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In Nacht und Eis. Erster Band

Fritjof Nansen: In Nacht und Eis. Erster Band - Kapitel 7
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authorFridtjof Nansen
titleIn Nacht und Eis. Erster Band
publisherF. A. Brockhaus
year1897
firstpub
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Fünftes Kapitel

Die Winternacht.

Es sah wirklich aus, als ob wir jetzt ernstlich eingefroren wären, und ich erwartete nicht, daß die »Fram« eher aus dem Eise wieder herauskommen würde, als bis wir auf der andern Seite des Pols wären und uns dem Atlantischen Ocean näherten. Der Herbst war schon ziemlich weit vorgeschritten, die Sonne stand von Tag zu Tag niedriger am Himmel, und die Temperatur war in stetigem Fallen.

Die lange Winternacht kam heran – die gefürchtete Nacht. Uns blieb nichts zu thun übrig, als uns für sie vorzubereiten, und so verwandelten wir unser Schiff, so gut wir konnten, allmählich in ein behagliches Winterquartier. Gleichzeitig trafen wir alle Vorsichtsmaßregeln, um uns gegen die vernichtenden Einflüsse der Kälte, des Treibeises und der sonstigen Naturkräfte zu sichern, denen wir, wie uns prophezeit war, unterliegen müßten.

Das Steuerruder wurde in die Höhe geholt, damit es nicht durch die Eispressungen zermalmt würde. Dasselbe beabsichtigten wir auch mit der Schraube zu thun, allein da dieselbe mit ihrer eisernen Umkleidung sicherlich zur Verstärkung des Achterendes des Schiffs und besonders des Ruderpfostens dienen würde, so ließen wir sie an ihrer Stelle.

Auch mit der Maschine hatten wir ziemlich viel Arbeit; jeder einzelne Theil derselben wurde herausgenommen, geölt und für den Winter weggelegt; die Schieber, Kolben und Wellen wurden untersucht und gründlich gereinigt. Alles dies geschah mit der allergrößten Sorgfalt.

Amundsen sorgte für die Maschine, als ob sie sein eigen Kind wäre; spät und früh war er unten und wartete ihrer in zärtlicher Weise, und wir pflegten ihn damit zu necken, nur um den herausfordernden Blick seines Auges zu sehen und ihn sagen zu hören:

»Ihr könnt meinetwegen reden, aber es gibt keine zweite solche Maschine in der Welt, und es wäre Sünde und Schande, nicht gut für sie zu sorgen.«

Sicherlich ließ er nichts unversucht, und ich glaube nicht, daß während der ganzen drei Jahre, Winter oder Sommer, ein Tag vorübergegangen ist, an welchem er nicht nach unten gegangen wäre, sie geliebkost und das eine oder andere an ihr gethan hätte.

Im Raume machten wir Platz, um dort eine Tischlerwerkstätte einzurichten; die Mechanikerwerkstelle hatten wir im Maschinenraum, die Schmiede war anfänglich auf Deck und später auf dem Eise; die Klempnerarbeiten wurden meist im Kartenzimmer, die Schuhmacher-, Segel- und verschiedene andere Arbeiten im Salon vorgenommen. Und alle diese Beschäftigungen wurden während der ganzen Dauer der Expedition mit Lust und Liebe ausgeführt.

Von den empfindlichsten Instrumenten bis herab zu den Holzschuhen und Axtstielen gab es nichts, das nicht an Bord der »Fram« gemacht werden konnte. Als wir fanden, daß es uns an einer Lothleine mangelte, wurde auf dem Eise eine großartige Reepschlägerei eingerichtet, die sich als ein sehr nützliches Unternehmen erwies und gute Kundschaft fand.

Jetzt begannen wir auch die Windmühle aufzustellen, die die Dynamomaschine treiben und uns elektrisches Licht liefern sollte. Solange das Schiff in Fahrt war, wurde die Dynamomaschine von der Schiffsmaschine getrieben, allein schon seit langer Zeit hatten wir uns in unsern dunkeln Kabinen mit Petroleumlampen begnügen müssen. Die Windmühle wurde an der Backbordseite auf dem Vorderdeck, zwischen der großen Luke und der Rehling errichtet, doch dauerte es mehrere Wochen, ehe dieser wichtige Apparat in betriebsfähigen Zustand gesetzt war.

Wie bereits auf Seite 59 erwähnt, hatten wir zum Treiben des Dynamo auch ein Göpelwerk mitgebracht, weil ich geglaubt hatte, daß es uns insofern von Nutzen sein könnte, als es uns Bewegung verschaffen würde, wenn es sonst keine körperliche Arbeit für uns gäbe. Allein diese Zeit kam nie, und daher wurde das Göpelwerk nie benutzt. Es gab immer etwas, das uns beschäftigte, und es war auch nicht schwer, für jeden Arbeit zu finden, die ihm genügende Bewegung und so viel Ablenkung verschaffte, daß die Zeit ihm nicht unerträglich lang schien.

Da war die Sorge für das Schiff und die Takelung, die Untersuchung der Segel und des Tauwerks u. s. w.; Proviant aller Art mußte aus den Kisten im Raume geholt und dem Koch übergeben werden; es mußte Eis – gutes, reines Süßwassereis – gesucht und nach der Küche getragen werden, wo es zu Koch-, Trink- und Waschwasser geschmolzen wurde. Ferner gab es, wie bereits erwähnt, in den verschiedenen Werkstätten immer etwas zu thun.

Einmal mußte »Schmied Lars« (Pettersen) die Davits des Großbootes, die im Karischen Meere durch die Wogen verbogen worden waren, wieder gerade machen; dann mußte ein Haken, ein Messer, eine Bärenfalle oder ein anderer Gegenstand geschmiedet werden. Der Klempner, wiederum »Schmied Lars«, hatte einen großen Blecheimer zum Schmelzen des Eises in der Küche zusammenzulöthen. Der Mechaniker, Amundsen, hatte Auftrag, das eine oder andere Instrument, vielleicht einen neuen Strommesser herzustellen; der Uhrmacher, Mogstad, hatte vielleicht einen Thermographen zu untersuchen und zu reinigen oder eine neue Feder in eine Uhr zu setzen, während der Segelmacher Ordre haben konnte, Geschirre für eine Anzahl Hunde anzufertigen.

Ferner mußte jeder sein eigener Schuhmacher sein und sich selbst Segeltuchstiefel mit dicken, warmen Holzsohlen nach dem neuesten »Modell Sverdrup« anfertigen. Dann kam wieder für den Mechaniker Amundsen der Befehl, aus Zinkblech einen Vorrath von neuen Notenscheiben für das Harmonium anzufertigen, die eine nagelneue Erfindung des Leiters der Expedition waren, während der Elektriker die Accumulatoren-Batterien, die in Gefahr des Einfrierens waren, zu untersuchen und zu reinigen hatte.

Als endlich die Windmühle fertig war, mußte sie bedient, nach dem Winde gestellt werden u. s. w. Und wenn der Wind zu stark war, hatte einer an der Mühle hinaufzuklettern und die Segel zu reffen; bei dieser Winterkälte keine sehr angenehme Beschäftigung, die mit vielem Hauchen auf die Finger und Reiben der Nasenspitze verknüpft war.

Hin und wieder kam es auch vor, daß das Schiff ausgepumpt werden mußte, doch wurde dies immer seltener erforderlich, da das Wasser rund herum und in den Fugen des Schiffes gefror. Die Pumpen wurden daher vom December 1893 bis zum Juli 1895 nicht angerührt. Das einzige erwähnenswerthe Leck während dieser Zeit befand sich im Maschinenraume, war aber von keinerlei Bedeutung; es waren nur jeden Monat einige Eimer Eis vom Boden des Schiffes loszuhauen und aufzuhissen.

Zu diesen mannichfaltigen Beschäftigungen kam nun noch als die wichtigste von allen die Vornahme der wissenschaftlichen Beobachtungen, die vielen von uns beständige Thätigkeit verschafften.

siehe Bildunterschrift

Reinigung der Accumulatorbatterie.

Mit der größten Arbeit verknüpft waren natürlich die meteorologischen Beobachtungen, die Tag und Nacht alle vier Stunden und während einer beträchtlichen Zeit sogar alle zwei Stunden angestellt wurden; sie hielten einen, manchmal auch zwei Mann den ganzen Tag in Thätigkeit. Scott-Hansen war die Oberaufsicht über dieses Departement übertragen, und sein regelmäßiger Assistent war Johansen, bis im März 1895 Nordahl an dessen Stelle trat. Bei Nacht wurden die Beobachtungen von demjenigen vorgenommen, der gerade die Wache hatte.

siehe Bildunterschrift

Das Thermometerhaus.

Etwa jeden zweiten Tag stellten Scott-Hansen und sein Assistent, wenn das Wetter klar war, die astronomische Beobachtung an, durch welche der Schiffsort bestimmt wurde. Dies war sicherlich diejenige Arbeit, die von allen Mitgliedern der Expedition mit dem höchsten Interesse verfolgt wurde, und es war durchaus nichts Ungewöhnliches, die Kabine Scott-Hansen's, während er seine Berechnungen machte, von müßigen Zuschauern belagert zu sehen, die das Resultat zu erfahren wünschten, ob und wie weit wir seit der letzten Beobachtung nach Norden oder Süden getrieben waren. Von diesem Resultat hing in hohem Maße die an Bord herrschende Stimmung ab.

Zu bestimmten Zeiten hatte Scott-Hansen auch Beobachtungen vorzunehmen, um die magnetische Constante in diesen unbekannten Regionen zu bestimmen. Diese Beobachtungen wurden anfänglich in einem zu diesem Zwecke besonders errichteten Zelte, das rasch auf dem Eise aufgeschlagen wurde, angestellt; später bauten wir eine große Schneehütte, weil diese nicht nur zweckentsprechender, sondern für den Beobachter auch behaglicher war.

Für den Schiffsarzt bot sich weniger Beschäftigung. Er wartete lange und vergeblich auf Patienten und mußte schließlich die Hoffnung auf solche aufgeben und sich in der Verzweiflung an die Behandlung der Hunde machen. Einmal im Monat hatte er auch seine wissenschaftlichen Untersuchungen vorzunehmen, die darin bestanden, daß er jeden Mann wog, die Blutkörperchen zählte und die Stärke des Blutpigments schätzte, um die Zahl der rothen Blutkörperchen und die Menge des rothen Farbstoffs, des Hämoglobins, im Blute eines jeden festzustellen. Diese Arbeit wurde ebenfalls mit ängstlichem Interesse verfolgt, da jeder aus dem erhaltenen Resultate schließen zu können meinte, wielange es noch dauerte, bis er vom Skorbut befallen würde.

Unter unsern wissenschaftlichen Aufgaben müssen auch erwähnt werden die Bestimmung der Temperatur des Wassers und des Salzgehaltes in verschiedenen Tiefen, die Sammlung und Untersuchung der in diesen nördlichen Meeren gefundenen Thiere, die Bestimmung der Elektricitätsmenge in der Luft, die Beobachtung der Formen, des Wachsthums und der Stärke des Eises, sowie der Temperatur der verschiedenen Eisschichten, die Untersuchung der Meeresströmung unter dem Eise u. s. w. Die Oberaufsicht über dieses Departement hatte ich.

Endlich ist noch die regelmäßige Beobachtung des Nordlichts zu erwähnen, zu dessen Studium wir ausgezeichnete Gelegenheit hatten. Nachdem ich mich eine Zeit lang dieser Arbeit unterzogen hatte, nahm mir Blessing diesen Theil meiner Pflichten ab, und als ich das Schiff verließ, übertrug ich ihm auch alle übrigen Beobachtungen, die mir oblagen.

siehe Bildunterschrift

Eine astronomische Beobachtung.

Einen nicht unbedeutenden Theil unserer wissenschaftlichen Arbeiten bildeten das Lothen und das Fischen mit dem Scharrnetze. Bei größern Tiefen war das eine Aufgabe, bei welcher jeder mithelfen mußte, und bei der Art und Weise, wie wir die Arbeit später verrichten mußten, gab uns eine Lothung manchmal Beschäftigung für mehrere Tage.

An Bord unterschied sich ein Tag nur sehr wenig von dem andern; die Beschreibung eines einzigen ist daher in allen Einzelheiten von irgendwelcher Bedeutung eine Schilderung aller.

Um 8 Uhr standen wir auf und nahmen das Frühstück ein; es bestand aus Hartbrot (Roggen- und Weizenbrot), Käse (holländischem achtpfündigem, Chester, Schweizerkäse und Mysost oder Molkenkäse), in Büchsen eingemachtem gesalzenem Rind- oder Hammelfleisch, Frühstücksschinken oder in Büchsen conservirten Zungen aus Chicago oder geräuchertem Speck, Kabeljau-Kaviar, Anchovis-Rogen, ferner Hafermehl- oder englischem Schiffsbrot nebst Orangen-Marmelade und anderem Fruchtgelée. Dreimal in der Woche hatten wir auch frischgebackenes Brot und oft Kuchen irgendwelcher Art.

Was unser Getränk betraf, so hatten wir anfänglich täglich Kaffee und Chocolade; später bekamen wir jedoch Kaffee nur zweimal, Thee zweimal und Chocolade dreimal wöchentlich.

Nach dem Frühstück hatten einige Leute für die Hunde zu sorgen, ihnen Futter zu geben, das für jedes Thier aus einem halben Stockfisch oder ein Paar Hundekuchen bestand, sie loszumachen oder sonstige Arbeiten zu verrichten, die für sie geschehen mußten. Die Uebrigen machten sich an ihre verschiedenen Aufgaben.

Jeder mußte der Reihe nach eine Woche in die Küche, um dem Koch beim Aufwaschen zu helfen, den Tisch zu decken und aufzuwarten. Der Koch selbst hatte unmittelbar nach dem Frühstück den Speisezettel für das Mittagessen zu entwerfen und sogleich mit den Vorbereitungen dazu zu beginnen. Einige von uns pflegten einen Spaziergang über die Eisschollen zu machen, um frische Luft zu schöpfen und den Zustand und Druck des Eises u. s. w. zu untersuchen.

Um 1 Uhr versammeln sich alle zum Mittagsmahl, das gewöhnlich aus drei Gängen besteht: aus Suppe, Fleisch und Nachtisch, oder Suppe, Fisch und Fleisch, oder Fisch, Fleisch und Nachtisch oder manchmal auch nur aus Fisch und Fleisch. Zum Fleische hatten wir stets Kartoffeln und entweder frische Gemüse oder Maccaroni. Wir stimmten alle darin überein, daß die Verpflegung gut sei; sie würde zu Hause wol kaum besser, vielmehr für einige von uns vielleicht schlechter gewesen sein. Wir sahen aber auch aus wie gemästet; einer oder zwei fingen sogar an, sich ein Doppelkinn und einen Schmeerbauch zuzulegen. In der Regel circulirten bei Tische mit dem Bockbier Geschichten und Scherze.

Nach dem Mittagessen pflegten die Raucher unserer Gesellschaft, wohl gefüttert und zufrieden, sich nach der Küche zu begeben, die auch als Rauchzimmer diente, da der Taback in den Kabinen außer bei festlichen Gelegenheiten verpönt war. Dort vergnügten sie sich mit Rauchen und Plaudern; es wurde manche Geschichte erzählt, und nicht selten erhob sich auch ein hitziger Disput. Dann kam für die meisten von uns eine kurze Siesta, worauf jeder sich wieder an die Arbeit machte, bis wir um 6 Uhr, wenn das regelmäßige Tagewerk vollbracht war, zum Abendessen gerufen wurden.

Das Abendessen war fast dasselbe wie das Frühstück, nur daß als Getränk stets Thee diente. Später wurde wieder in der Küche geraucht, während der Salon sich in einen stillen Lesesaal verwandelte, in welchem von der werthvollen Bibliothek, die edelmüthige Verleger und andere Freunde der Expedition zum Geschenk gemacht hatten, reicher Gebrauch gemacht wurde. Hätten die freundlichen Geber uns hier fern im Norden abends um den Tisch sitzen sehen können, wie die Köpfe in den Büchern und Bildersammlungen vergraben waren, hätten sie wissen können, wie unschätzbar uns diese Gefährten waren, sie würden sich durch das Bewußtsein belohnt gefühlt haben, ein wirkliches Geschenk gemacht und wesentlich dazu beigetragen zu haben, die »Fram« zu der kleinen Oase zu machen, die sie in dieser ungeheuern Eiswüste bildete.

Gegen 7½ oder 8 Uhr wurden Karten oder andere Spiele hervorgeholt, mit denen wir, in Gruppen um den Tisch im Salon sitzend, uns bis tief in die Nacht hinein beschäftigten. Der eine oder andere mußte sich an das Harmonium begeben und mit Hülfe des Kurbelhandgriffs einige unserer schönen Stücke vortragen, oder Johansen holte seine Ziehharmonika herbei und spielte uns viele hübsche Weisen vor. Seine Haupteffecte erzielte er mit »O Susanna« und »Napoleon's Marsch über die Alpen in einem offenen Boote«.

siehe Bildunterschrift

Raucher in der Küche der »Fram«.

Gegen Mitternacht legten wir uns in die Kojen, nachdem die Nachtwache gesetzt war. Jeder hatte eine Stunde lang Wache. Die schwierigste Arbeit auf derselben scheint das Schreiben der Tagebücher und der Ausguck gewesen zu sein, wenn die Hunde bei Anzeichen von in der Nähe befindlichen Bären anschlugen. Außerdem mußte die Wache alle zwei oder vier Stunden in die Tonne steigen oder sich auf das Eis begeben, um im Thermometerhaus die meteorologischen Beobachtungen vorzunehmen.

Ich glaube wol sagen zu können, daß uns die Zeit im ganzen angenehm und unmerklich verging und daß wir uns infolge der uns auferlegten regelmäßigen Gewohnheiten sehr wohl befanden.

siehe Bildunterschrift

Der Salon verwandelt sich in einen Lesesaal.

Am besten werden meine von Tag zu Tag vorgenommenen Aufzeichnungen einen Begriff von unserer Lebensweise in ihrer ganzen Einförmigkeit geben. Es sind keine großen Ereignisse, die hier geschildert sind, sie liefern aber gerade durch ihre Magerkeit ein wahres Bild. So und nicht anders war unsere Lebensweise. Ich werde hier einiges direct aus meinem Tagebuche anführen:

Dienstag, 26. September. Schönes Wetter. Die Sonne steht jetzt viel tiefer; sie befand sich um Mittag 9° über dem Horizont. Der Winter kommt rasch heran. Heute Abend haben wir -26° C, doch finden wir es nicht kalt. Leider zeigen die heutigen Beobachtungen keine besonders große Drift nach Norden; wir sind ihnen zufolge noch auf 78° 50' nördlicher Breite. Gegen Abend wanderte ich auf der Eisscholle umher.

Es gibt nichts so wunderbar Schönes wie die arktische Nacht. Es ist ein Traumland, in den zartesten Tönen gemalt, die man sich denken kann; es ist in Aether verwandelte Farbe. Ein Schatten verschmilzt in den andern, sodaß man nicht weiß, wo der eine endigt und der andere beginnt, und doch sind sie alle vorhanden. Keine Formen; alles ist schwache, träumerisch gefärbte Musik, eine weit entfernte, lang gezogene Melodie auf gedämpften Saiten. Ist nicht alle Schönheit des Lebens erhaben und zart und rein wie diese Nacht? Gebt ihr glänzendere Farben und sie ist nicht mehr so schön.

Der Himmel gleicht einer großen Kuppel, die im Scheitelpunkt blau ist und sich abwärts in Grün, dann in Lila und Violett an den Rändern abschattirt. Ueber den Eisfeldern lagern kalte violettblaue Schatten mit helleren blaßrothen Tinten, wo hier und dort ein Grat den letzten Widerschein des entschwindenden Tages auffängt. Oben im Blau der Kuppel scheinen die Sterne, die den Frieden verkünden, wie es diese unveränderlichen Freunde stets thun. Im Süden steht ein großer rothgelber Mond, umgeben von einem gelben Ringe und leichten goldenen Wolken, die vor dem blauen Hintergrunde schweben.

Jetzt breitet das Nordlicht über das Himmelsgewölbe seinen glitzernden Silberschleier aus, der sich nun in Gelb, nun in Grün, nun in Roth verwandelt; er breitet sich aus und zieht sich wieder zusammen in ruheloser Veränderung, um sich dann in wehende vielfältige Bänder von blitzendem Silber zu theilen, über welche wellenförmige glitzernde Strahlen dahin schießen; dann verschwindet die Pracht. Im nächsten Augenblicke erschimmert sie in Flammenzungen gerade im Zenith, dann wieder schießt ein heller Strahl vom Horizont gerade empor, bis das Ganze im Mondschein fortschmilzt. Es ist, als ob man den Seufzer eines verschwindenden Geistes vernähme. Hier und dort sind noch einige wehende Lichtstrahlen, unbestimmt wie eine Vorahnung – sie sind der Staub von dem glänzenden Gewande des Nordlichts. Aber jetzt nimmt es wieder zu, es schießen weitere Blitze empor, und das endlose Spiel beginnt aufs neue. Und während der ganzen Zeit diese Todtenstille, eindrucksvoll wie die Symphonie der Unendlichkeit.

Ich habe nie die Thatsache begreifen können, daß diese Erde eines Tages vergehen und öde und leer sein soll. Wozu in diesem Falle denn all diese Schönheit, wenn kein Geschöpf vorhanden ist, um sich daran zu erfreuen? Jetzt beginne ich zu verstehen. Dies ist die zukünftige Erde – hier sind Schönheit und Tod. Aber zu welchem Zwecke? O, was haben alle diese Himmelskörper zu bedeuten? Lest die Antwort, wenn ihr könnt, am sternenbedeckten blauen Firmament!

Mittwoch, 27. September. Graues Wetter und starker Wind aus Südsüdwest.

Nordahl, der heute als Koch fungirt, mußte etwas Pökelfleisch, das, in einen Sack gerollt, zwei Tage in die See versenkt worden war, heraufholen. Sobald er es anfaßte, schrie er entsetzt, es sei von krabbelnden Thieren bedeckt, ließ den Sack fallen und sprang davon, während die Thiere sich rundherum nach allen Richtungen zerstreuten. Sie erwiesen sich als »Sandhüpfer« (Flohkrebse), die sich einen Weg ins Fleisch hinein gefressen hatten. Es waren ihrer eine Unmenge, sowol innerhalb als auch außerhalb des Sackes. Eine angenehme Entdeckung; wir brauchen also nicht zu verhungern, solange solche Nahrung zu bekommen ist, wenn man einen Sack ins Wasser hängt.

Bentsen ist der Spaßvogel der Expedition; er führt stets einen lustigen Streich aus. Soeben kommt einer der Leute herangestürzt und steht vor mir in respektvoller Erwartung, daß ich mit ihm sprechen würde. Bentsen hatte ihm gesagt, daß ich nach ihm verlangt hätte. Es wird nicht lange dauern, bis er sich wieder einen neuen Streich ausgesonnen hat.

Donnerstag, 28. September. Schneefall und Wind. Heute ist für die Hunde der Tag der Erlösung gekommen; bisjetzt haben sie wirklich ein melancholisches Leben an Bord geführt, da sie, seitdem wir Chabarowa verlassen haben, angebunden gewesen sind. Die stürmischen Wogen haben sich über sie ergossen, sie sind vom Wasser auf Deck hin und her gerollt worden, haben sich in den Koppeln fast strangulirt, sind jedesmal, wenn das Deck gewaschen wurde, mit dem Schlauch besprengt worden, sind seekrank gewesen und haben in schlechtem wie in gutem Wetter an der Stelle liegen müssen, wo das harte Schicksal sie angekettet hatte, ohne weitere Bewegung als das Hin- und Herlaufen, soweit die Kette dies gestattete. So werdet ihr behandelt, ihr prächtigen Thiere, die ihr in der Stunde der Noth unsere Stütze sein sollt! Wenn diese Zeit kommt, werdet ihr, wenigstens eine Weile, den Ehrenplatz erhalten.

Als sie jetzt losgelassen wurden, brach ein wahrer Jubelsturm aus. Sie wälzten sich im Schnee herum, reinigten und rieben sich und stürzten in wilder Freude unter lautem Gebell auf dem Eise umher. Unsere Scholle, die noch vor kurzem so einsam und verlassen gewesen war, bot mit ihrer plötzlichen starken Bevölkerung einen ganz muntern Anblick; das Schweigen von Jahrhunderten war gebrochen.

Von nun an beabsichtigten wir, die Hunde auf dem Eise anzubinden.

Freitag, 29. September. Dr. Blessing's Geburtstag, dem zu Ehren wir natürlich eine Fete hatten, war unser erstes großes Fest an Bord. Dazu war eine doppelte Gelegenheit vorhanden. Unsere Mittagsbeobachtung zeigte, daß wir uns auf 79° 5' nördlicher Breite befanden, wir hatten also einen weitern Grad überschritten.

Beim Mittagessen hatten wir nicht weniger als fünf Gänge, auch gab es während der Mahlzeit ein sorgsamer als sonst ausgewähltes Concertprogramm. Ich lasse eine Abschrift des gedruckten Menus hier folgen:

»Fram.«

Menue. 29. September 1893.

*

Soupe à la julienne avec des macaroni-nudler.
Potage de poison (tiskepudding) avec des pommes de terre.
Pudding de Nordahl.
Glace du Groenland.
De la Husholdnings-bière de la Ringnæs.
Marmelade (intacte).

*

Music à Diné.

  1. Valse myosotic.
  2. Menuette de Don Juan de Mozart.
  3. Le Troubadoure.
  4. College Hornpipe.
  5. Die letzte Rose de Martha.
  6. Ein flotter Studio Marsch de Phil. Farbach.
  7. Valse de Lagune de Strauss.
  8. Le chanson du Nord (Du gamla, du friska...).
  9. Hoch Habsburg Marsch de Král.
  10. Jøsse Härads Polska.
  11. Vårt Land, vårt Land.
  12. Le chanson de chaseuse.
  13. Les Roses, Valse de Metra.
  14. Fischers Hornpipe.
  15. Traum-Valse de Millöcher.
  16. Hemlandssång. »A le miserable«.
  17. Diamanten und Perlen.
  18. Marsch de »Det lustiga Kriget«.
  19. Valse de »Det lustiga Kriget«.
  20. Prière du Freischütz.

Hoffentlich werden meine Leser zugeben, daß das für die Breite von 79° ein ganz hübsches Gastmahl war; doch hatten wir auch in noch höheren Breiten solcher noch viele an Bord der »Fram«.

Nach dem Mittagsmahl wurden Kaffee und Süßigkeiten gereicht, und nach einem bessern Abendessen als sonst gab es noch Erdbeer- und Citroneneis (alias Granito) und Grog aus Citronensaft ohne Alkohol. Zunächst wurde das Wohl des Helden des Tages in einigen wohlgewählten Worten ausgebracht; dann tranken wir einen Humpen auf den 79. Grad, der unserer Ueberzeugung nach nur der erste von vielen Graden war, die in derselben Weise überwunden werden würden.

siehe Bildunterschrift

Unser Doctor in seiner Kabine.

Sonnabend, 30. September. Ich bin nicht der Ueberzeugung, daß die gegenwärtige Lage der »Fram« für den Winter als gut angesehen werden kann. Die große Scholle an unserer Backbordseite, an welcher wir vertäut liegen, hat ungefähr mittschiffs einen häßlichen Vorsprung, der dem Schiffe im Falle, daß das Eis sich zusammenschieben sollte, eine schwere Quetschung bereiten würde. Wir begannen daher heute, den Dampfer rückwärts in besseres Eis zu verholen. Das ist gerade keine Arbeit, die rasch geht.

Der verhältnißmäßig offene Canal rundherum ist jetzt mit ziemlich dickem Eise bedeckt, das mit Aexten, Eisstöcken und Walroßspeeren aufgehackt und in Stücke zerbrochen werden muß. Dann wird das Gangspill bemannt, und wir winden das Schiff Fuß für Fuß durch die zertrümmerte Scholle.

Die Temperatur ist heute Abend -12,6° C. Ein wundervoller Sonnenuntergang.

Sonntag, 1. October. Wind aus Westsüdwest und mildes Wetter. Wir machen uns einen Ruhetag, was gleichbedeutend ist mit Essen, Schlafen, Rauchen und Lesen.

Montag, 2. October. Wandten das Schiff noch weiter rückwärts, bis wir draußen in der Mitte eines neu gefrorenen Teiches einen guten Platz für dasselbe fanden. An unserer Backbordseite haben wir die große Scholle mit dem Hundelager, in welchem 35 schwarze Hunde auf dem weißen Eise angebunden sind. Diese Scholle hat ihre niedrige, aber keineswegs bedrohliche Kante uns zugewandt.

Auch an Steuerbord haben wir gutes flaches Eis, während sich zwischen dem Schiffe und den Schollen auf beiden Seiten die neugefrorene Eisfläche befindet. Diese hat sich durch das Winden des Schiffes ebenfalls unter dem Boden desselben zusammengeschoben, sodaß die »Fram« wie in einem guten Bette liegt.

Nachmittags, als Sverdrup, Juell und ich im Kartenzimmer saßen und Tauwerk zu einer Lothleine zusammensplißten, stürzte Peder Hendriksen, unser Harpunierer, mit dem Rufe herein:

»Ein Bär, ein Bär!«

Ich ergriff meine Büchse und sprang hinaus.

»Wo ist er?«

»Dort, an Steuerbord, in der Nähe des Zeltes; er kam gerade auf dasselbe zu; beinahe hätte er es gefaßt.«

Und richtig, dort war er, groß und gelb, das Geschirr des Zeltes beschnüffelnd. Scott-Hansen, Blessing und Johansen rannten mit der größtmöglichen Schnelligkeit dem Schiffe zu. Ich sprang auf das Eis hinab und eilte hin, brach ein, taumelte, fiel und war wieder auf den Beinen.

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Unser Hundelager auf dem Eise.

Inzwischen hatte der Bär sein Schnüffeln beendet und war wahrscheinlich zu der Ueberzeugung gekommen, daß eine eiserne Schaufel, ein Eisstock, eine Axt, einige Zeltpflöcke und ein Leinwandzelt keine allzuverdauliche Nahrung selbst für einen Bärenmagen sein würden; wenigstens folgte er mit mächtigen Schritten der Spur der Flüchtlinge. Dann bekam er mich zu sehen und blieb verwundert stehen, als ob er dächte: »Was für ein Insekt mag das wol sein?« Ich näherte mich ihm bis auf bequeme Schußweite; er stand still und blickte mich scharf an. Endlich drehte er ein wenig den Kopf, und ich schickte ihm eine Kugel in den Nacken. Ohne ein Glied zu rühren, sank er langsam auf das Eis hin.

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Blessing schleicht auf den Fußspitzen davon.

Nunmehr ließ ich einige von den Hunden los, um sie an diese Art Sport zu gewöhnen; allein sie bewiesen einen beklagenswerthen Mangel an Interesse dafür. Selbst »Kvik«, auf der alle unsere Hoffnungen in Bezug auf die Bärenjagd beruhten, sträubte sich und näherte sich dem todten Thiere nur sehr langsam und vorsichtig, den Schweif zwischen den Beinen – ein trauriger Anblick.

Nun muß ich aber die Geschichte der Anderen erzählen, die zuerst die Bekanntschaft des Bären gemacht hatten.

Scott-Hansen hatte heute begonnen, sein Beobachtungszelt in einiger Entfernung vom Schiffe am Steuerbordbug aufzustellen, und hatte am Nachmittage Blessing und Johansen veranlaßt, ihm zu helfen. Während sie eifrig bei der Arbeit waren, erblickten sie den Bären nicht weit von ihnen gerade am Buge der »Fram«.

»Still! Seid ruhig, damit wir ihn nicht erschrecken«, sagt Hansen.

»Ja, ja.« Und sie ducken sich zusammen und blicken nach ihm hin.

»Ich glaube, ich versuche es lieber, mich an Bord zu stehlen und ihn zu melden«, bemerkt Blessing.

»Ich glaube es auch«, antwortet Hansen. Und Blessing schleicht auf den Fußspitzen davon, um den Bären nicht zu erschrecken.

Mittlerweile hat Meister Petz sie gesehen und gewittert; seiner Nase folgend kommt er herangetrottet, gerade auf sie los.

Nun wurde Hansen seiner Furcht, den Bären zu erschrecken, allmählich Meister, während der Bär den nach dem Schiffe davonschleichenden Blessing in Sicht bekommen hat und ihn verfolgt.

Blessing war jetzt um die Nerven des Bären ebenfalls weit weniger bekümmert als vorher. Ungewiß, was er thun sollte, blieb er stehen. Ein Augenblick des Nachdenkens brachte ihn jedoch zu der Ueberzeugung, daß es in diesem Moment angenehmer sei, zu Dreien, anstatt allein zu sein, und so begab er sich zu den andern schneller wieder zurück, als er von ihnen gegangen war. Der Bär folgte ihm mit ziemlich großer Geschwindigkeit.

Hansen gefiel die Geschichte nicht, und er hielt die Zeit jetzt für gekommen, eine List zu versuchen, die er in einem Buche empfohlen gefunden hatte. Er erhob sich zu seiner ganzen Höhe, schlug mit den Armen umher und schrie, von den andern aufs beste unterstützt, mit der vollen Kraft seiner Lungen. Allein den Bären ließ dieses Manöver kalt, und er kam näher. Die Sache wurde kritisch.

siehe Bildunterschrift

Scott-Hansen's Beobachtungszelt auf dem Eise.

Jeder griff nach einer Waffe: Hansen erwischte einen Eisstock, Johansen eine Axt und Blessing nichts. Dabei schrien sie mit voller Kraft »Bär! Bär!« und machten sich nach dem Schiffe davon, so rasch sie nur laufen konnten. Aber der Bär behielt seinen stetigen Kurs nach dem Zelte bei und untersuchte dort erst alles (wie wir gesehen haben), ehe er ihnen folgte.

Es war ein mageres Männchen. Das einzige, was in seinem Magen gefunden wurde, als wir ihn öffneten, war ein Stück Papier mit der Firma »Lütken und Mohn«; es war die Umhüllung eines Ski-Lichtes und war von einem von uns irgendwo auf dem Eise zurückgelassen worden. Seit diesem Tage wollten einige der Expeditionsmitglieder das Schiff nicht verlassen, ohne sich bis an die Zähne zu bewaffnen.

Mittwoch, 4. October. Gestern und heute nordwestlicher Wind. Gestern hatten wir -16º, heute -14º C.

Ich habe mich den ganzen Tag mit Lothen beschäftigt und bin bis auf ungefähr 1460 Meter Tiefe gekommen. Die Grundproben bestanden aus einer Schicht grauen Thons von 10-11 Centimeter Stärke und darunter aus braunem Thon oder Schlick.

Die Temperatur war, seltsam genug, auf dem Grunde etwas über dem Gefrierpunkt (+0,18º C) und 150 Meter höher etwas darunter (-0,4º C). Diese Thatsachen beseitigen so ziemlich die Sage von einem seichtem Polarbecken und von der außerordentlichen Kälte des Wassers im Eismeere.

Während wir nachmittags die Leine einholten, barst das Eis dicht hinter der »Fram«, und der Riß nahm so schnell an Breite zu, daß drei von uns, die hingegangen waren, um die Eisanker zu bergen, sich gezwungen sahen, mittels eines langen Brettes eine Brücke herzustellen, um nach dem Schiffe zurückzugelangen. Später am Abend traten einige Schiebungen im Eise ein, und es öffneten sich hinter dem ersten Riß noch mehrere neue Rinnen.

Donnerstag, 5. October. Während ich mich heute Morgen eben vor dem Frühstück ankleidete, stürzte der Steuermann herbei und meldete mir, daß ein Bär in Sicht sei.

Bald war ich an Deck, wo ich den Bären von Süden her, leewärts von uns, herankommen sah. Er war noch eine ziemliche Strecke entfernt, stand aber still und blickte um sich. Im nächsten Augenblick legte er sich hin, worauf Hendriksen und ich über das Eis aufbrachen und so glücklich waren, ihm aus einer Entfernung von etwa 300 Meter eine Kugel in die Brust zu jagen, gerade als er im Begriffe war, sich davonzumachen.

Wir machen jetzt alles für den Winter und die Eispressungen bereit. Heute Nachmittag nahmen wir das Ruder auf. Schönes Wetter, aber kalt, um 8 Uhr abends -18° C.

Das Resultat der heutigen ärztlichen Untersuchung war die Entdeckung, daß wir immer noch Wanzen an Bord haben. Aber ich weiß nicht, was wir dagegen thun sollen; wir haben jetzt keinen Dampf mehr und müssen unsere Hoffnung auf die Kälte setzen.

Ich muß gestehen, diese Entdeckung macht mich ganz krank. Wenn die Wanzen in unsere Winterpelze gelangen, ist die Sache hoffnungslos. Am nächsten Tage fand daher ein regelrechtes Reinigungsfest nach den allerstrengsten antiseptischen Vorschriften statt. Jeder hatte seine alten Kleidungsstücke bis auf den letzten Flicken abzuliefern, sich zu waschen und von Kopf bis zu Fuß neue Kleider anzuziehen. Alle alten Kleidungsstücke, Pelzdecken und ähnliche Gegenstände wurden vorsichtig an Deck getragen und den ganzen Winter über dort gelassen. Das war mehr, als selbst diese Thiere vertragen konnten: 53° C Kälte erwies sich als zu viel für sie, denn wir sahen nichts mehr von ihnen. Das ist, wie man die Wanze in einem volksthümlichen Verse singen läßt:

Werft mich in einen Kessel, kocht mich mit aller Macht,
Doch niemals laßt mich draußen in kalter Winternacht!

Freitag, 6. October. Kalt, bis zu 24º C unter Null. Heute haben wir mit der Aufstellung der Windmühle begonnen. Das Eis hat sich nördlich vom Heck der »Fram« zusammengeschoben.

Da die Hunde erfrieren würden, wenn wir sie angebunden halten und ihnen keine Bewegung verschaffen, haben wir sie heute Nachmittag von den Ketten gelöst und wollen versuchen, ob wir sie so lassen können. Selbstverständlich begannen sie sofort miteinander zu kämpfen, und einige der armen Geschöpfe humpelten zerkratzt und zerbissen vom Schlachtfelde. Aber sonst herrschte große Freude; sie sprangen und rannten herum und wälzten sich im Schnee. Abends herrliches Nordlicht.

Sonnabend, 7. October. Immer gleich kalt bei demselben nördlichen Winde, den wir während der letzten Tage gehabt haben. Ich fürchte, wir treiben jetzt weit nach Süden.

Vor einigen Tagen befanden wir uns nach unsern Beobachtungen auf 78º 47' nördlicher Breite. Also 16 Minuten nach Süden in weniger als einer Woche, das ist zu viel! Aber wir wollen dies wieder einholen, wir müssen nach Norden. Das heißt, daß wir uns zunächst von der Heimat entfernen, wird aber bald bedeuten, daß wir uns ihr nähern.

Welch ergreifende Schönheit, mit einer Unterströmung von endloser Traurigkeit, liegt in diesen traumhaft erglänzenden Abenden! Die entschwundene Sonne hat eine melancholische Flammenspur hinterlassen. Die Musik der Natur, die jeden Raum erfüllt, ist durchzittert von Wehmuth, weil all diese Schönheit Tag auf Tag, Woche auf Woche, Jahr auf Jahr sich über eine todte Welt ausbreitet. Weshalb? Sonnenuntergänge sind stets ernst, auch zu Hause. Dieser Gedanke macht mir den Anblick hier doppelt köstlich und doppelt ernst.

Im Westen hebt sich rothflammendes Blut von dem kalten Schnee ab. Und zu denken, daß dies das Meer ist, in Ketten, im Tode erstarrt, und daß die Sonne uns bald verlassen wird und wir im Dunkeln bleiben sollen, allein! »Und die Erde war wüst und leer.« Ist dies das Meer, welches kommen soll?

Sonntag, 8. October. Schönes Wetter. Machte auf Schneeschuhen einen Ausflug nach Westen mit allen Hunden im Gefolge. Der Lauf wurde etwas beeinträchtigt durch das salzige Wasser, welches von der Oberfläche des Eises – flachen, neugefrorenen Eises, durchbrochen von älteren unebenen Blöcken, – durch den Schnee emporquillt. Ich setzte mich weit draußen auf einen Schneehaufen, während die Hunde sich um mich drängten, um sich streicheln zu lassen; das Auge wanderte über die große, endlose, einsame Schneeebene – nichts als Schnee, ringsum Schnee!

Die heutigen Beobachtungen brachten uns eine unangenehme Ueberraschung: wir sind jetzt bis auf 78º 35' nördlicher Breite hinab. Doch gibt es dafür eine Erklärung, die einfach genug ist, wenn man alle die nördlichen und nordwestlichen Winde berücksichtigt, die wir in der letzten Zeit gehabt haben, und das offene Wasser nicht fern im Süden von uns. Sobald alles zugefroren ist, müssen wir wieder nach Norden treiben, das kann gar nicht fraglich sein; allein trotzdem ist die Sachlage unangenehm. Einigen Trost finde ich in der Thatsache, daß wir auch ein wenig ostwärts getrieben sind, sodaß wir auf alle Fälle uns mit dem Winde gehalten haben und nicht westlich hinuntertreiben.

Montag, 9. October. Ich fieberte sowol in der letzten Nacht, wie heute; der Himmel weiß, was solcher Unsinn bedeutet.

Als ich heute Morgen die Wasserproben herausholte, entdeckte ich, daß der Wasserschöpfer plötzlich in einer Tiefe von etwas weniger als 150 Meter anhielt. Er war wirklich auf dem Grunde. Wir waren also wieder südlich in seichtes Wasser getrieben.

