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In Nacht und Eis. Erster Band

Fritjof Nansen: In Nacht und Eis. Erster Band - Kapitel 6
Quellenangabe
typereport
authorFridtjof Nansen
titleIn Nacht und Eis. Erster Band
publisherF. A. Brockhaus
year1897
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Viertes Kapitel

Fahrt durch das Karische Meer.

Nachdem Christofersen und Trontheim uns verlassen hatten, konnten wir erst ziemlich spät in der Nacht vom 4. zum 5. August in See stechen. Das Fahrwasser war hier zu gefährlich, als daß wir die Abfahrt in dem dichten Nebel früher hätten wagen dürfen. Aber dann wurde es klar und das Petroleumboot wurde bereit gehalten. Ich wollte darin vorausfahren, um das Fahrwasser auszulothen.

Um Mitternacht fuhren wir ab; Scott-Hansen stand vorn mit dem Handloth. Zunächst nordwestwärts nach der Spitze der Insel Waigatsch, wie Palander vorschreibt, dann weiter durch die Straße, nahe der Insel. Der Nebel war oft so dicht, daß wir die »Fram«, die unmittelbar hinter uns kam, kaum durchschimmern sehen konnten, ebenso konnten sie an Bord unser Boot nicht erblicken. Aber solange wir Wasser genug hatten und sehen konnten, daß sie an Bord den richtigen Kurs einhielten, fuhren wir drauf los. Bald wurde der Nebel wieder etwas lichter. Aber die Tiefe war gerade nicht bedeutend; wir hatten beständig nur 9 und 10 Meter, dann wurden es 8 und schließlich 7. Das war gar zu wenig. Wir wendeten und gaben der »Fram« Zeichen zum Stoppen. Darauf hielten wir weiter vom Lande ab und bekamen tieferes Wasser, sodaß die »Fram« wieder mit voller Fahrt vorwärtsgehen konnte.

Ab und zu bekam die Maschine wieder ihre gewohnten Tücken und blieb stehen. Ich mußte mehr Gasöl auffüllen, um sie wieder in Gang zu bringen. Während ich damit beschäftigt bin, hebt sich das Boot in den Wellen – etwas Oel wird verschüttet und fängt Feuer. Das flammende Oel breitet sich auf dem Boden des Fahrzeugs aus, wo schon vorher ziemlich viel Oel verschüttet war. Im Nu war das ganze Achterdeck ein einziges Flammenmeer; auch meine Kleider, die mit Oel bespritzt waren, fingen Feuer. Ich mußte nach vorn laufen, und die Situation sah einen Augenblick kritisch aus, zumal ein großes, bis an den Rand gefülltes Spülbecken ebenfalls Feuer fing. Nachdem meine brennenden Kleider gelöscht waren, eilte ich wieder nach hinten, ergriff das Becken und goß das brennende Oel ins Meer, wobei ich meine Finger arg verbrannte. Sofort stand die ganze Wasserfläche ringsum in hellen Flammen. Dann faßte ich den Schöpfeimer und füllte damit Wasser ins Boot, soviel ich nur vermochte. Bald war das Schlimmste beseitigt. Von Bord der »Fram« aus sah sich das Ganze freilich unheimlich genug an, und man stand mit Tauen und Rettungsgürteln bereit, um sie uns im Nothfalle zuzuwerfen.

siehe Bildunterschrift

Bei Tisch (das obere Ende der Tafel).

Bald waren wir außerhalb der Jugor'schen Straße. Der Nebel war inzwischen so weit geschwunden, daß wir das niedrige Land um uns, weiter draußen das Meer, und in der äußersten Entfernung das Treibeis sehen konnten. Um 4 Uhr morgens (4. August) glitten wir an der Sokolij- oder Falken-Insel vorüber und hinaus in das gefürchtete Karische Meer. Jetzt sollte unser Schicksal entschieden werden.

Bevor ich die Heimat verließ, hatte ich stets gesagt: wenn wir nur erst glücklich durch das Karische Meer und am Kap Tscheljuskin vorbeigekommen sind, dann ist das Schlimmste überstanden. Die Aussichten waren nicht schlecht. Nach Osten eine offene Rinne am Lande entlang, soweit man von der Ausgucktonne aus sehen konnte.

Anderthalb Stunden später waren wir an der Eiskante. Das Eis war so dicht, daß nicht daran zu denken war, uns hinein zu wagen. Gegen Nordwest schien es viel loser zu sein, und es zeigte sich ziemlich viel blaue Luft am Himmel. Das weiße Eis wirft einen hellen Widerschein an den Himmel, sodaß dieser da, wo Eisfelder vorhanden sind, eine weißliche Färbung hat; überall, wo offenes Wasser ist, ist der Widerschein dagegen blau oder dunkel. Der Eismeerfahrer kann daher am Aussehen des Himmels erkennen, wie das Fahrwasser in der Ferne beschaffen ist. Wir fuhren daher in süd-östlicher Richtung am Lande entlang durch zertheiltes Eis, hielten uns aber am Vormittage mehr seewärts, da blaue Luft im Osten und Nordosten auf offeneres Fahrwasser deutete, um 3 Uhr nachmittags wurde das Eis jedoch so dicht, daß ich es für gerathen hielt, wieder in die Rinne, die sich am Lande hinzog, hineinzulenken. Freilich wäre es möglich gewesen, uns den Durchgang durch das hier im Meere befindliche Eis zu erzwingen, wir hätten aber auch festsitzen können, und uns dieser Gefahr auszusetzen war es noch zu früh.

Nachdem wir am nächsten Morgen (5. August) längs der Küste vor die Mündung des Kara-Flusses gekommen waren, hielten wir den Kurs auf die Halbinsel Jalmal. Bald hatten wir dieses Tiefland in Sicht, kamen aber am Nachmittag in Nebel und dichtes Eis. Am nächsten Tage war es nicht besser. Wir befestigten dann das Schiff an einem großen Toroß, Torosse (aus dem Russischen) sind Trümmer des Meereises, die, übereinander geschoben und allmählich an den Kanten abgerundet, zu ungeheuern Blöcken zusammengefrieren. der an der Küste von Jalmal auf dem Lande lag.

Am Abend gingen einige von uns an Land. Das Wasser war so seicht, daß das Boot eine gute Strecke vom Ufer entfernt sitzen blieb und wir an Land waten mußten. Es war ein flacher, glatt gewaschener, sandiger Strand, den das Meer zur Flutzeit ganz überspülte; dahinter erhob sich ein steiler sandiger Abhang bis zu einer Höhe von 10 bis 12, stellenweise bis 20 Meter.

Wir streiften ein wenig umher. Flach und kahl überall. Alles Treibholz, das sich vorfand, war im Sande vergraben und gänzlich durchnäßt. Kein Vogel zu sehen, außer einigen Schnepfen. Wir kamen an ein Gewässer, und aus dem Nebel vor mir hörte ich den Laut einer Lumme, sah aber kein lebendes Wesen. Die Nebelwand versperrte die Aussicht, wohin man sich wenden mochte.

Fährten von Renthieren gab es genug, aber selbstverständlich nur von den zahmen Thieren der Samojeden. Es ist dies ja das Land der Samojeden. Ach, so öde und traurig!

Der Botaniker war der einzige, der eine Beute machte. Lieblich lächelnd schauten in diesem Lande der Nebel die Blumen hier und dort hervor, gleich einer Botschaft aus einer lichtern Welt. Wir gingen über die Ebene weit landeinwärts, fanden aber nur Gewässer mit niedrigen Landengen und Höhenzügen dazwischen. In der Ferne hörten wir oft Lummen schreien, erblickten aber nie eine. Alle diese Gewässer hatten eine auffallend kreisrunde Form mit jähen Uferhängen ringsum, als wenn sie sich ihr Bett in die Sandebene selbst gegraben hätten.

siehe Bildunterschrift

Landung an der Halbinsel Jalmal.

Aus den Rudern des Bootes und einem Presenning hatten wir eine Art Zelt hergestellt. Glücklicherweise fanden wir etwas trockenes Holz, und bald duftete uns im Zelte ein warmer, erquickender Kaffee entgegen. Nachdem wir gegessen und getrunken hatten und die Pfeifen angezündet waren, überraschte uns Johansen dadurch, daß er – dick und satt, wie er war – auf dem schweren feuchten Sandboden vor dem Zelte, im langen Offiziersmantel und den Wasserstiefeln, die halb voll Wasser waren, einen Saltomortale nach dem andern zum besten gab.

Um halb sieben Uhr morgens (7. August) waren wir wieder an Bord. Der Nebel hatte sich zerstreut; aber das Eis, das mit der Gezeitenströmung hin und her getrieben wurde, sah nach Norden zu so dicht aus wie zuvor.

Vormittags hatten wir Besuch von einem Boote mit zwei stattlichen Samojeden, die gut aufgenommen und mit Essen und Tabak tractirt wurden. Sie gaben uns zu verstehen, daß sie weiter landeinwärts gegen Norden in Zelten wohnten. Mit Gaben beschenkt kehrten sie wieder nach Hause zurück.

Es waren die letzten Menschen, mit denen wir zusammentrafen.

Am nächsten Tage (8. August) war das Eis immer noch dicht, und da nichts zu unternehmen war, gingen einige von uns am Nachmittag wieder an Land, theils um mehr von dieser wenig bekannten Küste zu sehen, theils um, wenn möglich, das Samojedenlager zu finden und dort Felle und Renthierfleisch einzutauschen.

Es ist ein eigenthümliches Flachland. Nichts als Sand, überall Sand. Noch flacher, noch einsamer als das Land an der Jugor'schen Straße, ein noch weiterer Gesichtskreis.

Ueber der Ebene lag ein grüner Teppich aus Gras und Moos, hin und wieder vom Winde zerzaust, der ihn aufgewühlt und den Flugsand darüber hingefegt hatte. Aber soweit wir auch gingen und soviel wir auch suchten, wir fanden kein Samojedenlager. Das einzige, was wir erreichten, war, in weiter Entfernung drei Männer zu sehen, die sich indessen, sobald sie uns erblickten, so schnell als möglich aus dem Staube machten.

Wild gab es nicht viel. Einige Schneehühner, Goldregenpfeifer und Eisenten waren so ziemlich alles. Unsere hauptsächlichste Ausbeute waren wiederum eine Sammlung Pflanzen und einige geologische und geographische Beobachtungen. Diese ergaben, daß die Küste an dieser Stelle in den Karten mehr als einen halben Längengrad (36–38 Minuten) zu weit nach Westen verlegt ist.

Erst am nächsten Vormittag (9. August) kamen wir wieder an Bord. Das Eis schien jetzt im Norden etwas lockerer geworden zu sein. Um 8 Uhr abends begannen wir endlich aufs neue unsere Fahrt nach Norden. Wir fanden leicht passierbares Eis, bis wir drei Tage später in offenes Fahrwasser kamen.

siehe Bildunterschrift

Auf der Halbinsel Jalmal.

Am Sonntag (13. August) steuerten wir ins offene Karische Meer an der Nordspitze der Halbinsel Jalmal und an Bjelyj-Ostrow (Weiße Insel) vorüber. Nirgends war Eis zu erblicken. Während der folgenden Tage hatten wir beständig starke Ostwinde, die sich oft bis zur Brise steigerten. Wir fuhren fort, unter Segel zu kreuzen, um ostwärts zu kommen, aber die »Fram« ist bei Gegenwind kaum als ein guter Segler zu bezeichnen, da sie breit und ohne Kiel ist. Die Strömung war zu stark und die Aussicht, vorwärts zu kommen, dementsprechend gering. Im Schiffsjournal heißt es fortwährend: Gegenwind, Gegenwind. Es war mehr als einförmig, aber da es für die Schiffahrt in diesem Meere ein Interesse haben kann, will ich die wichtigsten Einzelheiten anführen, besonders wo es sich um die Eisverhältnisse handelt:

»Montag (14. Aug.) kreuzten wir nur unter Segel gegen starken Wind. Einzelne Eisstücke waren während der Hundewache (12–4 Uhr morgens) zu erblicken; später zeigte sich aber kein Eis innerhalb des Gesichtskreises.

»Dienstag (15. Aug.). Während der Hundewache legte sich der Wind, die Segel wurden festgemacht und der Kessel geheizt. Um 5 Uhr morgens begannen wir ostwärts durch eisfreies Meer zu dampfen, aber am Nachmittage frischte der Wind aus Ostnordost wieder auf, und wir mußten unter Dampf und Segel kreuzen. Einzelne Eisstreifen wurden gegen Abend und während der Nacht sichtbar.

»Mittwoch (16. Aug.). Da das Karische Meer in so erstaunlicher Weise eisfrei zu sein schien und schwere Wellen aus Nordosten kamen, entschlossen wir uns, soweit es gehen mochte, einen nördlichen Kurs zu halten; wenn es sein mußte, bis zur Einsamkeit-Insel. Aber gegen halb vier Uhr nachmittags zeigte sich vor uns ein dichter Eisstreifen, sodaß wir wenden mußten. Steife Brise und Seegang. Wir kreuzen fortgesetzt in östlicher Richtung längs der Eiskante.

»Am Abend hätten wir beinahe das Petroleumboot verloren. Es wurde von den Wellen unablässig mit Wasser gefüllt, an zwei Stellen wurde der Rand weggebrochen, und die schweren Davits, in denen es hing, krümmten sich, als wären sie aus Kupferdraht. Im letzten Augenblick gelang es, das Boot an der Seite festzumachen, während die Wellen uns überfluteten. Ein Mißgeschick nach dem andern schien dieses Boot zu verfolgen.

»Donnerstag (17. Aug.). Wir kreuzen nach wie vor in östlicher Richtung unter Segel und Dampf durch lockeres Eis in der Nähe des Randes des festen Eises. Immer noch Sturm und, sobald wir die Nase ein wenig aus dem Eise herausstecken, schwerer Seegang.

»Freitag (18. Aug.). Anhaltend Sturm. Wir steuern südöstlich. Halb fünf Uhr morgens erblickt Sverdrup Land, südlich von uns; er war gerade in der Tonne, um nach Bären und Walrossen auf den Schollen auszuschauen.«

Um 10 Uhr vormittags war ich oben, mich umzusehen. Wir waren kaum mehr als 20 Kilometer vom flachen Lande entfernt, das von derselben Beschaffenheit wie Jalmal zu sein schien, mit Gras bedeckt und mit steilen, sandigen Abhängen. In der Nähe des Landes war das Wasser seichter. Nicht weit von uns lagen Torosse auf dem Grunde. Das Senkblei zeigte immer weniger und weniger Wasser; halb zwölf Uhr waren es nur noch 16 Meter; aber um 12 Uhr hatten wir mit einem mal wieder 40 Meter, und darauf nahm die Tiefe wieder fortwährend zu.

siehe Bildunterschrift

Die »Fram« im Karischen Meere.

Zwischen dem Lande und dem Grundeise, leewärts Lee bezeichnet die Seite, nach welcher der Wind weht. von uns, hatte es das Ansehen, als ob sich dort eine Rinne mit etwas tieferm Wasser befände, wo nicht soviel Eis auf dem Grunde lag. Es war schwer zu glauben, daß hier thatsächlich ein neues Land sein sollte, wo doch sowol Nordenskiöld als Eduard Johannesen und vielleicht mehrere Russen vorbeigekommen waren, ohne etwas zu sehen. An unsern Beobachtungen ließ sich aber nicht zweifeln, und das Land erhielt sofort nach seinem Entdecker den Namen Sverdrup-Insel.

Da wir immer noch viel Eis luvwärts Luv bezeichnet die Seite, von welcher der Wind herkommt. hatten, setzten wir unsern südöstlichen Kurs fort und hielten uns so nahe als möglich am Winde. Es war klares Wetter, und um 8 Uhr bekamen wir das Festland bei der Dickson-Insel in Sicht.

Unsere Absicht war gewesen, hier zu ankern, um unsere Post für die Heimat in einem Depot niederzulegen. Kapitän Wiggins hatte versprochen, die Briefe auf seiner Reise nach dem Jenissei von hier abzuholen. Mittlerweile hatte sich aber der conträre Wind gelegt, die Gelegenheit war günstig und die Zeit kostbar. Wir verzichteten daher darauf, unsere Post zu befördern, und setzten den Kurs an der Küste entlang fort.

Das Land ist hier ganz verschieden von Jalmal. Wenn es auch nicht hoch ist, so ist es doch ein Bergland mit Schneeflecken und hie und da mit größern Schneeflächen, die sich oft bis zum Strande hinunter erstrecken.

Am nächsten Vormittag (19. August) bekam ich die südlichste der Kamennyj-Inseln (Felsige Inseln) in Sicht.

Wir steuerten darauf zu, um zu sehen, ob nicht irgendwelche Thiere zu finden seien; aber nichts war zu erblicken. Die Insel erhebt sich auf allen Seiten gleichmäßig aus dem Meere, hat aber abschüssige Uferstrecken. Diese bestehen zum größern Theil aus Felsen, die bald als festes Gestein, bald als verwitterte Gesteinstrümmer zu Tage treten.

