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In Nacht und Eis. Zweiter Band

Fritjof Nansen: In Nacht und Eis. Zweiter Band - Kapitel 19
Quellenangabe
typereport
authorFridtjof Nansen
titleIn Nacht und Eis. Zweiter Band
publisherF. A. Brockhaus.
year1930
firstpub1897
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Viertes Kapitel

Vom 1. Januar bis 17. Mai 1896.

Der Neujahrstag brachte uns schönes, klares Wetter, Mondschein und ungefähr -43° C. Das Eis verhielt sich etwa einen Monat lang merkwürdig ruhig, doch begann am 4. Februar die Pressung wieder. Sie war nicht von langer Dauer, machte aber großen Lärm; das Eis rund um uns herum toste und kreischte, als ob ein fürchterlicher Sturm wehe. Ich machte einen Gang auf das Eis, um, wenn möglich, die Eispressung aus der Nähe zu betrachten, konnte aber nichts sehen. Am nächsten Tage streiften wir wieder auf dem Eise umher und fanden ungefähr 2 Kilometer vom Schiffe entfernt eine verhältnißmäßig neue Rinne und einen neuen großen Eisrücken. Es war mir jedoch unmöglich, eine umfassende Beobachtung der Eisverhältnisse anzustellen, da es selbst um Mittag noch immer zu dunkel war. Die Schneefläche war hart und gut, aber die überhängenden Ränder der Schneewehen waren so trügerisch, daß wir hin und wieder Hals über Kopf hinstürzten.

Am 7. Februar unternahmen Scott-Hansen, Hendriksen, Amundsen und ich eine Schneeschuhfahrt nach Norden. Je weiter wir nach Norden kamen, um so zerstückelter und unebener wurde das Eis, und schließlich mußten wir umkehren, als wir an eine neue breite Rinne kamen. Im Laufe des Morgens hatte sich im Südwesten eine dunkle Wolkenbank angesammelt, und der Nebel wurde so dick, daß es nicht leicht war, den Weg zum Schiffe zurückzufinden. Endlich hörten wir die Stimme »Sussi's«, und von dem Gipfel eines Eisrückens, den wir erstiegen hatten, sahen wir, eine kurze Strecke entfernt, die Tonne und die große Stenge der »Fram« über dem Nebel emporragen. So nahe wir uns dem Schiffe auch befanden, war es doch nicht so leicht, wieder an Bord zu gelangen. Wir wurden durch eine große Rinne aufgehalten, die sich während unserer Abwesenheit gerade hinter dem Schiffe gebildet hatte, und mußten ihr eine weite Strecke entlang nach Westen folgen, ehe wir hinüberkommen konnten. Die an Bord Gebliebenen erzählten, bei der Bildung der Rinne habe das Schiff einen starken Stoß bekommen, ganz ähnlich wie der, den wir bei der Lossprengung der »Fram« im August gefühlt hatten. Nachts um 12½ Uhr nahmen wir wieder einen Stoß im Eise wahr. Als wir auf Deck kamen, fanden wir, daß das Eis etwa 30 Meter hinter dem Schiffe parallel mit der großen Rinne geborsten war. Der Spalt führte an der Seite des nächsten Großbootes entlang und gerade durch einen der Kohlenhaufen. Oben auf dem Haufen stand eine Tonne, die verloren gewesen wäre, wenn der Riß sich nicht gerade vor derselben in einem ungefähr rechten Winkel getheilt hätte; beide Abtheilungen gingen durch die äußern Ränder des Haufens und vereinigten sich dann wieder. Auf der in dieser Weise gebildeten Insel trieben die Tonne und einige Kohlensäcke in der Rinne umher. Es gelang uns aber bald, die Insel an das feste Eis anzuhaken und die Kohlen sämmtlich zu bergen, mit Ausnahme eines Sackes im Gewicht von etwa 50 Kilogramm, der in die Tiefe sank. Um ganz sicher zu gehen, gab ich Befehl, das Depot einmal während jeder Wache und, wenn die Eispressung wieder begänne, öfter zu inspiciren.

