spähte dort im Norden überall vergebens nach sedimentären Schichten, deren Versteinerungen über das geologische Alter des Landes Aufklärung hätten geben können. Nur bei Kap Heiland fand ich eine Bodenerhebung von losem, verwittertem Thonschiefer, aber keine Versteinerungen.

[??? Bilder hier F1: S. die Abbildung II, 225.] [F2: S. die Abbildung II, 211.] [F3: S. die Abbildungen II, 208 und 209.] [F4: Vgl. II, 220.]

Auf der Südseite der Inselgruppe, bei Kap Flora und in dessen Umgebung, reichte der Basalt jedoch nicht an die See hinunter. Hier erhob sich vom Ufer aus eine Thonformation bis zu einer Höhe von 160-200 Meter, Siehe die Abbildung II, 343. Der schräge Abhang bis zur lothrechten Basaltwand in der obern, linken Ecke des Bildes hinauf besteht ganz aus Thon. Vgl. auch die Abbildung S. 363, wo die untern, wagerechten Basaltbänke die Höhe der Thonformation angeben. und auf dieser lag der Basalt in einer Mächtigkeit von 160-200 Meter, wenn nicht mehr. Nach dem, was Dr. Koetlitz, der Geolog der Jackson-Expedition, mir mittheilte, scheinen auf den andern Inseln westlich von der Northbrook-Insel ähnliche Verhältnisse vorzuliegen. Da der Basalt also hier auf der Südseite an mehrern Stellen erst in größerer Höhe gefunden wird, während er sich weiter nördlich überall bis an die See zu erstrecken scheint, sieht es beinahe so aus, als fielen die Formationen der Inselgruppe, sowol die Thonablagerung wie die Basaltdecke, nach Norden ein, wo der Basalt vielleicht auch durchgehends an Mächtigkeit zunimmt.

Die Structur des Basalts ist an den verschiedenen Stellen der Inseln ziemlich verschieden. Professor W. Brögger hat eine vorläufige mikroskopische Untersuchung der mitgebrachten Basaltproben ausgeführt. Gewöhnlich hat er eine ausgeprägt porphyrische Structur und unterscheidet sich dadurch von vielen typischen Basalten, da er mehrern Melaphyren ähnlicher ist. Die basaltischen Laven haben in sehr großer Ausdehnung Mandelsteinstructur, und die Hohlräume sind mit Zeolithen (besonders Analcim) und Kalkspat angefüllt. An andern Stellen, wie bei Kap M'Clintock, war der Basalt bei Diabasstructur sehr grobkörnig ausgebildet und scheint mit den auf Spitzbergen, besonders in der Gegend des Storfjord und auf Edge-Island (Stans-Vorland) als Intrusivmassen gefundenen Diabasen oder Basalten in nahem Zusammenhange zu stehen. Diese Basalte sind sowol auf Spitzbergen wie auf Franz-Joseph-Land ausgeprägt arm an Olivin und enthalten verhältnißmäßig wenig Eisenerz, und es ist wahrscheinlich, daß diese beiden Inselgruppen ein zusammenhängendes Eruptionsfeld bilden.

Unsere Untersuchungen auf Franz-Joseph-Land reichen nicht aus, um zu bestimmen, wann diese ausgebreiteten Basaltmassen hervorgebrochen sind, ob es in der Juraperiode selbst geschehen, oder ob sie nicht, wie eher zu erwarten ist, jünger sind und aus der Tertiärperiode stammen, während welcher so große Basaltausbrüche an mehrern Stellen der Erdoberfläche stattfanden. Daß sie jedenfalls nicht vor der spätern Jurazeit entstanden sind, kann man mit Sicherheit behaupten, da die gewaltige Thonablagerung, auf der sie ruhen, aus dieser Periode ist. In dem obersten Theile dieses Jura-Thons fanden wir zwischen den Thonschichten einzelne dünne, horizontale Basaltbänke.

Dies könnte darauf hinzudeuten scheinen, daß jedenfalls ein Theil des Basalts hervorgebrochen ist, bevor die Thonablagerung ihren Abschluß gefunden hatte; aber die Möglichkeit, daß diese Basaltbänke intrusiv sind, ist ebenfalls nicht ausgeschlossen, und zur sichern Bestimmung fand sich keine Gelegenheit. Was dafür sprechen könnte, ist, daß es mir nicht gelang, eine von ihnen eine längere Strecke weit zu verfolgen. Andererseits aber war der Thon, in dem die Bänke auftraten, so weich und plastisch, daß es mir schwer wird, zu begreifen, wie Intrusivmassen sich darin in so regelmäßigen, horizontalen, kaum einen Meter mächtigen Schichten, wie es hier der Fall war, hätten ausbreiten können. Man könnte es sich wohl denken, wenn die Thonschichten, in denen sie liegen, sandhaltiger und folglich weniger zusammenhängend als die darunter und darüber liegenden Schichten wären.

Für die Altersbestimmung des Basalts scheint wichtiger zu sein, daß dort, wie weiter unten angeführt werden soll, nördlich von Kap Flora an einer Stelle Pflanzenversteinerungen aus dem obern Jura auf dem Basalt liegend gefunden wurden. Die Sache hat indeß insofern einen Haken, als der Thonsandstein mit den Pflanzenversteinerungen in so unregelmäßiger Weise austrat, daß es noch nicht als entschieden angesehen werden kann, ob er noch in ungestörter Lage und an seiner ursprünglichen Stelle war. Ferner lag der Fundort nicht viel höher, jedenfalls nicht mehr als ungefähr 30 Meter über der Höhe, welche die Oberfläche der unter den Basaltmassen liegenden gewaltigen Thonformation selbst an der Südseite des Kap Flora hatte, und ich war nicht im Stande, dort, weder in entsprechender Höhe noch anderswo, eine Spur von einer Versteinerungen enthaltenden Schicht zu entdecken. Die Möglichkeit ist nicht ausgeschlossen, daß eine Intrusivmasse diese Pflanzenversteinerungen aus ihrer ursprünglichen Lage emporgehoben hat.

Doch wie es sich auch damit verhalte, jedenfalls können wir mit Sicherheit sagen, daß Franz-Joseph-Land im ganzen betrachtet eine Bildung ist, die nicht älter als die Juraperiode sein kann; es ist also, geologisch gesprochen, von verhältnißmäßig jungem Alter. Die flachen Basaltdecken, die sich auf allen Inseln, zum Theil sogar in einigermaßen gleicher Höhe ausbreiten, scheinen uns noch davon zu erzählen, daß hier einst eine größere, zusammenhängende Ländermasse gewesen, die im Laufe der Zeit – unter dem Einflusse der verschiedenen Kräfte, die am Lande zehren, wie: Frost, Feuchtigkeit, Schnee, Gletscher und Meer – zerstückelt und zerstört worden und theilweise unter der Oberfläche des Meeres verschwunden ist; vielleicht sind auch Verwerfungen vorgekommen und einzelne Theile in die Tiefe gesunken, wovon nun nur noch die durch Fjorde und Sunde getrennten, zerstreuten Inseln und Inselchen als Ueberreste zurückgeblieben sind.

Die Formation, auf welcher der Basalt bei Kap Flora liegt, stammt, wie schon angegeben, aus der Juraperiode. Vom Ufer an bis zu einer Höhe von 160-200 Meter hinauf bestand sie in ihrer ganzen Masse aus weichem, graublauem Thon, der mit zahlreichen größern und kleinern Knollen von rothbraunem Thonsandstein untermischt war. Es gab dort viele Versteinerungen, die sich vorzugsweise in diesen Knollen fanden, aber auch lose im Thon lagen. Sie bestanden hauptsächlich aus Ammoniten und Belemniten, welche zeigten, daß diese Ablagerung aus ungefähr derselben Zeit des obern Juras stammt wie der sogenannte Oxford-Clay (Oxfordthon). Dr. Pompetcky, der jetzt die Versteinerungen zur Untersuchung bekommen hat, hat die Formation als zur Lamberti-Zone des russischen Juras gehörig erkannt. Diese Entdeckung ist insofern ganz interessant, als sie uns zeigt, daß das große Meer, das sich während des spätern Theils der Juraperiode über große Gebiete von Europa, ganz Rußland und Sibirien, über Alaska, die arktisch-amerikanische Inselgruppe und die Ostküste von Grönland erstreckte und bis nach Indien und Abessinien reichte, sich auch ganz nach Norden bis Franz-Joseph-Land und Spitzbergen ausgedehnt hat. Es ist die größte Ausdehnung des Meeres während der ganzen mesozoischen Zeit und bis auf unsere Tage gewesen, und überall hat dieses Meer gewaltige Ablagerungen hinterlassen, die dort oben im Norden von den Basaltmassen vor Zerstörung bewahrt worden sind. Ablagerungen aus dieser Periode finden sich auch auf der Lofoteninsel Andö.

Während unsers Aufenthalts auf Kap Flora fanden Jackson und Dr. Koetlitz eines Tages auf einem kleinen Bergkamme, der aus dem im Norden der Station gelegenen Gletscher hervorragte, zahlreiche Pflanzenversteinerungen. Es ist dies der Fund, von dem ich schon oben (S. 352) gesprochen habe. Ein paar Tage später, am 17. Juli, begaben Dr. Koetlitz und ich uns wieder dorthin. Der Berggipfel bestand ganz aus stellenweise typisch säulenförmigem Basalt und erhob sich mitten im Gletscher bis zu einer Höhe, die ich auf 200-230 Meter über dem Meeresspiegel schätzte; die Höhe genau zu messen, war uns leider keine Zeit geblieben. An zwei Stellen lagen hier in einer den Basalt bedeckenden Schicht eine Menge Sandsteinfragmente. Beinahe in jedem dieser Bruchstücke fand man Abdrücke, meist von Coniferennadeln, aber auch von kleinen Farnblättern. Wir sammelten von diesen Schätzen so viel, als wir tragen konnten, und kehrten abends schwer beladen und höchst befriedigt heim. Einige Tage später gelangte Johansen auf einem Schneeschuhausfluge zufällig, ohne es zu wissen, an denselben Ort und sammelte dort ebenfalls Versteinerungen, die er mir brachte.