Dem Anscheine nach war es ein geschichtetes Gestein mit stark schräg liegenden Schichten. Im übrigen ist die Insel mit einer Menge Grus bedeckt, der zum Theil mit größern Trümmern vermischt ist, und die ganze nördliche Landzunge scheint aus Sand zu bestehen, der steil zum Strande abfällt.

Was bei der Insel am meisten ins Auge fällt, sind ihre ausgeprägten Strandlinien.

Der Spitze zunächst befindet sich eine besonders hervortretende Strandlinie, die sich auf der West- und Nordseite als scharfer Absatz zeigt und sich wie ein dunkles Band quer über die Länge der Insel erstreckt. Näher dem Strande sah man ebenfalls mehrere deutliche Strandlinien. Alle gleichen in ihrer Form der obersten mit ihren steilen Absätzen und sind ersichtlich auf dieselbe Weise gebildet: durch die Thätigkeit der See und insbesondere des Eises. Wie die oberste sind auch die übrigen am ausgeprägtesten auf der West- und Nordseite der Insel, die dem offenen Meere besonders ausgesetzt sind.

Für den, der die Geschichte der Erde studirt, sind diese Spuren eines frühern Meeresniveaus von großem Interesse, weil sie eine Hebung des Landes oder eine Senkung des Meeresspiegels seit ihrer Bildung andeuten, Niveauveränderungen, welche die ganze Nordküste Sibiriens ebenso wie die Küste Skandinaviens nach der großen Eiszeit erfahren haben.

Nördlich von dieser Insel sahen wir sonderbarerweise keine der Inseln, die nach Nordenskiöld's Karte nordöstlich von den Kamennyj-Inseln in einer Reihe liegen sollen. Dagegen peilte ich ein Paar andere ungefähr in rechtweisend östlicher Richtung. Am nächsten Morgen kamen wir auch etwas weiter im Norden an einer kleinen Insel vorüber.

siehe Bildunterschrift

Die Kamennyj-Inseln an der sibirischen Küste, von Südwesten gesehen.

An Vögeln sahen wir in diesen Gegenden nur ein Paar Schwärme wilder Gänse, einige Raubmöven und ( Stercorarius crepidatus und St. Buffonii), sowie ein paar andere Möven und Seeschwalben.

Sonntag (20. August) war das Wetter so schön wie selten. Blaues Meer, glänzender Sonnenschein und schwacher Wind, immer noch aus Nordost. Am Nachmittage langten wir bei den Kjellman-Inseln an, die wir aus Nordenskiöld's Karte nach ihrer Lage erkennen konnten; südlich davon fanden wir aber viele unbekannte Inseln.

Alle haben abgerundete Formen und gleichen Holmen, die von den Gletschern der Eiszeit abgescheuert worden waren. Die »Fram« ging auf der Nordseite der größten Insel, die wir später Renthier-Insel nannten, vor Anker, und während der Kessel aufs neue mit Wasser gefüllt wurde, wollten einige von uns zur Jagd an Land.

Wir waren noch nicht von Bord gekommen, als der Steuermann von der Tonne aus Renthiere entdeckte. Da kam Leben in die Gesellschaft, alle Mann wollten mit; der Steuermann selbst war vor Jagdeifer wie verstört, seine Augen waren weit geöffnet, und die Hände zitterten ihm, als wenn er betrunken wäre.

Erst im Boote fanden wir Zeit, uns nach den Renthieren des Steuermanns umzuschauen. Vergebens, keine Spur lebender Wesen war auf irgendeiner Seite zu sehen! Doch – nahe dem Lande sahen wir endlich einen großen Schwarm wilder Gänse vom Strande heraufwackeln. Und zu unserer Schande müssen wir gestehen, es wurde die Vermuthung laut, daß der Steuermann Gänse gesehen habe, ein Verdacht, den er anfangs verächtlich von sich wies. Nach und nach sank seine Sicherheit. Aber, man kann ja selbst einem Steuermann unrecht thun. Das erste, was ich sah, als ich ans Land sprang, waren alte Renthierfährten.

Sofort stieg das Selbstvertrauen des Steuermanns wieder; er flog von Spur zu Spur, schaute und schwur darauf, daß er Renthiere gesehen habe.

Auf dem ersten Hügel angekommen, sahen wir mehrere Thiere auf einer Ebene südlich von uns; da aber der Wind aus Norden wehte, mußten wir zurück, um ins Lee zu kommen, und uns am Strande entlang von Süden her nähern. Der einzige, der dies nicht billigte, war der Steuermann; mit fieberhaftem Eifer wollte er blindlings auf einige Renthiere losstürmen, die er im Osten gesehen zu haben glaubte; natürlich das sicherste Mittel, das Feld von den Thieren zu säubern. Er erhielt die Erlaubniß, mit Scott-Hansen, der eine magnetische Beobachtung anstellen sollte, zurückzubleiben, mußte aber versprechen, sich nicht eher vom Flecke zu rühren, als bis er Ordre bekäme.

Auf dem Wege am Strande kamen wir au einem Schwarm Gänse nach dem andern vorbei; sie streckten die Hälse vor, gingen ein wenig zur Seite, bis wir ganz nahe waren, und flogen dann endlich davon. Eine kurze Strecke weiter erblickten wir ein paar Renthiere, die wir vorher nicht bemerkt hatten. Wir hätten sie leicht anpirschen können, hatten aber Sorge, dadurch den andern, die sich südlicher befanden, unter den Wind zu kommen. Endlich waren wir auch leewärts von diesen; aber sie ästen mitten in einer flachen Ebene, sodaß es durchaus nicht leicht war, sie anzupirschen, Keine Erhöhung, nicht ein Stein, um sich dahinter zu verstecken. Das einzige, was wir thun konnten, war, eine lange Schützenlinie zu bilden und nach Möglichkeit vorzurücken, um sie, so gut es ging, zu umgehen. Mittlerweile hatten wir einen andern Trupp Renthiere weiter im Norden erblickt. Aber zu unserm Erstaunen jagten sie plötzlich ostwärts über die Ebene von dannen – war es der Steuermann, der sich nicht länger zu halten vermochte?

Vom Strande aus, etwas weiter nach Norden, erstreckte sich eine Senkung bis zu den Renthieren, die uns am nächsten waren. Von hier aus war es vielleicht möglich, ihnen auf Schußweite nahe zu kommen. Ich ging zurück, um einen Versuch zu machen, während die Uebrigen auf ihrem Platze in der Schützenlinie verbleiben sollten.

Die See lag gerade vor mir, ruhig und schön. Am Horizont war die Sonne vor einem Augenblick ins Meer gesunken. Der Himmel erglühte in der hellen Nacht. Ich mußte einen Augenblick innehalten: inmitten all dieser Pracht treibt der Mensch sein Raubthierhandwerk! ... Da sehe ich gegen Norden einen dunkeln Fleck sich den Hügel hinabbewegen, wo der Steuermann und Scott-Hansen sein sollten; er theilt sich in zwei Theile, von denen der eine sich östlich gerade luvwärts von den Thieren, die ich anpirschen sollte, bewegt. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis diese die Gefahr wittern und flüchtig werden würden; also hieß es sich beeilen. Es waren gerade nicht die frömmsten Wünsche, die auf die Häupter der beiden niederhagelten.

Die Senkung war nicht so tief, als ich erwartet hatte. Die Seiten waren gerade hoch genug, mich zu decken, wenn ich auf allen Vieren kroch. In der Mitte große Steine und lehmiger Grus, durch einen kleinen Bach aufgeweicht. Die Renthiere ästen noch ruhig und hoben nur ab und zu die Köpfe, um zu sichern. Aber die Deckung wurde immer schlechter, und im Norden hörte ich den Steuermann. Bald würde es ihm wol gelingen, auch hier die Thiere in die Flucht zu jagen. Ich mußte schnell vorwärts, aber hier war nicht einmal genügende Deckung, um auf allen Vieren weiterzukriechen. Es blieb mir nur übrig, mich wie ein Wurm auf dem Bauche vorwärtszuwinden. Aber – in diesem weichen Lehm, mitten durch den Bach? Ja, Fleischkost ist an Bord zu werthvoll und das Raubthier im Menschen zu stark. Mögen die Kleider reißen, ich kroch weiter, sodaß der Schmutz hoch spritzte. Aber bald war es trotzdem mit der Deckung vorbei. Ich drückte mich flach zwischen die Steine und arbeitete mich durch den Schmutz wie eine Maschine, und vorwärts kam ich, wenn auch nicht schnell und angenehm, so doch sicher.

Inzwischen färbte sich der Himmel hinter mir immer tiefer roth, und es wurde immer schwieriger zu zielen, ohne des Lehms zu gedenken, den ich nur mit Mühe von der Gewehrmündung und dem Visier fernzuhalten vermochte. Die Renthiere ästen ruhig weiter; wenn sie den Kopf hoben und sicherten, mußte ich mäuschenstill liegen, während ich fühlte, wie das Wasser langsam unter meinem Leibe rieselte. Fingen sie dann wieder an, im Moose zu äsen, so ging es bei mir wieder durch den Schmutz vorwärts. Bald machte ich die unangenehme Entdeckung, daß sie mir ungefähr ebenso schnell entwichen, als ich mich vorwärtswand. Und dazu der Steuermann, der nördlich von mir hauste, und die Dunkelheit, die immer stärker wurde – wahrlich traurige Aussichten! Es galt, die Kräfte anzuspannen.

Die Senkung wurde immer flacher, bald war kaum noch eine Spur von Deckung vorhanden; ich mußte mich immer tiefer in den Lehm drücken. Eine Krümmung des Bodens half mir, bis zum nächsten kleinen Hügel zu gelangen. Da waren nun die Thiere vor mir in einer Entfernung, die ich bei Tageslicht als eine gute Schußweite betrachtet hätte. Ich versuchte zu zielen, konnte aber das Korn auf der Büchse nur schwer erkennen. Ach, Menschenloos, wie schwer bist du oft zu tragen! Mit Kleidern, die von aufgeweichtem Lehm starrten, und nach den, wie mir schien, bewunderungswürdigen Anstrengungen stand ich endlich am Ziele – und nun konnte ich keinen Gebrauch davon machen!

Aber da gingen die Thiere in eine kleine Vertiefung hinein. So schnell ich vermochte, kroch ich noch ein Stückchen vorwärts. Vortreffliche Schußweite, soweit ich in der Dunkelheit beurtheilen konnte; aber das Korn der Büchse war jetzt nicht besser zu sehen als zuvor. Näherzukommen war unmöglich; ein kahler Hügel lag vor mir. Hier liegen zu bleiben und zu warten, bis es zum Schießen hell genug würde, hatte wenig Zweck; es war jetzt Mitternacht, ich hatte immer noch den gefährlichen Steuermann nördlich von mir und auf den Wind konnte ich mich nicht verlassen. Ich hielt die Büchse gegen den Himmel, um scharfes Korn zu bekommen, und richtete sie dann auf die Renthiere; einmal, zweimal, dreimal. Ein guter Schuß würde es nicht; aber mir schien, ich müßte dennoch treffen, und brannte los. Die beiden Thiere fuhren zusammen, sahen sich erstaunt um, eilten dann eine kleine Strecke nach Süden und blieben wieder stehen; im selben Augenblick stieß ein drittes Renthier zu ihnen; es hatte etwas nördlicher gestanden. Ich feuerte alle Schüsse ab, die ich im Magazin hatte, aber sie trafen alle gleich gut. Die Thiere fuhren ein wenig zusammen, verzogen sich nach jedem Schusse etwas, dann setzten sie sich langsam nach Süden in Bewegung. Nach einer kleinen Weile blieben sie wieder stehen, um mich lange und genau anzusehen. Ich lief aus Leibeskräften westwärts, um sie zu umgehen. Dann eilten sie wieder weiter, gerade auf die Stelle zu, wo sich einige meiner Kameraden befinden mußten. Ich erwartete jeden Augenblick, Schüsse zu hören und ein Paar Thiere fallen zu sehen; aber sie trabten ruhig und ungestört nach Süden über die Ebene. Endlich fiel ein Schuß weit im Süden. Aus dem Rauche konnte ich erkennen, daß der Abstand zu weit gewesen. Aergerlich warf ich die Büchse über die Schulter und schlenderte hinterdrein. Wahrlich, ein Vergnügen, alle Anstrengungen so belohnt zu sehen!

Nirgends ein Mensch zu erblicken. Nach geraumer Weile fand ich Sverdrup; er war es, der geschossen hatte. Bald darauf kam Blessing: die Uebrigen hatten längst ihre Posten verlassen.

Während Blessing zum Boote und zu seiner Botanisirtrommel zurückkehrte, zogen Sverdrup und ich weiter, um nochmals unser Glück zu versuchen. Etwas südlicher kamen wir an ein Thal, das sich quer über die Insel erstreckte. Hier erblickten wir einen Mann, der jenseits auf der Spitze einer Anhöhe stand. Nicht weit von ihm befand sich ein Trupp von fünf oder sechs Renthieren, und da wir uns nichts anders denken konnten, als daß er im Begriffe war, sie anzupirschen, unterließen wir es, nach jener Richtung zu gehen, um nicht zu stören, und bald darauf verschwanden sowol er als auch die Renthiere nach Westen. Erst später erfuhr ich, daß er keine Renthiere gesehen hatte. Da es klar war, daß die Thiere südlich von uns, wenn sie erschreckt wurden, durch dieses Thal zurück mußten, und da die Insel hier so schmal war, daß wir hier gut Acht geben konnten, entschlossen wir uns, auf dem Wechsel zu bleiben und zu warten. Wir setzten uns auf große Steine, in gegen den Wind geschützter Stellung. Gerade vor Sverdrup lag ein großer Schwarm Gänse in der Mündung des Baches drunten am Strande. Sie schnatterten unablässig, und die Versuchung, zu schießen, war groß; aber aus Rücksicht auf die Renthiere hielten wir es für das Richtigste, sie in Ruhe zu lassen; so wackelten sie unter lautem Schnattern über den Lehmboden und flogen bald davon.

Das Warten fiel uns schwer. Anfangs war unsere Aufmerksamkeit gespannt; die Thiere mußten ja bald kommen, und die Augen wanderten unaufhaltsam den Abhang jenseits des Thales entlang: aber nichts kam, und bald hatten die Augen die größte Lust, sich zu schließen. Der Kopf neigte sich; es hatte in den letzten Tagen nicht viel Schlaf gegeben. Dann raffte man sich wieder auf. Die Renthiere konnten jeden Augenblick hier sein. Die Augen wanderten wiederum hin und her, bis sie sich aufs neue sanft schlossen, und der Kopf nickte, während der kalte Wind durch die nassen Kleider fuhr, sodaß ich vor Kälte schauderte. So verbrachten wir ein paar Stunden. Dann fand ich es weniger interessant und kroch aus meinem Versteck hervor, um mich zu Sverdrup zu begeben, der über diese Jagdmethode ebenso wenig erbaut war wie ich.

Wir stiegen den jenseitigen Abhang hinauf, waren aber kaum auf der Höhe angekommen, als wir die Geweihe von sechs prächtigen Thieren auf einer Anhöhe gerade vor uns erblickten. Sie waren unruhig, witterten nach Westen, trabten im Kreise hin und her und witterten wieder. Uns konnten sie noch nicht bemerkt haben, da der Wind von der Seite kam.

Wir standen lange und schauten ihrem Manöver zu. Wir warteten, in welcher Richtung sie flüchtig werden würden; aber die Wahl fiel ihnen augenscheinlich schwer. Endlich gings mit einer südlichen Wendung nach Osten von dannen. Wir liefen aus Leibeskräften in südöstlicher Richtung, um ihren Kurs zu kreuzen, ehe sie uns witterten. Sverdrup war schon eine gute Strecke vorwärtsgekommen, und ich sah ihn jetzt über eine Ebene sausen. Bald mußte er an der rechten Stelle sein, um sie abzufangen. Ich blieb stehen, um bereit zu sein, ihnen auf der andern Seite den Weg abzuschneiden, falls sie zurückkehren und nach Norden ausbrechen sollten. Sechs herrliche Thiere, ein mächtiger Bock an der Spitze. Sie liefen gerade auf Sverdrup zu, der jetzt zusammengekauert auf dem Hügel lag. Jeden Augenblick konnte das erste Renthier fallen. Da fiel ein Schluß – der ganze Trupp fuhr wie ein Blitz rund herum und im Galopp zurück. Jetzt war die Reihe an mir, aus Leibeskräften zu laufen, und in wilder Jagd ging es über das Geröll dem Thale zu, aus dem wir gekommen waren. Ich blieb nur stehen, um Athem zu schöpfen und zu sehen, ob die Thiere in der vorausgesetzten Richtung liefen – dann ging es wieder weiter.

siehe Bildunterschrift

Bei Tisch (das untere Ende der Tafel).