Als wir das Loth eine kleine Weile auf dem Grunde liegen ließen, sahen wir an der Leine, daß wir in diesem Augenblicke nordwärts trieben. Das war jedenfalls ein schwacher Trost.

Nachmittags – wir saßen gerade müßig und plauderten – entstand ganz plötzlich ein betäubendes Getöse, und das ganze Schiff erzitterte: es war die erste Eispressung. Jeder stürzte an Deck, um zuzusehen.

Die »Fram« verhielt sich wundervoll, wie ich es von ihr erwartet hatte. Mit stetigem Druck schob sich das Eis heran, jedoch mußte es unter uns durchgehen, und wir wurden langsam in die Höhe gehoben. Diese Pressungen wiederholten sich ab und zu den ganzen Nachmittag und waren manchmal so stark, daß die »Fram« mehrere Fuß gehoben wurde; aber dann konnte das Eis sie nicht länger tragen und brach unter ihr entzwei.

Gegen Abend lockerte sich das Ganze wieder, bis wir auf einer ziemlich großen Fläche offenen Wassers lagen, wo wir das Schiff schleunigst an der alten Scholle wieder vertäuen mußten, weil wir sonst abgetrieben wären. Es scheint hier ziemlich viel Bewegung im Eise zu sein. Peder erzählt uns soeben, daß er das dumpfe Knallen starker Pressungen nicht weit entfernt gehört habe.

Dienstag, 10. October. Der Aufruhr im Eise dauert fort.

Mittwoch, 11. October. Heute Nachmittag erhielten wir die schlimme Nachricht, daß »Hiob« todt sei; er war von den andern Hunden zerrissen worden. Man fand ihn eine gute Strecke vom Schiff entfernt. »Suggen« bewachte seine Leiche, sodaß kein anderer Hund herankommen konnte.

Es sind Schufte, diese Hunde; kein Tag vergeht ohne Kampf. Bei Tage ist gewöhnlich einer von uns zur Hand, der Rauferei ein Ende zu machen, aber die Nacht vergeht selten, ohne daß sie über einen ihrer Kameraden herfallen und ihn beißen. Der arme »Barabbas« hat vor Furcht fast den Verstand verloren; er bleibt jetzt an Bord und wagt sich nicht mehr auf das Eis, da er weiß, daß die übrigen Ungeheuer sich gegen ihn wenden würden. Nicht eine Spur von Ritterlichkeit steckt in diesen Kötern; wo ein Kampf stattfindet, stürzt sich die ganze Bande wie wilde Thiere auf den Unterliegenden. Ist es aber nicht vielleicht ein Naturgesetz, daß der Starke, nicht der Schwache, geschützt werden soll? Haben wir menschlichen Wesen nicht vielleicht versucht, die Natur umzukehren, indem wir die Schwachen schützen und unser Mögliches thun, gerade sie am Leben zu erhalten?

Das Eis ist ruhelos, und es gab heute wieder eine ziemlich starke Pressung. Sie beginnt mit einem leisen Krachen und Aechzen längs der Schiffsseite, das allmählich in allen Tonarten lauter wird. Jetzt ist es ein hoher klagender Ton, dann ein Grollen, dann ein Knurren, und das Schiff beginnt, sich aufwärts zu bewegen. Das Geräusch nimmt stetig zu, bis es wie sämmtliche Pfeifen einer Orgel ertönt; das Schiff erzittert und schüttelt sich und erhebt sich in Sprüngen und Sätzen oder wird manchmal langsam gehoben.

Es ist ein angenehmes, behagliches Gefühl für uns, wenn wir auf all diesen Aufruhr horchen und uns dabei der Stärke unsers Schiffes bewußt sind. Manches Schiff wäre schon längst erdrückt worden. Aber bei uns wird das Eis an der Schiffsseite zermalmt, die zertrümmerten Schollen werden haufenweise unter den schweren, unverwundbaren Rumpf gedrängt, und wir liegen wie in einem Bette. Bald beginnt das Geräusch zu ersterben, das Schiff sinkt in seine alte Lage zurück, und dann ist alles wieder so still wie früher.

An mehreren Stellen rund um uns herum hat sich das Eis aufgethürmt, an einer Stelle zu beträchtlicher Höhe. Gegen Abend trat eine Lockerung ein, und wir lagen wieder in einem großen offenen Teich.

Donnerstag, 12. October. Am Morgen trieben wir und unsere Scholle auf blauem Wasser mitten in einer großen offenen Rinne, die sich weit nach Norden hin erstreckte, wo die Luft über dem Horizont dunkel und blau war. Soweit wir von der Tonne aus mit einem kleinen Feldstecher sehen konnten, hatte das offene Wasser kein Ende und es trieben nur hier und dort einzelne Stücke Eis darin. Dies waren außerordentliche Veränderungen.

Ich war ungewiß, ob wir nicht Vorbereitungen treffen sollten, unter Dampf vorwärts zu gehen. Aber vor langem schon hatten wir begonnen, die Maschine für den Winter auseinanderzunehmen, sodaß es längerer Zeit bedürfen würde, sie wieder gebrauchsfähig zu machen. Vielleicht würde es am besten sein, noch etwas zu warten.

Klares Wetter mit Sonnenschein – ein schöner belebender Wintertag –, aber derselbe nördliche Wind. Lotheten und fanden 90 Meter Wasser. Wir treiben langsam südwärts. Gegen Abend schob sich das Eis wieder mit großer Gewalt zusammen, allein die »Fram« vermag ihren Standpunkt zu behaupten. Nachmittags fischte ich in einer Tiefe von ungefähr 50 Meter mit dem Murray'schen Seidennetz Dieses seidene Sacknetz dient dazu, von Booten oder Schiffen nachgeschleppt zu werden und die lebenden Thiere und Pflanzenorganismen in verschiedenen Tiefen zu fangen. Wir gebrauchten es während unsers Treibens beständig, versenkten es in verschiedene Tiefen und brachten damit oft reiche Beute herauf. und erzielte einen guten Fang, namentlich an kleinen Krustenthieren (Copepoden, Muschelkrebsen, Flohkrebsen u.s.w.) und an einem kleinen arktischen Wurm ( Spadella) der im Meere umherschwimmt.

Es ist ausnehmend schwierig, hier auch nur etwas Fischerei zu treiben. Kaum hat man im Eise eine Oeffnung gefunden, um die Leine hinabgleiten zu lassen, so beginnt das Eis sich wieder zu schließen, und man muß so rasch wie möglich aufholen, damit die Leine nicht eingeklemmt wird und alles verloren geht. Es ist schade, denn hier sind interessante Fischzüge zu machen. Wo die kleinste Oeffnung im Eise ist, sieht man das Phosphoresciren Dieses Phosphoresciren wird hauptsächlich von kleinen leuchtenden Krustenthieren (Copepoden) verursacht. des Wassers; es ist hier keineswegs solcher Mangel an Thierleben, wie man erwarten sollte.

Freitag, 13. October. Jetzt sind wir gerade mitten in dem, wovor die Propheten uns so sehr bange machen wollten. Das Eis preßt und schiebt sich mit donnerartigem Getöse rund um uns herum. Es thürmt sich zu langen Mauern und zu Haufen auf, die hoch genug sind, um ziemlich weit an der Takelung der »Fram« hinaufzureichen. Es versucht in der That sein Aeußerstes, um die »Fram« zu Staub zu zermalmen. Wir sitzen hier aber ganz ruhig und gehen nicht einmal hinauf auf Deck, uns all den Wirrwarr anzusehen, sondern plaudern und lachen, wie wenn nichts wäre.

Gestern Abend fand eine fürchterliche Pressung rund um unsere alte Hundescholle statt. Das Eis hatte sich höher als die höchste Spitze der Scholle aufgethürmt und stürzte auf dieselbe herab. Es hat dabei einen Brunnen, in welchem wir bisjetzt gutes Trinkwasser gefunden hatten, verdorben, indem es ihn mit salzigem Wasser gefüllt hat. Ferner war es über unsern Eisanker am Heck und einen Theil der daran befestigten Stahltrosse gefallen und hatte beide so gründlich unter sich begraben, daß wir das Kabel später kappen mußten. Auch bedeckte es unsere Planken und Schlitten, die auf dem Eise standen. Bald darauf geriethen die Hunde in Gefahr, und die Wache mußte alle Mann wecken, um sie zu retten. Schließlich ging die Scholle entzwei.

Heute Morgen bildete das Eis eine Scene melancholischer Verwirrung, die im herrlichsten Sonnenschein erglänzte. Rund um uns waren hohe, steile Eismauern aufgethürmt. Seltsam genug, obwol wir gerade am Rande der stärksten Pressung gelegen hatten, waren wir mit dem Verlust eines Eisankers, eines Stückes Stahltrosse, einiger Planken und sonstiger Holzstücke und der Hälfte eines Samojedenschlittens davongekommen. Auch dieses hätte alles geborgen werden können, wenn wir uns rechtzeitig darum gekümmert hätten. Allein die Leute sind gegen die Eispressungen jetzt so gleichgültig geworden, daß sie, mag es noch so laut donnern, nicht einmal hinausgehen, um nachzusehen. Sie fühlen, daß das Schiff es aushalten kann, und solange dies der Fall ist, kann nichts Schaden leiden als das Eis selbst.

Am Morgen ließ der Druck wieder nach, und bald lagen wir, wie gestern, wieder in einer großen Fläche offenen Wassers. Heute dehnte sich letzteres wiederum weit nach dem nördlichen Horizont aus, wo dunkle Luft, wie immer, die weitere Ausdehnung des offenen Wassers andeutete.

Nun gab ich Befehl, die Maschine wieder zusammenzusetzen, was, sagte man mir, in anderthalb, höchstens zwei Tagen geschehen könnte. Wir müssen nordwärts gehen und sehen, was dort los ist. Ich halte es für möglich, daß dort die Grenze ist zwischen dem Treibeise, in welchem sich die »Jeannette« befand, und dem Packeise, mit welchem wir jetzt südwärts treiben – oder sollte dort am Ende Land sein?

Wir waren lange genug in der Gesellschaft der alten, jetzt zertrümmerten Scholle gewesen und arbeiteten uns daher nach dem Mittagessen eine kleine Strecke rückwärts, da das Eis sich zusammenzuziehen begann. Gegen Abend fing die Pressung wieder im Ernste an und war namentlich um die Ueberreste unserer alten Scholle herum sehr schlimm, sodaß wir uns meiner Meinung nach gratuliren konnten, daß wir sie verlassen hatten.

Offenbar steht die Eispressung hier mit der Flutwelle in Verbindung oder wird vielleicht von derselben verursacht. Sie tritt mit größter Regelmäßigkeit ein; zweimal in 24 Stunden lockert sich das Eis, und zweimal schiebt es sich in dieser Zeit zusammen. Die Pressung war ungefähr um 4, 5 und 6 Uhr morgens und fast genau um dieselbe Stunde nachmittags eingetreten, und in der Pause haben wir stets eine Zeit lang auf offenem Wasser gelegen.

Die sehr starke Pressung in diesem Augenblicke ist wahrscheinlich die Folge der Springflut; am 9., dem ersten Tage der Eispressungen, hatten wir Neumond. Damals war es gleich nach Mittag, als wir sie bemerkten, doch ist es jeden Tag später geworden; jetzt tritt sie um 8 Uhr abends ein.

Die Theorie, daß die Eispressungen in erheblichem Maße durch die Flutwelle hervorgebracht werden, ist schon wiederholt von arktischen Forschern ausgesprochen worden. Wir hatten während der Drift der »Fram« bessere Gelegenheit als die meisten von ihnen, diese Erscheinung zu studiren, und unsere Erfahrungen scheinen keinen Zweifel daran zu lassen, daß die Flut in einem weiten Gebiete die Bewegung und den Druck des Eises veranlaßt. Namentlich ist dies zur Zeit der Springfluten der Fall und bei Neumond mehr als bei Vollmond. Während der zwischenliegenden Perioden war in der Regel wenig oder gar nichts von Eispressungen zu bemerken. Allein diese durch die Flut verursachten Pressungen ereigneten sich nicht während der ganzen Zeit unserer Drift. Wir nahmen sie hauptsächlich im Herbste wahr, als wir uns in der Nachbarschaft des offenen Meeres nördlich von Sibirien befanden, und im letzten Jahre der Expedition, als die »Fram« sich dem offenen Atlantischen Ocean näherte. Weniger bemerkbar waren sie, als wir im Polarbecken waren. Hier traten Pressungen unregelmäßiger ein und wurden hauptsächlich durch den Wind verursacht, der das Eis treibt.

Wenn man sich vorstellt, daß die in einer gewissen Richtung treibenden ungeheuern Eismassen plötzlich auf Hindernisse stoßen, z. B. auf Eismassen, die infolge einer Veränderung des Windes in einer mehr oder weniger entfernten Gegend in entgegengesetzter Richtung treiben, so wird man leicht den ungeheuern Druck begreifen, der entstehen muß.

Solch ein Kampf zwischen den Eismassen ist unleugbar ein großartiges Schauspiel. Man fühlt, daß man sich in Gegenwart titanischer Gewalten befindet, und es ist leicht zu verstehen, daß ängstliche Gemüther in Furcht gehalten werden und das Gefühl haben, als ob vor jenen nichts bestehen könne. Denn wenn das Zusammenschieben ernstlich beginnt, sieht es aus, als ob kein Fleck auf der Oberfläche der Erde unerschüttert bleiben würde.

Zuerst vernimmt man in der großen Wüste ein Geräusch wie das Donnergebrüll eines weit entfernten Erdbebens, dann hört man es, immer näher und näher kommend, an mehreren Stellen. Die schweigende Eiswelt widerhallt vom Donner, die Riesen der Natur erwachen zur Schlacht. Das Eis beginnt ringsumher zu bersten und thürmt sich auf, und ganz plötzlich befindet man sich mitten im Kampfe.

Auf allen Seiten hört man Heulen und Donnern, man fühlt das Eis erzittern und hört es unter den Füßen brüllen; nirgends ist Friede. In dem Halbdunkel sieht man es zu immer näher und näher kommenden hohen Ketten sich aufthürmen und aufwerfen; Schollen von 3, 4 und 5 Meter Dicke bersten und werden übereinander geworfen, als ob sie federleicht wären. Sie sind jetzt ganz nahe, und man eilt fort, um das Leben zu retten; aber plötzlich spaltet sich das Eis vor uns, ein schwarzer Abgrund öffnet sich, aus dem das Wasser emporströmt. Man wendet sich nach einer andern Richtung, allein durch die Dunkelheit kann man eben noch sehen, daß ein neuer Wall von Eisblöcken sich heranbewegt.

Man versucht eine andere Richtung, aber dort ist es ebenso. Rundherum Donner und Brüllen wie von einem ungeheuern Wasserfall, mit Explosionen wie Geschützsalven. Immer näher kommt es heran. Die Scholle, auf der man steht, wird kleiner und kleiner, Wasser strömt darüber hinweg. Es gibt kein Entkommen, als indem man über die rollenden Eisblöcke klettert, um auf die andere Seite des Packeises zu gelangen. Aber der Aufruhr legt sich, das Getöse verhallt und verliert sich allmählich in der Ferne.

Dies ereignet sich hier weit oben im Norden Monat für Monat, Jahr für Jahr. Das Eis spaltet sich und thürmt sich zu Haufen auf, die sich nach allen Richtungen hin ausdehnen. Könnte man die Eisfelder aus der Vogelschau betrachten, so würde es aussehen, als ob sie durch ein Netzwerk dieser zusammengeschobenen Eisketten oder Preßdeiche (wir nannten sie so, weil sie uns sehr an die schneebedeckten Deiche der Heimat erinnerten, wo man sie in vielen Theilen des Landes zur Einzäunung von Feldern anwendet) in Quadrate oder Maschen getheilt seien.

Beim ersten Blick schienen diese durch Eisdruck entstandenen Ketten sich nach jeder möglichen Richtung hin zu erstrecken. Bei näherer Besichtigung glaubte ich aber zu entdecken, daß sie sich nach bestimmten Richtungen wendeten und namentlich, daß sie in rechtem Winkel zu der Richtung des Eisdruckes, der sie hervorgebracht hatte, verliefen.

In den Berichten über arktische Expeditionen liest man oft Beschreibungen von durch Eisdruck entstandenen Ketten und Hügeln, die bis zu 15 Meter hoch sein sollen. Das sind Märchen. Die Verfasser derartiger phantastischer Schilderungen können sich nicht die Mühe gegeben haben, sie zu messen. Während der ganzen Zeit unserer Drift und unserer Märsche über die Eisfelder im fernen Norden habe ich nur einmal einen Eishügel gesehen, der mehr als 7 Meter Höhe hatte. Leider hatte ich keine Gelegenheit, ihn zu messen, doch glaube ich mit Sicherheit sagen zu können, daß er sehr nahe an 9 Meter hoch war. Alle die höchsten Blöcke, die ich gemessen habe – und ihrer waren viele – hatten eine Höhe von 5½ bis 7 Meter, und ich kann mit Bestimmtheit behaupten, daß das Zusammenschieben des Meereises bis zu einer Höhe von mehr als 8 Meter eine sehr seltene Ausnahme bildet. Markham's Bericht läßt ersehen, daß er an der Nordseite von Grinnell- Land Eishügel getroffen hat, die 13 Meter Höhe maßen. Ich bin keineswegs davon überzeugt, daß das nicht in Wirklichkeit Eisberge waren, jedoch ist es zweifelsohne möglich, daß durch heftiges Pressen gegen Land oder etwas ähnliches solche Hügel gebildet werden können. Nach unsern Erfahrungen vermag ich aber an die Möglichkeit ihres Vorkommens auf offener See nicht zu glauben.

Sonnabend, 14. October. Heute haben wir das Ruder wieder angebracht; die Maschine ist ziemlich in Ordnung, und wir sind bereit, nach Norden aufzubrechen, wenn das Eis sich morgen früh öffnet. Es lockert und preßt sich noch immer regelmäßig zweimal im Tage, sodaß wir schon im voraus damit rechnen können. Heute bemerkten wir denselben offenen Kanal nach Norden und darüber hinaus, soweit der Blick reichte, die offene See. Was mag das bedeuten?

Heute Abend war der Eisdruck ziemlich heftig. Die Schollen thürmten sich an der Backbordseite gegen die »Fram« auf und waren ein- oder zweimal nahe daran, über die Rehling zu stürzen. Dann brach aber unten das Eis, sie fielen wieder zurück und mußten schließlich doch unter uns durchgehen.

Das Eis ist nicht dick und kann nicht viel Schaden anrichten, jedoch ist seine Gewalt manchmal eine enorme. Unaufhörlich, ohne Unterbrechung kommen die Massen heran; sie sehen aus, als sei kein Widerstand gegen sie möglich, aber langsam und sicher werden sie an den Seiten der »Fram« zermalmt. Jetzt (8½ Uhr abends) hat das Pressen endlich aufgehört. Ein klarer Abend, funkelnde Sterne und flammende Nordlichter.

Als ich mit dem Schreiben meines Tagebuchs fertig war, mich zu Bette gelegt hatte und in Darwin's »Ueber die Entstehung der Arten« vom Kampf ums Dasein las, hörte ich, daß die Hunde auf dem Eise mehr Lärm als gewöhnlich machten. Ich rief daher in den Salon hinein, es solle jemand hinaufgehen und nachsehen, ob es Bären seien, die die Hunde anbellten.

Scott-Hansen ging und kam sofort mit der Meldung zurück, er glaube, draußen in der Dunkelheit ein großes Thier gesehen zu haben.

»Dann gehen Sie und schießen Sie es!«

Er war sofort bereit dazu und begab sich in Begleitung einiger der andern wieder hinaus. Da erdröhnte auf Deck über meinem Kopfe ein Schuß, dann ein zweiter, und nun folgte Schuß auf Schuß, im ganzen neun.

Johansen und Hendriksen stürzten herunter, um mehr Patronen zu holen, und erklärten, das Thier sei getroffen, es brülle ganz fürchterlich; bis dahin hatten sie aber nur eine unbestimmte große grauweiße Masse draußen in der Dunkelheit zwischen den Hunden sich umher bewegen gesehen. Jetzt wollten sie auf das Eis hinab und dahinter her.

Vier von ihnen machten sich auf und fanden in der That in geringer Entfernung einen Bären mit zwei Schußwunden. Es war ein junges Thier, doch mußte das alte in der Nähe sein, da die Hunde noch immer laut bellten. Nunmehr waren alle fest überzeugt, daß sie zwei Bären zusammen gesehen hätten und daß das andere Thier ebenfalls schwer verwundet sein müsse.

Johansen und Hendriksen hörten in der Ferne stöhnen, als sie später nochmals auf das Eis zurückkehrten, um ein Messer zu holen, das sie an der Stelle liegen gelassen hatten, wo der todte Bär gelegen hatte. Dieser war an Bord geschleppt und sofort abgehäutet worden, ehe er noch Zeit gehabt hatte, in der Kälte zu erstarren.

Sonntag, 15. October. Zu unserer Ueberraschung hatte sich das Eis nach der starken Pressung während der letzten Nacht nicht gelockert, und was noch schlimmer war, es waren auch keine Anzeichen vorhanden, daß es sich am Morgen lockern werde, nun, da wir zum Weiterfahren bereit waren. Als sich etwas später kleine Anzeichen davon wahrnehmen ließen, gab ich Befehl, Dampf zu machen.

Während dies geschah, unternahm ich einen Streifzug über das Eis, um nach Spuren von gestern Abend zu suchen. Ich fand nicht nur solche von dem getödteten Bären und einem größern Thiere, welches die Mutter hätte sein können, sondern auch noch von einem dritten, das schwer verwundet sein mußte, da es sich manchmal auf den Hinterbeinen fortgeschleppt und eine breite Blutspur zurückgelassen hatte.

Nachdem ich den Spuren eine Strecke gefolgt war und überlegt hatte, daß ich keine weitern Werkzeuge bei mir hatte, um das Thier fortschaffen zu können, als meine Hände, hielt ich es für besser, nach dem Schiffe zurückzukehren, um ein Gewehr und Gefährten zu holen, die mir helfen könnten, den Bären an Bord zu schleppen. Auch hegte ich noch die leise Hoffnung, daß das Eis sich inzwischen gelockert haben möchte, sodaß wir, anstatt Wild zu verfolgen, mit der »Fram« nordwärts steuern konnten. Aber dieses Glück war uns nicht beschieden.

Ich legte daher meine Schneeschuhe an und machte mich in Begleitung einiger Hunde und gefolgt von einem oder zwei der Leute auf die Suche nach unserm Bären. In einiger Entfernung kamen wir an die Stelle, wo er die Nacht zugebracht hatte. Eine gräßliche Nacht für das arme Thier! Hier bemerkte ich auch Spuren der Mutter. Man schaudert, wenn man daran denkt, wie sie ihr armes Junges bewacht hat, das durch den Rücken geschossen sein mußte. Bald darauf erreichten wir auch den Krüppel, der sich, so gut er konnte, von uns fort über das Eis schleppte. Als er keinen andern Weg zum Entkommen mehr sah, stürzte er sich in eine kleine Wasseröffnung und tauchte ein um das andere mal unter. Während wir aus einem Tau eine Schlinge herstellten, rannten die Hunde, als wären sie verrückt geworden, um das Loch herum, und nur mit Mühe konnten wir sie davon zurückhalten, dem Bären ins Wasser nachzuspringen.

Endlich waren wir fertig, und als das Thier das nächste mal auftauchte, warfen wir ihm die Schlinge um eine der Tatzen und sandten ihm eine Kugel in den Kopf. Während die andern es nach dem Schiffe schleppten, folgte ich der Spur der Mutter eine Strecke weit, konnte die Bärin aber nicht finden. Ich mußte auch bald umkehren, um zu sehen, ob keine Aussicht sei, daß die »Fram« fort könne, fand aber, daß das Eis sich gerade zu der Zeit, zu der wir in der Regel auf eine Lockerung rechnen konnten, wieder ein wenig zusammengeschoben hatte.

Nachmittags machten Scott-Hansen und ich uns noch einmal hinter der Bärin her. Meiner Erwartung entsprechend, bemerkten wir, daß sie zurückgekehrt und dem Leichenbegängniß ihrer Tochter eine Strecke gefolgt war, dann aber hatte sie sich ostwärts davongemacht, und als es dunkel wurde, verloren wir in dem neu zusammengeschobenen Eise ihre Spur.

Bei dieser Bärenepisode hatten wir nur eines zu bedauern: das Verschwinden der zwei Hunde »Narrifas« und »Fox«. Wahrscheinlich waren sie beim ersten Erscheinen der drei Bären vor Schrecken davongelaufen; möglicherweise waren sie auch verletzt, obwol ich nichts bemerkt habe, was darauf schließen ließe.

Das Eis verhielt sich auch heute Abend ruhig, nur gegen 7 Uhr trat eine leichte Pressung ein.

Montag, 16. October. Das Eis ist ruhig und geschlossen. Die Beobachtungen vom 12. October versetzten uns auf 78° 5' nördlicher Breite. Stetig südwärts, das ist geradezu niederdrückend. Die beiden Ausreißer kehrten heute früh zurück.

Dienstag, 17. October. Anhaltende Bewegung im Eise. Es lockerte sich während der Nacht wieder ein wenig; in einiger Entfernung befand sich an Steuerbordseite eine große Oeffnung. Kurz nach Mitternacht trat starker Eisdruck ein, und zwischen 11 und 12 Uhr morgens kam eine fürchterliche Pressung; seitdem hat es sich wieder etwas gelockert.

Mittwoch, 18. October. Als der Meteorologe Johansen heute Morgen an Deck war und die Thermometer ablas, bemerkte er, daß die Hunde, die jetzt an Bord angebunden werden, etwas auf dem Eise laut anbellten. Er beugte sich über die Heckrehling beim Ruder und sah unter sich, ganz nahe an der Schiffsseite, den Rücken eines Bären. Sofort holte er ein Gewehr, und nach einigen Schüssen fiel das Thier. Später erkannten wir an den Spuren, daß der Bär alle Abfallhaufen rund um das Schiff untersucht hatte.

Etwas später am Vormittage unternahm ich einen Streifzug auf dem Eise. Scott-Hansen und Johansen waren südlich vom Schiffe mit magnetischen Beobachtungen beschäftigt. Es war prachtvolles Wetter mit Sonnenschein. Ich stand neben einem offenen Teiche etwas vor dem Schiffe und untersuchte die Formation und das Wachsthum des neuen Eises, als ich an Bord ein Gewehr abfeuern hörte.

Ich wandte mich um und erblickte eben noch einen Bären, der sich in der Richtung nach den Eishügeln davon machte. Hendriksen hatte ihn von Deck aus gesehen, als er auf das Schiff zu marschirt kam. Als der Eisbär noch wenige Schritte von demselben entfernt war, hatte er Hansen und Johansen bemerkt und war direct auf diese losgegangen. Mittlerweile hatte Hendriksen sein Gewehr geholt, doch versagte dasselbe mehrere male, weil er die unglückliche Liebhaberei hat, das Schloß dermaßen mit Vaseline einzuschmieren, daß die Feder functionirt, als ob sie in grüne Seife gebettet wäre.

Endlich ging der Schuß los, und die Kugel drang dem Bären in schräger Richtung durch Rücken und Brust. Das Thier richtete sich auf den Hinterbeinen auf, focht mit den Vordertatzen in der Luft herum, warf sich dann vornüber und sprang davon, um nach dreißig Schritten niederzustürzen; die Kugel hatte das Herz gestreift.

Hansen sah den Bären erst, als der Schuß losging, stürzte dann hinzu und jagte ihm zwei Revolverkugeln in den Kopf. Es war ein großes Thier, der größte Bär, den wir bisjetzt bekommen hatten.

Gegen Mittag war ich in der Tonne. Trotz des klaren Wetters konnte ich nach keiner Richtung hin Land entdecken. Die weit nach Norden hin reichende Oeffnung war vollständig verschwunden, jedoch hatte sich im Laufe der Nacht eine neue große Rinne ganz nahe bei uns gebildet. Sie dehnt sich von Norden nach Süden aus und trägt jetzt eine Eisdecke.

Die Eispressung beschränkt sich hauptsächlich auf die Ränder dieser Oeffnung und kann zwischen den Mauern von zusammengeschobenem Eis nach beiden Richtungen hin bis zum Horizont verfolgt werden. Nach Osten ist das Eis vollständig ununterbrochen und flach. Wir haben gerade in der schlimmsten Eispressung gelegen. Donnerstag, 19. Oktober. Das Eis hat sich in letzter Nacht wieder ein wenig gelockert.

Am Morgen versuchte ich, mit sechs Hunden eine Schlittenfahrt zu machen. Nachdem es mir gelungen war, sie vor einen Samojedenschlitten zu spannen, setzte ich mich auf und rief ihnen Pr-r-r-r, Pr-r-r-r zu, worauf sie in ganz hübschem Tempo über das Eis jagten. Es dauerte aber nicht lange, da kamen wir an hohes Packeis und mußten wenden. Kaum war dies geschehen, als sie mit blitzartiger Geschwindigkeit nach dem Schiffe zurücksausten, von dem sie auch nicht wieder fortzubringen waren. Immer rund herum jagten sie, von einem Abfallhaufen zum andern.

siehe Bildunterschrift

Meine erste Schlittenfahrt auf eigene Faust.

Wenn ich von dem Fallreep an der Steuerbordseite abfuhr und sie durch Peitschenhiebe auf das Eis hinauszutreiben versuchte, flogen sie um das Heck herum nach dem Fallreep an der Backbordseite. Ich zerrte und fluchte und versuchte alles, was mir nur einfiel; umsonst.

Dann stieg ich ab und versuchte, den Schlitten zurückzuhalten, wurde aber einfach umgerissen und in meinen glatten Robbenfellhosen auf Rücken, Bauch oder Seite, wie es gerade kam, lustig über das Eis geschleift. Wenn es mir gelungen war, sie vor einigen Stücken Packeis oder einem Schmutzhaufen anzuhalten, rannten sie wieder nach dem Steuerbord-Fallreep herum, während ich hinterdrein baumelte und ihnen wüthend zuschwor, ich würde ihnen jeden Knochen im Leibe zerschlagen, wenn ich sie kriegte.

So ging das Spiel weiter, bis sie desselben wahrscheinlich müde waren und dachten, sie könnten zur Veränderung auch einmal den von mir gewünschten Weg gehen. Sie sausten also wunderschön über die flache Scholle, bis ich einen Augenblick anhielt, um sie Athem schöpfen zu lassen. Allein bei der ersten Bewegung, die ich im Schlitten machte, stürzten sie wieder davon und jagten wild den Weg zurück, den wir gekommen waren.

Krampfhaft hielt ich fest und zog und wüthete und brauchte die Peitsche, aber je mehr ich peitschte, desto schneller liefen sie ihren eigenen Weg. Endlich brachte ich sie dadurch zum Anhalten, daß ich meine Beine zwischen den Schlittenkufen in den Schnee steckte und auch einen starken Robbenhaken ins Eis hineintrieb.

Aber als ich einen Augenblick nicht Acht gab, zogen sie an, und ich lag mit meiner Kehrseite da, wo die Beine gewesen waren, während wir mit blitzartiger Schnelligkeit davon jagten, wobei jener schwerere Theil meines Körpers eine tiefe Spur im Schnee zurückließ. So ging das ein über das anderemal. Ich verlor das Brett, auf welchem ich hätte sitzen sollen, dann die Peitsche, meine Handschuhe, die Mütze, und diese Verluste trugen nicht dazu bei, meine Laune zu verbessern.

Ein- oder zweimal war ich vor die Hunde gerannt und hatte versucht, sie mit Gewalt zum Wenden zu bringen, indem ich mit der Peitsche auf sie einhieb. Sie sprangen nach beiden Seiten auseinander und sausten nur um so schneller davon. Dabei wickelten sich die Zügel um meine Knöchel, sodaß ich platt auf den Schlitten geworfen wurde, worauf sie wilder als je davonstürmten.

Das war die erste Erfahrung, die ich bei dem Fahren mit Hunden auf eigene Faust machte, und ich will nicht behaupten, daß ich stolz darauf war. Innerlich gratulirte ich mir; daß niemand meine Heldenthaten mit angesehen hatte.

Nachmittags untersuchte ich das geschmolzene Wasser des neugebildeten bräunlichrothen Eises, von welchem sich ziemlich viel in den Oeffnungen rund herum befand. Wie das Mikroskop erkennen ließ, wurde diese Farbe durch Unmassen kleiner Organismen, hauptsächlich Pflanzen – Diatomeen und Algen – hervorgebracht, von denen einige von ganz besonderer Form waren.

Sonnabend, 21. October. Heute bleibe ich im Schiff wegen Muskelaffection oder Rheumatismus, den ich schon einige Tage in der rechten Seite des Körpers gehabt habe und gegen den der Doctor mich massirt, wobei er meine Schmerzen noch stark vermehrt.

Bin ich wirklich schon so alt und hinfällig geworden, oder ist der Schmerz nur Einbildung? Das Höchste, was ich thun kann, ist umherhumpeln; ich möchte aber gerade wissen, ob ich nicht aufstehen und mit den Besten der andern um die Wette laufen könnte; ich glaube fast, ich könnte es, wenn sich eine gute Gelegenheit dazu böte.

Ein netter arktischer Held von 32 Jahren, der hier in seiner Koje liegt! Habe viele male die Briefe aus der Heimat gelesen, mich in Gedanken nach Hause versetzt und geträumt von der Heimkehr – nach wievielen Jahren? Mit oder ohne Erfolg, was liegt daran!

Ich ließ eine Lothung vornehmen, die über 135 Meter ergab, sodaß wir uns also wieder in tieferem Wasser befinden. Die Lothleine zeigte, daß wir südwestwärts treiben.

Diese stetige Drift nach Süden begreife ich nicht. Es ist in der letzten Zeit nicht viel Wind gewesen, heute ist allerdings etwas Wind aus Norden, aber nicht stark. Was mag wol der Grund dieser Drift sein? Trotz all meiner Studien, all meiner Erwägungen und all meiner Berechnungen kann ich einen südwärts gehenden Strom nicht erklären – die Strömung müßte nördlich sein.

Wenn sie hier südwärts gerichtet ist, wie erklärt sich dann die große offene See, die wir nordwärts durchquert haben? Und die Bai, bis zu deren Ende wir im weitesten Norden dampften? Diese konnten nur durch die nordwärts gehende Strömung entstanden sein, die ich früher angenommen hatte.

Das Einzige, was mich ein wenig irre macht, ist jener westwärts laufende Strom, den wir auf der ganzen Fahrt längs der sibirischen Küste gegen uns hatten. Keinesfalls sind wir im Begriff, südwärts getrieben zu werden, an den Neusibirischen Inseln vorbei, dann westwärts längs der Küste von Sibirien, und darauf nordwärts bei Kap Tscheljuskin vorbei, denselben Weg, den wir gekommen sind! Das wäre zuviel des Guten, gar nicht davon zu sprechen, daß es direct gegen jede Berechnung wäre.

Nun, was macht es? Irgendwohin müssen wir gelangen, hier können wir nicht ewig bleiben. Ende gut, alles gut, sagt man, allein ich möchte doch, daß wir, wohin wir auch gehen, etwas schneller weiter kämen. Auf unserer grönländischen Expedition wurden wir anfänglich auch südwärts getrieben, und doch endete diese gut.

Sonntag, 22. October. Hendriksen lothete heute Morgen und fand 129 Meter Wasser. »Wenn wir überhaupt treiben«, sagte er, »so ist es nach Osten, jedoch scheint fast gar keine Bewegung zu sein.« Heute ist kein Wind. Ich bleibe in meinem Bau.

Montag, 23. October. Noch immer in meiner Höhle. Heute ist das Wasser um 9 Meter weniger tief als gestern. Die Leine weist nach Südwest, was bedeutet, daß wir nordostwärts treiben. Hansen hat die Beobachtungen vom 19. October ab ausgerechnet und findet, daß wir 10 Minuten weiter nach Norden gelangt sein und uns auf 78° 15' nördlicher Breite befinden müssen.

Endlich also macht sich, nun sich der Wind gelegt hat, die nordwärts setzende Strömung bemerkbar. In unserer Nähe haben sich einige Kanäle geöffnet, einer längsseit des Schiffes, ein zweiter voraus, nahe bei der alte Rinne. Nur leichte Anzeichen von Eispressungen am Nachmittage.

Dienstag, 24. October. Zwischen 4 und 5 Uhr morgens trat eine starke Eispressung ein, welche die »Fram« etwas hob. Es sieht aus, als sollten die Eispressungen aufs neue beginnen; wir haben Springflut mit Vollmond.

Heute Morgen öffnete sich das Eis so weit, daß die »Fram« in dem Einschnitte flott wurde. Später schloß dieser sich wieder, und gegen 11 Uhr stellte sich starker Eisdruck ein. Dann kam eine Zeit der Ruhe, aber nachmittags begann die Pressung aufs neue und war von 4 Uhr bis 4 Uhr 30 Minuten heftig. Das Schiff wurde erschüttert und emporgehoben, machte sich aber nicht das Geringste daraus.

Peder gab seine Meinung dahin ab, daß der Eisdruck von Nordosten komme, weil er in dieser Richtung das Getöse herannahen gehört hatte. Johansen ließ das Seidennetz für mich etwa 20 Meter tief hinab; nur mit allergrößter Mühe konnte er es rechtzeitig wieder aufholen, doch brachte es einen guten Fang mit. Ich halte mich noch immer drinnen.

Mittwoch, 25. October. Gestern Abend hatten wir eine fürchterliche Eispressung auszustehen. Ich wachte davon auf und fühlte, wie die »Fram« emporgehoben, erschüttert und umhergeworfen wurde, hörte auch das laute Krachen des Eises, das an den Schiffsseiten zerschellte.

Nachdem ich eine Weile zugehört hatte, schlief ich wieder ein mit dem behaglichen Gefühl, daß es doch gut sei, sich an Bord der »Fram« zu befinden. Es wäre verteufelt ungemüthlich, wenn wir bei jeder Eispressung bereit sein müßten, aufzustehen oder gar mit unsern Bündeln auf dem Rücken wie die »Tegetthoff«-Leute das Schiff zu verlassen.

Es wird jetzt rasch dunkler. So oft wir die Sonne sehen, steht sie niedriger und immer niedriger. Bald wird sie ganz verschwunden sein, wenn sie es nicht schon ist. Der lange dunkle Winter steht vor der Thür, und wir werden uns freuen, wenn der Frühling kommt. Doch hätte das nichts zu bedeuten, wenn wir nur beginnen wollten, uns nordwärts zu bewegen. Jetzt herrschen südwestliche Winde.

Endlich ist auch die Windmühle, die schon seit mehreren Tagen fertig ist, probirt worden; sie arbeitet ausgezeichnet. Heute haben wir wunderschönes elektrisches Licht, obwol der Wind nicht besonders stark ist (5-8 Meter in der Secunde). Elektrische Lampen sind eine großartige Einrichtung!

Welch großen Einfluß das Licht doch auf die Stimmung des Menschen hat! Bei Tisch war heute die Aufhellung derselben bemerkbar; das Licht wirkt auf das Gemüth wie ein Schluck guter Wein.

Und wie festlich sieht der Salon aus! Wir hielten dies für eine gute Gelegenheit, auf die Gesundheit Oskar Dickson's zu trinken, der die Kosten der gesammten elektrischen Beleuchtungsanlage zu tragen übernommen hatte, und wir erklärten ihn für den besten aller guten Kameraden.

Wundervoller Mondschein heute Abend, so hell wie Tageslicht. Daneben Nordlicht, gelb und seltsam aussehend in dem weißen Lichte des Mondes; ein großer Ring um den Mond, und all dies über dem sich weithin ausdehnenden weißen, schimmernden Eise, das sich hier und dort in unserer Nähe infolge der Pressungen hoch aufgethürmt hat.

Und inmitten dieser schweigenden, silberglänzenden Eiswelt dreht die Windmühle ihre dunkeln Schwingen gegen den dunkelblauen Himmel und das Nordlicht. Ein ergreifender Contrast: die Civilisation, die plötzlich einen Einfall in diese gefrorene, geisterhafte Welt macht.

Morgen ist der Geburtstag der »Fram«. Wieviele Erinnerungen ruft der Tag des Stapellaufes vor einem Jahre wach!

Donnerstag, 26. October. Als wir heute Morgen lotheten, fanden wir 300 Meter Wasser. Wir bewegen uns rasch nach Norden – »rechtweisend Norden«, sagt Peder, – und es sieht aus, als ginge die Sache jetzt besser.

Große Feier des Tages, mit Scheibenschießen beginnend. Dann hatten wir ein aus vier Gängen bestehendes köstliches Mittagsmahl, das unsern Verdauungsapparat auf eine schwere Probe setzte. Unter großem und stürmischem Applaus wurde auf die Gesundheit der »Fram« getrunken.

Die Worte des Redners fanden in allen Herzen ein Echo, als er sagte, die »Fram« sei ein so ausgezeichnetes Schiff für unsern Zweck, wie man sich kein besseres denken könne (lauter Beifall). Wir wünschten daher ihr und uns mit ihr ein langes Leben (hört, hört!).

Nach dem Abendessen gab es Erdbeer- und Citronenpunsch, und es wurden unter großer Feierlichkeit und vielen Scherzen die Preise vertheilt, die, mit passenden, zum größten Theile vom Arzte des Schiffes herrührenden Mottos versehen, der Reihe nach in Empfang genommen wurden. Jeder erhielt einen Preis.