Am 13. Februar unternahmen Hendriksen, Amundsen und ich eine Expedition nach Süden, um den Zustand des Eises in dieser Richtung zu untersuchen. Wir fanden, daß es auch dort sehr uneben und voll von verhältnißmäßig neuen Rinnen war. Die Rinne hinter dem Schiffe erweiterte sich im Laufe des Vormittags und entwickelte solche Massen von Nebel, daß wir das Schiff bald aus Sicht verloren. Am nächsten Tage öffnete sie sich noch mehr, und am 16. zeigte sich sehr starke Eispressung in derselben. Das Eis zitterte und brüllte wie ein mächtiger Wasserfall und zersplitterte sich an der Oberfläche in kleine horizontale Schichten. Der Eisdruck wiederholte sich fast jeden Tag, und längere Zeit hindurch entstanden beständig neue Spalten und Rinnen. Dann aber blieb das Eis bis zum 10. April verhältnißmäßig ruhig. In der Nacht des 15. war der Druck in der Rinne an Backbord sehr stark, sodaß wir die Logleine mit dem Sack heraufholen und den Lothapparat nach einer andern Stelle bringen mußten. In derselben Nacht spaltete sich das Eis unter zwei Proviantdepots, sodaß wir sie näher an das Schiff heran verlegten.

Am Morgen des 21. April wurden wir durch eine heftige Pressung hinter dem Heck des Schiffes erweckt. Nordahl kam mit der Botschaft zu mir, das Eis drohe über das Schiff hinwegzustürzen. Wir fanden, daß eine ungeheuere Scholle über den Rand des Eises hinter dem Schiffe geschraubt worden war und ungehindert weiter glitt, bis sie direct gegen das Heck lief. Allein die »Fram« hatte dergleichen Stöße schon früher ausgehalten und behauptete auch diesmal wieder den Platz. Das Eis zersplitterte sich am starken Steven und lag nun zertrümmert auf beiden Seiten des Schiffes in gleicher Höhe mit dem Rande des Halbdecks, bis zu den Besanwanten. Das Schiff lag jetzt beinahe frei in seinem Lager, während das Eis rundherum zu einer Menge kleiner Schollen zertrümmert war. Da diese von den schweren Treibeisschollen niedergepreßt wurden, so war es ein hartes Stück Arbeit, um das Schiff herumzukommen, da man jeden Augenblick Gefahr lief, in den Eisschlamm zu stürzen.

Spät am Nachmittage des 13. Mai begann die Rinne zwischen der Schmiede und dem Schiffe sich sehr stark zu erweitern, sodaß sie nach ein paar Stunden 80 Meter breit geworden war. Von der Tonne aus sah ich im Südosten eine Rinne, die sich, soweit ich beobachten konnte, nach Süden ausdehnte, während die Rinne hinter uns sich, so weit der Blick reichte, nach Nordosten erstreckte. Ich fuhr mit dem Prahm hin, um eine nach dem Kanal im Südosten führende Durchfahrt zu suchen, allein ohne Erfolg. Nach dem Abendessen machte ich mich nochmals nach Süden auf, konnte aber keine Durchfahrt entdecken. Um 10 Uhr abends stieg ich wieder zur Tonne hinauf und sah nun, daß die Rinne sich beträchtlich erweitert hatte und mit dunkler Luft darüber so weit nach Süden lief, als der Blick reichte.

Scott-Hansen und ich überlegten, was geschehen sollte. Obwol ich mir unter diesen Umständen nicht viel Gutes versprach, beschlossen wir doch, einen Versuch zu machen, das Schiff frei zu sprengen. Wir kamen überein, gerade hinter dem Schiffe einige Minen zu probiren, und ließen alle Mann sofort ans Werk gehen. Zunächst feuerten wir sechs Pulverminen ungefähr an derselben Stelle ab, jedoch ohne größeres Resultat; dann machten wir einen erfolglosen Versuch mit Schießbaumwolle. Um 3 Uhr morgens stellten wir die Arbeit vorläufig ein, da das Eis so dick war, daß der Bohrer nicht hindurch reichte, und der Eisschlamm so tief war, daß man die Schollen unmöglich fortschieben konnte. Am nächsten Morgen um 8 Uhr legten wir zwei neue Minen, welche Scott-Hansen und Nordahl während der Nacht vorbereitet hatten, die aber beide nicht losgehen wollten. Eine oder zwei der Minen, die im Laufe des Tages abgefeuert waren, hatten zwar etwas Wirkung gehabt, doch war diese so gering, daß es nicht der Mühe werth war, die Arbeiten fortzusetzen. Wir mußten daher auf günstigere Eisverhältnisse warten.