Wir näherten uns allmählich. Sie kamen gerade an die Stelle, die ich berechnet hatte; es galt jetzt nur, früh genug dort zu sein. Ich strengte meine langen Beine auf dem groben Geröll aufs äußerste an und machte Sprünge von Stein zu Stein, die mich in einem ruhigern Augenblick selbst in Erstaunen gesetzt haben würden. Es kam wol vor, daß der Fuß strauchelte, dann ging es kopfüber ins Geröll mit Mann und Büchse. Aber jetzt war das Raubthier in mir geweckt, der Jagdeifer zitterte in jeder Muskelfaser. Wir erreichten den Abhang ungefähr gleichzeitig – noch ein paar Sprünge auf einige große Steine, und der Augenblick war gekommen; es mußte geschossen werden, wenn schon die Entfernung groß war. Der Rauch trieb fort – und ich erblickte den Bock mit zerschmettertem Hinterlauf. Da der Anführer zurückblieb, kehrte der ganze Trupp um und umkreiste das arme Thier. Sie begriffen nicht, was vorging, liefen von einer Stelle zur andern, während die Kugeln um sie pfiffen. Dann auf und davon, wieder dem Thale zu, während noch ein Thier mit zerschmettertem Laufe zurückblieb. Ich jagte ihnen über das Thal und auf die andere Seite nach, in der Hoffnung, noch einen Schuß anzubringen, gab es jedoch auf, um mir die beiden angeschossenen Thiere zu sichern. Unten im Thale stand das eine Opfer und erwartete sein Schicksal. Es sah mich flehend an; ich ging hin und wollte schießen, als es plötzlich mit einer solchen Hast davonsprang, wie ich einem Thiere auf drei Beinen nicht zugetraut hätte.

siehe Bildunterschrift

Die Jagdbeute.

Meines Schusses völlig sicher, schoß ich natürlich – fehl. Das arme Thier versuchte nach dem Strande zu entkommen; alle andern Wege waren ihm versperrt und, während es durch eine kleine Lagune watete – ich war schon bange, daß es sich ins Meer stürzen würde – brachte ich endlich den tödlichen Schuß an.

Das andere Renthier war nicht weit entfernt, und bald machte eine Kugel auch seinem Leiden ein Ende. Als ich daran ging, es aufzubrechen, stießen auch Hendriksen und Johansen zu mir; sie kamen gerade von einem Bären, den sie etwas weiter im Süden geschossen hatten.

Nachdem wir die Renthiere ausgeweidet hatten, schickten wir uns an, zu unserm Boote zurückzukehren, und trafen unterwegs Sverdrup. Es war inzwischen Morgen geworden, und da ich nun fand, daß wir hier schon zuviel Zeit vergeudet hatten, war ich ungeduldig, die Reise nach Norden fortzusetzen.

Während Sverdrup und ein Paar andere an Bord gingen, um das Schiff zum Abgang klar zu machen, ruderten einige von uns nach Süden, um unsere beiden Renthiere und den Bären zu holen. Eine starke Brise aus Nordost hatte sich eingestellt, und da es nun schwer fallen durfte, gegen den Wind zurückzurudern, bat ich Sverdrup, uns mit der »Fram«, falls es die Tiefe zulassen sollte, den Sund hinunter entgegenzukommen. An Seehunden und Weißwalen gab es am Strande entlang mehr als genug; aber wir hatten keine Zeit, uns jetzt noch mit Jagen aufzuhalten.

Als wir ungefähr zu der Stelle gekommen waren, wo der Bär liegen sollte, erblickten wir auf dem Lande einen großen weißen Haufen, der einem Bären glich. Ich konnte nicht anders denken, als daß es der todte Bär sei. Aber Hendriksen versicherte, daß dies nicht der Fall sei. Wir legten an und gingen auf ihn zu. Unbeweglich lag er auf einem Grashügel. Ich hatte noch starken Zweifel, ob das Thier nicht doch früher schon geschossen worden sei. Wir kamen immer näher – kein Lebenszeichen. Ich warf einen verstohlenen Blick auf Hendriksen's ehrliches Gesicht, um mich zu überzeugen, daß man mit mir nicht Spaß treibe; aber seine Blicke waren unverwandt auf den Bären gerichtet. Dann knallten gleichzeitig ein paar Schüsse, und zu meinem größten Erstaunen fuhr der todtgeglaubte Bär erschreckt in die Höhe. Der Aermste – wahrlich eine unsanfte Art, geweckt zu werden! Noch ein Schuß, und er lag leblos auf dem Rücken. Wir versuchten zuerst, beide Bären zu ziehen, aber sie waren zu schwer. Wir hatten Mühe genug, sie abzubalgen, zu zerlegen und die einzelnen Stücke ins Boot hinabzutragen. Aber so unangenehm es auch war, mit schweren Bärenschinken auf der Schulter über den weichen Lehmboden zu traben, harrte unserer am Strande doch noch Schlimmeres.

Das Wasser war gestiegen, während gleichzeitig die Brandung stärker geworden war. Das Boot war gekentert und mit Wasser gefüllt; jede Welle ging nun darüber weg. All unsere Habseligkeiten, Büchsen und Munition, lagen im Wasser; Brotstücke, unser einziger Proviant, schwammen umher, und das Butterfaß lag geleert auf dem Grunde. Das Boot aus dieser Brandung herauszubekommen und vom Wasser zu befreien, gelang erst nach vielen Anstrengungen. Glücklicherweise bestand der Strand aus weichem Sande, sodaß das Boot keinen Schaden gelitten hatte; aber der Sand war überall eingedrungen, selbst in die feinsten Theile unserer Gewehrschlösser. Fast das Traurigste bei der ganzen Sache war übrigens der Zustand unsers Proviants; denn wir waren jetzt hungrig wie die Wölfe. Wir mußten mit Todesverachtung daran gehen, die Brotstücke zu essen, wie sie waren, durchweicht von Seewasser und mit verschiedenen unreinen Zusätzen vermengt. Bei dieser Gelegenheit verlor ich auch mein Skizzenbuch mit mehrern geologischen Zeichnungen, die für mich Werth hatten.

siehe Bildunterschrift

Ein schwieriger Transport.

Es war ziemlich schwierig, das Wild in dieser Brandung von dem flachen Strande aus an Bord zu bringen. Wir mußten mit dem Boote draußen liegen und es an einer Stelle halten, um mit Hülfe einer Leine die Felle und das Fleisch an Bord zu holen; ein gut Theil Wasser folgte mit, aber dagegen war nichts zu thun. Aus Leibeskräften mußten wir jetzt gegen Wind und Wellen am Strande entlang rudern.

Der Wind war stärker geworden, und wir kamen kaum vom Fleck. Seehunde tauchten rund um uns auf, Weißwale kamen und gingen; aber wir hatten jetzt keine Augen für sie. Da rief Hendriksen, ein Bär sei vor uns. Ich blickte mich um; da stand er schön und weiß auf der Landspitze und scharrte im Sande. Ihn zu schießen, hatten wir jedoch keine Zeit; wir ruderten weiter, während er am Strande uns langsam nach Norden voranging. Endlich, nach schwerer Mühe, gelangten wir in die Bucht, wo wir die Renthiere holen wollten. Der Bär war uns jetzt voraus; er hatte das Boot noch nicht gesehen, witterte uns nun aber und kam näher. Es war gar zu verlockend; mehrere male hatte ich den Finger am Abzug, drückte aber dennoch nicht ab; im Grunde genommen hatten wir ja keine Verwendung für ihn, wir hatten reichlich zu thun, um zu bergen, was wir hatten. Jetzt stellte sich der Bär als Scheibe auf einen Stein, um zu wittern und besser zu sehen; dann, nach einer Weile genauen Betrachtens, machte er kehrt und begab sich im Schritt und in mäßigem Trab landeinwärts.

Die Brandung war stärker als zuvor; das Ufer war hier flach und sandig und so seicht, daß die Wellen sich in ziemlicher Entfernung vom Lande brachen. Wir steuerten so weit hinein, bis das Boot stampfte, und bekamen einige Sturzwellen über.

Die einzige Möglichkeit, das Land zu erreichen, war, ins Wasser zu springen und an Land zu waten. Schwieriger war es jedoch, die Renthiere an Bord zu bringen. Weiter im Norden war nicht besser zu landen, und so schwer es uns auch fiel, nach allen Mühseligkeiten auf die herrliche Fleischkost zu verzichten, schien es mir doch, daß wir nichts anders thun könnten, als unsern Kurs aus die »Fram« zu halten.

Aber das war die anstrengendste Ruderfahrt, die ich jemals mitgemacht habe. Anfangs ging es ziemlich gut. Wir hatten die Strömung mit uns und entfernten uns schnell vom Lande. Aber die Brise nahm zu, und der Strom wurde schwächer. Welle auf Welle brach sich über uns. Endlich, nach unglaublichen Anstrengungen, hatten wir nur noch eine kurze Strecke vor uns. Ich ermunterte die Ruderer, soviel ich konnte, sagte ihnen, daß es nach einigen kräftigen Ruderschlägen dampfenden Thee gäbe, und spiegelte ihnen alles erdenkliche Gute vor. Wir waren in der That jetzt alle gehörig erschöpft; aber wir zogen noch gut an, trotzdem wir von den unaufhörlich überschlagenden Wellen bis auf die Haut durchnäßt wurden – wasserdichte Kleider und Pelze mitzunehmen war niemand eingefallen bei dem schönen Wetter, das wir am Tage zuvor gehabt hatten.

Aber trotz aller Anstrengung und Mühe entdeckten wir, daß es unmöglich sei, das Boot vorwärtszubringen. Außer der Brise und dem Seegang hatten wir reißenden Gegenstrom. Wir mochten uns anstrengen, wie wir wollten; wir zogen so an, daß wir glaubten, die Fingerspitzen würden platzen, aber das Aeußerste, was wir erreichten, war, uns auf demselben Fleck zu halten, andernfalls trieben wir langsam rückwärts. Ich versuchte, die Kameraden zu beleben mit der Versicherung, daß wir etwas vorwärtsglitten, es gälte nur, die Kräfte anzuspannen. Alles vergebens.

Der Wind pfiff uns um die Ohren, und der Wogenschaum spritzte über uns. Es war ärgerlich, so nahe zu sein, daß wir das Schiff dem Anscheine nach greifen konnten, und doch einsehen zu müssen, daß es unmöglich sei, auf diese Weise vorwärtszukommen. Wir mußten versuchen, dem Lande wieder näherzukommen, wo wir den Strom mit uns hatten; dort vermochten wir wenigstens vorwärtszugleiten. Wir strengten uns an, bis wir ungefähr in der Hohe der »Fram« waren; dann versuchten wir aufs neue, darauf los zu steuern. Aber kaum waren wir wieder in den Gegenstrom gerathen, als wir auch schon wieder leewärts getrieben wurden. Das ganze Manöver wurde wiederholt – aber mit demselben Resultat. Jetzt ließen sie vom Schiffe eine Boje herab; wenn wir nur diese erreichen konnten, waren wir geborgen. Aber nein, auch dies gelang nicht!

Es waren gerade keine Segenssprüche, die wir gegen die an Bord äußerten. Weshalb, zum Henker, konnten die an Bord Befindlichen nicht herunterkommen und uns helfen, da sie doch sahen, wie verzweifelt wir uns anstrengten, oder weshalb konnten sie nicht wenigstens Anker lichten und sich ein wenig uns entgegentreiben lassen? Sie sahen doch, wie gering die Entfernung war! Vielleicht waren Untiefen vorhanden?

Noch ein letzter, verzweifelter Versuch! Wir strengten alle unsere Kräfte an; jeder Muskel wurde bis aufs äußerste straff gespannt; jetzt galt es nur, die Boje zu erreichen. Da sahen wir zu unserer Erbitterung, daß sie eingeholt wurde! Wir ruderten ein Stück, um uns quer vor die »Fram« zu legen, dann hielten wir wieder die Richtung auf sie ein. Diesmal kamen wir mehr als je ins Lee vom Schiffe.

Aber immer wurde noch keine Boje ausgeworfen, nicht einmal ein Mensch war auf Deck zu erblicken. Wir schrien wie rasend nach der Boje; mehr als diesen Stoß konnten wir nicht ertragen. Abzutreiben und wieder an Land zu gehen in unsern nassen Kleidern war wenig erfreulich; jetzt wollten wir an Bord. Wir heulten wie die Wilden, heulten und schrien. Da kamen sie endlich aufs Hinterdeck gelaufen, die Boje wurde ausgeworfen und uns entgegengefiert. Wir ruderten mit dem letzten Aufgebot unserer Kräfte.

Endlich waren es nur noch einige Bootslängen; die Ruderer lagen auf den Bänken und zogen an. Jetzt waren es drei Bootslängen. Ein neuer, rasender Angriff! Jetzt waren es zwei und eine halbe – etwas später zwei – – nach einer Weile nur noch eine Bootslänge – – – – dann einige verzweifelte Züge, und es war noch weniger. – »O, einige kräftige Züge, Kinder, dann ist es überstanden! O, noch einmal! O, zieht an! Jetzt gilt's! Jetzt haben wir sie beinahe! Jetzt dürfen wir es nicht aufgeben! O, zieht an! – Da haben wir sie!« Und ein Jubel der Erleichterung ging durch das Boot. »Rudert, sonst reißt die Leine, rudert, Kinder!« Und gerudert wurde, und bald waren wir an der Seite der »Fram«.

Aber während wir die Felle und das Fleisch an Bord brachten, kamen wir erst zum richtigen Verständniß dessen, was wir durchgemacht hatten. Wie ein reißender Fluß ging der Strom am Schiffe entlang, während das seichte Wasser die »Fram« verhindert hatte, uns, wie beabsichtigt, entgegenzufahren. Es war Abend geworden, und ein herrliches Gefühl war es, warmes Essen zu bekommen und dann die Glieder in einer warmen, trockenen Koje ausstrecken zu können.

Ein Vergnügen, alle seine Mühe so belohnt zu sehen! Nach zweitägiger Plage und Anstrengung war es uns gelungen, zwei Renthiere zu schießen, die wir nicht bekamen, und zwei Bären zu erwischen, für die wir keine Verwendung hatten; und dann war nicht zu vergessen, daß wir einen Anzug für alle Zeiten ruinirt hatten. Zweimalige Wäsche erzielte keine Wirkung, und während der ganzen Dauer der Fahrt hing das Zeug zum Trocknen auf Deck.

Mit dem Schlafe war es in jener Nacht nicht sonderlich bestellt; in meinem Tagebuche finde ich folgende Aufzeichnungen:

»An Bord gekommen nach der schwersten Ruderarbeit, die ich je gehabt, schlief ich eine Weile gut, wälze mich jetzt aber auf meinem Lager umher, ohne schlafen zu können. Ist der Kaffee schuld daran, den ich nach dem Essen trank? Oder ist es der kalte Thee, den ich beim Erwachen trank, als ich so brennenden Durst empfand? Ich schließe die Augen, will immer wieder versuchen zu schlafen. Es gelingt mir nicht. Da kommen die Nebelbilder der Erinnerung gezogen und legen sich weich wie Flaum auf die Seele. Der Nebel schwindet von Zeit zu Zeit. Du siehst sonnige Landschaften, lachende Wiesen und Felder, grüne laubreiche Bäume, und Wälder und blaue Berge; und wenn du es im Kesselrohre leise singen hörst, wird das Geräusch zum Glockengeläute – zu Kirchenglocken, die in dem klaren Sommermorgen den Sonntagsfrieden einläuten, und du wanderst zusammen mit dem Vater über die Ebenen von Vestre Ake, Nansen ist auf dem elterlichen Gute Store-Fröen in Vestre Aker unweit Christiania geboren. den Kirchweg hinauf zwischen den kleinen Birken, die die Mutter gepflanzt, zur Kirche, die dort oben auf der Höhe liegt und in die blaue Luft ragt und ihren Glockenklang über das Kirchspiel sendet. Von dort oben siehst du weit; Nesodden liegt so nahe in der klaren Luft, besonders an Herbsttagen. Und wir grüßen sonntäglich still die Leute, die denselben Weg an uns vorüberfahren. Glücklich und sonntagsfroh sehen sie aus. Damals erschien es dir wol nicht so herrlich; du wärest lieber mit Pfeil und Bogen in den Wald gelaufen, auf die Jagd nach Eichhörnchen. Aber jetzt, wie schön, wie wunderbar lieblich ist nicht dies sonnige, üppige Bild. Und dieselben Eindrücke von Frieden und Glück, die auch wol damals auf dich eindrangen, aber von deinem kindlichen Sinn abprallten, sie kehren jetzt mit doppelter Stärke zurück, und die ganze Natur wird zu einem mächtig ergreifenden Psalm.

»Ist es, weil sie einen so starken Gegensatz bilden zu diesem sonnenlosen, unfruchtbaren Nebellande, in dem nicht ein Baum, nicht ein Strauch ist, nur Stein und Lehm – zu diesem friedlosen Leben, das nur erfüllt ist von Mühseligkeiten und unaufhaltsamer Jagd nach Norden, immer nur nach Norden, ohne Zeitverlust. – – Ach, wie wohlthuend wäre es, sich Zeit lassen zu können!