Der erste Preisträger wurde mit dem hölzernen Kreuze des Ordens der »Fram« belohnt, das an einem weißen Leinenbande um den Hals zu tragen war, während der letzte einen Spiegel bekam, worin er seine gefallene Größe betrachten konnte. An diesem Abend war das Rauchen im Salon gestattet, und bei Pfeife, Grog und munterm Whist fand der schöne, genußreiche Festtag seinen Abschluß.

Nun ich hier allein sitze, wenden sich meine Gedanken unwillkürlich auf das Jahr zurück, das vergangen ist, seitdem wir oben auf der Plattform gestanden und sie den Champagner gegen den Bug schleuderte mit den Worten: »Fram sei dein Name!« und der feste, schwere Rumpf langsam abwärts zu gleiten begann. Ich hielt sie fest bei der Hand, Thränen traten in die Augen, es kam einem etwas in die Kehle und man konnte kein Wort äußern. Der kräftige Rumpf tauchte in das glitzernde Wasser, ein leichter sonniger Nebel lag über dem ganzen Bilde. Nie werde ich den Augenblick vergessen, als wir dort beisammenstanden und die Scene beobachteten.

Getrennt durch Meer und Land und Eis! Noch liegen Jahre zwischen uns – es ist alles nur die Fortsetzung von dem, was an jenem Tage sich zugetragen hat. Aber wie lange soll es dauern? Ich habe das schwermüthige Gefühl, daß ich die Heimat sobald nicht wieder sehen werde. Wenn ich darüber nachzudenken beginne, weiß ich, daß die Trennung lange dauern kann; und doch will ich es nicht glauben.

Heute nahmen wir auch feierlich Abschied von der Sonne. Um Mittag zeigte sich ihre halbe Scheibe zum letzten male über dem Rande des Eises im Süden, ein abgeplatteter Körper mit mattem rothem Schein, aber ohne Wärme. Jetzt treten wir in die Winternacht ein.

Was wird diese uns bringen? Wo werden wir sein, wenn die Sonne wiederkehrt? – Niemand weiß es zu sagen.

Um uns über den Verlust der Sonne zu trösten, haben wir das wundervollste Mondlicht; der Mond wandelt Nacht und Tag am Himmel herum.

Seltsamerweise ist gerade jetzt wenig Eisdruck, nur gelegentlich eine leichte Pressung. Doch öffnet sich das Eis oft beträchtlich; nach mehreren Richtungen hin sind große Wasserflächen; im Süden waren heute einige von beträchtlicher Größe.

siehe Bildunterschrift

Cand. med. Blessing   Premierlieutenant der Marine Scott-Hansen   Kapitän Sverdrup.
Eine Kartenpartie im Salon

Freitag, 27. October. Die Lothungen ergaben heute Morgen 95 Meter Wasser. Den gestern Nachmittag angestellten Beobachtungen zufolge befinden wir uns 3 Minuten weiter nördlich und ein wenig westlicher als am 19. October.

Die Art und Weise, wie wir hier umhertaumeln, ist gräßlich. Wir müssen in ein Loch gerathen sein, in dem das Eis rundherum mahlt, und können nicht weiterkommen. Die Zeit verfliegt nutzlos, und der Himmel weiß, wie lange das so noch weiter gehen soll. Wenn nur ein tüchtiger Südwind käme und uns nach Norden führte; er risse uns aus der Verlegenheit!

Meine Leute haben heute das Ruder wieder aufgenommen. Während sie nachmittags bei der Arbeit waren, wurde es plötzlich so hell wie der Tag. Eine merkwürdige Feuerkugel kreuzte den Himmel im Westen und leuchtete, wie sie sagten, mit bläulich-weißem Licht.

Johansen rannte in den Salon hinunter, um Scott-Hansen und mir Mittheilung davon zu machen. Er sagte, man könne die hellen Streifen, die die Kugel in ihrer Bahn zurückgelassen habe, noch sehen. Als wir an Deck kamen, nahmen wir einen Lichtbogen im Sternbilde des »Dreiecks« in der Nähe des »Deheb« wahr. Das Meteor war in der Gegend des » α Cygni« im Sternbilde des »Schwans« verschwunden, doch schwebte sein Schein noch lange wie glühender Staub in der Luft.

Niemand hatte die eigentliche Feuerkugel gesehen, da alle ihr den Rücken zugekehrt hatten, und daher konnte auch keiner sagen, ob sie explodirt war. Es ist dies das zweite große Meteor von außergewöhnlichem Glanze, das uns in diesen Regionen erschienen ist.

Das Eis hat eine merkwürdige Neigung, sich zu lockern, ohne daß Pressungen stattgefunden haben, und dann und wann finden wir, daß das Schiff auf offenem Wasser flott ist. Das ist auch heute der Fall.

Sonnabend, 28. October. Nichts von Bedeutung passirt. Mondschein bei Nacht und bei Tage; südwärts noch ein Schimmer von der Sonne.

Sonntag, 29. October. Peder schoß heute Morgen ganz nahe beim Schiffe einen weißen Fuchs. Schon seit einiger Zeit haben wir neuerdings am Morgen Fuchsfährten bemerkt, und an einem Sonntag sah Mogstad auch den Fuchs selbst, der ohne Zweifel regelmäßig gekommen ist, um von den Resten der ausgeweideten Bären zu fressen. Kurz nachdem der erste Fuchs geschossen war, sahen wir noch einen zweiten, der herankam und seinen todten Gefährten gewittert hatte, sich aber bald wieder davon machte und verschwand.

Merkwürdig, daß auf diesem Treibeis so weit vom Lande so viele Füchse sind. Es ist dies aber nicht überraschender, als daß ich Fuchsfährten draußen auf dem Eise zwischen Jan Mayen und Spitzbergen getroffen habe.

Montag, 30. October. Heute ist die Temperatur bis auf -27° C gesunken.

Als ich das Schleppnetz aufholte, das ich gestern versenkt hatte, brachte es zwei Eimer Schlick vom Grunde mit herauf. Ich habe mich den ganzen Tag damit beschäftigt, ihn im Salon in einem großen Bade auszuspülen, um die darin enthaltenen vielen Thiere zu bekommen. Es waren hauptsächlich Seesterne, Medusen ( Astrophyton) Seegurken, Korkpolypen ( Alcyonaria), Würmer, Schwämme, Schalthiere und Crustaceen; sie wurden selbstverständlich alle sorgfältig in Spiritus aufbewahrt.

Dienstag, 31. October. Heute 90 Meter Wassertiefe; die Strömung treibt uns stark nach Südwesten.

Wir haben jetzt schönen Wind für die Mühle, und die elektrischen Lampen brennen den ganzen Tag. Die Bogenlampe unter dem Kajütsoberlicht läßt uns das Fehlen der Sonne vollständig vergessen. O, das Licht ist etwas Herrliches, und das Leben ist trotz aller Entbehrungen schön!

Heute ist Sverdrup's Geburtstag. Am Morgen übten wir uns im Revolverschießen. Natürlich hatten wir ein großartiges Diner von fünf Gängen: Hühnersuppe, gekochte Makrelen, Renthierrippen mit gebackenem Blumenkohl und Kartoffeln, Maccaroni-Pudding und in Milch gedämpfte Birnen, dazu Ringnes-Bier zum Hinunterspülen.

siehe Bildunterschrift

Otto Sverdrup, Kapitän der »Fram«.

Donnerstag, 2. November. Die Temperatur hält sich auf etwa -30° C; man findet es aber nicht sehr kalt, weil die Luft so windstill ist. Wir können das Nordlicht auch bei Tage sehen. Heute Nachmittag 3 Uhr beobachtete ich eine ganz merkwürdige Entfaltung desselben.

Ueber dem südwestlichen Horizonte lag der Schimmer der Sonne. Leichte Wolken waren vorn zusammengeweht, wie eine Staubwolke, die sich über einer entfernten Reiterschar erhebt. Dann schienen dunkle Gazestreifen von der Staubwolke sich zum Himmel emporzuheben, als ob sie von der Sonne kämen, oder vielmehr als ob die Sonne sie vom ganzen Himmel in sich aufsöge. Nur im Südwesten waren diese Streifen dunkel; etwas höher hinauf, weiter von dem Sonnenschimmer entfernt, wurden sie weiß und glänzend wie feine glitzernde Silbergaze. Sie breiteten sich über das Himmelsgewölbe über uns und weithin gegen Norden aus.

Sicherlich hatten sie Aehnlichkeit mit Nordlicht; aber konnten es nicht vielleicht auch leichte Dünste sein, die hoch in der Luft schwebten und das Sonnenlicht auffingen? Ich habe lange gestanden und sie beobachtet. Sie hielten sich ganz merkwürdig ruhig, aber es waren thatsächlich Nordlichter, die sich im Südwesten allmählich in dunkle Wolkenstreifen verwandelten und in der Staubwolke über der Sonne endigten.

Scott-Hansen sah sie später auch, als es dunkel war. Ueber ihre Natur konnte kein Zweifel herrschen. Er hatte den Eindruck, als ob das Nordlicht sich von der Sonne über das ganze Gewölbe ausbreitete, wie die Streifen auf der innern Haut einer Apfelsine.

Sonnabend, 4. November. Für heute war großes Wettlaufen auf dem Eise angekündigt. Die Bahn wurde ausgemessen, abgesteckt und mit Flaggen geschmückt, und der Koch hatte die Preise, Kuchen, vorbereitet, mit Nummern versehen und der Größe nach in gehöriger Weise geordnet.

Es herrschte große Aufregung; jedoch zeigte sich, daß die ganze Mannschaft infolge Uebertrainirens in den letzten Tagen so steif in den Beinen war, daß sich keiner zu bewegen vermochte. Trotzdem bekamen wir unsere Preise. Einem wurden die Augen verbunden, und er entschied, wer den Kuchen haben sollte, auf den gezeigt wurde.

Dieses gerechte Verfahren fand allgemeine Anerkennung, da wir sämmtlich der Meinung waren, daß es weit angenehmer sei, die Preise auf solche Weise zu erhalten, als wenn wir einen Kilometer weit darum hätten laufen müssen.

Sonntag, 5. November. Wiederum Sonntag! Wie die Tage sich doch hinschleppen! Ich arbeite, lese, grüble und träume, klimpere ein wenig auf dem Harmonium und mache in der Dunkelheit einen Spaziergang auf dem Eise.

Im Südwesten liegt tief am Horizont der Abglanz der Sonne, ein dunkles, grelles Roth, wie Blut, von allen schlummernden Wünschen des Lebens durchglüht, tief unten und weit entfernt, wie das Traumland der Jugend. Höher am Himmel geht die Färbung in Orange, darauf in Grün und Blaßblau über, und dann kommt der tiefblaue sternenbesäete, endlose Raum, in dem nie die Dämmerung anbrechen wird.

Im Norden sind schwankende Bogen eines schwachen Nordlichts, jetzt erzitternd wie erwachendes Verlangen, um im nächsten Augenblicke, wie von einem Zauberschlage berührt, gleich Lichtströmen durch das Dunkelblau des Himmels zu stürmen – nie in Ruhe, rastlos gleich dem Menschengeiste.

Ich kann sitzen und schauen und schauen, die Augen entzückt von der traumhaften Glut dort unten im Westen, wo die dünne, blasse Silbersichel des Mondes ihre Spitze in das Blut taucht, und meine Seele wird über den Schimmer hinausgetragen, bis zur Sonne, die jetzt so weit entfernt, – bis zur Heimkehr!

Ist unser Werk gethan, dann fahren wir den Fjord hinauf, so rasch als Segel und Dampf uns nur treiben können. Auf beiden Seiten von uns liegt im Sonnenschein lächelnd die Heimat, und dann ... dann lösen sich die Leiden von tausend Tagen und Stunden in der unaussprechlichen Freude eines Augenblicks! ...

Donnerwetter, war das ein häßlicher Stoß! Ich springe auf und gehe weiter. Wovon träume ich denn! So weit noch vom Ziele; Hunderte und Aberhunderte von Meilen liegen dazwischen, Eis, Land und wieder Eis. Und wir treiben hier im Kreise herum, wie verzaubert, nichts erreichend, nur wartend, immer wartend, und auf was?

Mir träumt', ich läg' im frischen Gras
Am blumigen Wiesenrain;
Erwacht, war in der Einöd' ich.
Verschwunden der Sonnenschein.

Noch einen Blick auf den Heimatstern, denselben, der an jenem Abend über Kap Tscheljuskin stand, dann schleiche ich an Bord, wo die Windmühle sich im kalten Winde dreht und das elektrische Licht durch das Oberlicht der Kajüte in die eisige Einöde der arktischen Nacht hinausstrahlt.

Mittwoch, 8. November. Der Sturm, den wir während der letzten beiden Tage hatten, ist vollständig abgeflaut, und wir haben nicht einmal mehr Wind genug für die Mühle.

In der letzten Nacht versuchten wir, die Hunde auf dem Eise schlafen zu lassen, anstatt sie abends an Bord zu bringen, wie wir in der letzten Zeit gethan hatten. Die Folge davon war, daß wieder ein Hund in der Nacht in Stücke gerissen worden ist. Diesmal ging »Ulabrand«, der alte, braune, zahnlose Bursche, darauf; »Hiob« und »Moses« hatten schon früher dasselbe Schicksal gehabt.

Die Beobachtungen von gestern Abend versetzten uns auf 77° 43' nördlicher Breite und 138° 8' östlicher Länge. Das ist weiter südlich, als wir bisjetzt gewesen sind. Dagegen kann man nichts thun, aber es ist eine traurige Geschichte. Denn daß wir weiter östlich stehen als je zuvor, ist nur ein armseliger Trost.

Jetzt ist wieder Neumond, und wir können daher Eispressungen erwarten. Thatsächlich ist das Eis schon in Bewegung; es begann am Sonnabend sich zu spalten und ist von Tag zu Tag mehr zerbrochen. Die Oeffnungen waren ziemlich groß, und die Bewegung wird immer merkbarer. Gestern trat leichte Eispressung ein, und heute Morgen gegen 5 Uhr bemerkten wir wieder eine. Heute hat sich das Eis neben dem Schiffe geöffnet, sodaß wir beinahe flott sind.

Nun sitze ich hier auf der treibenden Eisscholle und erblicke nur die Sterne über mir. In weiter Ferne sehe ich, wie die Fäden des Lebens sich zu dem verworrenen Gewebe verschlingen, welches sich von dem süßen Morgendämmern ununterbrochen bis zur Todtenstille des ewigen Eises ausdehnt. Ein Gedanke folgt dem andern – du zerpflückst das Ganze, und es ist so klein –, aber hoch über alles ragt der eine Gedanke: Weshalb hast du diese Reise unternommen? ...

Konnte ich anders? Kann der Strom seinen Lauf hemmen und bergauf fließen?

Aus meinem Plane ist nichts geworden. Jener aus Theorien erbaute Palast, den ich in Stolz und Selbstvertrauen allen thörichten Einwendungen zum Trotz ausgerichtet habe, ist beim ersten Windhauche wie ein Kartenhaus zusammengestürzt. Baue die geistreichsten Theorien auf, und du kannst sicher sein, daß die Thatsachen sie allesammt zu Schanden machen werden!

War ich denn so ganz sicher? Ja, zu Zeiten; doch es war Selbsttäuschung, Verblendung. Hinter allen Vernunftgründen lauerte ein geheimer Zweifel. Mir schien, als ob ich immer mehr dazu käme zu zweifeln, je länger ich meine Theorie vertheidigte. Aber nein, über das Beweismittel des sibirischen Treibholzes läßt sich nicht hinwegkommen.

Aber wenn wir uns dennoch auf falscher Fährte befinden, was dann? Nur enttäuschte menschliche Hoffnungen, weiter nichts. Und selbst wenn wir umkommen, was liegt daran in den unendlichen Kreisen der Ewigkeit?

Donnerstag, 9. November. Heute maß ich Temperaturen und sammelte Wasserproben in Tiefen von je 10 Meter von der Oberfläche bis zum Grunde. Die gesammte Wassertiefe betrug 107 Meter. Eine außergewöhnlich gleichmäßige Temperatur von -1,5° C, durch alle Schichten. In derselben geographischen Breite habe ich dies schon früher beobachtet. Also ist es nur Polarwasser hier?

Es herrscht wenig Eisdruck; heute Morgen war etwas Neigung dazu, ebenso heute Abend um 8 Uhr; auch später, während wir Karten spielten, gab es einige Pressungen.

Freitag, 10. November. Heute Morgen nahm ich Untersuchungen der gestrigen Wasserproben mit Thornöe's elektrischem Apparate vor; sie waren hoffnungslos. Es muß dabei absolute Stille an Bord herrschen; die Leute sind sämmtlich aufs dringendste gewarnt, sie schleichen auf den Fußspitzen umher und sprechen miteinander nur im leisesten Flüsterton. Aber im nächsten Augenblicke beginnt jemand an Deck zu hämmern oder im Maschinenraum zu feilen, worauf sofort die Commandostimme des Chefs ertönt und Stille gebietet. Diese Untersuchungen werden mittels eines Telephons angestellt, durch welches man ein sehr schwaches Geräusch hört, das langsam abstirbt; der Augenblick, in welchem es aufhört, muß genau festgestellt werden.

Ich finde hier auf dem ganzen Wege bis zum Grunde merkwürdig wenig Salz im Wasser; es muß mit dem Süßwasser der sibirischen Flüsse vermischt sein.

Heute Morgen war etwas Eisdruck, der fast bis gegen Mittag anhielt; aus mehreren Richtungen hörten wir das Getöse. Nachmittags hatte das Eis sich vollständig gelockert, und es befand sich eine große Oeffnung an der Backbordseite des Schiffes. Um 7½ Uhr begann eine ziemlich starke Eispressung, bei welcher das Eis gegen die Schiffsseite krachte, aber an derselben zermalmt wurde. Gegen Mitternacht hörten wir im Süden das Getöse des Packeises.

Sonnabend, 11. November. Im Laufe des Tages hatten wir etwas Eisdruck.

siehe Bildunterschrift

Aquarellskizze von Fridtjof Nansen.
In der Polarnacht.
F. A. Brockhaus' Geogr.-artist. Anstalt, Leipzig.
(24. Nov. 1893).
Mondring mit Nebenmonden und Andeutung horizontaler Achsen. Oben wird der Ring vom umgekehrten Lichtbogen berührt. Wo der Ring und die vom Monde ausgehende vertikale Achse den Horizont treffen, entstehen Lichtfelder.

Das neugebildete Eis ist ungefähr 40 Centimeter dick, oben hart, unten aber locker und porös. Dieses Eis hat sich in der Nacht vom 27. auf den 28. October zu bilden begonnen, ist also in 15 Tagen 40 Centimeter dick gefroren. Nach meinen Beobachtungen ist es in der ersten Nacht 8 Centimeter und in den drei ersten Nächten zusammen 15 Centimeter dick geworden, sodaß es zu den letzten 25 Centimeter zwölf Tage gebraucht hat.

Selbst diese kleine Beobachtung dient zum Beweise dafür, daß das Wachsthum des Eises sehr leicht vor sich geht, solange die Kruste nur dünn ist, aber mit der zunehmenden Stärke der letztern immer geringer wird, bis es, wie wir später beobachtet haben, bei einer gewissen Dicke ganz aufhört.

Seltsam, daß der Eisdruck heute fast den ganzen Tag angehalten hat. Von der frühern Regelmäßigkeit der Lockerungen keine Spur.

Sonntag, 19. November. Unser Leben verlief seit dem 11. November in der gewöhnlichen monotonen Weise. Der Wind wehte während der ganzen Woche stetig aus Süden, heute ist aber leichte Brise aus Nordnordwest.

Wir hatten mehrere male Eispressungen und hörten das Geräusch derselben im Südosten. Abgesehen davon war das Eis, das sich dicht um das Schiff herum geschlossen hat, ungewöhnlich ruhig. Seit dem letzten starken Eisdruck hat sich wahrscheinlich 3 bis 6 Meter dickes Eis unter uns zusammengeschoben. Bei einer spätern Gelegenheit haben wir 9 Meter tief ins Eis hineingebohrt, ohne die untere Fläche desselben zu erreichen.

Scott-Hansen hat heute eine Beobachtung ausgerechnet, die er vorgestern angestellt hatte, und überraschte uns mit der willkommenen Nachricht, daß wir seit dem 8. November 44 Minuten nach Norden in etwas östlicher Richtung zurückgelegt hätten.

Wir befinden uns jetzt auf 78° 27' nördlicher Breite und 139° 23' östlicher Länge; das ist östlicher als wir bisjetzt gewesen sind. Um alles in der Welt laßt uns nur so fortfahren, wie wir jetzt gehen!

Die »Fram« ist ein warmer, gemüthlicher Aufenthaltsort. Ob das Thermometer 5° oder 30° unter dem Nullpunkt steht, wir haben kein Feuer im Ofen. Die Ventilation ist ausgezeichnet, besonders seitdem wir das Luftsegel aufgezogen haben, das geradezu die Winterkälte durch den Ventilator hinabtreibt. Trotzdem sitzen wir hier warm und behaglich und haben nur eine Lampe brennen.

Ich gehe daher mit dem Gedanken um, den Ofen ganz fortnehmen zu lassen; er ist nur im Wege. Meine Berechnungen haben sich wenigstens so weit, als es sich um den Schutz gegen die Winterkälte handelt, als richtig herausgestellt.

Wir leiden auch nicht viel von der Feuchtigkeit. An einer oder zwei Stellen, namentlich hinten in der Kabine für vier Personen, sammelt sie sich zwar und tropft herab, doch ist das nichts im Vergleich zu dem, wie es gewöhnlich auf anderen Schiffen ist; würden wir den Ofen heizen, so würde sie ganz verschwinden. Sobald ich in meiner Kabine nur ganz kurze Zeit eine Lampe brennen gehabt habe, ist jede Spur von Feuchtigkeit fort. Als wir später, namentlich während des folgenden Winters, Feuer in den Oefen hatten, zeigte sich nirgends, weder im Salon, noch in den kleinen Kabinen, eine Spur von Feuchtigkeit. Wenn irgendetwas auszusetzen war, so war es eher die zu große Trockenheit, da die Täfelung an den Wänden und dem obern Deck austrocknete und erheblich schwand.

Meine Gefährten leisten im Ertragen der Kälte Außerordentliches. Bei einem Thermometerstande von 30° unter Null geht Bentsen, nur mit Hemd und Hose bekleidet, an Deck, um das Thermometer abzulesen.

Montag, 27. November. Der Wind ist vorherrschend südlich gewesen, zuweilen ein wenig östlich. Die Temperatur hält sich noch zwischen 25° und 30° C unter Null; im Schiffsraum ist sie bis auf 24° gefallen.

Mehrfach war es mir aufgefallen, daß die Streifen des Nordlichts die Richtung des Windes verfolgten, gerade von dessen Ausgangspunkte am Horizonte her. Am Donnerstag Morgen, als wir nur sehr leichten Nordostwind hatten, wagte ich aus der Richtung der Streifen sogar vorherzusagen, daß er nach Südost herumgehen würde, was thatsächlich auch geschah.

Im ganzen haben wir in letzter Zeit viel weniger vom Nordlicht gesehen als zu Beginn unserer Drift. Jedoch war täglich etwas Nordlicht, wenn auch nur schwaches; heute Nacht ist es wieder sehr stark.

Während der letzten Tage hatte der Mond manchmal Ringe mit Nebenmonden und Achsen und anderen ziemlich merkwürdigen Erscheinungen. Wenn der Mond so niedrig steht, daß der Ring den Horizont berührt, bildet sich ein helles Lichtfeld, wo der letztere den Ring schneidet; ähnliche Lichtflächen bilden sich auch dort, wo die lothrechte Achse des Mondes den Horizont trifft. Oft sieht man auch schwache Regenbogen in diesen glänzenden Lichtfeldern.

Dem Horizont am nächsten war gewöhnlich Gelb die stärkste Färbung, die dann in Roth und später in Blau überging. Aehnliche Farben konnte man auch an den Nebenmonden unterscheiden. Manchmal sah man zwei große concentrische Ringe; dann konnte man vier Nebenmonde beobachten. Ferner habe ich ein Stück von einem neuen Ringe über dem gewöhnlichen gesehen, der jenen in der Horizontaltangente direct über dem Monde berührte. Wie allgemein bekannt ist, werden diese verschiedenen Ringgebilde um die Sonne, sowie auch um den Mond durch die Strahlenbrechung des Lichtes in den in der Luft schwebenden winzigen Eiskrystallen hervorgebracht.

Am 23. November erwarteten wir bei Vollmond und Springflut Eispressungen, allein das Eis blieb an diesem, sowie an mehreren folgenden Tagen ruhig. Am Nachmittage des Sonnabend, 25. November, hörten wir jedoch das ferne Getöse desselben von Süden her, und seitdem haben wir es jeden Tag aus derselben Richtung wieder vernommen.

Heute Morgen (27. November) war es sehr laut und kam allmählich näher. Um 9 Uhr war es ganz nahe bei uns, und heute Abend hörten wir es wieder in der Nähe. Es sieht jedoch aus, als ob wir jetzt aus der Rinne heraus wären, auf die sich die Eispressungen hauptsächlich beschränken. Vorher waren wir mitten darin. Rundherum ist das Eis ruhig.

Aller Wahrscheinlichkeit nach hat die letzte schwere Pressung das Eis rings um uns sehr stark zusammengeschoben, und die Kälte hat es dann zu einer dicken, starren Masse zusammengefroren, welche großen Widerstand leistet, während das schwächere Eis an anderen Stellen dem Drucke nachgibt.

Die Meerestiefe nimmt stetig zu, während wir nach Norden treiben.

Heute Abend hat Hansen die Beobachtung von vorgestern ausgerechnet und gefunden, daß wir auf 79° 11' nördlicher Breite stehen. Das ist schön, so müßte es weitergehen! Es ist der nördlichste Punkt, den wir bisjetzt erreicht haben, und heute sind wir vermuthlich noch nördlicher. Während der letzten Tage haben wir gute Fortschritte gemacht, und die zunehmende Tiefe scheint eine glückliche Veränderung in der Richtung unserer Drift anzudeuten.

Haben wir am Ende vielleicht doch den richtigen Weg gefunden? Wir treiben täglich etwa 5 Bogenminuten. Das Befriedigendste dabei ist, daß wir in neuerer Zeit, und besonders in den beiden letzten Tagen, nicht viel Wind gehabt haben; gestern hatte er nur eine Geschwindigkeit von 1 Meter in der Secunde, heute ist es ganz windstill, und doch hat die Tiefe in diesen Tagen um 40 Meter zugenommen. Mir scheint, daß hier trotz allem nördliche Strömung ist. Ohne Zweifel erwarten uns noch manche Enttäuschungen, aber weshalb sollen wir uns nicht auch freuen, solange das Glück uns lächelt?

Dienstag, 28. November. Die Enttäuschung hat nicht lange auf sich warten lassen.

Entweder ist in der Beobachtung oder in Hansen's Rechnung ein Fehler, denn eine Jupiter-Höhe, die wir gestern Abend nahmen, zeigt uns, daß wir auf 78° 36' nördlicher Breite stehen. Die heutige Lothung ergab 142 Meter Wasser oder ungefähr dasselbe Resultat wie gestern, und die Lothleine zeigte südwestliche Drift.

Wie ängstlich man auch streben mag, die Dinge mit philosophischem Gleichmuth aufzufassen, man kann doch nicht umhin, sich etwas gedrückt zu fühlen.

Ich versuche, Trost in einem Buche zu finden, und lasse mich ganz von den Lehren der Inder fesseln, von ihrem glücklichen Glauben an transscendentale Mächte, an die übernatürlichen Fähigkeiten der Seele und an ein zukünftiges Leben. O, wenn man jetzt nur ein wenig von einer übernatürlichen Macht zu fassen bekommen und die Winde zwingen könnte, immer aus Süden zu wehen!

Abends begab ich mich in ziemlich düsterer Gemüthsstimmung auf Deck, wurde aber in dem Augenblicke, als ich heraustrat, wie festgebannt.

Da ist das Uebernatürliche für dich – das Nordlicht, das in unvergleichlicher Stärke und Schönheit in allen Farben des Regenbogens über den Himmel blitzt! Selten oder nie habe ich so glänzende Farben gesehen. Die vorherrschende war zuerst Gelb, das jedoch allmählich in Grün hinüberflackerte, worauf sich am untern Ende der Strahlen auf der Unterseite des Bogens ein strahlendes Rubinroth zu zeigen begann, das sich bald über den ganzen Bogen ausbreitete.

Und nun ringelte sich eine feurige Schlange vom fernen westlichen Horizonte her am Himmel empor, immer heller und heller werdend. Sie spaltete sich in drei Theile, die alle strahlend erglänzten. Dann wechselten die Farben. Die Schlange im Süden wurde beinahe rubinroth mit gelben Flecken, diejenige in der Mitte gelb, und diejenige im Norden grünlich-weiß. Zur Seite der Schlangen zuckten Strahlenbündel dahin, als ob sie durch den Aether gleich Wellen vom Sturmwind getrieben würden; sie schwankten hin und her, bald stark, bald wieder schwächer. Bis zum Zenith und über ihn hinaus bewegten sich die Schlangen.

Obwol ich nur dünn bekleidet war und vor Kälte zitterte, konnte ich mich doch nicht losreißen, bis das Schauspiel vorüber war und sich nur noch eine schwach erglühende feurige Schlange in der Nähe des westlichen Horizontes zeigte, wo es begonnen hatte. Als ich später wieder an Deck kam, hatten die Lichtmassen sich nordwärts fortbewegt und sich in unvollständigen Bogen über den nördlichen Himmel ausgebreitet. Wenn jemand aus den Naturerscheinungen geheimnißvolle Bedeutungen herauslesen will, hier bietet sich ihm sicherlich Gelegenheit dazu.

Die Beobachtung am heutigen Nachmittage zeigte uns, daß wir auf 78° 38' 42" nördlicher Breite sind. Das ist ein nichts weniger als rascher Fortgang.

Mittwoch, 29. November. Noch ein Hund ist heute zu Tode gebissen worden: »Fox«, ein hübsches, kräftiges Thier. Er wurde heute Abend hinter dem Heck des Schiffes todt und steif auf dem Eise gefunden, als wir die Hunde hereinholen wollten; »Suggen« that in gewöhnlicher Weise seine Pflicht, indem er den Körper bewachte. Es sind Schufte, diese Hunde. Ich habe aber jetzt Befehl gegeben, daß sie stets von jemand bewacht werden sollen, wenn sie draußen auf dem Eise sind.

Donnerstag, 30. November. Das Loth zeigte heute eine Tiefe von 170 Meter, und es schien nach der Leine, als ob wir nach Nordwest trieben. Es ist fast sicher, daß wir jetzt weiter nördlich getrieben sind. Unsere Hoffnungen steigen, und das Leben sieht sich wieder heller an.

Meine Stimmung gleicht einem Pendel, wenn man sich ein solches Instrument vorstellen kann, das allerhand unregelmäßige Schwingungen hin und her ausführt. Es ist doch nicht gut, wenn man versucht, die Dinge philosophisch aufzufassen, denn ich kann nicht leugnen, daß die Frage, ob wir mit Erfolg oder ohne Erfolg zurückkehren werden, mich tief berührt.

Es ist sehr leicht, mich mit den allerunbestreitbarsten Gründen davon zu überzeugen, daß es darauf ankommt, die Expedition, ob erfolgreich oder nicht, durchzuführen und wohlbehalten wieder nach Hause zu kommen. Ich konnte nichts anderes thun, als sie unternehmen, denn mein Plan war derart, daß ich fühlte, er müsse gelingen, und deshalb war es meine Pflicht, den Versuch zu machen. Aber, wenn er nicht gelingt, ist dann das auch meine Sache? –

Ich habe meine Pflicht erfüllt, ich habe alles gethan, was sich thun ließ, und kann mit gutem Gewissen zu dem friedlichen Glücke, das ich daheim verlassen habe, zurückkehren. Was kann es ausmachen, wenn der Zufall, oder welchen Namen man ihm sonst geben will, den Plan gelingen läßt und unsere Namen unsterblich macht oder nicht? Der Werth des Planes bleibt derselbe, mag der Zufall uns lächeln oder uns zurücktreiben. Und was die Unsterblichkeit anlangt, so ist Glück alles, was wir ersehnen, und dieses ist hier nicht zu finden.

Alles dies kann ich mir tausendmal wiederholen; ich kann mich dahin bringen, aufrichtig zu glauben, daß mir alles gleichgültig ist. Nichtsdestoweniger aber wechselt die Stimmung bei mir wie die Wolken am Himmel, je nachdem der Wind aus dieser oder jener Richtung weht, die Lothungen zunehmende Tiefe zeigen oder nicht und die Beobachtungen eine nördliche oder südliche Drift ergeben. Wenn ich an die vielen Leute denke, die an uns glauben, an Norwegen, an alle die Freunde, die uns ihre Zeit, ihr Vertrauen und ihr Geld schenkten, dann regt sich der Wunsch in mir, daß sie nicht enttäuscht werden möchten, und ich werde traurig, wenn unser Fortgang nicht derartig ist, wie wir erwartet hatten. Und sie, die mir am meisten hingab, verdient sie nicht, daß ihr Opfer nicht vergebens gebracht worden ist? Nein, wir müssen und wollen Erfolg haben!

Sonntag, 3. December. Wieder ist es Sonntag mit seiner Friedensstimmung und mit der Erlaubniß, sich im Traume eines glücklichen Tages zu freuen und die Stunden ohne Gewissensbisse müßig hinzubringen.

Heute erreichten wir mit mehr als 250 Meter Leine keinen Grund. Die Drift war nordöstlich. Nach der gestrigen Beobachtung befinden wir uns auf 78° 44' nördlicher Breite, d.h. 5 Minuten nördlicher als am Dienstag. Es geht schrecklich langsam, aber es geht wenigstens vorwärts, und vorwärts müssen wir, darüber kann gar keine Frage sein.

Dienstag, 5. December. Heute ist der kälteste Tag, den wir bis jetzt gehabt haben, mit einem Thermometerstande von -35,7° C und schneidendem Winde aus Ostsüdost. Die Beobachtung am Nachmittage ergibt 78° 50' nördliche Breite, das ist 6 Minuten nördlicher als am Sonnabend oder täglich zwei Minuten. Nachmittags hatten wir großartiges Nordlicht, glänzende Bogen über das ganze Himmelsgewölbe von Ost nach West. Aber als ich abends an Deck kam, war der Himmel bezogen, und es schien nur ein einziger Stern durch den Wolkenschleier – der Heimatstern. Wie ich ihn liebe! Er ist der erste, den meine Augen suchen, und er ist immer da und bescheint unsern Pfad. Es ist mir, als ob uns nichts Schlimmes zustoßen könnte, solange ich ihn dort sehe ...

Mittwoch, 6. December. Heute Nachmittag barst das Eis hinten an der Steuerbordseite, und heute Abend sehe ich, daß der Riß sich geöffnet hat. Wir können jetzt Eisdruck erwarten, da wir heute oder morgen Neumond haben.

Donnerstag, 7. December. Morgens um 5 Uhr schob sich das Eis etwa eine Stunde lang beim Heck zusammen. Ich lag in meiner Koje und hörte, wie es krachte und mahlte und tobte. Nachmittags trat wieder eine kleine Eispressung ein, doch war sie nicht der Rede werth. Vormittags keine Lockerung des Eises.

Freitag, 8. December. Eispressung heute Morgen von 7 bis 8 Uhr. Als ich nachmittags beim Zeichnen saß, wurde ich plötzlich durch ein Geräusch oder Gekrach erschreckt. Es schien gerade über meinem Kopfe zu sein und klang, als ob große Eismassen aus der Takelung auf das Deck über meiner Kabine gefallen seien. Jeder springt auf und wirft irgendein Extrakleidungsstück über; wer ein Mittagsschläfchen gehalten hat, fliegt aus der Koje bis mitten in den Salon und verlangt laut zu wissen, was passirt sei. Pettersen stürzt in solch wilder Eile die Kajütstreppe hinauf, daß er die Thür aufsprengt und sie dem Steuermann ins Gesicht schlägt, der gerade vor ihr steht und »Kvik« zurückhält, die in ihrem Schrecken ebenfalls von ihrem Lager im Kartenzimmer geflüchtet ist, wo sie ihre Niederkunft erwartet.

An Deck konnten wir weiter nichts gewahren, als daß das Eis in Bewegung war und langsam zu sinken und vom Schiff sich zu entfernen schien. Heute Morgen und gestern hatten sich große Haufen unter dem Heck zusammengeschoben. Die Explosion war wahrscheinlich durch einen heftigen Eisdruck entstanden, der das Eis längs der Seiten des Schiffes plötzlich gelöst hatte, wodurch dieses eine starke Schlagseite (Neigung) nach Backbord bekommen hatte. Krachen von Holz war nicht zu hören; was es also auch sein mochte, die »Fram« konnte nicht beschädigt sein. Aber es war kalt, und wir schlichen wieder hinunter.

Als wir gegen 6 Uhr beim Abendessen saßen, begann plötzlich das Eispressen. Das Eis krachte und brüllte ganz nahe bei uns an den Schiffsseiten entlang so sehr, daß wir keine richtige Unterhaltung mehr führen konnten; wir mußten schreien, und alle waren wir mit Nordahl einverstanden, als er bemerkte, es würde viel angenehmer sein, wenn der Eisdruck seine Thätigkeit auf den Bug beschränken wollte, anstatt uns hier hinten zu belästigen. Mitten in dem Lärm vernahmen wir von dem Harmonium dann und wann einen oder zwei Töne aus Kjerulf's Melodie: »Das Lied der Nachtigall ließ mich nicht schlafen«. Der Wirrwarr draußen dauerte ungefähr zwanzig Minuten, dann war alles still.

Im Laufe des Abends kam Scott-Hansen herunter, um eine wirklich merkwürdige Erscheinung des Nordlichts zu melden.

Das Deck war hell beleuchtet, und der Widerschein des Lichtes spielte überall auf dem Eise. Der ganze Himmel glühte davon, war aber am hellsten im Süden, in welcher Richtung schwankende Feuermassen hoch hinauf loderten. Später kam Scott-Hansen nochmals, um zu berichten, daß das Nordlicht jetzt ganz außerordentlich schön sei.

Worte können die Pracht nicht beschreiben, die sich unsern Augen darbot. Die glühenden Feuermassen hatten sich in glänzende vielfarbige Streifen getheilt, die sich im Süden wie im Norden über den Himmel wanden und durcheinander verschlangen. Die Strahlen funkelten in den reinsten, krystallklaren Regenbogenfarben, hauptsächlich in Violett-Roth oder Carmin und im hellsten Grün. Sehr oft waren die Strahlen des Bogens am Ende roth, verwandelten sich höher hinauf in funkelndes Grün, das ganz oben dunkler wurde, und gingen in Blau oder Violett über, ehe sie im Blau des Himmels verschwanden. Oder auch die Strahlen in ein und demselben Bogen verwandelten sich von Hellroth in Hellgrün und schwankten hin und her, wie vom Sturme getrieben. Es war eine endlose Phantasmagorie von funkelnden Farben und übertraf alles, was man sich nur denken kann.

Manchmal erreichte das Schauspiel einen solchen Höhepunkt, daß einem der Athem stillstand; man glaubte, daß irgendetwas Außergewöhnliches eintreten, daß zum mindesten der Himmel einstürzen müsse. Aber während man noch in athemloser Erwartung dasteht, sinkt die ganze Erscheinung gleichsam mit einigen raschen, leichten Läufen auf der Tonleiter in das leere Nichts zusammen.

Eine solche Entwickelung hat etwas höchst Undramatisches an sich, aber alles geschieht mit solch Vertrauen erweckender Sicherheit, daß man es nicht übelnehmen kann. Man fühlt sich in Gegenwart eines Meisters, der sein Instrument völlig beherrscht. Mit einem einzigen Bogenstrich steigt er von der Höhe der Leidenschaft leicht und elegant zu ruhigen, alltäglichen Weisen hinab, um sich mit einigen weitern Strichen wieder in die Leidenschaft hineinzuarbeiten.

Es scheint, als ob er den Versuch mache, uns zu äffen und zu necken. Wenn wir, von 35° C Kälte getrieben, im Begriff stehen, hinunterzugehen, erzittern wieder solch herrliche Töne über die Saiten, daß wir stehen bleiben, bis uns Nase und Ohren erfroren sind.

Als Finale gibt es eine wilde Entfaltung von Feuerwerk in allen Farbentönen, ein solches überall loderndes Feuer, daß man jede Minute erwartet, alles unten auf dem Eise zu sehen, weil am Himmel kein Platz mehr dafür ist.

Aber ich halte es nicht länger aus. Dünn bekleidet, ohne geeignete Mütze und ohne Handschuhe, habe ich kein Gefühl mehr im Körper und in den Gliedern, und ich krieche daher wieder hinunter.

Sonntag, 10. December. Ein neuer friedlicher Sonntag. Im englischen Kalender ist für diesen Tag als Motto angegeben: »Derjenige ist glücklich, dessen Verhältnisse zu seinem Charakter passen; doch der zeichnet sich noch mehr aus, der seinen Charakter allen Verhältnissen anpassen kann.« (Hume.) Sehr wahr, und genau die Philosophie, die ich in diesem Augenblick befolge. Ich liege beim Lichte der elektrischen Lampe auf meinem Bett, esse Kuchen und trinke Bier, während ich mein Tagebuch schreibe; dann nehme ich ein Buch, um zu lesen und zu schlafen.