Nach meiner Rückkehr in die Heimat hat Professor Nathorst diese Sammlung von Pflanzenversteinerungen untersucht, und es scheint, daß Jackson und Dr. Koetlitz hier einen äußerst interessanten Fund gemacht haben.

 

Professor Nathorst schreibt mir darüber vorläufig:

»Trotz ihres sehr fragmentarischen Zustandes sind die Pflanzenversteinerungen, die Sie mitgebracht haben, von großem Interesse, da sie uns den ersten Einblick in die Pflanzenwelt in Regionen nördlich vom 80. Breitengrade während des letzten Theils der jurassischen Periode gewähren. Am gewöhnlichsten sind die Blätter einer Fichte ( Pinus), die der in den jurassischen Schichten von Spitzbergen, Ostsibirien und Japan gefundenen Pinus Nordenskioeldi Heer ähnlich ist, aber wahrscheinlich einer andern Art angehört. Es kommen auch schmälere Blätter von einer andern Art vor, sowie männliche Blüten und Bruchstücke eines Fichtenzapfens Leigh Smith hat bereits von Franz-Joseph-Land einen versteinerten Zapfen mitgebracht, den Carruthers als Pinus klassifizirt hat; er hält ihn aber für zum obern Theile des Kreidesystems gehörend. mit mehrern Samen (Fig. 1-3), von denen einer (Fig. 1) an Pinus Maakiana Heer aus dem sibirischen Jura erinnert. Unter den Resten anderer Coniferen sind Blätter einer breitblätterigen Taxites zu erwähnen, die Taxites gramineus Heer ähnelt, die besonders im Jura von Spitzbergen und Sibirien gefunden wird; sie besitzt Blätter von ungefähr derselben Größe wie der gegenwärtig in China und Japan vorkommende Cephalotaxus Fortunei. Interessant ist es, auch Ueberreste von der Gattung Feildenia (Fig. 4 und 5) zu finden, die bisjetzt nur in den Polarregionen gefunden worden ist. Sie wurde zuerst 1868 von Nordenskiöld in den Tertiärschichten bei Kap Staratschin auf Spitzbergen entdeckt und von Heer unter dem Namen Torellia beschrieben; später hat Feilden sie während der englischen Polarexpedition von 1875-76 in den Tertiärschichten der Discovery-Bai auf Grinnell-Land gefunden, und Heer hat dann den Gattungsnamen in Feildenia umgewandelt, weil Torellia bereits als Name einer Muschel in Gebrauch ist. Seitdem habe ich 1882 diese Art in den obern Juraschichten von Spitzbergen gefunden. Die Blätter erinnern an die der Unterabtheilung Nageia der recenten Gattung Podocarpus.

siehe bildunterschrift

Pflanzenversteinerungen von Kap Flora.

»Die schönsten Exemplare der ganzen Sammlung sind die Blätter einer kleinen Gingko, von denen eins vollständig ist (Fig. 6). Diese 1-3 Früchte von Pinus-Arten. 4 und 5 Blatttheile von Feildenia. 6 Blatt von Gingko polaris.

Gattung, mit pflaumenartigen Früchten und mit Blättern, die, ungleich denen anderer Coniferen, eine wirkliche Blattscheide besitzen, wird gegenwärtig nur in Japan in einer einzigen Art gefunden, kam aber in frühern Zeiten in zahlreichen Formen und in vielen Gegenden vor. Während der Jurazeit gedieh sie namentlich in Ostsibirien; sie ist auch auf Spitzbergen, in Ostgrönland (am Scoresby-Sund) und an vielen Orten in Europa u. s. w. gefunden worden. Während der Kreide- und der Tertiärzeit kam sie noch immer auf 70° nördlicher Breite an der Westküste von Grönland vor. Das hier dargestellte Blatt gehört einer neuen Art an, die Gingko polaris genannt werden könnte und sehr nahe mit Gingko flabellata Heer aus dem Jura von Sibirien verwandt sein muß. Sie hat eine gewisse Habitusähnlichkeit mit Gingko digitata Lindl. et Hutton, besonders wie diese im braunen Jura von England und Spitzbergen gefunden wird; jedoch sind ihre Blätter beträchtlich kleiner. Neben dieser Art mögen auch noch eine oder zwei andere in dieser Sammlung vorkommen, sowie Theile der Blätter der zur Gingko-Familie gehörenden Gattung Czekanowskia, deren Blätter schmal und Fichtennadeln ähnlich sind.

»Farne sind sehr spärlich vertreten. Die vorhandenen Fragmente gehören vier verschiedenen Typen an, doch können die Arten kaum bestimmt werden. Ein Bruchstück gehört zu der in Juraschichten gewöhnlichen Cladophlebis, ein anderes läßt auf Thyrsopteris schließen, die im Jura von Ostsibirien und England gefunden wird, ein drittes einer kleinen, kaum bestimmbaren Sphenopteris an. Der vierte endlich scheint einem Asplenium (petruschinense) nahe verwandt, welches in den Juraschichten von Sibirien gefunden wurde und von Heer beschrieben ist. Das Exemplar ist dadurch merkwürdig, daß die Epidermiszellen des Blattes in dem Gestein deutliche Abdrücke zurückgelassen haben.

»Mit ihrem Reichthum an Coniferennadeln, ihrer Armuth an Farnen und dem Fehlen oder dem seltenen Vorkommen von Cycadeen hat die Flora von Franz-Joseph-Land ungefähr denselben Grundcharakter wie die Flora des obern Jura von Spitzbergen, obwol die Arten verschieden sind. Wie die Flora von Spitzbergen deutet sie kein besonders günstiges Klima an, wenn auch der Unterschied zwischen jetzt und damals ungeheuer ist. Die Ablagerungen müssen wahrscheinlich in der Nachbarschaft eines Coniferenwaldes erfolgt sein. Soweit das Material ein Urtheil gestattet, scheint die Flora eher dem obern (weißen) Jura als dem mittlern (braunen) Jura anzugehören.«

 

Ein hervortretender Zug der Geologie von Franz-Joseph-Land ist seine Gletscherdecke. Wirft man einen Blick auf die Karte, auf der die nicht von Gletschern bedeckten Stellen mit dunkelbrauner Farbe bezeichnet sind, so sieht man, wie verschwindend klein diese im Vergleich zu den ausgedehnten Schnee- und Eismassen sind. Einen noch stärkern Eindruck davon wird man vielleicht durch die Skizze S. 203 dieses Bandes erhalten.

Von den meisten größern Gletschern, die wir bisjetzt auf der nördlichen Halbkugel kennen, unterscheiden sich, soweit wir sehen konnten, die Gletscher dieser Inseln dadurch, daß sie nicht die typischen, sich bewegenden Gletscher bilden, die sich in enge, genau begrenzte Eisfjorde hineinbewegen, wie wir sie auf Grönland und in kleinerm Maßstabe auch auf Spitzbergen und Nowaja Semlja finden. Auf Franz-Joseph-Land breiten sich die Gletscher meistens wie gleichmäßig gewölbte Schilde ganz über das Land, auf dem sie liegen, aus und fallen gewöhnlich auf allen Seiten mit gleichförmigen Gehängen in die See. Sie lassen sich nicht von den Thälern und den Unebenheiten des sie tragenden Gebirges zur Bildung schmalerer, scharf abgegrenzter, sich bewegender Gletscher zwingen, sondern begraben den Gebirgsstock so vollständig unter sich, daß man bei der gewölbten Oberfläche des Gletschers gar nichts oder nur sehr wenig von der ursprünglichen Form des Untergrundes wahrnehmen kann. Die beinahe mathematisch regelmäßige Wölbung dieser Gletscheroberfläche ist ein Gegenstück im kleinen zu derjenigen, welche wir auf unserer Grönland-Fahrt in dem ganzen grönländischen Inlandeise fanden. (Vgl. »Auf Schneeschuhen durch Grönland« und auch »Wissenschaftliche Ergebnisse von Dr. F. Nansens Durchquerung von Grönland 1888« in »Petermanns Mitteilungen«. Ergänzungsheft Nr. 105, S. 72 fg. und das Profil T. 5.) Der Unterschied zwischen beiden ist, daß hier, wie es besonders auf Hvidtenland der Fall ist, die Gletscher sich mit derselben Gleichmäßigkeit auf allen Seiten in die See hineinwölben.

Dieses Verhältniß trat auf den ersten kleinen Inseln, die wir antrafen (Hvidtenland), besonders hervor und war hier außerordentlich typisch ausgebildet; aber wir fanden es mehr oder weniger auf beinahe allen Inseln wieder.

Der Grund dieser Verschiedenheit liegt wol darin, daß die Oberfläche der Basaltinseln von Franz-Joseph-Land wahrscheinlich viel weniger uneben ist als die Gebirge der andern genannten Stellen.

Dazu kommt, daß die Schneegrenze hier viel tiefer hinabgeht und die Masse der Eisdecke auf diesen kleinen Inseln im Verhältniß zu dem Lande, auf dem sie ruht, viel gewaltiger ist. Demzufolge gleichen die Gletscher dort oben mehr dem antarktischen Inlandeise als sonst irgendwelche bekannte Gletscher der nördlichen Halbkugel (die Gletscher des Nordostlandes vielleicht ausgenommen), und diese Inseln, wie z. B. Hvidtenland, zeigen uns im kleinen die Verhältnisse, die unserer Meinung nach auf dem antarktischen Continent herrschen müssen. Statt der begrenzten sich bewegenden Gletscher, die sonst den Abfluß der innern Gletschermasse bilden, fällt hier sozusagen die ganze Eisdecke selbst an allen Ufern der Inseln gleichmäßig in die See hinein. Deshalb ähnelt die Eisbergbildung zum Theil auch weniger der grönländischen und mehr der antarktischen, wenn wir uns diese auf einen so kleinen Maßstab reducirt denken können. Mit den grönländischen Gletschern verglichen haben diese in die See fallenden Gletscher eine äußerst langsame Bewegung und eine verhältnißmäßig ebene Oberfläche und bilden große flache Eisberge oder schwimmende Gletscherfelder, die allerdings nicht hoch sind – diejenigen, welche wir von dieser Art sahen, erhoben sich höchstens 5 bis 7 Meter über das Wasser –, aber in ihrer Form große Ähnlichkeit mit den flachen, in Schichten getheilten antarktischen Eisbergen haben müssen und den aus den grönländischen Eisfjorden kommenden gar nicht gleichen. Die Behauptung, daß auf Franz-Joseph-Land Eisberge von bedeutender Höhe gefunden worden seien, was man als Beweis für das Vorhandensein einer großen zusammenhängenden Ländermasse angeführt hat, stimmt mit unsern Erfahrungen nicht überein. Den höchsten Eisberg, den wir gesehen haben, noch dazu einer mit spitzem Gipfel, schätzten wir auf höchstens 20 Meter über dem Meeresspiegel, alle übrigen waren bedeutend niedriger.