»Man zehrt von den Erinnerungen. Wenn ich jetzt träume, träume ich nie vom Eismeer, stets von der Heimat, zuweilen von der Kindheit, zuweilen von ihr daheim; ja, ihr Bild taucht in den Träumen auf und gibt ihnen ihre Tiefe – – – Nein, schlafen, schlafen; du bedarfst des Schlafes! Und die Augen schließen sich; ich denke an nichts und versuche, mich in Schlaf zu wiegen. Aber durch den Nebel erblicke ich eine felsige Landzunge und eine Landungsbrücke mit einem leichten Boot, und einen flachen Strand, und Fichtenbäume, und unter den Bäumen steht sie im hellen Kleide. Der große Strohhut schützt gegen die Sonne, sie hat die Hände auf den Rücken gelegt, sieht hinaus auf die glänzende blaue See und lächelt wehmüthig. Dann wendet sie sich und geht hinauf zum Hause; ein großer schwarzer Hund hebt den Kopf, sieht mit seinen treuen Augen zu ihr auf und folgt ihr; liebkosend legt sie die Hand auf seinen Kopf. Dann kauert sie sich nieder und plaudert mit ihm. Jetzt kommt jemand vom Hause her mit einem prächtigen Kindlein auf dem Arm; sie nimmt es und hebt es hoch in die Luft, und das Kind jubelt vor Freude. – Dort ist das Leben, der Kern des Lebens – die Heimat und die Familie! –«

Am nächsten Tage waren wir endlich wieder bereit, weiterzugehen. Ich versuchte, die »Fram« unter Dampf gegen Brise und Strömung vorwärts zu zwingen; aber letztere war reißend wie ein Fluß, und wir mußten mit dem Ruder behutsam sein. Gaben wir der »Fram« nur im geringsten zu viel, so zeigte sie Lust, seitwärts zu drehen, und auf allen Seiten waren, wie wir wohl wußten, Untiefen und Klippen. Es wurde unaufhörlich gelothet. Eine Weile ging es erträglich, und wir glitten ganz langsam vorwärts; aber dann mit einem male machte das Schiff eine Wendung zur Seite und verlor die Steuerfähigkeit. Das Senkblei verkündete Untiefen. Im selben Augenblick hieß es: »Anker los!« Und lärmend und rasselnd ging er auf den Grund. Da lagen wir vor Anker mit 7 Meter Wasser unter dem Heck und 17 Meter Wasser unter dem Bug. Es war gerade im letzten Augenblick. –

Es gelang uns, die »Fram« wieder richtig gegen den Wind zu legen, und wiederholt versuchten wir, vorwärtszukommen, aber immer mit demselben Resultat – es mußte aufgegeben werden.

Es war noch die Möglichkeit vorhanden, durch den Sund vorwärtszugehen; aber dort war es sehr seicht, und man mußte überall Klippen erwarten.

Wir hätten mit dem Boot voranfahren und lothen können; aber in einer solchen Strömung zu rudern, hatte ich mehr als satt bekommen. Vorläufig hieß es denn, bleiben, wo wir waren, und uns fleißig mit der Salbe schmieren, die Geduld heißt, eine Waare, von der eine jede Polarexpedition große Quantitäten mit sich führen muß. Wir hofften stets auf Veränderung; aber die Strömung war und blieb dieselbe, und die Brise wurde mindestens nicht besser. Es war zum Verzweifeln: nur wegen dieses unglücklichen Stromes hier liegen zu bleiben, mit der offenen See vor uns, die vielleicht gar bis Kap Tscheljuskin reicht, zu diesem ewigen Kap, welches mir nun schon seit drei Wochen im Kopfe herumschwirrte!

Als ich am nächsten Morgen (23. August) hinauf kam, war der Winter gekommen. Weißer Schnee auf dem Deck und auf jedem kleinen Vorsprung der Takelung, wo er Schutz vor dem Winde gefunden, weißer Schnee drüben auf dem Lande und weiße Schneeflocken durch die Luft wirbelnd! – O, Schnee, du erfrischest die Seele und vertreibst alles Finstere und Traurige aus diesem Lande des zähen Nebels. Sieh, wie fein und leicht, wie von lieber Hand, er über die Steine und die Grasflächen da drüben auf dem Lande ausgestreut ist! Aber Wind und Strom sind fast unverändert. Im Laufe des Tages wächst der Wind zum völligen Sturm, der mit schweren Stößen durch das Takelwerk der »Fram« saust.

Am folgenden Tage (24. August) war ich fest entschlossen, auf irgendeinem Wege weiterzugehen. Als ich am Morgen auf Deck kam, hatte sich der Wind ein wenig gelegt, und auch die Strömung war nicht mehr so reißend. Man durfte es beinahe mit dem Rudern wagen, jedenfalls konnte man das Boot nach hinten an einer Leine fieren und unausgesetzt lothen, während wir die »Fram« mit dem nur eben vom Grunde gehobenen Anker wegtreiben lassen konnten. Aber ehe wir diesen letzten Ausweg benutzten, wollte ich noch einen Versuch machen, gegen Wind und Strom anzugehen. Die Maschine erhielt den Befehl, so viel Dampfdruck zu schaffen, als sie überhaupt wagen durfte; der »Fram« wurde die größtmögliche Geschwindigkeit gegeben. Unser Erstaunen war nicht gering, als wir sahen, daß es ging und gut ging. Bald waren wir aus dem Sunde oder der »Kneife« (Knipa), wie wir ihn tauften, heraus und konnten unter Dampf und Segel vorwärtssteuern. Wie gewöhnlich hatten wir Gegenwind und wie gewöhnlich unsichtiges Wetter. Zwischen sonnigen Augenblicken liegt in diesen Gegenden eine geraume Zeit.

Während der folgenden Tage kreuzten wir fortgesetzt nach Norden zwischen der Eiskante und dem Lande. Das offene Wasser war anfangs breit; aber weiter nach Norden wurde es so schmal, daß wir manchmal die Küste sehen konnten, wenn wir an der Eiskante wendeten.

In dieser Zeit kamen wir an vielen unbekannten Inseln und Inselgruppen vorüber. Hier war vollauf zu thun für jemand, der Zeit dafür opfern konnte, eine Karte der Küste aufzunehmen. Unser Ziel war jedoch ein anderes, und unsere Thätigkeit in dieser Beziehung beschränkte sich auf mehr zufällige Messungen, wie solche Nordenskiöld vor uns gemacht hatte.

Am 25. August notirte ich in meinem Tagebuch, daß wir am Nachmittage sieben Inseln (später Scott-Hansen-Inseln benannt) in Sicht bekamen. Sie waren höher als die früher von uns gesehenen und bestanden aus mehrern Felsen mit steilen Abhängen. Es fanden sich dort auch kleine Gletscher oder Firnflächen, und die Formen der Felsen zeigten deutliche Spuren der Erosion durch Eis und Schnee; besonders war dies der Fall auf der größten Insel, auf der sich sogar kleinere, zum Theil mit Schnee gefüllte Thäler befanden.

siehe Bildunterschrift

Die südlichste der Scott-Hansen-Inseln.

Der 26. August wird folgendermaßen beschrieben:

»Hier gibt es eine reiche Auswahl unbekannter Inseln, sodaß einem beim Versuche, sich zwischen ihnen zurechtzufinden, wirr im Kopfe wird. Am Morgen passirten wir eine Inselklippe, und zwischen den Klippen sah ich zwei andere, die ich nach dem berühmten englischen Admiral und Präsidenten der Royal Geographical Society Clements Markham-Inseln nannte. Dann Land oder Inseln weiter nach Norden, die Ringnes-Inseln, nach dem Mitgliede des Expeditions-Comités so genannt; noch mehr waren in Nordosten zu sehen. Wir mußten um 5 Uhr nachmittags vor zwei großen Inseln wenden, zwischen denen wir wegen möglicher Untiefen nicht hindurchfahren durften. Die Inseln waren abgerundet, wie die frühern, aber ziemlich hoch; ich nannte sie nach dem verdienten norwegischen Meteorologen Professor Dr. Mohn Mohn-Inseln.

»Wir steuerten jetzt wieder in östlicher Richtung, vor uns vier größere und zwei kleinere Inseln. In der Nähe erblickten wir eine Reihe flacher Inseln mit steilen Uferabhängen, die General Tillo-Inseln (nach dem russischen Geographen Generallieutenant Dr. von Tillo). Das Fahrwasser war hier weniger sicher. Am Abend entdeckten wir plötzlich, daß dicht auf der Backbordseite große Steine zwischen einigen Eisschollen aus dem Wasser ragten, und an Steuerbord erstreckte sich querab eine Untiefe mit gestrandeten Eisschollen. Wir lotheten, fanden aber mehr als 40 Meter Wasser.«

Ich glaube, es wird dies hinreichen, um einen Begriff zu geben, von welcher Art diese Küste ist. Sie hat Felseninseln aufzuweisen, die freilich mit den norwegischen Schären nicht verglichen werden können, die sich aber schwerlich an andern als gletscherbedeckten Küsten nachweisen lassen dürften, und die deswegen nicht dazu beitragen, meinen Glauben zu erschüttern, daß auch an diesem Theil der Erde eine Eiszeit geherrscht hat.

Von der Küste selbst bekamen wir leider wenig so nahe zu sehen, daß man sich einen richtigen Begriff von ihrer Form und Natur hätte machen können. Unsichtiges Wetter und diese vielen Inseln, die Schuld daran waren, daß wir nicht nahe ans Land heran konnten, hinderten uns an näherer Einsicht. Aber das Wenige, was ich sah, war genug, um mir die Gewißheit zu geben, daß die Form der Küstenlinie in ganz wesentlichem Grade von der uns aus den Karten bekannten abweicht; sie ist bedeutend mehr ausgebuchtet, als sie dargestellt wird. Mehrmals glaubte ich sogar, Mündungen tiefer Fjorde zu sehen und ein typisches Fjordland vor uns zu haben, obschon die Felsen verhältnißmäßig niedrig und abgerundet waren. Und diese Annahme sollte durch Erfahrungen, die wir weiter nordwärts machten, noch mehr gestützt werden.

In den Aufzeichnungen für den 27. August heißt es:

»Wir dampften zwischen verschiedenen kleinen Inseln und Holmen hindurch. Vormittags dichter Nebel. Um 12 Uhr Mittag bekamen wir eine kleine Insel gerade vor uns in Sicht und verlegten deshalb den Kurs nach Norden. Wir kamen bald am Eise an und steuerten nach 3 Uhr nachmittags längs der Eiskante in nordöstlicher Richtung.«

»Wir bekamen Land in Sicht, als der Nebel sich etwas zerstreute, und um 7 Uhr nachmittags waren wir ungefähr eine Seemeile davon entfernt.«

»Es war wieder das abgescheuerte, abgerundete Land, mit Lehm bedeckt sowie mit größern und kleinern Steinen, die über die Moos- und Grasebene ausgestreut lagen. Wir sahen Spitzen und Landzungen vor uns; draußen lagen Inseln; dazwischen erstreckten sich Sunde und Fjorde; aber alles war mit Eis besetzt, und der Nebel gestattete uns nicht, weit zu sehen. Das Ganze erschien merkwürdig still und ins Eismeer passend in dieser echt arktischen Nebelbeleuchtung, grauweiß vom Widerschein des Eises, der hoch durch die Luft gegen die Nebelmassen geworfen wird und einen seltsamen Contrast zu dem dunkeln Land bildet. Wir waren nicht sicher, ob dies das Land am Taimyr-Sund oder bei Kap Palander war, wurden aber jedenfalls dahin einig, nördlichen Kurs zu halten, um die Almqvist-Inseln zu vermeiden, die Nordenskiöld nördlich der Taimyr-Insel verzeichnet. Wenn wir den Kurs eine Wache (vier Stunden) lang nach Norden oder Nord zu West hielten, so durften wir ganz sicher sein und konnten dann wieder die östliche Richtung einschlagen. Wir verrechneten uns jedoch. Um Mitternacht wendeten wir nach Nordosten; aber um 4 Uhr morgens (am 28. August) tauchte Land aus dem Nebel vor uns auf, nur eine halbe Seemeile von uns entfernt. Sverdrup, der auf Deck war, meinte, das wäre das höchste Land, welches wir auf unserer Reise gesehen hätten, seitdem wir Norwegen verlassen. Da er es selbst verständlich für das Festland hielt, wollte er es umgehen, mußte aber des Eises halber abbiegen. Wir steuerten in westsüdwestlicher Richtung und erst um 9 Uhr vormittags kamen wir um die Westspitze des vermeintlichen Festlandes herum, das sich als eine große Insel erwies. Wir konnten nun die Fahrt nach Norden fortsetzen. Ueberall befanden sich östlich viele Inseln oder Landzungen in unserer Nähe, mit festem Eis dazwischen.

Wir folgten der Eiskante und brachten den ganzen Vormittag damit zu, gegen starke Strömung am Lande entlang nach Norden zu fahren. Das Land wollte kein Ende nehmen. Der Mangel an Uebereinstimmung mit allen bekannten Karten begann immer auffallender zu werden und setzte mich in nicht geringe Verlegenheit. Wir waren ja schon seit langem weit nördlich der nördlichsten Inseln Nordenskiöld's. In seiner Reisebeschreibung (Die Umsegelung Asiens und Europas auf der Vega, 2 Bände. Leipzig, F. A. Brockhaus, 1882) sagt Nordenskiöld jedoch ausdrücklich (I. Bd., S. 304), daß der immer noch sehr dichte Nebel ihn hinderte, »die Inseln, zwischen denen hindurch die »Vega« ihren Weg suchte, anders als nur ganz oberflächlich aufzunehmen«. Meine Aufzeichnungen für diesen Tag zeigen ebenfalls große Unsicherheit:

»Es geht unglaublich weit nach Norden längs all dieser Inseln oder dieses Landes – was es nun sein mag. Wenn es alles Inseln sind, so sind sie ziemlich groß. Es sieht oft so aus, als wäre es zusammenhängendes Land mit Fjorden und Landzungen; aber es ist zu unsichtiges Wetter, als daß man eine wirkliche Uebersicht erlangen könnte ... Sollte es die Taimyr-Insel der russischen Karten oder vielmehr Lapteff's sein, woran wir jetzt entlang fahren, und sollte dieselbe vielleicht vom Festlande durch den breiten Sund, den Lapteff angegeben hat, getrennt sein, während unter Nordenskiöld's Taimyr-Insel das zu verstehen ist, was Lapteff als vorspringende Landzunge verzeichnet hat? Dann würde das Ganze vorzüglich passen; auch unsere Beobachtungen stimmen dann gut. Nordenskiöld hat wahrscheinlich von dem Sunde, den er gefunden, geglaubt, daß es der Taimyr-Sund sei, während es in Wirklichkeit ein neuer war, und er hat die Almqvist-Inseln gesehen, aber nicht ahnen können, daß die Taimyr-Insel außerhalb derselben liegt. Fast hat es den Anschein.

siehe Bildunterschrift

An der Nordküste Asiens.

»Aber ein böser Haken ist, daß die russischen Karten um die Taimyr-Insel herum keine Inseln angeben. Und es ist undenkbar, daß jemand hier Schlittenreisen unternehmen könnte, ohne alle diese kleinen Inseln, die zerstreut umherliegen, zu sehen. Später, als ich die Verhältnisse außerhalb der Nordenskiöld'schen Taimyr-Insel kennen lernte, fand ich, daß derselbe Einwand mit noch größerm Recht in Betreff dieser Insel gemacht werden konnte. Keine Schlittenexpedition konnte an ihrer Küste entlang gehen, ohne die Almqvist Inseln zu sehen, die z. B. dem Kap Lapteff so nahe liegen, daß sie selbst bei sehr dicker Luft müßten gesehen werden können, und es wäre unverzeihlicher, die Aufnahme dieser Inseln, welche viel größer sind, zu unterlassen, als die der kleinen Inseln, die außerhalb der Küstenlinie der großen Insel oder – wie ich jetzt lieber annehme – der Gruppe größerer Inseln liegen, an der wir jetzt entlang fuhren. Als ein kleines Zeichen unserer Dankbarkeit gegen den Mann, der den Weg längs der sibirischen Küste wies, wurde diese Inselgruppe von uns Nordenskiöld-Inseln genannt.

»Nachmittags verstopfte sich das Wasserstandsrohr des Kessels; wir mußten stoppen, um es zu repariren, und vertäuten daher an der Eiskante.

»Wir benutzten die Zeit, um Trinkwasser nachzufüllen. Wir fanden eine Pfütze auf dem Eise, die so unansehnlich war, daß wir es kaum der Mühe werth hielten, mit ihr zu beginnen. Aber sie mußte eine unterirdische Verbindung mit andern Süßwasserteichen auf der Eisscholle haben, denn zu unserm Erstaunen wurde sie nicht leer, soviel wir auch schöpften.

siehe Bildunterschrift

Werkstatt auf Deck.