Die Bogenlampe beschien heute wie eine Sonne eine frohe Gesellschaft. Jetzt ist es keine Plage mehr für uns, auf unsern schmutzigen Karten Coeur von Carreau zu unterscheiden. Wunderbar, welche Wirkung das Licht ausübt! Ich glaube, ich werde noch Feueranbeter; es ist seltsam genug, daß die Feueranbetung in den Polarländern nicht vorkommt.

Für die Söhne der Menschen
Ist das Feuer das Beste
Und der Anblick der Sonne.

An Bord erscheint eine Zeitung; sie heißt »Framsjaa«. Nach dem Titel der allbekannten Zeitschrift »Kringsjaa« gebildet, was »Ein Blick in die Runde« oder »Rundschau« bedeutet. »Framsjaa« könnte mit »Ausguck von der Fram« übersetzt werden. Unser Doctor ist der verantwortliche Redacteur.

Die erste Nummer wurde heute Abend laut vorgelesen und gab Anlaß zu großer Heiterkeit. Der Inhalt war unter anderm:

 

Winter im Eise.
(Beitrag für die jugendliche »Framsjaa«.)

Fern im eis'gen Norden liegt ein Schiff in Ruh, Jungens,
Masten, Segel, Rahen deckt das Eis fast zu, Jungens;
Aber kommt man 'ran,
Höret man alsdann,
Daß an Bord herrscht Leben noch und Fröhlichkeit, Jungens.
Wer mag das wol sein,
Sich dort zu erfreu'n?
Fridtjof Nansen ist's und seine braven Leut', Jungens.

Abends hört man nichts als hellen Gläserklang, Jungens,
Bei den schmier'gen Karten wird die Zeit nicht lang, Jungens,
Will er »reizen« nicht,
Nordahl in's Gesicht
Sagt zu Bentsen, er sei dumm gleich einem Rind, Jungens.
Bentsen, der nicht faul,
Hält auch nicht das Maul,
Sondern ruft dasselbe Wort ihm zu geschwind, Jungens.

Unter denen, die sehr eifrig sind beim Spiel, Jungens,
Ist auch Heika, Mit diesem Namen wurde an Bord Peder Hendriksen gewöhnlich gerufen. der durch Größe stets auffiel, Jungens;
Er und Lars, sein Freund,
Würden, wie es scheint,
Um das Leben spielen, wär's nicht gar zu schön, Jungens;
Amundsen jedoch,
Der nie spielte noch,
Sieht sie traurig an, um dann zu Bett zu gehen, Anspielung darauf, daß Amundsen das Kartenspiel mehr als alles auf der Welt haßte. Er nannte die Karten »das Gebetbuch des Teufels«. Jungens.

Sverdrup, Blessing, Hansen und der gute Mohn, Scherzname unseres Meteorologen Johansen. Professor Mohn ist ein hervorragender norwegischer Meteorologe. Jungens,
Spiel'n Mariage seit dem ersten Tage schon, Jungens,
Und die Zeit verrinnt
Ihnen sehr geschwind,
Bis dann Hansen sagt: »Ach, Mohn, komm' mit mir nun«, Jungens,
Denn des Nordens Licht
Wartet auf uns nicht.
Und wir beide haben draußen noch zu thun«, Jungens.

siehe Bildunterschrift

Nordahl und Bentsen spielen Karten.

Einen Arzt auch hat man auf der wackern »Fram«, Jungens,
Dessen Kunst noch keiner je in Anspruch nahm, Jungens;
Er hat nichts zu thun,
Als sich auszuruh'n,
Weil ein jeder kräftig ist, stark und gesund, Jungens.
»Nicht nach meinem Sinn
Ist's«, sagt er, »drum bin
Redacteur der Zeitung ich von dieser Stund«, Jungens. –

Warnung!!!

Ich halte es für meine Pflicht, das Publikum vor einem wandernden Uhrmacher zu warnen, der in neuester Zeit in der Nachbarschaft die Runde macht, Uhren zur Reparatur abholt, aber sie ihren Eigenthümern nicht zurückbringt. Wie lange will man das unter den Augen der Behörden noch so weitergehen lassen?

Das Signalement des Uhrmachers ist: Größe: mittel; Haare: blond; Augen: grau; Bart: brauner Vollbart; runde Schultern und im allgemeinen zartes Aussehen.

A. Juell. Das Signalement erwies sich als gefälscht und gab Anlaß zu einem Rechtsstreit, der so lang und verworren war, daß der Raum nicht gestattet, einen Bericht darüber zu geben.

 

Die vorstehend bezeichnete Person war gestern auf unserm Bureau und fragte um Arbeit nach. Wir halten es daher für angebracht, dem Signalement noch folgende Einzelheiten hinzuzufügen:

Die Person geht gewöhnlich mit einer Meute Köter an den Fersen und kaut Taback, wovon die Spuren an ihrem Bart zu sehen sind. Das ist alles, was wir mitzutheilen haben, da wir uns weder für berechtigt noch für berufen hielten, sie unter das Mikroskop zu nehmen.

Redaction der »Framsjaa«.

 

Die gestrige Beobachtung versetzte uns auf 79° 0' nördlicher Breite und 139° 14' östlicher Länge. Endlich waren wir also wieder so weit nördlich gekommen, wie wir Ende September gewesen waren. Die Drift nach Norden scheint jetzt stetig zu sein, zehn Minuten in vier Tagen.

Montag, 11. December. Heute Morgen machte ich einen weiten Ausflug nach Westen. Das Klettern über das zusammengeschobene Eis ist in der Dunkelheit eine schwere Arbeit und ungefähr so, als ob man zur Nachtzeit in einer Moräne von großen Felsblöcken umher klettert. Einmal that ich einen Fehltritt, fiel vornüber und verletzte mich am rechten Knie.

Es ist mild, nur -23° C.

Heute Abend hatte das Nordlicht ein merkwürdiges Aussehen – wie weiße, glänzende Wolken, die, wie ich anfänglich meinte, vom Monde beleuchtet sein müßten, indeß hatten wir noch keinen Mond.

Es waren leichte cumuli oder cirro-cumuli, die sich in einen hellglänzenden makrelenfarbigen Himmel verwandelten.

Ich stand still und beobachtete sie so lange, als meine dünne Kleidung es zuließ; es war kein Zucken bemerkbar, kein Flammenspiel, die Nordlichtwolken segelten ruhig dahin. Das Licht schien am stärksten im Südosten zu sein, wo man auch dunkle Wolken wahrnahm.

Hansen erzählte, es habe sich später wieder nach dem nördlichen Himmel hinüber bewegt; die Wolken kamen und gingen, und eine Zeit lang waren viele glänzend weiße – so weiß wie Lämmchen, wie er sagte – zu sehen, doch spielte kein Nordlicht hinter ihnen.

In den Aufzeichnungen des meteorologischen Journals für diesen Tag finde ich um 4 Uhr nachmittags bemerkt:

»Schwaches Nordlicht im Norden; einige deutliche Abzweigungen oder Sprossen (sie sehen aus wie spitzenähnlich gekräuselte Bänder) an zerstreuten Stellen des Horizonts in Nordnordost.«

In seinem Nordlichtjournal beschreibt Hansen dasjenige des heutigen Abends folgendermaßen:

»Gegen 8 Uhr abends wurde ein Lichtbogen des Nordlichts beobachtet, der sich von Ostsüdost durch den Zenith nach Nordwest ausdehnte; er hatte die gleichmäßige Stärke 3–4, am stärksten in Nordwest. Der Bogen breitete sich vom Zenith in einer Woge nach Süden aus. Um 10 Uhr war ein schwächeres Nordlicht am südlichen Himmel; acht Minuten später dehnte es sich bis zum Zenith aus, und zwei Minuten danach ging ein breiter glänzender Bogen von Stärke 6 durch den Zenith. Nach zwölf Secunden schossen Flammenstrahlen vom Zenith nach östlicher Richtung.

»Während der nächsten halben Stunde war beständig Nordlicht, hauptsächlich in Streifen quer über den Zenith, in der Nähe desselben oder tiefer am südlichen Himmel. Die Beobachtung wurde um 10 Uhr 38 Minuten beendet. Die Intensität war 2, das Licht verbreitete sich über den südlichen Himmel.

»Während der ganzen Zeit waren Cumulus-Wolken von verschiedener Dichtigkeit zu sehen, die beim Beginn der Beobachtung im Südosten aufstiegen und gegen Ende derselben verschwanden; am dichtesten waren sie ungefähr 10 Minuten nach 10 Uhr. Zur Zeit, als der breite glänzende Bogen durch den Zenith seine größte Lichtstärke hatte, erschienen die Cumulus-Wolken im Nordwesten ganz weiß, obwol wir in diesem Viertel keine Nordlichterscheinung zu entdecken vermochten. Gleichzeitig war die Widerspiegelung des Lichtes auf dem Eise eine ziemlich starke. Im Nordlicht erschienen die Cumulus-Wolken von dunklerer Farbe, fast wie das Grau der Wolle. Die Farben des Nordlichts waren gelblich, bläulich-weiß, milchigblau – eine kalte Farbentönung. Nach dem meteorologischen Journal war noch um Mitternacht Nordlicht am südlichen Himmel.«

Dienstag, 12. December. Heute Morgen unternahm ich einen weiten Spaziergang nach Südosten. Das Eis ist dort ziemlich von derselben Beschaffenheit wie im Westen, zusammengeschoben und zu Haufen in die Höhe gepreßt, mit flachen Schollen dazwischen.

Am Abend begannen die Hunde auf Deck plötzlich großen Lärm zu machen, während wir sämmtlich eifrig beim Kartenspiel saßen, einige beim Whist, andere bei Mariage. Ich hatte keine Schuhe an und sagte daher, es soll ein anderer hinaufgehen und nachsehen, was los sei. Mogstad ging. Oben war der Lärm schlimmer und immer schlimmer geworden. Gleich darauf kam Mogstad zurück und berichtete, daß alle Hunde, die die Rehling nur erreichen könnten, hinaufgesprungen seien und in die Dunkelheit hinaus nach Norden bellten. Er sei sicher, es müsse sich dort irgendein Thier befinden, doch sei es vielleicht nur ein Fuchs, da er das Bellen eines solchen weit im Norden gehört zu haben glaube; ganz sicher sei er allerdings nicht. Nun, das mußte ein teufelsmäßiger Fuchs sein, der die Hunde dermaßen in Aufregung brachte!

Als der Lärm nicht aufhörte, ging ich schließlich selbst hinauf, gefolgt von Johansen. Wir schauten von verschiedenen Punkten lange und scharf in die Dunkelheit hinaus in der Richtung, in welcher die Hunde bellten, konnten aber nichts entdecken, was sich bewegte. Daß etwas da sein mußte, war ganz sicher, und ich zweifelte auch nicht, daß es ein Bär sei, weil die Hunde fast außer sich waren. »Pan« blickte mir mit einem ganz merkwürdigen Ausdruck ins Gesicht, als ob er mir etwas Wichtiges zu berichten habe, sprang dann auf die Rehling und bellte nach Norden.

siehe Bildunterschrift

Musikalische Unterhaltung.

Die Aufregung der Hunde war ganz merkwürdig; als damals der Bär ganz nahe an die Schiffsseite gekommen war, waren sie nicht so lebhaft gewesen. Ich gab mich aber zufrieden und bemerkte, daß wir nur einige Hunde loslassen und mit ihnen über das Eis nach Norden gehen wollten. Allein diese elenden Hunde wollen einen Bären nicht angreifen, und außerdem ist es so dunkel, daß wir kaum Aussicht hätten, ihn zu finden. Wenn es ein Bär ist, wird er wiederkommen. Wenn er so hungrig ist, wie gewöhnlich zu dieser Jahreszeit, wird er sich kaum von all dem guten Futter hier an Bord weit entfernen.

Ich schlug die Arme ein paar mal zusammen, um mir ein wenig warm zu machen, und ging dann hinunter zu Bett, während die Hunde zu bellen fortfuhren, manchmal noch lauter als vorher.

Nordahl, der die Wache hatte, ging mehrere male nach oben, konnte aber keinen Grund für das Gebell entdecken. Als ich noch lesend im Bette lag, vernahm ich ein ungewöhnliches Geräusch; es klang, als ob Kisten über Deck geschleift würden, auch hörte ich Kratzen wie von einem Hunde, der hinaus will und hastig an einer Thür scharrt. Dabei fiel mir »Kvik« ein, die im Kartenraum eingeschlossen war. Ich rief daher Nordahl im Salon zu, er möge lieber nochmals nach oben gehen und nachsehen, was dies neue Geräusch zu bedeuten habe. Er that dies, kam aber mit der Nachricht zurück, daß noch immer nichts zu sehen sei.

Es fiel mir schwer, einzuschlafen, und ich warf mich daher noch lange in meiner Koje umher. Als Peder die Wache bekam, befahl ich ihm, hinaufzugehen und das Luftsegel nach dem Winde zu drehen, um die Ventilation zu verbessern. Er war längere Zeit an Deck, um dies und jenes auszuführen, aber auch er wußte keine Ursache für die Unruhe, die die Hunde noch immer zeigten. Dann mußte er nach vorn gehen, wo er bemerkte, daß drei von den Hunden, die sich am nächsten beim Steuerbord-Fallreep befänden, fehlten. Er kam herunter und meldete es mir, und wir stimmten überein, daß dies möglicherweise der Grund der ganzen Aufregung sei. Indeß hatten die Hunde es sich sonst nie so sehr zu Herzen genommen, wenn einige von ihrer Schar davongelaufen waren.

Endlich schlief ich ein, doch hörte ich sie im Schlafe noch lange bellen.

Mittwoch, 13. December. Noch ehe ich heute Morgen völlig wach war, hörte ich schon die Hunde, die noch immer bellten und dies auch während der ganzen Dauer unsers Frühstücks fortsetzten. Wie ich glaube, hatte der Lärm die ganze Nacht hindurch angehalten.

Nach dem Frühstück gingen Mogstad und Peder hinauf, um die verwünschten Thiere zu füttern und auf das Eis zu lassen. Drei fehlten noch immer. Peder kam daher zurück und holte eine Laterne, weil er meinte, daß er recht gut einmal nachsehen könne, ob Spuren von Thieren zu finden seien. Jacobsen rief ihm noch nach, er solle lieber ein Gewehr holen, doch meinte er, er brauche keins.

Etwas später, als ich mich voller Sorge mit der Berechnung beschäftigte, wieviel Petroleum wir verbraucht hätten und wie kurze Zeit unser Vorrath noch ausreichen würde, wenn wir in der bisherigen Weise davon brauchten, hörte ich auf dem Kajütseingange plötzlich schreien: »Kommt mit einer Büchse!.«

In einem Nu war ich im Salon, wo soeben Peder zur Thüre hineintaumelte und athemlos schrie: »Eine Büchse! Eine Büchse!« Der Bär hatte ihn in die Seite gebissen.

Ich dankte Gott, daß es nichts Schlimmeres war. Als ich ihn in seinem Dialekt Er sagte » ei borsja« für »eine Büchse« anstatt » en bosse«. sprechen hörte, glaubte ich, es handle sich um Leben und Tod. Ich ergriff eine Büchse, er eine zweite, und dann stürzten wir nach oben, der Steuermann mit der seinigen hinterdrein.

Es war nicht schwer zu bestimmen, nach welcher Richtung wir uns wenden sollten, denn von der Rehling an der Steuerbordseite hörten wir verworrenes Schreien menschlicher Stimmen und vom Eise unter dem Fallreep her den fürchterlichen Lärm und Aufruhr der Hunde. Ich reiße den Wergpfropfen aus der Mündung meiner Büchse heraus, hebe dann den Hebel am Schlosse auf und schiebe die Patrone hinein; der Fall war eilig. Aber zum Henker, am untern Ende saß ebenfalls ein Pfropfen. Ich zerrte und zerrte, konnte ihn aber nicht zu fassen kriegen.

Peder schrie: »Schießt doch, schießt doch! meins will nicht losgehen!«

Da stand er nun; das Schloß schnappte und schnappte, weil es wieder voll gefrorener Vaseline war, während der Bär gerade unter uns dicht neben der Schiffsseite lag und an einem Hunde kaute. Neben mir stand der Steuermann, der ebenfalls an einem Wergpfropfen zerrte, den er in den Lauf hinabgeschoben hatte; ärgerlich warf er das Gewehr fort und schaute sich auf dem Deck nach einem Walroßspeer um, um den Bären damit zu erstechen.

Unser vierter Mann, Mogstad, hatte seine Patronen verschossen und schwang die leere Büchse und schrie, jemand solle den Bären erschießen.

Vier Männer, und darunter nicht ein einziger, der schießen konnte, obwol wir den Bären mit unsern Gewehrläufen hätten am Rücken kitzeln können. Scott-Hansen machte den fünften und lag in dem Durchgange nach dem Kartenraume, wo er mit dem Arm durch eine Ritze in der Thür nach Patronen langte; er konnte die Thür nicht öffnen, weil sich »Kvik's« Lager dort befand.

Endlich kam Johansen und schickte dem Bären eine Kugel in den Pelz, die einigen Erfolg hatte. Das Ungethüm gab den Hund frei und ließ ein Brummen hören. Ein zweiter Schuß blitzte auf und traf das Thier an derselben Stelle, dann noch einer, worauf wir den weißen Hund, den der Bär in den Klauen gehabt hatte, aufspringen und davon rennen sahen, während die übrige Meute rund herum stand und bellte. Wieder fiel ein Schuß, da das Thier sich nochmals zu bewegen begann.

In diesem Augenblick flog auch der Pfropfen aus meiner Büchse heraus, worauf ich dem Bären eine letzte Kugel durch den Kopf jagte, um ganz sicher zu sein. Solange er sich bewegte, hatten die Hunde sich bellend um ihn gedrängt; nun er im Tode still lag, zogen sie sich furchtsam zurück. Wahrscheinlich dachten sie, es sei eine neue List ihres Feindes. Es war ein kleines, mageres, einjähriges Thier, das all diesen schrecklichen Aufruhr verursacht hatte.

Während der Bär abgehäutet wurde, wanderte ich in nordwestlicher Richtung, um die Hunde zu suchen, die noch immer fehlten. Noch war ich nicht weit gekommen, als ich bemerkte, daß die mir folgenden Hunde eine nach Norden führende Fährte witterten und dorthin gehen wollten. Bald darauf zeigten sie Furcht, sodaß ich sie nicht dazu bringen konnte, weiterzugehen, vielmehr hielten sie sich dicht an meiner Seite oder schlichen hinterdrein.

Während ich auf allen Vieren über das nichts weniger als ebene Packeis kroch, hatte ich die Büchse schußbereit. Dabei hielt ich beständig Ausguck nach vorn, meine Augen vermochten jedoch die Dunkelheit nicht sehr weit zu durchdringen. Ich konnte nur gerade noch die Hunde, die wenige Schritte von mir entfernt waren, als schwarze Schatten wahrnehmen, und erwartete jeden Augenblick, daß zwischen den Eishügeln vor mir eine ungeheure Gestalt auftauchen und sich auf mich stürzen würde. Die Hunde wurden immer vorsichtiger; einer oder zwei setzten sich hin, dann aber fühlten sie vermuthlich, daß es eine Schande sein würde, mich allein gehen zu lassen, worauf sie mir langsam nachkamen.

Schreckliches Eis, über welches man sich einen Weg bahnen muß! Wenn man auf Händen und Knien weiter kriecht, ist das keine sehr geeignete Stellung zum Schießen, falls der Bär einen plötzlichen Angriff unternehmen sollte. Wenn er das aber nicht that oder die Hunde nicht anfiel, hatte ich keine Hoffnung, ihn zu bekommen.

Nunmehr gelangten wir auf flaches Eis, und es war klar, daß irgendetwas jetzt ganz in der Nähe sein mußte. Als ich weiter ging, sah ich gleich darauf einen dunkeln Gegenstand auf dem Eise vor mir, der einem Thier nicht unähnlich war. Ich beugte mich nieder: es war unser armer »Johansen's Freund«, ein schwarzer Hund mit weißer Schwanzspitze, in traurigem Zustande – steif gefroren. Daneben war noch etwas anderes Dunkles. Ich bückte mich nochmals und fand den zweiten der vermißten Hunde, einen Bruder des Leichenwächters »Suggen«. Dieser war noch fast unversehrt und nur am Kopfe angefressen, war auch noch nicht ganz steif gefroren. Rund herum auf dem Eise schien Blut zu sein.

Ich schaute mich nach allen Richtungen um, vermochte aber nichts mehr zu entdecken. Die Hunde hielten sich in respectvoller Entfernung und starrten und witterten in der Richtung ihrer todten Gefährten. Bald darauf kamen einige von uns und holten die Kadaver der Hunde. Sie nahmen eine Laterne mit, um nach Bärenspuren zu suchen, für den Fall, daß einige große Burschen in Gesellschaft des kleinen Bären gewesen sein sollten.

Während wir über das Packeis kletterten, rief ich:

»Kommt hierher mit der Laterne, Bentsen; ich glaube, hier sehe ich Spuren.«

Bentsen kam, und wir beleuchteten einige Vertiefungen im Schnee; es waren ganz sicher Spuren von Bärentatzen, aber von demselben kleinen Burschen.

»Seht mal, das Thier hat hier einen Hund hinter sich her geschleift.«

Beim Lichte der Laterne konnten wir den blutgetränkten Pfad zwischen den Eishügeln verfolgen. Wir fanden auch die todten Hunde, aber keine Fußspuren, außer kleinen, die nach unserer aller Meinung von unserm jungen Bären herrühren mußten.

»Svarten«, alias »Johansen's Freund«, sah im Laternenlichte bös aus; Fleisch, Haut und Eingeweide waren fort, und es war nichts mehr übrig als die bloße Brust und das Rückgrat mit einigen Rippenstümpfen. Es war ein Jammer, daß der schöne starke Hund auf solche Weise enden mußte. Er hatte nur einen Fehler, er war ziemlich übellaunig.

Eine besondere Abneigung hatte er gegen Johansen, den er anbellte und dem er die Zähne zeigte, sobald derselbe an Deck kam oder nur eine Thür öffnete. Saß Johansen während dieser dunkeln Wintertage pfeifend im Mast oder in der Tonne, dann pflegte sein »Freund« ihm mit einem wahren Wuthgeheul von weit auf dem Eise her zu antworten.

Johansen beugte sich mit der Laterne hinab, um die Ueberreste zu betrachten.

»Freuen Sie sich, Johansen, daß Ihr Feind nun todt ist?«

»Nein, es thut mir leid.«

»Weshalb?«

»Weil wir uns nicht versöhnt haben, bevor er starb.«

Obwol wir noch nach weiteren Bärenspuren suchten, fanden wir doch keine; wir nahmen daher die todten Hunde auf den Rücken und wandten uns wieder heimwärts.

Unterwegs erkundigte ich mich bei Peder, was eigentlich zwischen ihm und dem Bären passirt sei.

»Nun, sehen Sie«, sagte er, »als ich mit der Laterne daher kam, bemerkten wir in der Nähe des Fallreeps einige Blutstropfen, die aber ebensogut von einem Hunde herrühren konnten, der sich verletzt haben mochte. Auf dem Eise unter dem Fallreep sahen wir Bärenspuren, worauf wir nach Westen aufbrachen, und mit uns die ganze Meute Hunde, die weit voranstürmte. Als wir uns eine Strecke vom Schiffe entfernt hatten, entstand plötzlich vor uns ein fürchterlicher Spektakel. Es dauerte nicht lange, so stürmte ein großes Thier, mit der ganzen Hundemeute um sich herum, gegen uns heran. Sobald wir sahen, was es war, machten wir kehrt und rannten, so schnell wir konnten, nach dem Schiffe zurück.

siehe Bildunterschrift

Peder Hendriksen.

»Mogstad, sehen Sie, hatte Komager (Lappenschuhe) an und kannte den Weg besser, sodaß er vor mir beim Schiffe ankam. Ich konnte mit meinen großen Holzschuhen nicht so schnell fort und in der Verwirrung gerieth ich gerade auf den großen Eishügel westlich vom Buge des Schiffes, wissen Sie. Dort drehte ich mich um und leuchtete zurück, um zu sehen, ob der Bär noch hinter mir sei, doch entdeckte ich nichts und lief weiter, bis ich eine Minute darauf infolge meiner glatten Holzschuhe zwischen den Hügeln platt auf dem Rücken lag.

siehe Bildunterschrift

Peder schlägt dem Bären die Laterne an den Kopf.

»Rasch genug war ich wieder auf den Beinen, allein als ich auf das flache Eis nahe am Schiffe gelangte, sah ich zur Rechten von mir etwas gerade auf mich zukommen. Erst dachte ich, es wäre ein Hund – man kann das im Dunkeln nicht so leicht erkennen, wissen Sie –; zu einem zweiten Gedanken hatte ich keine Zeit mehr, denn das Vieh sprang an mich heran und biß mich in die Seite. Ich hatte den Arm in dieser Weise – sehen Sie – gehoben, und daher faßte er mich hier, gerade in der Hüfte. Er brummte und zischte, während er biß.«

»Was dachtet Ihr denn dabei, Peder?«

»Was ich dachte? Ich dachte, es sei alles aus mit mir. Was sollte ich machen? Ich hatte weder Gewehr noch Messer; ich nahm also die Laterne und gab ihm damit einen solch derben Schlag auf den Kopf, daß das Ding zerbrach und weithin über das Eis flog.

»Im selben Augenblick, als er den Schlag fühlte, setzte er sich nieder und blickte mich an. Als er wieder aufstand, hatte ich schon Fersengeld gegeben; ich weiß nicht, ob er mich wieder fassen wollte, oder weshalb er sonst aufstand, jedenfalls sah er in diesem Moment einen Hund herankommen und verfolgte ihn, während ich an Bord gelangte.«

»Schriet Ihr, Peder?«

»Schreien? Ich schrie aus Leibeskräften.«

Das war anscheinend wahr, denn er war ganz heiser.

»Aber wo war denn Mogstad während der ganzen Zeit?«

»Nun, sehen Sie, er hatte das Schiff lange vor mir erreicht, dachte aber gar nicht daran, hinunter zu rennen und Lärm zu schlagen, sondern nahm seine Büchse von der Wand im Roof und meinte, er wolle die Sache allein besorgen. Aber sein Gewehr wollte nicht losgehen, und der Bär würde vollauf Zeit gehabt haben, mich ihm vor der Nase weg zu verspeisen.«

Wir befanden uns jetzt in der Nähe des Schiffes, wo Mogstad vom Deck aus den letzten Theil der Geschichte gehört hatte. Er berichtigte sie dahin, daß er gerade die Fallreepstreppe erreicht habe, als Peder zu schreien begann. Er war hinaufgesprungen, aber dreimal wieder zurückgefallen, ehe er an Bord gelangen konnte, und hatte dann gerade noch Zeit, seine Büchse zu ergreifen, um Peder zu Hülfe zu eilen.

siehe Bildunterschrift

Kvar Mogstad.

Als der Bär Peder verlassen hatte und sich gegen die Hunde gewendet hatte, war bald die ganze Meute wieder um ihn herum. Sofort machte er einen Sprung und brachte einen der Hunde unter sich, allein dann wandte sich die ganze Schar gegen ihn und sprang ihm auf den Rücken, sodaß er sich umdrehen mußte, um sich zu vertheidigen. Bald stürzte er sich auf einen andern Hund, worauf er wieder die ganze Meute gegen sich hatte, und so ging der Tanz hin und her auf dem Eise, bis sie wieder einmal nahe beim Schiffe waren. Dort stand einer der Hunde unter dem Fallreep und wartete darauf, an Bord zu gelangen; der Bär sprang auf ihn los, und da, an der Schiffsseite, hat den Schurken das Schicksal ereilt.

Bei der an Bord vorgenommenen Untersuchung zeigte sich, daß der Haken von »Svarten's« Koppel ganz gerade herausgezogen war; bei »Gammelen« war er durchgebrochen, bei dem dritten Hunde nur ein wenig verbogen; es sah nicht gerade aus, als ob der Bär dies gethan hätte. Ich hegte die schwache Hoffnung, daß dieser Hund noch am Leben sein möchte; wir suchten zwar viel nach ihm, konnten ihn aber nicht finden.

Alles in allem ist das eine beklagenswerthe Geschichte. Zu denken, daß wir ohne weiteres einen Bären hatten an Bord klettern lassen und drei Hunde auf einmal verloren hatten! Die Zahl unserer Hunde schwindet zusammen, wir haben nur noch 26.

Das war ein hinterlistiger Teufel von Bär, trotz seiner Kleinheit. Er war über das Fallreep an Bord geklettert, hatte eine davorstehende Kiste beiseite geschoben, den am nächsten befindlichen Hund ergriffen und sich damit davongemacht. Als er die ersten Qualen seines Hungers gestillt hatte, war er zurückgekehrt und hatte sich Nummer Zwei geholt.

Wenn wir es ihm gestattet hätten, hätte er sein Verfahren fortgesetzt, bis das Deck von Hunden leer gewesen wäre. Dann würde er vermuthlich die Treppe hinunter getappt sein und »mit kalter Hand« an der Küchenthür bei Juell angeklopft haben. Für »Svarten« muß es ein angenehmes Gefühl gewesen sein, als er in der Dunkelheit stand und den Bären zu sich heranschleichen sah.

Als ich nach dieser Bärengeschichte nach unten ging, sagte Juell, der in der Küchenthür stand, zu mir:

»Sie werden sehen, ›Kvik‹ bekommt heute Junge; denn es ist bei uns an Bord immer so, daß die Ereignisse zusammentreffen.«

Und wirklich, als wir abends im Salon saßen, kam Mogstad, der gewöhnlich als Hundeaufseher fungirt, und meldete die Ankunft des ersten. Bald stellte sich noch eins und dann noch eins ein. Diese Nachricht war wenigstens etwas Balsam für unsere Wunden.

»Kvik« hat oben in dem Durchgange an der Steuerbordseite eine mit Pelz ausgefütterte schöne mollige Kiste erhalten, wo es so warm ist, daß sie schwitzt; wir hoffen, daß die Jungen trotz der 48° Kälte am Leben bleiben werden.

siehe Bildunterschrift

Ein einsamer Wanderer in der Polarnacht.

Heute Abend scheint es, als ob jeder ein wenig zögerte, unbewaffnet auf das Eis zu gehen. Wir holten daher unsere Bajonettmesser hervor, und auch ich versah mich mit einem derselben. Ich muß gestehen, ich war überzeugt gewesen, daß wir mitten im Winter so weit nördlich keine Bären finden würden. Auch ist mir auf meinen weiten Ausflügen auf dem Eise, bei denen ich auch nicht ein Federmesser bei mir hatte, niemals der Gedanke an die Möglichkeit gekommen, mit Bären zusammenzutreffen. Nach Peder's Erfahrungen scheint es aber besser zu sein, eine Laterne mitzunehmen, um die Bären damit zu schlagen. Fortan soll das lange Bajonettmesser mich begleiten.

Später wurde Peder oft damit geneckt, daß er so fürchterlich geschrien, als der Bär ihn ergriffen habe.

»Hm«, sagte er, »kein Wunder; als ob es nicht mehr Leute gäbe, die ebenso laut gekreischt hätten. Ich mußte nach den Kerlen schreien, die Angst hatten, den Bären zu erschrecken, und dabei so rannten, daß sie mit jedem Schritte sieben Meter zurücklegten.«

Donnerstag, 14. December.

»Nun, Mogstad, wieviel junge Hunde habt Ihr jetzt?« fragte ich beim Frühstück.

»Es sind jetzt fünf.«

Bald kam er aber wieder, um mir zu melden, daß es wenigstens zwölf seien.

Meiner Treu! Das ist ein schöner Ersatz für unsern Verlust. Und doch freuten wir uns beinahe ebensosehr, als Johansen herunterkam und sagte, er habe den vermißten Hund weit weg im Nordwesten auf dem Eise heulen gehört.

Sofort gingen mehrere von uns hinauf, um zu horchen. Wir hörten ihn alle ganz gut, doch klang es, als ob er stillsitze und vor Verzweiflung heule. Vielleicht befand er sich vor einer Oeffnung im Eise und konnte nicht herüberkommen. Blessing hatte ihn während seiner Nachtwache ebenfalls gehört, doch war der Schall damals mehr aus südwestlicher Richtung gekommen.

Als Peder nach dem Frühstück die Hunde füttern wollte, war der Vermißte wieder da und stand am Fuße des Fallreeps, darauf wartend, an Bord zu gelangen. Er war hungrig und machte sich sofort über den Futtertrog her, war aber sonst wohl und gesund.

Abends kam Peder und berichtete, er habe bestimmt einen Bären sich herumbewegen und auf dem Eise scharren gehört; er und Pettersen hätten vernommen, wie er die Schneekruste fortgekratzt habe. Ich legte meinen »Päsk« (s. Seite 78) an, ergriff meine doppelläufige Büchse und begab mich an Deck, wo die ganze Mannschaft sich aus dem Hinterschiffe versammelt hatte und in die Dunkelheit hinausstarrte. Wir ließen »Ulenka« und »Pan« los und gingen dann in der Richtung, in der der Bär sein sollte.

Es war stockfinster, jedoch werden die Hunde die Spur schon finden, wenn irgendetwas da war. Hansen glaubte gesehen zu haben, daß um den Hügel bei dem Schiffe sich etwas bewegt habe. Wir sahen und hörten aber nichts, und da einige von den andern inzwischen ebenfalls auf das Eis gekommen waren und auch nichts entdecken konnten, kletterten wir an Bord zurück. Es ist erstaunlich, was für Töne man auf der großen stillen, von den funkelnden Sternen geheimnißvoll erleuchteten Fläche zu hören glaubt.

Freitag, 15. December. Heute Morgen sah Peder auf dem Eise hinter dem Schiffe einen Fuchs; als er ihn später nochmals sah, ging er mit den Hunden hinaus. Merkwürdig, dieses Erscheinen der Bären und Füchse jetzt, nachdem wir so lange nichts Lebendes gesehen haben. Als wir zum letzten mal einen Fuchs sahen, befanden wir uns weit südlich von hier, vielleicht in der Nähe von Sannikoff-Land; sollten wir vielleicht wieder in die Nähe von Land gekommen sein?

Nachmittags besichtigte ich »Kvik's« Junge. Es waren ihrer dreizehn; ein seltsames Zusammentreffen – dreizehn junge Hunde am dreizehnten December für dreizehn Mann. Fünf wurden getödtet; acht kann »Kvik« ernähren, mehr könnte von Nachtheil für sie sein. Arme Mutter! Sie war so ängstlich wegen ihrer Jungen und wollte zu ihnen in die Kiste springen und sie uns fortnehmen. Man sieht auch, daß sie ganz stolz auf sie ist.

Heute Abend kam Peder und sagte, es müsse ein Geist auf dem Eise sein, denn er habe genau dieselben Geräusche von Gehen und Scharren gehört wie am Abend vorher. Es scheint also doch eine bevölkerte Gegend zu sein.

Einer am Dienstag vorgenommenen Beobachtung zufolge müssen wir uns ziemlich nahe an 79° 8' nördlicher Breite befinden. Dies wären acht Minuten Drift in den drei Tagen seit Sonnabend; es wird immer besser.

Weshalb will es nicht schneien? Weihnachten ist nahe, aber was ist Weihnachten ohne Schnee, dicht fallenden Schnee? Während der ganzen Zeit, die wir getrieben sind, haben wir noch nicht einmal Schneefall gehabt. Die harten Körner, die hin und wieder herabkommen, sind nichts.

O, der schöne weiße Schnee, der so sanft und still fällt und jeden harten Umriß mit einer reinweißen Schutzdecke mildert! Es gibt nichts so köstlich Ruhiges, Weiches und Weißes.

Diese schneelose Eisebene gleicht dem Leben ohne Liebe; nichts ist da, es zu mildern. Die Spuren aller Kämpfe und Eispressungen treten hervor, als ob sie eben entstanden seien, rauh und beschwerlich für das Wandern dazwischen.

Liebe ist der Schnee des Lebens; sie senkt sich am tiefsten und sanftesten in die vom Kampfe verursachten Wunden, weißer und reiner als selbst der Schnee. Was ist das Leben ohne Liebe? Es ist wie das Eis, eine kalte, öde, zerrissene Masse, die der Wind forttreibt und spaltet und dann wieder zusammenzwängt, ohne etwas, um die offenen Risse zu bedecken, die Heftigkeit der Zusammenstöße zu mildern, die scharfen Kanten der zerbrochenen Schollen abzurunden – nichts, weiter nichts als kahles, zerrissenes Treibeis.

Sonnabend, 16. December. Nachmittags kam Peder in aller Ruhe in den Salon und erzählte, er habe allerhand Geräusche auf dem Eise vernommen. Nach Norden hin klänge es genau so, wie wenn Eis sich gegen Land zusammenschiebe; dann plötzlich käme ein solches Getöse durch die Luft, daß die Hunde aufsprängen und bellten.

Armer Peder! Man lacht über ihn, wenn er herunterkommt und von seinen vielen Beobachtungen berichtet, und doch ist nicht einer von uns so aufmerksam wie er.

Mittwoch, 20. December. Während ich beim Frühstück saß, kam Peder herbeigestürzt und schrie, er glaube, einen Bären auf dem Eise gesehen zu haben. Auch »Pan« sei, sowie man ihn losgelassen habe, fortgerannt. Ich sprang mit meiner Büchse auf das Eis, wo ich im Mondlicht mehrere Männer, aber keinen Bären sah. Es dauerte lange, bis »Pan« zurückkam; er hatte den Bären weit nach Nordwesten verfolgt.

Sverdrup und »Schmied Lars« haben nun zusammen eine große Bärenfalle angefertigt, die heute auf dem Eise aufgestellt werden soll. Da ich aber Sorge habe, daß in derselben mehr Hunde als Bären gefangen werden, so wurde sie an einem Galgen so hoch aufgehängt, daß die Hunde ein Stück Walfischspeck, das als Köder gerade in der Oeffnung der Falle befestigt ist, im Springen nicht mehr erreichen können. Sämmtliche Hunde verbringen jetzt den Abend damit, daß sie von der Rehling aus dieses neue Machwerk anbellen, das sie im Mondschein da draußen auf dem Eise sehen.

Donnerstag, 21. December. Es ist merkwürdig, wie doch die Zeit vergeht! Nun haben wir schon den kürzesten Tag, obwol wir hier gar keinen Tag haben. Aber wir gehen wieder dem Licht und dem Sommer entgegen. Heute versuchten wir zu lothen und ließen 2100 Meter Leine auslaufen, ohne den Grund zu erreichen.

Mehr Leine haben wir nicht; was ist zu machen? Wer hätte aber auch denken können, daß wir so tiefes Wasser finden würden?

Den ganzen Tag sahen wir einen Lichtbogen am Himmel, dem Mond gegenüber; es ist also ein Mond-Regenbogen, aber ohne Farbe, soweit ich zu beobachten im Stande gewesen bin.

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Sverup's Bärenfalle.

Freitag, 22. December. Vergangene Nacht schossen wir einen Bären. Jacobsen sah ihn während seiner Wache zuerst und schoß danach, worauf das Thier sich davonmachte. Dann kam er in die Kajüte und machte uns Mittheilung, worauf Mogstad und Peder an Deck gingen. Sverdrup wurde ebenfalls geweckt und kam etwas später nach.

Sie bemerkten den Bären wieder auf dem Wege nach dem Schiffe. Plötzlich bekam er aber auf dem Eise im Westen den Galgen mit der Falle in Sicht, worauf er sich dorthin wandte. Er betrachtete sich den Apparat ganz genau, erhob sich dann vorsichtig auf den Hinterbeinen und legte die rechte Tatze auf den Querbaum gerade neben der Falle, starrte zögernd den köstlichen Bissen an, schien aber die häßlichen Klappen rund herum durchaus nicht leiden zu können.

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Der Eisbär an der Falle.

Mittlerweile war Sverdrup auf das Deckshaus gestiegen und beobachtete ihn von dort im glitzernden Mondschein. Das Herz klopfte ihm; jeden Augenblick erwartete er, das Zuschnappen der Falle zu hören. Allein der Bär schüttelte argwöhnisch den Kopf, ließ sich langsam wieder auf alle Viere nieder, schnüffelte vorsichtig an dem Draht herum, mit welchem die Falle versichert war, und ging dann an demselben entlang bis zu der Stelle, wo der Draht an einem großen Eisblock befestigt war.

Er ging rundherum und besah es sich, wie geschickt alles eingerichtet war; dann verfolgte er langsam den Draht zurück, erhob sich wieder wie vorher, mit der Tatze auf dem Querbalken des Galgens, blickte lange auf die Falle und schüttelte wieder den Kopf, wobei er vermuthlich zu sich sagte:

»Diese hinterlistigen Kerle haben das ganz geschickt für mich ausgedacht.«

Dann nahm er den Marsch nach dem Schiffe wieder auf. Als er noch 60 Schritt vom Bug entfernt war, gab Peder Feuer; der Bär stürzte, sprang aber wieder auf und machte sich davon. Nun feuerten Jacobsen, Sverdrup und Mogstad, worauf er zwischen einigen Eishügeln zusammenbrach.

Er wurde sofort abgehäutet, doch fand man in dem Fell nur das Loch einer einzigen Kugel, die hinter den Schulterblättern durch den Körper gegangen war. Peder, Jacobsen und Mogstad schrieben sich jeder diese Kugel zu, Sverdrup gab seinen Anspruch auf, weil er zu weit nach dem Heck zu gestanden hatte.