Der Neigung dieser Gletscher, sich über die verhältnißmäßig flachen Basaltinseln auszubreiten, ohne typische Gletscher zu bilden, ist es auch wol zunächst zuzuschreiben, daß man an den Ufern der Inseln viel weniger Spuren von Schrammung sieht, als man es in einem solchen mit Gletschereis bedeckten Lande eigentlich erwarten müßte. An seiner einzigen Stelle fanden wir größere Moränen; auf der Houen-Insel war die größte, wenn es wirklich eine gewesen ist. Nur an einigen Punkten, wie bei Kap Richthofen, fanden wir am Rande der Gletscher kleine Moränen. Am Strande lagen allerdings genug Steine und Felsblöcke umher, aber man konnte von keinem einzigen mit Gewißheit behaupten, daß ihn der Gletscher mitgeführt habe, und die allermeisten waren von den Bergen heruntergefallen. Auch sahen wir nicht eine einzige vom Gletscher geglättete und geschliffene Bergfläche mit Merkmalen frischer Schrammung; doch mag dies auch darin seinen Grund haben, daß der Basalt in dem strengen Klima leicht verwittert. Im ganzen scheint auf die Form und das Aussehen der meisten Felswände und des am Strande anstehenden Gesteins die Verwitterung mehr Einfluß gehabt zu haben als die Abtragung durch den Gletscher. Die Felsen am Ufer sahen eigentlich alle gleich aus. Sie fielen steil ab und bildeten stark zerklüftete und zerrissene Wände, an deren Fuße gewaltige Trümmerhalden aus herabgefallenen Steinen lagen, und ganz unten fanden sich oft noch eine oder mehrere Strandlinien oder Terrassen.

Diese alten Wasserstandszeichen, die eine vor verhältnißmäßig kurzer Zeit eingetretene Veränderung des Meeresspiegels anzeigen, fanden wir an den Küsten dieser Inseln an vielen Punkten. Sie fielen uns schon auf, als wir im Herbste 1895 an die Inselgruppe kamen. Auf der Torup-Insel waren über dem jetzigen Strande zwei sehr deutlich ausgeprägte Strandlinien in verschiedenen Höhen. Auf einer Strandterrasse, die gegen 6 Meter über dem Meere lag, wohnten wir den Winter über; aber bei unserer Winterhütte sah man noch mehrere andere Terrassen, von denen zwei besonders hervortraten und deren höchste wol 16 Meter über dem Wasser war. Auf der Northbrook-Insel fand ich Gelegenheit, die Höhe der Strandlinien genau zu messen. Ich habe schon oben S. 342 erwähnt, daß Jackson's Station auf einer Terrasse oder Strandlinie lag, die zwischen 14 und 16 Meter hoch war; doch sowol über wie unter dieser gab es noch mehrere andere. So fand ich denn auch, daß Leigh Smith, der ebenfalls auf diesem Kap überwintert hatte, auf einer niedrigern, nur 6 Meter über dem Meere liegenden Strandlinie gewohnt hatte. An einer andern Stelle fand ich eine 26 Meter hohe Terrasse, die höchste, die ich gesehen habe.

Jackson hatte an verschiedenen Stellen bei Kap Flora Walfischskelette gefunden. Beispielsweise lag in der Nähe seiner Hütte in der Höhe von 16 Meter der Schädel eines Bartenwals, einer Balaena, möglicherweise eines Grönland-Wals ( Balaena, mysticetus). An einer Stelle weiter nördlich fanden sich Theile eines Skeletts, wahrscheinlich von derselben Art; der Unterkiefer war 6 Meter lang. Die Knochen lagen jedoch in einer Höhe von nicht mehr als 3 Meter über dem gegenwärtigen Meeresspiegel. Ich fand auch andere Anzeichen davon, daß das Meer in verhältnißmäßig neuerer Zeit über diesen niedrigen Strandterrassen gestanden haben muß. Letztere waren z. B. an vielen Stellen mit Muschelschalen ( Mya truncata, saxicava u. a.) besäet. Dieses Land ist also ähnlichen Niveauveränderungen unterworfen gewesen, wie sie in andern nördlichen Ländern stattgefunden haben, und von denen ich, wie bereits erwähnt, Anzeichen auch an der Nordküste von Asien beobachtet habe.

3. Geologische Untersuchungen an der sibirischen Küste

Was wir an der sibirischen Küste an geologischen Untersuchungen vornehmen konnten, war selbstverständlich nur unbedeutend, da unsere Besuche dort am Lande nur zufällig und kurz waren. Nirgends haben wir anstehende, unveränderte sedimentäre Schiefer gefunden. In der Regel bestand das anstehende Gestein aus krystallinischem Schiefer und Granit, worunter ein besonders charakteristischer weißer Muskovitgranit sich befand. An dem nordöstlichen Ende der Tscheljuskin-Halbinsel gab es sehr dichten, der schwedischen Hälleflinta ähnlichen Quarzit.

Von größerer Wichtigkeit waren die Spuren einer Eiszeit, die ich an mehrern Punkten der sibirischen Nordküste zu finden glaubte.

Schon die aus Kies und kleinen Steinen bestehende hügelige Ebene von Jalmal erinnerte mich an die norddeutschen Ebenen und brachte mich auf den Gedanken an eine ausgedehnte Grundmoräne. Es waren dort viele runde Bodenvertiefungen und Gewässer, die an die Seen Norddeutschlands erinnern konnten.

Wir fanden auf dieser Ebene keine größern erratischen Blöcke, und unsere Untersuchungen waren überhaupt so flüchtiger Natur, daß ich mir über den glacialen Ursprung des Landes noch keine feste Ansicht bilden kann. Weiter nach Norden fand ich indeß deutliche Glacialspuren. Am Strande einer der Kjellman-Inseln, der Renthier-Insel, entdeckte ich Schrammungsspuren, die nur durch Gletscher hervorgerufen sein konnten. Allerdings kann auch das Treibeis die Küsten schrammen, aber diese Schrammung ist natürlich eine oberflächliche, und die Kritzer haben eine weniger gleichmäßige Richtung.

Die Rillen, die ich dort fand, waren deutlich ausgeprägt und liefen Parallel miteinander. Ein paar tiefere Rinnen waren besonders markiert. Daß sie in dem Theile des Ufers, der bei niedrigem Wasser trocken liegt, allein noch sichtbar waren, ist leicht erklärlich, denn das hier aus Glimmerschiefer bestehende Gestein verwittert in diesem strengen Klima schnell; es war vom Froste zersprengt und kreuz und quer zerrissen, und alle nicht von der See bedeckten und dadurch vor der Verwitterung bewahrten Schrammungsspuren werden durchgehend verschwunden sein.

Ueberall, wo wir hier im Norden ans Land kamen, war der Boden mit größern und kleinern Steinen bedeckt. An einzelnen Stellen waren sie von derselben Art wie das dort anstehende Gestein; an andern fand ich große Blöcke, die mit dem Boden, auf dem sie lagen, nichts gemein halten. Den Charakter einer ganz typischen Moränenlandschaft hatte das Land auf der Westseite der Halbinsel Tscheljuskin an der von-Toll-Bucht, wo ich eines Tags (8. September 1893) zur Renthierjagd ans Land gegangen war.

Dort war eine sehr hügelige Thonebene, die mit vielen erratischen Blöcken verschiedener Gesteinsarten bestreut war, welche wol schwerlich anders als durch Gletscher hierhergekommen sein können. Die Möglichkeit, daß Flüsse sie dorthin geführt, ist ausgeschlossen, da viele der Blöcke dazu viel zu schwer und außerdem scharfkantig waren. Sie scheinen auch zu groß, um vom Treibeise mitgebracht worden zu sein; ich kenne kein Beispiel, daß das Treibeis Blöcke von solchem Umfange eine größere Strecke weit mitgenommen hat. Soviel Treibeis ich auch gesehen, habe ich darauf doch noch nie einen Stein gefunden, der viel größer als eine Erbse gewesen wäre. Nur das Strandeis oder der feste Eisfuß, der sich an den Küsten eines Eismeeres bildet, kann Steine mit fortführen, aber der dadurch zu Stande gebrachte Transport kann keine solche Ausdehnung haben. Dennoch ist die Möglichkeit vorhanden, daß Eisberge sie von einem mehr oder weniger entfernt liegenden Gletscher mitgebracht haben; es läßt sich dies augenblicklich nicht bestimmt verneinen, da auf diese Weise ja stets Steine transportirt werden. Aber es schienen allzu viele davon hier zu sein, und außerdem waren sie über ein sehr großes Gebiet zerstreut. Ein Seitenblick zu einem durch Eisberge erfolgten Transport von solchen Dimensionen ist jedenfalls bisjetzt noch nicht nachgewiesen worden. Das ganze Land hatte ebenfalls entschieden das Aussehen einer Grundmoräne. Daß ich an einzelnen Stellen am Ufer und an den Bachbetten Anzeichen von Schichtenbildung fand, kann kaum als Einwand erhoben werden, da wir zum Beispiel im südlichen Norwegen ja viele unzweifelhafte Moränen mit ausgesprochener Schichtenbildung kennen. Dies beweist mir, daß die Moräne sich unter Wasser gebildet hat.