»Am Abend steuerten wir dem Ende einer Eisbucht zu, die sich bis zur nördlichsten Insel, die wir in Sicht hatten, erstreckte. Es war keine andere Durchfahrt. Das aufgebrochene Treibeis lag dicht an das ungebrochene Landeis gestaut, sodaß beide Massen unmerklich ineinander übergingen. Wir konnten noch weiter nordöstlich Inseln sehen. Dem Himmel nach zu urtheilen, schien es, als ob offenes Wasser auch in jener Richtung wäre; dagegen sah es nördlich ziemlich dicht aus, während sich nach Westen eine Lichtung mit offenem Wasser erstreckte, soweit man vom Ausguck aus sehen konnte.

»Ich war im Zweifel, was hier zu thun sei. Es ging eine Rinne noch etwas weiter hinauf an der Nordspitze der nächsten Insel vorbei; aber weiter nach Osten schien wieder dichtes Eis zu sein. Es war ja möglich, daß man sich durchzwingen konnte; aber ebenso leicht konnte man festsitzen, und ich hielt es für das Vernünftigste, zurückzugehen, um noch einen Versuch auf der Innenseite zwischen diesen Inseln und dem Festlande – welches Sverdrup am Morgen gesehen haben wollte, an dessen Existenz zu glauben mir aber schwer fiel – zu machen.«

siehe Bildunterschrift

Im Westen der Nordenskiöld-Inseln.

Dienstag, 29. August: »Immer noch wenig sichtiges Wetter. Neue Inseln wurden auf dem Rückwege entdeckt. Mit Sverdrup's hohem Lande ist es nichts; es zeigte sich, daß es eine Insel war, und zwar eine sehr niedrige. Es ist wunderlich, wie im Nebel alles undeutlich wird. Ich muß an die Geschichte mit dem Lootsen daheim im Dröbak-Sund denken. Man bekam mit einem mal hohes Land vor dem Bug, und es wurde volle Fahrt rückwärts kommandirt. Dann näherte man sich vorsichtig – es war eine halbe Schöpfkelle (Øsekar), die da schwamm!

»Nachdem wir eine Menge neuer Inseln und Holmen passirt hatten, kamen wir an der Taimyr-Jnsel entlang in offenes Fahrwasser und dampften bei stillem Wetter durch den Sund in nordöstlicher Richtung. Um 6 Uhr nachmittags sah ich von der Tonne aus vor uns festes Eis, welches weiteres Vordringen verhinderte. Dasselbe erstreckte sich bis zu den Inseln draußen. Auf dem Eise waren nach allen Richtungen bärtige Seehunde ( Phoca barbata) zu sehen und außerdem ein Walroß. Wir hielten auf die Eiskante zu, um zu vertäuen; aber die »Fram« hatte »Todtwasser« (Dodvand) und wollte fast nicht vom Fleck, trotzdem die Maschine vollen Druck hatte. Es ging so langsam, daß ich vorzog, im Boot vorauszurudern, um Seehunde zu schießen. Mittlerweile glitt die »Fram« nur langsam bis zur Eiskante, trotzdem die Maschine immer noch mit vollem Druck arbeitete.

»An ein Weiterkommen war für den Augenblick nicht zu denken. Freilich trennten uns nur ein Paar Meilen festen Eises von dem wahrscheinlich offenen Taimyr-Meere, aber dieses Eis zu durchbrechen, war unmöglich; dazu war es zu stark, und Oeffnungen fanden sich nirgends.«

Hier, wo Nordenskiöld auf seiner berühmten Fahrt am 18. August 1878 durchgekommen war, Nordenskiöld sagt in seinem angeführten Buche (I, S. W4): »Eis trafen wir nur in geringer Menge, und was wir davon sahen, war äußerst zerfressenes Buchten- oder Flußeis. Ich glaube kaum, daß wir während des ganzen Tages eine einzige Scholle erblickten, die groß genug war, um darauf einen Seehund auszuweiden. Wirkliches altes Treibeis, wie man es an der Nordküste Spitzbergens antrifft, hatten wir noch nicht gesehen. In Bezug auf die Beschaffenheit des Eises findet zwischen dem Karischen Meere und dem Meere nördlich und östlich von Spitzbergen eine vollständige Ungleichheit statt.« ohne die geringsten Hindernisse anzutreffen, hier sollten unsere Hoffnungen vielleicht schon scheitern, wenigstens für dieses Jahr? Daß das Eis jetzt noch schmelzen sollte, ehe der Winter ernstlich hereinbrach, war undenkbar. Das Einzige, was uns retten konnte, war ein tüchtiger Südweststurm. Eine geringe Hoffnung blieb uns noch in der Möglichkeit, daß Nordenskiöld's Taimyr-Sund weiter im Süden offen sei und wir die »Fram« dort hindurchzwingen konnten, obschon Nordenskiöld ausdrücklich bemerkt (»Umsegelung Asiens und Europas«, I, S. 300): »Der Sund war zu seicht, um ihn mit größern Fahrzeugen zu passiren«.

Nachdem wir einen Ausflug in Kajak und Boot gemacht und dabei einige Seehunde geschossen hatten, machten wir uns auf, um in einer etwas südlicher gelegenen Bucht zu ankern, wo anscheinend etwas Schutz zu finden war, falls es Sturm geben sollte. Dort wollten wir eine gründliche Kesselreinigung vornehmen, die sehr nöthig war. Aber wir brauchten mehr als vier Stunden, um die wenigen Seemeilen zurückzulegen, die wir in einer halben Stunde oder weniger hätten rudern können. Wir kamen des Todtwassers wegen fast nicht vom Fleck; wir schleppten die ganze Seeoberfläche mit uns.

Ein eigenthümliches Phänomen dieses Todtwasser! Hier hatten wir mehr Gelegenheit, es zu studieren, als wünschenswerth war. Es scheint nur da vorzukommen, wo eine Süßwasserschicht auf der Oberfläche über dem salzigen Seewasser liegt, und wird dann wol dadurch gebildet, daß das Süßwasser vom Fahrzeug mitgeschleppt wird, wobei es über die schwerere Seewasserschicht wie über eine feste Unterlage gleitet. Der Unterschied zwischen den beiden Schichten war hier so groß, daß wir der Oberfläche des Meeres Trinkwasser entnehmen konnten, während das durch den Bodenkran der Maschine erhaltene Wasser viel zu salzig war, um im Kessel verwendet werden zu können.

Das Todtwasser zeigt sich als größerer oder kleinerer Wasserrücken oder als Wellen, die sich quer übers Kielwasser erstrecken, die eine hinter der andern. Manchmal kommen sie fast bis zur Mitte des Schiffes. Wir hielten einen gekrümmten Kurs ein, drehten zuweilen ganz herum und machten alle erdenklichen Seitensprünge, um loszukommen, aber es half alles nichts. Sowie die Maschine still stand, wurde das Fahrzeug gleichsam rückwärts gesogen. Trotz der Schwere der »Fram« konnten wir jetzt mit voller Fahrt bis auf zwei oder drei Meter der Eiskante nahekommen und spürten dennoch kaum einen Stoß, wenn das Schiff diese erreichte.

Gerade als wir uns der Kante näherten, lief ein Fuchs auf dem Eis hin und her und machte die wunderlichsten Sprünge, sich seines Lebens freuend. Von der Back aus sandte ihm Sverdrup eine Kugel zu, die seinem Dasein ein Ende machte.

Um die Mittagsstunde wurde gemeldet, daß zwei Bären an Land zu sehen seien; sie verschwanden jedoch, ehe wir hinkamen.

Auffallend viele Seehunde waren in diesen Gegenden; es schien ein ungewöhnlich reiches Jagdgebiet zu sein. Die Mengen, die ich schon am ersten Tage auf dem Eise sah, erinnerten mich am meisten an die Felder der Klappmützenrobben an der Westküste von Grönland. Diese Erfahrung steht dem Anscheine nach in sonderbarem Widerspruch zu der von der Vega-Expedition gemachten. Nordenskiöld sagt in seinem Werke (I, S. 304) über dieses Gewässer, indem er es mit dem Meere nördlich und östlich von Spitzbergen vergleicht:

»Eine andere auffallende Verschiedenheit liegt in dem Mangel an warmblütigen Thieren, welcher in dieser, bisher von aller Jagd verschont gebliebenen Gegend vorherrscht. Im Laufe des Tages hatten wir nicht einen einzigen Vogel gesehen, ein Umstand, der mir vorher nie während einer Sommerfahrt in den arktischen Gegenden begegnet ist, und ebenso war kaum ein Seehund zu erblicken gewesen.«

Daß sich damals keine Seehunde zeigten, läßt sich aber leicht genug durch den Mangel an Eis erklären. Nordenskiöld sagt auch selbst, daß auf dem Eise im Taimyr-Sunde eine Menge von Seehunden, sowol Phoca barbata als auch Phoca hispida, zu sehen waren.

So weit hatte uns also der August gebracht. Am 18. August war Nordenskiöld durch diesen Sund gefahren und zwischen dem 19. und 20. am Kap Tscheljuskin vorbeigekommen, während auf unserm Wege am Ende desselben Monats schon eine undurchdringliche landfeste Eismasse lag.

Die Aussichten waren nichts weniger als glänzend. Sollten die vielen unheilverkündenden Stimmen, an denen es in dieser Welt selten gebricht, schon so frühzeitig recht bekommen? Nein, noch mußte es mit dem Taimyr-Sund versucht werden, und ging es auch dort nicht, dann noch ein letzter Versuch wieder um alle Inseln herum. Vielleicht waren die Eismassen inzwischen weggetrieben und hatten den Weg freigegeben. Hier konnten wir nicht liegen bleiben.

Der September kam mit stillem, trübem Schneewetter. Das öde trostlose Land mit seinen flachen abgerundeten Anhöhen wurde mehr und mehr von Schnee bedeckt. Zu sehen, wie der Winter jetzt nach einem allzu kurzen Sommer langsam und lautlos seinen Einzug hielt, war just nicht geeignet, das Gemüth heiterer zu stimmen.

Am 2. September war der Kessel endlich gereinigt; Süßwasservorrath wurde von der Oberfläche des Meeres entnommen, und wir machten uns zum Aufbruch klar. Währenddessen machten Sverdrup und ich einen Ausflug an Land, um nach Renthieren auszuschauen.

Das Land war jetzt völlig mit Schnee bedeckt, und wenn die Bahn nicht so schlecht gewesen wäre, hätten wir unsere Schneeschuhe gebrauchen können. Wir wateten uns müde, ohne auch nur eine Spur von Thieren irgendwelcher Art zu sehen. Eine verlassene Welt! Die Zugvögel waren meistens schon nach Süden gezogen; wir hatten kleine Schwärme von ihnen draußen im Meere erblickt. Sie waren im Begriff, sich zum Zuge der Sonne entgegen zu sammeln, und erregten in uns verlassenen Menschenkindern den Wunsch, ihnen Botschaft und Grüße mitgeben zu können. Nur vereinzelte Raub- und andere Möven waren jetzt unsere Gesellschaft. Einen einsamen Nachzügler in Gestalt einer Gans fand ich eines Tages draußen auf der Eiskante sitzend vor.

Abends fuhren wir in südlicher Richtung, aber das Todtwasser folgte uns unausgesetzt. Nach Nordenskiöld's Karte sollen es nur 20 Seemeilen bis zum Taimyr-Sund sein; aber wir brauchten die ganze Nacht, um diese Strecke zurückzulegen. Die Geschwindigkeit war ungefähr ein Fünftel von dem, was sie unter andern Umständen gewesen wäre.

Erst um 6 Uhr morgens (3. September) kamen wir in etwas dünnes Eis, das uns vom Todtwasser befreite. Der Uebergang war fühlbar. In demselben Augenblick, als die »Fram« durch die Eiskruste schnitt, machte sie einen Satz nach vorn und glitt von da an mit gewöhnlicher Fahrt vorwärts. Seit dem Tage spürten wir das Todtwasser nicht mehr viel.

Das, was nach der Karte der Taimyr-Sund sein mußte, fanden wir ganz von Eis versperrt; wir steuerten daher weiter nach Süden, um zu sehen, ob sich nicht dort irgendein Sund befände, durch den wir schlüpfen konnten.

Es war übrigens schwer, sich nach der Karte zu orientiren. Die Hovgaard-Inseln, die auf der Nordseite des Eingangs zum Taimyr-Sunde liegen sollen, hatten wir nicht gesehen, obschon es schönes klares Wetter war, sodaß sie unserer Aufmerksamkeit schwerlich entgangen sein konnten, falls sie da liegen, wo Bove's Bove, Lieutenant der italienischen Marine, war Nordenskiöld's Begleiter während der Vega-Expedition. Kartenskizze sie angibt. Dagegen fanden wir mehrere Inseln weiter draußen. Sie lagen jedoch mehrere Meilen seewärts, sodaß die Mitglieder der Vega-Expedition sie wol kaum gesehen haben konnten, da es unsichtiges Wetter war, als sie sich hier befanden. Weiter nach Süden fanden wir einen offenen Sund oder schmalen Fjord, in den wir hineinsteuerten, um womöglich von dem Ganzen eine klarere Anschauung zu bekommen. Aber während ich oben in der Tonne in Erwartung der Aufklärung saß, schien das Land in immer größere Ferne zu entschwinden. Das, was ich für eine Landzunge des Festlandes gehalten hatte und was sich nun nördlich von uns befand, erwies sich schließlich als eine Insel; der Fjord erstreckte sich weiter landeinwärts. Bald wurde er enger, bald weiter. Es wurde immer rätselhafter.

War es vielleicht doch der Taimyr-Sund? Vollständige Windstille. Nebel über dem Lande ringsum. Fast unmöglich, die glatte Wasserfläche vom Eise zu unterscheiden, und dieses wiederum vom schneebedeckten Lande. Alles verschwimmt ineinander. Alles ist so seltsam still und ausgestorben. Die Hoffnung steigt und sinkt mit jeder Krümmung des Fjords durch das schweigende Nebelland. Bald ist offenes Wasser voraus, bald mehr Eis. Man kann nicht sehen, welches von beiden. Ist dies wirklich der Taimyr-Sund? Kommen wir durch? Es gilt ein Jahr! – – –

Nein, da ist es vorbei, vorn ist alles Eis – nein, es ist eine blinkende Wasserfläche und Schneeland, das sich in ihr spiegelt. Dies muß der Sund sein. Aber jetzt zeigten sich vorn einige große Eisschollen, an denen schwer vorbeizukommen war, und wir ankerten bei einer Landzunge in einem guten, sichern Hafen, um abzuwarten. Wir gaben ihm später den Namen Colin Archer-Hafen.

Wir entdeckten jetzt, daß eine starke Gezeitenströmung die Eisscholle mit sich trieb, und es war zweifellos, daß wir in einem Sunde lagen. Am Abend ruderte ich aus, um Seehunde zu schießen, und führte meine stolzeste Waffe mit mir, eine doppelläufige Expreßflinte, Kaliber 577. Als wir gerade ein Seehundfell an Bord nehmen wollten, kippte das Boot, ich verlor das Gleichgewicht und glitt rückwärts auf die Eismasse, im gleichen Augenblick ging die Flinte über Bord – ein trauriges Ereigniß. Hendriksen und Bentsen, die mich ruderten, nahmen es sich so zu Herzen, daß sie lange Zeit geradezu die Sprache verloren hatten. Sie meinten, es ginge doch nicht an, die kostbare Waffe in 10 Meter Tiefe liegen zu lassen. Wir ruderten deshalb an Bord, um geeignete Geräthe zu holen, und suchten dann mehrere Stunden in der dunkeln, düstern Nacht.

Während wir damit beschäftigt waren, wurden wir beständig von einem bärtigen Seehunde umkreist, der verwundert dreinschaute und seinen großen Kopf bald auf der einen, bald auf der andern Seite in unserer Nähe emporstreckte, immer näher, als ob das Thier ausfindig machen wollte, mit welcher nächtlichen Arbeit wir beschäftigt seien. Dann tauchte es unaufhörlich, vermuthlich um zu sehen, wie es mit dem Suchen dort unten ging. War das Thier besorgt, daß wir die Flinte wieder finden könnten? Zuletzt wurde der Seehund allzu aufdringlich, ich nahm Hendriksen's Büchse und jagte ihm eine Kugel in den Kopf; aber das Thier sank, ehe wir hinkamen, und wir gaben aus Verzweiflung die ganze Suche auf. Aber der Verlust meiner Flinte rettete manchem Seehunde das Leben. 500 Kronen baar!

Um zu erfahren, ob es möglich sei, durch den Sund zu dampfen, unternahm ich am nächsten Tage eine Bootfahrt nach Osten.

Es war kalt geworden, da in der Nacht Schnee gefallen war, sodaß das Meer rings um die »Fram« mit ziemlich dickem Schneeeis bedeckt war; es kostete gehörige Anstrengungen, um sich mit dem Boote in offenes Wasser durchzubrechen.