Das Wetter war während der beiden ersten Wochen des Januar beständig und gut, bei klarer Luft und -40° bis -50° C. Der kälteste Tag war der 15. Januar, an welchem das Thermometer -50° bis -52° C. zeigte. In den beiden letzten Wochen des Januar war die Temperatur beträchtlich höher, jedoch fiel sie im Februar wieder, bis sie am 13. etwa -48° war, worauf sie während des Restes des Februar wieder bis ungefähr -35° C. ging. Am 5. März registrirte das Thermometer wieder -40° C.; von da an stieg die Temperatur aber rasch. So war sie am 12. März -12° C., am 27. -6° C., selbstverständlich mit einigen kältern Tagen dazwischen. Der April war durchgängig ziemlich kalt, ungefähr -25° C.; der kälteste Tag der 13. mit -34° C. Die erste Maiwoche war ebenfalls ziemlich kalt, -20° bis -25° C. die zweite etwas milder, etwa -14° C., und am 21. Mai stieg das Thermometer zum ersten mal in diesem Jahre über den Gefrierpunkt, indem das Maximum-Thermometer bei der Abendablesung +0,9° C. registrirte.

Während des Winters zeichneten sich einige Tage durch sehr große und plötzliche Temperaturänderungen aus. Ein Beispiel davon war der Freitag, 21. Februar. Morgens war es bewölkt bei steifer Brise aus Südost. Am Nachmittage sprang der Wind plötzlich nach Südwest um und flaute bis zur Geschwindigkeit von 4,4 Meter ab, während die Temperatur von -7° C. am Morgen auf -25° C. kurz vor der Veränderung des Windes herabsank, um dann um 8 Uhr abends plötzlich wieder auf -6,2° C. zu steigen.

Ins Tagebuch habe ich über diesen Tag Folgendes eingetragen:

»Heute Abend schritt ich auf Deck auf und ab, und ehe ich mich hinunterbegab, schaute ich noch nach hinten auf das Eis. Als ich den Kopf aus dem Zelte steckte, fühlte ich einen so warmen Luftstrom, daß mein erster Gedanke war, es müsse irgendwo an Bord Feuer sein. Bald entdeckte ich jedoch, daß die Lufttemperatur so stark gestiegen war, seitdem ich das letzte mal unter freiem Himmel gewesen war. Scott-Hansen und ich gingen später hinauf und brachten ein Thermometer im Schiffszelt an, wo es noch -19° C. zeigte, während ein anderes draußen auf -6° C. stand. Wir gingen einige Zeit auf und ab und athmeten in vollen Zügen die warme Luft ein. Es war über alle Beschreibung angenehm, sich die Wangen von dem milden Winde umspielen zu lassen. Ja, es ist ein großer Unterschied zwischen dem Leben in einer solchen Temperatur und dem täglichen Einathmen einer Luft von 40° bis 50° unter dem Gefrierpunkt. Was mich persönlich anbetrifft, so belästigt es mich nicht sehr stark, doch klagen viele darüber, daß sie tief in der Brust Schmerz fühlen. Ich finde nur, daß mir, wenn ich viel in Bewegung gewesen bin, der Mund wie ausgedörrt ist.«

Am nächsten Tage, 22. Februar, wehte es anfänglich aus Südsüdost, doch ging der Wind später zu einem halben Sturm aus Westen mit einer Geschwindigkeit von 17 Meter in der Secunde über. Das Barometer zeigte den niedrigsten Stand, den wir bis dahin auf der Reise gehabt hatten, 723,6 Millimeter. Es war solches Schneetreiben, daß man vom Schiffe aus nicht zwei Meter weit sehen konnte; das Thermometerhaus auf dem Eise war in wenigen Minuten so mit treibendem Schnee bepackt, daß es unmöglich war, die Instrumente abzulesen. Unten im Salon war es nicht sehr behaglich, da wir keinen Zug machen konnten. Wir versuchten mehreremal erfolglos, im Ofen Feuer anzuzünden, mußten es aber wieder löschen, um nicht im Rauch zu ersticken. In der Sonntagnacht nahm der Wind ab, jedoch wehte am Montag und Dienstag wieder ein halber Sturm mit Schneetreiben bei fast -28° C. Erst am Mittwoch Nachmittag besserte sich das Wetter ernstlich; es klarte auf, und der Wind flaute bis auf 6 Meter ab, sodaß wir und die Hunde aufs Eis hinaus konnten, um uns ein wenig Bewegung zu machen. Die Hunde hatten morgens aus den Ställen heraus gewollt, aber selbst sie fanden das Wetter zu schlecht und schlichen wieder hinein.