Man könnte annehmen, daß diese glacialen Ueberreste von localen Gletscherbildungen herrühren; doch stellt man sie mit dem zusammen, was Baron Toll fast gleichzeitig mit uns weiter östlich auf den Neusibirischen Inseln und im Anabara-Lande gefunden, wo er interessante Ueberreste einer Eiszeit nachgewiesen hat, dann können sie wol für die Wahrscheinlichkeit der Annahme sprechen, daß der ganze nördliche Theil von Sibirien unter einer Eisdecke begraben gewesen, wie sie einst auch das nördliche Europa bedeckt hat. Die allgemeine Annahme, daß Sibirien keine Eiszeit besessen habe, scheint also nicht länger begründet zu sein.

Ich habe schon vorher erwähnt, daß das nordwestliche Sibirien wahrscheinlich ein Fjordland mit davorliegenden Schären ist. Auch dies kann für eine sibirische Eiszeit sprechen, denn überall, wo wir sonst auf Erden derartige Fjordküsten finden – in Norwegen, an der Westküste von Kanada und Alaska und in Patagonien – lassen sich auch sichere Spuren einer ehemaligen Gletscherdecke nachweisen.

4. Der Meeresgrund

Der Boden des Polarmeeres ist größtentheils mit grauem Thon bedeckt. Nach einer vorläufigen mikroskopischen Untersuchung der beim Lothen gewonnenen Proben unterscheidet sich dieser Thon von dem meisten Grundschlamme, der in den übrigen Meeren der Erde gefunden wird, dadurch, daß in ihm die Schalen von Seethieren und andere organische Beimengungen beinahe gänzlich fehlen. Bei der Säurenprobe stellte sich auch heraus, daß der Schlamm außerordentlich arm an Kalk ist und hauptsächlich aus mineralischen Bestandtheilen zusammengesetzt zu sein scheint. Zu genauem Untersuchungen hat bisjetzt noch die Zeit gefehlt. Bei der Norwegischen Eismeer-Expedition war festgestellt worden, daß der Grundschlamm des nördlichen Theils des Atlantischen Oceans und des Nördlichen Eismeeres größtentheils aus einem ähnlichen grauen Thone besteht, der an thierischen Ueberresten ebenfalls verhältnißmäßig arm, wenn auch reicher als der von uns gefundene ist. Es scheint, als wenn jetzt eine Ablagerung sedimentärer Schichten, die außerordentlich arm an Fossilien sind, in dem ganzen Polarmeere vor sich gehe. Dies läßt sich wol dadurch erklären, daß das Flußwasser, besonders das der sibirischen Flüsse, so große Mengen seinen Schlammes in das Polarbecken trägt, daß der Niederschlag am Grunde verhältnißmäßig groß ist und die Ablagerungen des relativ spärlichen Thierlebens im Wasser, damit verglichen, beinahe verschwinden.

5. Die Eisdrift im Polarmeere

Der Plan der Expedition war, wie in der Einleitung angegeben, auf die Voraussetzung gegründet, daß eine Strömung oder eine ständige Eisdrift quer durch das Polarbecken von dem Meere nördlich von Sibirien und der Bering-Straße nach dem Meere zwischen Grönland und Spitzbergen gehe. Mit diesem Eise sollte die »Fram« treiben. Die Reise hat gezeigt, daß die Voraussetzung im wesentlichen richtig war, und sie hat uns in den Stand gesetzt, uns ein ziemlich vollständiges Bild von der Art, in der das Eis über diese Meeresfläche geführt wird, zu machen.

Was mir vor allem die Ueberzeugung gab, daß eine solche Eisdrift beständig vor sich gehen müsse und daß sie zu einer Expedition benutzt werden könne, war das sibirische Treibholz, das jährlich an der grönländischen Küste angeschwemmt wird, und der Schlamm, der sich auf dem an der Ostküste von Grönland entlang schwimmenden Treibeise stets findet. Auf unserer Fahrt fanden wir denn auch, sogar hoch im Norden, dieselben Zeugen der Herkunft des Eises wieder; selbst auf 86° war Schlamm auf dem Eise, und auch Treibholzstämme fanden sich. Am 20. April 1895 fanden wir auf 85½° nördlicher Breite einen im Eise festgefrorenen Baumstamm; den breiten Jahresringen nach zu urtheilen schien er in einem verhältnißmäßig milden Klima gewachsen zu sein. Er stammte wahrscheinlich aus dem Innern Sibiriens und war nun auf dem Wege zu den grönländischen Eskimos. In der Nähe der »Fram« fanden wir ebenfalls oft Treibholzstücke. Sverdrup fand einmal im April 1896 einen halbvermoderten Stamm, der im Eise festgefroren war. Als er sich einen Monat später wieder nach diesem Stamme umsah, fand er zu seiner Verwunderung, daß derselbe mitten durchgebrochen und eine ziemliche Strecke weit fortgeschleppt worden war. Wahrscheinlich hatte sich ein Bär den Spaß gemacht, seine Kräfte daran zu probiren.

Aber was ist es, was dieses Eis über das Meer treibt? In erster Linie sind es die Winde. Da diese vorherrschend von der sibirischen Seite nach dem nördlichen Atlantischen Ocean hinübergehen, müssen sie im Laufe der Zeit das Eis in dieser Richtung fortführen. Aber die Winde sind zu ungleichmäßige Kräfte, und die Drift würde dann ebenfalls nicht beständig werden; bald würde es Stillstand, bald Gegendrift geben, von der Abdrift nach den Seiten hin gar nicht zu sprechen. Doch durchgehends stellte es sich heraus, daß unsere Drift mit größerer Schnelligkeit vor sich ging, sobald die Winde uns in der Richtung unsers Zieles weiter führten. Wehte der Wind in entgegengesetzter Richtung und wollte uns nach Südost zurücktreiben, dann setzten sich die Eismassen dahin gewöhnlich nur schwer in Bewegung, und es war, als hielte sie etwas zurück. Da die vorherrschenden Winde mit den Jahreszeiten zu wechseln pflegen, gab es in unserer Drift auch gewisse längere Perioden. Am günstigsten ging es im Winter und Frühling, die zweite Hälfte des Sommers aber war in der Regel ungünstig. Sobald wir den ersten Herbst im Eise stecken blieben, befanden wir uns auch in einer ungünstigen Periode und wurden nach den Neusibirischen Inseln zurückgetrieben – es hatte den Anschein, als ginge alles verkehrt.

Im Winter vom November an und im Frühling machten wir ziemlich gute Fortschritte, aber von Mitte Juni 1894 bis in den Herbst hinein ging es wieder den Krebsgang. Darauf folgte ein neuer Winter (1894-95) und Frühling (bis Ende Juni) mit einem guten Vorstoße. Der zweite Theil des Sommers (Juli, August und September) 1895 war wieder ungünstig; aber der darauffolgende Herbst und Winter brachten die »Fram« weit nach Norden, bis beinahe auf 86°, und nach Westen bis ungefähr auf 25° östlicher Länge. Dann kamen die letzten Tage des Februars und der März mit Stillstand, bis das Eis im April und in den folgenden Monaten wieder nach Südwesten und Süden trieb und die »Fram« sich endlich weit nördlich von 83° aus dem Eise losmachte.

Nicht nur die Winde scheinen Einfluß auf die Eisdrift zu haben; diese hat überhaupt, wie schon bemerkt, die Neigung, sich in einer bestimmten Hauptrichtung fortzubewegen. Bisweilen meinte ich auch im Wasser unter dem Eise eine schwache Strömung, die beinahe denselben Weg ging, nachweisen zu können. Ich glaube nicht, daß die Eisdrift ganz mit der vorherrschenden Windrichtung zusammenfällt. Auf mich machte es den Eindruck, als ginge sie ein wenig nördlicher als diese; aber etwas Bestimmteres wird darüber nicht eher gesagt werden können, als bis das ganze Material durchgearbeitet und zusammengestellt sein wird.

Infolge der beständigen Drift wird in dem Theile des Polarmeeres, den wir durchfuhren, das Eis nicht alt. Ich habe äußerst selten Eis gesehen, das ich auf ein Alter von 4 bis 5 Jahren schätzen konnte, und ich glaube, daß 5 bis 6 Jahre in der Regel die längste Zeit ist, welche die Eisschollen brauchen, um von den Küsten in der Gegend der Bering-Straße bis in das Meer im Osten von Grönland zu gelangen. Die Hauptmasse des hier ankommenden Eises ist jedoch noch nicht so alt, es hat sich zum großen Theile erst unterwegs in den beständig zwischen den ältern Eisschollen entstehenden Oeffnungen und Rinnen gebildet.

Man wird sehen, daß dieses Eis immerfort in Bewegung ist und auf der ganzen großen Meeresfläche, die die Gegend um den Pol herum bedeckt, kein einziger fester Punkt zu finden ist. Die Winde und die Strömungen treiben das Eis dieses ganzen weiten Meeres nach den in den Atlantischen Ocean führenden Oeffnungen, hauptsächlich nach dem großen »Schlunde« zwischen Spitzbergen und Grönland, aber auch nach den schmalern Meerengen zwischen Grönland und dem arktisch-amerikanischen Archipel. Auf dieser Seite thürmt es sich aber wol größtentheils auf und unterbricht dabei seine Wanderung nach den südlichern Gewässern, wodurch die Eisdrift hier sich sehr verlangsamt. Der schwere, unbewegliche Eismantel, mit dem so manche Polarfahrer unsern Pol so gern haben zudecken wollen, ist verschwunden. Statt dessen haben wir die ewig wandernden Eisfelder als ein Glied in dem großen Kreislaufe des Meeres.