Ich dachte mir, daß das Land, welches wir auf der Nordseite des Sundes vor uns hatten, das an der Aktinia-Bai, wo die »Vega« geankert hatte, sein könnte. Aber vergebens forschte ich nach dem »Steinwahrzeichen«, das Nordenskiöld dort errichtet hatte, und entdeckte jetzt zu meinem Erstaunen, daß es nur eine kleine Insel war und daß wir uns auf der Südseite des Haupteinganges zum Taimyr-Sunde befanden, der sich hier als sehr breit erwies. Wo die Aktinia-Bai weiter nordwärts in Wirklichkeit ins Land einschneidet, konnte ich dann ungefähr folgern.

Wir waren hungrig geworden und wollten essen, ehe wir von dieser Insel weiter ruderten, aber die Gesichter wurden gar lang, als es sich herausstellte, daß die Butter vergessen worden war. So würgten wir denn unsern trockenen Schiffszwieback, so gut es gehen wollte, hinunter und zerbrachen uns fast die Kinnbacken an den Stücken, die wir von einem getrockneten Renthierbug heruntersägen konnten. Müde, aber nicht satt, zogen wir weiter und tauften die Landzunge » Kap Smørlaus« (Butterloses Kap).

Wir ruderten weit in den Sund hinein; es schien dort gutes Fahrwasser für ein Schiff zu sein, 15 und 18 Meter Tiefe bis zum Strande. Gegen Abend wurden wir jedoch vom Eis aufgehalten, und da wir befürchten mußten, eingeschlossen zu werden, hielt ich es fürs beste, zu wenden.

Gefahr zu verhungern war hier freilich nicht; überall fanden sich frische Fährten von Bären und Renthieren, und im Wasser gab es genug Seehunde; aber ich hatte Sorge, die »Fram« aufzuhalten, falls sich Aussichten zeigen sollten, anderswo vorwärtszukommen. Gegen starken Wind arbeiteten wir uns denn heimwärts und langten endlich am nächsten Morgen wieder an Bord der »Fram« an. Und es war nicht zu früh; denn bald brach das Unwetter ernstlich los.

Ueber die Schiffbarkeit des Taimyr-Sundes sagt Nordenskiöld, daß derselbe »nach den Lothungen des Lieutenant Palander einen so steinigen Grund und heftige Strömungen hat, daß es kaum rathsam ist, durch den Sund zu segeln, bevor er nicht vollständig ausgelothet ist und Beobachtungen der Gezeitenströmungen zur Beurtheilung der wechselnden Stromrichtung angestellt worden sind« Vega-Expeditionens vetenskapliga iakttagelser, I, S. 152) Ich habe Vorstehendem nichts Besonderes hinzuzufügen, es sei denn der Umstand, daß das Fahrwasser, da wo wir vordrangen, frei war und, soweit ich beobachten konnte, passirbar aussah; wir waren aber kaum so weit nach Osten gelangt wie Palander. Ich war daher entschlossen, sobald es nothwendig werden sollte, zu versuchen, mit der »Fram« durchzudringen.

Der 5. September brachte Schneegestöber und eine steife Brise, die beständig zunahm. Gegen Abend sauste es mächtig durch die Takelung, und wir freuten uns, an Bord zu sein; heute wäre es nicht leicht gewesen, mit dem Boote zurückzukommen. Die Situation gefiel mir übrigens nicht. Freilich war Aussicht vorhanden, daß dieser Wind das Eis im Norden etwas auflockern würde, und die gestrigen Erfahrungen hatten mich hoffen lassen, daß es uns im Nothfalle gelingen würde, hier durch den Sund zu dringen; aber jetzt führte der Wind immer größere Eismassen an uns vorüber, und es war überhaupt beunruhigend, daß der Winter sich dem Anscheine nach mehr und mehr näherte; er konnte gar leicht im Ernste sich einstellen, ehe wir einen Durchgang gefunden hatten.

Ich versuchte, mich mit dem Gedanken an eine Ueberwinterung in dieser Gegend abzufinden, und hatte mir schon einen vollständigen Plan über unsere Fahrten im kommenden Jahre gemacht. Außer einer Untersuchung der Küste, die sicherlich genug Aufgaben zu lösen geben würde, sollten dieselben sich über das unbekannte Innere der ganzen Taimyr-Halbinsel bis zur Mündung des Ehatanga-Flusses erstrecken. Mit unsern Hunden und Schneeschuhen konnten wir weit umherstreifen, sodaß das Jahr für die Geographie und Geologie sicher nicht verloren gewesen sein würde. Aber mich damit aussöhnen – nein, das ging nicht! Ein Jahr des Lebens war ein Jahr, und unsere Expedition mochte ohnedies lang genug dauern.

Was mich am meisten peinigte, war jedoch der Gedanke: hindert das Eis uns jetzt, wer bürgt uns dafür, daß es nicht im nächsten Jahr ebenso sein wird? Wie oft sieht man nicht, daß mehrere ungünstige Eisjahre aufeinander folgen, und dieses Jahr erwies sich deutlich als keins von den besten. Obschon ich es mir nicht eingestehen wollte, lag ich in den Nächten wahrlich nicht auf Rosen, ehe der Schlaf kam und den Geist ins Reich der Vergessenheit führte.

So kam der 6. September, ein Mittwoch – mein Hochzeitstag. Als ich am Morgen erwachte, war ich abergläubisch genug, das Gefühl zu haben, daß dieser Tag eine Veränderung bringen müsse, wenn sie überhaupt eintreten sollte. Der Sturm hatte etwas nachgelassen, die Sonne schaute zuweilen ein wenig hervor, und das Leben wurde heiterer. Am Nachmittag legte sich der Wind gänzlich; es wurde stilles schönes Wetter. Den Sund nördlich von uns, der bisher von festem Eis versperrt war, hatte der Sturm frei gefegt; aber der Sund im Osten, wo wir mit dem Boote gewesen waren, war ganz zugestopft – wären wir an jenem Abend nicht so zeitig umgekehrt, so wären wir noch dort, wer weiß auf wie lange! Es war anscheinend Hoffnung, daß jetzt auch das Eis zwischen dem Kap Lapteff und den Almqvist-Inseln aufgebrochen sei. Wir heizten daher sofort die Maschine und dampften um halb sieben Uhr abends nach Norden, um aufs neue unser Glück zu versuchen. Ich hatte den festen Glauben, daß dieser Tag uns Glück bringen würde.

Es war immer noch schönes Wetter, und wir freuten uns der Sonne. Wir waren jetzt so wenig an die Sonne gewöhnt, daß Nordahl am Nachmittag beim Kohlenschaufeln im dunkeln Raume einen Sonnenstrahl, der durch die Luke fiel und im Kohlenstaub leuchtete, für einen Balken hielt. Er lehnte sich getrost nach vorn, war aber nicht wenig überrascht, als er sich plötzlich unten im Raume zwischen Eisengerümpel wieder fand.

Es wurde immer schwerer, sich hier über das Land zu orientiren, und unsere Breitenbestimmung zu Mittag machte die Sache nicht klarer; sie versetzte uns auf 76° 2' nördl. Br. oder ungefähr 8 Seemeilen (= 8') südlich von dem, was bei Nordenskiöld oder Bove als Festland verzeichnet ist. Daß diese Karten correct sein sollten, war freilich kaum zu erwarten, da während der ganzen Zeit der Anwesenheit der Vega-Expedition unsichtiges Wetter gewesen zu sein scheint.

Auch jetzt, als wir nordwärts gingen, vermochten wir nicht die Hovgaard-Inseln zu finden, und als ich glaubte, bei ihnen angelangt zu sein, gerade auf der Nordseite des Eingangs zum Taimyr-Sunde, sah ich zu meiner Verwunderung ungefähr in rechtweisend Rechtweisend bezeichnet die Orientirung nach dem wahren astronomischen Meridian, mißweisend jene nach der Richtung der Magnetnadel. Der Unterschied beider Richtungen heißt die Declination der Magnetnadel. nördlicher Richtung einen hohen Felsen, der dem Anscheine nach auf dem Festlande lag. Wie hing doch dies zusammen? Ich schöpfte mehr und mehr den Verdacht, daß wir in einen ganzen Inselcomplex hineingerathen seien. Jetzt sah es aber so aus, als ob wir Gewißheit bekommen sollten. Leider schlug das Wetter gerade in diesem spannungsvollen Augenblick in Regen und Schnee um, und wir mußten der Zukunft die Lösung dieses Räthsels überlassen.

Die schwere Luft und die hereinbrechende Nacht verursachten, daß wir das weiter entfernte Land nicht sehen konnten. Es mochte vielleicht gewagt sein, drauf los zu dampfen; aber die Gelegenheit war gar zu günstig. Wir verminderten die Geschwindigkeit ein wenig und setzten während der Nacht unsern Weg nach der Küste fort, bereit zum Wenden, sobald Land voraus gemeldet werden sollte. Sicher in dem Bewußtsein, daß Sverdrup die Wache hatte, kroch ich in die Koje, mit leichterm Sinn als seit langer Zeit.

Am nächsten Morgen (7. September) um 6 Uhr kam Sverdrup und machte mir die Meldung, daß wir die Taimyr-Insel oder Kap Lapteff um 3 Uhr nachts passirt hätten, uns nun in der Taimyr-Bucht befänden, aber dichtes Eis und eine Insel vor uns hätten. Wir konnten möglicherweise bis zu dieser Insel gelangen, da sich gerade eine Rinne nach dieser Richtung hin gebildet hatte; aber es zeigte sich ein reißender Strom, sodaß wir vorläufig wieder zurück mußten.

Nach dem Frühstück ging ich in die Tonne hinauf. Es war glänzender Sonnenschein. Ich fand, daß Sverdrup's Insel das Festland sein mußte, das jedoch im Gegensatz zu den Karten merkwürdig weit nach Westen lag; ich konnte noch die Taimyr-Insel hinter mir sehen, und die östlichste der Almqvist-Inseln glänzte im Norden in der Sonne.

Es war eine lange sandige Landzunge, die wir vor uns hatten, und ich konnte das Land verfolgen, bis es am südlichen Horizont gegen das Ende der Bucht zu verschwand. Dann kam ein schmaler Streifen, wo ich kein Land erblicken konnte, nur offenes Wasser. Darauf tauchte Land auf der Westseite auf, gegen die Taimyr-Insel hin. Mit seinen Höhen und runden Bergkuppen war dieses Land wesentlich verschieden von der niedrigen Küste auf der Ostseite der Bucht.

Nördlich von der Landzunge sah ich klares Wasser; einiges Eis befand sich zwischen uns und diesem, aber die »Fram« zwängte sich hindurch. Als wir vor die Landzunge kamen, wurde ich dadurch überrascht, daß das Meer von braunem Lehmwasser bedeckt war. Tief konnte diese Schicht jedoch nicht sein, da das Kielwasser hinter uns ganz klar war. Das Lehmwasser schäumte zu beiden Seiten des Fahrzeugs. Ich ließ das Loth werfen und fand, wie erwartet, seichteres Wasser; erst 15 Meter, darauf 12 und schließlich 10 Meter. Nun stoppte ich und ging rückwärts.

Die Sache sah verdächtig aus, die Eisschollen ringsum lagen auf dem Grunde. Hier ging auch ein reißender Strom nach Nordost.

Während beständig gelothet wurde, gingen wir wieder langsam vorwärts. Glücklicherweise hielt sich die Tiefe auf 10 Meter. Nach einer Weile wurde das Wasser wieder tiefer, anfangs 11 Meter, dann 11½ und darauf 12, und jetzt gingen wir wieder mit voller Fahrt vorwärts. Bald befanden wir uns jenseits im blauen Meere. Die Grenzen zwischen dem braunen Oberflächenwasser und dem klaren blauen Wasser waren sehr scharf. Es war deutlich, daß das erstere aus irgendeinem Flusse im Süden kam.

Von dieser Landzunge erstreckt sich das Land in östlicher Richtung, und wir hielten den Kurs östlich und nordöstlich in der Rinne zwischen dem Eise und dem Lande. Am Nachmittag wurde die Rinne ganz schmal, sodaß wir ganz an die Küste herankamen, die sich jetzt wieder nach Norden wendete.

An dieser entlang fuhren wir alsdann in einer engen Rinne, wo eine Tiefe von 10 bis 15 Meter war, mußten aber am Abend stoppen, da das Eis bis an den Strand heranreichte.

Das Land hatte große Ähnlichkeit mit Jalmal. Dasselbe niedrige Flachland, das sich wenig übers Meer erhebt und aus größerer Entfernung nicht sichtbar ist. Nur daß es hier vielleicht etwas hügeliger ist, ja an ein paar Stellen weiter landeinwärts sogar einige Höhenzüge zeigt. Aber der Strand scheint überall aus Sand- und Lehmschichten zu bestehen, die jäh zum Meere abstürzen.

Auf den Ebenen landeinwärts waren viele Trupps Renthiere zu sehen. Am nächsten Morgen (8. September) unternahm ich einen Jagdausflug an Land. Nachdem ich ein Renthier geschossen hatte, wollte ich die Jagd fortsetzen, aber bald zog eine überraschende Entdeckung meine ganze Aufmerksamkeit auf sich, und ich vergaß mein eigentliches Vorhaben.

Es war ein großer Fjord, der nördlich von mir ins Land schnitt. Ich ging soweit es mir möglich war, um mich besser zu orientiren, konnte aber dennoch das Ende nicht sehen. Der Fjord erstreckte sich ostwärts breit und mächtig ins Land, soweit mein Auge reichte, bis zu einigen blauen Bergen in weiter, weiter Ferne; diese Berge schienen am äußersten Horizont bis zum Wasser hinabzureichen; hinter ihnen konnte ich weder von Land noch von Bergen etwas sehen.

Meine Phantasie erwachte, und zuweilen schien es mir fast, als ob es ein Sund sein könne, der sich quer durchs Land erstrecke und die Tscheljuskin-Halbinsel zu einer Insel mache. Wahrscheinlich aber ist es nur ein Fluß, der sich nahe der Mündung zu einem breiten See erweitert, wie wir es ähnlich bei mehrern sibirischen Flüssen finden.

Auf den Lehmflächen, über die ich mich hier bewegte, lagen überall mächtige erratische Blöcke aus verschiedenen Gesteinsarten zerstreut. Sie können nur von den mächtigen Gletschern der Eiszeit hierher gebracht worden sein.

Von lebenden Wesen war nicht viel zu erblicken. Außer Renthieren gab es nur ein paar Bergschneehühner, einige wenige Schneesperlinge und Schnepfen; außerdem sah ich Spuren von Füchsen und Lemmingen.

Dieser nördlichste Theil Sibiriens ist ganz unbewohnt und wird schwerlich von nomadisirenden Eingeborenen besucht. Auf einer weit landeinwärts gelegenen Ebene fand ich jedoch einen kreisrunden Mooshaufen, der sein Entstehen möglicherweise Menschenhänden verdankt. Vielleicht war dennoch irgendein Samojede hier gewesen und hatte Moos für seine Renthiere gesammelt; jedenfalls mußte es vor langer Zeit gewesen sein, denn das Moos war ganz schwarz und verfault. Aber es konnte wol auch ein Spiel der Natur sein; sie ist oft sehr launisch.

Wie doch Licht und Schatten in diesem arktischen Lande wechseln! Als ich am nächsten Morgen (9. September) in die Tonne kam, sah ich, daß das Eis vom Lande aus gegen Norden locker geworden war, und ich vermochte eine Rinne zu verfolgen, die uns in offenes Wasser nach Norden führen konnte. Ich gab sofort Ordre, die Maschine anzuheizen. Das Barometer war zwar unstreitig niedrig, ja so niedrig, wie wir es bisher auf der Fahrt noch nicht gesehen hatten; es war bis auf 733 Millimeter gefallen. Der Wind kam in steifen Böen vom Lande her und jagte in heftigen Stößen über die Ebene, Wolken von Sand und Staub aufwirbelnd. Sverdrup meinte, es sei am sichersten, liegen zu bleiben, wo wir seien; aber es war zu ärgerlich, diese prächtige Gelegenheit nicht ausnutzen zu können. Die Sonne schien so schön, und der Himmel sah so lächelnd und vertrauenerweckend aus. Ich ließ die Segel setzen, und bald ging es durchs Eis nach Norden unter Dampf und allen Segeln. Jetzt mußte Kap Tscheljuskin überwunden werden.

Nie hatte die »Fram« eine solche Fahrt gemacht; wir fanden, daß die Geschwindigkeit über 8 Seemeilen in der Stunde betrug. Es war, als verstände das Schiff, was es jetzt galt. Nicht lange darauf waren wir durch das Eis hindurch und hatten offenes Wasser am Lande entlang, soweit das Auge reichte. An einer Landzunge nach der andern fuhren wir vorüber; neue Fjorde und Inseln fanden wir unterwegs, und bald glaubte ich, durchs Fernrohr einige Berge weit im Norden erblicken zu können; sie mußten in der Nähe des Kap Tscheljuskin sein.