Wir hatten ziemlich viel Tage mit solch rauhem Wetter, nicht nur im Winter, sondern auch im Sommer; in der Regel dauerte das schlechte Wetter aber nur einen Tag und brachte uns keine große Unbequemlichkeit. Im Gegentheil, wir hatten gar nichts gegen etwas schlechtes Wetter einzuwenden, namentlich wenn es von einer frischen Brise begleitet war, die das Eis rasch nach Westen treiben konnte. Was uns am meisten interessirte, war natürlich die Drift und alles, was damit zusammenhing. Unsere Stimmung war bei schlechtem Wetter oft viel besser als an hellen, klaren Tagen mit nur leichter Brise oder Windstille und herrlichem Nordlicht bei Nacht.

Mit der Drift hatten wir allen Grund sehr zufrieden zu sein, namentlich im Januar und in der ersten Februarwoche. Während dieser Zeit trieben wir den ganzen Weg vom 48. bis zum 25. östlichen Längengrade, während unsere Breite sich stetig auf ungefähr 84° 50' hielt. Unsere beste Drift war vom 28. Januar bis zum 3. Februar, während beständig eine steife Brise aus Osten wehte, die am Sonntag, 2. Februar, bis auf 18–21,6 Meter in der Secunde und während der Böen noch mehr zunahm. Das war aber der einzige wirkliche Sturm während unserer ganzen Reise. Am Sonnabend, 1. Februar, passirten wir die Länge von Vardö und feierten dieses Ereigniß abends mit einem kleinen Feste. Am 15. Februar waren wir auf 84° 20' nördlicher Breite und 23° 28' östlicher Länge; dann trieben wir eine Strecke zurück, sodaß wir uns am 29. Februar auf 27° östlicher Länge befanden. Später war die Drift nach Westen nur sehr langsam, um so besser aber nach Süden, sodaß wir am 16. Mai auf 83° 45' nördlicher Breite und 12° 50' östlicher Länge waren.

Die Drift bot Gelegenheit zu vielen Wetten, namentlich wenn sie gut und die Stimmung dementsprechend eine gehobene war. Als gegen Ende Januar die Leine eines Tages zeigte, daß wir in der richtigen Richtung lebhaft weiter trieben, sagte Hendriksen: »Wir haben bisjetzt noch niemals gewettet, Kapitän, wie wär's, wenn wir jetzt wetteten, wie weit südlich wir gekommen sind.« »Gut«, erwiderte ich, und wir wetteten demgemäß um eine Ration Lachs, ich, daß wir nicht südlicher als 84° 40' oder zwischen 40' und 41', und er, daß wir zwischen 36' und 37' seien. Scott-Hansen nahm dann eine Beobachtung und fand, daß Hendriksen verloren hatte: wir waren auf 84° 40,2'.

Seitdem der letzte Zugvogel uns verlassen, hatten wir bis zum 28. Februar kein einziges lebendes Wesen mehr gesehen. Nicht einmal ein Bär war uns auf unsern vielen Streifzügen auf dem Eise zu Gesicht gekommen.

Um 6 Uhr morgens stürzte Pettersen in die Kajüte und sagte mir, er habe zwei Bären in der Nähe des Schiffes gesehen. Ich eilte an Deck, doch war es noch so dunkel, daß ich sie nicht sofort erkennen konnte, obwol Pettersen ihre Richtung anzeigte. Endlich sah ich sie langsam auf das Schiff zutraben; in ungefähr 150 Meter Entfernung machten sie halt. Ich versuchte, auf sie zu zielen, doch war es noch immer zu dunkel, um des Schusses sicher zu sein, und ich wartete daher ein wenig, in der Hoffnung, daß sie näher kommen würden. Sie blieben eine Zeit lang stehen und starrten nach dem Schiffe, drehten sich dann aber um und schlichen davon.