6. Bildung, Wachsthum und Zusammenpressung des Eises

Ueber den Charakter, die Bildung und das Gefrieren dieses Eises, die darin herrschende Temperaturvertheilung u. s. w. hat die Reise mancherlei Aufklärung gebracht. Ich werde hier ein paar Züge anführen. Sobald sich Eis bildet und solange es noch ziemlich dünn ist, nimmt es sehr schnell zu; doch je dicker es wird, desto langsamer wächst es an, da ja der Wärmeverlust durch Ausstrahlung von der Oberfläche dann immer schwerer bis zur Unterseite des Eises dringt. Das Eis, welches sich im ersten Herbst, im October und November 1893, in den offenen Stellen bildete, hatte im April 1894 eine Dicke von 2,31 Meter erreicht, fuhr aber auch den ganzen Sommer hindurch fort, zuzunehmen. Am 9. Juni betrug die Dicke schon 2,58 Meter, obgleich die Sonnenstrahlen schon ziemlich viel von der Oberfläche des Eises abgeschmolzen hatten. Am 20. Juni war die Dicke dieselbe, das Schmelzen von oben her war nun aber so bedeutend, daß überall große Süßwasserpfützen auf dem Eise standen. Im Juli war es ungefähr ebenso, bis sich am 10. Juli unten plötzlich noch eine neue Schicht gebildet hatte, wodurch es, trotzdem nun von der Oberfläche täglich mehrere Centimeter abschmolzen, im ganzen 2,76 Meter dick wurde. Diese Bildung neuen Eises auf der Unterseite war der Schicht von Süßwasser zuzuschreiben, die durch das Schmelzen der Eisoberfläche entstanden war und nun auf dem kalten Salzwasser lag, dessen Temperatur bedeutend unter dem Gefrierpunkte des Süßwassers war. Dieses Süßwasser wurde dadurch also so stark von unten abgekühlt, daß sich in der ungefähr 2,5 Meter betragenden Tiefe, wo sich Süß- und Salzwasser schieden, eine dicke Schicht Süßwassereis bildete, das sich den ganzen Sommer über hielt. Die Gesammtdicke der alten Eisscholle mit der neuen Schicht verminderte sich allmählich und betrug im September nur noch 2 Meter. Im October fing das Wachsthum langsam wieder an, am 10. November war das Eis 2,08 Meter, am 11. December 2,11 Meter dick, und in diesem Verhältnisse nahm es den ganzen Winter über zu. Am 6. Februar war es 2,59 Meter dick. Das Anwachsen des Eises fuhr auch den Frühling hindurch fort; am 11. Mai 1895 betrug die Dicke 3 Meter und am 30. Mai 3,08 Meter, also auch nicht viel mehr. Man sieht also, daß das Anwachsen des Eises beim Gefrieren gar nicht so schnell vor sich geht. Die Eisscholle, an der wir im folgenden Winter Messungen vornahmen und die am 4. November 1895 schon 3,36 Meter dick war, nahm im Laufe des Winters fortwährend zu und erreichte am 4. Mai 1896 eine Dicke von 3,975 Meter, was ja allerdings beträchtlich ist, wenn es sich für ein Schiff darum handelt, das Eis zu durchbrechen, aber doch im Vergleich mit der Dicke des paläokrystischen Eises in dem Meere im Norden von Grinnell-Land Grant-Land oder auch von Grönland nicht sehr bedeutend genannt werden kann.

Seine größte Mächtigkeit erreicht das Eis bei der beständigen Zusammenstauung und der Schichtung während der Pressungen; die dabei entstehenden schweren Eishügel und Klumpen vereinen sich durch Zusammenfrieren und können sich lange halten. Auf unserer Reise hatten wir die beste Gelegenheit, über die Bildung dieses zusammengepreßten Eises Beobachtungen anzustellen.

Wie man schon bei mehrern frühern Expeditionen gefunden hat, zeigte es sich auch diesmal, daß die Eispressungen in nicht geringem Maße mit Ebbe und Flut zusammenhängen. Dies war besonders am äußern Rande des Polarbeckens der Fall, wo man mehr in der Nähe des offenen Wassers war. Während des Herbstes 1893 preßte sich das Eis nach der Springflut gewöhnlich so regelmäßig zusammen, daß wir den Zeitpunkt dafür im voraus angeben konnten. Wir hatten jeden Monat zwei Perioden, die eine, mit den stärksten Pressungen, beim Neumond und die andere beim Vollmond. In diesen Zeiten wechselte die Eisbewegung gewöhnlich jeden Tag zweimal zwischen starkem Zusammenpressen und allmählichem Ablassen des Druckes ab. Ebenso regelmäßige Pressungen zur Flutzeit traf die »Fram« im letzten Frühling und Sommer (1896) an, als sie in das Meer im Norden von Spitzbergen gekommen war. In der einen Woche im Juni war die Zusammenpressung so stark, daß das Schiff jeden Tag zweimal still und ruhig bis zu 3 Meter aus dem Wasser gehoben wurde.

Im innern Polarbecken waren die Pressungen nicht so regelmäßig, besonders im Winter nicht, was vorzugsweise dem Winde zuzuschreiben war. Dies pflegte sich deutlich zu zeigen, wenn es z. B. längere Zeit aus Südost geweht hatte, das Eis ordentlich nach Nordwesten hin ins Treiben gerathen war und der Wind dann plötzlich umsprang und das Eis nach einer andern Richtung hin weiter führen wollte. Dann leistete dieses mit seiner Trägheit Widerstand, und es entstanden oft gewaltige Pressungen, da die Hauptmasse von hinten pressend nachrückte, während die vorn befindlichen Eismassen sich entweder gestaut hatten oder sich auf die Hauptmasse zu bewegten. Sprang dann der Wind wieder nach Südosten um, so hörten die Pressungen mit einem mal vollständig auf. Einer solchen »Windpressung« war die »Fram« um Neujahr 1895 ausgesetzt gewesen.

Es ist behauptet worden, daß die Pressungen durch die Ausdehnung des Eises beim Gefrieren und seine Zusammenziehung und Ausdehnung bei Temperaturveränderungen verursacht würde. Dergleichen Behauptungen sind nicht aufrecht zu erhalten. Schon allein die Thatsache, daß Pressungen auch im Sommer stattfinden, wenn das Eis im Schmelzen begriffen ist, muß Verdacht erwecken; außerdem aber ist es ein einfaches Rechenexempel, wieviel die Gesammtausdehnung des Eises höchstens betragen kann, und dies ist, mit den beständig stattfindenden Zusammenpressungen verglichen, verschwindend wenig.

Bei der Bewegung, die theils die Gezeiten, theils die Winde im Eise hervorrufen, entstehen in diesem Risse und Rinnen, die oft mehr oder minder quer zur Bewegungsrichtung laufen, und wenn dann plötzlich die Pressungen eintreten, beginnen die Ränder des Eises an diesen Rissen und Rinnen entlang sich gegeneinander zu pressen; die Eisschollen schieben sich theils untereinander, theils thürmen sie sich in langen Kämmen auf, deren Hauptrichtung gewöhnlich quer zur Bewegungsrichtung steht, und in dem Maße, wie die letztere wechselt, wird die ganze Eisfläche allmählich in ein Netz von kreuzenden Rinnen und Eisrücken getheilt, das oft schwer zu passiren ist, wie Johansen und ich während unserer Fahrt im Jahre 1895 erfahren haben.

7. Temperatur des Meerwassers

Während der ganzen Drift der »Fram« wurde die Temperatur des Meerwassers in den verschiedenen Tiefen untersucht. Das Wasser, das mit dem ostgrönländischen Polarstrome sich von Norden her in den Atlantischen Ocean ergießt, ist von der Oberfläche bis in die Tiefe sehr kalt, und dadurch wird der größte Theil der nordatlantischen Tiefsee mit kaltem Eismeerwasser, das eine Temperatur von -1 bis -1,5° C. hat, angefüllt. Es wäre daher eigentlich zu erwarten, daß man im Polarbecken eine ähnliche, von der Oberfläche bis zum Grunde gleichmäßige Temperatur finden müßte.

Ich hatte allerdings schon vorher daran gezweifelt, daß dies sich genau so verhielte, da ich ja von der Voraussetzung ausgehen mußte, daß der Golfstrom sich an mehrern Stellen in dieses Becken ergießt, und ein solcher Strom ja nicht ohne Einfluß auf die Temperatur bleiben konnte. Groß war jedoch meine Verwunderung, als ich bereits so weit östlich in dem Meere im Norden der Neusibirischen Inseln unzweifelhafte Zeichen von dem Vorhandensein eines solchen wärmern Stromes fand. An der Oberfläche ist das Wasser im ganzen Polarbecken sehr kalt und steht ungefähr auf dem Gefrierpunkte des Salzwassers, -1,5° bis -1,6° C. Unterhalb dieser Schicht, in einer Tiefe von 80 bis 100 Meter, begann die Temperatur zu steigen und betrug manchmal in einer Tiefe von 300 Meter +0,5°, ja selbst +0,8°. Ging man tiefer, so schwankte sie ein wenig, blieb aber doch bis auf 4-500 Meter ziemlich auf demselben Punkte stehen, um dann nach der Tiefe zu wieder langsam zu sinken, ohne jedoch irgendwo die niedrige Temperatur des Oberflächenwassers zu erreichen. Die größte Kälte war gewöhnlich -0,76° bei 2800-2900 Meter Tiefe. Nach dem Grunde zu stieg die Temperatur dann wieder ganz langsam. So verhielt es sich ziemlich überall in dem ganzen von uns untersuchten Meere, und die im ersten Bande, Seite 371 angegebene Temperaturfolge gibt ein gutes Bild von der Vertheilung der Temperatur in den verschiedenen Tiefen. Mancherlei mag bei dieser Vertheilung überraschend erscheinen, wie unter anderm das Steigen, das wir von 3000 Meter an nach dem Meeresgrunde zu fanden. Ein solches Steigen ist, soviel ich weiß, im Meere sonst nirgends gefunden worden; aber es kann vielleicht auch den Grund haben, daß wir bessere Instrumente besaßen und mehr Gelegenheit hatten, uns ihrer zu bedienen, als die meisten Expeditionen bisjetzt gehabt haben, und wie man sieht, handelt es sich hier auch nicht um große Temperaturänderungen, die 0,1° C. nicht viel übersteigen. Vorläufig kann ich mich des Gedankens nicht erwehren, daß sich hier in der Nähe des Meeresgrundes die Erdwärme geltend macht und die untersten Wasserschichten schwach erwärmt.