Das Land, an dem wir hinsegelten, war ganz niedrig; zum Theil ähnelte es jenem, das ich am Tage zuvor betreten hatte. Hinter der flachen Küste sah man in der Ferne höhere Berge oder Bergketten. Einige von ihnen schienen aus horizontal liegendem sedimentärem Schiefer zu bestehen. Die Berge landeinwärts waren alle mit Schnee bedeckt. An einer Stelle sah es aus, als ob die ganze Bergkette von ausgedehnten Eis- oder Schneefeldern bedeckt sei; am Rande dieser Fläche traten Bergspitzen hervor, aber auf der Innenseite war die Fläche fleckenlos weiß. Daß es Neuschnee sein sollte, dazu erschien diese Fläche gar zu zusammenhängend und gleichmäßig; sie glich mehr einem wirklichen Gletscher.

Wenn Nordenskiöld's Karte an dieser Stelle landeinwärts »hohe Bergketten« angibt, so stimmt dies also gut mit unsern Beobachtungen, obschon ich diese Berge nicht als besonders hoch taxiren möchte. Wenn dagegen an derselben Stelle, in Übereinstimmung mit frühern Karten, die Rede ist von einer »hohen Klippenküste«, so ist dies eine weniger zutreffende Bezeichnung.

Die Küste ist sehr niedrig und besteht wenigstens zum großen Theile aus Lehm oder lockern Erdschichten. Entweder hat Nordenskiöld die Angabe aus ältern unzuverlässigen Quellen geschöpft, oder er hat sich vielleicht durch den beständigen Nebel, den er in diesen Gewässern hatte, irreleiten lassen.

Am Abend näherten wir uns der Nordspitze des Landes; aber der Strom, der uns im Laufe des Tages getragen, war nun gegen uns, und es schien, als ob wir nie an der Insel, die am Strande nördlich von uns lag, vorbeikommen sollten. Landeinwärts war die Berghöhe, die ich bereits am Tage erblickt hatte. Sie war oben abgeflacht, während die Seiten, wie früher erwähnt, steil abstürzten. Das Gestein sah aus wie Sandstein oder Basalt, es waren aber wagerechte Schichten und Absätze an den Seiten nicht sichtbar. Ich schätzte die Höhe auf 400 bis 500 Meter. Draußen im Meere waren mehrere neue Inseln zu erblicken, von denen die nächste ziemlich groß war.

Endlich, endlich näherte sich der Augenblick, daß wir den Punkt passiren sollten, der uns so lange im Kopfe gespukt hatte – die zweite der Schwierigkeiten, vor denen ich mich auf dieser Fahrt gefürchtet hatte.

Ich saß abends oben in der Tonne und schaute nach Norden. Das Land war flach und öde. Draußen im Meere war die Sonne längst untergegangen, der Abendhimmel erglühte in träumerischem, goldigem Schimmer. Es war so einsam und still hoch oben über dem Wasser. Nur ein einziger Stern war zu sehen; er stand gerade über Kap Tscheljuskin und glänzte hell und wehmüthig vom bleichen Himmel hernieder. Je weiter wir vorwärts gingen und die Landzunge mehr östlich vor uns lag, folgte er uns; beständig stand er über uns. Ich mußte ihn betrachten. Er zog mich gar eigenartig an und schenkte mir Frieden. War es mein Stern, war es das Auge der Heimat, das uns folgte und mir jetzt zulächelte? – – Gar viele Gedanken rief er hervor, während die »Fram« in der düstern, wehmüthigen Nacht sich am nördlichsten Punkte der Alten Welt vorbeiarbeitete.

siehe Bildunterschrift

Kap Tscheljuskin, der nördlichste Punkt der Alten Welt. (Eivind Astrup-Gebirge.)

Gegen Morgen waren wir bis an den Punkt gekommen, den wir für die nördlichste Landzunge selbst hielten. Wir steuerten auf das Lanud zu, und gerade beim Ablösen der Wache, Schlag 4 Uhr, wurden die Flaggen gehißt, und unsere letzten drei Kartuschen sandten einen donnernden Salut übers Meer. Im selben Augenblick kam die Sonne zum Vorschein. Da brach unser poetischer Doktor in folgenden stimmungsvollen Vers aus:

Flagene heises, salutten gâr,
solen rinder, og klokken slå.

Die Glocke schlägt, es dröhnt der Salut,
Die Flaggen gehißt – am Ende wird's gut!

Als die Sonne aufging, löste sich der Tscheljuskin-Zauber, der unsern Sinn so lange gefangen gehalten hatte. Nun lag der Weg offen vor uns bis zu unserm Ziel, dem Treibeise nördlich von den Neusibirischen Inseln. Alle Mann wurden aus dem Schlafe geweckt, eine Fruchtbowle sowie Cigarren wurden im Salon, der festlich erleuchtet war, servirt. Bei einer solchen Veranlassung geziemte sich selbstverständlich ein außergewöhnlich schwungvoller Toast. Ich ergriff das Glas, und meine Rede lautete: »Ja, Prosit Kinder, und Glück-auf Tscheljuskin!« Dann wurde auf dem Harmonium gespielt, während ich mich aufs neue in die Tonne begab, um einen letzten Blick auf das Land zu werfen. Die Berghöhe, die ich am Abend gesehen hatte, lag, wie sich jetzt erwies, auf der westlichen Seite der Halbinsel. Weiter nach Osten erstreckte sich ein zweiter niedrigerer und mehr abgerundeter Bergrücken südwärts. Es mußte derjenige sein, den Nordenskiöld erwähnt; jenseits desselben mußte nach der Beschreibung die Nordspitze selbst liegen; und jetzt befanden wir uns gerade vor der König Oskar-Bai. Aber ich suchte vergebens durchs Fernrohr nach dem von Nordenskiöld errichteten »Steinwahrzeichen«. Ich hatte große Lust, an Land zu gehen, jedoch mir schien, wir hätten keine Zeit. Die Bai, die während des Besuchs der »Vega« eisfrei war, war jetzt ganz von festem Wintereis geschlossen.

Das Fahrwasser lag weiter vorwärts offen; draußen im Meere konnten wir die Kante des Treibeises sehen. Etwas weiter westlich passirten wir ein paar kleine Inseln, die eine kleine Strecke von der Küste entfernt lagen; wir nannten sie nach dem Begleiter Greely's Lockwood-Inseln (s. S. 8). An der nordwestlichen Ecke von Tscheljuskin mußten wir vormittags anhalten, des Treibeises wegen, das bis zum Lande vor uns zu reichen schien.

Der dunkeln Luft nach zu urtheilen, schien sich wieder offeneres Fahrwasser jenseits einer Insel, die wir vor uns hatten, zu befinden.

siehe Bildunterschrift

Auf der Ostseite von Kap Tscheljuskin (10. September 1893).

Nachdem wir an Land gewesen waren und uns davon überzeugt hatten, daß ein Sund oder Fjorde, die sich weiter im Süden in diese Insel erstreckten, ganz von festem Eis geschlossen waren, brachen wir uns am Abend auf der Außenseite der Insel einen Weg. Dann gingen wir während der Nacht unter Dampf und Segel südwärts. Es ging mit reißender Schnelligkeit, und mehrmals erzielten wir unter den steifen Böen eine Fahrt von 9 Seemeilen. Hin und wieder trafen wir etwas Eis, aber wir kamen mit Leichtigkeit durch.

Am 11. September bekamen wir gegen Morgen hohes Land voraus und mußten den Kurs in rechtweisend östliche Richtung verändern, die wir den ganzen Tag beibehielten. Als ich vormittags auf Deck kam, sah ich ein herrliches Bergland in unserer Nähe, mit hohen Gipfeln und Thälern dazwischen.

Es war auf der ganzen Reise seit Vardö zum ersten male, und nach dem einförmigen Flachland, an dem wir nun Monate hindurch entlang gefahren waren, war es erfrischend, wieder Berge zu sehen. Sie endeten im Osten mit einem steilen Absturz; östlich davon erstreckte sich eine vollständig flache Ebene. Im Laufe des Tages verloren wir das Land ganz aus den Augen und wir sahen es sonderbarerweise auch nicht wieder; auch nicht die Paulus- und Petrus-Inseln, obschon unser Kurs den Karten nach gerade über dieselben führte.

Dienstag, 12. September. Heute Morgen gegen 6 Uhr wurde ich von Hendriksen mit der Nachricht geweckt, daß mehrere Walrosse auf einer Scholle dicht bei uns lägen. – »O, Tod und Teufel!« Ich sprang auf und war im Nu in den Kleidern.

Es war ein schöner Morgen mit prächtigem, stillem Wetter; man konnte über die klare Eisfläche herüber das Schnauben der Walrosse hören. Die Thiere lagen beisammen auf einer Scholle landeinwärts von uns; hinter ihnen erglänzten blaue Berge in der Sonne. Endlich waren die Harpunen geschliffen, Büchsen und Patronen bereit, und Hendriksen, Juell und ich zogen aus. Es schien ein schwacher Wind aus Süden zu wehen, und wir ruderten nördlich um die Thiere herum, um ihnen aus dem Wind zu kommen. Ab und zu hob das Thier, das auf Wache stand, den Kopf, sah uns aber schwerlich, und wir glitten weiter. Bald waren wir so nahe, daß wir vorsichtig rudern mußten. Juell führte die Ruder, während Hendriksen sich vorn mit der Harpune bereit hielt und ich hinter ihm mit der Büchse.

Sobald das Wachtthier den Kopf hob, wurden die Ruder angehalten, und wir blieben unbeweglich; dann sank der Kopf wieder, und neue Ruderschläge brachten uns vorwärts.

Die Thiere lagen dicht gedrängt auf einer kleinen Scholle, alte und junge durcheinander. Es waren schwere Fleischkolosse.

Ab und zu fächelte sich eine der Damen mit dem Schweife hin und her über die Fleischmasse; dann lag sie wieder still auf dem Rücken oder auf der Seite. »O, das gibt viel Fleisch«, sagte Juell, unser Koch. Immer vorsichtiger glitten wir näher. Während ich mit der Büchse bereit saß, faßte Hendriksen mit festem Griff den Schaft der Harpune. Im selben Augenblick, da das Boot gegen die Scholle stieß, erhob er sich, und die Harpune sauste durch die Luft, traf aber zu hoch, prallte an der zähen Haut ab und tanzte über die Rücken der Thiere.

Jetzt kam Leben in die Gesellschaft. Zehn bis zwölf ungeheuere häßliche Köpfe erhoben sich mit einem male gegen uns, die Fleischberge drehten sich mit unbegreiflicher Schnelligkeit herum und kamen watschelnd mit erhobenen Köpfen unter hohlem Bellen nach dem Rande der Eisscholle, wo wir lagen. Es war ein imposanter Anblick.

Ich warf die Büchse an die Wange und brannte auf einen der größten Köpfe los. Es gab einen Ruck, das Thier taumelte und fiel vornüber ins Wasser. Dann einem zweiten Thier eine Kugel durch den Kopf; es brach ebenfalls zusammen, wälzte sich aber nur mit Mühe und Noth in das Wasser. Dann warf die ganze Gesellschaft sich ins Wasser, sodaß es ringsum hoch aufspritzte. Alles war im Laufe einiger Sekunden geschehen.

Aber bald kamen sie wieder zum Vorschein, ums Boot herum, ein Kopf immer größer und häßlicher als der andere, die Jungen dicht daneben. Sie standen aufrecht im Wasser, bellten und lärmten, daß die Luft bebte, warfen sich nach vorn auf uns zu, auf die Seite und wieder in die Höhe, und neues Bellen erfüllte die Luft. Sie wälzten sich herum und verschwanden mit gewaltigem Rauschen, dann kamen sie wieder an die Oberfläche. Es kochte und schäumte das Wasser weit hinaus; es war, als wenn die bisher so schweigsame Eiswelt mit einem Schlage in kochende Raserei versetzt worden sei. Jeden Augenblick mußte man erwarten, einen Walroßzahn oder auch zwei durchs Boot zu bekommen oder gehoben und durch die Luft geschleudert zu werden; das war wol das Mindeste, was nach solchem Spektakel geschehen mußte. Allein der Tumult dauerte fort, und das Erwartete geschah nicht.

Wiederum suchte ich mir meine Opfer aus. Sie fuhren fort, wie die übrigen zu bellen und zu grunzen, aber das Blut strömte ihnen dabei aus Mund und Nase. Noch eine Kugel, und wieder stürzte ein Thier und schwamm auf dem Wasser; dann eine Kugel nach dem zweiten, welches auch nicht untersank. Hendriksen stand mit den Harpunen bereit und brachte beide Thiere in Sicherheit. Ich schoß noch ein drittes Thier, doch hatten wir keine Harpune mehr und mußten daher einen Robbenhaken einschlagen, um es über Wasser zu halten. Der Haken glitt aber ab, und das Thier sank, ehe wir es bergen konnten. Während wir unsere Beute nach einer Eisscholle schleppten, waren wir eine Zeit lang noch von Walrossen umgeben. Es hatte aber keinen Zweck, noch mehr zu schießen, denn wir besaßen keine Mittel, um die Thiere fortzuschaffen.

Gleich darauf kam die »Fram« herbei und nahm die von uns erlegten zwei Thiere an Bord. Dann setzten wir die Fahrt längs der Küste fort. In dieser Gegend sahen wir viele Walrosse. Nachmittags schossen wir noch zwei und hätten noch viel mehr erlegen können, wenn wir Ueberfluß an Zeit gehabt hätten. Gerade in derselben Gegend hat auch Nordenskiöld einige kleine Heerden Walrosse angetroffen.

Wir setzten die Fahrt gegen eine starke Strömung südwärts längs der Küste fort, an der Mündung der Chatanga vorbei.

Dieser östliche Theil der Taimyr-Halbinsel ist eine verhältnißmäßig hohe, gebirgige Gegend, aber mit einem niedrigen ebenen Streifen zwischen den Bergen und der See. Es ist anscheinend dieselbe Art niedrigen Landes, wie wir sie fast auf dem ganzen Wege an der Küste entlang gesehen hatten. Da die See ziemlich offen und eisfrei zu sein schien, versuchten wir mehrfach, unsern Weg abzukürzen, indem wir die Küste verließen und quer hinüber auf die Mündung des Olenek zu steuerten. Jedesmal wurden wir aber durch dichtes Eis nach unserer Rinne am Lande zurückgetrieben.

siehe Bildunterschrift

Erlegte Walrosse nördlich der Chatanga-Mündung.

Am 14. September befanden wir uns unweit der Küste zwischen dem Chatanga- und dem Anabara-Fluß, ebenfalls ein ziemlich hohes, gebirgiges Land mit einem niedrigen Uferstreifen.

»In dieser Beziehung«, schrieb ich im Tagebuch, »erinnert die ganze Küste sehr stark an Jäderen in Norwegen. Jedoch sind die Berge hier nicht so sehr voneinander gesondert, auch sind sie erheblich niedriger als die weiter nordwärts beobachteten. Die See ist unangenehm seicht; einmal in der Nacht hatten wir nur 7 Meter und waren gezwungen, eine Strecke zurückzufahren. Draußen haben wir Eis ganz in der Nähe, doch ist eine genügende Rinne vorhanden, sodaß wir ostwärts vordringen können.«

Am nächsten Tage (15. September) kamen wir in gutes, offenes, aber seichtes Wasser von nie mehr als 12-13 Meter Tiefe. Wir hörten im Osten das Getöse der Wogen; es mußte also in dieser Richtung offenes Wasser sein, wie wir es auch erwartet hatten. Offenbar begann der Lena-Strom mit seiner mächtigen Masse warmen Wassers seinen Einfluß auszuüben. Die See war hier bräunlicher und wies Anzeichen einer Vermischung mit schlammigem Flußwasser auf; auch war der Salzgehalt viel geringer.

»Es würde thöricht sein«, bemerkte ich an diesem Tage im Tagebuch, »jetzt noch, da es schon so spät ist, in den Olenek einzufahren. Selbst wenn die Untiefen keine Gefahr böten, würde es uns zu viel Zeit kosten – wahrscheinlich ein ganzes Jahr. Außerdem ist es keineswegs sicher, daß die ›Fram‹ dort überhaupt passiren kann; es würde eine sehr ermüdende Arbeit geben, wenn sie in diesen Gewässern auf Grund geriethe. Ohne Zweifel würden wir sehr viel besser daran sein, wenn wir noch einige Hunde mehr hätten; doch ein ganzes Jahr verlieren ist zu viel. Wir wollen daher lieber ostwärts direct nach den Neusibirischen Inseln steuern, da sich uns jetzt eine gute Gelegenheit bietet und die Aussichten wirklich glänzend sind.

»Das Eis gibt mir hier ziemlich viel zu rathen auf. Wie in aller Welt geht es zu, daß es nicht durch die Strömung nordwärts getrieben wird, die nach meinen Berechnungen von dieser Küste nach Norden gehen müßte, was wir thatsächlich auch selbst gespürt haben? Auch ist das Eis so hart und dick und sieht aus, als ob es mehrere Jahre alt sei. Kommt es von Osten her, oder treibt es sich hier rundherum in der See zwischen der nördlich gehenden Strömung der Lena und der Taimyr-Halbinsel? Ich kann es noch nicht sagen, aber, sei dem wie ihm wolle, jedenfalls unterscheidet sich dieses Eis von dem dünnen einjährigen Eise, das wir bisjetzt im Karischen Meere und westlich von Kap Tscheljuskin gesehen haben.«

siehe Bildunterschrift

Walroßjagd an der Ostküste der Taimyr-Halbinsel.