Ich fragte Pettersen, ob er nichts zu braten hätte, das recht gut und stark röche und die Bären zurücklocken würde. Er sann einen Augenblick nach, rannte dann die Treppe hinab und kam mit einer Pfanne voll gebratener Butter und Zwiebeln zurück. »Hol mich der Henker, wenn ich nicht etwas Duftendes für sie habe«, sagte er und hob rasch die Pfanne zur Rehling empor.

Die Bären waren längst aus Sicht. Es war kalt, vielleicht -35°, und ich eilte daher hinab, um meinen Pelzrock anzuziehen; allein bevor ich das gethan hatte, kam Bentsen hinter mir her und rief, ich sollte mich beeilen, die Bären kämen zurück. Wir stürzten »mit voller Fahrt« auf Deck, und nun waren die Thiere gut in Schußweite, ungefähr 100 Meter entfernt. Ich kauerte hinter der Rehling nieder, zielte gut, aber die Büchse versagte. Die Bären waren ein wenig erschrocken und schienen den Rückzug zu überlegen. Rasch spannte ich nochmals die Büchse und schoß auf den größten. Er stürzte mit fürchterlichem Gebrüll kopfüber zu Boden. Dann schoß ich nach dem zweiten, der erst einen hübschen Luftsprung machte, ehe er fiel. Nunmehr rafften sich beide wieder auf und machten einige Schritte vorwärts, worauf sie nochmals zu Boden stürzten. Ich gab jedem von ihnen eine der beiden mir noch verbliebenen Kugeln; doch genügte selbst dies noch nicht für diese zählebigen Thiere.

Pettersen nahm großes Interesse an dem Sport. Ohne jede Waffe lief er über den Steg und nach den Bären hin, bis er plötzlich Skrupel bekam und Bentsen zurief, ihm zu folgen. Bentsen, der ebenfalls keine Waffe hatte, war natürlich nicht sehr bereit, den verwundeten Bären nachzulaufen. Nachdem ich mir einige weitere Patronen geholt hatte, traf ich Pettersen auf halbem Wege zwischen den Bären und der »Fram«. Die Thiere krochen jetzt an einem Eisrücken entlang. Ich blieb in etwa 30 Schritt Entfernung stehen, mußte nun aber vor allen Dingen erst Pettersen fortrufen, der in seinem Eifer mir vorangeeilt war und gerade in der Schußlinie stand. Endlich hatte das große Bärenweibchen die Todeswunde erhalten, worauf ich an dem Eisrücken entlang rannte, um zu sehen, wo der andere Bär geblieben sei. Plötzlich tauchte sein Kopf über dem Rücken auf, und ich sandte ihm sofort einen Schuß durch den Hals dicht unter dem Kopfe.

Dann wurden alle Mann herbeigerufen, und es herrschte große Freude. Der Mund wässerte uns bei dem Gedanken an das köstliche frische Fleisch, das uns lange Zeit gut schmecken sollte. Es waren ungefähr 16 Monate, seitdem wir den letzten Bären geschossen, und l4 Monate, seitdem wir kein frisches Fleisch gegessen hatten, außer ein- oder zweimal ein Gericht Seehund oder Vögel. Wir segneten Pettersen's duftende Bratpfanne. Die Bären wurden zerschnitten und in Schnitten, Pasteten, Braten u. s. w. verwandelt, und selbst die Knochen wurden aufbewahrt, um Suppe davon zu kochen. Die Rippenstücke waren am schmackhaftesten. Wir aßen sie zu Mittag, und alle waren wir der Ansicht, daß ein Bärenlendenbraten ein herrliches Gericht sei. Dementsprechend verzehrten wir alle sehr große Portionen mit dem von Herzen kommenden Wunsche, daß Bären uns bald wieder einen Besuch abstatten möchten.

Von da an war Pettersen so erpicht auf die Bärenjagd, daß er früh und spät davon sprach. Eines Tages setzte er es sich in den Kopf, daß während der Nacht Bären kommen müßten, und er glaubte so fest an seine Prophezeiung, daß er alle möglichen Vorbereitungen für die Nacht traf und Bentsen veranlaßte, ihm Bundesgenossenschaft zu leisten. Bentsen hatte die Morgenwache und sollte ihn wecken, sobald die Bären erscheinen würden.