Die Entdeckung des verhältnißmäßig warmen Wassers im Polarbecken unter dem kalten Wasser der Oberfläche ist wichtig. Dieses wärmere Wasser ist schwerer und salzhaltiger als das darüberliegende kalte. Jenes gleicht in der Zusammensetzung dem Wasser des Atlantischen Oceans, während das kalte dem sogenannten Eismeerwasser ähnelt, das der ostgrönländische Polarstrom aus dem Polarmeere nach Süden führt. Diese Verhältnisse gewähren uns einen ziemlich klaren Einblick in den Haushalt des ganzen Meeres dort im Norden. Das Becken wird durch das von Süden zuströmende warme, salzhaltige Wasser hauptsächlich vom Atlantischen Ocean aus beständig gefüllt. Schon die norwegische Expedition zur Erforschung der nördlichen Meere hat das Vorhandensein eines solchen wärmern Stromes, eines Armes des Golfstroms, der auf der Meeresoberfläche an der Westküste von Spitzbergen nach Norden geht, nachgewiesen. Wenn dieses schwere, warme Wasser in das eigentliche Polarbecken kommt, sinkt es unter dem kalten, aber leichtern Eismeerwasser in die Tiefe hinab. Dieses Wasser ist hauptsächlich deshalb leichter oder weniger salzhaltig, weil es mit dem Süßwasser vieler großer Flüsse, besonders dem der sich ins Polarmeer ergießenden sibirischen Flüsse, vermischt ist. Das wärmere Wasser kühlt sich auf seinem Kreislaufe dort oben im Polarbecken nach und nach ab, vermischt sich auch wol mit dem süßern und strömt dann wieder als kaltes, weniger salzhaltiges Wasser aus dem Polarmeere heraus, um die Tiefen des nördlichen Atlantischen Oceans zu füllen, wodurch dieser am Meeresgrunde kälter wird, als das den Pol selbst umgebende Meer es ist.

Es ist einleuchtend, daß diese beständige Einströmung wärmern Wassers in das Polarbecken, so langsam sie auch vor sich geht, doch das Anwachsen des Eises beim Gefrieren in gewissem Grade hemmen muß. Diesem Einflüsse wird indeß dadurch entgegengewirkt, daß auf der Oberfläche eine 80-100 Meter dicke kalte, leichtere Schicht ruht, die abkühlen kann, ohne dadurch schwerer als das darunterliegende wärmere Wasser zu werden, und die das Eis in seiner Bildung gegen Erwärmung von dorther beschützt. Ein wesentlicher Grund, weshalb das Eis in dem von uns befahrenen Theile des Polarmeeres nicht noch dicker wird, ist, daß ihm dazu keine Zeit bleibt; die Drift von Osten nach Westen läßt es, wie wir gesehen haben, nicht sonderlich alt werden, bis sie es nach Süden in wärmere Himmelsstriche führt, und die Eisbildung muß im Norden unablässig von neuem beginnen. Auf der amerikanisch-grönländischen Seite des Polarmeeres, wo, wie oben angegeben, keine besonders schnelle Drift oder Eisabfuhr stattfindet, verhält es sich vielleicht anders. Dort packt sich das Eis am Lande auf und bleibt dort vielleicht jahrelang liegen, um Winter für Winter theils durch Gefrieren auf der Unterseite, theils durch Anhäufung von Schnee auf der Oberfläche an Dicke zuzunehmen. Und dieses alte Eis ist vermuthlich das, welchem man den Namen paläokrystisches Eis gegeben hat.

Doch wenn nun auch alle Eisausfuhr aus dem übrigen Theile des Polarmeeres, sowie jegliche Zuströmung warmen Wassers dorthin aufhörte, wenn z. B. der Meeresgrund sich 600 Meter höbe, sodaß sich von Schottland über die Färöer und Island bis Grönland eine Landbrücke bildete und das Eismeer und der Atlantische Ocean wieder getrennt würden, wie sie es einst gewesen sein sollen – was würde dann geschehen? Wenn kein warmer Strom mehr in das Eismeer fließen, kein Eis es mehr verlassen kann, müßte es dann bis auf den Grund gefrieren? Wir kennen nicht alle Factoren so zur Genüge, daß wir eine endgültige Antwort darauf geben könnten, und es kann wol zweifelhaft sein, ob dies eintreffen würde; aber so viel ist jedenfalls gewiß, daß dann eine viel gewaltigere Eisdecke auf dem abgesperrten Polarmeere ruhen würde als die verhältnißmäßig dünne Eisschicht, die jetzt dort oben in ständiger Bewegung ist. Dann würden wir das paläokrystische Eis sich über das ganze Meer ausbreiten sehen und wirklich den schweren, unbeweglichen Eismantel besitzen, den in unsern Tagen so viele verkehrterweise über die Gegenden um den Pol herum haben decken wollen. Und welchen Einfluß würde dies auf die Vertheilung des Klimas der nördlichen Halbkugel haben? Es ist klar, daß die mittlere Jahrestemperatur des Polarmeeres sinken müßte, wenn ihm von Süden her kein warmes Wasser mehr zugeführt werden würde; das Klima im Norden müßte kälter werden, während der Atlantische Ocean hingegen, den die Landbrücke vor dem Eise und den kältern Strömen beschützte und der den nördlichen Meeren keine Wärme mehr abzugeben brauchte, wärmer werden müßte. Die mittlere Jahrestemperatur seiner südlichern Striche würde also steigen und das südliche, zum Theil auch das mittlere Europa ein wärmeres Klima erhalten. Der Unterschied des Klimas zwischen den Gegenden im Norden und denen im Süden der Landbrücke würde also bedeutend größer sein, als es jetzt der Fall ist. Ob dies aber genügt, eine Eiszeit herbeizuführen, ist eine andere Frage. Der allgemeinen Meinung nach sollte ein Sinken der mittlern Jahrestemperatur Nordeuropas um höchstens 4 bis 6° C. hinreichend sein, um dort eine neue Eiszeit hervorzurufen, und es scheint nicht unmöglich, daß eine solche Absperrung eine so große Veränderung verursachen könnte. Aber diese Frage wird durch eine Menge anderer Dinge complicirter gemacht, und ich werde hier nicht näher darauf eingehen.

Doch wenn man, statt das Eismeer durch eine solche Landbrücke abzuschließen, es noch mehr öffnete, als es bisjetzt der Fall ist, sodaß ihm aus den südlichern Meeren größere warme Wassermengen zuströmen könnten, wenn wir uns z. B. die Bering-Straße viel breiter und tiefer dächten und wenn der warme japanische Strom, der Kuro-Siwo, durch sie nach Norden flösse – was würde dann die Folge sein? Dies müßte doch nothwendig die Eismengen dort oben vermindern; die dünne Eisdecke würde noch dünner werden, und noch mehr offenes Wasser würde entstehen. Und könnte man sich damit gleichzeitig noch vorstellen, daß die Süßwasserzuströmung sich ebenfalls verminderte, die sibirischen Flüsse z. B. ihren Lauf veränderten und sich in andere Meere ergössen, so würde das Polarmeer nicht mehr mit einer solchen kalten Süßwasserschicht bedeckt sein, worin die Eisbildung, wie wir jetzt sehen, so leicht vor sich geht, die wärmern Wassermassen würden näher an die Oberfläche kommen und die Eisbildung noch weiter gehemmt werden. Die Folge davon würde vielleicht sein, daß große Strecken des Polarmeeres beinahe das ganze Jahr hindurch offen wären. Dies würde wieder ein Steigen der mittlern Jahrestemperatur der nördlichen Gegenden verursachen und den Unterschied des Klimas zwischen dem Norden und dem Süden mehr als jetzt ausgleichen. Diese Veränderungen werden jedoch nicht ausreichend sein, um sich daraus das gemäßigte und theilweise subtropische Klima zu erklären, das während früherer Erdperioden in einem großen Theile der arktischen Länder, z. B. auf Grönland, Spitzbergen und den Neusibirischen Inseln geherrscht hat.

Ich werde hier auf die Erörterung dieser heikeln, umstrittenen Fragen nicht weiter eingehen; es beweist vielleicht genugsam, daß bei Untersuchungen wie den unserigen sich oft ein Guckloch in der Nebelwand öffnet, durch das der Blick zum Verständniß anderer Zeiten und anderer Verhältnisse zu dringen vermag, sowie zum Verständniß des Wechsels der Zeiten auf der Oberfläche der Erde, während sie auf ihrer Bahn im Weltenraume dahingeschwebt ist. Aber mehr Licht müssen wir haben; laßt uns die Verhältnisse in den noch unbekannten Theilen der Polargegenden kennen lernen, und wir werden es haben.

8. Meteorologie

Es wird einige Zeit dauern, bis unsere meteorologischen Beobachtungen, die sich über einen Zeitraum von drei Jahren erstrecken und deshalb einen werthvollen Beitrag zur Kenntniß der Witterungsverhältnisse liefern, ausgearbeitet sein werden. Unsere Beobachtungen scheinen, ebenso wie die, welche wir auf unserm Zuge über das grönländische Inlandeis machten, keine meteorologischen Überraschungen zu bieten. Die Temperaturen vertheilen sich über diesem Meere anscheinend beinahe ganz so, wie man es im voraus erwarten konnte, und wenn ich bei der Entwickelung meines Planes behauptet habe, daß man in dem unbekannten Polarmeere die Wintertemperatur wahrscheinlich höher finden würde, als sie es z.B. in Sibirien ist, so hat sich auch dieses als richtig erwiesen. Das Meer scheint sich hier geltend zu machen, und unsere niedrigste Temperatur (-52,6° C.) ist ja verglichen mit den in Werchojansk in Sibirien beobachteten Temperaturen, die bis -68° C. betragen, gar nicht so niedrig.