Sonnabend, 16. September. Wir halten nach dem Kompaß einen nordwestlichen Kurs ein durch offenes Wasser und sind ziemlich weit nach Norden gekommen, sehen aber kein Eis; auch ist der Himmel nach Norden hin dunkel. Das Wetter ist mild und die Temperatur verhältnißmäßig warm, fast +2° C. Wir haben die Strömung gegen uns und befinden uns stets beträchtlich westlich von dem Punkte, an dem wir nach unsern Berechnungen sein sollten.

Im Laufe des Tages sahen wir mehrere Schwärme von Eidergänsen. Nördlich von uns müssen wir Land haben; ob es wol dasjenige sein kann, welches das Eis zurückhält?

Am nächsten Tage (17. September) trafen wir Eis an und mußten etwas südlich halten, um davon frei zu kommen. Ich begann schon zu fürchten, daß wir nicht im Stande sein würden, so weit zu gelangen, wie ich gehofft hatte. Aber in meinen Aufzeichnungen für den folgenden Tag (18. September) lese ich:

»Ein herrlicher Tag. Richteten den Kurs nordwärts, westlich von der Bjelkoff-Insel. Offene See, schöner Wind aus Westen, guter Fortgang; Wetter klar. Nachmittags etwas Sonnenschein.

» Nun kommt der entscheidende Augenblick. Um 12 Uhr 15 Minuten nehmen wir den Kurs mißweisend Nord zu Ost. Jetzt muß sich zeigen, ob meine Theorie, auf der die ganze Expedition beruht, richtig ist: ob wir etwas nördlich von hier eine nach Norden gerichtete Strömung finden.

»Bisjetzt ist alles besser gegangen, als ich erwartet hatte. Wir befinden uns auf 75° 30' nördlicher Breite und haben im Norden und Westen noch offenes Wasser und dunkeln Himmel. Abends war voraus und über dem Steuerbordbug am Himmel der Widerschein von Eis wahrzunehmen. Gegen 7 Uhr glaubte ich Eis sehen zu können, das jedoch in so regelmäßigen Linien aufstieg, daß es mehr Aehnlichkeit mit Land hatte; es war aber zu dunkel, um genau zu unterscheiden. Es schien, als ob es die Bjelkoff-Insel sein könne, und ein großer heller Fleck weiter nach Osten hätte sogar der Widerschein der schneebedeckten Kotelnyj-Insel sein können.

»Gern wäre ich hier angelaufen, theils um etwas von dieser interessanten Insel zu sehen, theils um die Proviantvorräthe zu untersuchen, welche, wie wir wußten, von dem freundlich für uns besorgten Baron von Toll dort für uns deponirt waren. Aber die Zeit war kostbar und nach Norden hin schien die See offen vor uns zu liegen. Die Aussichten waren glänzend, und wir segelten stetig nach Norden, neugierig, was der morgige Tag uns bringen werde, Enttäuschung oder Hoffnung. Wenn alles gut ging, würden wir Sannikoff Land erreichen, ein bisjetzt noch unbetretenes Gebiet.

»Es war ein seltsames Gefühl, so in dunkler Nacht nach unbekannten Ländern zu fahren, über ein offenes wogendes Meer, das noch kein Schiff, kein Boot getragen hatte. Wir hätten uns Hunderte von Meilen entfernt in südlichern Gewässern glauben können, so mild war in dieser Breite für den September die Luft.«

Dienstag, 19. September. Noch nie habe ich eine so herrliche Segelfahrt gemacht. Immer weiter nach Norden geht es, stetig nach Norden mit gutem Winde, so schnell nur Dampf und Segel uns führen können, und auf offener See, Meile auf Meile, Wache um Wache durch diese unbekannten Regionen; fast könnte man sagen, es wird freier und immer freier von Eis! Wie lange wird dies dauern? Immer wendet sich das Auge nach Norden, wenn man auf der Brücke auf und ab schreitet; es blickt in die Zukunft. Aber voraus ist immer derselbe dunkle Himmel, der offenes Wasser anzeigt.

Mein Plan bestand die Probe. Das Glück schien uns seit dem 6. September stets zur Seite zu sein. Wir sahen »nichts als reines Wasser«, wie Hendriksen mir aus der Tonne antwortete, als ich ihn anrief. Als er später im Laufe des Morgens am Ruder stand und ich mich auf der Brücke befand, sagte er plötzlich:

»Zu Haus in Norwegen glauben sie jetzt kaum, daß wir in freiem Wasser gerade auf den Pol lossegeln!«

Und ich würde es selbst nicht geglaubt haben, wenn jemand mir das noch vor vierzehn Tagen gesagt hätte; wahr ist es aber. Alle meine Erwägungen über diese Frage und alle meine Folgerungen hatten mich dazu geführt, noch eine gute Strecke weiter nach Norden hin offenes Wasser zu erwarten; allein nur selten erweisen sich die Eingebungen der Menschen als so richtig. Nach keiner Richtung hin steht der Widerschein von Eis am Himmel, nicht einmal jetzt am Abend!

Wir sahen den Tag über kein Land, aber wir hatten den ganzen Vormittag Nebel und dickes Wetter, sodaß wir noch immer mit halber Kraft fuhren, weil wir befürchteten, irgendwo aufzustoßen. Wir befanden uns jetzt beinahe auf 77° nördlicher Breite. Wie lange wird das so weiter gehen? Ich habe gesagt, ich würde mich freuen, wenn wir 78° erreichten; allein Sverdrup ist weniger leicht befriedigt, er sagt: über 80°, vielleicht 84° oder 85°.

Er spricht sogar ernsthaft von dem offenen Polarmeer, von dem er einmal gelesen hat, und kommt immer wieder darauf zurück, obwol ich ihn auslache.

Fast muß ich mich fragen, ob ich nicht träume. Man muß gegen den Strom gekämpft haben, um zu wissen, was es bedeutet, mit dem Strom zu fahren. Wie auf der Grönland-Expedition, ist es auch hier.

Dort ward der Traum zur Wirklichkeit,
Hier wird die Wirklichkeit zum Traum.

Kaum ist hier irgendetwas Lebendes zu sehen. Heute bemerkte ich in der Ferne einen Alk oder eine schwarze Lumme und später eine Seemöve. Als ich abends einen Eimer Wasser aufzog, um das Deck abzuspülen, bemerkte ich, daß das Wasser stark phosphorescirte. Man könnte sich fast einbilden, im Süden zu sein. –

Mittwoch, 20. September. Rauh wurde ich aus meinem Traume erweckt! Als ich 11 Uhr vormittags in die Karte blickte und daran dachte, daß mein Kelch wol bald voll sein würde – wir hatten fast 78° erreicht – luvte das Schiff plötzlich an, und ich stürzte hinaus. Vor uns lag die Kante des Eises, lang und compact, und schimmerte durch den Nebel. Ich hatte starke Neigung, ostwärts zu gehen, auf die Möglichkeit hin, daß in jener Richtung Land sein könnte: allein es sah aus, als ob sich dort das Eis weiter nach Süden erstreckte. Es war wahrscheinlich, daß wir eine höhere Breite erreichen konnten, wenn wir westlich hielten; wir steuerten daher in dieser Richtung. Da kam die Sonne einen Moment durch, und wir nahmen eine Beobachtung, welche ergab, daß wir uns auf etwa 77° 44' nördlicher Breite befanden.

Wir steuerten jetzt nordwestlich dem Rande des Eises entlang, und es schien mir, als ob in nicht allzugroßer Entfernung Land sein könnte, da wir eine bemerkenswerthe Zahl von Vögeln verschiedener Art beobachteten. Ein Zug Schnepfen oder Stelzvögel begegnete uns, folgte uns eine Zeit lang und setzte dann den Flug südwärts fort. Wahrscheinlich befanden sie sich auf der Reise von einem nördlich von uns liegenden Lande, aber da der Nebel hartnäckig über dem Eise lagerte, konnten wir nichts sehen. Später bemerkten wir wieder Scharen von kleinen Schnepfen, welche wieder die Möglichkeit der Nähe von Land andeuteten. Am nächsten Tage war das Wetter klarer, doch immer noch kein Land in Sicht. Wir befanden uns jetzt eine gute Strecke nördlich von der Stelle, wohin Baron von Toll auf der Karte die Südküste von Sannikoff-Land verlegt hat, aber auf ungefähr derselben Länge. Wahrscheinlich ist jenes Land also nur eine kleine Insel, und jedenfalls kann es sich nicht weit nach Norden ausdehnen.

Am 21. September hatten wir dichten Nebel. Als wir nordwärts bis zum obern Ende einer Bai im Eise gesegelt waren und nicht weiter konnten, beschloß ich daher, hier klares Wetter abzuwarten, um zu sehen, ob ein weiteres Vordringen nach Norden möglich sei. Nach meiner Berechnung waren wir jetzt auf etwa 78° 30' nördlicher Breite. Im Laufe des Tages versuchten wir mehrere male zu lothen, vermochten aber mit 400 Meter Leine den Grund nicht zu erreichen!

Heute mache ich die angenehme Entdeckung, daß Wanzen an Bord sind. Wir müssen einen Feldzug gegen sie unternehmen.

Freitag, 22. September. Wieder heller Sonnenschein und glänzend weißes Eis voraus. Zuerst lagen wir im Nebel still, weil wir nicht sehen konnten, welchen Weg wir nehmen sollten; jetzt ist das Wetter klar, aber wir sind nicht klüger geworden. Es sieht aus, als ob wir uns an der nördlichen Grenze des offenen Wassers befänden. Nach Westen scheint das Eis sich wieder südwärts auszudehnen. Nach Norden ist es compact und weiß und zeigt nur hier und dort eine kleine offene Rinne oder einen Teich, und der Himmel ist überall am Horizont von bläulichweißer Farbe.

Wir sind von Osten her gekommen, haben dort aber nur wenig sehen können; in Ermangelung einer bessern Beschäftigung werden wir einen kurzen Ausflug nach jener Richtung machen, auf die Möglichkeit hin, Oeffnungen im Eise zu finden. Wenn wir nur Zeit hätten, würde ich gern ostwärts bis nach der Sannikoff-Insel gehen, oder noch lieber den ganzen Weg nach Bennett-Land zurücklegen, um zu sehen, wie die Verhältnisse dort sind. Dazu ist es aber jetzt zu spät. Das Meer wird bald zufrieren, und wir würden die große Gefahr laufen, an einer unvortheilhaften Stelle einzufrieren.

Frühere arktische Forscher haben es für nothwendig erachtet, sich in der Nähe einer Küste zu halten. Das ist aber gerade, was ich vermeiden wollte. Ich beabsichtigte vielmehr, in die Drift des Eises zu gelangen, und was ich am meisten fürchtete, war, vom Lande blockirt zu werden. Mir schien es, als ob wir im letztern Fall weit schlechter fahren könnten, als wenn wir uns da, wo wir waren, dem Eise überließen, namentlich, da unser Ausflug nach Osten den Beweis geliefert hatte, daß wir bald wieder südwärts gedrängt werden würden, wenn wir der Eiskante in jener Richtung folgten. Wir machten daher einstweilen das Schiff an einem großen Eisblock fest und bereiteten uns vor, den Kessel zu reinigen und Kohlen zu trimmen.

Wir liegen in offenem Wasser mit nur wenigen großen Schollen hier und dort, aber ich habe das Vorgefühl, als ob dies unser Winterhafen sein wird.

Heute großer Wanzenkrieg. Wir richten den dicken Dampfschlauch auf Matratzen, Sophakissen und alles, was unserer Meinung nach die Feinde beherbergen könnte. Alle Kleidungsstücke werden in ein Faß gethan, das mit Ausnahme der Stelle, wo der Schlauch hineingeleitet ist, hermetisch verschlossen wird. Dann wird Volldampf angesetzt. Im Innern zischt und pfeift es, ein wenig Dampf dringt durch die Fugen, und unserer Meinung nach muß es recht hübsch heiß für die Thiere sein. Aber plötzlich kracht das Faß, der Dampf entweicht, der Deckel fliegt mit einer heftigen Explosion ab und wird weithin über das Deck geschleudert. Noch hoffe ich, daß ein großes Abschlachten stattgefunden hat, – allein es sind schreckliche Feinde.

Juell versuchte das alte Experiment und setzte eins der Thiere auf ein Stück Holz, um zu sehen, ob es nordwärts kriechen werde. Als es sich überhaupt nicht bewegen wollte, nahm er einen Walfischspeckhaken und schlug es, damit es weitergehen sollte; allein es that nichts, als den Kopf hin und her bewegen, und um so stärker, je mehr er schlug. »Zerquetsch' sie doch!« sagte Bentsen, und es geschah ihr so.

siehe Bildunterschrift

Theodor Jacobson, Steuermann der »Fram«.

Sonnabend, 23. September. Wir liegen noch an derselben Stelle vertäut und arbeiten an den Kohlen. Ein unangenehmer Gegensatz – alles an Bord, einschließlich Menschen und Hunde, schwarz und schmutzig und rund herum alles weiß und in schönem Sonnenschein erglänzend. Es scheint, als ob mehr Eis hereintreibe.

Sonntag, 24. September. Noch immer beim Kohlentrimmen. Morgens Nebel, der im Laufe des Tages aufklart. Wir entdecken dabei, daß wir auf allen Seiten von ziemlich dickem Eise dicht umgeben sind.

Zwischen den Schollen liegt Schlammeis, das bald ganz fest sein wird. Nordwärts ist ein offener Teich, der aber nicht groß ist. Von der Tonne aus können wir mit dem Fernrohr noch das Meer jenseits des Eises im Süden erkennen. Es scheint, als ob wir im Begriffe sind, eingeschlossen zu werden; nun, wir müssen selbst das Eis willkommen heißen.

Eine todte Gegend hier; nirgends ein Anzeichen von Leben, außer einer einzigen Robbe ( Phoca foetida) im Wasser; auf der Scholle neben uns sieht man eine einige Tage alte Fährte von einem Eisbären. Wieder versuchen wir zu lothen, können aber keinen Grund bekommen; merkwürdig, daß sich hier eine solche Tiefe findet.

Pfui! Man kann, sich kaum eine schmutzigere Arbeit denken, als an Bord eine Zeit lang Kohlen trimmen. Schade, daß ein so nützlicher Gegenstand, wie die Steinkohle, so schwarz sein muß! Wir thun weiter nichts, als die Kohlen aus dem Raume hissen und die Bunker damit auffüllen, allein jeder Mann an Bord muß dabei helfen, und alles ist voll Schmutz.

Die einen stehen auf dem Kohlenhaufen im Raume und füllen die Eimer, und die andern hissen sie auf. Jacobsen eignet sich für die letztere Arbeit besonders gut; mit seinen kräftigen Armen zieht er Eimer auf Eimer herauf, als ob es Zündholzschachteln wären. Die übrigen gehen mit den Eimern zwischen der großen Luke und dem Halbdeck hin und her und schütten die Kohlen in die Bunker, und unten steht Amundsen, so schwarz wie möglich, und verstaut sie. Selbstverständlich fliegt der Kohlenstaub über das ganze Deck; die Hunde verkriechen sich, schwarz und zerzaust, in die Ecken, und wir selbst – nun wir tragen an solchen Tagen auch nicht unsere besten Kleider.

Einiges Vergnügen bereitete uns das merkwürdige Aussehen unserer Gesichter mit der dunkeln Farbe, den schwarzen Streifen an den unwahrscheinlichsten Orten und den durch den Schmutz hindurch glänzenden Augen und weißen Zähnen. Wer mit seiner Hand zufällig die weißen Wände in der Kajüte berührt, hinterläßt einen schwarzen fünffingerigen Fleck; die Thüren haben Ueberfluß an solchen Erinnerungszeichen. Die Sitzkissen auf den Sophas werden mit der untern Seite nach oben gedreht, weil sie sonst dauernde Spuren eines andern Körpertheils tragen würden, und das Tischtuch – nun, glücklicherweise besitzen wir ein solches Ding nicht.

siehe Bildunterschrift

Das Eis, in welches die »Fram« einfror (25. September 1893).

Kurz, das Kohlentrimmen ist die schmutzigste, jämmerlichste Hantirung, die man sich in dieser hellen und reinen Umgebung nur denken kann. Ein Gutes ist dabei, daß man reichlich frisches Wasser hat, um sich zu waschen; man findet es in jeder Aushöhlung auf den Schollen, sodaß wir einige Hoffnung haben, mit der Zeit doch wieder sauber zu werden; auch ist es möglich, daß dies unser letztes Kohlentrimmen ist.

Montag, 25. September. Fester und immer fester eingefroren! Prächtiges stilles Wetter; in der letzten Nacht 25° C Kälte. Jetzt kommt der Winter. Hatten Besuch von einem Bären, der sich aber davon machte, ehe irgendjemand zu Schuß kam.

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