Ein lustiger Bursche, der unter allen Umständen Pettersen auf der Bärenjagd sehen wollte, hatte vorsichtshalber an Bentsen's Büchse eine kleine Glocke gehängt, sodaß er es hören konnte, wenn sie aufbrachen. Allein leider erschien kein Bär. Pettersen hatte sich aber so fest vorgenommen, einen Bären zu schießen, daß ich ihm versprechen mußte, ihn seinerzeit einen Schuß abgeben zu lassen, wenn ich selbst in der Nähe sei und eine Patrone bereit habe, für den Fall, daß das Undenkbare eintreten und Pettersen fehlen sollte, ein Unglück, welches er schwer verwinden würde.

Am Sonntag, 8. März, hatten wir ein weiteres Beispiel eines plötzlichen Temperaturwechsels, ähnlich dem am 21. Februar. Am Morgen war es wolkig mit frischer Brise aus Ostnordost, allein um 3 Uhr nachmittags flaute der Wind ab und um 6 Uhr ging er in eine leichte Südsüdost-Brise über. Zur selben Zeit stieg die Temperatur von -26° C. auf -8° C., und es war abends sehr angenehm, auf dem Halbdeck umherzuspazieren und die milde Luft einzuathmen.

Am 4. März sahen wir die Sonne zum ersten mal. Sie hätte schon am Tage vorher sichtbar sein sollen, doch war es zu bewölkt. Als Ersatz dafür hatten wir jetzt einen doppelten Festtag, da wir nicht nur die Wiederkehr der Sonne, sondern auch Nordahl's Geburtstag feiern konnten.

Am 14. März war es ein Jahr, seitdem Nansen und Johansen ihre lange Reise über das Eis angetreten hatten. Der Tag wurde durch ein besseres Mittagsmahl mit Kaffee und abends mit einer Punschbowle gefeiert.

Neben den üblichen wissenschaftlichen Beobachtungen, die wir ohne erwähnenswerthe Unterbrechungen fortsetzten, nahmen wir während des Winters auch Lothungen vor, erreichten jedoch mit einer 3000 Meter langen Leine keinen Grund.

Am 13. April nahmen Scott-Hansen und ich eine Beobachtung mit dem Theodoliten und Nordahl eine solche mit dem Sextanten und dem natürlichen Horizont vor. Nach dem Theodoliten war die Breite 84° 11,5', nach dem Sextanten 84° 13'.

Wir hatten vorher festgestellt, daß zwischen dem künstlichen und dem natürlichen Horizont eine Differenz von ungefähr zwei Minuten war. Bei Benutzung des natürlichen Horizonts erhält man, selbst wenn keine Luftspiegelung vorhanden ist, eine höhere Breite, jedoch wird die Abweichung unter günstigen Umständen selten mehr als zwei Minuten betragen. Wenn aber viel Luftspiegelung vorhanden ist, wird es fast zur Unmöglichkeit, ein einigermaßen richtiges Resultat zu erhalten. Bei Beobachtungen im Treibeise muß man daher in der Regel den künstlichen Horizont oder den Theodoliten gebrauchen, wenn man ein sehr genaues Resultat zu erzielen wünscht.

Allmählich wurden die Tage gegen das Frühjahr hin länger, und es bildeten sich mehr Spalten und Rinnen um das Schiff. Es war daher Zeit, an die Vorbereitungen zu denken, um die »Fram« vorwärts zu drängen, sobald sich genügend große Oeffnungen im Eise zeigen sollten. Die auf dem Eise gelagerten Gegenstände waren im Laufe des Winters oft von einer Stelle zur andern geschafft worden, doch war das von wenig Nutzen mehr, als das Eis zerstückelter wurde. Um die Mitte April nahmen wir daher das Winterdepot an Bord und verstauten es im Hauptraum, auch schafften wir die Säcke aus dem Kohlendepot wieder an Bord zurück, während die Tonnen und Fässer, sowie die Hundekuchen, Kajaks und Schlitten vorläufig noch auf dem Eise gelassen wurden. Die Sonne war um diese Zeit schon so stark geworden, daß der Schnee am 19. April auf dem Zelt fortzuschmelzen begann; längs der Schiffsseite war er schon seit mehrern Tagen im Schmelzen begriffen.