Das Wetter war im Innern des Polarmeeres im Winter außerordentlich klar, und oft war lange Zeit hindurch kaum ein Wölkchen am Himmel zu sehen. Nur im Sommer, wenn es viele offene Rinnen gab und der schmelzende Schnee Teiche auf den Eisschollen schuf, bildeten sich oft Nebel. Im ganzen herrscht in dieser Atmosphäre sehr viel Gleichgewicht, und die Winde waren nicht besonders stark und näherten sich selten dem, was wir Sturm nennen. Schon Winde von 12 bis 13 Meter Geschwindigkeit in der Secunde waren außergewöhnlich, und nur ein paar vereinzelte male erhoben sie sich bis zu 15 und 16 Meter. Dies trat besonders in dem östlichen Theile des Meeres hervor. Je mehr man nach Westen kommt und sich dem offenen Meere nähert, desto unruhiger wird die Luft. Die Winde sind dort häufiger und treten mit größerer Heftigkeit auf. Zwischen dem Klima im Norden während der Drift der »Fram« und dem während unserer Ueberwinterung auf Franz-Joseph-Land ist ein in die Augen fallender Unterschied. Hatte dort oben im Norden in der langen Winternacht eigenthümliche Ruhe und merkwürdiges Gleichgewicht mit klarem Himmel und unbedeutenden Niederschlägen geherrscht, so war es hier auf Franz-Joseph-Land gerade das Gegentheil. Der Himmel war oft ganz bedeckt, der Schnee wirbelte und Stürme sausten unablässig über uns hin. Ja, es ging so weit, daß uns der Wind, wie schon erzählt, eines Tages Johansen's Kajak entführen wollte und wir es in der Dunkelheit beinahe eingebüßt hätten; ein andermal zog er mit meinem Schlitten ab; bei einer dritten Gelegenheit brach er einen Schneeschuh, der neben der Hütte im Schnee stak, mitten entzwei, und obgleich ja die Durchschnittstemperatur auf Franz-Joseph-Land bedeutend milder ist, als wir sie oben im Polarmeere hatten, sehnten wir uns doch bisweilen nach der Stille und dem Frieden dort im Norden zurück.

Nachstehend folgen Listen über die mittlere Monatstemperatur während unserer Schlittenfahrt und der Drift der »Fram«.

Monat Mittel Maximum Minimum
März (16.–31.) 1895 -38,4 -23,0 -46,0
April 1895 -28,9 -19,0 -37,0
Mai 1895 -11,9 -2,0 -24,0
Juni 1895 -1,0 + 3,5 -13,0
Juli 1895 + 0,2 + 2,5 -2,0
August 1895 -1,6 + 2,0 -7,0
September 1895 -6,5 + 5,0 -20,0
October 1895 -18,2 -9,0 -25,0
November 1895 -24,8 -12,0 -37,0
December 1895 -24,9 -11,0 -38,5
Januar 1896 -25,4 -7,0 -43,5
Februar 1896 -23,3 -1,0 -40,0
März 1896 -12,3 -1,0 -34,0
April 1896 -13,5 -3,0 -26,5
Mai 1896 -7,9 + 6,0 -24,0
Juni (1.–16.) 1896 -1,6 + 4,0 -5,0

 

Mittlere Monatstemperaturen während der Schlittenreise Nansen's und Johansen's.

Perioden mit Temperaturen unter -40°.

  Januar Februar März
1895     19–24
1896 1–3
11–12
19–20

Mittlere Monatstemperaturen (°C.) während der Drift der »Fram«.

  Januar Februar März April Mai Juni Juli August September Oktober November Dezember
1893                 -1,63 -18,45 -24,25 -29,25
1894 -35,77 -35,60 -37,25 -21,15 -10,10 -1,52 + 0,25 -1,0 -8,27 -22,55 -30,80 -34,95
1895 -33,36 -36,80 -34,82 -28,70 -12,09 -2,20 -0,27 -2,56 -9,48 -21,18 -30,90 -32,99
1896 -37,42 -34,69 -18,75 -18,11 -10,82 -1,74 -0,09 + 1,10        
 

Fortlaufende Temperaturperioden von unter -40° C.

  Januar Februar März November December
1894 11-12
14-15
27-29
3-7
11-19
23-24
5-15
17-19
25-26
              14-15 8-10
17-18
30. Dec.–1. Januar
1895 14-18
23-26
9-10
13-16
18-22
19-23
26-28
              20-23 7-8
1896                        
  29. Dec.–18. Jan. 4-9
11-20
4-5                  

Mittlere Tagestemperaturen (° C.) in diesen Perioden, berechnet aus ½ (8 hpm).

1894 -38,20
-39,50
-40,35
-44,69
-41,90
-39,25
-44,20
-43,20
-40,10
              -41,35 -40,40
-38,50
-41,50
1895 -40,58
-43,46
-40,85
-41,70
-41,25
-39,90
-38,70
              -40,65 -36,70
1886 -43,22 -40,64
-41,76
-37,65                  

9. Nordlicht

Wir hatten in den langen, dunkeln Polarnächten außerordentlich gute Gelegenheit zur Beobachtung der Nordlichter. Sie traten außerordentlich häufig auf; ich glaube, daß im Winter dort oben eigentlich kein einziger Tag ohne Anzeichen von Nordlichtern verging, falls es klar genug dazu war. Es schienen ebenso viele am Nordhimmel wie am Südhimmel zu sein. Die Häufigkeit der Nordlichter ist eigentlich überraschend, da der ganze Weg der »Fram« sehr viel nördlicher gelegen war als die Zone, in der sie der allgemeinen Ansicht nach am häufigsten vorkommen. Dieses Gebiet größter Häufigkeit umgibt den Pol, wie bekannt, in einem ovalen Ringe, dessen Längenachse sich ungefähr von der Südspitze Grönlands bis zu einem Punkte zwischen der Bering-Straße und den Neusibirischen Inseln hinzieht und welcher auf der amerikanischen Seite bedeutend weiter (ungefähr bis 60° nördlicher Breite) nach Süden geht als auf der asiatischen. Im Norden oder innerhalb dieser Zone liegen sowol der geographische als auch der magnetische Nordpol. Nach unsern Erfahrungen ist es mir, als müsse dieser Maximumgürtel in dem von uns durchfahrenen Theile des Polarmeeres viel weiter nach Norden gehen, als man es hätte erwarten sollen. Folglich kann der Nordlichtpol, d. h. das Centrum oder der Pol des Maximumgürtels, nicht, wie man geglaubt hat, auf 80° nördlicher Breite im Norden des Smith-Sund liegen, sondern muß sich weiter südlich in der Gegend des magnetischen Pols befinden. Zu einer Erklärung des Nordlichts können unsere Beobachtungen jedoch ebenso wenig ausreichen wie die anderer Expeditionen. Einzelne Umstände lenken den Gedanken auf die Kathodenstrahlen hin, und die von Stipendiat Kr. Birkeland aufgestellte Erklärung, daß es solche sind, wie sie die Sonne aussendet, die dann von der Erde als Magnet angezogen werden und die Erdatmosphäre in den ihre Pole umgebenden Zonen treffen, scheint mir viel für sich zu haben.

10. Luftelektricität, Erdmagnetismus, Schwerkraft

Ueber die Luftelektricität stellten wir einige Beobachtungen an. Sie schien jedoch sehr ungleichmäßig und war zu zeiten bedeutend größer, als man sie bisher von den Polarregionen gewöhnlich angenommen hat, während es bisweilen auch wieder schwer war, Elektricität nachzuweisen. Lieutenant Scott-Hansen hat in den drei Jahren, die wir dort oben zubrachten, eine lange werthvolle Reihe magnetischer Beobachtungen angestellt. Dieses große Material wird, wenn es erst verarbeitet ist, hoffentlich werthvolle Beiträge zum Verständniß dieser schwierigen Materie liefern. Scott-Hansen hat auch Pendelbeobachtungen zur Schwerebestimmung angestellt. Doch hätte man sie auf festem Lande ausführen müssen, um damit ein ganz genaues Resultat erzielen zu können. Sie mußten nun freilich an Bord gemacht werden; aber schon allein die Thatsache, daß sie auf einem tiefen Meere vorgenommen wurden, verleiht ihnen ein besonderes Interesse, da zum ersten mal solche Beobachtungen stattgefunden haben.

11. Thier- und Pflanzenleben

Selbst in den höchsten Breiten fand sich im Meere thierisches Leben, meistens Krustenthiere (Copepoden und Amphipoden). Es wird auch am Pol noch so sein, wenn auch die Menge des Lebens im Wasser mit der größern nördlichen Breite abnimmt und im Vergleich mit der in südlichern Meeren enthaltenen nur gering ist.

Merkwürdig ist, daß selbst nördlich von 84½° nördlicher Breite von der »Fram« aus Scharen von Narwalen gesehen wurden, die also in diesem Meer genügend Nahrung finden müssen. Im Sommer zeigten sich auch oft Seehunde, und im ersten Winter traf ich mitten im Meere im Norden der Neusibirischen Inseln sogar ein Walroß. Was dieses Thier da zu thun hatte, ist mir noch ein Räthsel. Bären wurden noch nördlich von 84° in der Nähe der »Fram« geschossen, und Fuchsspuren entdeckten Johansen und ich auf etwa 85° nördlicher Breite. Selbst das Säugethierleben geht also auf unserer Erdkugel sehr weit nach Norden hinauf, und es ist doch wol wahrscheinlich, daß es sich bis zum Pol selbst erstrecken kann.

Vögel nahmen wir in jedem Sommer wahr; sie streichen auf ihrer Sommerwanderung gewiß über die ganze Fläche des ausgedehnten Polarmeeres hin. Diejenigen, welche wir am höchsten im Norden sahen, waren hauptsächlich Elfenbeinmöven ( Larus eburneus), Stummelmöven ( Rissa tridactyla), Eissturmvögel ( Procellaria glacialis) und bisweilen auch Lummen ( Uria mantei), Raubmöven ( Stercorarius crepidatus), Tauchermöven ( Larus glaucus) Schneeammern ( Plectrophanes nivalis), Krabbentaucher ( Mergulus alle) u. a. m.