Als Mogstad den Bären direct nach seinem Schusse fallen sah, rief er: »Die habe ich ihm gegeben«; Jacobsen schwört darauf, daß er ihn getroffen habe, und Bentsen, der den Zuschauer spielte, ist bereit, einen Eid darauf abzulegen, daß Peder's Kugel die That vollbracht habe. Der Streit über diesen wichtigen Punkt ist während des ganzen Verlaufs unserer Expedition nicht geschlichtet worden.

Wundervoller Mondschein. Eispressung in mehreren Richtungen. Heute haben wir unsern Vorrath an Schießbaumwolle und Kanonen- und Gewehrpulver auf Deck gebracht, weil es dort sicherer ist als im Raum. Im Falle eines Brandes oder eines andern Unfalles könnte eine Explosion im Raum vielleicht die Seiten des Schiffes hinaussprengen und uns in den Grund bohren, ehe wir noch Zeit hätten, uns umzudrehen. Etwas haben wir auf die Back gebracht, etwas auf die Brücke; von beiden Orten würde es sich rasch auf das Eis werfen lassen.

Sonnabend, 23. December. Heute ist, was wir in Norwegen »Kleiner Weihnachtsabend« nennen.

Ich ging heute Morgen weit weg nach Westen und kam spät zurück. Ueberall hatte sich Eis zusammengeschoben, mit flachen Schollen dazwischen. Einer neu gebildeten Oeffnung im Eise wegen, die ich auf der frischen dünnen Eisschicht nicht zu überschreiten wagte, mußte ich umkehren.

Nachmittags versuchten wir als erste Weihnachtsunterhaltung eine Eissprengung mit vier Prismen Schießbaumwolle. Mit einem der großen eisernen Bohrer, die wir zu diesem Zwecke mitgebracht hatten, wurde ein Loch gebohrt, in welches wir die Ladung mit dem Ende des elektrischen Leitungsdrahtes bis etwa einen Fuß unter die Oberfläche des Eises versenkten. Dann zogen wir uns zurück. Ein Druck auf den Knopf, es erfolgte ein dumpfer Knall, und Wasser und Eisstücke wurden hoch in die Luft geschleudert.

Obgleich die Sprengung 60 Meter entfernt stattfand, erhielt das Schiff doch einen so starken Stoß, daß alles an Bord erzitterte und der Reif von der Takelung herabgeworfen wurde. Die Explosion schlug ein Loch durch das 1 1/3Meter dicke Eis, außerdem aber bildeten sich nur schmale Risse um das Loch herum.

Sonntag, 24. December. Weihnachtsabend. 37° C Kälte. Glitzernder Mondschein und die unendliche Stille der arktischen Nacht. Ich machte einen einsamen Spaziergang auf dem Eise. Der erste Weihnachtsabend, wie weit von der Heimat!

Nach der Beobachtung sind wir auf 79° 11' nördlicher Breite; es findet jetzt keine Drift statt. Wir sind zwei Minuten südlicher als vor sechs Tagen.

Von diesem Tage sind im Tagebuche keine weiteren Einzelheiten mitgetheilt; aber wenn ich an ihn zurückdenke, wie klar tritt alles wieder vor mich hin!

Es herrschte eine eigenthümlich gehobene Stimmung an Bord, die sonst bei uns durchaus nicht üblich war. Ein jeder beschäftigte sich in seinen geheimsten Gedanken mit der Heimat, allein die Kameraden sollten das nicht merken, und infolgedessen wurde mehr gescherzt und gelacht als sonst.

Alle Lampen und Lichter, die wir an Bord hatten, wurden angezündet, und jede Ecke im Salon und in den Kabinen wurde glänzend erleuchtet.

Die Verpflegung an diesem Feste übertraf natürlich die aller früheren Tage, denn Essen war das Einzige, womit wir Feste feiern konnten. Das Diner war in der That ausgezeichnet und ebenso das Abendessen, nach dessen Beendigung ganze Berge von Weihnachtskuchen auf den Tisch kamen, die Juell während mehrerer Wochen fleißig gebacken hatte. Dann hatten wir den Genuß eines Glases Grog und einer Zigarre, da diesmal das Rauchen im Salon selbstverständlich erlaubt war.

Den Höhepunkt erreichte die Feier, als zwei Kisten mit Weihnachtsgeschenken herbeigebracht wurden, die eine von Scott-Hansen's Mutter, die andere von seiner Braut, Fräulein Fougner. Rührend war die kindliche Freude anzusehen, mit welcher jeder seine Gabe in Empfang nahm, mochte es nun eine Pfeife, ein Messer oder eine sonstige Kleinigkeit sein; man fühlte, daß es gleichsam eine Botschaft aus der Heimat sei.

Nachher wurden Reden gehalten, und dann erschien die »Framsjaa« mit einer illustrirten Beilage, aus welcher ich nachstehend einige Proben gebe. Die Zeichnungen sind das Werk des berühmten arktischen Zeichners Huttetu. Die folgenden beiden Verse sind dem Gedichte entnommen, welches diesem Tage gewidmet war:

Wenn am Bug wie Mauern fest das Eis hier steht,
Kalt der Wind und schneidend über's Schneefeld weht,
Wenn das Schiff bewegt wird von der Strömung kaum,
Dann erscheint die Heimat lockend uns im Traum.

Mög' ihr Freude bringen heut das schone Fest,
Auch das neue Jahr mög' bieten ihr das Best';
Uns schenk' es Geduld nur, die uns führt zum Pol
Und uns in die Heimat bringt gesund und wohl.

siehe Bildunterschrift

l. Spaziergang in Friedenszeiten, mit Sverdrup's Patent-Fußbekleidung.

Es waren noch viele andere Gedichte, darunter eins, das die hauptsächlichsten Begebenheiten der letzten Wochen in folgender Weise schildert:

Wir trafen Bären an; die Hunde kriegten Junge;
Auch Kuchen buken wir, die schmeckten jeder Zunge.
Freund Hendriksen, der ist gewiß noch nie gefallen,
Selbst nicht, als ihn der Bär fast hatte in den Krallen.
Bei Mogstad das Gewehr hört man sehr oft versagen,
Und Jacobsen sieht man stets eine Lanze tragen.

Illustrationsproben aus der »Framsjaa«. Auch war da ein langes Lied, das als Thema den »Hunderaub« an Bord der »Fram« behandelte:

Der Hundevogt spazieren geht,
Kwidewidewit bum bum,
Nachts mit dem Harpunier noch spät,
Kwidewidewit bum bum.
Er trägt die Peitsche stets bei sich
Kwidewidewit juchheirassa,
Und schlägt die Hunde fürchterlich,
Kwidewidewit bum bum.

siehe Bildunterschrift

2. Fram-Leute auf dem Kriegspfade. Unterschied der Fußbekleidung »Modell Sverdrup« und der der Lappländer.

Der andre ist ein Mann des Lichts,
Kwidewidewit bum bum,
Gleich der Laterne gilt ihm nichts,
Kwidewidewit bum bum;
Er schildert gern, wie er voll List,
Kwidewidewit juchheirassa,
Dem Bären einst entkommen ist,
Kwidewidewit bum bum.

siehe Bildunterschrift

3. Fram-Leute noch immer auf dem Kriegspfade.

Als plötzlich einen Bär'n sie sehn,
Kwidewidewit bum bum –
Die Meute will vor Furcht vergehn,
Kwidewidewit bum bum –
Macht sich der Vogt rasch auf die Bein',
Kwidewidewit juchheirassa.
Der andre langsam hinterdrein,
Kwidewidewit bum bum.

u. s. w.

Unter den Anzeigen fanden sich folgende:

Fechtunterricht.

Infolge der Verschiebung unserer Abreise auf unbestimmte Zeit kann noch eine beschränkte Zahl von Schülern zum Unterricht sowol im Fechten als auch im Boxen angenommen werden.

Majakoff, Boxlehrer.
(Nächste Thür beim Doctor.)

Ferner:

Wegen Mangel an Platz steht Pumpengasse Spitzname der Viermann-Kabine an der Steuerbordseite. Nr. 2 gegenwärtig infolge besonderer Vereinbarung eine Partie alter Kleidungsstücke zum Verkauf. Nachdem wiederholte Aufforderungen, sie zu entfernen, wirkungslos geblieben sind, bin ich gezwungen, in dieser Weise darüber zu verfügen. Die Kleidungsstücke sind vollständig frisch, da sie seit langer Zeit in Salz gelegen haben.

Nach dem Vorlesen der Zeitung kamen Instrumentalvorträge und Gesang, und es war schon spät in der Nacht, als wir das Lager aufsuchten.

Montag, 25. December. Weihnachten. Thermometer 38° C unter Null. Ich unternahm in dem wundervollen Scheine des Vollmonds einen Spaziergang nach Süden, brach aber bei einem neuentstandenen Riß mit einem Bein durch das junge Eis und wurde durch und durch naß. Solch ein Unfall hat aber bei derartigem Frost sehr wenig auf sich; das Wasser erstarrt sofort zu Eis und macht einem nicht sehr kalt, vielmehr fühlt man sich bald wieder trocken.

Zu Hause werden sie jetzt viel an uns denken und uns viele mitleidige Seufzer weihen wegen all der Entbehrungen, die wir in dieser kalten, trostlosen Eisregion zu ertragen haben. Ich fürchte aber, ihr Mitgefühl würde sich abkühlen, wenn sie uns sehen, die bei uns herrschende Fröhlichkeit hören und Zeuge all unserer Behaglichkeit und unseres guten Muthes sein könnten. Ihnen kann es zu Hause kaum besser gehen. Was mich selbst anbetrifft, so habe ich noch niemals ein so sybaritisches Leben geführt und niemals so viel Grund gehabt, die Folgen zu fürchten, die es mit sich bringt. Man höre nur das Menü unsers heutigen Diners:

  1. Ochsenschwanzsuppe.
  2. Fischpudding mit Kartoffeln und geschmolzener Butter.
  3. Renthierbraten mit Erbsen, französischen Bohnen, Kartoffeln und eingemachten Kronsbeeren.
  4. Moltebeeren mit Sahne.
  5. Kuchen und Marzipan (ein willkommenes Geschenk vom Bäcker der Expedition, den wir dafür segneten).

Und zu alledem das in unserm Welttheil so berühmte Ringnes-Bockbier. Ist das die richtige Art von Diner für Leute, die sich gegen die Schrecken der Polarnacht abhärten sollen?

Wir hatten sämmtlich so viel gegessen, daß das Abendessen ganz ausfallen mußte. Im Laufe des Abends wurde Kaffee servirt mit Ananas-Confect, Honigkuchen, Vanilleschnitten, Cocosnuß-Macronen und verschiedenen andern Kuchen, alles das Werk unsers ausgezeichneten Kochs Juell. Den Beschluß machten Feigen, Mandeln und Rosinen.

Um die Schilderung dieses Tages zu vervollständigen, möchte ich auch noch das Frühstück angeben: Kaffee, frischgebackenes Brot, herrliche dänische Butter, Chester- und Holländer Käse, Zunge, ( Corned beef und Marmelade. Wenn man aber glaubt, daß dies ein besonders gutes Frühstück war, weil wir Weihnachten hatten, so irrt man sich; es war genau, was wir immer hatten, mit Ausnahme des Kuchens, der nicht zu unserer täglichen Kost gehörte.

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Adolf Juell, unser Koch.

Fügt man zu all diesen guten Dingen noch unser festgebautes, sicheres Wohnhaus, unsern behaglichen Salon, der von einer großen und mehreren kleinern Petroleumlampen erleuchtet wurde, wenn wir gerade kein elektrisches Licht hatten, die beständige Fröhlichkeit, das Kartenspiel und die große Menge von Büchern mit und ohne Illustrationen, die gute, unterhaltende Lectüre boten, und dann einen tüchtigen, gesunden Schlaf – was konnte man sich Besseres wünschen?

Aber, o Polarnacht, du bist wie ein Weib, ein wunderbar liebliches Weib!

Du besitzest die edeln, reinen Züge antiker Schönheit, aber auch ihre Marmorkälte. Aus deiner hohen, glatten Stirn, rein wie der klare Aether, ist keine Spur von Mitgefühl für die kleinen Leiden des verachteten Menschengeschlechts; auf deiner blassen, schönen Wange ist keine Spur von Gefühl. Deine in den Raum hinauswallenden rabenschwarzen Locken sind vom Reife mit glitzernden Krystallen überstreut. Die stolzen Linien deines Halses, die Rundung deiner Schultern sind so edel, aber, ach, auch so unsagbar kalt; dein keuscher weißer Busen ist gefühllos wie schneebedecktes Eis.

Rein, schön und stolz schwebst du durch den Aether über das gefrorene Meer, und dein aus Strahlen des Nordlichtes gewobenes Gewand bedeckt das Himmelsgewölbe. Nur zuweilen ahne ich ein schmerzliches Zucken deiner Lippen, und aus deinen Augen schaut traumverloren eine unendliche Traurigkeit.

O, wie müde bin ich deiner kalten Schönheit! Es verlangt mich, zum Leben zurückzukehren. Laß mich als Sieger oder als Bettler heimkehren, mir gilt es gleich! Aber laß mich heimkehren, um das Leben neu zu beginnen. Hier vergehen die Jahre; was bringen sie? Nichts als Staub, trockenen Staub, den der erste Windstoß verweht; an seine Stelle tritt neuer Staub, den der nächste Wind wieder fortfegt. Wahrheit? Weshalb macht man immer so viel aus der Wahrheit? Das Leben ist mehr als kalte Wahrheit, und wir leben nur einmal.

Dienstag, 26. December. 38° C unter Null. Es ist die größte Kälte, die wir bisjetzt gehabt haben. Heute unternahm ich einen weiten Gang nach Norden und fand eine von neu entstandenem Eis bedeckte große Rinne mit einer vollständig offenen Wasserfläche in der Mitte. Das Eis schwankte unter meinen Schritten auf und nieder und verursachte eine Wellenbewegung im offenen Teich.

Es war seltsam, den Mondschein wieder einmal zu sehen, wie er sich in den kohlschwarzen Fluten spiegelte; er rief die Erinnerung an wohlbekannte Scenen in mir wach. Ich folgte der Rinne weit hinauf. Da ich in dem nebligen Lichte unter dem Monde die Umrisse hohen Landes zu sehen glaubte, ging ich immer weiter, bis sich letzteres schließlich als eine Wolkenbank hinter den aus dem offenen Wasser aufsteigenden mondbeschienenen Dünsten erwies. Von einem hohen Eishügel aus sah ich, daß diese Oeffnung sich so weit nach Norden ausdehnte, wie das Auge reichte.

Dasselbe üppige Leben wie gestern; ein Diner von vier Gängen. Um Cigaretten mit Pfeilen nach der Scheibe schießen, war die große Aufregung des heutigen Tages. Pfeile und Scheibe waren Johansen's Weihnachtsgeschenk von Fräulein Fougner.

Mittwoch, 27. December. Heute Nachmittag stellte sich wieder Wind ein, 6-8 Meter in der Secunde; die Windmühle dreht sich wieder, und die Bogenlampe erhellt uns aufs neue das Leben.

Johansen kündigte für den Abend »Großes Schießen bei elektrischem Licht und Freiconcert« an. Schade für ihn, daß er es that, denn er und mehrere andere schossen, bis sie bankrott und bettelarm waren und einer nach dem andern das Schießen unter Zurücklassung seiner Cigaretten aufgeben mußte.

Donnerstag, 28. December. Dicht vor der »Fram« befindet sich eine neu gebildete breite Rinne, in der das Schiff quer liegen könnte. Sie hat sich in letzter Nacht mit Eis bedeckt, in welchem sich heute leichter Eisdruck zeigte. Merkwürdig, wie gleichgültig wir gegen solche Eispressungen sind, die manchem frühern Polarforscher so große Sorge verursacht haben!

Wir haben auch nicht die allergeringste Vorbereitung für einen etwaigen Unfall getroffen, keine Lebensmittel an Deck, kein Zelt, keine Kleidung in Bereitschaft. Das mag wie Leichtsinn aussehen, jedoch ist in Wirklichkeit nicht die geringste Aussicht dafür vorhanden, daß der Eisdruck uns schaden könne: wir wissen jetzt, was die »Fram« vertragen kann.

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Der Mond spiegelt sich in den schwarzen Fluten.

Stolz auf unser prachtvolles, starkes Schiff, stehen wir auf dem Deck und beobachten, wie das Eis gegen seine Seiten prallt, hier zermalmt und zerbrochen wird und unter ihm durchgehen muß, während neue Eismassen aus der Dunkelheit heranstürzen, um demselben Schicksal zu verfallen. Hier und dort erhebt sich unter betäubendem Getöse eine große Masse und wirft sich drohend gegen die Verschanzungen, um dann plötzlich wie das andere Eis zu versinken. Zu Zeiten aber, wenn man in der gewöhnlich todtenstillen Nacht das Gebrüll der fürchterlichen Eispressung hört, kann man doch nicht umhin, sich der Unglücksfälle zu erinnern, die diese unbezähmbare Gewalt schon herbeigeführt hat.

Ich lese gerade die Geschichte von der Expedition Kane's (1853 – 55). Der Unglückliche! Seine Vorbereitungen waren jämmerlich unzureichend. Mir erscheint es als ein leichtsinniges, nicht zu rechtfertigendes Beginnen, mit einer solchen Ausrüstung aufzubrechen. Fast alle Hunde starben an schlechter Nahrung; alle Leute hatten aus demselben Grunde Skorbut, dazu kamen Schneeblindheit, Frostbeulen und allerhand anderes Elend.

Kane bekam eine gesunde, heilige Scheu vor der arktischen Nacht, worüber man sich nicht wundern wird. Er schreibt in seinem Werke:

»Ich fühle, daß wir den Kampf ums Dasein unter ungünstigen Umständen führen, und daß ein arktischer Tag und eine arktische Nacht den Menschen schneller und ernstlicher altern lassen, als ein Jahr irgendwo sonst auf dieser mühseligen Welt.«

An einer andern Stelle schreibt er, es sei für civilisirte Menschen unmöglich, unter solchen Lebensbedingungen nicht zu leiden.

Das waren traurige, aber keineswegs einzig dastehende Erfahrungen. Ein englischer Polarforscher, mit welchem ich mich unterhalten habe, äußerte sich ebenfalls in sehr entmuthigender Weise über das Leben in den Polarregionen und bekämpfte mein gläubiges Vertrauen in die Möglichkeit, den Skorbut zu verhüten. Er war der Meinung, daß Skorbut unvermeidlich und noch keine Expedition ihm entgangen sei, wenn auch einige ihm einen andern Namen gegeben hätten; nach meiner Ansicht eine einigermaßen niederdrückende Auffassung der Dinge. Glücklicherweise bin ich aber in der Lage zu behaupten, daß diese Ansicht nicht gerechtfertigt ist, und ich bin neugierig, ob nicht beide Forscher anderer Ansicht würden, wenn sie hier wären.

Was mich selbst betrifft, so kann ich sagen, daß die arktische Nacht keinen alternden oder schwächenden Einfluß irgendwelcher Art auf mich ausgeübt hat: im Gegentheil, ich scheine jünger zu werden. Diese ruhige, regelmäßige Lebensweise bekommt mir außerordentlich gut, und ich kann mich keiner Zeit erinnern, in welcher ich mich in besserem Gesundheitszustand befand als gerade jetzt. Ich weiche so sehr von jenen Autoritäten ab, daß ich diese Region als ein ausgezeichnetes Sanatorium für Fälle von Nervosität und allgemeiner Schwäche empfehlen möchte. Das in aller Aufrichtigkeit.

Fast schäme ich mich des Lebens, das wir führen. Ohne alle jene so düster geschilderten Leiden der langen Winternacht, die von einer gehörig aufregenden arktischen Expedition unzertrennlich sein sollten. Wir werden darüber nichts zu schreiben haben, wenn wir wieder nach Hause kommen.

Dasselbe, was ich von mir gesagt habe, kann ich auch von meinen Gefährten behaupten: sie sehen sämmtlich gesund und wohlgenährt aus und erfreuen sich des besten Befindens; keins jener traditionellen blassen, hohlwangigen Gesichter, keine Niedergeschlagenheit. Niemand könnte darüber im Zweifel sein, wenn er das im Salon erschallende Gelächter hört, das Spielen mit den »schmierigen Karten« (vgl. das Lied Juell's) beobachtet.

Aber woher sollte auch wol Krankheit kommen? Bei der allerbesten Nahrung jeder Art, so viel wir Lust haben, und in solcher Mannigfaltigkeit, daß selbst der Wählerischste ihrer nicht überdrüssig würde; bei guter Wohnung, guter Kleidung, guter Ventilation, Bewegung in der freien Luft nach Belieben, keiner Ueberanstrengung bei der Arbeit; bei lehrreichen und amüsanten Büchern jeder Art, Erholung bei Karten-, Schach-, Domino- und Halma-Spiel, bei Musik und Geschichtenerzählen – wie könnte da wol jemand krank werden? Hin und wieder höre ich eine Bemerkung, die vollständige Zufriedenheit mit unserm Leben kundgibt. Wahrlich, das ganze Geheimniß liegt in der vernünftigen Anordnung der Dinge, und namentlich darin, daß man vorsichtig mit der Nahrung ist.

siehe Bildunterschrift

Johansen und Scott-Hansen beim Halma-Spiel.

Was meiner Ansicht nach eine besonders gute Wirkung auf uns ausübt, ist, daß wir alle zusammen in einem Salon leben, wo alles gemeinsam ist. Soviel ich weiß, ist dies das erste mal, daß ein solcher Versuch gemacht worden ist; aber er ist sehr zu empfehlen.

Einige der Leute klagen, wie ich höre, über Schlaflosigkeit, die allgemein als eine unvermeidliche Folge der arktischen Dunkelheit betrachtet wird. Soweit meine Person in Frage kommt, kann ich sagen, daß ich davon noch nichts gespürt habe; ich schlafe bei Nacht ganz vortrefflich. Ich glaube nicht recht an diese Schlaflosigkeit, aber ich gestatte mir auch kein Nachmittagsschläfchen, dem die meisten der anderen sich hingeben. Wenn sie am Tage mehrere Stunden ruhen, so dürfen sie doch nicht erwarten, nachts ebensogut zu schlafen. »Einen Theil seiner Zeit muß man wach sein«, sagt Sverdrup.

Sonntag, 31. December. Der letzte Tag des Jahres ist gekommen. Es ist ein langes Jahr gewesen und hat viel Gutes und Schlimmes gebracht. Es begann mit Gutem, indem es mit Klein-Liv ein Glück so neu, so seltsam schenkte, daß ich anfänglich gar nicht daran glauben mochte. Aber schwer, unaussprechlich schwer war dann der Abschied; kein Jahr hat mir schlimmere Pein verursacht als dieses. Und seitdem ist mir die ganze Zeit ein einziges sehnsüchtiges Verlangen gewesen.

Willst von Pein du frei sein und von Leid,
Darfst nichts lieben du allhier auf Erden.

Aber es gibt noch Härteres als sehnsüchtiges Verlangen! Alles, was gut und schön ist, kann in seinem Schutze gedeihen; alles würde vorbei sein, wenn wir aufhörten zu verlangen.

Endlich bist du doch abgethan, altes Jahr! Du hast uns nicht so weit gebracht, wie du hättest sollen; und doch hättest du es noch schlimmer machen können, du bist trotz alledem nicht so ganz schlecht gewesen. Sind nicht alle unsere Hoffnungen und Berechnungen gerechtfertigt worden, und treiben wir jetzt nicht gerade da, wo ich es gewünscht und gehofft hatte? Nur eins war verkehrt – ich habe nicht gedacht, daß die Drift in so vielen Zickzack-Zügen vor sich gehen würde.

Einen schönern Sylvesterabend hätte es nicht geben können. Das Nordlicht erstrahlt in wundervollen Farben und Lichtstreifen über dem ganzen Himmel, namentlich aber im Norden. Tausende von Sternen funkeln zwischen dem Nordlicht am blauen Firmament. Nach allen Seiten dehnt sich das Eis endlos und schweigend in die Nacht hinaus; die reifbedeckte Takelung der »Fram« hebt sich scharf und dunkel gegen den leuchtenden Himmel ab.

siehe Bildunterschrift

1. Scott-Hansen. 2. Johansen. 3. Nansen. 4. Pettersen. 5. Nordahl. 6. Amundsen. 7. Bentsen. 8. Juell. 9. Hendriksen. 10. Mogstad. 11. Jacobsen. 12. Blessing. 13. Sverdrup.


Anrede an die Gefährten.

Die Zeitung wurde vorgelesen; sie enthält diesmal nur Verse, unter anderm folgendes Gedicht:

An das neue Jahr.

Dem alten Jahre ernst und eifrig nachzustreben,
Mußt du, mein Junge, dir recht viele Mühe geben;
Und kannst du dieses erst durch Thaten uns beweisen,
Dann werden wir dereinst ganz sicherlich dich preisen.
Wenn du uns weiter bringst, machst Freude du uns allen.
Doch liegen wir hier still, kann uns das nicht gefallen.
Im alten Jahr die Fahrt, fast kann als gut sie gelten,
Sei ihm darin nur gleich, sonst müssen wir dich schelten.
Und kommt heran die Zeit, befrei' uns aus dem Eise,
Dem festen, und verhilf uns zu dem großen Preise,
Denn hoffentlich sind wir, zu unserm Wohle,
Am nächsten Weihnachtsfest schon jenseits von dem Pole.

Im Laufe des Abends wurden wir mit Ananas, Feigen, Kuchen und Confect bewirthet, und gegen Mitternacht brachte Hansen Grog und Nordahl Cigarren und Cigaretten herbei.

In dem Augenblicke, als das Jahr zu Ende ging, standen wir alle auf, und ich mußte ein paar Worte sprechen: daß das alte Jahr trotz allem ein gutes gewesen sei, und daß ich hoffe, das neue würde nicht schlimmer ausfallen; daß ich ihnen für ihre gute Kameradschaft danke und überzeugt sei, daß unser Beisammensein in diesem Jahre ebenso behaglich und angenehm sein werde wie in dem verflossenen. Dann sangen sie die Lieder, die man uns bei den Abschiedsfesten in Christiania und Bergen gewidmet hatte:

O, wein' nicht, Mutter, ihnen gabst
Du selbst den Wunsch, zu schweifen
Fern von der Heimat, in Gefahr
Und Nacht herumzustreifen.
Du wiesest nach dem offnen Meer,
Nach Norden zu entfalten
Die weißen Segel – jetzt kannst du
Nicht mehr zurück sie halten.

Ja, Mutter, deine Söhne sind's,
Stolz magst du auf sie schauen.
Trotz der Gefahren mannigfach
Kannst fest du auf sie bauen.
Und kommt der Tag, an dem die »Fram«
Zur Heimat kehret wieder,
Trotz Zähren werden tausendfach
Ertönen Jubellieder. E. N.

Darauf verlas ich den letzten Gruß, den wir in Tromsö erhalten hatten, ein Telegramm von Moltke Moe:

Auf der Fahrt recht viel Glück!
Wo auf See ihr auch seid,
Zeig' die Sonn' sich dem Blick,
Helf' der Wind alle Zeit.
Möge öffnen das Eis
Rings herum sich im Kreis,
Daß das Schiff seine Bahn
Immer fortsetzen kann,
Wenn auch gleich hinterher
Wieder zufriert das Meer.

Niemals fehl' euch Kraft, desgleichen
Wärme, Hoffnung und Proviant,
»Fram« wird dann den Pol erreichen,
Kehr'n zurück zum Heimatland.
Nochmals dir, den deinen allen
Auf der schweren Fahrt viel Glück!
Brausend Willkomm' wird erschallen,
Kehrst zur Heimat du zurück.

Hierauf lasen wir einige von Vinje's Gedichten und sangen dann Lieder aus der »Framsjaa« u.a.m.

Es wird wundernehmen, daß wir das neue Jahr schon begrüßt haben, während es zu Hause erst in acht Stunden beginnt. Jetzt ist es beinahe 4 Uhr morgens. Ich hatte beabsichtigt aufzubleiben, bis es auch in Norwegen Neujahr sein würde; aber nein, lieber gehe ich zu Bett und schlafe und träume, ich sei zu Hause.

Montag, 1. Januar 1894. Das Jahr fing gut an. Ich wurde durch Juell's fröhliche Stimme geweckt, der mir viel Glück zum neuen Jahre wünschte und gekommen war, mir eine Tasse Kaffee ans Bett zu bringen – köstlichen Mokka, sein Weihnachtsgeschenk von Fräulein Fougner.

Es ist schönes, klares Wetter bei einem Thermometerstande von 38° C unter Null. Fast scheint es mir, als ob die Dämmerung im Süden zuzunehmen beginne; der obere Rand derselben war heute 14° über dem Horizonte.

Um 6 Uhr nachmittags hatten wir ein besonders gutes Diner:

  1. Tomaten-Suppe
  2. Kabeljau-Rogen mit zerlassener Butter und Kartoffeln.
  3. Renthierbraten mit grünen Erbsen, Kartoffeln und eingemachten Kronsbeeren.
  4. Moltebeeren mit Milch.

    Ringnes-Bier.

Ich weiß nicht, ob das Menu den Eindruck großer Leiden und Entbehrungen zu erwecken geeignet ist.

Ich liege in meiner Koje, schreibe, lese und träume. Es ist immer ein seltsames Gefühl, wenn man zum ersten mal die Zahl des neuen Jahres schreibt. Dann erst erfaßt man die Thatsache, daß das alte Jahr der Vergangenheit angehört, daß das neue Jahr da ist und man sich bereit halten muß, sich damit herumzubalgen. Wer weiß, was es bringen wird? Gutes und Schlimmes ohne Zweifel, aber meist Gutes. Dieses kann doch nur sein, daß wir unserem Ziel und der Heimat entgegengehen.

Reich ist das Leben und rosengeschmückt;
Schau hinein in eine Welt der Träume.

Ja, führe uns, wenn nicht an unser Ziel – das würde noch zu früh sein – so doch wenigstens in der Richtung desselben; stärke unsere Hoffnung, aber vielleicht – nein, kein vielleicht!

Diese meine wackeren Jungen verdienen, Erfolg zu haben. In ihren Gedanken herrscht kein Zweifel. Ein jeder hat sein ganzes Herz daran gesetzt, nordwärts zu kommen; ich lese es in ihren Gesichtern, es glänzt aus jedem Auge. Jedesmal, wenn wir vernehmen, daß wir südwärts treiben, erklingt ein einziger Seufzer der Enttäuschung, aber auch ein Seufzer der Erleichterung, wenn wir wieder nordwärts, dem Unbekannten entgegen, zu gehen beginnen. Sie vertrauen mir und meinen Theorien.

Was aber, wenn ich mich getäuscht habe und sie in die Irre führe? O, ich könnte mir nicht helfen. Wir sind die Werkzeuge von Mächten über uns; wir sind unter glücklichen und unglücklichen Sternen geboren. Bisjetzt habe ich unter einem glücklichen Stern gelebt; soll sein Licht verdunkelt werden? Ich bin nicht abergläubisch, aber ich glaube an meinen Stern.

Und Norwegen, unser Vaterland, was hat das alte Jahr dir gebracht, und was wird das neue dir bringen? Zwecklos, darüber nachzudenken; aber ich schaue auf unsere Bilder, die Geschenke von Werenskiold, Munthe, Kitty Kielland, Skredsvig, Hansteen, Eilif Peterssen, und bin zu Hause, zu Hause!

Mittwoch, 3. Januar. Die alte Rinne, 400 Meter vor der »Fram«, hat sich wieder geöffnet, ein großer Spalt mit einer Eis- und Reifdecke.

Sobald sich bei dieser Temperatur Eis bildet, scheidet sich infolge des Frostes an der Oberfläche der Salzgehalt aus, der wieder zu hübschen Blumen gefriert, die Aehnlichkeit mit Rauhfrost haben. Die Temperatur ist zwischen 39° und 40° C unter Null; aber wenn hierzu noch ein schneidender Wind mit einer Geschwindigkeit von 3-5 Meter in der Secunde kommt, dann muß man zugeben, daß es »ziemlich kühl im Schatten« ist.

Sverdrup und ich waren heute derselben Meinung, daß die Weihnachtstage jetzt lieber aufhören und wir die gewöhnliche Lebensweise wieder anfangen sollten; allzulange Unthätigkeit sei nicht gut für uns. Man kann das Leben, das wir führen, weder arbeitsvoll noch schwierig nennen; aber es hat den einen Vortheil, daß wir alle damit zufrieden sind, wie es ist.

siehe Bildunterschrift

Hendriksen. Pettersen. Sverdrup. Bentsen.
Die Schmiede an Bord.

Die Leute arbeiten noch im Maschinenraum, hoffen aber, das, was sie am Kessel zu machen haben, in einigen Tagen zu beendigen, und dann ist dort alles fertig. Hierauf muß die Drehbank im Raume aufgestellt und müssen die Werkzeuge für dieselbe geschmiedet werden. Für Schmied Lars gibt es oft Arbeit; dann flammt die Schmiedeesse vorn bei der Back auf und sendet ihre rothe Glut an der reifbedeckten Takelung und höher in die Sternennacht empor, sowie hinaus über die Eiswüste.

Weit in die stille Nacht hinaus hört man die Schläge auf dem Amboß klingen. Wenn man da draußen allein umherwandert und der wohlbekannte Ton dringt an das Ohr, dann erinnert man sich an weniger einsame Scenen. Während man stillsteht und schaut, bewegt sich vielleicht ein Licht auf dem Deck entlang und langsam in den Wanten hinauf; es ist Johansen, der in die Tonne geht, um die Temperatur abzulesen.

Blessing ist augenblicklich wieder damit beschäftigt, die Blutkörperchen zu zählen und die Stärke des Hämoglobin zu schätzen. Zu diesem Zwecke zapft er jeden Monat jeder Mutter Sohn an Bord Blut ab, dieser blutdürstige Geselle, der allem Geschrei gegen die Vivisection hohnlachend Trotz bietet.

Scott-Hansen und sein Assistent stellen Beobachtungen an. Die meteorologischen Ablesungen, die alle vier Stunden notirt werden, sind das besondere Departement Johansen's.

Erst liest er an Deck Thermometer, Hygrometer und Thermograph ab – später wurden sie auf dem Eise aufgestellt – dann Barometer, Barograph und Thermometer im Salon und darauf die Minimum- und Maximum-Thermometer in der Tonne, letztere um die Temperaturen aus einer höhern Luftschicht zu bekommen. Alsdann liest er die auf dem Eise befindlichen Thermometer ab, an denen die Oberflächenausstrahlung gemessen wird, und vielleicht geht er auch noch in den Raum, um nachzusehen, wie die Temperatur dort ist.

Astronomische Beobachtungen werden in der Regel jeden zweiten Tag angestellt, um unsere Position zu bestimmen und uns bezüglich der krebsartigen Fortschritte, die wir machen, auf dem Laufenden zu halten.

siehe Bildunterschrift

Nocturno.

Diese Beobachtungen bei einem Thermometerstande zwischen -30° und -40° C anzustellen, ist ein zweifelhaftes Vergnügen; still an Deck stehen, an den feinen Instrumenten arbeiten und die Metallschrauben mit den bloßen Fingern anziehen, ist nicht gerade angenehm. Oft müssen die Beobachter die Arme zusammenschlagen und auf Deck stark trampelnd hin und her laufen.

Haben sie so einen donnernden Negertanz über unseren Köpfen ausgeführt, wobei das ganze Schiff erschüttert wird, und erscheinen sie wieder im Salon, so werden sie hier mit lautem Lachen empfangen und ganz unschuldig gefragt, ob es an Deck kalt gewesen sei.

»Nicht im geringsten«, sagt Hansen, »gerade eine mollige Temperatur.«

»Aber sind Ihnen die Füße nicht kalt geworden?«

»Nein, das kann ich nicht gerade sagen, doch werden einem die Finger manchmal ein wenig steif.«

Ihm waren nämlich gerade zwei Finger erfroren, und doch weigerte er sich, einen der Anzüge aus Wolfsfell zu tragen, die ich für die Meteorologen herausgegeben hatte.

»Es ist dazu noch zu mild«, meinte er, »und es ist nicht gut, wenn man sich verzärtelt.«

Ich glaube, das Thermometer stand 40° C unter Null, als Hansen eines Morgens in Hemd und Unterbeinkleidern an Deck stürzte, um eine Beobachtung anzustellen; er behauptete, er habe keine Zeit gehabt, erst Kleider anzuziehen.

Zu gewissen Zeiten werden von Scott-Hansen und Johansen auch magnetische Beobachtungen auf dem Eise angestellt. Ich schaue ihnen zu, wie sie dort mit ihren Laternen stehen und sich über ihre Instrumente beugen. Im nächsten Augenblick sehe ich sie über die Scholle dahin stürmen; dabei schwingen sie die Arme, wie eine Windmühle ihre Flügel bei einer Windgeschwindigkeit von, 10-12 Meter, aber dennoch ist es »durchaus nicht kalt«.

Ich kann nicht umhin, an das zu denken, was ich in den Berichten über einige frühere Expeditionen gelesen habe: daß es bei solchen Temperaturen unmöglich sei, Beobachtungen anzustellen. Es müßte schon schlimmer kommen, um unsere Leute zu veranlassen, ihre Thätigkeit aufzugeben. In den Pausen zwischen den Beobachtungen und Berechnungen höre ich in Hansen's Kabine murmeln; es bedeutet, daß der Principal beschäftigt ist, seinem Assistenten eine Dosis Astronomie oder Nautik beizubringen.

siehe Bildunterschrift

Barometercontrole durch Johansen und Scott-Hansen.

Es ist schrecklich, wieviel jetzt abends im Salon Karten gespielt wird; der Spielteufel geht um bis tief in die Nacht hinein, und selbst unser musterhafter Sverdrup ist von ihm besessen. Sie haben zwar noch nicht das Hemd vom Leibe verspielt, buchstäblich haben aber einige von ihnen das Brot vom Munde weg verspielt; zwei arme Teufel mußten sich einen ganzen Monat ohne frisches Brot behelfen, weil sie ihre Rationen an ihre Gegner verloren hatten. Aber trotz alledem ist unser Kartenspiel eine gesunde, harmlose Erholung, die zu vielem Lachen, Scherzen und Vergnügen Veranlassung gibt.

Ein irisches Sprichwort sagt: »Sei glücklich; wenn du nicht glücklich sein kannst, sei sorglos, und wenn du nicht sorglos sein kannst, sei wenigstens so sorglos wie möglich.« Das ist eine gute Philosophie, welche –, doch nein, was brauchen wir Sprichwörter, wo doch das Leben thatsächlich glücklich ist!

In voller Aufrichtigkeit brach Amundsen gestern in die Worte aus: »Ja, ist es nicht gerade wie ich sage? Wir sind die glücklichsten Menschen auf der Erde, daß wir hier leben können, wo wir keine Sorgen haben, alles erhalten, ohne uns darum bemühen zu müssen, und in jeder möglichen Weise schöne 'raus sind!« Hansen war ebenfalls der Ansicht, daß es sicherlich ein sorgenfreies Leben sei. In ähnlicher Weise äußerte sich Juell vor kurzem; was ihm am meisten zu gefallen scheint, ist, daß es hier keine Vorladungen, keine Gläubiger und keine Rechnungen gibt.

Und ich? Auch ich bin glücklich! Es ist ein bequemes Leben; nichts was schwer auf mir lastet, keine Briefe, keine Zeitungen, nichts Störendes, gerade das klösterliche, weltverlorene Dasein, das in jüngeren Jahren mein Traum war, als ich mich nach Ruhe sehnte, um mich meinen Studien hinzugeben.

Sehnsüchtiges Verlangen ist, selbst wenn es stark und traurig ist, keine Unglückseligkeit. Der Mensch hat fürwahr kein Recht, anders als glücklich zu sein, wenn das Schicksal ihm gestattet, seinen Idealen zu folgen, und ihn von den ermüdenden Lasten und Sorgen des täglichen Lebens befreit, damit er mit klarerem Blicke einem hohen Ziele zustreben kann.

»Wo Arbeit ist, kann der Erfolg nicht fehlen«, sagt ein Dichter des Landes der Arbeit. Ich arbeite, so hart ich kann, und hoffe daher, daß der Erfolg mir demnächst einen Besuch abstatten werde. Ich liege auf dem Sopha, lese von Kane's Unfällen, trinke Bier, rauche Cigaretten – die Wahrheit zwingt mich zu gestehen, daß ich diesem Laster verfallen bin, das ich so sehr verdamme, aber das Fleisch ist schwach. Ich blase die Rauchwolken in die Luft und gebe mich angenehmen Träumen hin. Das ist freilich harte Arbeit, aber ich muß damit fertig werden, so gut ich kann.

Donnerstag, 4. Januar. Es scheint, als ob das Dämmerlicht jetzt sehr wahrnehmbar zunähme, doch ist das möglicherweise auch nur Einbildung. Trotz der Thatsache, daß wir wieder nach Süden treiben, bin ich guter Laune. Was kommt es schließlich darauf an? Vielleicht ist der Gewinn für die Wissenschaft ebenso groß, und möglicherweise ist der Wunsch, den Nordpol zu erreichen, nur ein Ausfluß der Eitelkeit.

Ich habe jetzt eine sehr gute Anschauung davon, wie es dort oben am Pole sein muß. (Das gefällt mir, wird der Leser sagen.) Die Tiefsee hier ist verbunden mit der Tiefsee des Atlantischen Oceans und ist ein Theil desselben – daran kann gar kein Zweifel sein. Und habe ich nicht gefunden, daß die Dinge genau so gingen, wie ich berechnet hatte, daß sie unbedingt so geschehen müßten, wenn wir nur günstigen Wind hätten? Haben nicht vor uns schon viele auf günstigen Wind warten müssen? Und was die Eitelkeit betrifft – das ist eine Kinderkrankheit, die längst überstanden ist.