Der erste Frühlingsbote, den wir in diesem Jahre sahen, war eine Schneeammer, die sich am Abend des 25. April einstellte. Sie nahm dauernd Aufenthalt in einem der Seehundsboote, wo sie mit Grütze und kleinen Speiseresten gefüttert und bald sehr zahm wurde. Sie schenkte uns mehrere Tage ihre Gegenwart und flog dann weiter.

siehe bildunterschrift

Scott-Hansen. Nordahl.
Eine Sonnenhöhe im Sommer.

Die »Fram« war ihr offenbar eine willkommene Raststätte gewesen, wo sie sich gesättigt und für den Rest der Reise neue Kräfte gesammelt hatte. Am 3. Mai wurden wir wieder von einer Schneeammer besucht, und ein paar Tage später nochmals von zweien. Ich denke mir, daß es unser früherer Gast war, der inzwischen die Gattin gefunden hatte und nun mit ihr zurückkehrte, um uns zu besuchen und uns für die Gastfreundschaft zu danken. Sie blieben etwa eine Stunde bei uns und thaten ihr Bestes, uns durch ihr Zwitschern zu erfreuen; als die Hunde sie aber nicht in Ruhe lassen wollten und sie überall verfolgten, flogen sie endlich davon und kehrten nicht wieder.

Nach den ersten Tagen des Mai entfernten wir das provisorische Deck, das wir über die Davits gelegt hatten, klarten das Hauptdeck auf und nahmen die Seehunds- und die Großboote wieder an Bord. Auch der Landsteg wurde entfernt und durch eine Leiter ersetzt. Dann nahmen wir den Rest des Kohlenlagers, den Hundeproviant und die Schlitten, überhaupt alles, was noch auf dem Eise lag, an Bord. Was uns nun noch zu thun blieb, war, die Maschine bereit zu machen, um Dampf zu erzeugen, und damit begannen wir am 18. Mai.

Die Hunde entwickelten sich in den Ställen auf dem Eise trotz der anhaltenden, starken Kälte sehr gut, und wir hatten sehr wenig Mühe mit ihnen. Jedoch wurden einige der größern Hunde nach dem ersten Monat des neuen Jahres so wild gegen die kleinern, daß wir zwei der schlimmsten Tyrannen an Bord nehmen und eine Zeit lang eingeschlossen halten mußten.

Wo sie Gelegenheit dazu hatten, stifteten sie viel Unheil an. Beispielsweise begannen sie eines Tages die Kajaks anzunagen, die wir auf dem größten der Hundeställe liegen hatten; wir merkten ihr Thun jedoch früh genug, ehe sie ernstlichen Schaden angerichtet hatten, und entfernten den Schnee rund um den Stall, sodaß sie nicht mehr hinaufklettern und das Vergnügen fortsetzen konnten.

Am 10. Februar warf eins der Jungen »Sussi's« wieder Junge. Wir nahmen die Mutter an Bord und legten sie in eine große Kiste mit Hobelspänen. Wir ließen sie nur eins von den fünf Jungen behalten; zwei wurden sofort getödtet, eins war todtgeboren, und das erstgeborene war von der Mutter, der Kannibalin, gefressen worden!

Einige Tage später bekam auch »Kara« Junge. Sie war die einzige unter den Hunden, die mütterliche Gefühle zeigte. Es war geradezu rührend, ihr zuzusehen, und es that uns leid, daß wir ihr die Jungen fortnehmen mußten; allein wir waren gezwungen, sie zu entfernen, nicht nur weil es unmöglich gewesen wäre, sie zu dieser Jahreszeit aufzuziehen, sondern auch, weil die Mutter selbst noch jung und zart und sehr klein war.

siehe bildunterschrift

Ein fideler Photograph.

Zu Anfang März wurden die October-Jungen den ganzen Tag hinausgelassen, und am 5. März brachten wir sie mit den ältern Hunden zusammen unter der Kappe der vordern Raumtreppe unter. Abends wurde der Lukendeckel aufgelegt, und wenn sich während der Nacht das Loch am Rande des Eises mit Schnee füllte, wurde es dagegen in dem Kasten so warm, daß der Reiffrost und das Eis schmolzen und alle Hunde naß wurden. Die jungen Thiere froren, wenn sie morgens herausgelassen wurden, fürchterlich, sodaß wir sie in den Salon hinüberbringen mußten, bis sie wieder trocken geworden waren.

siehe bildunterschrift

Sicherer Hafen: Die »Fram« im Eise.

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