Eine ganz interessante Entdeckung machten wir, als wir auf der Nordseite von Franz-Joseph-Land bei Hvidtenland die seltene, räthselhafte Rosenmöve ( Rhodosthetia rosea) in großer Menge antrafen. Wir sahen hier ausgewachsene und junge Vögel durcheinander, und sie waren so häufig, daß ich keinen Zweifel mehr darüber haben kann, daß sich ihre Brutplätze in der Nähe befunden haben. Leider erlaubte uns unsere Zeit nicht, dies näher zu untersuchen. Bei der »Fram« schossen wir auch einjährige Junge dieser Mövenart mit bisher unbekanntem Gefieder. In dem Plane dieser Expedition S. Naturen, März 1890, S. 86–87. sprach ich auch über diesen Vogel, der von allen am ausschließlichsten der Polarregion angehört und so ungemein selten in bekannten Gegenden gesehen wird, und meinte damals, daß er auf den Inseln oder dem Lande der unbekannten Polargegenden zu Hause sein müsse, da er, soviel man weiß, nicht in bekannten Ländern brütet. Ich war zu der Annahme geneigt, daß die Brutplätze irgendwo im Meere nördlich von Ostsibirien und der Bering-Straße lägen. Damals ahnte ich noch nicht, daß ich den Aufenthalt der Vögel schon auf der Nordostseite von Franz-Joseph-Land finden würde.

Ich will hier auch des Pflanzen- und Thierlebens, das ich in den Pfützen auf dem Treibeise fand, als einer recht interessanten Erscheinung des Lebens in den Polarregionen erwähnen.

In jedem Sommer, sobald die Sonne den Schnee auf dem Eise aufgethaut und das Schneewasser sich in Pfützen auf seiner Oberfläche angesammelt hat, beginnen sich am Boden dieser kleinen Teiche kleine braune Flecke zu zeigen, die beinahe wie Moderflecke aussehen. Sie werden allmählich immer größer und schmelzen, indem sie die Sonnenwärme absorbiren, runde Löcher im Eise aus. Diese Löcher sind bisweilen mehrere Zoll tief und mehr oder weniger mit dem braunen Schlamme angefüllt. Unter dem Mikroskop sieht man, daß dieser hauptsächlich aus kleinen, mikroskopischen Pflanzen, Diatomeen und einzelnen Algen, besteht. Doch dazwischen lebt ein Gewimmel von andern mikroskopischen Organismen, Infusorien und Flagellaten, ja, ich entdeckte sogar Bacterien, sodaß also auch diese Gegenden nicht ganz frei davon sind.

Ich möchte glauben, daß sich überall im Polarmeere eine ähnliche Flora und Fauna auf dem Eise finden. Das, was ich fand, stammt vermuthlich aus Sibirien und wird Jahr für Jahr nach dem grönländischen Meere hinübergetrieben; in andern Meerestheilen wird man aber wol andere, anderswoher stammende Formen finden, und ein eingehenderes Studium derselben wird vielleicht werthvolle Aufklärungen über die Wanderungen des Eises geben.

*

Die im Eise zugebrachten drei Jahre sind durch eine werthvolle Summe von Beobachtungen auf verschiedenen Gebieten belohnt worden. Man kann sagen, daß das Polarproblem jetzt wirklich gelöst ist, denn die Reise hat den Schleier, der über der großen unbekannten Region um den Pol ruhte, zum großen Theile gelüftet, und wir sind in Stand gesetzt worden, uns von diesem Theile unserer Erde, der bisher der Phantasie preisgegeben war, ein einigermaßen klares, nüchternes Bild zu machen. Erhalten wir nun auch in nächster Zukunft eine Ansicht aus der Vogelperspektive der Polgegend vom Luftballon aus, so werden wir das Wesentlichste kennen.

Aber hierbei dürfen wir nicht stehen bleiben, denn noch mahnen uns viele Räthsel dort oben im Norden zur Arbeit; noch ist dort vieles zu erforschen, vieles, was nur jahrelange Beobachtungen erreichen können.

Was für Fingerzeige geben nun unsere Erfahrungen für die künftigen Untersuchungsmethoden?

Zuvörderst glaube ich, daß die Reise den vollgültigen Beweis für die Zweckmäßigkeit der von uns benutzten Reisemethode geliefert hat. Daß man ein brauchbares Schiff bauen kann, das die Eispressungen, denen es auf einer Drift mit dem Eise durch diese Regionen ausgesetzt sein wird, auszuhalten im Stande ist, ist nun wol sicher, und ebenso, daß man auf die Weise, wie wir es thaten, das Polarmeer mit ziemlicher Sicherheit befahren kann, wenn man nur die genügenden Vorbereitungen getroffen hat.

Gefahren kann man wol begegnen, aber auch nicht größern, als man bei jeder andern Art zu reisen wol ausgesetzt sein könnte, und dann bietet eine Drift wie die unsere so große Vortheile, daß diese Reiseart auch in der Zukunft benutzt werden sollte und es wol werden wird. Ein Schiff, das wie die »Fram« dahintreibt, bildet ja in Wirklichkeit ein schwimmendes Observatorium erster Klasse, das die vorzüglichste Gelegenheit zu jeder Art wissenschaftlicher Untersuchungen bietet. Es bedarf eines solchen jahrelangen Aufenthalts in diesen Regionen, um so vollständiges Material zu sammeln, daß wir einen vollen Einblick in die physischen Verhältnisse dieses Gebietes erhalten können. Auf Grund unserer Erfahrungen würde man sich noch zweckmäßiger einrichten können, als wir es gethan haben. Man könnte an Bord Laboratorien mit sich führen, in denen sich selbst die feinsten wissenschaftlichen Untersuchungen vornehmen ließen.

Am liebsten sähe ich, daß eine neue derartige Expedition in den uns noch unbekannten Theil des Polarmeeres eindränge. Könnte sie durch die Bering-Straße nach Norden oder Nordosten in das Eis hineingehen, so würde sie, glaube ich, ein gutes Stück nördlich von unserer Route quer durch das Polarbecken getrieben werden und uns, wenn sie einst wieder in offenes Wasser diesseits des Poles gelangt, eine einzig dastehende Summe des kostbarsten wissenschaftlichen Materials, eine Summe für die menschliche Forschung nothwendiger Beobachtungen mitbringen. Eine solche Drift jedoch würde länger als die unsere dauern und meiner Meinung nach fünf Jahre in Anspruch nehmen, und mancher wird vielleicht den Einwand erheben, daß trotz alledem die Theilnehmer Gefahren ausgesetzt sein könnten, da ja von vielen Seiten behauptet worden ist, daß die Gesundheit bei einem mehrjährigen Aufenthalte in jenen Himmelsstrichen leiden müsse. Dem kann ich nicht beipflichten.

Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, daß die arktischen Gebiete ein außergewöhnlich gesunder Aufenthaltsort sind. In den fünfzehn Monaten, die Johansen und ich zu unserer Reise von der »Fram« bis zur Begegnung mit Jackson brauchten, hatte ich 10 Kilogramm zugenommen, obwol unsere Kost in dieser Zeit nicht viel Abwechselung bot. Dies deutet doch nicht darauf hin, daß ein solches Leben den Körper schwächt. Als ich nach Norwegen zurückkehrte, war ich so wohlbeleibt, wie ich mich nicht erinnern kann, je gewesen zu sein.

Auch an Bord der »Fram« war das Leben, meiner Erfahrung nach, gesund. Ich habe stets gefunden, daß die Theilnehmer der Expedition sich wohlbefanden, und die an Bord gemachten physiologischen Untersuchungen scheinen dies auch zu bestätigen. Wenn jene Untersuchungen erst ausgearbeitet sind, werden sie die während unserer Reise herrschenden hygienischen Verhältnisse beleuchten und ein werthvolles Material zur Richtschnur für zukünftige Expeditionen ergeben.

Die bisher bei arktischen Expeditionen am allermeisten gefürchtete Krankheit, der Skorbut, braucht nicht mehr aufzutreten, da es sicherlich leicht ist, genügende Vorsichtsmaßregeln dagegen zu treffen. Bei dem Studium der darüber vorliegenden Literatur ist Professor Torup zu dem Schlusse gelangt, daß die wahrscheinlichste Ursache des Skorbuts eine Vergiftung ist, indem sich bei einer eigenartigen langsamen Zersetzung ungenügend conservirten, z. B. eingesalzenen Fleisches und Fisches, den Ptomainen ähnliche Giftstoffe bilden, die bei ständigem Genusse diese Krankheit hervorrufen. Bei unserer Ausrüstung wurde denn auch hierauf besonders Rücksicht genommen, und alle Untersuchungen und Erfahrungen, die ich auf der Reise zu machen Gelegenheit hatte, haben diese Ansicht nicht widerlegt, sondern sie eher noch bestätigt. Doch wenn dies so ist, dann ist es auch eine einfache Sache, dem Skorbut zu entgehen; man braucht nur dafür zu sorgen, daß wirklich gut conservirte Nahrungsmittel mitgenommen werden.

Wenn dann zweitens gesagt worden ist, daß das einförmige, abgesonderte Leben unter den außergewöhnlichen Verhältnissen auf das Gemüth einwirken, daß es Melancholie und andere Geisteskrankheiten hervorrufen müsse, liegt die Antwort nahe, daß das Leben, das Johansen und ich in unserm dritten Jahre dort oben im Norden führten und das zum großen Theile in unserer Winterhütte verlief, in vieler Hinsicht abgesonderter und extremern Verhältnissen unterworfen war, als die meisten Expeditionen sie gehabt haben, und doch haben wir keinen Anflug von Melancholie oder einem andern Gemüthsleiden gespürt.

Was unsere Reise uns endlich in Bezug auf die Untersuchungsweise in den Polarregionen noch gelehrt hat, ist vielleicht, daß man auch mit kleinen Mitteln Verschiedenes erreichen kann.

Wenn man dem uns von den Eskimos gegebenen Fingerzeige folgt und mit Kajaks, Schlitten und Hunden vordringt, ist man im Stande, in Gebiete, die bisher als sehr schwer zugänglich galten, einzudringen und dort bedeutende Entfernungen zurückzulegen. Auf diese Weise läßt sich das Treibeis, selbst wenn es in der Drift begriffen ist, noch in großer Entfernung vom Lande befahren, und ich glaube, daß dieses eine der Methoden wäre, nach welcher die zwischen dem arktisch-amerikanischen Archipel und dem Pol gelegene große Region erforscht werden müßte. Hier harren viele wichtige Fragen ihrer Lösung. Auch diese Region muß vom Menschen betreten werden.

 

 

Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.

 << Kapitel 20 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.