Alle Berechnungen, mit nur einer Ausnahme, haben sich als richtig erwiesen. Wir haben den Weg längs der Küste von Asien gemacht, was uns, wie viele prophezeiten, große Schwierigkeiten bereiten würde. Wir haben weiter nach Norden segeln können, als ich selbst in den kühnsten Augenblicken zu hoffen gewagt, und gerade nach demjenigen Meridian, den ich mir gewünscht hatte. Wir sind vom Eise eingeschlossen, wie ich es ebenfalls gewünscht hatte. Die »Fram« hat die Eispressungen prachtvoll ausgehalten und läßt sich, ohne nur zu krachen, durch den Eisdruck in die Höhe heben, obwol sie schwerer mit Kohlen beladen ist und einen größern Tiefgang besitzt, als wir bei Aufstellung unserer Berechnungen angenommen hatten. Und dabei hatten die Erfahrensten in diesen Sachen ihr und uns sichern Untergang prophezeit.

Ich habe das Eis nicht höher und schwerer gefunden, als ich erwartet hatte, und die Behaglichkeit, Wärme und gute Ventilation an Bord gehen weit über meine Erwartungen hinaus. An unserer Ausrüstung fehlt nichts, und unsere Beköstigung ist außergewöhnlich gut. Nach Blessing's und meinem übereinstimmenden Urtheil vor einigen Tagen ist sie so gut wie zu Hause; da ist nichts, wonach wir Verlangen trügen. Selbst der Gedanke an ein Beefsteak à la Chateaubriand oder ein Schweinscotelett mit Champignons und eine Flasche Burgunder kann uns den Mund nicht wässerig machen; wir fragen gar nichts nach solchen Dingen.

Die Vorbereitungen für die Expedition haben mich mehrere kostbare Jahre meines Lebens gekostet, aber jetzt beklage ich sie nicht: mein Zweck ist erreicht. Auf dem Treibeise führen wir ein Winterleben, das nicht nur in jeder Beziehung besser ist als das früherer Expeditionen, sondern thatsächlich, als ob wir ein kleines Stück von Norwegen, von Europa mitgebracht hätten. Es geht uns hier ebenso gut, als wenn wir zu Hause wären. Alle zusammen in einer Kajüte, wo alles gemeinsam ist, bilden wir einen kleinen Theil des Vaterlandes, und wir schließen uns täglich inniger und fester zusammen.

Nur in einem Punkte haben meine Berechnungen sich als unrichtig erwiesen, und leider in einem der wichtigsten.

Ich hatte ein seichtes Polarmeer vorausgesetzt, da die aus diesen Gegenden bekannte größte Tiefe, die von der »Jeannette« gefunden war, bisjetzt 150 Meter betrug, und ich calculirte, daß alle Strömungen in dem seichten Polarmeer einen starken Einfluß ausüben würden, sowie daß an der asiatischen Seite der von den sibirischen Flüssen veranlaßte Strom stark genug sein müsse, um das Eis eine gute Strecke nach Norden zu treiben. Nun aber finde ich hier schon eine Tiefe, die wir mit unserer ganzen Leine nicht messen können, eine Tiefe von gewiß 1800 Meter und möglicherweise dem Doppelten.

Es hat dies sofort jegliches Vertrauen zu der Wirkung der Strömung über den Haufen geworfen; wir finden entweder gar keine oder nur eine sehr geringe Strömung, und unsere einzige Hoffnung beruht jetzt auf den Winden. Columbus entdeckte Amerika durch eine falsche Berechnung, die nicht einmal von ihm selbst herrührte; nur der Himmel weiß, wohin mein Irrthum uns führen wird. Ich wiederhole nur, das sibirische Treibholz an der Küste von Grönland kann nicht lügen, und den Weg, den es gemacht hat, müssen auch wir gehen.

Montag, 8. Januar. Klein-Liv ist heute ein Jahr alt; zu Hause wird Festtag sein. Als ich nach dem Essen auf dem Sopha lag und las, steckte Peder den Kopf durch die Thür und forderte mich auf, nach oben zu kommen und mir einen merkwürdigen Stern anzusehen, der sich soeben über dem Horizont zeige und wie das Feuer einer Bake scheine.

Ich bekam fast einen Schreck, als ich an Deck kam und im Süden gerade über dem Rande des Eises ein starkes rothes Licht sah, das funkelte und die Farbe veränderte. Es sah gerade aus, als ob jemand mit einer Laterne über das Eis käme. Ich glaube wirklich, ich habe einen Augenblick meine Umgebung so weit vergessen, daß ich dachte, es nähere sich in der That jemand von Süden her. Es war die Venus, die wir heute zum ersten mal sahen, da sie bisjetzt unter dem Horizont gestanden hatte. Sie war wunderschön mit ihrem rothen Licht.

Seltsam, daß das gerade heute geschehen muß. Es muß Liv's Stern sein, ebenso wie der Jupiter der Heimatsstern ist. Und Liv's Geburtstag ist ein Glückstag – wir sind wieder auf dem Wege nach Norden! Nach unseren Beobachtungen sind wir sicher nördlich vom 79. Grade. An meinem Hochzeitstage, 6. September, begann der günstige Wind zu wehen, der uns die asiatische Küste entlang führte; vielleicht hat Liv's Geburtstag uns in eine günstige Strömung gebracht und unternehmen wir unter ihrem Stern den wirklichen Aufbruch nach dem Norden.

Freitag, 12. Januar. Gegen 10 Uhr morgens war heute Eispressung in der Oeffnung vor dem Schiffe, doch konnte ich keine Bewegung bemerken, als ich etwas später dort war und die Oeffnung eine Strecke nach Norden verfolgte. Bei einem Thermometerstande von -40° C und einem Winde, der einem mit der Geschwindigkeit von 5 Meter gerade ins Gesicht weht, ist das Gehen ein ziemlich kaltes Stück Arbeit.

Unter Liv's Stern treiben wir jetzt gewiß rasch nach Norden. Uebrigens ist es doch nicht so ganz gleichgültig, ob wir nach Norden oder nach Süden gehen. Geht die Drift nordwärts, so scheint neues Leben in mich einzuströmen, und die Hoffnung, die ewig junge, sprießt neu und grün unter dem Winterschnee hervor. Ich sehe den Weg offen vor mir und in der Ferne die Heimkehr – ein zu großes Glück, um ganz daran zu glauben.

Sonntag, 14. Januar. Wiederum Sonntag. Die Zeit verfliegt beinahe schnell, und jeden Tag wird es heller.

Heute herrschte große Aufregung, als die Beobachtungen von gestern Abend ausgerechnet wurden. Alle vermutheten, daß wir wieder eine weite Strecke nach Norden gekommen sein müßten; einige meinten bis auf 79° 18' oder 20', andere bestanden, wie ich glaube, auf 80°. Nach der Rechnung stehen wir auf 79° 19' nördlicher Breite und 137° 31' östlicher Länge. Ein guter Schritt vorwärts!

Gestern war das Eis ruhig, heute Morgen fand aber an verschiedenen Stellen wieder beträchtlicher Eisdruck statt. Der Himmel mag wissen, wodurch derselbe jetzt, eine ganze Woche nach Neumond, verursacht wird. Ich unternahm einen weiten Marsch nach Südwesten und gerieth mitten in die Eispressungen hinein.

Das Zusammenschieben begann gerade, wo ich stand, mit donnerndem Getöse unter mir und auf allen Seiten; ich sprang und rannte wie ein Hase, gerade als ob ich noch nie so etwas gehört hätte; es kam so unerwartet. Das Eis war dort im Süden merkwürdig flach; je weiter ich ging, desto flacher wurde es, und dabei war die Oberfläche ganz vorzüglich geeignet für Schlittenfahrten. Auf solchem Eise könnte man täglich viele Meilen fahren.

Montag, 15. Januar. Morgens sowol wie mittags fanden heute vorn Eispressungen statt, doch hörten wir das lauteste Getöse von Norden her. Sverdrup, Mogstad und Peder machten sich daher in dieser Richtung auf den Weg, mußten aber vor einer großen offenen Rinne Halt machen. Später marschirten Peder und ich eine weite Strecke nach Nordnordost, an einer großen Oeffnung vorbei, an deren Rand ich bereits Weihnachten entlang gegangen war. Es war blankes, flaches Eis, eine prächtige Schlittenbahn, und wurde immer besser, je weiter wir nach Norden kamen.

Je länger ich hier umherstreife und dieses Eis nach allen Richtungen hin ansehe, desto stärker erfaßt mich ein Plan, mit dem ich in Gedanken schon lange umgegangen bin.

Mit Hunden und Schlitten würde es möglich sein, auf diesem Eise den Pol zu erreichen, wenn man das Schiff allen Ernstes verließe und den Rückweg in der Richtung auf Franz-Joseph-Land, Spitzbergen oder die Westküste von Grönland antreten würde. Für zwei Leute könnte man es fast als eine leichte Expedition bezeichnen.

Allein, es würde voreilig sein, im Frühjahr aufzubrechen. Erst müssen wir sehen, welche Drift der Sommer bringt. Und wenn ich darüber nachdenke, halte ich es doch für zweifelhaft, ob es richtig sein würde, mich zu entfernen und die anderes zu verlassen. Man denke sich nur, wenn ich nach Hause käme und sie nicht!

Und doch bin ich hierher gekommen, um die unbekannten Polarregionen zu erforschen; dafür haben die Norweger ihr Geld hergegeben, und es ist sicherlich meine erste Pflicht, zu thun, was ich kann. Ich muß die Drift noch einer längern Probe unterziehen; allein, wenn wir dadurch nach einer verkehrten Richtung geführt werden, dann bleibt nichts anderes übrig, als den andern Plan zu versuchen, komme danach, was da wolle.

Dienstag, 16. Januar. Heute ist das Eis ruhig. Betäubt einen das sehnsüchtige Verlangen oder schleift dasselbe sich ab und verwandelt sich schließlich in Dummheit? O, dieses brennende Verlangen bei Nacht und bei Tage war Glückseligkeit! Jetzt hat sich sein Feuer aber in Eis verwandelt. Weshalb scheint die Heimat in so weiter Ferne zu liegen? Sie ist der Lebensnerv des Menschen; ohne sie ist das Leben so leer, so öde, nichts als tödliche Leere.

Ist es die Ruhelosigkeit des Frühlings, die über den Menschen zu kommen beginnt? Der Wunsch nach Thätigkeit, nach etwas, das sich von diesem gleichgültigen, entnervenden Leben unterscheidet? Ist die Menschenseele nichts weiter als eine Aufeinanderfolge von Stimmungen und Gefühlen, die sich so unberechenbar verändern wie der Wind? Vielleicht ist mein Gehirn übermüdet; Tag und Nacht sind meine Gedanken auf den einen Punkt gerichtet gewesen, auf die Möglichkeit, den Pol zu erreichen und wieder nach Hause zu kommen. Vielleicht ist es Ruhe, was ich brauche, um zu schlafen, zu schlafen! Fürchte ich mich, das Leben zu wagen? Nein, das kann es nicht sein.

Aber was mag es sonst sein, das mich zurückhält? Vielleicht ein geheimer Zweifel an der Ausführbarkeit des Planes? Mein Geist ist verwirrt; alles ist in Unordnung gerathen, ich bin mir selbst ein Räthsel. Ich bin abgenutzt und fühle doch keine besondere Ermüdung. Kommt es vielleicht davon, daß ich gestern Abend noch spät gelesen habe? Alles um mich herum ist Leere, und mein Gehirn ist ein weißes Blatt. Ich schaue die Bilder aus der Heimat an, und sie berühren mich seltsam langweilig; ich blicke in die Zukunft, und es kommt mir vor, als sei es mir ziemlich einerlei, ob ich in diesem oder im nächsten Herbste zurückkomme. Wenn ich schließlich überhaupt nur zurückkomme, scheinen mir ein oder zwei Jahre fast nichts zu sein.

So habe ich früher nie gedacht. Ich habe jetzt keinerlei Neigung zum Lesen, zum Zeichnen oder zu irgendeiner andern Thätigkeit. Thorheit! Soll ich versuchen, einige Seiten Schopenhauer zu lesen? Nein, ich will zu Bette gehen, obwol ich nicht schläfrig bin. Vielleicht würde mich, wenn mir die Wahrheit bekannt wäre, ein größeres Verlangen erfüllen als je vorher.

Das Einzige, was mir hilft, ist schreiben, der Versuch, mich auf diesen Blättern auszusprechen und dann mich selbst gleichsam von außen her zu betrachten. Ja, das Leben des Menschen ist nichts als eine Aufeinanderfolge von Gemüthsstimmungen, halb Erinnerung, halb Hoffnung.

Donnerstag, 18. Januar. Der Wind, der gestern Abend einsetzte, hat den ganzen Tag mit einer Geschwindigkeit von 5-6 Meter in der Secunde aus Südsüdost, Südost und Ostsüdost geweht. Er hat uns zweifelsohne eine gute Strecke nach Norden geholfen, scheint aber abzunehmen und ist jetzt, gegen Mitternacht, bis auf 4 Meter gesunken. Das Barometer, das während der ganzen Zeit gestiegen war, hat plötzlich zu fallen begonnen; hoffen wir, daß kein Cyklon über uns weg passirt und nördlichen Wind bringt. Seltsam, daß bei diesen stärkeren Winden fast stets ein Steigen des Thermometers beobachtet wird; heute stieg es bis -25° C Südlicher Wind von geringerer Geschwindigkeit läßt die Temperatur in der Regel sinken, mäßiger Nordwind steigert sie.

Payer erklärt diese Steigerung der Temperatur bei starken Winden damit, daß die Luft sich beim Passiren großer Oeffnungen im Eise erwärme. Das kann jedoch kaum richtig sein, wenigstens in unserem Falle nicht, da wir wenig oder gar keine Oeffnungen in der Nähe haben. Viel eher bin ich zu glauben geneigt, daß die Steigerung dadurch verursacht wird, daß Luft aus den höheren Schichten zur Erdoberfläche herabsteigt.

Sicher ist, daß die höhere Luftschicht wärmer ist als die tieferliegende, die mit den infolge Wärmestrahlung abgekühlten schnee- und eisbedeckten Flächen in Berührung tritt. Unsere Beobachtungen beweisen, daß dies so ist. Dazu kommt, daß die Luft bei ihrem Fall durch den steigenden Druck erwärmt wird. Ein starker Wind muß, selbst wenn er nicht aus den oberen Schichten der Atmosphäre kommt, nothwendigerweise einige Verwirrung in die Stellung der verschiedenen Schichten zu einander bringen und die oberen mit den darunter befindlichen vermischen und umgekehrt.

Letzte Nacht hatte ich einen merkwürdigen Traum. Ich war heimgekehrt. Noch fühle ich etwas von der zitternden, mit Furcht gepaarten Freude, mit welcher ich mich dem Lande und der ersten Telegraphenstation näherte. Ich hatte meinen Plan ausgeführt; wir hatten den Nordpol erreicht und waren nach Franz-Joseph-Land zurückgelangt. Ich hatte nichts gesehen als Treibeis, und als die Leute mich fragten, wie es dort oben aussähe und wie wir gewußt hätten, daß wir am Pole seien, vermochte ich keine Antwort zu geben; ich hatte vergessen, genaue Beobachtungen anzustellen, und fing nun an einzusehen, daß das sehr dumm von mir gewesen war.

Ganz seltsam ist es, daß ich fast genau denselben Traum hatte, als wir einst auf den Eisschollen an der Ostküste von Grönland entlang trieben und glaubten, wir würden immer weiter von unserem Ziele fortgeführt. Damals träumte mir, ich hatte die Heimat erreicht, nachdem ich Grönland auf dem Eise durchquert hatte; ich hätte mich aber geschämt, weil ich nichts darüber zu berichten wußte, was ich unterwegs gesehen hatte – ich hatte alles vergessen. Ist die Aehnlichkeit der beiden Träume nicht ein glückliches Omen? Das erste mal habe ich, so schlimm die Aussichten auch waren, mein Ziel erreicht; soll es mir nicht auch diesmal gelingen?

Wäre ich abergläubisch, dann würde ich meiner Sache sicherer sein; allein obwol ich dies keineswegs bin, habe ich doch die feste Ueberzeugung, daß unser Unternehmen gelingen muß. Dieser Glaube ist aber nicht einzig die Folge des südlichen Windes, der seit zwei Tagen weht; vielmehr sagt mir eine innere Stimme, daß wir Erfolg haben werden. Jetzt lache ich mich aus, daß ich so schwach gewesen bin, daran zu zweifeln. Stundenlang kann ich ins Licht starren und davon träumen, wie ich zitternd vor Aufregung und Erwartung bei der Landung nach der nächsten Telegraphenstation suche; eine Depesche nach der andern schreibe ich, und den Beamten frage ich nach Nachrichten von zu Hause.

Freitag, 19. Januar. Prachtvoller Wind mit einer Geschwindigkeit von 4-9 Meter in der Secunde; wir gehen mit großartiger Schnelligkeit nach Norden. Das roth glühende Zwielicht ist um Mittag jetzt so hell, daß, wenn wir uns auf südlicheren Breiten befänden, wir in einigen Minuten erwarten könnten, die Sonne in glänzender Pracht am Horizonte aufsteigen zu sehen; darauf werden wir jedoch noch einen Monat warten müssen.

Sonnabend, 20. Januar. Ich ließ ungefähr 270 Kilogramm Pemmikan und 90 Kilogramm Brot aus dem Raum heraufholen und auf der Back verstauen; es wäre unrecht, nicht für plötzliche Notfälle, wie z. B. Feuer, einigen Proviant an Deck zu haben.

Sonntag, 21. Januar. Wir unternahmen einen weiten Ausflug nach Nordwesten; auch in dieser Richtung war das Eis ziemlich flach. Sverdrup und ich kletterten in einiger Entfernung vom Schiffe auf einen durch Eisdruck zusammengeschobenen hohen Hügel hinauf. Derselbe befand sich im Mittelpunkte einer sehr starken Pressung, nichtsdestoweniger maß aber die Eismauer an ihrer höchsten Stelle nicht über fünf Meter, obwol sie eine der höchsten und größten war, die ich bisjetzt gesehen hatte.

Eine gestern Abend genommene Mondhöhe ergab, daß wir uns auf 79° 35' nördlicher Breite befanden, genau, wie ich es mir gedacht hatte. Wir haben uns jetzt so daran gewöhnt, die Drift nach dem Winde zu berechnen, daß wir ziemlich genau anzugeben im Stande sind, wo wir uns befinden. Das ist wieder ein guter Schritt nordwärts; wenn wir solcher Schritte nur noch viele machen konnten. Zu Ehren des Geburtstages des Königs haben wir einen Schmaus von Feigen, Rosinen und Mandeln.

Dienstag, 23. Januar. Als ich heute Morgen an Deck kam, saß »Kaiphas« an Backbord neben dem Heck auf dem Eise und bellte unaufhörlich nach Osten. Da ich wußte, daß etwas dort sein mußte, ging ich mit einem Revolver hin, während Sverdrup mir mit einem andern Revolver folgte. Als ich in die Nähe des Hundes kam, rannte er uns voran in jener Richtung davon; offenbar war dort ein Thier, und dies konnte natürlich nur ein Bär sein.

Der Vollmond schien roth und stand im Norden; sein schwaches Licht fiel schräg auf die zerrissenen Eisflächen. Nach allen Richtungen blickte ich über die Hügel, die lange und vielgestaltige Schatten warfen, konnte in diesem Wirrwarr aber nichts entdecken. Wir gingen daher weiter, »Kaiphas« knurrend und bellend und die Ohren spitzend voran, ich hinter ihm her, jeden Augenblick erwartend, daß ein Bär vor uns auftauchen würde.

Der Weg führte uns ostwärts an der Oeffnung entlang. Plötzlich begann der Hund vorsichtiger und mehr geradeaus zu gehen, dann blieb er stehen und ließ nur ein schwaches Knurren hören; wir näherten uns also offenbar dem Thiere. Ich kletterte auf einen Eishügel hinauf, um Umschau zu halten, und erblickte zwischen den Eisblöcken etwas Dunkles, das auf uns zuzukommen schien.

»Dort kommt ein schwarzer Hund«, rief ich.

»Nein, es ist ein Bär«, erwiderte Sverdrup, der sich mehr auf der Seite befand und daher besser hinsehen konnte.

Jetzt bemerkte auch ich, daß es ein großes Thier war und daß es nur der Kopf gewesen, was ich für einen Hund gehalten hatte. In den Bewegungen glich es etwas einem Bären, es schien mir jedoch von zu dunkler Farbe zu sein. Ich riß den Revolver aus der Tasche und stürzte darauf zu, um dem Thiere sämmtliche Kugeln in den Kopf zu jagen; aber als ich nur noch wenige Schritte von demselben entfernt war und gerade schießen wollte, hob es den Kopf, worauf ich erkannte, daß es ein Walroß war. In demselben Augenblicke stürzte es sich seitwärts ins Wasser.

Da standen wir nun. Auf einen solchen Burschen mit einem Revolver zu schießen, wäre ebensoviel gewesen, wie eine Gans mit Wasser zu bespritzen. Unmittelbar darauf erschien der große schwarze Kopf wieder in einem Mondscheinstreifen auf dem dunkeln Wasser. Das Thier blickte lange nach uns hin, verschwand auf eine kleine Weile, erschien etwas näher aufs neue, tauchte auf und nieder, blies mit den Nüstern, steckte den Kopf unter Wasser, schob sich zu uns herüber und hob wieder den Kopf. Es konnte einen verrückt machen; wenn wir nur eine Harpune gehabt hätten, ich hätte sie ihm leicht in den Rücken jagen können. Ja, wenn –

Wir liefen, so schnell uns unsere Beine trugen, nach der »Fram« zurück, um Harpune und Büchse zu holen; allein Harpune nebst Leine waren weggestaut und nicht so rasch zu finden. Wer hatte aber auch denken können, daß sie hier gebraucht werden würde? Ferner mußte die Harpune geschärft werden, und das nahm alles Zeit in Anspruch. Trotz all unsers Suchens an der Oeffnung entlang nach Osten und Westen vermochten wir das Walroß nicht wieder zu finden. Weiß der Himmel, wohin es sich entfernt hatte, da in weitem Umkreise nicht eine einzige Oeffnung im Eise mehr war.

Vergeblich ärgerten Sverdrup und ich uns darüber, daß wir nicht sofort erkannt hatten, was es für ein Thier war; denn wenn wir dies geahnt hätten, würden wir das Walroß jetzt haben. Wer erwartet aber auch, mitten in einer wilden See von 1800 Meter Tiefe auf geschlossenem Eise ein Walroß anzutreffen, noch dazu mitten im Winter? Keiner von uns hatte etwas derartiges je vorher gehört; es ist ein wahres Wunder. Da ich glaubte, daß wir vielleicht an eine seichte Stelle oder in die Nähe des Landes gekommen sein könnten, ließ ich nachmittags mit 240 Meter Leine lothen, ohne jedoch Grund zu finden.

Nach den gestrigen Beobachtungen sind wir auf 79° 41' nördlicher Breite und 135° 29' östlicher Länge. Das ist ein tüchtiger Fortschritt nach Norden, und es verschlägt dabei nicht viel, daß wir auch ein wenig westlich getrieben sind. Die Wolken jagen heute Abend vor einem starken südlichen Winde dahin, sodaß wir wahrscheinlich bald ebenfalls vor demselben weiterkommen werden; inzwischen ist die Brise aus Süden aber so leicht, daß man sie kaum fühlt.

Die Oeffnung hinter unserm Heck erstreckt sich nahezu in der Richtung von Ost nach West. Nach Westen vermochten wir, als wir nach dem Walroß suchten, das Ende nicht abzusehen. Mogstad und Peder, die fünf Kilometer weit nach Osten gegangen waren, hatten die Rinne dort ebenso breit gefunden wie überall.

Mittwoch, 24. Januar. Beim Abendessen erzählte uns Peder einige seiner merkwürdigen Geschichten aus Nowaja Semlja über seinen Gefährten Andreas Bek.

»Nun, sehen Sie, es war dort oben bei der Holländer- oder Amsterdam-Insel herum, wo Andreas Bek und ich am Lande waren und zwischen die Gräber geriethen. Wir dachten uns, wir möchten gern einmal sehen, was darin wäre, und brachen einige von den Särgen auf. Da lagen sie nun; einige hatten noch Fleisch an Kinnbacken und Nasen und einige auch die Mütze noch auf dem Kopf. Andreas, sehen Sie, war ein verteufelter Bursche; er brach die Särge auf, holte die Schädel heraus und rollte sie hin und her, stellte auch einige als Scheiben auf und schoß danach. Dann wollte er sehen, ob noch Mark in den Knochen sei, nahm einen Hüftknochen heraus und zerbrach ihn – und wahrhaftig, es war noch Mark darin; er nahm einen Holzstab und stocherte es damit heraus.«

»Wie konnte er aber so etwas thun?«

»O, er war eben ein Holländer, wissen Sie. Aber in jener Nacht hatte der Andreas einen bösen Traum. Alle Todten kamen und wollten ihn holen, und er ergriff die Flucht vor ihnen und rannte bis auf das Bugspriet hinaus, wo er saß und fürchterlich schrie, während die Todten auf der Back standen. Und der eine mit dem zerbrochenen Hüftknochen in der Hand, er war der Vorderste, kroch hinaus und verlangte vom Andreas, daß er den Knochen wieder zusammensetzen solle. Im selben Augenblicke erwachte er. Wir lagen in derselben Koje, sehen Sie, Andreas und ich, und ich saß aufrecht und lachte und hörte zu, wie er schrie. Ich wollte ihn nicht wecken, ich nicht. Ich dachte, das ist ein Spaß, daß ihm nun etwas heimgezahlt wird.«

»Das war schlecht von Euch, Peder, daß Ihr Euch an dieser abscheulichen Leichenschändung betheiligt habt.«

»O, ich habe ihnen nichts gethan, wissen Sie. Ich habe nur ein einziges mal einen Sarg erbrochen, um Holz für unser Feuer zum Kaffeekochen zu bekommen; aber als wir den Sarg öffneten, zerfiel der Leichnam. Es war aber saftiges Holz, das heller brannte, als die besten Fichtenwurzeln, solches Feuer gab es.«

Dann bemerkte einer der anderen:

»War es nicht der Teufel, der einen Schädel als Kaffeetasse benutzte?«

»Nun, sehen Sie, er hatte nichts anderes und fand zufällig gerade einen. Dabei war doch nichts Böses, oder ...?«

Nun begann Jacobsen zu erzählen:

»Es ist durchaus nichts so Ungewöhnliches, nach Schädeln zu schießen, entweder weil die Leute Liebhaberei für solche Scheiben haben, oder aus anderen Gründen; sie schießen durch die Augenhöhlen u. s. w.«

Ich fragte Peder nach dem Sarge Tobiesen's; Sivert Christian Tobiesen, geb. in Tromsö 1821, gest. auf Nowaja Semlja 1873, war einer der kühnsten norwegischen Fangschiffer. Er fand während einer Ueberwinterung auf der Westküste von Nowaja Semlja ein trauriges Ende. ob man ihn je ausgegraben habe, um festzustellen, ob seine Leute wirklich ihn und seinen Sohn getödtet hätten.

»Nein, der ist nie ausgegraben worden.«

»Ich bin«, fängt Jacobsen wieder an, »im vorigen Jahre dort vorbei gesegelt; ich ging nicht an Land, glaube aber gehört zu haben, daß er ausgegraben worden sei.«

»Das ist alles Blech; er ist nie ausgegraben worden.«

»Nun«, sagte ich, »mir däucht, ich habe auch so etwas gehört; ich glaube, es war hier an Bord, und wenn ich mich nicht sehr irre, dann wäret Ihr selbst es, Peder, der es erzählt hat.«

»Nein, ich habe das nie erzählt. Alles, was ich gesagt habe, war, ein Mann habe einmal einen Walroßspeer durch den Sarg gestoßen, der noch jetzt dort steckt.«

»Weshalb that er denn das?«

»O, nur weil er wissen wollte, ob etwas in dem Sarge drin sei; aber er wollte ihn nicht öffnen, wissen Sie. Lassen wir ihn in Frieden ruhen.«

Freitag, 26. Januar. Peder und ich gingen heute Morgen ungefähr 12 Kilometer an der Oeffnung entlang und sahen, daß sie zwischen einigen alten zusammengeschobenen Eisgraten endete; insgesammt ist sie über 13 Kilometer lang. Auf unserem Heimwege begann das Eis sich zu bewegen; in der That war während der ganzen Zeit ziemlich starker Eisdruck. Als wir auf dem neuen Eise in der Rinne dahinschritten, begann es, sich in Furchen aufzuwerfen und unter den Füßen zu krachen; dann stieg es zu zwei hohen Mauern auf, zwischen denen wir wie in einer Straße wanderten. Dabei war unaufhörlicher Lärm, der bald wie das Heulen und Winseln eines über Kälte klagenden Hundes, bald wie das Donnergetöse eines mächtigen Wasserfalles klang. Oft waren wir gezwungen, uns auf das alte Eis zu flüchten, entweder weil wir an offenes Wasser mit einem Gewirre von treibenden Blöcken kamen, oder weil die Richtung des Zusammenschiebens gerade quer über die Rinne geführt hatte und sich vor uns eine hohe Mauer gleich einer gefrorenen Welle erhob. Es schien, als ob das Eis an der Südseite der Rinne, wo die »Fram« lag, sich nach Osten bewegt, oder sich an der Nordseite nach Westen fortgeschoben habe, da die Schollen auf beiden Seiten sich in diesen Richtungen schräg gegenüberstanden.

Wir fanden Spuren von einem kleinen Bären, welcher am Tage vorher die Rinne entlang getrottet war. Leider hatte er sich nach Südwesten davon gemacht, sodaß wir wenig Hoffnung hatten, daß er bei dem stetigen südlichen Winde das Schiff wittern und kommen würde, um sich etwas Fleisch von Bord zu holen.

Sonnabend, 27. Januar. Die Tage werden jetzt entschieden heller; wir vermögen um Mittag eben »Verdens Gang« Eine norwegische Zeitung. zu lesen.

Mittags glaubte Sverdrup Land weit achteraus zu sehen, dunkel und unregelmäßig, an einigen Stellen hoch; doch konnte es seiner Meinung nach auch ein Wolkengebilde sein. Als ich von einem Spaziergange zurückkehrte, begab ich mich nach oben, um ebenfalls nachzusehen, erblickte aber nur aufgethürmtes Eis. Vielleicht war das, was er gesehen hatte, dasselbe, möglicherweise war ich aber auch zu spät gekommen. (Am nächsten Tage zeigte sich, daß es nur eine optische Täuschung gewesen war.)

Heute Abend herrschte heftiger Eisdruck, der um 7½ Uhr in der Rinne achteraus begann und ununterbrochen zwei Stunden anhielt. Es klang, als ob ein Wasserfall mit einer Gewalt, der nichts widerstehen könne, brüllend auf uns herabstürzte; man hörte die großen Schollen aneinander krachen und sich gegenseitig zertrümmern. Sie wurden zu hohen Mauern aufgeworfen und zusammengeschoben, die sich jetzt der ganzen Rinne entlang von Osten nach Westen ausdehnen müssen, da man das Getöse auf der ganzen Strecke hört.

In diesem Augenblicke kommt es näher. Das Schiff erhält heftige Stöße, wie von Wogen unter dem Eise. Sie kommen von hinten gegen uns heran und bewegen sich nach vorn. Wir starren in die Nacht hinaus, können aber nichts sehen, da es pechfinster ist. Jetzt höre ich das Krachen und Schieben in dem Eishügel an Steuerbord querab vom Heck; es wird lauter und stärker und dehnt sich allmählich aus. Endlich läßt das wasserfallartige Getöse etwas nach, dann wird es ungleichmäßiger, und es treten immer längere Pausen zwischen den einzelnen Stößen ein. Mir ist so kalt, daß ich mich nach unten schleiche.

Kaum habe ich mich zum Schreiben niedergesetzt, als das Schiff wieder sich zu heben und zu zittern beginnt und ich durch seine Seiten das Getöse des Zusammenschiebens höre. Da die Bärenfalle in Gefahr sein kann, gehen drei von den Leuten hin, um nachzusehen; aber da sie finden, daß zwischen der neu zusammengeschobenen Eiskette und dem Draht, mit welchem die Falle befestigt ist, sich noch ein Zwischenraum von fünfzig Schritten befindet, lassen sie sie an ihrer Stelle. Die infolge der Pressung gebildete Eiskette bot, wie sie sagen, einen häßlichen Anblick, doch war in der Dunkelheit nicht viel zu unterscheiden.

Jetzt beginnt wieder sehr heftiges Eisschieben, sodaß ich an Deck muß, um es mir anzusehen. Sowie man die Thür öffnet, tönt einem das laute Getöse entgegen. Es kommt jetzt sowol vom Buge als auch von der Richtung des Hecks her. Offenbar werden in beiden Rinnen durch die Schiebungen Eisketten aufgeworfen, sodaß wir, wenn dieselben uns erreichen, an beiden Enden aufgenommen und leicht und bequem aus dem Wasser gehoben werden. Auf allen Seiten sind die Eispressungen uns ganz nahe.

In dem alten Hügel an Backbord querab vom Heck hat das Krachen jetzt ebenfalls begonnen. Es wird immer lauter, und soviel ich erkennen kann, hebt der Hügel sich langsam in die Höhe. Quer über die große Scholle an Backbord hat sich eine Rinne gebildet; obwol es dunkel ist, sieht man das Wasser. Jetzt werden Druck und Lärm immer schlimmer; das Schiff erzittert, und ich habe das Gefühl, als ob ich selbst langsam mit der Heckrehling gehoben würde, an der ich stand und auf das Gewirr der Eismassen hinausschaute. Diese glichen Riesenschlangen, die ihre ungeheuern Körper da draußen hin und her wanden und ringelten unter dem ruhigen sternbesäten Himmel, dessen Frieden nur durch ein schlangenartiges Nordlicht unterbrochen wird, das im Nordosten ruhelos schwankt und flackert.

Wiederum denke ich daran, wie behaglich und sicher es an Bord der »Fram« ist, und schaue mit einer gewissen Verachtung auf den schrecklichen Wirrwarr hinab, den die Natur vollständig zwecklos verursacht; sie wird uns nicht so schnell zu zermalmen vermögen, ja nicht einmal in Furcht versetzen.

Plötzlich fällt mir ein, daß sich mein schönes Thermometer in einem Loche auf der Scholle an Backbord auf der andern Seite der Rinne befindet und in Gefahr sein muß. Ich stürze auf das Eis hinab, finde eine Stelle, wo ich über die Rinne springen kann, und suche in der Dunkelheit, bis ich das Stück Eis finde, welches das Loch bedeckt; dann fasse ich die Leine, und das Thermometer ist geborgen. Ich eile nun sehr zufrieden an Bord zurück und hinab in meine Kabine. Hier rauche ich eine Friedenspfeife – leider nimmt das Laster immer mehr bei mir überhand – und lausche mit Vergnügen dem Getöse der Pressungen draußen und fühle die erdbebenartigen Erschütterungen, während ich über meinem Tagebuche sitze und schreibe.

Im Gefühle der Sicherheit und Gemüthlichkeit kann ich nicht umhin, mit tiefem Bedauern der vielen zu gedenken, die einst auf Deck in steter Bereitschaft haben stehen müssen, um beim Eintritt einer solchen Eispressung ihr gebrechliches Fahrzeug zu verlassen. Die armen Leute vom »Tegetthoff«! Sie haben eine schwere Zeit durchgemacht, und doch hatten sie ein gutes Schiff im Vergleich zu den Fahrzeugen vieler anderer.

Es ist jetzt halb zwölf, und der Lärm draußen scheint abzunehmen.

Merkwürdig ist, daß wir jetzt diese starken Eispressungen haben, obwol der Mond im letzten Viertel steht und wir taube Gezeiten haben. Das stimmt nicht mit unsern früheren Erfahrungen überein, ebenso auch nicht die Thatsache, daß der Eisdruck vorgestern um 12 Uhr mittags bis 2 Uhr nachmittags und dann wieder um 2 Uhr morgens eintrat, während wir ihn jetzt von 7½ bis 10½ Uhr abends gehabt haben. Könnte Land vielleicht doch damit etwas zu thun haben? Die Temperatur ist heute -41,4° C, doch ist kein Wind, und wir haben seit langer Zeit kein so angenehmes Wetter für einen Spaziergang gehabt; man findet es fast mild hier, wenn die Luft windstill ist.

Nein, das war noch nicht der Abschluß der Eispressungen. Als ich ein Viertel vor 12 Uhr an Deck war, begann das Tosen und Zittern des Eises wieder, diesmal an Backbord, querab vom Heck. Dann kam plötzlich ein lauter Knall nach dem andern und verhallte in der Ferne; das Schiff machte einen Ruck, darauf trat nochmals eine schwache Pressung ein und dann herrschte Ruhe. Schwaches Nordlicht.

Sonntag, 28. Januar. Seltsamerweise haben wir seit 12 Uhr nachts keine Eispressungen gehabt, das Eis scheint sich vollständig ruhig zu verhalten. Der durch das Pressen entstandene Grat hinter dem Schiffe zeigt, wie heftig der Druck gewesen ist; an einer Stelle betrug die Höhe 5½ – 6 Meter über der Oberfläche des Wassers.

Scholleneis von 2½ Meter Dicke war zertrümmert, zu viereckigen Blöcken aufeinander geschoben und in Stücke zermalmt. An einer Stelle ragte eine ungeheure Säule aus solchem Scholleneis in die Luft. Jenseits dieser Eismauer war keine größere Störung zu entdecken. Nur hier und da hatte sich etwas Eis zusammengeschoben, auch wies die Scholle an Backbord querüber vier oder fünf große Risse auf, durch welche sich ohne Zweifel die in der Nacht von uns gehörten Explosionen erklären. An der Steuerbordseite war das Eis ebenfalls an mehreren Stellen geborsten. Offenbar war der Eisdruck von Norden oder Nordnordosten gekommen.

Die Kette hinter uns ist eine der höchsten, die ich bisjetzt gesehen habe. Wenn die »Fram« dort gelegen hätte, würde sie, wie ich glaube, vollständig aus dem Wasser gehoben worden sein. In nordöstlicher Richtung, in welcher ich eine Strecke gegangen war, sah ich keine Spuren von Eispressungen.

Wiederum Sonntag! Wunderbar, daß die Zeit so rasch verfließen kann, wie es thatsächlich der Fall ist. Aus einem Grunde sind wir in besserer Stimmung: wir wissen, daß wir stetig nach Norden treiben. Eine rohe Schätzung unserer heutigen Beobachtung versetzt uns auf 79° 50' nördlicher Breite; das ist nicht viel seit Montag, allein gestern und heute war fast gar kein Wind, und an den anderen Tagen war er sehr schwach; nur ein- oder zweimal höchstens 3 Meter Geschwindigkeit, während der übrigen Zeit nur l und 2 Meter.

Gestern Nachmittag ereignete sich ein bemerkenswerther Vorfall. Ich ließ Munthe's Gemälde der »Drei Prinzessinnen« an der Wand fest machen. Wir wollten diese Arbeit schon immer ausführen, seit wir Christiania verlassen haben, doch sind wir bis jetzt noch nicht im Stande gewesen, genügend Energie zu sammeln, um eine so schwere Arbeit – es handelte sich um das Einschlagen von vier Nägeln! – zu besorgen, und das Bild hatte sich damit amüsirt, beständig herunterzufallen und denjenigen, der auf dem Sopha gerade darunter saß, zu guillotiniren.

Dienstag, 30. Januar. 79° 49' nördlicher Breite, 134° 57' östlicher Länge ist, was die Beobachtungen von heute Nachmittag uns sagen, während wir nach derjenigen vom Sonntag auf 79° 50' Nord und 133° 23' Ost waren. Dieser Rückgang nach Südosten war nur, was ich erwartet hatte, da es seit Sonntag fast windstill gewesen war.

Ich erkläre mir die Sache folgendermaßen.

Wenn das Eis in einer gewissen Richtung durch den Wind, der schon längere Zeit in derselben Richtung geweht hat, in Bewegung gesetzt worden ist, preßt es sich während des Treibens allmählich mehr zusammen. Wenn der Wind abflaut, tritt ein Umschlag nach der entgegengesetzten Richtung ein. Ein solcher Umschlag muß meiner Meinung nach die Ursache des Eisdrucks vom Sonnabend gewesen sein, der ebenso plötzlich vollständig aufhörte, wie er begonnen hatte. Seitdem war nicht das geringste Zeichen einer Bewegung im Eise mehr gewesen. Vermuthlich zeigt die Eispressung den Zeitpunkt an, wenn die Drift sich nach der entgegengesetzten Richtung wendet.

Heute Nachmittag sprang eine leichte Brise aus Südost und Ostsüdost auf, die allmählich fast bis zum »Mühlenwind« wurde. Wir gehen wieder nach Norden und werden den achtzigsten Grad diesmal sicherlich überwinden.

Mittwoch, 31. Januar. Der Wind pfeift über die Eishügel hin, der Schnee fliegt rauschend durch die Luft, Eis und Himmel sind in eins verschmolzen. Es ist dunkel, die Haut schmerzt uns vor Kälte, aber wir gehen mit voller Geschwindigkeit nach Norden und befinden uns daher in der ausgelassensten Stimmung.

Donnerstag, 1. Februar. Dasselbe Wetter wie gestern, ausgenommen, daß es ganz mild geworden ist (-22° C). Der Schnee fällt genau so wie zur Winterszeit zu Hause. Der Wind ist südlicher, jetzt Südsüdost, und eher etwas flauer.

Wir können als sicher annehmen, daß wir den 80. Grad überschritten haben, und hatten daher heute Abend eine kleine Vorfeier – Feigen, Rosinen und Mandeln – sowie Pfeilschießen, letzteres mit dem Resultat für mich, daß es mir rechtzeitig die Cigarettentasche wieder füllte.

Freitag, 2. Februar. Heute hoher Festtag zu Ehren des 80. Grades, beginnend mit frischem Roggenbrot und Kuchen zum Frühstück. Ich unternahm einen weiten Spaziergang, um mir Appetit zum Mittagessen zu machen.

Nach der Beobachtung von heute Morgen sind wir auf 80° 10' nördlicher Breite und 132° 10' östlicher Länge. Hurrah! Gut gesegelt! Ich hatte eine hohe Wette darauf abschließen wollen, daß wir den 80. Grad erreicht hätten, doch niemand hatte Lust, sie anzunehmen.

Das Menu des Mittagsmahls war: Ochsenschwanzsuppe, Fischpudding, Kartoffeln, Fleischpasteten, grüne Erbsen, türkische Bohnen, Moltebeeren mit Milch und für jeden eine ganze Flasche Bier. Nach dem Diner Kaffee und eine Cigarette. Konnte man sich mehr wünschen? Abends hatten wir eingemachte Birnen und Pfirsiche, Honigkuchen, getrocknete Bananen, Feigen, Rosinen und Mandeln. Vollständiger Feiertag den ganzen Tag.

Wir lasen die Erörterungen vor, die vor unserm Abgange über die Expedition veröffentlicht worden sind, und lachten manchmal herzlich über die vielen gegen dieselbe erhobenen Einwände. Vielleicht werden unsere Angehörigen in der Heimat jetzt nicht lachen, wenn sie sie lesen.

Montag, 5. Februar. Heute haben wir bei Tische die letzte Flasche Ringues-Bier getrunken. Trauertag.

Dienstag, 6. Februar. Ruhiges, klares Wetter. Im Süden über dem Horizont ein starker Sonnenschimmer, darüber Gelb, Grün und Hellblau, der ganze übrige Himmel tief ultramarinfarbig.

Als ich ihn betrachtete, suchte ich mich zu erinnern, ob der italienische Himmel jemals blauer sei; ich glaube es nicht. Seltsam, daß diese tiefe Farbe stets mit der Kälte zusammen auftritt. Wäre es vielleicht möglich, daß eine von nördlicheren, klareren Regionen kommende Luftströmung in den oberen Schichten trockenere und durchsichtigere Luft hervorbringt?

Die Farbe war heute so merkwürdig, daß man nicht umhin konnte, sie zu beachten. Ueberraschende Contraste bildeten das rothe Deckhaus der »Fram« und der weiße Schnee auf dem Zeltdach und in der Takelung. Eis und Hügel erschienen vollständig violett, wo sie dem Tageslichte abgewendet waren; diese Farbe zeigte sich besonders kräftig über den Schneefeldern auf den Eisschollen. Die Temperatur betrug -47° und -48° C. Es ist ein plötzlicher Uebergang von 70° C, wenn man aus dem Salon kommt, wo das Thermometer auf +22° C steht. Trotzdem findet man es, obwol dünn bekleidet und ohne Kopfbedeckung, nicht kalt und man kann sogar ungestraft den Messinggriff an der Thür oder das Stahltau an den Wanten erfassen.

Dagegen ist die Kälte sichtbar; der Athem ist, wenn er aus dem Munde kommt, wie Pulverrauch, und wenn man ausspuckt, steigt eine kleine Dampfwolke rund um die Feuchtigkeit aus dem Boden auf. Die »Fram« sondert stets Nebel ab, der vom Winde mit fortgetragen wird, und ein Mensch oder Hund kann schon aus weiter Ferne zwischen den Eishügeln und Ketten an der seinen Schritten folgenden Dunstsäule entdeckt werden.

Mittwoch, 7. Februar. Es ist außerordentlich, welch gebrechliches Ding die Hoffnung oder vielmehr die Stimmung des Menschen ist.

Heute Morgen war eine schwache Brise aus Nordnordost, nur 2 Meter in der Secunde, das Thermometer stand auf -49,6° C, und sofort ist die Stirne bewölkt und scheint es mir gleichgültig, wie wir wieder nach Hause kommen, wenn es nur bald ist. Ich nehme sogleich Land im Norden an, von wo diese kalten Winde mit klarer Atmosphäre, Frost und hellblauem Himmel herstammen, und gelange zu dem Schlusse, daß dieses ausgedehnte Land einen Kältepol mit einem beständigen Luftdruck-Maximum bilden muß, das uns durch nordöstliche Winde wieder südwärts drängt.

Gegen Mittag begann die Luft nebliger zu werden, und meine Stimmung wurde weniger düster. Ohne Zweifel ist Südwind zu erwarten, doch ist die Temperatur dafür noch zu niedrig. Nunmehr steigt auch die Temperatur, sodaß wir uns jetzt auf den Wind verlassen können.

Und wirklich, heute Abend stellte er sich aus Südsüdwest ein; jetzt, um 12 Uhr, ist seine Geschwindigkeit 3,6 Meter, und die Temperatur ist auf -42° C gestiegen. Das verspricht viel. Wir werden wol bald 81° erreichen. Das Land im Norden ist jetzt wieder verschwunden.

Bei Tisch hatten wir heute anstatt Bier Citronensaft mit Zucker, was allen zu schmecken schien; wir nennen das Getränk Wein und sind übereinstimmend der Ansicht, daß es besser ist als Apfelwein.

Heute Abend ist eine Wägung vorgenommen worden; die Zunahme ist in einigen Fällen noch immer beunruhigend. Einige haben im letzten Monat um ganze 2 Kilogramm zugenommen, so z. B. Sverdrup, Blessing und Juell, der mit 86,2 Kilogramm an Bord den Record hat. »So viel wie jetzt habe ich noch nie gewogen«, sagt Blessing, und ähnliches Fettansetzen ist auf der ganzen Linie zu constatiren.

Ja, es ist eine anstrengende Expedition, aber unsere Menus stehen stets in richtigem Verhältniß zu unseren Arbeiten. Heutiges Mittagsmahl: Knorr's Bohnensuppe, Pudding mit Fleischschnitten, Kartoffeln, Reis in Milch und eingemachte Preißelbeeren; gestriges Diner: Fisch au gratin (kleingehackte Fische) mit Kartoffeln, Kaninchen in Curry mit Kartoffeln und französischen Bohnen, geschmorte Heidelbeeren und Preißelbeeren mit Milch. Zum Frühstück hatten wir gestern frisch gebackenes Weizenbrot, heute frisches Roggenbrot. Das sind Beispiele unserer gewöhnlichen Beköstigung.

Es ist genau, wie ich erwartet habe: ich höre den Wind jetzt in der Takelung heulen; es wird ein regelrechter Sturm werden nach den Begriffen, die wir hier von einem solchen haben.

siehe Bildunterschrift

Pastellskizze von Fridtjof Nanesen. Nordlicht.
F. A. Brockhaus' Geogr.-artist. Anstalt, Leipzig. (18. Oct. 1894).

Sonnabend, 10. Februar. Aus dem Winde, den wir neulich hatten, ist doch nichts Rechtes geworden. Aber wir hoffen, doch noch immer eine hübsche Strecke nach Norden zurückgelegt zu haben, und es war daher eine unwillkommene Ueberraschung, als die gestrige Beobachtung 79° 57' nördlicher Breite ergab, 13 Minuten weiter südlich anstatt nördlicher.

Es ist ganz merkwürdig, wie leicht man sich an Enttäuschungen gewöhnt; aufs neue beginnt das sehnsüchtige Verlangen, und wieder erscheint die Erreichung des Zieles so fern, so zweifelhaft. Und dabei träume ich nachts jetzt gerade davon, daß wir westlich von Island aus dem Eise herauskommen. Die Hoffnung ist ein zu gebrechliches Fahrzeug, als daß man sich ihr anvertrauen könnte.

Heute unternahm ich eine weite erfolgreiche Fahrt mit den Hunden.

Sonntag, 11. Februar. Wir fuhren mit zwei Hundegespannen. Die Sache ging gut; die Schlitten kamen weit besser über das Eis hinweg, als ich angenommen hatte; sie sinken nicht tief in den Schnee ein. Auf flachem Eise können vier Hunde zwei Mann ziehen.

Dienstag, 13. Februar. Gestern eine weite Fahrt mit weißen Hunden nach Südwesten; heute noch weiter in derselben Richtung auf Schneeschuhen. Es ist eine gute, gesunde Uebung bei einer Temperatur von -42° bis -44° C und schneidendem Nordwind.

Die Natur ist so schön und so rein, das Eis so fleckenlos weiß und die Lichter und Schatten des wachsenden Tages sind so wundervoll auf dem frisch gefallenen Schnee! Die schnee- und reifbedeckte Takelung der »Fram« steigt weißglänzend zum funkelnden blauen Himmel empor. In Gedanken wendet man sich den Tagen des Schneeschuhlaufens in der Heimat zu.

Donnerstag, 15. Februar. Gestern war ich auf Schneeschuhen weiter im Nordosten, als ich je vorher gewesen war, doch konnte ich die Takelung des Schiffes immer noch über den Rand des Eises ragen sehen. Da das Eis in der genannten Richtung flach war, konnte ich schnell laufen.

Heute machte ich denselben Weg mit den Hunden. Ich untersuche die Gegend rings herum und denke über Zukunftspläne nach.

Was sind doch für übertriebene Nachrichten über die arktische Kälte im Umlauf! In Grönland war es kalt, und hier ist es auch nicht milder; die durchschnittliche Tagestemperatur beträgt jetzt 40° bis 42° C unter Null.

Gestern war ich an den Beinen in gewöhnlicher Weise bekleidet: mit Unterbeinkleidern, Kniehosen, Strümpfen, Fries-Gamaschen, Schneesocken und Finnenschuhe; die Bekleidung des Oberkörpers bestand aus einem gewöhnlichen Hemd, Kragen aus Wolfsfell und einer Robbenfelljacke; ich schwitzte darin wie ein Pferd. Heute saß ich still und fuhr, nur bekleidet mit dünnen Beinkleidern über der gewöhnlichen Beinbekleidung und am Körper mit wollenem Hemde, Weste, gestrickter isländischer Wolljacke, Fries- und Robbenfelljacke.

Ich fand die Temperatur ganz angenehm und schwitzte sogar heute ebenfalls ein wenig. Gestern wie heute hatte ich eine rothe Flanellmaske vor dem Gesichte, doch wurde sie mir zu warm, sodaß ich sie abnehmen mußte, obgleich ein bitterkalter Wind aus Norden wehte.

Dieser Nordwind hält noch immer an, zuweilen mit der Geschwindigkeit von 3, selbst 4 Meter, und doch scheinen wir nicht südwärts zu treiben; wir liegen still auf 80° nördlicher Breite, oder gar noch einige Minuten nördlicher. Was mag wol der Grund sein?

Jetzt zeigt sich jeden Tag etwas Eisdruck. Seltsam, daß das wieder beim Mondwechsel im Viertel der Fall ist.

Der Mond steht hoch am Himmel, und dabei ist jetzt auch Tageslicht. Bald wird die Sonne erscheinen; sobald dies eintritt, werden wir ein großes Fest feiern.

Freitag, 16. Februar. Hurrah! Eine Meridianhöhe ergibt 80° 1' nördlicher Breite, sodaß wir also seit Freitag einige Minuten nach Norden gelangt sind, und zwar trotz des seit Montag beständig nördlichen Windes. Das ist etwas ganz Merkwürdiges. Kommt es, wie ich mir nach dem Aussehen der Wolken und dem leichten Nebel in der Luft schon die ganze Zeit gedacht habe, davon, daß im Süden Südwind geherrscht hat, der die Drift des Eises nach dieser Richtung verhindert, oder sind wir endlich in den Bereich einer Strömung gelangt?

Der Schub, den wir neulich gegen die südlichen Winde nach Süden erhalten haben, war etwas Seltsames, und das Gleiche gilt auch von unserm Verbleiben an der Stelle, wo wir jetzt sind, trotz der nördlichen Winde. Es sieht aus, als ob neue Kräfte irgendwelcher Art in Thätigkeit wären.

Heute passirt wieder etwas Bemerkenswerthes, das darin besteht, daß wir um Mittag die Sonne oder, genauer gesagt, ein Bild der Sonne sehen, denn es war nur eine Spiegelung.

Der Anblick jenes glühenden Feuers, das gerade über dem äußersten Rande des Eises entzündet war, brachte einen seltsamen Eindruck hervor. Nach den enthusiastischen Beschreibungen, die viele Polarreisende von dem ersten Erscheinen dieses Lebensgottes nach der langen Winternacht geben, müßte der Anblick lauten Jubel hervorrufen, allein bei mir war das nicht der Fall. Wir hatten die Sonne erst in einigen Tagen zu sehen erwartet, sodaß ich eher ein Gefühl des Schmerzes, der Enttäuschung hatte, denn danach mußten wir weiter südwärts getrieben sein, als wir gedacht hatten.

Ich freute mich daher besonders, als ich entdeckte, daß es die Sonne selbst nicht sein könne. Die Luftspiegelung war anfänglich wie ein abgeplatteter glühend rother Feuerstreifen am Horizont; später wurden zwei Feuerstreifen daraus, einer über dem andern, mit einem dunkeln Raume dazwischen. Vom Großmaste aus sah ich vier oder gar fünf solcher Horizontallinien übereinander und alle von derselben Länge, ungefähr wie man sich eine mattrothe viereckige Sonne mit dunkeln Horizontalstreifen darauf vorstellen konnte.

Eine astronomische Beobachtung, die wir nachmittags anstellten, bewies uns, daß die Sonne in Wirklichkeit um Mittag 2° 22' unter dem Horizont gestanden haben mußte. Wir können nicht erwarten, ihre Scheibe vor Dienstag über dem Eise zu sehen; es hängt mit der Strahlenbrechung zusammen, die in dieser kalten Luft sehr stark ist. Trotzdem veranstalteten wir heute Abend auf Grund des Erscheinens ihres Bildes eine kleine Sonnenfeier und hatten einen Schmaus von Feigen, Bananen, Rosinen, Mandeln und Honigkuchen.

Sonntag, 18. Februar. Gestern lief ich auf Schneeschuhen ostwärts und fand eine gute Bahn für Schneeschuhe und Schlitten bis hinaus zu den flachen Schollen, die sich in jener Richtung befinden. Anfänglich, zwischen den Eishügeln und Eisgraten, ist es ein ziemlich mühseliges Stück Arbeit; dann gelangt man aber auf die großen weiten Ebenen, die sich meilenweit nach Norden, Osten und Südosten auszudehnen scheinen.

siehe Bildunterschrift

Erstes Erscheinen der Sonne.

Heute fuhr ich mit acht Hunden hin; das Fahren geht jetzt ganz vortrefflich. Einige der anderen folgten auf Schneeschuhen.

Noch immer nördlicher Wind. Das ist eine langweilige Geschichte. Doch haben wir klares, helles Wetter. –

Das ist alles sehr schön. Wir laufen Schneeschuhe, fahren Schlitten, lesen zur Belehrung und zur Unterhaltung, schreiben, stellen Beobachtungen an, spielen Karten, plaudern, rauchen, spielen Schach, essen und trinken, aber trotz alledem ist es auf die Länge ein verwünschtes Leben – wenigstens kommt es mir zu Zeiten so vor.

Wenn ich auf das Bild blicke, das mein schönes Heim in der Abendbeleuchtung, mein Weib im Garten stehend darstellt, so halte ich es für unmöglich, das Leben hier noch viel länger fortzusetzen. Aber nur die unbarmherzigen Schicksalsmächte wissen, wann wir dort wieder beisammen stehen, die ganze Süßigkeit des Lebens wieder fühlen, wann wir über den lächelnden Fjord blicken werden und ...

Ziehe ich alles in Berücksichtigung, so halte ich, wenn ich ganz ehrlich sein soll, dies für eine ganz verteufelte Lage der Dinge.

Wir sind jetzt auf 80° nördlicher Breite, im September waren wir auf 79°; das ist etwa – sage und schreibe – ein Grad in fünf Monaten. Wenn wir mit derselben Geschwindigkeit weiter gehen, werden wir in 45 oder vielleicht 50 Monaten am Pol, und in 90 oder 100 Monaten auf 80° nördlicher Breite auf der andern Seite des Pols sein, vermuthlich mit der Aussicht, daß wir in weiteren ein bis zwei Monaten aus dem Eise heraus und nach Hause gelangen. Im besten Falle werden wir, wenn es so wie jetzt weiter geht, in acht Jahren wieder zu Hause sein!

Mir fällt ein, daß Professor Brögger vor meiner Abreise, als ich in meinem Garten kleine Büsche und Bäume für zukünftige Generationen pflanzte, schrieb, niemand wisse, wie lange Schatten diese Bäume dann werfen würden, wenn ich zurückkäme. Nun, sie liegen jetzt unter dem Winterschnee, werden aber im Frühjahr wieder sprießen und wachsen – wie oft wol?

O, zu Zeiten erdrückt diese Unthätigkeit einem wahrlich den Geist! Das Leben erscheint so dunkel wie die Winternacht draußen; nirgends Sonnenschein, höchstens in der Vergangenheit und in der weit, weit entfernten Zukunft. Mir ist, als müsse ich diesen Bann der Erstarrung, diese Trägheit durchbrechen und Raum finden für meine Thatkraft.

Kann nicht etwas passiren? Könnte nicht ein Orkan kommen, all dieses Eis aufreißen und es in hohen Wogen in Bewegung setzen wie das offene Meer? Laßt uns in Noth kommen, laßt uns um unser Leben kämpfen – aber laßt uns nur vorwärts kommen!

Aber den unthätigen Zuschauer spielen zu müssen, keine Hand rühren zu können, um uns selbst vorwärts zu helfen, das ist grauenhaft. Es bedarf einer zehnmal größern Geistesstärke, still zu sitzen, seinen eigenen Theorien zu vertrauen und die Natur walten zu lassen, ohne selbst auch nur das Geringste zur Erreichung des Zieles thun zu können, als auf seine eigenen Kräfte zu bauen – das ist nichts, wenn man ein paar starke Arme hat. –

Hier sitze ich nun und jammere wie ein altes Weib. Habe ich das alles nicht gewußt, bevor ich aufbrach? Die Dinge sind nicht schlimmer gegangen, als ich erwartet hatte, im Gegentheil eher besser. Wo ist nun die erhabene Hoffnungsfreudigkeit, die mit dem Tage und der Sonne wuchs? Wo sind jetzt die stolzen Phantasien, die jungen Adlern gleich zu einer glänzenden Zukunft emporstiegen? Wie flügellahme nasse Krähen verlassen sie das sonnenbeleuchtete Meer und verbergen sich in den nebligen Sümpfen der Verzagtheit. Vielleicht wird mit dem Südwind alles wiederkommen; aber nein – ich muß gehen und wieder einen der alten Philosophen durchstöbern. –

Heute Abend findet ein wenig Eisdruck statt, und eine soeben angestellte Beobachtung scheint eine Drift von 3 Minuten nach Süden anzudeuten.

11 Uhr abends. Eispressung in der Rinne achteraus. Das Eis kracht und preßt sich gegen das Schiff und erschüttert es.

Montag, 19. Februar. Nochmals möge es gesagt sein, daß die Nacht gerade vor der Dämmerung am dunkelsten ist. Heute begann der Wind aus Süden zu wehen und erreichte die Geschwindigkeit von 4 Meter in der Secunde.

Am Morgen nahmen wir Eisbohrungen vor und fanden, daß das Eis an der Backbordseite 1,875 Meter dick und mit einer Schneeschicht von ungefähr 4 Centimeter bedeckt war. Vorn war das Eis 2,08 Meter dick, doch waren hiervon mehrere Centimeter Schnee. Man kann das für einen ganzen Monat kein großes Wachsthum nennen, wenn man bedenkt, daß die Temperatur bis 50° C unter Null gesunken war.

Heute sowol als gestern haben wir wieder das Spiegelbild der Sonne gesehen; heute stand es hoch über dem Horizont und schien beinahe die Form einer runden Scheibe anzunehmen. Einige behaupteten, sie hätten den obern Rand der Sonne selbst gesehen; Peder und Bentsen wollten mindestens die Hälfte der Sonnenscheibe beobachtet haben, und Juell und Scott-Hansen erklärten, sie sei ganz über dem Horizont gewesen. Ich fürchte, es ist schon so lange her, seitdem sie die Sonne gesehen haben, daß sie ganz vergessen haben, wie sie aussieht.

Dienstag, 20. Februar. Großer Sonnenfesttag heute, aber ohne Sonne. Wir sind sicher, daß wir sie sehen müßten, – wenn keine Wolken am Horizont wären. Wir wollten uns jedoch nicht um unsere Festlichkeit betrügen lassen und können ja, wenn wir die Sonne wirklich zum ersten mal sehen, die Gelegenheit benutzen und ein zweites Fest feiern.

Mit einem großen Scheibenschießen fingen wir morgens an; dann hatten wir ein Diner von drei bis vier Gängen und »Fram-Wein« alias Citronensaft, Kaffee und später »Fram-Kuchen«; abends Ananas, Kuchen, Feigen, Bananen und Confect. Dann klettern wir mit dem Gefühl in die Kojen, daß wir uns beim Essen übernommen haben, während ein halber Sturm aus Südost uns nordwärts treibt.

Die Mühle ist den ganzen Tag in Gang gewesen, und wenn die richtige Sonne zu unserm Feste auch nicht erschien, so leuchtete uns dafür unsere Salon-Sonne mittags und abends bei Tische.

Großes Gesichtswaschen aus Anlaß des Tages. Guter Gott, wohin soll das noch führen! Mehrere von uns sehen aus wie Mastthiere, und die Rundung von Juell's Backen beginnt besorgnißerregend zu werden.

Als ich ihn heute im Profil betrachtete, dachte ich darüber nach, wie er es wol machen würde, einen solchen Körper über das Eis zu schleppen, wenn wir eines schönen Tages das Schiff verlassen müßten. Wir müssen jetzt daran denken, eine Zeit lang schmale Rationen zu geben.

Mittwoch, 21. Februar. Der Südwind hält an. Heute nahm ich die Sacknetze auf, die wir vorgestern ausgelegt haben; in dem obern, welches nahe der Oberfläche gehangen hatte, fanden sich hauptsächlich Flohkrebse, in dem Murray'schen Netz, das sich in ungefähr 90 Meter Tiefe befunden hatte, waren mannigfache andere kleine Crustaceen und sonstige kleine Thiere, die so stark phosphorescirten, daß der Inhalt des Netzes, den ich bei Lampenlicht in der Küche ausgeleert hatte, wie glühende Kohlen aussah.

Zu meinem Erstaunen wies die Leine des Netzes nach Nordwesten, obgleich wir nach dem Winde eine starke Drift nach Norden haben müßten. Um die Sache aufzuklären, ließ ich das Netz nachmittags wieder hinab, aber kaum war es eine kleine Strecke unter das Eis gekommen, als die Leine wieder nach Nordwesten zeigte, worauf sie den ganzen Nachmittag diese Richtung beibehielt.

Wie läßt sich diese Erscheinung erklären? Ist es möglich, daß wir uns trotz allem in einer nordwestlich setzenden Strömung befinden? Die Zukunft wird dies hoffentlich erweisen. Wir können hier zwei Kompaßstriche (22½°) als Declination rechnen, sodaß die Strömung in solchem Falle nach rechtweisend Nordnordwest führen würde.

Im Eise scheint starke Bewegung zu sein; es hat sich an mehreren Stellen geöffnet und Kanäle gebildet.

Donnerstag, 22. Februar. Die Netzleine hat den ganzen Tag nach Westen gezeigt; jetzt, nachmittags, geht sie senkrecht auf und nieder, wir liegen also vermuthlich still.

Der Wind flaute heute ab, bis es nachmittags ganz windstill war. Dann kam eine schwache Brise aus Südwest und West durch, und abends setzte endlich der schon so lange gefürchtete Nordwester ein. Um 9 Uhr abends wehte es ziemlich schwer aus Nordwest.

Eine nachmittags angestellte Beobachtung der Capella scheint zu ergeben, daß wir auf alle Fälle nicht nördlicher als 80° 11' stehen, und zwar trotz fast viertägigem südlichem Wind. Was mag das wieder zu bedeuten haben? Ist unter dem Eise Todtwasser vorhanden, das uns verhindert, vorwärts oder rückwärts zu gelangen?

Gestern ist das Eis an der Steuerbordseite bis über die Bärenfalle hinaus geborsten; die Stärke des festen Eises der Scholle betrug 3,45 Meter, doch hatte sich darunter noch anderes Eis zusammengeschoben. Wo die Scholle quer durchgebrochen war, zeigte sie deutliche Schichtung, die an die Schichtenlage der Gletscher erinnerte; selbst die dunkleren und schmutzigeren Schichten waren vorhanden, und zwar wurde die Farbe hier durch bräunlichrothe Organismen hervorgebracht, die das Wasser bewohnen und von denen ich schon früher Exemplare gefunden hatte. An mehreren Stellen waren die Schichten gebogen und geknickt, genau in derselben Weise wie die geologischen Schichten, welche die Erdkruste bilden.

Sie waren zweifellos infolge des horizontalen Druckes im Eise zur Zeit der Eispressung entstanden, was hauptsächlich an einer Stelle, in der Nähe eines während der letzten Eispressung gebildeten ungeheuern Hügels, zu erkennen war. Hier sahen die Schichten ungefähr so aus, wie sie auf der umstehenden Zeichnung dargestellt sind. Trotz dieser Schichtenbiegung blieb die Oberfläche des Eises und Schnees eben.

Es war auffällig, wie diese Scholle von über 3 Meter Dicke zu großen Wogen gebogen war, ohne zu brechen. Das war offenbar durch Druck geschehen und besonders deutlich in der Nähe der durch die Pressungen entstandenen Ketten (c) wahrnehmbar, die die Scholle so weit hinabgezwängt hatten, daß ihre Oberfläche (a) mit der Wasserlinie gleichlag, während sie an anderen Stellen ungefähr einen halben Meter über dieser lag und hier durch das unten zusammen geschobene Eis (d) in die Höhe getrieben worden war. Alles das beweist, wie außerordentlich elastisch die Schollen trotz der Kälte sind; die Temperatur des Eises an der Oberfläche muß zur Zeit dieser Pressungen -20° bis -30° C gewesen sein. An vielen Stellen war die Biegung so stark gewesen, daß die Scholle geborsten war. Oft waren die Risse mit losem Eise bedeckt, sodaß man sehr leicht hineinfallen konnte, genau wie beim Ueberschreiten eines gefährlichen Gletschers.

siehe Bildunterschrift

Eisschichtung.

Sonnabend, 24. Februar. Die heutige Beobachtung versetzt uns auf 79° 54' nördlicher Breite und 132° 57' östlicher Länge. Sonderbar, daß wir so weit südlich gekommen sind, obwol der nördliche und nordwestliche Wind nur 24 Stunden geweht hat.

Sonntag, 25. Februar. Es sieht aus, als ob das Eis jetzt wieder ostwärts treibe. O, ich sehe Bilder vom Sommer, von grünen Bäumen und murmelnden Bächen vor mir; ich lese vom Leben der Senner, vom Leben im Gebirge, und es wird mir weh ums Herz, ich fühle mich entnervt. Weshalb gerade jetzt bei solchen Dingen weilen? Es wird noch Jahr und Tag dauern, bis wir all das wiedersehen werden.

Wir kommen mit der jämmerlichen Geschwindigkeit einer Schnecke vorwärts, aber nicht mit derselben Sicherheit wie sie. Wir führen unser Haus mit; aber was wir an einem Tage vollbracht haben, wird am nächsten wieder zerstört.

Montag, 26. Februar. Wir treiben nach Nordosten; es weht ein fürchterlicher Schneesturm. Der Wind hat zuweilen eine Geschwindigkeit von mehr als 11 Meter in der Secunde; er heult in der Takelung und pfeift über das Eis, und das Schneetreiben ist so stark, daß jemand ganz in der Nähe umkommen könnte.

Wir sitzen und horchen auf das Heulen im Schornstein und in den Ventilatoren, als ob wir uns zu Hause in Norwegen befänden. Die Flügel der Windmühle drehten sich mit solcher Gewalt, daß wir sie kaum unterscheiden konnten; wir mußten sie aber heute Abend anhalten, weil die Accumulatoren gefüllt waren, und banden die Flügel fest, damit der Wind sie nicht zertrümmere. Wir haben jetzt seit fast einer Woche elektrisches Licht gehabt.

Dies ist der stärkste Wind, den wir den ganzen Winter gehabt haben. Wenn irgendetwas das Eis aufrütteln und uns nordwärts treiben kann, so müßte er es thun. Allein das Barometer fällt zu schnell; wir werden bald wieder Nordwind bekommen. Die Hoffnung hat mich zu oft enttäuscht; sie besitzt keine Spannkraft mehr, und der Sturm macht keinen großen Eindruck auf mich. Ich sehe dem Frühjahr und Sommer entgegen, ungewiß, welche Veränderungen sie bringen werden.

Aber die Polarnacht, die gefürchtete arktische Nacht, ist vorüber, und wir haben wieder Tageslicht. Ich muß sagen, ich sehe nichts von den eingefallenen, ausgezehrten Gesichtern, die diese Nacht angeblich hätte hervorbringen müssen; beim hellsten Tageslicht, beim glänzendsten Sonnenschein kann ich nur runde, wohlgenährte Gesichter entdecken.

Mit dem Licht ist es aber doch seltsam. Wir hatten gedacht; daß es hier unten, wenn die Glühlampen brannten, wie wirklicher Tag sei; kommt man jetzt aber aus dem Tageslicht herunter, so hat man, auch wenn alle brennen, den Eindruck, als ob man in einen Keller steige. Wenn die Bogenlampe wie heute den ganzen Tag gebrannt hat, dann ausgelöscht und durch Glühlampen ersetzt wird, ist die Wirkung beinahe die gleiche.

Dienstag, 27. Februar. Drift nach Ostsüdost. Mein Pessimismus ist berechtigt. Fast den ganzen Tag hat starker Westwind geweht; das Barometer steht niedrig, hat aber begonnen, in unregelmäßiger Weise zu steigen. Die Temperatur ist die höchste, die wir den ganzen Winter gehabt haben; der höchste Stand war heute -9,7 C Um 8 Uhr morgens stand das Thermometer auf -22° C. Die Temperatur steigt und fällt fast genau in umgekehrter Weise wie das Barometer.

Die heutige Nachmittagsbeobachtung versetzt uns auf ungefähr 80° 10' nördlicher Breite.

Mittwoch, 28. Februar. Schönes Wetter heute, fast windstill, und die Temperatur nur ungefähr -26° bis -30° C. Im Süden befinden sich Wolken, sodaß von der Sonne nicht viel zu sehen ist, aber es ist schon wundervoll lange hell.

Sverdrup und ich machten nach dem Mittagessen eine Fahrt auf Schneeschuhen, das erste mal, daß wir in diesem Jahre etwas Derartiges am Nachmittag unternehmen konnten.

Gestern und heute versuchten wir zu pumpen; es mußte etwas Wasser im Schiffe sein, jedoch wollte die Pumpe nicht anschlagen, obwol wir es mit warmem Wasser und Salz versuchten. Möglicherweise ist das Wasser um die Pumpe gefroren, vielleicht ist auch gar keins im Schiffe. Im Maschinenraum hat sich seit länger als einem Monat kein Wasser gezeigt und auch in den Vorraum kommt keins, namentlich jetzt, da der Bug durch die Eispressungen in die Höhe gehoben worden ist; wenn überhaupt, kann also nur wenig Wasser im Schiffe sein. Das Dichtwerden des Schiffes muß hauptsächlich der Kälte zugeschrieben werden.

Heute Abend hat der Wind wieder aus Südsüdwest zu wehen begonnen, und das Barometer fällt, woraus man schließen sollte, daß guter Wind herannaht; das Hoffnungsbarometer geht aber noch nicht über seinen normalen Stand hinaus. Am Abend nahm ich in der Küche ein Bad in einer Blechwanne; sauber gewaschen fühlt man sich wieder mehr als menschliches Wesen.

Donnerstag, 1. März. Wir liegen beinahe still. Schönes, mildes Wetter, nur –19° C, Himmel bedeckt, leichter Schneefall und schwacher Wind.

Wir versuchten heute zu lothen, nachdem wir unsere Hanfleinen mit einem einzelnen Strange von einer Stahltrosse verlängert hatten; letzterer riß aber mit dem Lothe ab. Wir befestigten ein neues Loth und ließen die ganze Leine, etwa 3475 Meter, auslaufen, ohne, soweit wir beobachten konnten, Grund zu bekommen. Beim Einholen brach die Stahlleine nochmals. Das Resultat ist also: kein Grund und der Verlust von zwei Lothen von je 50 Kilogramm, die in der Tiefe blieben; der Himmel weiß, ob sie den Grund schon erreicht haben. Ich glaube nun fast, Bentsen hat recht, der behauptet, die Erdachse habe ein Loch und wir hätten darin zu lothen versucht.

Freitag, 2. März. Die jungen Hunde haben sich bisjetzt im Kartenzimmer aufgehalten und dort so viel Unheil wie möglich angerichtet, indem sie Hansen's Instrumentenkasten, die Schiffsjournale u.s.w. angeknabbert haben. Gestern wurden sie zum ersten mal an Deck gebracht, und heute sind sie den ganzen Morgen dort gewesen. Sie zeigen sich sehr wißbegierig, da sie alles untersuchen und sich besonders für das Innere aller Hundehäuser in dieser neuen großen Stadt interessiren.

Sonntag, 4. März. Die Drift geht noch immer stark nach Süden. Heute haben wir wieder nordwestlichen Wind, aber nicht mehr ganz so viel.

Ich erwartete, daß wir eine weite Strecke nach Süden getrieben sein würden, allein die Nachmittagsbeobachtung ergibt 79° 54' nördlicher Breite. Wir müssen also in den letzten Tagen, ehe dieser Wind eintrat, ziemlich weit nach Norden gekommen sein. Gestern und heute war das Wetter unangenehm, denn –37° und –38° C bei einer Windgeschwindigkeit von zuweilen bis zu 11,5 Meter in der Sekunde muß entschieden kühl genannt werden. Merkwürdig, daß die nördlichen Winde jetzt Kälte und die südlichen Wärme bringen; zu Anfang des Winters war das Umgekehrte der Fall.

Montag, 5. März. Sverdrup und ich sind auf Schneeschuhen eine weite Strecke nach Nordosten gewesen. Die Bahn war in gutem Zustande, da der Wind den Schnee schön umhergewirbelt und, soweit der spärliche Vorrath davon dies gestattete, die zusammengeschobenen Eisgrate bedeckt hat.

Dienstag, 6. März. Keinerlei Drift. Heute war ein bitterkalter Tag (–44° bis –46° C) und Wind bis zu 5,8 Meter Geschwindigkeit. Das war eine gute Gelegenheit, sich Hände und Gesicht zu erfrieren, und einer oder zwei von uns haben sie auch benutzt.

Stetiger Nordwestwind. Was den Wind anlangt, so beginne ich, gleichgültig zu werden. Heute photographirte ich Johansen am Anemometer; während der Aufnahme erfror ihm die Nase.

Abends fand wieder allgemeines Wiegen statt. Diese Procedur wird als ein sehr interessantes Schauspiel angesehen; wir stehen dabei und passen erwartungsvoll auf, ob einer zu- oder abgenommen hat. Diesmal haben die meisten etwas verloren. Vielleicht, weil sie aufgehört haben, Bier zu trinken, und jetzt Citronensaft zu sich nehmen? Nur Juell schreitet unermüdlich fort, es sind nun schon 400 Gramm. Unserm Doctor geht es in dieser Beziehung ebenfalls recht gut; doch weist er heute nur ein Mehrgewicht von 300 Gramm auf. In anderer Hinsicht ist der Arme an Bord schlecht daran – kein Mensch will krank werden. In der Verzweiflung hat er sich gestern selbst Kopfschmerzen zugelegt, konnte sich aber helfen, sodaß sie nicht über die Nacht hinaus andauerten. In neuerer Zeit hat er sich mit dem Studium der Hundekrankheiten beschäftigt; vielleicht findet er dabei eine einträglichere Praxis.

siehe Bildunterschrift

Johansen am Anemometer.

Donnerstag, 8. März. Südliche Drift. Sverdrup und ich machten auf Schneeschuhen eine hübsche Fahrt nach Norden und Westen. Der Schnee war infolge der Winde in vortrefflichem Zustande; man fliegt dahin wie Distelwolle vor dem Sturm und kann überall fortkommen, selbst über die schlimmsten Eisrücken hinweg.

Das Wetter war schön, die Temperatur nur -39° C; aber heute Abend war es wieder bitterkalt (-48,5° C, bei einer Windgeschwindigkeit von 5-8 Meter.

Es ist dann eine keineswegs angenehme Arbeit, auf der Windmühle zu stehen und die Segel zu reffen oder einzunehmen; das bringt schmerzende Fingernägel und manchmal auch erfrorene Wangen ein, aber es muß geschehen und wird auch ausgeführt.

Bei Tage haben wir jetzt reichlich »Mühlenwind« – es ist nun die dritte Woche, daß wir elektrisches Licht haben, aber es ist sehr schlimm, daß es immer dieser Nord- und Nordwestwind sein muß; der Himmel weiß, wann er einmal aufhören wird.

Sollte im Norden von uns Land sein? Wir treiben in bedenklicher Weise nach Süden. Es ist schwer, dabei Vertrauen zu behalten; aber, kommt Zeit, kommt Rath.

Nach einer langen Ruhepause erfuhr das Schiff heute Nachmittag wieder eine Erschütterung. Ich ging an Deck. Eine Eispressung fand in einer Rinne gerade vor dem Buge statt. Da Neumond war, hätten wir sie jetzt wol erwarten können, aber wir haben uns nun daran gewöhnt, an Springfluten überhaupt nicht mehr zu denken, weil sie in letzterer Zeit so wenig Wirkung ausgeübt haben. Selbstverständlich mußten sie jetzt besonders stark sein, da die Tag- und Nachtgleiche herannaht.

Freitag, 9. März. Heute Morgen wies die Netzleine ein wenig nach Südwesten, wohingegen das Tau, an welchem ein Käse im Wasser zum Aufthauen unter dem Eise hing, nach der entgegengesetzten Richtung zu zeigen schien. Haben wir jetzt eine südliche Strömung mit dem Winde? Hm, in diesem Falle müßte etwas passiren. Oder ist es vielleicht nur die Gezeitenströmung, die in dieser Richtung einsetzt?

Immer noch derselbe nördliche Wind; wir treiben stetig nach Süden. Das ist also die Veränderung, welche, wie ich gehofft hatte, die Tag- und Nachtgleiche im März uns bringen sollte!

Wir haben seit länger als vierzehn Tagen nördliche Winde gehabt; ich kann mir daher nicht länger verheimlichen, daß ich traurig zu werden anfange. Ruhig und langsam, aber unbarmherzig wird eine Hoffnung nach der andern zertrümmert und ... habe ich nicht das Recht, ein wenig traurig zu sein?

Ich sehne mich unaussprechlich nach der Heimat. Vielleicht treibe ich von derselben weiter weg, vielleicht auch näher an sie heran; jedenfalls ist es aber nicht sehr tröstlich, wenn man sieht, wie die Verwirklichung der Pläne in dieser langwierigen, tödlich einförmigen Weise immer wieder verzögert, wenn nicht ganz vernichtet wird.

Die Natur geht leidenschaftslos ihren Jahrtausende alten regelmäßigen Kreislauf; Sommer und Winter wechseln, der Frühling entschwindet, der Herbst kommt und findet uns in demselben chaotischen Wirrwar tollkühner Pläne und zertrümmerter Hoffnungen. Es ist wie bei dem Rad, das sich dreht; bald ist das eine, bald das andere oben. Zwischendurch jedoch rührt die Erinnerung sanft ihre Silbersaiten – bald klingt es laut wie ein tosender Wasserfall, bald leise und sanft wie süße Musik in weiter Ferne.

Hier stehe ich und schaue hinaus auf diese trostlose Eisfläche mit ihren Ebenen, ihren Höhen und Thälern, die sich durch den Eisdruck infolge der wechselnden Gezeitenströmungen des Winters gebildet haben; die Sonne bescheint sie jetzt mit ihren heiteren Strahlen. In der Mitte liegt die »Fram«, unbeweglich eingeschlossen. Wann wirst du, mein stolzes Schiff, wieder frei im offenen Wasser schwimmen?

Ich schau' dich an, und Wehmuth
Schleicht mir ins Herz hinein.

Mit diesen auf unbekannten Bahnen treibenden Eismassen haben sich eines armseligen Menschenkinds Gedanken so lange zu schaffen gemacht, bis es ein ganzes Volk in Bewegung gesetzt hat, um ihm zu ermöglichen, seinen Weg dorthin zu nehmen, ein Volk, das seine Kräfte für andere Aufgaben wohl brauchen konnte. Zu welchem Zwecke der ganze Lärm? Wären die Berechnungen nur richtig, so würden diese Eisschollen herrliche, nein, unwiderstehliche Bundesgenossen sein. Wenn aber ein Fehler in der Rechnung gewesen ist, dann ist es nicht so angenehm, wenn man mit ihnen zu thun hat. Und wie oft stellt sich eine Rechnung als richtig heraus? – Aber wenn ich jetzt frei wäre? Nun dann, dann würde ich alles wiederholen, von demselben Ausgangspunkte aus. Man muß ausharren, bis man richtig rechnen lernt.

Ich lache über den Skorbut! Kein besseres Sanatorium als das unserige.

Ich lache über die Macht des Eises; wir leben wie in einer uneinnehmbaren Burg.

Ich lache über die Kälte; sie ist nichts.

Ueber die Winde aber lache ich nicht; sie sind alles; sie beugen sich vor keines Menschen Willen.

Weshalb sich aber immer mit der Zukunft quälen? Weshalb sich Sorgen darüber machen, ob man vorwärts oder rückwärts treibt? Weshalb nicht sorglos die Tage vorübergleiten lassen wie einen friedlich fließenden Fluß? Hin und wieder kommt eine Stromschnelle, die den trägen Lauf etwas beschleunigt.

O, welch wunderliche Einrichtung ist doch das Leben! Ein ewiges Vorwärtsjagen – immer vorwärts – nach welchem Ziele? Und dann kommt der Tod und macht allem ein Ende, ehe das Ziel erreicht ist. Heute machte ich eine weite Tour auf Schneeschuhen. Eine kleine Strecke nach Norden befanden sich zahlreiche neugebildete Rinnen und Eisrücken, die schwer zu überschreiten waren. Jedoch Geduld überwindet alles, und bald erreichte ich eine weite Ebene, wo sich prachtvoll laufen ließ.

Es war jedoch ziemlich kalt, -47° und -48° C. bei 5 Meter Geschwindigkeit des Nordnordostwindes, der sich mir aber nicht sehr fühlbar machte.

Es ist gesund und genußreich, bei solchem Wetter draußen zu sein. Ich trage meine gewöhnliche Kleidung, wie ich sie zu Hause auch anlegen könnte, dazu Jacke aus Robbenfell und leinene Ueberhosen, sowie eine Halbmaske zum Schutze von Stirn, Nase und Wangen.

Heute war in verschiedenen Richtungen ziemlich viel Eispressung. Sehr merkwürdig, die Mittagshöhe ergab für uns die Breite von 79° 45'; wir sind also in den vier Tagen seit dem 4. März nur 8 Minuten südwärts getrieben. Diese langsame Drift trotz der starken Winde ist bemerkenswerth. Wenn im Norden Land wäre?

Ich fange an, mehr und mehr mit dieser Möglichkeit zu rechnen. Land im Norden würde sofort erklären, weshalb wir nicht nach Norden und so langsam nach Süden treiben. Möglicherweise kann es aber auch von dem Umstand herrühren, daß das Eis so dicht zusammengeschoben und so dick und massiv gefroren ist. Mich nimmt es wunder, daß wir so viel Nordwest- und fast gar keinen Nordostwind haben, obwol man den letztern nach der Drehung der Erde eigentlich erwarten könnte. Thatsächlich dreht sich der Wind nur zwischen Nordwest und Südost, statt zwischen Südwest und Nordost, wie es sein sollte. Wenn dort kein Land ist, weiß ich keine befriedigende Erklärung dafür zu finden, wenigstens bezüglich dieser nordwestlichen Richtung.

Erstreckt sich Franz-Joseph-Land ostwärts oder nordwärts, oder dehnt sich von dort eine fortgesetzte Reihe von Inseln in der einen oder andern dieser beiden Richtungen aus? Es ist keineswegs unmöglich. Sobald die Oesterreicher weit genug nach Norden gekommen waren, hatten sie vorherrschend Winde aus Nordost, während wir nordwestliche Winde haben. Liegt der Kern dieser Landmasse im Norden, in der Mitte zwischen unserm Meridian und dem ihrigen? Ich kann mir kaum denken, daß diese merkwürdig kalten Winde aus Norden einzig dadurch entstehen, daß sie über ein eisbedecktes Meer wehen.

Wenn dort thatsächlich Land ist und wir bekommen es zu fassen, dann würden alle unsere Sorgen vorüber sein. Allein niemand weiß, was die Zukunft bringen mag, und es ist vielleicht auch besser, daß man es nicht weiß.

Sonnabend, 10. März. Die Leine zeigt Drift nach Norden; jetzt, nachmittags, hat sich auch eine leichte südliche Brise eingestellt. Wie gewöhnlich hat es mir gut gethan, meine Niedergeschlagenheit zu Papier zu bringen und sie dadurch los zu werden. Heute bin ich wieder guten Muthes und kann mich aufs neue glücklichen Träumen hingeben von einem großen, hohen Lande im Norden mit Bergen und Thälern, wo wir am Fuße der Bergwand sitzen, uns in der Sonne braten lassen und den Frühling erwarten können. Auf seinem Inlandeis machen wir den Weg bis hinauf zum Pole selbst.

Sonntag, 11. März. Schneeschuhfahrt nach Norden; Temperatur –50° C, Geschwindigkeit des Nordnordostwindes 3 Meter. Die Kälte machte sich uns nicht sehr fühlbar. Nur für Unterleib und Oberschenkel war sie ziemlich schlimm, da niemand von uns »Windhosen« Diesen Namen gaben wir leichten Beinkleidern aus dünnem, dichtem Baumwolltuche, die wir zum Schutz gegen Wind und Schnee trugen. angelegt hatte und wir, wie sonst, gewöhnliche wollene Hosen und Unterhosen trugen. Für den Oberkörper hatten wir ein Hemd, einen Kragen aus Wolfsfell oder einen gewöhnlichen wollenen Anzug mit einer leichten Jacke aus Seehundsfell darüber.

Zum ersten mal in meinem Leben fühlte ich, daß ich an den Schenkeln fror, namentlich gerade über dem Knie und an der Kniescheibe. Meine Gefährten litten in derselben Weise. Es war dies, nachdem wir lange Zeit gegen den Wind gelaufen waren. Wir rieben die Beine ein bischen, worauf sie bald wieder warm wurden; sie würden uns jedoch wahrscheinlich bös erfroren sein, wenn wir noch viel weiter gelaufen wären, ohne darauf zu achten. In anderer Beziehung hatten wir nicht die geringsten Beschwerden von der Kälte; im Gegentheil fanden wir die Temperatur ganz angenehm, und ich bin überzeugt, daß ein um 10°, 20° selbst 30° niedrigerer Stand derselben auch nicht unerträglich gewesen wäre.

Seltsam, wie sich das Empfindungsvermögen des Menschen ändert. Zu Hause empfinde ich es unangenehm, wenn ich bei einigen 20° Kälte, auch bei windstillem Wetter, aus der Thür trete. Hier aber finde ich es auch nicht kälter, selbst wenn ich bei 50° Kälte und Wind draußen bin. Sitzt man zu Hause im warmen Zimmer, so bekommt man übertriebene Begriffe von der Schrecklichkeit der Kälte. Sie ist wirklich nicht im mindesten schrecklich; wir alle befinden uns sehr wohl dabei, obwol der eine oder andere von uns manchmal, wenn starker Wind weht, einen weniger langen Spaziergang macht und der Kälte wegen sogar wieder umkehrt; doch geschieht das nur, wenn man leicht bekleidet ist und keine Windkleider angelegt hat.

Heute Abend haben wir -51,2° C und Nordnordostwind mit 4,4 Meter Geschwindigkeit. Glänzendes Nordlicht im Süden. Selbst um Mitternacht ist schon sehr merkbare Dämmerung.

Montag, 12. März. Langsame Drift nach Süden. Unternahm allein eine weite Schneeschuhfahrt nach Norden. Heute hatte ich Windhosen an, fand sie aber fast zu warm. Morgens hatten wir -51,6° C und Nordwind von ungefähr 4 Meter Geschwindigkeit; um Mittag war es einige Grade wärmer. Uff, dieser Nordwind frischt auf! Das Barometer ist wieder gestiegen, und ich hatte gedacht, daß der Wind sich ändern würde; aber er ist und bleibt unverändert.

Das ist's, was der März uns bringt, der Monat, auf welchem meine Hoffnungen beruhten. Nun muß ich auf den Sommer warten. Bald wird das halbe Jahr um sein; es wird uns ungefähr an derselben Stelle verlassen, wo es begonnen hat.

Ach, ich bin müde, so müde, laßt mich schlafen, nur schlafen! Komme Schlaf, schließe geräuschlos die Thür zu meinem Denken und halte den fließenden Strom der Gedanken auf! Kommt Träume und laßt die Sonne auf den schneefreien Strand von Godthaab herabstrahlen!

Mittwoch, 14. März. Abends begannen plötzlich sämmtliche Hunde zu bellen; wir nahmen an, eines Bären wegen. Sverdrup und ich ergriffen unsere Büchsen, ließen »Ulenka« und »Pan« los und machten uns auf den Weg.

Es herrschte noch Dämmerung, und der Mond begann zu scheinen. Kaum waren die Hunde auf dem Eise, als sie wie ein paar Raketen nach Westen davonschossen, wir, so rasch wir konnten, hinter ihnen her. Als ich über eine Rinne sprang, brach ich mit einem Bein bis zum Knie durch das Eis. Auffallenderweise wurde ich nicht bis auf die Haut naß, obwol ich nur Finnenschuhe und Friesgamaschen an hatte, aber bei dieser Temperatur (-39° C) gefriert das Wasser auf dem kalten Stoffe, ehe es hindurchdringen kann. Später fühlte ich nichts mehr davon, es war zu einem Eispanzer geworden, der mich beinahe noch wärmen half.

An einer ziemlich entfernten Rinne entdeckten wir endlich, daß es kein Bär gewesen war, den die Hunde gewittert hatten, sondern entweder ein Walroß oder ein Seehund, denn in dem neugebildeten Eise sahen wir an mehreren Stellen Löcher, durch welche das Thier den Kopf gesteckt hatte.

Was für einen wunderbar scharfen Geruchssinn diese Hunde haben müssen! Das Thier war über einen Kilometer vom Schiffe entfernt und hatte nur die Schnauze ein klein wenig aus dem Eise hervorgestreckt.

Wir kehrten zum Schiffe zurück, um eine Harpune zu holen, sahen aber von dem Thiere nichts wieder, obwol wir mehrere male an der Rinne auf- und abgingen.

Mittlerweile war »Pan« in seinem Eifer der Oeffnung zu nahe gekommen und ins Wasser gefallen. Das Eis war so hoch, daß er ohne Hülfe nicht wieder auf dasselbe hinaufgelangen konnte, und wenn ich nicht zur Stelle gewesen wäre und ihn heraufgezogen hätte, wäre er, wie ich fürchte, ertrunken. Er liegt jetzt im Salon, wo er es sich gemüthlich macht und sich trocknet. Obwol er ziemlich lange Zeit im Wasser gewesen war, war er indeß ebenfalls nicht bis auf die Haut naß geworden; das innere Haar seines dichten, groben Pelzes ist ganz trocken und warm.

siehe Bildunterschrift

Zwei Freunde.

Die Hunde betrachten es als einen hohen Genuß, wenn man sie in die Kajüte kommen läßt; doch wird es ihnen nicht oft gestattet. Sie wandern durch alle Kabinen und suchen einen behaglichen Platz, wo sie sich hinstrecken können.

Liebliches Wetter, fast windstill, glitzernd hell und Mondschein; im Norden Abendröthe und am südlichen Himmel Nordlicht, jetzt einer Reihe flammender Speere gleich, dann sich in einen Silberschleier verwandelnd, in wallenden Falten mit dem Winde wogend, hier und dort mit rothen Spitzen untermengt. Diese wundersamen nächtlichen Schauspiele sind immer wieder neu und verfehlen nie, den Geist zu fesseln.

Donnerstag, 15. März. Heute Morgen -41,7° C und um 8 Uhr abends -40,7°, während es im Laufe des Tages etwas wärmer war. Um Mittag war die Temperatur -40,5° und um 4 Uhr nachmittags -39°. Es scheint, daß die Sonne bald Macht zu bekommen beginnt.

Die Hunde sind merkwürdige Geschöpfe. Heute Abend schwitzen sie gewiß wieder in ihren Hütten, da vier oder fünf von ihnen draußen oder auf dem Dache liegen. Bei 50° Kälte drängen sie sich meist drinnen aneinander und liegen so dicht zusammen wie möglich; dann haben sie auch keine Lust, einen Spaziergang mitzumachen, sondern ziehen es vor, an der Leeseite des Schiffes in der Sonne zu liegen. Heute aber finden sie es so mild und so angenehm, daß es keine Mühe kostete, sie zum Mitkommen zu veranlassen.

Freitag, 16. März. Sverdrup ist in letzter Zeit mit der Anfertigung von Segeln für die Schiffsboote beschäftigt gewesen. Heute wehte eine leichte südwestliche Brise, weshalb wir eins der Segel auf zwei zusammengebundenen Handschlitten probirten. Es segelt sich vorzüglich damit und bedarf nicht vielen Windes, um den Schlitten dahingleiten zu lassen. Das würde ein vortreffliches Hülfsmittel für uns sein, wenn wir über das Eis heimkehren müßten.

Mittwoch, 21. März. Endlich ist ein Umschlag eingetreten; der Wind ist Südost, und es herrscht wieder eine starke Drift nach Norden. Die Tag- und Nachtgleiche ist vorüber, und wir sind seit der letzten nicht einen einzigen Grad nördlicher gekommen.

Ich bin neugierig, wo die nächste uns finden wird. Sollte es weiter nach Süden sein, dann ist der Sieg zweifelhaft; ist es mehr nach Norden, dann ist die Schlacht gewonnen, wenn sie auch lange dauern mag. Ich hoffe jetzt auf den Sommer; er muß eine Veränderung mit sich bringen. Das offene Wasser, in welchem wir herauf segelten, kann unmöglich allein durch das Schmelzen des Eises hervorgebracht sein, sondern muß auch den Winden und der Strömung zugeschrieben werden. Und wenn das Eis, in welchem wir jetzt sind, so weit nach Norden treibt, um all diesem offenen Wasser Platz zu machen, dann wird uns auf eine gute Strecke unsers Weges geholfen sein. Man sollte eigentlich annehmen, daß der Sommer mit dem kalten Polarmeer im Norden und dem warmen Sibirien im Süden nördliche Winde bringen müßte.

siehe Bildunterschrift

Versuch mit Segelschlitten.

Das macht mich zwar einigermaßen zweifelhaft, aber andererseits haben wir warme Meere im Westen, die vielleicht stärker sind; übrigens ist auch die »Jeannette« nach Nordwesten getrieben.

Es ist merkwürdig, daß wir trotz dieser westlichen Winde nicht ostwärts treiben. Die letzte Länge betrug nur 135° Ost.

Gründonnerstag, 22. März. Noch immer starker südöstlicher Wind und gute nördliche Drift. Unsere Stimmung hebt sich. Der Wind pfeift durch die Takelung über uns; er tönt wie ein Siegessang durch die Luft.

Am Vormittag hatte einer von den jungen Hunden einen schweren Anfall von Krämpfen; er hatte Schaum vor dem Munde und biß wüthend um sich herum. Als der Anfall mit Starrkrampf endete, trugen wir das Thier hinaus und legten es auf dem Eise nieder. Es hüpfte wie eine Kröte umher, die Beine steif ausgestreckt, Hals und Kopf aufwärts gebogen, während der Rücken wie ein Sattel gebogen war.

Ich fürchtete, es könnte Wasserscheu oder eine andere ansteckende Krankheit sein, und erschoß das Thier auf der Stelle. Vielleicht bin ich etwas zu voreilig gewesen; wir können jetzt kaum Ansteckungsstoff an Bord haben. Allein was hätte es sonst sein können? Ein epileptischer Anfall?

Neulich erschreckte mich einer der anderen jungen Hunde damit, daß er im Kartenhause wie wahnsinnig immer rundherum lief und sich nach einer Weile zwischen einer Kiste und der Wand versteckte.

siehe Bildunterschrift

Bei Frühlingsanbruch (März 1894).

Auch andere von uns hatten ihn dies thun sehen, aber bald darauf war er wieder gesund, und in den letzten Tagen hat ihm nichts mehr gefehlt.

Charfreitag, 23. März. Die Mittagsbeobachtung ergibt 80° nördlicher Breite. In vier Tagen und Nächten sind wir ebensoweit nach Norden getrieben wie in drei Wochen nach Süden. Auf alle Fälle ist es ein Trost, das zu wissen.

Es ist auffällig, wie rasch die Nächte hell geworden sind. Jetzt gelingt es selbst Sternen erster Größe kaum noch, um Mitternacht am blassen Himmel zu funkeln.

Sonnabend, 24. März. Osterabend. Der heutige Tag ist bemerkenswerth: Wir haben dem Frühlingslicht den Eintritt in den Salon gestattet. Während des ganzen Winters war das Oberlicht, um die Kälte abzuhalten, mit Schnee bedeckt, und außerdem waren die Hundehütten rund herum aufgestellt. Jetzt haben wir allen Schnee auf das Eis geworfen und die Glasscheiben des Oberlichts gehörig freigemacht und geputzt.

Montag, 26. März. Wir liegen ohne Bewegung; keine Drift. Wie lange wird das dauern? Wie stolz und triumphirend war ich bei der letzten Tag- und Nachtgleiche, die ganze Welt erschien mir hell; jetzt bin ich nicht mehr stolz.

Die Sonne steigt empor und taucht die Eisebenen in ihren Glanz. Der Frühling kommt, bringt aber keine Freude mit. Hier ist es so einsam und kalt wie je. Die Seele erstarrt.

Sieben weitere Jahre eines solchen Lebens oder vielleicht auch nur vier – wie wird die Seele dann sein? Und sie ...?

Wenn ich meinem Sehnen nur freien Spielraum lassen, die Seele aufthauen lassen dürfte. O, ich sehne mich weit mehr, als ich eingestehen darf.

Ich habe nicht den Muth, an die Zukunft zu denken... Und wie wird es zu Hause werden, wenn Jahr auf Jahr vergeht und niemand kommt?

Ich weiß, es ist alles krankhafte Stimmung; aber diese unthätige, todte Einförmigkeit ohne jede Veränderung erdrückt den Geist. Kein Kampf, keine Möglichkeit eines Kampfes! Alles ist so still und todt, so steif und starr unter der Eisdecke ... O, sogar die Seele erstarrt!

Was gäbe ich nicht für einen einzigen Tag des Kampfes – ja selbst für einen Augenblick der Gefahr!

Noch immer muß ich warten und die Drift beobachten; aber wenn sie die verkehrte Richtung einschlagen sollte, dann werde ich alle Brücken hinter mir abbrechen und alles auf einem Marsch nach Norden über das Eis wagen. Ich weiß nichts Besseres zu thun. Es wird eine gefährliche Reise sein, eine Frage um Leben oder Tod; aber habe ich eine andere Wahl?

Es ist des Mannes unwürdig, eine Aufgabe zu übernehmen und sie dann aufzugeben, wenn der Höhepunkt der Schlacht bevorsteht. Es gibt nur einen Weg, und der ist »Vorwärts«, »Fram«!

Dienstag, 27. März. Wir treiben wieder nach Süden; der Wind ist nördlich. Die Mittagsbeobachtung ergab 80° 4' nördlicher Breite.

Aber weshalb so entmuthigt? Ich schaue mich blind an einem einzigen Punkte und denke einzig und allein daran, den Pol zu erreichen und uns einen Weg nach dem Atlantischen Ocean zu bahnen. Und dabei ist unsere eigentliche Aufgabe, die unbekannten Polargegenden zu erforschen. Thun wir denn im Dienste der Wissenschaft nichts?

Wir werden eine ziemlich reiche Sammlung von Beobachtungen aus dieser Region mit heimbringen, die uns jetzt nur zu wohl bekannt ist. Der Rest ist und bleibt reine Eitelkeitssache. »Liebe die Wahrheit mehr und den Sieg weniger.«

Beim Anschauen von Eilif Peterssen's Bild, das einen norwegischen Fichtenwald darstellt, befinde ich mich in Gedanken dort. Wie wunderbar lieblich ist es jetzt zur Frühlingszeit dort, in der düstern, melancholischen Stille, zwischen den stattlichen Baumstämmen. Ich fühle das feuchte Moos, in welches der Fuß sanft und geräuschlos einsinkt; das bräunlichgelbe Wasser des von den Winterbanden befreiten Baches murmelt zwischen den Rissen und Felsen, die Lust ist mit dem Dufte von Moos und Fichtennadeln erfüllt, während über unserm Haupte die dunkeln Wipfel der Fichten im Frühlingswinde am hellblauen Himmel hin und her schwanken und ihre ewige Klage rauschen und unten in ihrem Schutze die Seele furchtlos ihre Schwingen ausbreitet und im Waldesthau Kühlung findet.

O, ehrfurchterweckender Fichtenwald, du einziger Vertrauter meiner Kindheit, von dir habe ich die tiefsten Töne der Natur gelernt, ihre Wildheit, ihre Melancholie! Du hast meiner Seele die Stimmung für das Leben gegeben.

Allein, tief im Walde, neben den glühenden Kohlen meines Feuers am Rande eines schweigenden, düstern Waldmoores, das Dunkel der Nacht über mir, wie pflegte ich glücklich zu sein im Genusse der Harmonie der Natur!

Donnerstag, 29. März. Es ist wunderbar, welche Veränderung es mit sich bringt, daß wir wieder Tageslicht in der Kajüte haben. Wenn man zum Frühstück aufsteht und das Licht hereinströmen sieht, fühlt man erst, daß es wirklich Morgen ist.

Wir sind sehr fleißig an Bord. Für die Boote und Handschlitten müssen Segel angefertigt werden, auch muß die Windmühle neue Flügel haben, damit sie bei jedem Wetter in Betrieb sein kann. Könnten wir nur der »Fram« gleichfalls Flügel geben! Es müssen Messer geschmiedet werden, Bärenspeere, die uns nie von Nutzen sein werden, Bärenfallen, in denen wir nie einen Bären fangen, Aexte und viele ähnliche nützliche Dinge.

Augenblicklich findet in großem Maßstabe die Anfertigung von Holzschuhen statt, auch ist eine neue Industrie inaugurirt worden, die Nagelschmiederei. Die einzigen Teilnehmer dieser Gesellschaft sind Sverdrup und Schmied Lars, genannt »Sturmkönig«, weil er immer wie ein Ungewitter heranstürmt.

Das Fabrikat ist vorzüglich und findet lebhafte Nachfrage, da unsere kleinen Nägel bei der Fertigstellung der Handschlitten aufgebraucht worden sind. Ferner sind wir eifrig damit beschäftigt, die Kufen der Handschlitten mit Neusilberstreifen zu beschlagen und die Mittel herzustellen, um die Schlitten zusammenzusetzen.

siehe Bildunterschrift

Lars Pettersen.

Außerdem gibt es eine Werkstätte für die Anfertigung von Befestigungen für Schneeschuhe, während die Klempnerwerkstelle sich augenblicklich mit der Reparatur der Lampen beschäftigt.

Unser Doctor hat wegen Mangel an Patienten eine Buchbinderei eingerichtet, die von der Bibliothek der »Fram« stark benutzt wird, da mehrere Bücher, wie z. B. »Gjest Baardsens Liv og Levnet« u. s. w., beständig circuliren und sich daher in sehr schlechtem Zustande befinden. Wir haben auch eine Sattler- und Segelmacherwerkstatt, ein photographisches Atelier u. s. w.

Am allerausgedehntesten wird jedoch die Führung von Tagebüchern betrieben, da jeder an Bord damit beschäftigt ist. Kurz, es gibt kein Ding zwischen Himmel und Erde, das wir nicht herstellen können, beständigen guten Wind ausgenommen.

Unsere Werkstätten sind aufs beste zu empfehlen; sie liefern gute, solide Arbeit. Neuerdings hat unsere industrielle Thätigkeit noch einen bemerkenswerthen Zuwachs erfahren, indem die Firma »Nansen & Amundsen« eine Notenscheiben-Fabrik gegründet hat.

Die Pappscheiben des Harmoniums hatten durch Gebrauch und Feuchtigkeit stark gelitten, sodaß es uns während des Winters bedauernswertherweise an Musik mangelte; gestern machte ich mich aber ernstlich an die Arbeit, eine Zinkscheibe herzustellen. Da sie bewundernswürdig functionirt, werden wir mit kirchlicher und weltlicher Musik, namentlich aber mit Walzern fortfahren, und diese sollen aufs neue zu unser aller Tröstung und Erbauung von dem Harmonium melodisch erschallen. Sobald ein Walzer erklingt, strömt neues Leben in viele der Bewohner der »Fram«.

Ich beklage mich über die ermüdende Einförmigkeit unserer Umgebung, aber ich bin wirklich ungerecht.

Während der letzten Tage lag glänzender Sonnenschein über den Schneehügeln, heute ist Schneetreiben und Wind, die die »Fram« in ein wildes Gewirr von weißem Schnee einhüllen. Bald darauf erscheint die Sonne wieder, und die Wüste umher glänzt wie vorher.

Auch dabei ist Stimmung in der Natur. Wie oft bin ich nicht, wenn ich es am wenigsten beabsichtigte, von der wunderbaren Farbenpracht des Abends wie festgebannt stehen geblieben.

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Beobachtung der Sonnenfinsternis am 6. April 1894.

Die Eishügel, in bläulich-violette Schatten getaucht, bilden mit dem orangefarbig überhauchten und vom Schimmer der untergehenden Sonne beleuchteten Himmel gewissermaßen ein ergreifendes Gedicht in Farben, das sich als unauslöschliches Bild dem Geiste einprägt.

siehe Bildunterschrift

Heimkehr nach Sonnenuntergang.

Und diese hellen, träumerischen Nächte, wie viele Erinnerungen rufen sie in uns Norwegern wach!

Man malt sich die Frühlingsmorgen aus, an denen man beim erbleichenden Glanze der Sterne, als schon der blasse Mond aufging und über die Wipfel der Bäume guckte, in den Wald ging, den Birkhahn zu jagen. Die Dämmerung mit ihren glühenden Farbentönen hier oben im Norden ist wie der Anbruch eines Frühlingstages in der Waldwildniß der Heimat; der nebelartige blaue Dunst unter dem Morgenglühen wird zum frischen Morgennebel über den Marschen, die dunkeln, niedrigen Wolken vor dem dunkelrothen Hintergrund erscheinen gleich fernen Höhenzügen.

Das Tageslicht mit seinem strengen, leblosen Weiß hat nichts Anziehendes; dagegen thauen Abend und Nacht das Herz dieser Eiswelt auf. Sie träumt traurige Träume, und man glaubt, in den Farbentönen des Abends Laute ihrer unterdrückten Klage zu vernehmen. Aber bald hören diese auf, und die Sonne kreist wieder Tag und Nacht einförmig, farblos am ewigen, lichtblauen, weiten Himmelsgewölbe.

Freitag, 6. April. Heute sollte ein bemerkenswerthes Ereigniß stattfinden, dem wir natürlich mit lebhaftem Interesse entgegensahen. Es war eine Sonnenfinsterniß.

In der Nacht hatte Scott-Hansen ausgerechnet, daß die Verfinsterung um 12 Uhr 56 Minuten beginnen werde. Für uns war es von Wichtigkeit, eine gute Beobachtung zu bekommen, weil wir dadurch im Stande waren, unsere Chronometer auf das genaueste zu reguliren; wir stellten daher, um ganz sicher zu gehen, unsere Instrumente schon ein paar Stunden vorher auf und fingen an, zu beobachten. Wir benutzten dazu das große Fernrohr und unsern großen Theodoliten.

Hansen, Johansen und ich saßen der Reihe nach jeder fünf Minuten vor den Instrumenten, um den Rand der Sonne zu beobachten, da wir erwarteten, daß sich an ihrem untern westlichen Rande der erste Schatten zeigen würde; ein anderer stand inzwischen mit der Uhr bereit. So warteten wir volle zwei Stunden, ohne daß etwas passirte.

Nun war der aufregende Augenblick gekommen, in welchem der Schatten unserer Berechnung nach zuerst zu sehen sein mußte. Hansen saß vor dem großen Fernrohr, als er ein Zittern in dem Sonnenrande wahrzunehmen glaubte; 33 Secunden später rief er: »Jetzt!«, und im selben Augenblick that dies auch Johansen. Die Uhr zeigte auf 12 Uhr 56 Minuten 7½ Secunden. 7½ Secunden später, als wir berechnet hatten, schob sich ein dunkler Körper über den Rand der Sonne. Es war eine ungeheure Genugthuung für uns alle, namentlich aber für Hansen, da sich daraus ergab, daß unsere Chronometer ausgezeichnet in Ordnung waren.

Allmählich schwand das Sonnenlicht merkbar dahin, während wir in die Kajüte zu Tische gingen. Um 2 Uhr hatte die Verfinsterung ihren Höhepunkt erreicht, und wir konnten sogar unten im Salon bemerken, wie das Tageslicht abgenommen hatte. Nach dem Essen beobachteten wir noch den Augenblick, als die Verfinsterung zu Ende war und die dunkle Scheibe des Mondes von dem Rande der Sonne frei wurde.

Sonntag, 8. April. Gestern Morgen lag ich wachend in meiner Koje und überlegte noch, ob ich aufstehen sollte, als ich plötzlich Tritte von jemand hörte, der eilig über das Halbdeck über mir lief und dem ein anderer folgte. Es war etwas in diesen Schritten, das mich unwillkürlich an Bären denken ließ, und ich hatte das unbestimmte Gefühl, als ob ich aus dem Bett springen müßte, blieb aber liegen und horchte, ob ich nicht den Knall einer Büchse hören würde. Ich vernahm aber nichts weiter und sank bald wieder in meine Träume zurück.

Plötzlich kam Johansen in den Salon herabgesprungen und rief, es lägen ein paar Bären halb oder ganz todt auf dem großen Eishügel hinter dem Schiffe. Er und Mogstad hätten nach ihnen geschossen, besäßen aber keine Patronen mehr. Mehrere griffen nun nach ihren Büchsen und stürzten hinauf; ich warf mich in die Kleider und kam ihnen gleich darauf nach, worauf ich erfuhr, daß die Bären die Flucht ergriffen hätten und von unsern Leuten über das Eis verfolgt würden.

Während ich meine Schneeschuhe anlegte, kehrten sie zurück und berichteten, daß die Bären sich davon gemacht hätten. Ich eilte trotzdem hinterher, so rasch als ich mit den Schneeschuhen über die Schollen und Eisketten kommen konnte, und bald hatte ich die Fährte der Bären, die anfänglich etwas blutig war.

Es war eine Bärin mit ihrem Jungen, die, wie ich glaubte, schwer verwundet sein mußte, da sie nach der ersten Kugel Johansen's mehrere male gestürzt war. Ich hielt es daher nicht für schwer, sie einzuholen. Mehrere von den Hunden waren, die Spuren verfolgend, vor mir; sie hatten eine nordwestliche Richtung eingeschlagen, und ich mühte mich, in der Sonne fürchterlich schwitzend, hinter ihnen ab, während das Schiff immer tiefer am Horizonte versank.

Die Schneefläche, die ringsherum in ihrem ewigen Weiß glitzerte, strengte meine Augen stark an; ich schien den Bären nicht näher zu kommen. Die Aussichten, sie einzuholen, wurden durch die Hunde zu nichte, die hitzig genug waren, die Bären zu verscheuchen, nicht aber, sie auch zum Stehen zu bringen. Ich wollte es jedoch nicht aufgeben.

Gleich darauf trat Nebel ein und verbarg alles meinen Blicken, mit Ausnahme der Bärenspuren, die immer nach vorwärts wiesen; dann hob sich der Nebel wieder, und die Sonne schien aufs neue so klar und hell wie vorher. Die Masten der »Fram« waren längst hinter dem Rande des Eises verschwunden, aber noch immer lief ich weiter. Dann aber fühlte ich mich, da ich in der Eile nicht einmal gefrühstückt hatte, allmählich matt und hungrig, und schließlich mußte ich in den sauern Apfel beißen und ohne Bären zurückkehren.

Unterwegs kam ich an einem merkwürdigen Hügel vorbei. Er war über 6 Meter hoch (leider gelang es mir nicht, ihn ganz bis zur Spitze zu messen), der mittlere Theil war wahrscheinlich infolge des Eisdrucks zusammengestürzt, während der Rest einen prachtvollen Triumphbogen aus dem weißesten Marmor bildete, auf welchem die Sonne mit all ihrem Glanze funkelte. War derselbe zur Feier meiner Niederlage errichtet?

Ich kletterte hinauf, um nach der »Fram« auszugucken, mußte aber noch eine Strecke weiter laufen, ehe ich die Takelung über dem Horizonte sah.

Erst um 5½ Uhr nachmittags befand ich mich, infolge dieses plötzlichen, unerwarteten Ausflugs ermüdet und halb verhungert, wieder an Bord, wo ich mir ein gutes Mal trefflich schmecken ließ, nachdem ich den ganzen Tag gefastet hatte.

Während meiner Abwesenheit hatten einige sich mit einem Schlitten hinter mir drein gemacht, um die von mir geschossenen Bären nach Hause zu fahren. Kaum aber hatten sie die Stelle erreicht, wo der Anschuß erfolgt war, als Johansen und Blessing, die den Uebrigen voraus waren, hinter einem nicht weit entfernten Hügel zwei frische Bärenspuren ausgehen sahen. Allein ehe sie noch ihre Büchsen schußbereit hatten, waren die Thiere aus ihrem Bereich, worauf eine neue Jagd begann. Johansen stürmte ihnen auf Schneeschuhen nach, jedoch kamen mehrere Hunde ihm zuvor und hielten die Bären im Gange, sodaß er sie nicht in Schußweite bekommen konnte und seine Jagd ebenso fruchtlos endigte wie die meinige.

Hat das Glück uns verlassen? Ich hatte mich damit gebrüstet, daß ich noch keinen einzigen Bären geschossen habe, ohne ihn mitzunehmen, heute aber...! Seltsam, daß wir an einem Tage vier Bären zu sehen bekamen, nachdem wir seit drei Monaten keine wahrgenommen hatten! Hat das etwas zu bedeuten? Sind wir in die Nähe des Landes im Nordwesten gekommen, das ich schon so lange erwartet habe? Es scheint eine Veränderung in der Luft zu liegen.

Eine Beobachtung vom vorgestrigen Abend ergab 80° 15' nördlicher Breite, den nördlichsten Punkt, den wir bis jetzt erreicht haben.

Sonntag, 15. April. Nun haben wir also Mitte April. Welcher Freudenklang liegt in diesem Worte, ein reicher Quell der Glückseligkeit! Schon bei seiner Nennung steigen Frühlingsvisionen vor dem Geiste auf, die Zeit, da man Thüren und Fenster öffnet, um die Frühlingsluft und die Sonne herein zu lassen, und da der Winterstaub fortgeweht wird; die Zeit, da man nicht länger still sitzen kann, sondern gewaltsam hinausgetrieben wird, um den Duft von Wald, Wiese und frischgepflügtem Acker einzuathmen und den Fjord zu betrachten, der jetzt vom Eise befreit in der Sonne glitzert.

Welch unerschöpflicher Born erwachender Freuden an der Natur ist in dem Worte April enthalten! Aber hier – hier ist nichts davon zu finden.

Wol scheint die Sonne lange und hell, aber ihre Strahlen fallen nicht auf Wald, Berg oder Wiese, sondern auf das blendende Weiß des frischgefallenen Schnees. Kaum reizt sie uns dazu, aus unserm Winterzufluchtsorte herauszukommen. Der April ist hier nicht die Zeit der Umwälzungen; wenn solche überhaupt kommen, treten sie erst später, viel später ein. Die Tage rollen einförmig dahin.

Hier sitze ich nun, fühle keine Spur von dem ruhelosen Sehnen des Frühlings und verschließe mich in das Schneckenhaus meiner Studien. Tag für Tag tauche ich in die Welt des Mikroskops hinab, der Zeit und meiner Umgebung vergessend. Hin und wieder zwar unternehme ich einen kleinen Ausflug aus der Dunkelheit zum Lichte – das Licht des Tages erstrahlt rund um mich, und mein Geist öffnet eine schmale Spalte, damit Helligkeit und Muth hereinkommen können – dann geht's wieder hinab, hinab in die Dunkelheit, um weiter zu arbeiten.

Ehe ich mich abends zu Bett lege, muß ich noch an Deck gehen. Noch vor ganz kurzer Zeit war das Tageslicht um diese Zeit verschwunden, und schwach funkelten einige einsame Sterne, während der blasse Mond über dem Eise leuchtete. Aber selbst das ist jetzt vorbei.

Die Sonne sinkt nicht mehr über den Eishorizont hinab, es ist beständig Tag. Ich schaue in die weite Ferne, über die große, öde Schneeebene, eine unbegrenzte, stille, leblose Eismasse in unmerklicher Bewegung. Man hört keinen Ton außer dem schwachen Murmeln des Luftzuges in der Takelung, vielleicht, in der Ferne, das dumpfe Getöse des sich zusammenschiebenden Eises. Inmitten dieser leeren weißen Wüste nur ein kleiner dunkler Fleck, das ist die »Fram«! –

siehe Bildunterschrift

Ein Blick nach der »Fram«.

Aber unter dieser Eisdecke, Hunderte von Meter abwärts, dehnt sich eine Welt voll bunten Lebens in all seinen veränderlichen Formen aus, eine Welt von derselben Zusammensetzung, wie die unserige, mit denselben Trieben, denselben Sorgen und ohne Zweifel auch denselben Freuden und überall dem gleichen Kampfe ums Dasein. So ist es immer. Selbst wenn wir die härteste Schale durchdringen, stoßen wir auf den regen Pulsschlag des Lebens, wie dick auch die Kruste sein möge.

Mir kommt es vor, als säße ich hier in der Einsamkeit und horchte auf die Töne einer der mächtigen Saiten der Natur. Ungestört erklingen ihre großartigen Symphonien ungezählte Jahrhunderte durch das Universum, bald in dem lärmenden Geräusche des geschäftigen Lebens, bald in der erstarrenden Kälte des Todes, wie in Chopin's Trauermarsch; und wir, wir sind die winzig kleinen, unsichtbaren Schwingungen der Saiten in dieser fortwährend sich ändernden und doch immer sich gleichenden mächtigen Musik des Universums. Ihre Töne sind Welten, der eine schwingt längere, der andere kürzere Zeit, und jeder muß der Reihe nach neuen Tönen Platz machen.

Die Welt, die kommen wird! Wieder und immer wieder kehrt dieser Gedanke mir zurück. Ich blicke weit über die Jahrhunderte hinaus ...

Langsam und unmerklich nimmt die Wärme der Sonne ab, und in derselben langsamen Weise sinkt die Temperatur der Erde. Tausende, Hunderttausende, Millionen von Jahren entschwinden, Eiszeiten kommen und gehen, und die Wärme nimmt immer mehr ab; ganz allmählich dehnen sich die treibenden Eismassen weit und immer weiter aus, immer weiter dringen sie nach südlichen Breiten, ohne daß jemand es bemerkt, bis endlich alle Meere der Erde eine einzige Eismasse sind. Das Leben ist von der Erdoberfläche verschwunden und nur noch in den Tiefen des Oceans zu finden.

Aber die Temperatur fährt fort zu sinken; das Eis wächst, es wird dicker und immer dicker, die Herrschaft des Lebens verschwindet. Millionen von Jahren rollen vorüber, bis das Eis den Meeresgrund erreicht. Die letzte Spur von Leben ist verschwunden, die Erde ist mit Schnee bedeckt. Alles, wofür wir gelebt haben, besteht nicht mehr, die Früchte all unserer Mühen und Leiden sind schon vor Millionen von Jahren hinweggelöscht, begraben unter einem Leichentuch von Schnee.

Als erstarrte leblose Eismasse wandelt die Erde ihre Bahn durch die Ewigkeit weiter; wie eine schwachglühende Scheibe kreist die Sonne am Himmel, der Mond erglänzt nicht mehr und ist kaum noch sichtbar. Aber das Nordlicht flackert vielleicht noch über den wüsten Eisflächen und die Sterne funkeln still und friedlich wie einst. Einige sind erloschen, während neue ausleuchteten, und um sie herum drehen sich neue Bälle mit neuen Lebenswelten, mit neuen Leiden ohne Ziel. Das ist der unendliche Kreislauf der Ewigkeit, ist der ewige Rhythmus der Natur.

Montag, 30. April. Wir treiben nordwärts. Die gestrigen Beobachtungen ergaben 80° 42', die heutigen 80° 44' 30'' nördlicher Breite. Der Wind weht stetig aus Süden und Südosten.

Es ist liebliches Frühlingswetter. Man fühlt, daß die Frühlingszeit gekommen ist, obwol das Thermometer es bestreitet.

An Bord hat großes »Frühjahrs-Reinemachen« begonnen. Von den Seiten der »Fram« sind Schnee und Eis entfernt, und das Schiff sieht aus wie ein nach dem Winterkleide mit Frühlingsblumen bedeckter Felsen. Der auf Deck liegende Schnee ist nach und nach über Bord geschaufelt worden; die Takelung hebt sich scharf und dunkel vom klaren Himmel ab, und die vergoldeten Flaggenknöpfe auf den Mastspitzen glitzern in der Sonne.

Wir baden uns in der brennenden Sonne an der warmen Schiffsseite, wo das Thermometer jetzt über dem Gefrierpunkt steht, rauchen friedlich eine Pfeife und schauen nach den leichten Frühlingswolken, die in dem weiten blauen Raume schweben. Vielleicht denken einige von uns an die Frühlingszeit in der fernen Heimat, wo die Birken jetzt ihre Blätter entfalten.

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